ihm nicht ein , seine Person hervorzuheben . Wenn es einer besonderen Betonung der Person bedurfte , so ließ er diesen Ton vielmehr nicht auf sich sondern auf Tifl fallen . Freilich gelang es ihm nicht , in ruhigem Zusammenhange zu sprechen . Zwar ich hörte ihm zu , ohne ihn zu stören , aber seine Mutter unterbrach ihn mit ungezählten Fragen und Bemerkungen . Ihr Liebling hatte ja etwas sehr Wichtiges erlebt , etwas , was Hadschi Halef Omar , wenn er jetzt bei uns gewesen wäre , ganz unvermeidlich eine » Heldenthat « genannt hätte , und diese That mußte natürlich in mütterlichem Stolze von allen Seiten auf das Sorgfältigste beleuchtet werden . Als er geendet hatte , sah sie mich an und fragte : » Du hast gehört , oh Sihdi , was er , die Wonne meiner Augen , uns erzählte . Nun sag , was du an seinem Verhalten auszusetzen hast ! « » Nichts , « antwortete ich . » Wirklich nichts ? « » Nein . « » Glaubst du , daß sein Vater , mein guter Hadschi Halef Omar , derselben Meinung sein würde ? « » Ja . « » Ich danke dir ! Denn das ist eine Anerkennung , welche gar nicht größer sein könnte ! Bedenke doch , wie jung er ist . Ihr beide aber seid erfahrene Männer . Wenn er so gehandelt hat , wie ihr selbst gehandelt hättet , und du sagst ihm das , so ist das ein Lob , zu dem ich nichts hinzuzufügen habe . Für die Sorge aber , welche die Mutter um ihn hegt , ist er doch wohl etwas zu verwegen gewesen . Man soll Mut und Tapferkeit besitzen ; aber man braucht sich doch nicht so mit aller Gewalt der Gefahr auszusetzen . « » Hat er das gethan ? « » Ja . « » Inwiefern ? « » In sofern , als er so offen gesagt hat , daß er der Gast der Dschamikun sei . Es wäre besser gewesen , wenn er das verschwiegen hätte . Dann hätten sie ihn nicht als ihren Gefangenen betrachten dürfen . « » Es ist in Wirklichkeit ja gar nicht dazu gekommen , daß man ihn als solchen behandelt hat . « » Aber man hätte es sehr leicht thun können ! Man war ja berechtigt , ihn sofort zu töten , und da er keine anderen Waffen als sein Messer besaß , hätte er sich gar nicht dagegen wehren können . « » So schnell geht das nicht ! « » In der Regel nicht . Jedem Blutgerichte pflegt eine Verhandlung vorauszugehen . Aber du weißt ja ebenso gut wie ich , daß es keine Regel giebt , die nicht ihre Ausnahmen hat . Du hast Kara gelobt , und ich stimme in dieses Lob so gern mit ein ; dabei aber habe ich seine allzu große Kühnheit zu tadeln , ohne zu berücksichtigen , ob du dich an diesem Tadel beteiligst oder nicht . Er mußte unbedingt verschweigen , daß er jetzt zu den Dschamikun gehört . « » Das hätte , wie er ja selbst ganz richtig gesagt hat , ihn zu Lügen führen müssen . « » Lügen ! Giebt es nicht Notlügen ? « » Für mich nicht . « » Freilich giebt es die . Man wird durch die Not dazu getrieben , und darum sind sie erlaubt ! « » So sagt man . Aber grad daß es Notlügen gebe , das ist die größte aller Lügen . Ich nenne sie anders . « » Wie ? « » Feigheitslügen ! Es ist gar nicht schwer , sich bei jeder Lüge , die man macht , einen zwingenden Grund zu denken , den man dann als Not bezeichnet . Aber nicht diese größere oder geringere Not ist es , welche zu der Lüge zwingt , sondern die Feigheit , mit welcher man vor ihr die Flucht ergreift , verhindert den furchtsamen Menschen , die Wahrheit offen zu bekennen . Es giebt keine Not , und wäre es sogar der Tod , die so groß wäre , daß die Folgen der Notlüge nicht noch weit über sie hinauswachsen könnten . Das hat unser Kara trotz seiner Jugend eingesehen , und darum ist es zwar sehr tapfer , aber noch vielmehr klug von ihm , daß er sich so fest vorgenommen hat , niemals , und würde er auch noch so sehr zu ihr gedrängt , eine Lüge zu sagen . « » Aber wenn er sich nun durch sie das Leben retten kann ? Sein Leben gehört doch nicht ihm allein , sondern auch mir und seinem Vater und uns allen . Er hat alles , alles zu thun , um es sich und uns zu erhalten ! « » Giebt es irgend eine Lüge , von der er ganz bestimmt voraussagen könnte , daß sie es ihm retten werde ? « » Da fragst du mich zu viel , Effendi . Es ist ja bei jeder Lüge möglich , daß sie sofort erkannt und durchschaut wird . « » Sehr richtig ! Und wird sie durchschaut , so verschlimmert sie nur die Lage . Sie verzehnfacht das Mißtrauen und verstärkt die Gefahr , die man durch sie vermeiden will . Das ist aber noch das Geringste , was ich gegen sie zu sagen habe . Die Lüge , auch die Notlüge , ist eine Mörderin . Sie tötet die Selbstachtung . Und geradezu fürchterlich ist es , daß der Lügner gar nicht bemerkt , daß er diesen Selbstmord fortgesetzt an sich begeht . Grad er setzt gern und stets den höchsten Trumpf auf seine Ehre . In Wirklichkeit aber fühlt er gar wohl , daß sie ihm vollständig fehlt . Das macht ihn ungewiß und mißtrauisch gegen andere . Der Glaube an sie geht ihm verloren . Er verliert das Vertrauen zur Menschheit durch seine eigene Schuld , durch seine eigene Lügenhaftigkeit . Er hat das moralische Band , welches ihn mit Allen vereinigte , freventlich zerrissen und muß an jedem Augenblicke gewärtig sein , als rechtsloser Mensch , als Ausgestoßener behandelt zu werden . « » Wie du das sagst , o Effendi , klingt es schlimm ! « » Jawohl ! Aber auch das ist noch das Schlimmste nicht . Das Allerschlimmste an der Lüge sind die fliegenden Samen . « » Fliegende Samen ? - Wie meinst du das ? « » Es giebt Pflanzen , welche , wenn sie ausgeblüht haben , in ihren Kronen hunderte von kleinen , leichten Hörnchen erzeugen , die alle mit einem weißen , federfeinen Schirmchen versehen sind . Ein jeder Lufthauch , der so ein Schirmchen faßt , nimmt den daran befindlichen Samen mit sich fort , und da , wo er ihn fallen läßt , entsteht eine neue Pflanze . So ein Gewächs kann durch diese Art der Verbreitung in kurzer Zeit für eine ganze Gegend verderblich werden . Das Unkraut verbreitet sich so , daß es nur mit der größten Anstrengung wieder auszurotten ist . « » Und so thut es auch die Lüge ? « » Ja . Sie ist grad dann am gefährlichsten , wenn sie nicht entdeckt wird , wenn der Lügner seinen Zweck erreicht hat , wenn die sogenannte Notlüge die Not scheinbar beseitigt hat . Da gedeiht die Lüge in größter Heimlichkeit . Niemand sieht sie stehen . Niemand vernichtet sie . Nur der Lügner kennt sie . Er pflegt und hegt sie . Er sorgt dafür , daß kein Mensch sie bemerkt . Er sieht darauf und freut sich darüber , daß alle ihre Folgen und alle ihre Samen sich entwickeln . Sind diese Folgen reif , so bleiben sie nicht an Ort und Stelle ; sie werden fortgetragen . Oft nicht weit , oft aber auch in große Ferne . Dort lassen sie sich nieder und beginnen zu wachsen und sich zu vermehren . Die Lüge treibt tausend neue Blüten , die alle , alle wieder Lügen sind , deren Samen dann weitergetragen werden , hierhin und dorthin , in Masse aber besonders auch wieder dorthin zurück , wo die erste stand und so gute Pflege fand . Der Same dieser ersten fiel auch in die Nähe . Er fand den besten Boden . Er wuchs und wuchs und brachte immer neue Pflanzen . Der Lügner hat , nachdem ihm die erste Lüge gelang , nicht wieder nachzusehen . Jetzt kommt er hin und sieht zu seinem Schreck , daß seine Unwahrheit zum Unkraut geworden ist , welches alles Gute überwuchert . Die Nachbarn werden laut , die ferner Wohnenden auch . Man fragt ; man forscht , und man entdeckt die Herkunft dieses Uebels . Da ist es nun um ihn für alle Zeit geschehen . Verstehst du mich , Hanneh ? « » Beinahe , « antwortete sie . » Ja , das Unkraut kann man freilich stehen sehen , die Lüge aber nicht , weil sie keinen Körper hat . Aber ihr Gift verpestet nicht bloß die Gedanken , sondern auch die Worte und Thaten , und diesen ist es deutlich anzumerken , daß sie bei Lug und Trug entstanden sind . Man nennt die Lüge einen häßlichen Schandfleck an dem Menschen ; aber sie ist noch mehr : Sie ist die Mutter aller Uebel , die es giebt . Es giebt wohl keine Missethat , welche nicht durch die Lüge vorbereitet oder wenigstens begleitet wird . Hanneh , meine Freundin , ich sage dir , daß Kara recht gehandelt hat , als er die Wahrheit sagte . Oder glaubst du , daß man einer Lüge geglaubt hätte ? « » Wahrscheinlich nicht . « » Ganz gewiß nicht ! Er kam aus der Gegend der Dschamikun . Wäre er so feig gewesen , sie zu verleugnen , so wäre das Mißtrauen der Perser für ihn schädlicher geworden als die Wahrheit , die er ihnen so offen und ehrlich sagte . Sie nannten ihn dieses Mutes wegen toll . Sie hielten ihn für einen unbedachtsamen , leichtsinnigen Menschen , mit dem sie leichtes Spiel zu haben glaubten . Nur darum unterließen sie jene Vorsichtsmaßregeln , welche sie im andern Falle ganz gewiß getroffen hätten . Der Scheik der Kalhuran hat es vor allen Dingen der Wahrheitsliebe Karas zu verdanken , daß er gerettet worden ist . Eine Notlüge aber hätte diese Rettung höchst wahrscheinlich ganz unmöglich gemacht . Oder meinst du , hieran noch zweifeln zu müssen , wie du vorhin thatest ? « » Nein . Du hast mir ja bewiesen , daß ich Unrecht hatte . O , Sihdi , ich bin keine Lügnerin ; gewiß bin ich das nicht ; aber so häßlich und so schädlich , wie du es jetzt beschrieben hast , habe ich mir die Lüge doch nie gedacht . Ich habe mich stets vor ihr gehütet , denn ich war zu stolz , mich mit ihr abzugeben ; nun aber ist sie für mich ebenso wie für Kara , meinen Sohn , zur Unmöglichkeit geworden . Man töte mich ; aber lügen werde ich nie ! Geschlagen , geprügelt ist der Scheik der Kalhuran worden ! Und dann die lange Flucht ! Der schnelle Ritt ! Die Sorge , angegriffen zu werden ! Die Angst , nicht um sich , aber um sein Weib ! Was muß er ausgestanden haben ! - Hat er geklagt ? « » Nein , « antwortete Kara . » Sein Weib erwähnte einmal seine Schmerzen ; da gebot er ihr aber , zu schweigen . Er hat fürchterlich gelitten . Hier aber brach er endlich zusammen . Die Menschenkraft war zu Ende . Er ist ein Mann ! « » Hier findet er die Pflege , die ihm nötig ist . Aber wird er vor der Rache sicher sein ? « » Ganz gewiß , so lange er sich hier befindet . « » Denkst du , mein Sohn , daß die Soldaten ihm bis hierher folgen werden ? « » Sie kamen hinter uns über den Sand ; dann aber verloren wir sie aus den Augen . Tifl hat sie unten angemeldet . Wenn sie kommen , werden sie niemand überraschen . Aber es ist so still im hohen Hause , was wohl nicht der Fall wäre , wenn man sie hier erwartete . « » Du irrst , Kara , « sagte ich . » Siehst du die beiden Männer , welche da unten die Fackeln an die Pfähle stecken ? Man will den Vorplatz erleuchten . Warum ? Und schau ! Jetzt schafft man unsere Pferde fort , nach dem Garten , hinter welchem die Weide liegt . Man braucht also den Platz . Für wen ? « Kara und Hanneh hatten nicht auf diese Umstände geachtet . Mir aber fielen sie auf , obwohl es jetzt so dunkel geworden war , daß man die da unten sich bewegenden Gestalten kaum noch erkennen konnte . Da kam der Pedehr mit Tifl durch die Halle . Sie traten heraus zu uns . » Also eile hinab , und sage es ! « Auf diese Worte des Ersteren sprang » das Kind « die Stufen hinunter , um sich nach dem Dorfe zu begeben . Der Pedehr reichte Kara die Hand und sprach : » Ich habe so Gutes über dich gehört . Du hast einen Freund von uns und eine Tochter unseres Stammes gerettet . Ich danke dir ! Der Platz hier vor euch wird sich in kurzer Zeit sehr beleben . Bleibt hier ! Was auch geschehe , ihr könnt ganz ruhig sein . Der Haß ist bei der Liebe eingedrungen . Er wird sich ihr ergeben müssen . Sie hat ihn nicht zu fürchten , denn ihre Stärke ist stets größer als die seine . « Ich fragte ihn nach dem Befinden des Kalhuran . » Er bedarf der besten Pflege , « antwortete er . » Sein Unterkleid klebt am gänzlich wunden Leibe . Er mußte mit ihm sogleich in das Bad gelegt werden , damit es sich von dem aufgesprungenen Fleische löse . Aber er ist stark . Vom Wundfieber kann ich ihn nicht befreien , doch dann wird er , wie ich hoffe , schnell genesen . « » Und sein Weib ? Dieser Schreck ! Dann die Anstrengung des Rittes ! Die Aufregung wird sie aufrecht gehalten haben . Aber nun ? Wie geht es ihr ? « » Sie ist ein rüstiges Weib : du brauchst keine Sorge um sie zu haben . Aber unser Ustad war sehr betrübt über sie . « » Warum ? « » Das fragst du mich ? Habe ich dir nicht mitgeteilt , daß ein Dschamiki niemals Menschenblut vergießt ? Sie wird bestraft ! « Ich sah ihn ungläubig an . » Ja , « nickte er ernst ; » sie wird bestraft ! Das Leben des Menschen ist nicht bloß das , als was es von dem Durchschnittsmanne betrachtet wird . Es ist etwas ganz Anderes . Es ist mehr , viel mehr als bloß ein Existieren auf der Erde , welches mit der Geburt seinen Anfang und mit dem Tode sein Ende nimmt . Ja , es ist sogar auch mehr als bloß ein Irgendwoherkommen zu der Erde und dann ein Irgendwohingehen von der Erde ! Es hat nämlich einen Zweck ! Und wenn dieser Zweck durch irgend einen unglückseligen Umstand , sei es , wie hier , durch eine tötende Hand , nicht erreicht wird , so wird nicht nur das augenblickliche Leben , die gegenwärtige Existenz vernichtet , sondern mit ihr auch alles , was seit Anbeginn bis heut vorhanden war und unter unendlichen Kämpfen sich entwickelte , um diejenige Form des Daseins zu erreichen , welche nun von der verbrecherischen That zertrümmert worden ist . Muß da nicht selbst die größte , die höchste Liebe als strafende Gerechtigkeit eingreifen ? « Als er dies sagte , stellte ich mir die Scene vor , welche dem Muhassil das Leben gekostet hatte . Was hätte wohl ich an der Stelle des Gepeitschten gethan ? Und seine Frau ! Wie mußte der Anblick der fürchterlichen Schande , die man ihm anthat , ihre ganze Natur empören ! Sie handelte unter der Einwirkung des Augenblickes , und weil dieser Augenblick ein blutiger war , so sprang auch das , was sie that , als Erzeugnis des Momentes blutigrot gefärbt aus ihr hervor . » Du sprichst von Strafe , « sagte ich . » Meinst du damit auch Hafis Aram selbst ? « » Nein . Er ist ein Kalhur . Ihn haben wir nicht zu richten . « » Gehört sein Weib noch zu eurem Stamm ? « » Ja . Die Dschemma117 der Dschamikun wird zusammentreten , um das Urteil zu fällen . « » Wer wird der Vorsitzende dieser Versammlung sein ? « » Ich . « » Nicht der Ustad ? « » Nein . Er ist der geistliche Scheik des Stammes . Für weltliche Angelegenheiten bin ich es . « » Darf ich der Dschemma beiwohnen ? « » Wir werden dich sogar auffordern , es zu thun . « » Darf ich mitsprechen ? « » Ja , denn du bist als unser Gast ein Dschamiki , und wenn wir dich rufen , beizuwohnen , so haben wir dich damit als würdig anerkannt , das Vorrecht der Aeltesten mit uns auszuüben . « » So bitte ich , die Angeklagte verteidigen zu dürfen ! « » Du darfst es ; jeder von uns darf es , denn welcher gerechte Richter könnte nur Ankläger und nicht zugleich auch Verteidiger sein ? Uebrigens hat sich ein besonderer Verteidiger bereits gemeldet . « » Wer ? « » Der Ustad . « » Von dem du aber sagtest , daß er über die Angeklagte und das , was sie that , betrübt sei . « » Diese seine Betrübnis wird der Verteidigung nicht den geringsten Eintrag thun . - Da schau ! Sie kommen ! « Man hörte die Schritte vieler Leute , welche zum Thore hereinkamen . Ich konnte zwar nicht die einzelnen Gestalten unterscheiden , aber ich sah , daß es ihrer viele , ja sogar sehr viele waren . Der Pedehr ging zu ihnen hinab . Ich vernahm aus dem Tone seiner Stimme , daß er ihnen kurze , sehr bestimmte Weisungen erteilte . Dann zerstreuten sie sich nach allen Seiten ; wohin , das war in der abendlichen Dunkelheit nicht zu erkennen . Hierauf wurden die Fackeln angezündet . Nun war der Platz in der Weise erhellt , daß man deutlich sehen konnte , was auf ihm vorging . Jetzt war er leer . Nur Tifl allein stand da . Er kam bis an die unterste Stufe herbei und sagte zu uns herauf : » Sie kommen ! « » Wer ? « fragte Kara . » Die Soldaten . « » Doch nicht etwa alle ? « » Alle ! Man hat sie ruhig durch den Duar reiten lassen . Kein Mann ist ihnen begegnet . Die Häuser waren verschlossen . In den Zelten gab es nur einige Frauen , welche ganz genau wußten , wie sie sich zu verhalten und welche Auskunft sie zu geben hatten . Diese Perser werden sich wundern . Sie glauben , es kurz mit uns machen zu können ; wir aber werden mit ihnen noch viel kürzer sein . Unser Pedehr hat nachgeschaut , ob alles in Ordnung ist . Da kehrt er zurück . « Der Genannte kam von der dem Garten entgegengesetzten Seite des Hauses her , wo ich das Thor mit den uralten Säulenpfosten gesehen hatte . » Ich war im Gefängnisse , « sagte er , indem er die Treppe halb erstieg und sich dort auf eine der Stufen niedersetzte . » Es giebt hier bei euch ein Gefängnis ? « fragte ich verwundert . » Für uns nicht , denn wir brauchen keins . Aber für Fälle wie den , der sich jetzt ereignen wird , sind Räume für unwillkommene Gäste vorhanden , deren wir uns entledigen wollen . « » Die Soldaten sollen gefangen genommen werden ? « » Ja . « » Und wenn sie sich wehren ? « » Dazu finden sie gar nicht Zeit . Ich höre ihre Pferde . Sie sind also schon in der Nähe und werden sogleich dort an dem Thore erscheinen . « Wir schauten hin . Zunächst sahen wir zwei Frauen , welche sich von den Persern sehr freiwillig hatten zwingen lassen , ihnen den Weg hier herauf zu zeigen . Sie eilten sofort nach dem Garten , in welchem sie verschwanden . Hierauf kamen die Offiziere , nämlich der Suari jüzbaschysy118 , der Mülazim ewwel119 und ein Mülazim sani120 . Der letztere hatte bei der Jagd auf Hafis Aram den Paß des Kurirs zu bewachen gehabt , und darum hatten Kara und Tifl ihn noch nicht gesehen . Hinter diesen Dreien folgten die Kavalleristen , denen die helle Beleuchtung des Vorplatzes gar nicht aufzufallen schien . Auch wurde es von keinem von ihnen beachtet , daß , als sie alle herein waren , irgend jemand hinter ihnen das Thor zumachte . Sie waren , ohne den geringsten Widerstand gefunden zu haben , durch den ganzen Duar geritten und glaubten nun , hier oben auf dieselbe Ergebung in das Unvermeidliche zu treffen . Die Dschamikun waren ihnen als Leute geschildert worden , welche den Frieden liebten und so viel wie möglich jede Streitigkeit vermieden . Es mußte ja leicht sein , so unkriegerischen Menschen einen solchen Schreck einzujagen , daß sie sich in alles fügten , was man von ihnen verlangen wollte . Hierzu stimmte der Umstand ganz besonders , daß man nicht die geringste Vorbereitung zum Widerstande bemerkte , sondern nur einige Personen sah , welche auf der Treppe saßen und auch ganz ruhig sitzen blieben . Außerdem stand nur Tifl noch unten an den Stufen . Die Kavalleristen ritten in einer geraden Reihe auf und bildeten dann gegen die Treppe Front . Die Offiziere kamen bis nahe an dieselben hin und stiegen da von ihren Pferden . Als hierbei der Oberleutnant » das Kind « erblickte , rief er , sich an den Rittmeister wendend , aus : » Da steht der lange Kerl , der Halunke , der mit dabei war ! Soll ich ihm Fesseln anlegen lassen ? « Der Angeredete warf einen Blick auf Tifl und auf dessen Umgebung und antwortete dann in verächtlichem Tone : » Fesseln ? Wie überflüssig ! Wir haben ja das ganze Haus mit allem , was da wohnt , in unserer Gewalt ! « » Und da - - da - - « fuhr der Oberleutnant fort , indem er auf Kara zeigte , » da neben dem Weibe sitzt auch der Andere , der bei dem Langen war ! « » Laß ihn sitzen ! Auch er ist unser . Du siehst ja , daß sich die Kerle vor Angst gar nicht zu regen wagen . Wenden wir uns zunächst an den Alten da ! « Er meinte den Pedehr . Er trat bis an die letzte Stufe heran und richtete die Frage an ihn : » Du bist ein Dschamiki ? « » Ja , « antwortete der Gefragte , ohne aufzustehen . » In diesem Hause wohnt der Mann , den ihr den Ustad zu nennen pflegt ? « » Ja . « » Hole ihn ! « » Das ist unnötig . « » Warum ? « » Er wird nicht kommen . « » Ich befehle es ihm ! « » Du - - - du - - - ? « Dieser Frage wurde ein so ganz eigenartiger Ton gegeben , daß der Rittmeister darauf verzichtete , seinem » Befehle « Nachdruck zu verleihen . Er fuhr vielmehr , sich zu erkundigen , fort : » Es giebt hier einen alten Schech el Beled121 , welcher Pedehr genannt wird ? « » Ja . Aber er ist nicht bloß Schech el Beled . « » Was noch ? « » Er läßt sich nur von den Bewohnern dieses Gebietes Pedehr nennen , weil er sich als den Vater dieser seiner Kinder betrachtet . Für jeden Fremden aber , also auch für dich , ist er Schir Alamek Ben Abd el Fadl Ibn ilucht Marah Durimeh122 , der Scheik der Dschamikun vom freien Volke der Bachtijaren . « Als ich das hörte , erstaunte ich , denn ich hatte nicht ahnen können , daß er ein Großneffe meiner herrlichen Marah Durimeh sei . Warum hatte er mir das nicht gesagt ? Auf den Rittmeister machte diese Mitteilung freilich einen ganz andern Eindruck . Er rief lachend aus : » Welch ein Name ! Wer kennt Abd el Fadl , und wer kennt diese Marah Durimeh ! Ich kenne nicht einmal diesen Schir Alamek ! Kann ein Löwe der Sohn der Güte sein ? Lächerlich ! « Abd el Fadl heißt nämlich » Diener der Güte « . Schir heißt Löwe und ist in jenen Gegenden ein Ehrentitel , den man sich durch bewiesene Furchtlosigkeit erwirbt . Der Offizier fuhr fort : » Ich habe mit dem Besitzer dieses langen Namens zu sprechen . Rufe ihn ! « » Auch das ist unnötig , « antwortete der Pedehr . » Warum ? « » Ich bin es . « » Ah ! Du ? « Er betrachtete ihn in zudringlich übelwollender Weise und fügte dann in befehlendem Tone hinzu : » Steh auf ! Ich komme im Namen des Schah-in-Schah . Man hat mich nicht sitzend zu empfangen ! « » Nimm diesen deinen Wunsch zurück ! « » Es ist kein Wunsch , sondern ein Befehl ! « » Hier hat niemand zu befehlen , als nur ich allein ! Und so befehle ich dir , mir zu beweisen , daß du im Namen des Schah-in-Schah zu uns gekommen bist ! « » Ich bin sein Offizier ! « » Das ist kein Beweis . Hast du eine Schrift , von der eigenen Hand des Beherrschers unterzeichnet ? « Da schlug der Offizier an seinen Degen und rief : » Ich brauche keine Schrift von ihm ! Ich schreibe meine Befehle selbst , und dieser Säbel hier ist meine Feder . Paß auf , was gleich geschehen wird ! « Er drehte sich nach seinen Leuten um und gab ihnen den Befehl zum Absitzen . Sie gehorchten . Nun ließ er sie zu Fuß so weit vorrücken , daß ihre Linie ihn beinahe erreichte . Es war also zwischen ihnen und ihren Pferden ein Zwischenraum entstanden . Jetzt wendete er sich dem Pedehr wieder zu und sprach zu ihm weiter : » Du siehst , welchen Nachdruck ich meinen Befehlen geben kann . Weißt du , warum wir kommen ? « » Ja . « » Steh auf , sage ich ! Man hat sich zu erheben , wenn ich spreche . Das hörtest du bereits ! « » Und du hast bereits gehört , daß ich dich warnte , an diesem Wunsche festzuhalten ! « » Eine Warnung ? - Warum ? « » Sobald ich mich erhebe , hast du dich zu erniedrigen ! « » Du redest irre ! « » Irre ? Wohlan , so sollst du sehen , wer sich irrt . So lange ich noch sitze , scheinst du der Herr zu sein ; sobald ich mich erhebe , bin ich es in der That . So war es verabredet . Du willst es haben . Gut , ich thue es ! « Er richtete sich auf und gab mit dem emporgehobenen Arm ein Zeichen . Was hierauf folgte , ist nicht so schnell zu erzählen , wie es geschah . Die bisher versteckt gewesenen Dschamikun kamen nämlich infolge dieses Winkes von allen Seiten herbei . Sie füllten im Momente den ganzen Zwischenraum zwischen den Reitern und den Pferden aus . Sie warfen sich auf die ersteren , um sie zu entwaffnen . Sie waren ihnen an Zahl so überlegen , daß Widerstand eine Albernheit gewesen wäre . Auch wirkte die Plötzlichkeit dieses Ueberfalles so verblüffend , daß den Persern die Waffen entrissen waren , noch ehe sie sich entschlossen hatten , selbst nach ihnen zu greifen . Und das geschah von Seiten der Dschamikun ohne allen Lärm , ohne jedes Geschrei , in vorher anbefohlener Schweigsamkeit . Die Kavalleristen freilich waren nicht ebenso still . Sie brüllten und fluchten ; sie wollten dreinschlagen , um wenigstens mit den Fäusten nun das Versäumte nachzuholen . Aber bei jedem Einzelnen von ihnen standen mehrere Dschamikun , welche die ihm entrissenen Waffen drohend auf ihn richteten . Es gab nur noch eine kleine Weile ein Hin- und Herwogen zusammengedrängter Gestalten , einen vereinzelten Ruf , eine zornige Verwünschung ; dann trat auf dem Vorplatze eine Ruhe , eine Stille ein , als ob die auf ihm stehende Menge nur aus friedlich gesinnten Menschen bestehe . Auch bei uns an der Treppe spielte sich die Scene mit außerordentlicher Schnelligkeit ab . Kaum war der Pedehr aufgestanden , so sprang Tifl zu den Offizieren heran , riß dem Suari jüzbaschysy und dem neben ihm stehenden Mülazim sani die Pistolen aus den Gürteln , richtete eine von ihnen auf sie und rief drohend : » Bewegt euch nicht , sonst schieße ich ! « Kara war zwar in das , was geschehen sollte , nicht eingeweiht , doch begriff er augenblicklich , um was es sich handelte . Er schnellte sich von seiner Mutter weg , die Stufen herunter und auf den Mülazim ewwel , bemächtigte sich seiner Pistole , hielt sie ihm vor die Brust und sagte : » Nicht ihr hattet uns , sondern wir haben euch ; ich sagte es dir ! Rühre dich nicht , wenn du nicht willst , daß ich schieße !