recht haben . Jedenfalls aber befind ich mich in meinem derzeitig erträglichen Zustande nur mit Hilfe der Buschen , und ob mich das nach obenhin besonders empfehlen kann , ist mir zweifelhaft . Aber lassen wir die heikle Frage . Erzählen Sie mir lieber etwas recht Hübsches und Heiteres , auch wenn es nebenher etwas ganz Altes ist , etwa das , was man früher Miszellen nannte . Das ist mir immer das liebste gewesen und ist es noch . Was ich da so in den Zeitungen lese , voran das Politische , das weiß ich schon immer alles , und was ich von Engelke höre , das weiß ich auch . Beiläufig - natürlich nur vom alleregoistischsten Zeitungsleserstandpunkt aus - ein wahres Glück , daß es Unglücksfälle gibt , sonst hätte man von der Zeitungslektüre so gut wie gar nichts . Aber Sie , Sie lesen auch sonst noch allerlei , mitunter sogar Gutes ( freilich nur selten ) , und haben ein wundervolles Gedächtnis für Räubergeschichten und Anekdoten aus allen fünf Weltteilen . Außerdem sind Sie Fridericus-Rex-Mann , was ich Ihnen eigentlich am höchsten anrechne , denn die Fridericus-Rex-Leute , die haben alle Herz und Verstand auf dem rechten Fleck . Also suchen Sie nach irgendwas der Art , nach einer alten Zieten- oder Blücheranekdote , kann meinetwegen auch Wrangel sein - ich bin dankbar für alles . Je schlechter es einem geht , je schöner kommt einem so was kavalleristisch Frisches und Übermütiges vor . Ich spiele mich persönlich nicht auf Heldentum aus , Renommieren ist ein elendes Handwerk ; aber das darf ich sagen : ich liebe das Heldische . Und Gott sei Dank kommt dergleichen immer noch vor . « » Gewiß kommt so was immer noch vor . Aber , Herr von Stechlin , all dies Heldische ... « » Nun aber , Lorenzen , Sie werden doch nicht gegen das Heldische sein ? Soweit sind Sie doch noch nicht ! Und wenn es wäre , da würd ich ernstlich böse . « » Das läßt Ihre Güte nicht zu . « » Sie wollen mich einfangen . Aber diesmal glückt es nicht . Was haben Sie gegen das Heldische ? « » Nichts , Herr von Stechlin , gar nichts . Im Gegenteil . Heldentum ist gut und groß . Und unter Umständen ist es das Allergrößte . Lasse mir also den Heroenkultus durchaus gefallen , das heißt , den echten und rechten . Aber was Sie da von mir hören wollen , das ist , Verzeihung für das Wort , ein Heldentum zweiter Güte . Mein Heldentum - soll heißen , was ich für Heldentum halte - , das ist nicht auf dem Schlachtfelde zu Hause , das hat keine Zeugen oder doch immer nur solche , die mit zugrunde gehn . Alles vollzieht sich stumm , einsam , weltabgewandt . Wenigstens als Regel . Aber freilich , wenn die Welt dann ausnahmsweise davon hört , dann horch ich mit auf , und mit gespitzterem Ohr , wie ein Kavalleriepferd , das die Trompete hört . « » Gut . Meinetwegen . Aber Beispiele . « » Kann ich geben . Da sind zunächst die fanatischen Erfinder , die nicht ablassen von ihrem Ziel , unbekümmert darum , ob ein Blitz sie niederschlägt oder eine Explosion sie in die Luft schleudert ; da sind des weiteren die großen Kletterer und Steiger , sei ' s in die Höh , sei ' s in die Tiefe , da sind zum dritten die , die den Meeresgrund absuchen wie ' ne Wiese , und da sind endlich die Weltteildurchquerer und die Nordpolfahrer . « » Ach , der ewige Nansen . Nansen , der , weil er die diesseits verlorene Hose jenseits in Grönland wiederfand , auf den Gedanken kam : Was die Hose kann , kann ich auch . Und daraufhin fuhr er über den Pol . Oder wollte wenigstens . « Lorenzen nickte . » Nun ja , das war klug gedacht . Und daß dieser Nansen sich an die Sache ranmachte , das respektier ich , auch wenn schließlich nichts draus wurde . Bleibt immer noch ein Bravourstück . Gewiß , da sitzt nu so wer im Eise , sieht nichts , hört nichts , und wenn wer kommt , ist es höchstens ein Eisbär . Indessen , er freut sich doch , weil es wenigstens was Lebendiges ist . Ich darf sagen , ich hab einen Sinn für dergleichen . Aber trotzdem , Lorenzen , die Garde bei St. Privat ist doch mehr . « » Ich weiß nicht , Herr von Stechlin . Echtes Heldentum oder , um ' s noch einmal einzuschränken , ein solches , das mich persönlich hinreißen soll , steht immer im Dienst einer Eigenidee , eines allereigensten Entschlusses . Auch dann noch ( ja mitunter dann erst recht ) , wenn dieser Entschluß schon das Verbrechen streift . Oder , was fast noch schlimmer , das Häßliche . Kennen Sie den Cooperschen Spy ? Da haben Sie den Spion als Helden . Mit andern Worten , ein Niedrigstes als Höchstes . Die Gesinnung entscheidet . Das steht mir fest . Aber es gibt der Beispiele noch andere , noch bessere ! « » Da bin ich neugierig « , sagte Dubslav : » Also wenn ' s sein kann : Name . « » Name : Greeley , Leutnant Greeley ; Yankee pur sang . Und im übrigen auch einer aus der Nordpolfahrergruppe . « » Will also sagen : Nansen der Zweite . « » Nein , nicht der Zweite . Was er tat , war viele Jahre vor Nansen . « » Und er kam höher hinauf ? Weiter nach dem Pol zu ? Oder waren seine Eisbär-Rencontres von noch ernsthafterer Natur ? « » All das wurde mir nicht viel besagen . Das herkömmlich Heldische fehlt in seiner Geschichte völlig . Was an seine Stelle tritt , ist ein ganz andres . Aber dies andre , das gerade macht es . « » Und das war ? « » Nun denn - ich erzähle nach dem Gedächtnis , und im einzelnen und Nebensächlichen irr ich vielleicht ... Aber in der Hauptsache stimmt es ... Also zuletzt , nach langer Irrfahrt , waren ' s noch ihrer fünf : Greeley selbst und vier seiner Leute . Das Schiff hatten sie verlassen , und so zogen sie hin über Eis und Schnee . Sie wußten den Weg , soweit sich da von Weg sprechen läßt , und die Sorge war nur , ob das bißchen Proviant , das sie mit sich führten , Schiffszwieback und gesalzenes Fleisch , bis an die nächste menschenbewohnte Stelle reichen würde . Jedem war ein höchstes und doch zugleich auch wieder geringstes Maß als tägliche Provision zubewilligt , und wenn man dies Maß einhielt und kein Zwischenfall kam , so mußt es reichen . Und einer , der noch am meisten bei Kräften war , schleppte den gesamten Proviant . Das ging so durch Tage . Da nahm Leutnant Greeley wahr , daß der Proviant schneller hinschmolz , als berechnet , und nahm auch wahr , daß der Proviantträger selbst , wenn er sich nicht beobachtet glaubte , von den Rationen nahm . Das war eine schreckliche Wahrnehmung . Denn ging es so fort , so waren sie samt und sonders verloren . Da nahm Greeley die drei andern beiseit und beriet mit ihnen . Eine Möglichkeit gewöhnlicher Bestrafung gab es nicht , und auf einen Kampf sich einzulassen ging auch nicht . Sie hatten dazu die Kräfte nicht mehr . Und so hieß es denn zuletzt , und es war Greeley , der es sagte : Wir müssen ihn hinterrücks erschießen . Und als sie bald nach dieser Kriegsgerichtsszene wieder aufbrachen , der heimlich Verurteilte vorn an der Tête , trat Greeley von hinten her an ihn heran und schoß ihn nieder . Und die Tat war nicht umsonst getan ; ihre Rationen reichten aus , und an dem Tage , wo sie den letzten Bissen verzehrten , kamen sie bis an eine Station . « » Und was wurde weiter ? « » Ich weiß nicht mehr , ob Greeley selbst bei seiner Rückkehr nach New York als Ankläger gegen sich auftrat ; aber das weiß ich , daß es zu einer großen Verhandlung kam . « » Und in dieser ... « » ... In dieser wurd er freigesprochen und im Triumph nach Hause getragen . « » Und Sie sind einverstanden damit ? « » Mehr ; ich bin voll Bewunderung . Greeley , statt zu tun , was er tat , hätte zu den Gefährten sagen können : Unser Exempel wird falsch , und wir gehen an des einen Schuld zugrunde ; töten mag ich ihn nicht - sterben wir also alle . Für seine Person hätt er so sprechen und handeln können . Aber es handelte sich nicht bloß um ihn ; er hatte die Führer- und die Befehlshaberrolle , zugleich die Richterpflicht , und hatte die Majorität von drei gegen eine Minorität von einem zu schützen . Was dieser eine getan , an und für sich ein Nichts , war unter den Umständen , unter denen es geschah , ein fluchwürdiges Verbrechen . Und so nahm er denn gegen die geschehene schwere Tat die schwere Gegentat auf sich . In solchem Augenblicke richtig fühlen und in der Überzeugung des Richtigen fest und unbeirrt ein furchtbares Etwas tun , ein Etwas , das , aus seinem Zusammenhange gerissen , allem göttlichen Gebot , allem Gesetz und aller Ehre widerspricht , das imponiert mir ganz ungeheuer und ist in meinen Augen der wirkliche , der wahre Mut . Schmach und Schimpf , oder doch der Vorwurf des Schimpflichen , haben sich von jeher an alles Höchste geknüpft . Der Bataillonsmut , der Mut in der Masse ( bei allem Respekt davor ) , ist nur ein Herdenmut . « Dubslav sah vor sich hin . Er war augenscheinlich in einem Schwankezustand . Dann aber nahm er die Hand Lorenzens und sagte : » Sie sollen recht haben . « Neununddreißigstes Kapitel Dubslav hatte nach Lorenzens Besuch eine gute Nacht . » Wenn man mal so was andres hört , wird einem gleich besser . « Aber auch der Katzenpfötchentee fuhr fort , seine Wirkung zu tun , und was dem Kranken am meisten half , war , daß er die grünen Tropfen fortließ . » Hör , Engelke , am Ende wird es noch mal was . Wie gefallen dir meine Beine ? Wenn ich drücke , keine Kute mehr . « » Gewiß , gnäd ' ger Herr , es wird nu wieder , un das macht alles der Tee . Ja , die Buschen versteht es , das hab ich immer gesagt . Und gestern abend , als Lorenzen hier war , war auch lütt Agnes hier un hat unten in der Küche gefragt , wie ' s denn eigentlich mit dem gnädigen Herrn stünn . Und die Mamsell hat ihr gesagt , es stünde gut . « » Na , das is recht , daß die Alte , wie ' n richtiger Doktor , sich um einen kümmert und von allem wissen will . Und daß sie nicht selber kommt , ist noch besser . So ' n bißchen schlecht Gewissen hat sie doch woll . Ich glaube , daß sie viel auf ' m Kerbholz hat und daß die Karline so is , wie sie is , daran is doch auch bloß die Alte schuld . Und das Kind wird vielleicht auch noch so ; sie dreht sich schon wie ' ne Puppe , und dazu das lange , blonde Zoddelhaar . Ich muß dabei immer an Bellchen denken - weißt du noch , als die gnäd ' ge Frau noch lebte . Bellchen hatte auch solche Haare . Und war auch der Liebling . Solche sind immer Liebling . Krippenstapel , hör ich , soll sie auch in der Schule verwöhnen . Wenn die andern ihn noch anglotzen , dann schießt sie schon los . Es ist ein kluges Ding . « Engelke bestätigte , was Dubslav sagte , und ging dann nach unten , um dem gnäd ' gen Herrn sein zweites Frühstück zu holen : ein weiches Ei und eine Tasse Fleischbrühe . Als er aber aus dem Gartenzimmer auf den großen Hausflur hinaustrat , sah er , daß ein Wagen vorgefahren war , und statt in die Küche zu gehen , ging er doch lieber gleich zu seinem Herrn zurück , um mit verlegenem Gesicht zu melden , daß das gnäd ' ge Fräulein da sei . » Wie ? Meine Schwester ? « » Ja , das gnäd ' ge Frölen . « » I , da soll doch gleich ' ne alte Wand wackeln « , sagte Dubslav , der einen ehrlichen Schreck gekriegt hatte , weil er sicher war , daß es jetzt mit Ruh und Frieden auf Tage , vielleicht auf Wochen , vorbei sei . Denn Adelheid mit ihren sechsundsiebzig setzte sich nicht gern auf eine Kleinigkeit hin in Bewegung , und wenn sie die beinahe vier Meilen von Kloster Wutz her herüberkam , so war das kein Nachmittagsbesuch , sondern Einquartierung . Er fühlte , daß sich sein ganzer Zustand mit einem Male wieder verschlechterte und daß eine halbe Atemnot im Nu wieder da war . Er hatte aber nicht lange Zeit , sich damit zu beschäftigen , denn Engelke öffnete bereits die Tür , und Adelheid kam auf ihn zu . » Tag , Dubslav . Ich muß doch mal sehn . Unser Rentmeister Fix ist vorgestern hier in Stechlin gewesen und hat dabei von deinem letzten Unwohlsein gehört . Und daher weiß ich es . Eh du persönlich deine Schwester so was wissen läßt oder einen Boten schickst ... « » Da muß ich schon tot sein « , ergänzte der alte Stechlin und lachte . » Nun , laß es gut sein , Adelheid , mach dir ' s bequem und rücke den Stuhl da heran . « » Den Stuhl da ? Aber , Dubslav , was du dir nur denkst ! Das ist ja ein Großvaterstuhl oder doch beinah . « Und dabei nahm sie statt dessen einen kleinen , leichten Rohrsessel und ließ sich drauf nieder . » Ich komme doch nicht zu dir , um mich hier in einen großen Polsterstuhl mit Backen zu setzen . Ich will meinen lieben Kranken pflegen , aber ich will nicht selber eine Kranke sein . Wenn es so mit mir stünde , wär ich zu Hause geblieben . Du rechnest immer , daß ich zehn Jahre älter bin als du . Nun ja , ich bin zehn Jahre älter . Aber was sind die Jahre ? Die Wutzer Luft ist gesund , und wenn ich die Grabsteine bei uns lese , unter achtzig ist da beinah keine von uns abgegangen . Du wirst erst siebenundsechzig . Aber ich glaube , du hast dein Leben nicht richtig angelegt , ich meine deine Jugend , als du noch in Brandenburg warst . Und von Brandenburg immer rüber nach Berlin . Na , das kennt man . Ich habe neulich was Statistisches gelesen . « » Damen dürfen nie Statistisches lesen « , sagte Dubslav , » es ist entweder zu langweilig oder zu interessant - und das ist dann noch schlimmer . Aber nun klingle ( verzeih , mir wird das Aufstehn so schwer ) , daß uns Engelke das Frühstück bringt ; du kommst à la fortune du pot und mußt fürliebnehmen . Mein Trost ist , daß du drei Stunden unterwegs gewesen . Hunger ist der beste Koch . « Beim Frühstück , das bald danach aufgetragen wurde - die Jahreszeit gestattete , daß auch eine Schale mit Kiebitzeiern aufgesetzt werden konnte - , verbesserte sich die Stimmung ein wenig ; Dubslav ergab sich in sein Schicksal , und Adelheid wurde weniger herbe . » Wo hast du nur die Kiebitzeier her ? « sagte sie . » Das ist was Neues . Als ich noch hier lebte , hatten wir keine . « » Ja , die Kiebitze haben sich seit kurzem hier eingefunden , an unserm Stechlin , da , wo die Binsen stehn ; aber bloß auf der Globsower Seite . Nach der andern Seite hin wollen sie nicht . Ich habe mir gedacht , es sei vielleicht ein Fingerzeig , daß ich nun auch welche nach Friedrichsruh schicken soll . Aber das geht nicht ; dann gelt ich am Ende gleich für eingeschworen , und Uncke notiert mich . Wer dreimal Kiebitzeier schickt , kommt ins schwarze Buch . Und das kann ich schon Woldemars wegen nicht . « » Is auch recht gut so . Was zuviel ist , ist zuviel . Er soll sich ja mit der Lucca zusammen haben photographieren lassen . Und während sie da oben in der Regierung und mitunter auch bei Hofe so was tun , fordern sie Tugend und Sitte . Das geht nicht . Bei sich selber muß man anfangen . Und dann ist er doch auch schließlich bloß ein Mensch , und alle Menschenanbetung ist Götzendienst . Menschenanbetung ist noch schlimmer als das Goldene Kalb . Aber ich weiß wohl , Götzendienst kommt jetzt wieder auf , und Hexendienst auch , und du sollst ja auch - so wenigstens hat mir Fix erzählt - nach der Buschen geschickt haben . « » Ja , es ging mir schlecht . « » Gerade , wenn ' s einem schlecht geht , dann soll man Gott und Jesum Christum erkennen lernen , aber nicht die Buschen . Und sie soll dir Katzenpfötchentee gebracht haben und soll auch gesagt haben : Wasser treibt das Wasser . Das mußt du doch heraushören , daß das ein unchristlicher Spruch ist . Das ist , was sie besprechen nennen oder auch böten . Und wo das alles herstammt ... Dubslav , Dubslav ... Warum bist du nicht bei den grünen Tropfen geblieben und bei Sponholz ? Seine Frau war eine Pfarrerstochter aus Kuhdorf . « » Hat ihr auch nichts geholfen . Und nu sitzt sie mit ihm in Pfäffers , einem Schweizer Badeort , und da schmoren sie gemeinschaftlich in einem Backofen . Er hat es mir selbst erzählt , daß es ein Backofen is . « Der erste Tag war immerhin ganz leidlich verlaufen . Adelheid erzählte von Fix , von der Schmargendorf und der Schimonski und zuletzt auch von Maurermeister Lebenius in Berlin , der in Wutz eine Ferienkolonie gründen wolle . » Gott , wir kriegen dann soviel armes Volk in unsern Ort und noch dazu lauter Berliner Bälge mit Plieraugen . Aber die grünen Wiesen sollen ja gut dafür sein , und unser See soll Jod haben , freilich wenig , aber doch so , daß man ' s noch gerade finden kann . « Adelheid sprach in einem fort , derart , daß Dubslav kaum zu Wort kommen konnte . Gelang es ihm aber , so fuhr sie rasch dazwischen , trotzdem sie beständig versicherte , daß sie gekommen sei , ihn zu pflegen , und nur wenn er auf Woldemar das Gespräch brachte , hörte sie mit einiger Aufmerksamkeit zu . Freilich , die italienischen Reisemitteilungen als solche waren ihr langweilig , und nur bei Nennung bestimmter Namen , unter denen » Tintoretto « und » Santa Maria Novella « obenan standen , erheiterte sie sich sichtlich . Ja , sie kicherte dabei fast so vergnügt wie die Schmargendorf . Ein wirkliches , nicht ganz flüchtiges Interesse ( wenn auch freilich kein freundliches ) zeigte sie nur , wenn Dubslav von der jungen Frau sprach und hinzusetzte : » Sie hat so was Unberührtes . « » Nu ja , nu ja . Das liegt aber doch zurück . « » Wer keusch ist , bleibt keusch . « » Meinst du das ernsthaft ? « » Natürlich mein ich es ernsthaft . Über solche Dinge spaß ich überhaupt nicht . « Und nun lachte Adelheid herzlich und sagte : » Dubslav , was hast du nur wieder für Bücher gelesen ? Denn aus dir selbst kannst du doch so was nicht haben . Und von deinem Pastor Lorenzen auch nicht . Der wird ja wohl nächstens ' ne freie Gemeinde gründen . « So war der erste Tag dahingegangen . Alles in allem , trotz kleiner Ärgerlichkeiten , unterhaltlich genug für den Alten , der , unter seiner Einsamkeit leidend , meist froh war , irgendeinen Plauderer zu finden , auch wenn dieser im übrigen nicht gerade der richtige war . Aber das alles dauerte nicht lange . Die Schwester wurde von Tag zu Tag rechthaberischer und herrischer und griff unter der Vorgabe , » daß ihr Bruder anders verpflegt werden müsse « , in alles ein , auch in Dinge , die mit der Verpflegung gar nichts zu tun hatten . Vor allem wollte sie ihm den Katzenpfötchentee wegdisputieren , und wenn abends die kleine Meißener Kanne kam , gab es jedesmal einen erregten Disput über die Buschen und ihre Hexenkünste . So waren denn noch keine acht Tage um , als es für Dubslav feststand , daß Adelheid wieder fortmüsse . Zugleich sann er nach , wie das wohl am besten zu machen sei . Das war aber keine ganz leichte Sache , da die » Kündigung « notwendig von ihr ausgehen mußte . Sowenig er sich aus ihr machte , so war er doch zu sehr Mann der Form und einer feineren Gastlichkeit , als daß er ' s zuwege gebracht hätte , seinerseits auf Abreise zu dringen . Es war um die vierte Stunde , das Wetter schön , aber auch frisch . Adelheid hing sich ihren Pelzkragen um , ein altes Familienerbstück , und ging zu Krippenstapel , um sich seine Bienenstöcke zeigen zu lassen . Sie hoffte bei der Gelegenheit auch was über den Pastor zu hören , weil sie davon ausging , daß ein Lehrer immer über den Prediger und der Prediger immer über den Lehrer zu klagen hat . Jedes Landfräulein denkt so . Die Bienen nahm sie so mit in den Kauf . Es begann zu dunkeln , und als die Domina schließlich aus dem Herrenhause fort war , war das eine freie Stunde für Dubslav , der nun nicht länger säumen mochte , seine Mine zu legen . » Engelke « , sagte er , » du könntest in die Küche gehn und die Marie zur Buschen schicken . Die Marie weiß ja Bescheid da . Und da kann sie denn der alten Hexe sagen , lütt Agnes solle heut abend mit heraufkommen und hier schlafen und immer dasein , wenn ich was brauche . « Engelke stand verlegen da . » Nu , was hast du ? Bist du dagegen ? « » Nein , gnäd ' ger Herr , dagegen bin ich wohl eigentlich nich . Aber ich schlafe doch auch nebenan , und dann is es ja , wie wenn ich für gar nichts mehr da wär und fast so gut wie schon abgesetzt . Und das Kind kann doch auch nich all das , was nötig is ; Agnes is ja doch noch ' ne lütte Krabb . « » Ja , das is sie . Und du sollst auch in der andern Stube bleiben und alles tun wie vorher . Aber trotzdem , die Agnes soll kommen . Ich brauche das Kind . Und du wirst auch bald sehn , warum . « Und so kam denn auch Agnes , aber erst sehr spät , als sich Adelheid schon zurückgezogen hatte , dabei nicht ahnend , welche Ränke mittlerweile gegen sie gesponnen waren . Auf diese Verheimlichung kam es aber gerade an . Dubslav hatte sich nämlich wie Franz Moor - an den er sonst wenig erinnerte - herausgeklügelt , daß Überraschung und Schreck bei seinem Plan mitwirken müßten . Agnes schlief in einer nebenan aufgestellten eisernen Bettstelle . Dubslav , geradeso wie seine Schwester , hatte das etwas auffällig herausgeputzte Kind bei seinem Erscheinen im Herrenhause gar nicht mehr gesehen ; es trug ein langes , himmelblaues Wollkleid ohne Taille , dazu Knöpfstiefel und lange rote Strümpfe - lauter Dinge , die Karline schon zu letzten Weihnachten geschenkt hatte . Gleich damals , am ersten Feiertag , hatte das Kind den Staat denn auch wirklich angezogen , aber bloß so still für sich , weil sie sich genierte , sich im Dorfe damit zu zeigen ; jetzt dagegen , wo sie bei dem gnäd ' gen Herrn in Krankenpflege gehen sollte , jetzt war die richtige Zeit dafür da . Die Nacht verging still ; niemand war gestört worden . Um sieben erst kam Engelke und sagte : » Nu , lütt Deern , steih upp , is all seben . « Agnes war auch wirklich wie der Wind aus dem Bett , fuhr mit einem mitgebrachten Hornkamm , dem ein paar Zähne fehlten , durch ihr etwas gekraustes langes Blondhaar , putzte sich wie ein Kätzchen und zog dann den himmelblauen Hänger , die roten Strümpfe und zuletzt auch die Knöpfstiefel an . Gleich danach brachte ihr Engelke einen Topf mit Milchkaffee , und als sie damit fertig war , nahm sie ihr Strickzeug und ging in das große Zimmer nebenan , wo Dubslav bereits in seinem Lehnstuhl saß und auf seine Schwester wartete . Denn um acht nahmen sie das erste Frühstück gemeinschaftlich . » So , Agnes , das is recht , daß du da bist . Hast du denn schon deinen Kaffee gehabt ? « Agnes knickste . » Nu setz dich da mal ans Fenster , daß du bei deiner Arbeit besser sehn kannst ; du hast ja schon dein Strickzeug in der Hand . Solch junges Ding wie du muß immer was zu tun haben , sonst kommt sie auf dumme Gedanken . Nicht wahr ? « Agnes knickste wieder , und da sie sah , daß ihr der Alte weiter nichts zu sagen hatte , ging sie bis an das ihr bezeichnete Fenster , dran ein länglicher Eichentisch stand , und fing an zu stricken . Es war ein sehr langer Strumpf , brandrot und , nach seiner Schmalheit zu schließen , für sie selbst bestimmt . Sie war noch nicht lange bei der Arbeit , als Adelheid eintrat und auf ihren im Lehnstuhl sitzenden Bruder zuschritt . Bei der geringen Helle , die herrschte , traf sich ' s , daß sie von dem Gast am Fenster nicht recht was wahrnahm . Erst als Engelke mit dem Frühstück kam und die plötzlich geöffnete Tür mehr Licht einfallen ließ , bemerkte sie das Kind und sagte : » Da sitzt ja wer . Wer ist denn das ? « » Das ist Agnes , das Enkelkind von der Buschen . « Adelheid bewahrte mit Mühe Haltung . Als sie sich wieder zurechtgefunden , sagte sie : » So , Agnes . Das Kind von der Karline ? « Dubslav nickte . » Das ist mir ja ' ne Überraschung . Und wo hast du sie denn , seit ich hier bin , versteckt gehalten ? Ich habe sie ja die ganze Woche über noch nicht gesehn . « » Konntest du auch nicht , Adelheid ; sie ist erst seit gestern abend hier . Mit Engelke ging das nicht mehr , wenigstens nicht auf die Dauer . Er ist ja so alt wie ich . Und immer raus in der Nacht und rauf und runter und mich umdrehn und heben . Das konnt ich nich mehr mit ansehn . « » Und da hast du dir die Agnes kommen lassen ? Die soll dich nun rumdrehn und heben ? Das Kind , das Wurm . Haha . Was du dir doch alles für Geschichten machst . « » Agnes « , sagte hier Dubslav , » du könntest mal zu Mamsell Pritzbur in die Küche gehn und ihr sagen , ich möchte heute mittag ' ne gefüllte Taube haben . Aber nich so mager und auch nich so wenig Füllung , und daß es nich nach alter Semmel schmeckt . Und dann kannst du gleich bei der Mamsell unten bleiben und dir ' ne Geschichte von ihr erzählen lassen , vom Schäfer und der Prinzessin oder vom Fischer un sine Fru ; Rotkäppchen wirst du wohl schon kennen . « Agnes stand auf , trat unbefangen an den Tisch , wo Bruder und Schwester saßen , und machte wiederholt ihren Knicks . Dabei hielt sie das Strickzeug und den langen Strumpf in der Hand . » Für wen strickst du denn den ? « fragte die Domina . » Für mich . « Dubslav lachte . Adelheid auch . Aber es war ein Unterschied in ihrem Lachen . Agnes nahm übrigens nichts von diesem Unterschied wahr , sah vielmehr ohne Furcht um sich und ging aus dem Zimmer , um unten in der Küche die Bestellung auszurichten . Als sie hinaus war , wiederholte sich Adelheids krampfhaftes Lachen . Dann aber sagte sie : » Dubslav , ich weiß nicht , warum du dir , solang ich hier bin , gerade diese Hilfskraft angenommen hast . Ich bin deine Schwester und eine Märkische von Adel . Und bin auch die Domina von Kloster Wutz . Und meine Mutter war eine Radegast . Und die Stechline , die drüben in der Gruft unterm Altar stehn , die haben , soviel ich weiß , auf ihren Namen gehalten und sich untereinander die Ehre gegeben , die jeder beanspruchen durfte . Du nimmst hier das Kind der Karline in dein Zimmer und setzt es ans Fenster , fast als ob ' s da jeder so recht sehn sollte . Wie kommst du zu dem Kind ? Da kann sich Woldemar