er nichts Stichhaltiges anzugeben . Immerhin belasteten die Aussagen anderer Zeugen den jungen Kaschel so weit , daß es zur Verhandlung kam . Es ward festgestellt , daß es Streit gegeben habe zwischen Karl und seinem Vetter . Ferner wurde ausgesagt , daß Richard Kaschel es gewesen , der die Leute aufgefordert habe , den Betrunkenen hinauszuwerfen . Das Gravierendste aber war , daß mehrere Zeugen sich besinnen konnten , die eiserne Stange , die zum Festhalten der Tür diente , in der Hand des Angeklagten gesehen zu haben . Daß aber Richard den Schlag geführt habe , der Karl verletzt haben sollte , wollte niemand beschwören . Der Angeklagte selbst behauptete , er sei nicht mit draußen gewesen vor dem Kretscham , habe vielmehr die eiserne Stange , auf Befehl seines Vaters sofort wieder eingelegt . Der alte Kaschel , der unbeeidigt vernommen wurde , bestätigte die Aussagen seines Sohnes . Der Angeklagte wurde freigesprochen . Die öffentliche Meinung schrieb trotzdem dem Gastwirtssohne die Tat zu . Man schimpfte weidlich auf die Kaschels und verwünschte sie . Erst hatten sie den alten Büttner ruiniert , ihn von Haus und Hof gebracht , und nun hatten sie ihm auch noch den Sohn für Lebzeiten elend gemacht . Aber solche Worte fielen nur hinter dem Rücken der Kaschels . Ihnen etwas ins Gesicht zu sagen , wagte niemand ; sie waren zu gefährlich . Richard Kaschel zeigte sich , nachdem er hier mit einem blauen Auge davon gekommen , anmaßender und übermütiger denn je . Das Spielen setzte er fort . Er ging oft weit über Land oder fuhr in die Stadt , um seiner Leidenschaft zu frönen . Dem alten Kaschel wurde unheimlich zumute dabei . Mehr als einmal schon hatte er ein Loch zustopfen müssen für den hoffnungsvollen Sprößling . XII. Nun begannen große Umwälzungen im Bauernhofe . Baumeister und Zimmermann erschienen . Im Wohnzimmer wurden die Dielen aufgerissen , die alten erblindeten Fensterscheiben durch neue große und glänzende ersetzt . Dann kamen die Ofensetzer . Der alte Kachelherd mit Backröhre und Pfanne , der zwei Zimmer geheizt hatte , auf dem die verstorbene Bäuerin das Essen für die Familie zugleich mit dem Angemenge für das Vieh zubereitet hatte , wurde weggerissen und an seine Stelle ein städtischer Porzellanofen gesetzt . Die Küche kam in den Nebenraum . Maler und Tapezierer erschienen . Die Holzverkleidung ward von den Wänden gerissen , gemalt und geweißt wurde , und in die Zimmer für die zukünftige junge Frau kamen sogar Tapeten . Der neue Herr kam öfters von der Stadt heraus und trieb die Handwerksleute zur Eile an ; er wollte bald einziehen . Der Büttnerbauer wurde von einem Winkel in den anderen getrieben . Er war wie ein altes Tier , dem aus Gnade das Leben gelassen wird . Überall im Hause herrschten die Handwerker . Schließlich zog sich der Alte mit einem Bündel Sachen in einen Bretterverschlag auf dem Boden zurück , um dort zu hausen . Auf dem Felde war ' s ein Gleiches . Überall Neuerungen ! - Die Ziegelei wuchs und dehnte sich aus . Jetzt hatten sie ein neues Lehmlager entdeckt , das noch besseres Material enthalten sollte als das erste . Dort wurde abgegraben . Herr Berger , der neue Besitzer , ließ einen Schienenstrang von der Grube nach der Ziegelei legen . Das ganze Gut ward verbitzelt . Die großen Schläge , einstmals des alten Bauern Stolz und Freude , waren in lauter schmale Streifen zerteilt , auf denen kleine Wirte ihre vier , fünf verschiedenen Früchte bauten . Auch im Walde gab es Veränderungen . Schon im Herbste hatte der gräfliche Oberförster Kahlschlag machen und Hügel zur Kultur auswerfen lassen . Kaum war der Schnee gewichen , wurde mit der Anpflanzung begonnen . Der alte Mann haßte all das Neue , das vor seinen Augen entstand . Es lag so etwas Aufdringliches , Vorwitziges in dem , was diese jungen Leute anstellten . Vierzig Jahre hatte er nach der Väter Weise gewirtschaftet , und nun über Nacht , plötzlich , ward alles umgestürzt , das Oberste zu unterst gekehrt , seine Arbeit verwüstet , als sei sie nichts wert . Sein Lebenswerk wurde für nichts geachtet . Die Spuren seiner Tätigkeit waren ausgewischt . Das , was jeder Mensch als mächtigsten Trieb und Sporn zum Handeln in sich trägt , der eigentliche Erreger alles menschlichen Strebens und Schaffens , das Verlangen nach irdischer Unsterblichkeit , der Wunsch , in seinen Werken das ewige Leben zu haben - dieses Denkmal , das jeder Tüchtige sich zu errichten strebt , damit Kinder und Kindeskinder seiner gedenken , auf daß sein Wesen und Wollen nicht von der Vergessenheit Nacht verschlungen werde - dieser Abdruck seiner Persönlichkeit , der in diesem Grundstück : Haus , Hof , Feldern , Wiesen und Wald , eingeschlossen lag , war zerstört ; fremde Hände hatten in wenigen Monaten das zur Unkenntlichkeit verändert , was er und seine Vorfahren im Laufe eines Zeitraumes , der nach Generationen gerechnet werden mußte , in Treue und Liebe und Frömmigkeit aufgerichtet hatten . Die Zeit war über ihn hinweggeschritten . Nun wurde er in die Ecke gestellt , ein verbrauchtes , altmodisches Gerät . Er war ein Baumstumpf , der mitsamt den Wurzeln ausgerodet ist ; so lag er auf dem Boden , dem er , als er in voller Kraft und Blüte gestanden , seinen Schatten gespendet hatte . Die tausendfältigen Beziehungen , die jeden mit der Mitwelt verbinden , die unzähligen Würzelchen , mit denen wir jeden Augenblick Kräfte saugen und Kräfte zurückgeben , waren durchschnitten . Er war unnütz geworden für sich und die anderen . Er konnte aus der Welt gehen , und nirgends würde eine Lücke klaffen . Zweck- und ziellos ging er umher , im Dorfe , über die Felder , durch den Wald . Wann wäre das früher jemals vorgekommen ! Da hatte jeder Gang sein Ziel , da wurde er , außer Feiertags , niemals unbeschäftigt angetroffen . Aber was sollte er jetzt anfangen ? wofür seine Hände rühren ? Die Leute redeten ihn an , einzelne aus Mitleid , die meisten aus Neugier ; sein Wesen war allen ein Rätsel . Aber , da man fast nie eine Antwort von ihm erhielt , unterblieb das Anreden mit der Zeit . Die Kinder lachten wohl über die struppige Erscheinung des Alten , liefen ihm nach ; auch Erwachsene wagten hie und da eine Spottrede hinter seinem Rücken . Aber ins Gesicht ihn zu höhnen , wagte niemand ; das Elend hatte noch nicht ganz die Ehrfurcht gebietende Würde aus der Erscheinung des Greises gelöscht . Der Pfarrer stellte den alten Mann auf der Straße und ging eine Strecke mit ihm . Da gab es zarte Vorwürfe zu hören , daß Büttner nicht mehr zur Predigt und zum Tische des Herrn komme . Der Bauer zuckte verdrossen die Achseln , blieb dem Seelsorger die Antwort schuldig . Ein andermal traf Büttner mit dem Güterdirektor des Grafen zusammen . Hauptmann Schroff hielt sein Pferd an und begrüßte den alten Mann . Der Hauptmann beklagte , daß alles so gekommen wäre . Nun das Bauerngut nicht mehr für ihn zu haben sei , habe der Graf seinen Sinn geändert . Er bereue jetzt , den Juden hineingelassen zu haben . Die neue Nachbarschaft sei dem Herrn Grafen ein Greuel . - Der Hauptmann sah wohl selbst ein , daß solche Reden zu spät kamen und niemandem etwas nützen konnten . Er drückte dem Alten die Hand , überließ ihn seiner Einsamkeit . Was wollten die Leute von ihm ? Der Alte verachtete sie im Grunde seiner Seele alle . Alles Reden war sinnlos , alles Mitleid verschwendet ! Jedes Wort der Teilnahme bedeutete eine Erniedrigung für ihn . Nur in Ruhe sollten sie ihn lassen , das war das einzige , was er noch von ihnen verlangte . * * * Auch dem Sohne eröffnete sich der alte Mann nicht . Der gehörte ja auch zu den Jungen , zu dieser neuen Generation , die keck über ihn hinweggewachsen war . Gustav war ja auch diesem Boden entstammt , aber er war nicht so fest mit ihm verwachsen , daß er das Verpflanztwerden nicht überstanden hätte . Er stand jetzt im Begriffe , sich in neuen Verhältnissen ein neues Heim aufzurichten für sich und die Seinen . Soeben war von Häschke eine Antwort eingetroffen . Er hatte eine Stelle für den Freund gefunden . Gustav sollte in einem großen Hause der inneren Stadt die Vizewirtsstelle übernehmen . Es war ein verantwortungsreicher Posten . Im Hinterhause befand sich eine Kartonagenfabrik , die über hundert Leute beschäftigte . Im Parterre des Vorderhauses war ein Bankgeschäft , im ersten Stock eine Versicherungsgesellschaft ; alles in allem wohnten in dem weitläufigen Gebäude einige zwanzig verschiedene Parteien . Gustavs ausgezeichnete Militärpapiere hatten den Ausschlag gegeben , als er zu dieser Stellung gewählt wurde . Häschke riet , daß er sofort annehmen sollte ; es gäbe eine ganze Anzahl anderer Bewerber für den Posten . Für Gustav war es nichts Kleines , sich hier zu entscheiden . Vieles daran war verlockend : die feste Anstellung , das auskömmliche Gehalt ; übergroße Anstrengung war mit einem solchen Posten auch nicht verbunden und man behielt Zeit übrig für sich und die Seinen . Auf der anderen Seite gab es mancherlei Unerquickliches an einer solchen Stellung . Man brachte mit seiner Arbeit nichts Bleibendes vor sich , woran man seine Freude hätte haben können . Die Aussicht , Höheres zu erreichen , sich selbst vorwärts zu bringen , war ausgeschlossen . Man war der Diener von tausend beliebigen Leuten . Und was Gustav als das schwerste erschien : er wurde herausgerissen aus dem von Jugend auf gewohnten Leben . Vom Acker weg wurde er in ein städtisches Souterrain verpflanzt , in das vielleicht die Sonne nicht einmal am Tage drang . Wie würde er , wie würde Pauline das ertragen ? Erst jetzt , wo er vor die Entscheidung gestellt war , merkte er , was er vorhatte : daß er einen Strich mache unter seine eigene Vergangenheit , daß er mit der vielhundertjährigen Überlieferung seiner Familie breche , daß er im Begriffe stehe , aus einem Landmann ein Städter zu werden . Er besprach die Sache mit Pauline . Sie überließ ihm , wie in allen wichtigen Fragen , auch diesmal die Entscheidung . Ihr genügte , bei ihm bleiben zu dürfen , alles andere solle ihr recht sein . Schließlich erkannte Gustav , daß es eine Wahl für ihn gar nicht mehr gebe ; er mußte annehmen . Der Winter hatte die Ersparnisse des vorigen Sommers verschlungen . Als Aufseher wieder in die Rübengegend zu gehen , hatte er verschworen . In der Heimat gab es keine Beschäftigung für ihn , wenn er nicht tagelöhnern wollte . Er mußte also nach dem greifen , was sich ihm bot , um sich und die Seinen vor Mangel zu bewahren . Die Stelle war durch Todesfall erledigt , und Häschke hatte geschrieben , daß Gustav sobald wie möglich antreten müsse . Es hieß also , in wenigen Tagen packen und Abschied nehmen . Ein Plan war in Gustav gereift : er wollte den Vater auffordern , mit ihnen in die Stadt zu ziehen . Gustav war sich nicht im unklaren , was er damit auf sich nehme . Es würde nichts Leichtes sein für alle drei Teile ; der alte Mann war schwierig , würde kein bequemer Hausgast sein . Besonders in der Stadt war das nichts Kleines , wo man enge aufeinander saß , wo alle die mannigfaltigen Abziehungen des ländlichen Berufes fehlten . Aber es mußte sein ! Pauline sowohl wie Gustav waren sich klar darüber , daß sie den Vater nicht in seinem Elend allein lassen durften . Was sollte aus ihm werden in Halbenau , wenn sie nun auch fortgingen ? Wenn es niemanden mehr gab , der sich um die Notdurft des Alten kümmerte ! Das Armenhaus war der wahrscheinliche Abschluß . Eine solche Schande wollte man nicht auf sich laden . Der Familiensinn , der bei Gustav nicht völlig untergegangen war , sprach mit . So weit war es mit den Büttners doch noch nicht gekommen , daß man das Familienoberhaupt hätte in Schmutz und Armut verkommen lassen mögen , ohne eine Hand zu rühren . Die Leute würden mit Fingern auf solch unnatürliche Kinder gewiesen haben . Diese Schmach wollte Gustav seinem Namen nicht antun . Als sie jedoch mit dem Vater davon sprachen , stießen sie auf Widerstand . Er wolle nicht in die Stadt , erklärte er . Sie hielten ihm vor , was seiner in Zukunft in Halbenau warte : das Einliegerelend , die Abhängigkeit von wildfremden Menschen , die ihn als ihren Knecht behandeln und ihm , wenn es ihnen paßte , den Stuhl vor die Tür setzen würden . Und was , wenn er krank würde ! Wer würde ihn pflegen ? All das hielten sie ihm vor . Ob es Eindruck auf ihn mache oder nicht , war nicht zu ersehen . Er sagte nicht ja und nicht nein , trug seine gewöhnliche mürrisch-verschlossene Miene zur Schau . Gustav machte einen Versuch , ihn beim Ehrgefühl - zu packen . Sollte er sich bei seinen Jahren noch als Tagelöhner verdingen ? Wollte er wirklich in die Ziegelei gehen auf Arbeit ? Er , der ehemalige Großbauer : Ziegelstreicher ! Oder wollte er gar der Gemeinde zur Last fallen ? - Aber auch hierauf zeichnete er nicht . Er schüttelte nur den Kopf und murmelte etwas Unverständliches vor sich hin . Es schien fast , als hege er einen wohlüberlegten Plan , einen Entschluß in seinem Innern , den er niemandem verraten wollte . Seine Kinder drangen noch einmal in ihn . Sie stellten ihm dar , wie schön er es bei ihnen haben werde . Man wolle ihm ein Stübchen ganz für sich lassen . Häschke habe von einem Gärtchen geschrieben , das Gustav mit im Stande zu halten hätte ; diese Arbeit solle er übernehmen , damit er doch seine Beschäftigung habe . - Es verschlug alles nichts . Man konnte zweifelhaft werden , ob er überhaupt die Worte höre ; seine Züge waren leer , seine Augen schienen auf etwas gerichtet : weit , weit in der Ferne , das nur er sah . Gustav gab es schließlich auf , dem Vater noch länger zuzureden . Wenn der nicht wollte , dann brachten ihn zehn Pferde nicht von der Stelle . Er war eben ein Büttner ! - Aber Pauline ließ die Hoffnung noch nicht fahren , den alten Mann zu überreden . Sie war , seit sie Gustav geheiratet , der besondere Liebling des Alten geworden . Ihr gegenüber hatte er hier und da sogar etwas von seinem Kummer blicken lassen . Die junge Frau sprach den Schwiegervater noch einmal unter vier Augen , mit jener innigen , schlichten Herzlichkeit , die ihr zu Gebote stand , meinte sie : Sie wollten ' s ihm auch so gut machen , als er sich ' s nur denken könne . Sie hoffte , ihn vielleicht mit der Kost locken zu können . Sie wolle ihm so kochen , wie er ' s gewohnt sei von der Mutter her , und wie sie wisse , daß er ' s gern habe . Da traten dem Alten plötzlich die Tränen in die Augen ; mit einer Weichheit , die man sonst nicht an ihm gewohnt war , sagte er : » Ne , ne ! Pauline , laß ack ! Du bist gutt ! - Ich weeß , Ihr meent ' s gutt mit mir alen Manne . Aber , laß ack ! « ... Dann versank er in Nachdenken . Sie wagte es , seine Hände zu ergreifen und sie zu streicheln . Noch einmal stellte sie ihm dann vor , wieviel besser er ' s haben könne , wenn er bei seinen eigenen Leuten bliebe als unter Fremden . » ' s is alles eens . Pauline ! « war seine Antwort . » Mit mir is eemal nischt nich ! Mir nutzt nischt nich mih ! Ich were bale ganz alle sen ! « Sie meinte dagegen : Er werde noch manches Jahr erleben ; er sei ja rüstig und nehme es noch mit manchem Jungen auf . » Ne , ne ! Ich ha ' s ' n dicke ! Ich ha ' s ' n schun ganz dicke ! - De Mutter is nu och tut . ' s is ne schiene su alleene ei der Welt . « Er schnäuzte sich und wischte die Augen ; beides mit der Hand . Dann fuhr er fort : » Gieht Ihr ack ! und laßt mich Ales in Frieden . Ihr sed jung ! Ihr wißt ne , wie ' s unsereenem zumute is . Ihr kennt ' s ne wissen . Das kann niemand nich verstiehn , wie ' s unsereenem ums Harze is . - Su manchmal , Nächtens - su alleene - und an Tage och , su verlassen ! Mer mechte sich winschen , daß de Sunne gar ne nich scheinen täte . Alles is eenem zuwider ! Ne , ne ! Das verstieht niemand ne , der ' s ne derlabt hat ! - Laßt mich ack ! Ich wer ' schun a Platzel finden ; is ne ei der Welt , dann is am Ende , kann sen , haußen . « Pauline schluchzte laut auf , als sie den alten Mann so sprechen hörte . » Ju , ju ! Su is ! Ich glob ' , ich wer mich ne lange mih zu schinden han . - Ich will der och noch was mitgahn . Pauline , zum Adenken , eh ' daß ' r gieht . « Damit ging er nach seinem Bretterverschlag auf dem Boden und kam nach einiger Zeit , den Arm voll Kleidungsstücke , zurück . Da war eine wattierte Puffjacke der Bäuerin , eine seidene Schürze , die er mal seiner Braut zum Geschenk gemacht hatte , etwas Leibwäsche der Verstorbenen und noch Kleinigkeiten aus dem Nachlasse der Bäuerin , mit denen er Paulinen beschenkte . Auch Gustav sollte bedacht werden . Der Alte schleppte seinen Schafwollpelz herbei , den er seit dreißig und mehr Jahren führte . Pauline weigerte sich , den Pelz für ihren Mann anzunehmen ; den müsse der Vater behalten , damit er im Winter was Warmes habe . » Ich wer ' keenen Winter mer sahn ! « sagte der Bauer . Da er böse zu werden drohte über ihre Weigerung , nahm sie den Pelz schließlich an , zum Schein . Sie wollte ihn der eigenen Mutter übergeben , die ihn einstweilen aufbewahren und dem Alten bei beginnender Winterszeit zurückstellen sollte . - An einem Sonntagmorgen in der Frühe nahmen Gustav und Pauline Abschied von Halbenau . Ihre Abreise hatte manchen Freund und manche Freundin herbeigelockt . Frau Katschner schwamm in Tränen . Sie mußte der Tochter heilig versprechen , daß sie nach dem alten Büttner sehen werde . Die Witwe hatte im stillen noch nicht alle Hoffnung aufgegeben , daß ihr noch ein zweites Mal die Freuden des Ehestandes zuteil werden möchten . Im geheimsten Kämmerchen ihres Herzens regierte kein anderer als Traugott Büttner allein . Der alte Mann war nicht erschienen , um von seinen Kindern Abschied zu nehmen . Die Leute sagten , er sei auf dem Wege nach der Kirche gesehen worden . XIII. Am Sonnabendabend war der alte Büttner zum Dorfbader gegangen und hatte sich seinen Bart abnehmen lassen . Sonntags beim Morgengrauen nahm er seine Feiertagskleider aus der Lade , den langschößigen Tuchrock , der zur Hochzeit neu gewesen war , die Weste mit den Perlmutterknöpfen , den Zylinder , der ihm nun auch schon an dreißig Jahre Dienste getan hatte , und der trotz alles Streichens mit dem Rockärmel nur immer widerhaariger wurde . Traugott Büttner ging zum Tisch des Herrn . In seinem Feiertagsstaat , das Gesangbuch in der Hand , schritt er die Dorfstraße hinab . Er blickte nicht rechts noch links , nur auf seinen Weg . Andere Altarleute , die ihn überholten , blickten ihm erstaunt ins Gesicht . Ja , war denn das wirklich der Büttnerbauer ! Oder war es sein Geist ? Die bleichen Wangen , nicht mehr vom Bart versteckt , zeigten jetzt erst ihre ganze hohle Magerkeit . Er erwiderte keinen der vielen Morgengrüße , die ihm von allen Seiten geboten wurden . Sein Gang war langsam aber fest , die Blicke hielt er starr geradeaus gerichtet . Man steckte die Köpfe zusammen . » Saht ack ! Büttnertraugott gieht beichten ! « - Er war eine ungewohnte Erscheinung geworden in der Kirchfahrt . Beim Hauptgottesdienste , der der Kommunion folgt , nahm Büttner seinen altgewohnten Kirchenplatz ein . Vieler Augen waren auf ihn gerichtet ; es war , als ob nach langem Krankenlager einer wiederum unter Menschen geht . Selbst der Geistliche schien unter dem Eindrucke zu stehen , daß heute ein besonderer Gast in ihrer Mitte weile ; er sprach einige Male mit Betonung nach jener Richtung hin , wo der alte Mann saß . Der hörte der Predigt vom ersten bis zum letzten Worte mit Aufmerksamkeit zu . Beim Schlusse des Gottesdienstes opferte er seinen Groschen , wie er es von jeher getan , so oft er das Abendmahl genossen . Man wollte ihn anreden , als er aus der Kirche trat . Alte Freunde drängten sich an ihn heran . » Nu Traugott ! « hieß es , » wu hast denn du su lange gestackt ? « Er schien für die Frager keine Zeit zu haben . Mit eigenartig ernstem Blicke sah er die Leute an , schüttelte den Kopf , wandte sich und ging . - Mancher , der jetzt kaum darauf geachtet , sollte sich später daran erinnern . - » Grade als ob ' r d ' ch durch und durch buhren wollte ; und duch als ob ' r ganz wu andersch hin sähe , « schilderte ein Zeuge nachmals diesen Blick . Dann sei er auf einmal verschwunden aus der Menge der Kirchgänger ; keiner wollte wissen , wie das geschehen . Traugott Büttner schritt auf seinen ehemaligen Hof zu . Heute war das Haus menschenleer ; des Feiertags wegen arbeiteten die Handwerker nicht . Er ging in die Kammer , legte die Feiertagskleidung ab und zog die Werkeltagskleider wieder an . Dann legte er die guten Sachen sorgfältig zusammengefaltet auf einen Stuhl , das Gesangbuch zu oberst auf das Bündel . Nachdem er das besorgt , begab er sich in den Stall . Er steckte den Kühen Futter auf , reichlich , für zwei Mahlzeiten . Den Schweinen schüttete er Trebern vor und goß einen Rest von Milch darüber zu einer rechten Feiertagsmahlzeit . Darauf sah er sich noch einmal um , wie um sich zu überzeugen , daß alles beschickt und in Ordnung sei . Dann machte er die Türe hinter sich zu und schritt zum Hofe hinaus auf dem Wege hin , der nach dem Walde führt . Nach einer Weile machte er Halt , wandte sich um . Hatte er etwas vergessen ? - Er wollte nur das Dach noch einmal sehen , unter dem er Zeit seines Lebens gehaust hatte . Dort ragte der freundliche Giebel über die Scheune hinweg . Der alte Mann hielt die Hand über die Augen , um sie vor den blendenden Strahlen der Frühjahrssonne zu schützen . Er stand da eine Zeitlang , betrachtete alles noch einmal ganz genau ; das würde er nicht wieder sehen ! Dort auf den Scheunenfirsten war schon wieder mal das Stroh lose geworden ; es sträubte sich wie unordentliches Haar nach allen Richtungen . Daß er das bisher gar nicht bemerkt hatte - Nun , der Neue würde das schon in Ordnung bringen ! Ihn fröstelte auf einmal . Warum stand er denn hier eigentlich ? Was wollte er denn ? - Ja , richtig ! Nur schnell ! Je eher , je besser ! Wozu hier stehen und gaffen ? Das nützte ja doch nichts ! Aber das Strohdach ... Er hätte gar nicht gedacht , daß der Wind neulich so stark gewesen wäre ! - Er war selten hier heraus gekommen in der letzten Zeit , weil ihn die Ziegelei ärgerte ! Ach , diese Ziegelei ! Das ganze Gut war schimpfiert . Dort blickte die Esse vor ; er mochte gar nicht hinblicken ! In weitem Bogen umging er das Bauwerk ; bis er hinter der Ziegelei wieder auf den Hauptweg des Gutes kam . Wieviel tausend und abertausendmal in seinem Leben war er diesen Weg hinausgeschritten ! Zu allen Jahreszeiten , ledig und mit Bürde , allein oder in Gesellschaft der Frau , der Kinder , mit den Gespannen . Vom Büttnerschen Hofe kam der Weg , führte durch Büttnersche Felder und Wiesen , lief in den Büttnerschen Wald aus . Eine halbe Stunde und mehr konnte der Bauer geradeaus schreiten , ohne von seinem Grund und Boden herunterzukommen . Hier war er umgeben von den Zeugen seines Lebens und Wirkens . Jener klobige Steinblock erinnerte ihn an die tagelange schwere Arbeit , mittelst der er ihn aus dem Acker gehoben . An dieser Ecke war er in früher Jugend bewahrt worden vor Unfall wie durch ein Wunder ; die Pferde waren scheu geworden , hatten den Knaben geschleift ; als der Vater desselben Weges kam , sich den Tieren entgegenwarf und so des Kindes Leben rettete . Dort jenen wilden Rosenstrauch hatte er stehen lassen , während rings alles Gebüsch gerodet wurde , der Hagebutten wegen , aus denen die Bäuerin ein schmackhaftes Mus zu bereiten verstand . - Hier hatte jeder Fußbreit Landes Bedeutung für ihn , jedes Hälmchen erzählte ihm eine Geschichte . Jetzt verließ er den Hauptweg , schlug einen schmalen Gang zwischen zwei Feldern ein . Dabei stieß er auf einen frisch gesetzten Grenzstein . Das war die neue Einteilung ! - Alles hatten sie ihm durcheinander geworfen : die Grenzen , die Schläge , die Fruchtfolge . Da war ein Stück mit junger grüner Saat . Hafer konnte das nicht sein . Ja , zum Teufel , was war denn das ? - Der Bauer blieb stehen , bückte sich , betrachtete sich die Hälmchen genau . Das war ja Gerste ! - War der Mensch verrückt , hier Gerste zu bauen , auf diesem nassen Zipfel ! Der würde sich mal wundern im Herbst , was er hiervon ernten mochte ! Er mußte doch seinen Acker kennen . Hier gerade war undurchlässiger Tonboden und immer Nässe . Da wollte solch ein Esel Gerste bauen ! - Der Alte lachte grimmig in sich hinein . Aber er hatte ja noch was vor heute . Richtig ! - Ein kleiner Schauer lief ihm den Rücken hinab . Nur die Furcht nicht Herr werden lassen ! Die Sache war schnell vorüber , wenn man ' s richtig anfing . Er überzeugte sich durch einen Griff in die Brusttasche , daß das , was er brauchte , auch da sei . Was sie wohl sagen würden , wenn sie ihn erst gefunden haben würden ! - Was seine Peiniger da sagen würden ! - Kaschelernst , der Hund ! Dort lag sein Feld . Sein Korn schien gut zu stehen heuer . Wie er ihm im vorigen Jahre die Saat umgestürzt hatte , das war doch mal ein gelungener Streich gewesen ! - Der Schimmer eines Lächelns flog über die verbissenen Züge des alten Mannes . Jetzt mußte er Halt machen ; er war zu schnell gegangen . Nur Ruhe ! Er kam noch zeitig genug ! Er warf einen Blick auf das Dorf , das man von hier aus in seiner ganzen Länge übersehen konnte , bis zur Kirche hinab . Eben begannen sie dort zu läuten ; es war wohl zum zweiten Gottesdienste . Büttner nahm unwillkürlich - die Mütze vom Kopfe , faltete die Hände , betete ein Vaterunser . Dann seufzte er tief und wandte sich wieder zum Gehen . Ob sie ihm wohl ein christliches Begräbnis gestatten würden ? Daß er als Christ gestorben und nicht wie ein Heidenmensch , das mußten sie doch einsehen ! Die ganze Gemeinde und der Pastor hatten ihn ja in der Kirche und am Altar gesehen . Das mußte doch gelten ! Es war ja am Ende nicht recht in den Augen der Menschen , was er tat , und eine Sünde vor Gott dem Herrn war es auch . Aber konnte er denn anders ? Tausendmal hatte er ' s erwogen . Wie viele schlaflose Nächte waren darüber hingegangen seit jener , wo ihm der Gedanke zum ersten Male gekommen ! Es war damals gewesen , als seine Frau unbeerdigt im Hause lag . Er selbst hatte die Tote gewaschen und angekleidet . Still hatte sie dagelegen und zufrieden , im Leichenhemde . Da war ihm beim Anblicke des friedlichen Angesichts seiner Lebensgefährtin zum ersten Male der Gedanke gekommen , wieviel besser es doch die Toten hätten als die Lebenden . Gar nicht schrecklich war der Tod ; er hatte etwas so Natürliches und Gutes . Seitdem ließ ihn die geheime Sehnsucht nach der Ruhe nicht wieder los . Anfangs hatte ihn oft gegraust bei dem Gedanken , wie doch ein solches Ende wider Natur und Sitte sei . Allmählich aber hatte er sich an die Vorstellung des Grauenhaften so gewöhnt , daß seine Pulse kaum schneller gingen , so oft er daran dachte . Es gab ja keinen anderen Weg ! Sie hatten ihm alles zerstört , was den Menschen ans Leben fesselt . Richtig hinausgedrängt war er worden aus seinem Besitz , aus allen seinen Rechten . Den Boden hatten sie ihm unter den Füßen weggerissen . Wenn sie '