Unrecht durch neues Unrecht getilgt werden kann . Wir versicherten , daß wir keinen anderen Wunsch hegten , als den nunmehrigen Frieden nicht mehr gebrochen zu sehen . Dasselbe war - so behauptete er wenigstens - auch der Wunsch Napoleons III. Wir verkehrten so viel mit Personen , welche dem Kaiser ganz nahe standen , daß wir genügend Gelegentheit hatten , dessen politische Gesinnungen , wie er sie in vertraulichen Aussprüchen laut werden ließ , kennen zu lernen . Nicht nur , daß er den momentanen Frieden wünschte , er hegte den Plan , den Mächten allgemeine Abrüstung vorzuschlagen . Aber um dieses auszuführen , fühlte er sich augenblicklich nicht sicher genug im Innern des Landes . Eine große Unzufriedenheit kochte und gährte unter der Bevölkerung , und in der nächsten Nähe des Thrones gab es eine Partei , welche darzustellen bemüht war , daß dieser Thron nicht anders zu festigen wäre , als durch einen auswärtigen glücklichen Krieg : so eine kleine Triumphpromenade am Rhein , und der Glanz und Bestand der napoleonischen Dynastie wäre gesichert . » ll faut faire grand « meinten diese Ratgeber . Daß der Krieg , welcher im vorigen Jahre über die Luxemburger Frage in Aussicht stand , vereitelt worden , war jenen sehr unlieb : die beiderseitigen Rüstungen waren schon so schön gediehen , und jetzt wäre das Ding überstanden ... Aber auf die Länge sei ein Kampf zwischen Frankreich und Preußen doch unvermeidlich ... Unaufhörlich ward in dieser Richtung weitergehetzt . Doch nur ein schwaches Echo drang von solchen Dingen zu uns . Dergleichen ist ja man gewöhnt , in den Zeitungen anschlagen zu hören - so regelmäßig , wie die Brandung an der Küste . Dabei braucht man noch nicht an den Sturm zu denken ; man lauscht ganz ruhig der Musikkapelle , die am Strande ihre lustigen Weisen spielt - die Brandung gibt nur einen leisen , unbeachteten Grundbaß dazu ab . Das glänzende , von Vergnügungsmühen überbürdete Treiben erreichte seinen Höhepunkt in den Frühlingsmonaten . Da kamen noch die langen Bois-Fahrten in offenem Wagen , die verschiedenen Gemäldeausstellungen , Gartenfeste , Pferderennen , Picknick-Ausflüge hinzu - und bei alledem nicht weniger Theater , nicht weniger Visiten , nicht weniger große Diners und Soiréen , als mitten im Winter . Wir begannen schon stark , uns nach Ruhe zu sehnen . Diese Art Leben hat eigentlich nur dann den wahren Reiz , wenn Koketterie- und Liebschaftsgeschichten damit verbunden sind . Mädchen , welche eine Partie suchen , Frauen , die sich den Hof machen lassen und Männer , die Abenteuer wünschen - für solche bietet jedes neue Fest , bei welchem man dem Gegenstand seiner Träume begegnen kann , ein lebhaftes Interesse - aber Friedrich und ich ? ... Daß ich meinem Gatten unwandelbar treu war , daß ich mit keinem Blick einem anderen gestattete , sich mir mit verwegenen Hoffnungen zu nahen - das erzähle ich ohne jeglichen Tugendstolz . Es ist doch ganz selbstverständlich . Ob ich unter anderen Verhältnissen auch all den Verlockungen widerstanden hätte , denen in solchem Vergnügungswirbel hübsche junge Frauen ausgesetzt sind - das kann ich ja nicht wissen ; wenn man aber eine so tiefe und so vollbeglückte Liebe im Herzen trägt , wie ich sie für meinen Friedrich empfand , da ist man doch gegen alle Gefahr gepanzert . Und was ihn anbelangt : war er mir treu ? Ich kann nur so viel sagen : ich hab ' es nie bezweifelt . Als der Sommer ins Land gezogen kam , der » grand-prix « vorüber war und die verschiedenen Mitglieder der Gesellschaft Paris zu verlassen begannen - die einen nach Trouville und Dieppe , nach Biarritz und Vichy , die Anderen nach Baden-Baden , die Dritten auf ihre Schlösser - Prinzessin Mathilde nach St. Gratien , der Hof nach Compiègne - da wurden wir mit Aufforderungen , das gleiche Reiseziel zu wählen und mit Einladungen nach den Landsitzen bestürmt ; aber wir waren durchaus nicht gesonnen , die eben durchgemachte Luxus- und Vergnügungscampagne des Winters auch noch ins Sommerliche zu übertragen . Nach Grumitz wollte ich vor der Hand nicht zurückkehren : ich fürchtete zu sehr das Wiedererwachen der schmerzlichen Erinnerungen ; auch hätten wir dort - der vielen Verwandten und Nachbarschaften wegen - nicht die gewünschte Einsamkeit gefunden . So wählten wir denn abermals als Aufenthaltsort einen stillen Winkel der Schweiz . Wir versprachen unseren pariser Freunden im nächsten Winter wiederzukommen , und traten vergnügt , wie ferienreisende Schüler , unsere Sommerfahrt an . Was nun folgte , war wirklich eine Erholungszeit . Lange Spaziergänge , lange Lesestunden , lange Spielstunden mit den Kindern und keine Eintragungen in die roten Hefte - letzteres ein Zeichen von Sorglosigkeit und Seelenruhe . Auch Europa schien damals so ziemlich sorgenlos und ruhig zu sein . Wenigstens sah man nirgends » schwarze Punkte « . Selbst von der berühmten Revanche de Sadowa hörte man nichts mehr verlauten . Den größten Verdruß , den ich damals empfand , der war mir durch die seit einem Jahr bei uns in Österreich eingeführte allgemeine Wehrpflicht bereitet . Daß mein Rudolf einst werde Soldat sein müssen - das konnte ich nicht fassen . Und da phantasieren die Leute von Freiheit ! » Ein Jahr Freiwilliger - tröstete mich Friedrich - das ist nicht viel . « Ich schüttelte den Kopf : » Und wäre es nur ein Tag ! Keinen Menschen sollte man zwingen können , ein bestimmtes Amt , das er vielleicht haßt , auch nur einen Tag zu bekleiden , denn an diesem Tag muß er das Gegenteil von dem , was er fühlt zur Schau tragen , muß beschwören , das mit Freuden zu thun , was er verabscheut - kurz , er muß lügen - und meinen Sohn wollte ich vor Allem zur Wahrhaftigkeit erziehen . « » Dann hätte er um ein paar hundert Jahre später geboren werden müssen , Liebste ! « erwiderte Friedrich . » Ganz wahr kann nur ein ganz freier Mann sein : und mit diesen Beiden - Wahrheit und Freiheit - ist ' s noch schlecht bestellt in unseren Tagen , das wird mir - je mehr ich mich in mein Studium vertiefe - desto klarer . « Jetzt , in unserer Weltabgeschiedenheit , hatte Friedrich zu seinen Arbeiten doppelte Muße und er oblag denselben mit wahrem Feuereifer . So glücklich und zufrieden wir in der Einsamkeit lebten , so blieben wir doch bei dem Entschlusse , den folgenden Winter wieder in Paris zu verbringen . Diesmal aber nicht in der Absicht , uns zu belustigen , sondern nur für unsere Lebensaufgabe einigermaßen praktisch zu wirken . Dabei hegten wir zwar nicht die Zuversicht , etwas zu erreichen - aber wenn einem auch nur die Möglichkeit des Schattens einer Chance geboten scheint , für eine Sache , die man als die edelste Sache der Welt erkannt hat , etwas leisten zu können , so empfindet man es als unabweisliche Pflicht , diese Chance zu versuchen . Wir hatten nämlich , wenn wir in unseren traulichen Gesprächen die pariser Erinnerungen rekapitulierten , auch jenes Planes des Kaisers Napoleon gedacht , der uns durch die Mitteilungen seiner Vertrauten zu Ohren gekommen - des Planes , den Mächten Abrüstung vorzuschlagen . Daran knüpften wir unsere Hoffnungen und unsere Projekte . Friedrichs Forschungen hatten ihm die Memoiren Sullys in die Hände gespielt , in welchen der Friedensplan Heinrichs IV. mit allen Einzelheiten verzeichnet stand . Davon wollten wir dem Kaiser der Franzosen eine Abschrift zukommen lassen ; zugleich würden wir versuchen , durch unsere Verbindungen in Österreich und Preußen diese beiden Regierungen auf die Vorschläge der französischen Regierung vorzubereiten ; ich konnte dies durch Minister Allerdings bewerkstelligen , und Friedrich besaß in Berlin einen Verwandten , der in einflußreicher politischer Stellung und bei Hofe sehr gut angeschrieben war . Im Dezember , als wir nach Paris übersiedeln wollten , wurden wir jedoch daran gehindert . Unser Schatz - unsere kleine Sylvia erkrankte . Das waren bange Stunden ! ... Natürlich traten da Napolen III. und Heinrich IV. in den Hintergrund : unser Kind im Sterben ! Aber es starb nicht . Nach zwei Wochen war alle Gefahr vorbei . Nur untersagte uns der Arzt , mit der Kleinen während der ärgsten Winterkälte zu reisen . Wir verschoben demnach unsere Abfahrt auf den Monat März . Diese Krankheit und diese Genesung - die Gefahr und die Rettung - , wie hatten die unsere Herzen erschüttert und dieselben - ich hätte dies nicht mehr für möglich gehalten - einander wieder näher gebracht ! Gemeinschaftliches Zittern vor einem gräßlichen Unglück , welches man besonders wegen der Verzweiflung des andern fürchtet , und gemeinschaftlich geweinte Freudenthränen , wenn dieses Unglück abgewendet , das vermag gar mächtig zwei Seelen in eine zu verschmelzen . Sechstes Buch 1870 / 71 Vorahnungen ? Die gibt es nicht . Paris hätte sonst , als wir an einem sonnigen Nachmittag des März 1870 dort anlangten , mir keinen so heiteren , lustversprechenden Eindruck machen können . Man weiß es heute , was damals in kürzester Frist derselben Stadt für Schrecknisse bevorstanden - aber mich beschlich nicht das mindeste trübe Vorgefühl . Wir hatten schon im Voraus - durch den Agenten John Arthur - dasselbe kleine Palais gemietet , welches wir im letzten Jahre bewohnt , und an der Einfahrt desselben erwartete uns auch unser vorjähriger maître d ' hotel . Als wir , um zu unserer Wohnung zu gelangen , über die elysäischen Felder fuhren - es war eben die Bois-Stunde - da begegneten wir mehreren unserer alten Bekannten und tauschten fröhliche Wiedersehensgrüße . Die vielen kleinen Veilchenkarren , welche um diese Jahreszeit in den Straßen von Paris herumgerollt werden , füllten die Luft mit tausend Frühlingsversprechungen ; die Sonnenstrahlen funkelten und spielten regenbogenfarbig in den Springbrunnen des Rundplatzes und hefteten kleine Fünkchen an die Wagenlaternen und das Pferdegeschirr der zahlreichen Gefährte . Unter Anderen fuhr auch die schöne Kaiserin in einem à la Daumont bespannten Wagen an uns vorbei und winkte , mich erkennend , einen Gruß mit der Hand . Es gibt so einzelne Bilder und Scenen , die sich in das Gedächtnis einphotographieren und -phonographieren , samt den sie begleitenden Empfindungen und einigen gleichzeitig gesprochenen Worten . » Schön ist doch dieses Paris ! « rief damals Friedrich aus , - und meine Empfindung war ein kindisches » Sichfreuen « auf den kommenden Aufenthalt . Hätte ich gewußt , was mir , was dieser ganzen , in Glanz und Heiterkeit getauchten Stadt bevorstand - - - Diesmal vermieden wir es , uns , wie im verflossenen Jahre , in den Strudel weltlicher Vergnügungen zu werfen . Wir erklärten , keine Balleinladungen annehmen zu wollen und hielten uns von den großen Empfängen fern . Auch das Theater besuchten wir nicht mehr so häufig - nur wenn irgend ein Stück besonderes Aufsehen machte - und so kam es , daß wir die meisten Abende allein oder in Gesellschaft weniger Freunde , in unserem Heim verbrachten . Was unsere Pläne in Bezug auf des Kaisers Abrüstungsidee betraf , so kamen wir eigentlich schlecht damit an . Napoleon III. hatte zwar seine Idee nicht ganz aufgegeben , aber der jetzige Moment - hieß es - sei zu deren Ausführung durchaus ungeeignet . In der Umgegend des Thrones war man sich bewußt , daß dieser Thron nicht auf gar festen Füßen stand ; eine große Unzufriedenheit kochte und gährte im Volk , und um diese niederzuhalten , wurden alle Polizei- und Censurmaßregeln verschärft - was nur um so größere Unzufriedenheit zur Folge hatte . Das einzige , so sagten gewisse Leute , was der Dynastie neuen Glanz und Bestand geben könnte , wäre ein glücklicher Feldzug ... Dazu lag freilich keine nahe Aussicht vor , aber von Abrüstung sprechen , wäre ganz und gar gefehlt ; dadurch würde ja der ganze Nimbus der Bonaparte zerstört , welcher ja auf dem Ruhmeserbe des großen Napoleon beruhte . Außerdem war uns auch auf unsere Anfragen aus Preußen und Österreich kein ermunternder Bescheid geworden . Man war da in die Ära der Vergrößerung der Wehrmacht ( das Wort : » Armee « begann aus der Mode zu kommen ) getreten und da fiele das Wort Abrüstung als grober Mißton hinein . Im Gegenteil , um die Segnungen des Friedens zu erhalten , mußte man die » Wehrkraft « nur recht steigern - den Franzosen war nicht zu trauen ... den Russen auch nicht ... den Italienern schon gar nicht ; die fielen gleich über Triest und Trient her , wenn sich Gelegenheit dazu böte - kurz , nur schön fleißig das Landwehrsystem pflegen . » Die Zeit ist nicht reif , « sagte Friedrich , wenn wir solche Mitteilungen erhielten . » Und die Hoffnung , daß ich in Person das Reifen der Zeit beschleunigen könne oder gar die ersehnten Früchte daran sprießen sehe - die muß ich vernünftiger Weise wohl aufgeben ... Was ich beitragen kann , ist gar winzig . Aber von der Stunde an , da ich dieses Winzige als meine Pflicht . erkannt , ist es mir doch zum Größten geworden - also harre ich aus . Wenn auch vorläufig das Entwaffnungsprojekt ins Wasser gefallen war , eine Beruhigung hatte ich doch : es war kein Krieg in Sicht . Die bei Hofe und auch in der Bevölkerung vorhandene Kriegspartei , welche da meinte , daß die » Dynastie in Blut aufgefrischt « werden sollte und daß dem Lande wieder ein Portiönchen Ruhm erwachsen müsse , die mußte auf Angriffspläne und auf den verlockenden » kleinen Feldzug um die Rheingrenze « verzichten . Denn Frankreich besaß keine Verbündeten ; im Lande herrschte große Trockenheit , Futtermangel war vorauszusehen , man mußte die Militärpferde verkaufen , nirgends eine schwebende » Frage « , das Rekrutenkontingent ward vom gesetzgebenden Körper herabgesetzt , kurz - so erklärte bei dieser Gelegenheit von der Tribüne herab Ollivier : der Friede Europas ist gesichert . Gesichert . Ich freute mich über dieses Wort . In allen Zeitungen ward es wiederholt und viele Tausende freuten sich mit mir . Was kann es denn für die meisten Menschen besseres geben , als gesicherten Frieden ? Wie viel diese Sicherheit aber wert war , die da am 30. Juni 1870 von einem Staatsmann verkündet worden , das wissen wir heute Alle . Und das hätten wir auch schon damals wissen können , daß derlei staatsmännische Versicherungen - welchen das Publikum immer wieder mit gleich naivem Vertrauen lauscht - doch keine , gar keine Bürgschaft enthalten . Die europäische Lage weist keine » schwebende Frage « auf , darum ist der Friede gesichert : - welche schwache Logik ! Die Fragen können ja jeden Augenblick herangeschwebt kommen ; - erst wenn man für diesen Fall ein anderes Mittel in Bereitschaft hielte , als den Krieg , erst dann wäre man gegen Krieg gesichert . Wieder zerstreute sich die pariser Gesellschaft nach allen Windrichtungen . Wir aber blieben - Geschäfte halber - zurück . Es hatte sich uns nämlich ein außerordentlich vorteilhafter Ankauf geboten . Durch die plötzliche Abreise eines Amerikaners war ein kleines erst halbvollendetes Hotel in der Avenue de l ' Imperatrice feil geworden , und zwar um einen Preis , der nicht viel mehr betrug , als die zur Ausschmückung und Einrichtung des Objekts bereits verwendete Summe . Da wir nun einmal die Absicht hatten , auch in Zukunft einige Monate des Jahres in Paris zu verbringen und da der betreffende Kauf zugleich ein vortreffliches Geschäft war , so schlossen wir den Handel ab . Die Fertigstellung wollten wir selber überwachen und zu diesem Behuf blieben wir in Paris . Die Ausschmückung eines eigenen Nestes ist zudem eine so genußreiche Arbeit , daß wir dafür die Unannehmlichkeit , den Sommer in der Stadt zu bleiben , gern auf uns nahmen . Übrigens blieb uns auch in geselliger Beziehung noch Ansprache genug . Das Schloß der Prinzessin Mathilde , St. Gratien , ferner Schloß Mouchy , dann Baron Rothschilds Besitzung , Ferrières , und noch mehrere andere Sommersitze unserer Bekannten lagen in der Nähe von Paris , und ein- oder zweimal wöchentlich statteten wir bald da , bald dort einen Besuch ab . Es war , ich erinnere mich , im Salon der Prinzessin Mathilde , daß ich zum erstenmale von der » Frage « hörte , die zur » schwebenden « werden sollte . Die Gesellschaft saß - nach dem Gabelfrühstück - auf der Terrasse , mit dem Ausblick nach dem Park . Wer Alles da war ? Dessen kann ich mich nicht mehr entsinnen - nur zwei der anwesenden Persönlichkeiten sind mir im Gedächtnis geblieben ; Taine und Renan . Die geistvolle Herrin von St. Gratien liebte es , sich mit litterarischen und wissenschaftlichen Größen zu umgeben . Die Unterhaltung war eine sehr rege und ich kann mich erinnern , daß es meist Renan war , der das Wort führte , geistsprühend und witzig . Wie man unglaublich häßlich sein kann und dabei doch unglaublichen Zauber ausüben , davon ist der Verfasser des Leben Jesu ein merkwürdiges Beispiel . Jetzt fiel das Gespräch auch auf Politik . Für den spanischen Thron werde ein Kandidat gesucht ... Ein Prinz von Hohenzollern solle die Krone erhalten ... Ich hatte kaum hingehorcht , denn was konnte es mir , was konnte es Allen hier Gleichgültigeres geben , als der spanische Königsthron und Derjenige , der darauf zu sitzen käme ? Doch da sagte Jemand : » Ein Hohenzoller ? Das wird Frankreich nicht dulden . « Das Wort schnitt mir in die Seele , denn was heißt dieses » nicht dulden « ? Wenn das im Namen eines Landes gesagt wird , so sieht man im Geiste die dieses Land personifizierende Riesenjungfrauen-Statue mit trotzig zurückgeworfenem Kopfe und mit der Hand am Schwertesknauf . Doch es wurde bald wieder auf ein anderes Gesprächsthema übergegangen . Wie folgenschwer diese spanische Thronfrage noch werden sollte , das ahnte unter uns noch Niemand . Ich auch nicht , natürlich . Mir war nur das anmaßende » das wird Frankreich nicht dulden « als ein Mißton im Gedächtnis haften geblieben und damit zugleich die ganze umgebende Scenerie . Von nun an sollte die spanische Thronfrage immer lauter und aufdringlicher werden . Täglich wurde der Raum größer , den sie in den Zeitungen und in den Salongesprächen einnahm und ich weiß , daß sie mich in hohem Grade langweilte ; diese Hohenzollern-Kandidatur : man konnte bald gar nichts Anderes hören . Und mit einer Entrüstung wurde davon gesprochen , als könnte Frankreich nichts Beleidigenderes widerfahren ; die Meisten durchschauten es als eine von Preußen ausgehende Provokation zum Kriege . Es ist doch klar - hieß es - Frankreich konnte die Sache nicht dulden ; wenn also die Hohenzollern darauf bestehen , so ist das die reine Herausforderung . Das verstand ich nicht . Übrigens war ich ohne Sorge . Wir erhielten Briefe aus Berlin , worin uns von wohlunterrichteter Seite mitgeteilt wurde , daß man bei Hofe nicht den mindesten Wert darauf lege , daß die spanische Krone einem Hohenzollern zufalle . Wir beschäftigten uns demnach weit mehr mit unserem Hausbau , als mit der Politik . Aber allmählich wurden wir doch aufmerksam . So wie vor dem Sturm ein gewisses Blätterrascheln durch den Wald geht , so raschelt es vor dem Krieg von gewissen Stimmen durch das Volk . » Nous aurons la guerre - nous aurons la guerre ! « das tönte durch die pariser Luft . Da erfaßte mich unsägliches Bangen . Nicht um die Meinen - denn wir Österreicher waren ja vorläufig aus dem Spiele ; im Gegenteil : uns sollte ja möglicherweise » Satisfaktion « geboten werden - die bekannte Sadowa-Rache . Aber wir hatten es verlernt , den Krieg vom nationalen Standpunkt aus zu betrachten , und was er vom menschlichen , vom edelmenschlichen ist - das weiß man ja . Das drücken folgende Worte aus , die ich einst aus dem Munde Guy de Maupassants gehört : » Quand je songe seulement à ce mot la guerre - il me vient un effarement , comme si l ' on me parlait de sorcellerie , d ' inquisition , d ' une chose lointaine , finie , abominable , contre nature . « ... Als die Nachricht eintraf , daß Prim dem Prinzen Leopold die Krone angetragen , hielt der Herzog von Grammont im Parlament eine mit großem Beifall aufgenommene Rede , ungefähr nachstehenden Inhalts : » Wir mischen uns nicht in fremde Angelegenheiten , aber - wir glauben nicht , daß die Achtung vor den Rechten eines Nachbarstaates uns verpflichtet , zu dulden , daß eine fremde Macht , indem sie einen ihrer Prinzen auf den Thron Carls V. setzt , zu unserem Schaden das bestehende Gleichgewicht der Kräfte von Europa ( O dieses Gleichgewicht - welcher kriegsdurstige Heuchler hat diese hohle Phrase erfunden ? ) störe und die Interessen , die Ehre Frankreichs in Gefahr bringe . « Ich kenne ein Märchen von George Sand , genannt Gribouille . Dieser Gribouille hat die Eigenheit , wenn Regen droht , sich aus Furcht vor dem Naßwerden in den Fluß zu stürzen . Wenn ich höre , daß der Krieg angetragen wird , um drohenden Gefahren vorzubeugen , so muß ich immer an Gribouille denken . Wohl hätte ein ganzer Hohenzollernstamm sich auf Carls V. und noch auf verschiedene andere Throne setzen können , ohne Frankreichs Interessen und Frankreichs Ehre nur den tausendsten Teil von dem Schaden zuzufügen , der ihnen aus dem klugen » Das können wir nicht dulden erwachsen ist . « » Dieser Fall , « fuhr der Redner fort , » wir hegen die feste Zuversicht , wird nicht eintreten . Wir rechnen in dieser Beziehung auf die Weisheit des deutschen und auf die Freundschaft des spanischen Volkes . Sollte es anders kommen - dann , meine Herren , werden wir wissen , stark durch Ihre Unterstützung und die der Nation , unsere Pflicht ohne Schwanken und ohne Schwäche zu thun . ( Stürmisches Bravo . ) Von da ab beginnt die Kriegshetze in der Presse . Besonders ist es Girardin , welcher seine Landsleute nicht genug anfeuern kann , die unerhörte Kühnheit , welche in dieser Thronkandidatur liege , gehörig zu züchtigen . Es wäre gegen alle Würde Frankreichs , wenn es da nicht sein Veto einlegte ... freilich , Preußen wird nicht nachgeben , denn es ist ihm daran gelegen , dem Wahnsinnigen , den Krieg heraufzubeschwören . Durch seine Erfolge von 1866 berauscht , glaubt es , jetzt auch über den Rhein seine Sieges- und Raubeszüge machen zu dürfen - aber da sind wir da , Gott sei Dank , solche Gelüste den übermütigen Spitzhelmen zu vertreiben ... In diesem Tone geht es fort . Napoleon III. zwar , wie wir durch ihm nahestehende Personen erfahren , wünscht nach wie vor die Erhaltung des Friedens ; aber in seiner Umgebung finden die Meisten , daß ein Krieg jetzt unvermeidlich sei , daß - da man im Volke ohnehin mit der Regierung unzufrieden - das Beste , was man thun könne , um sich den Respekt des ruhmsüchtigen Landes zu sichern , ein glücklicher Krieg wäre : » il faut faire grand « . Nun wird in der Runde bei anderen europäischen Kabinetten über die Angelegenheit angefragt . Jedes erklärt , daß es den Frieden wünsche . In Deutschland wird ein aus Volkskreisen stammendes Manifest veröffentlicht , welches unter Anderen auch von Liebknecht unterzeichnet ist , worin es heißt : » der bloße Gedanke an einen deutsch-französischen Krieg sei ein Verbrechen . « Bei dieser Gelegenheit erfahre ich und kann es in mein Friedensprotokoll eintragen : » daß eine große Verbindung mit hunderttausenden von Mitgliedern existiert , welche die Abschaffung aller Vorurteile des Standes und der Nation zum Programmpunkt erhoben hat . « Benedetti erhält die Mission , den König von Preußen aufzufordern , daß dieser dem Prinzen Leopold die Annahme der Krone verbiete . König Wilhelm befand sich augenblicklich zur Kur in Ems - Benedetti begibt sich dahin und erhält am 9. Juli eine Audienz . Wie wird der Ausgang sein ? Ich erwarte die Nachricht mit Zittern . Die Antwort des Königs lautet einfach : daß er einem volljährigen Prinzen nichts verbieten könne . Diese Antwort versetzte die Kriegspartei in triumphierende Freude : » Also man will es darauf ankommen lassen ? ... Man will uns bis aufs Äußerste reizen ? Das Haupt des Hauses sollte einem Mitglied desselben nichts verbieten und gebieten können ? Lächerlich ! Das ist offenbar abgemachtes Komplott : die Hohenzollern wollen sich in Spanien festsetzen und dann von Osten und Süden unser Land überfallen . Und das sollten wir abwarten ? Die Demütigung sollten wir uns gefallen lassen , daß man unseren Protest nicht beachtet ? Nimmermehr : wir wissen , was die Ehre , was der Patriotismus uns gebeut « ... Immer lauter und lauter , immer unheimlicher rascheln die Sturmesvorboten . Da , am 12. Juli kommt eine Botschaft , die mich mit Entzücken erfüllt : Don Salusto Olozaga zeigt offiziell der französischen Regierung an , daß Prinz Leopold von Hohenzollern , um keinen Vorwand zu einem Krieg zu bieten , auf die Annahme der angebotenen Krone verzichtet . Nun Gottlob : die ganze » Frage « war ja damit einfach weggeräumt . Die Nachricht wird um 12 Uhr Mittags in der Kammer mitgeteilt und Ollivier erklärt , daß dies das Ende des Streites sei . Am selben Tag wurden jedoch ( offenbar die Ausführung früherer Befehle ) Truppen und Material nach Metz dirigiert und in derselben Sitzung macht Clement Duvernois folgende Interpellation : » Was haben wir für Bürgschaften , daß Preußen nicht wieder ähnliche Verwickelungen heraufbeschwört , wie diese spanische Kronkandidatur ? Dem muß vorgebeugt werden . « Schon wieder regt sich Gribouille : Es könnte - vielleicht - einmal - ein leiser Regen uns naß zu machen - drohen : also schnell in den Fluß gesprungen ! - Und abermals wird Benedetti nach Ems geschickt , diesmal den König von Preußen aufzufordern , daß er dem Prinzen Leopold ein- für allemal und für alle Zukunft verbiete , auf die Kandidatur zurückzukommen . Kann wohl auf solches Vorschreiben-wollen einer Handlung , zu welcher der Aufgeforderte nicht einmal befugt ist , etwas Anderes erfolgen als ungeduldiges Achselzucken ! Das mußten Diejenigen doch wissen , welche die Anforderung stellten . Am 15. Juli wieder eine denkwürdige Sitzung . Ollivier verlangt einen Kredit von fünfhundert Millionen für den Krieg . Thiers stimmt dagegen . Ollivier entgegnet : er nehme die Verantwortung vor der Geschichte auf sich . Der König von Preußen habe sich geweigert , den französischen Botschafter zu empfangen und dies durch eine Note der Regierung angezeigt . Die Linke verlangt diese Note zu sehen Die Majorität verbietet tumultuarisch und durch Abstimmung die Vorzeigung des ( wahrscheinlich gar nicht existierenden ) Dokuments . Diese Majorität bewilligt Alles , was die Regierung für den Krieg fordert . Solche patriotische Opferwilligkeit , die da ohne Zaudern das Verderben bewilligt , wird natürlich wieder mit den bereitliegenden Phrasenclichés gehörig bewundert . 16. Juli . England macht Versuche , den Krieg zu hindern . Vergebens ... Ja , gäbe es eingesetzte Schiedsgerichte - wie leicht und einfach wäre da ein so geringfügiger Konflikt gehoben . 19. Juli . Der französische Geschäftsträger in Berlin überreicht der preußischen Regierung die Kriegserklärung . Kriegserklärung . Die vier Silben sprechen sich ganz gelassen aus . Was ist ' s auch weiter ? Der Beginn einer äußer-politischen Aktion , und so nebenbei eine halbe Million Todesurteile . Auch dieses Aktenstück habe ich in die roten Hefte eingetragen . Es lautete : » Die Regierung Sr. Majestät des Kaisers der Franzosen konnte den Plan , einen preußischen Prinzen auf den spanischen Thron zu erheben , nur als ein Unternehmen gegen die territoriale Sicherheit Frankreichs betrachten und hat sich daher genötigt gesehen , von Sr. Majestät dem Könige von Preußen die Versicherung zu verlangen , daß eine ähnliche Kombination mit seiner Zustimmung nicht wieder vorkommen werde . Da Se . Majestät diese Zusicherung verweigert und im Gegenteil unserem Gesandten erklärt hat , er gedenke sich für dieses Vorkommnis die Möglichkeit vorzubehalten , die Umstände zu befragen , so hat die kaiserliche Regierung in dieser Erklärung des Königs einen Hintergedanken erkennen müssen , welcher für Frankreich und für das europäische Gleichgewicht ( da haben wir ' s schon wieder , das berühmte Gleichgewicht : Seht dieses Wandbrett mit den kostbaren Schalen darauf - es schwankt - die Schalen könnten herunterfallen - also schlagen wir hinein ... ) bedrohlich ist . Diese Erklärung hat einen noch schwereren Charakter erhalten durch die Mitteilung , welche dem Kabinett gemacht wurde , von der Weigerung , den Gesandten des Kaisers zu empfangen und mit ihm neue Auseinandersetzungen einzuleiten ( also durch solche Dinge : mehr oder minder freundlichen Verkehr zwischen Regenten und Diplomaten , wird das Schicksal der Völker bestimmt ... ) . Infolgedessen hat die französische Regierung es für ihre Pflicht ( ! ) gehalten , ohne Verzug an die Verteidigung ( ja , ja , Verteidigung - niemals Angriff ) ihrer verletzten Würde , ihrer verletzten Interessen zu denken , und entschlossen , zu diesem Zwecke alle Maßregeln zu ergreifen , welche von der ihr geschaffenen Lage geboten werden , betrachtet sie sich von jetzt an als im Zustand des Krieges mit Preußen . « Zustand des Krieges ... Bedenkt Derjenige , der auf dem grünen Tuch seines Schreibtisches dieses Wort zu Papier bringt , daß er seine Feder in Flammen getaucht hat , in blutige Thränen , in Seuchengift ? ... Also wegen eines für einen vakanten Thron gesuchten Königs und infolge einer zwischen zwei Monarchen gepflogenen Unterhandlung war diesmal der Sturm entfesselt ? Sollte Kant doch recht haben mit seinem ersten Definitivartikel zum ewigen Frieden : » Die bürgerliche Verfassung in jedem Staate soll republikanisch sein ? « Allerdings fielen durch Verwirklichung dieses Artikels manche Kriegsursachen weg , denn