kreuzen . Rother mußte grüßen und that es . Ella dankte kaum und sah gradaus . » Wen grüßtest Du denn da ? « fragte Wolffert verwundert . » Ella , « erwiderte Jener lakonisch . » Kennst Du sie denn ? « » Oberflächlich . - Was Marat betrifft « - - Sie trafen nachher noch einmal den Lassen , diesmal allein , dessen Gesicht voll Glück strahlte . Im selben Augenblick kam die » Freundin « und winkte ihm . Er stürzte ihr nach und schlug sich seitwärts in die Gebüsche . » Aha , die Alten sind weg oder haben das Lamm aus den Augen verloren ! « gähnte Wolffert . » Der Glückliche ! Unbeobachtet von tausend Argusaugen ! « » Hm , « machte Rother kalt . » Wird wohl Schwindel sein . Der sieht mir doch gar nicht aus , als ob ein anständiges Mädchen - « » Das verstehst Du nicht , « kanzelte ihn der Olympier mit überlegenem Lächeln ab . » Uebrigens bekannte Geschichte . Ich selber weiß es ja . Habe ihre Briefe an ihn gelesen . Sie hängt sehr an ihm , sehr ! « » So , so ! « verlautbarte sich Rother gedehnt . » Also , um auf den besagten Hammel zurückzukommen , Desmoulins « - - Er ging langsam nach Hause . Der Lärm der Wagen und das Rauschen der Musik verhallten hinter ihm , wie ein Rausch von Lust und Leichtsinn . Aus Versehen schlug er eine falsche Richtung ein und gerieth in das Erlenwäldchen , welches den Kanal entlang nach der heutigen Stadtbahnstation führt . Er war mutterseelenallein , diese Gegend damals noch völlig unbelebt , nach der Richtung des heutigen Kurfürstendamm lauter öde Sandflächen und Sümpfe . Hier konnte Einem der Hals abgeschnitten werden , ehe man einen Laut von sich gab . Er schritt fürbaß mit wildpochendem Herzen . Eine nebelige Mondnacht . Man konnte Erklönig lind seine Töchter durch die silberborkigen Erlen flattern sehen . Kohlschwarz lagen im Kanal die Torfschiffe Und Obstkähne , die einen eigenthümlich fauligen , Geruch verbreiteten . In der Finsterniß sahen sie wie Krokodile aus . In der Ferne brausten die Wogen der sogenannten Selbstmörder-Schleuse und ein einsamer Hund bellte den Mond an . Auch der einsame Wanderer sah zum Monde und fühlte einen geheimnißvollen Schmerz , als wolle seine eingesargte Seele den Körper sprengen . Ihm war , als fräße ein Polyp an seinem Herzen , als athme er umsonst nach freier Luft . Er athmete überhaupt schwer und unregelmäßig - schon damals spürte er sein Brustleiden . Wie der Mond sich wunderte über das thörichte Menschenkind voll Jünglingsbrunst und Mannesernst , dessen Seele zu groß für seinen schmächtigen Körper ! Wie er so dastand an der Schleusenbrücke , schien Alles um ihn zu versinken . Alles verloren . Was eigentlich , er wußte es nicht klar . Aber sein Lebensglück , sein Leben für immer verloren , verdorben . Diesen Ekel , diese Verachtung , diese gräßliche Selbsttäuschung überwand er nicht . Einen Augenblick dachte er ernstlich nach , ob er nicht ins Wasser springen solle . Es war damals Mode in Jung-Berlin , sich wegen Durchfall im Examen oder Schuldenmachen rundweg ins Jenseits zu befördern - eine wahre Manie , die sich bis auf die überbürdeten Tertianer der Gymnasien hinab erstreckte . Aber seine geistige Natur war denn doch zu nervig auf Selbstgefühl erbaut und sein Größenwahn kam ihm zu Hülfe . Er verzweifeln wegen eines solchen Geschöpfes ? Pfui ! Lächerlich ! - - Er fand sich richtig zur Charlottenburger Pferdebahn quer durchs Wäldchen nach rechts hinüber , die ihn nach Berlin zurückbrachte . Wie lange war das Alles vergessen ! wie lange war diese erste Jugendflamme des Narrenherzens , nachher eine glänzende Ballkönigin , die eine ihrer würdige » große Parthie « machte , seiner Erinnerung entschwanden ! Seltsam , daß er heut so klar an das Alles dachte , als wäre es gestern gewesen . War es nicht symbolisch gewesen für sein ganzes Leben ? Eine mimosenhaft zarte Natur wie die seine konnte nur bestimmt sein , sich ewig zu täuschen und getäuscht zu werden . Das Naturgesetz , das in des Menschen Wesen bei seiner Geburt gelegt , entwickelt sich logisch fort in tausend Varianten . So gleiten die Tage spurlos dahin in Lebenshaß und Todesfurcht , sie häufen sich hinter uns wie welke Blätter , wie schemenhafte Nebel . Wir fühlen das Naturgesetz , daß die Tugend sich selbst belohnt , und fröhnen dennoch dem Laster , um die entnervende Langeweile abzuschütteln . Wille ? Selbstwiderspruch ist das einzige Unrecht . Warum hat die Natur uns unglückliche Schufte und schuftige Unglückliche zur Sünde erzeugt , und straft uns hinterher , weil wir dieser Bestimmung folgen ? Warum lauert der Vampyr des Ueberdrusses über dem Schlangensumpf der Begierden . Arbeite ! Was ? Warum ? Ja , so erbärmlich ist unser Loos , daß der Fluch Adams unser einziger Segen scheint - eine Art Opium , um den Dämon des Gedankens zu betäuben , der uns umherjagt wie einen Verbannten , der sein Exil und sein Urtheil in sich selber trägt . - - Es giebt Momente , wo das Gefühl des Schmerzes zu maßloser Ungerechtigkeit in Beurtheilung der Mitmenschen und überspannter Geringschätzung des gesammten Außenlebens , der Sansara , führt . Ein Abgrund scheint sich plötzlich vor dem Auge des Denkenden zu öffnen : die Nichtigkeit menschlichen Strebens , die Eitelkeit menschlicher Genüsse grinst dem menschlichen Geist entgegen , der zurückschaudert wie der Basilisk bei seinem Anblick im Spiegel . Graue Wüsten ohne Palmen der Schönheit und Quellen der Reinheit dehnen sich endlos umher , die Oase der Liebe ist vom Samum der Leidenschaft verschüttet und Bülbul Poesie scheint eine geschwätzige Elster . Das ist der Abgrund des ewigen Weltwehs - der Schemen Nirvana steigt aus ihm empor , um uns mit Spinnenarmen ins Nichts hinabzureißen . Von Hügel zu Hügel schweifen meine Blicke über die unendliche Fläche hin und eine Stimme dringt vernehmlich an mein Ohr : Nirgends hier erwartet Dich das Glück . Was hülfe es mir , den Lauf der Sonne zu begleiten - ich begehre nichts , was sie bescheint . Wie eine sturmverschlagene irrende Seele , schleiche ich durch die Welt . Der Wagen der Nacht durchrollt die Aetherwogen . Die Zweige rispeln . Es ist , als höre man die Schatten der Todten dahinschweben . Ein Mondstrahl berührt sanft meine Stirn , als wolle er Licht streuen in meine dunkele Seele und ihr das Geheimniß der Sphären enthüllen , als wolle er die Morgenröthe eines Jenseitstages prophezeien . Der Wälder niederhängende Wipfel bedecken mich mit Frieden und Schweigen . Die Bäche , unter Laubbrücken verborgen , schlängeln sich durch die Thäler und spiegeln sie ab . Sie mischen ihre murmelnde Fluth und verlieren sich dann spurlos . So ist die Quelle meiner Jugend zerronnen , ohne Rückkehr . Doch jene Fluth ist klar und meine Seele so trüb . Wie ein Kind vom Ammenliede gewiegt , schlummere ich ein zum Gemurmel des Wasserfalls . Die Berge stehen sich gegenüber wie feindliche Brüder , die dort in ihrem Haß versteinert . Schon tausend Jahre stehen sie so mit gefurchtem runzligem Antlitz , schneeweiß bleichte ihr Haar . Doch Abends , wenn die Sonne sie überglüht , dann brechen die Wunden auf , dann überrieselt Blut ihre Stirn . Ein unbesieglicher unwiderstehlicher Drang nach Selbstvernichtung jauchzte in dem totmüden Menschenwurm empor . Ihm war das All götterlos , ohne Ordner und Lenker . Kein Steuer leitete ihn durch den Ocean des Unendlichen und der feste Strand der Erde widerte ihn an . Aber sein Gedanke kreuzte furchtlos durch den unendlichen Raum , von der Ahnung des Unvergänglichen getragen . Eine sterbeselige Todessehnsucht dehnte und weitete seine kranke Brust . Wenn die trivialen Freuden des Lebens als werthlos versinken , wenn selbst die äußere Schönheit der Natur nicht mehr befriedigt , wenn der kindliche » liebe Gott « , die formelle Religion , in Staub zerfiel und der wahre Gott noch nicht an seine Stelle trat - dann erfaßt das Gemüth eine brünstige Leidenschaft für die reinen wandellosen Elemente , denen der Mensch mit seinem geistigen Hochmuth und seiner physischen Niedrigkeit als Zerrbild gegenübersteht . Eine schmerzliche süße Begierde verlangt sich aufzulösen , aufzugehen im Grenzenlosen . Ja , er mußte sterben . Das war das Beste , das Beste . Wozu die paar Jahre noch hinschleppen eines elenden kümmerlichen Daseins , den verglimmenden Docht noch schüren ? Aus , kleines Licht ! Ja , das war das Beste für ihn und für sie . Sie fürchte ihn , hatte sie gesagt . Und was sollte auch daraus werden ? Sollte er daheim die Folter weiter dulden , die Folter sie als Gattin dieses reichen Laffen zu sehn , unerreichbar und glücklich , während er verschmachtete ? Noch jetzt in seiner Weltabsagung und Selbstvernichtungsgier bäumte sein Größenwahn sich auf gegen solche Herabwürdigung seiner qualvollen Liebe . Da war das Beste , er ging . Ging in das Land , von wo kein Wanderer wiederkehrt . So ging er Allem aus dem Weg . Und wieder die Stiche in der Brust ! War er nicht ohnehin todgeweiht ? Ende es denn gleich mit einem Schlage ! Der Tod stand ihm plötzlich so anheimelnd nahe vor Augen , so greifbar wie ein Freund , der die Hand zum Gruße reicht . Ihm war , als habe er eigentlich nie gelebt ohne Todeswunsch und fange jetzt erst an , sich der Wahrheit bewußt zu werden . Aber wie es ausführen ? Sich mit dem Messer die Pulsadern öffnen ? O nein , unmöglich . Offenbarer Selbstmord - das taugte nichts . Dann würde man nach den Motiven fragen , Alles ausforschen , sein Geheimniß ihm entlocken . So würde Kathi ' s Zukunft erst recht verdunkelt werden . Das zu verhindern floh er ja gerade ins Grab . Da fiel sein Auge auf die Flasche mit Karbolsäure , die der Umschläge halber auf dem Nachttisch vor seinem Bette stand . Wie ein Blitz durchzuckte ihn der Gedanke , daß man glauben könne , er habe dies Gift mit der danebenstehenden Wasserkaraffe schlaftrunken verwechselt . Und leerte er die Flasche bei seinem angegriffenen und kränklichen Zustand , so genügte das wahrlich , um ihn alsbald zum Styx zu verschiffen . Er verschob die Ausführung auf den Abend des folgenden Tages . Leise Schauer fluthen über die Erde , sie bebt und athmet in beklommener Wonne . Berauschend duften ihre Seufzer , keusche Gefühle quellen empor als Blumen . Und sie entschlummert mit sanftem Erröthen bei dem Abschiedsblick des strahlenden Sonnengatten . Er - er lenkt ihre eigenen Pfade nach festen Gesetzen unwandelbar in rollendem Laufe von oben - aber ewig trennt der kalte feindliche Aether die Gatten nach festen Gesetzen . Einst wird kommen der Tag , wo aufjauchzend in brausendem Sturme in des Geliebten Arm stürzen wird die sehnende Erde . Aber sein Kuß ist Flamme und sein Odem Vernichtung . Und wie die Sonnenblume Apollos , wird sie verwehen . Wär ' er schon da , der wirbelnde Tag der Vernichtung ! O erschölle die grelle Posaune des Richters , wie ein Schwertstreich mitten durchs Herz des Weltalls , wenn im bacchantischen Reigen den Aether durchrasen mit entfesseltem Flammenhaar die Gestirne , scheiternd , wie Orlogschiffe mit brennenden Masten , im unermeßlichen Raum , dem brandenden Chaos ! O dann voll zu empfinden die Größe der Schöpfung in ihrem Sturze , wie die gefällte Palme deutlicher zeigt den Schwung ihres Riesenwuchses ! O zerschmettert zu werden zu einem Atome , das nur das Samenkorn eines künftigen Daseins ! Losgelöst vom Staub in geistigem Wesen durch die versinkende Welt dahinzufliegen , - zaghaft flatternd zuerst , wie staunend und gaukelnd ein Sommerfalter schwebt um schwarze Ruinen , - aber höher steigend , wie eine Lerche , die des Schöpfers Bewußtsein in Lieder aushaucht , - endlich mächtig entfaltend unendliche Schwingen , wie ein Aar aufsteigend zum Thron der Allmacht ! Dann zerreißt der Schleier vom Bild der Gottheit , und wir stürzen , vom Blitz ihrer Größe getroffen , zu ihren Füßen . - Hallelujah , Vernichtung ! Wird nicht das Blut den Adern der bleichen Erde schöner entströmen in unversieglichen Wellen , als es träge jetzt sickert , mit Fieberröthe , Gesundheit heuchelnd , tünchend die welken Wangen ? Ach , wenn die Welt-Galeere zerscheitert in tausend Stücke , an die wir Alle geschmiedet mit unlöslichen Fesseln - mitzusterben den großen Welttod , süßer ist ' s , als mitzuleben das Allsein ! Weltvernichtung , Selbstvernichtung ! Tausendmal größer als unsre winzige Erde , strömen Protuberanzen flammenden Dunstes von der Sonne aus , hornförmige Zacken an der Lichtscheibe , die wir bei klarer Strandluft mit bloßem Auge erkennen . Ist der Weltuntergang nah vor der Thür , bricht sie schon heran , die große Darkness , wo die Sonne alle Weltlichter verzehrend auslöscht ? Wo wir mit der Erde zu Spreu verbrennen oder vergletschern ? Und doch - des Menschen Geist umfaßt das All , steht darum über dem All . Die Alpen sind starr und leblos - wir leben , denken , handeln , wir sind mehr . Geist und Leib mag verderben , aber bleibt ein Prinzip der Existenz nicht in jedem von uns bestehen , das den Weltensturz überdauert ? Nun , und mag ' s denn sein , gehen wir unter ! Ob wir uns wie ein Bläschen Schaum der sich ewig neu gebärenden Woge der Materie mischen oder wie ein wesenloser Windhauch im Sturme der Zeit verwehen oder uns als Perle einfügen der Weltkette und gereinigt als krystallisirte Geistespotenz fortwähren - - namenloser Schmerz der Selbstvernichtung , du birgst namenlose Wonne . Ach , sterben , sterben ! Alles Schwankende sinkt ins Grab , gern gehe auch ich von hinnen . In jedem Grashalm fühle ich mich ja auferstehen . Rother hatte Schreibzeug verlangt . Mit tiefer Ueberlegung und stillem Bedacht schrieb er zwei Briefe nach Deutschland in ausstudirt jovialem Ton . Dieselben sollten für später als Beweis dienen , daß er sich keineswegs mit Selbstmordgedanken getragen habe und einem bloßen Unglücksfall erlegen sei . Der erste Brief lautete : Lieber Knorrer ! Ich befinde mich ( eine vorübergehende leichte Verwundung ausgenommen ) hier kreuzfidel - lebe , liebe , esse trinke und verdaue ausgezeichnet . Du machst Dir keinen Begriff , wie wohl mir ist , wie ich all meine Schmachtlappigkeiten jetzo belächele . Den Kameelshaar-Ueberzieher aus Salzburg , den Du stets empfiehlst , werde ich mir von hier aus bestellen . - Meine Studienmappe ist voll famoser Motive . Zur Berliner Kunstausstellung werde ich wohl noch ' was fertig kriegen . - Holla , da entschlüpft mir ein Gedichtlein , um das mich Freund Graef und Henry Francis Annesley beneiden möchten ! Eine Walküre . Minnelieder singt sie laut An der Wasserhölle Krater . Liebreich hinter uns miaut Der Familie treuer Kater . In den buschigen Schweif ich fasse Ehrfurchtsvoll , denn hier am Platze Wächst die ganz besondre Nasse , Uebergang zur wilden Katze . Nachtigallen suchen Rosen , Keine blühen hier am Stocke . Doch dafür zum Minnekosen Die lebendige Rose locke ! Ich bin eine Nachtigal hier , Bin ein Künstler , glaube dieses ! Rose , überleg ' den Fall Dir : Bin ich werth des Paradieses ? He , wie gefällt Dir das , alter Schwerenöther ? Habt ' s a Schneid ? Holdrio ! Dein Eduard I. der Tolle . Gegeben in unserm Hauptquartier zu Hönevoß . Der andre Brief war an seinen neuerworbenen gräflichen Intimus gerichtet . Ach ja , der erste Amant der schönen Verderberin ! Der saß jetzt seelenvergnügt daheim und sonnte sich in seiner neuen Gloriole . Rother lächelte bitter . Welch ein Fant und Esel , ein neuer Werther wie er , der sich noch obendrein schämen muß ! Und doch ! Lieber Graf Krastinik ! Mir geht es hier nicht übel . Nur eine Verwundung am Fuße , die ich mir zuzog , zwingt mich , meine Streifereien zu unterbrechen . Hoffentlich bin ich bald wieder hergestellt . Wie gehts ? Rüstig vorwärts streben , lieber Freund , und vor Allem das Leben recht wichtig nehmen ! Denn wenn man es belächelt , wie ' s es verdient , dann verliert man allen Arbeitsmuth . Als ich durch die Alpenwildniß mich ins Leere vorwärts schauderte , da dacht ' ich wieder : Was sind wir ? Wir sind Ein Punkt . Den Berggeist ruft ein Echo wach , Ein Aufschrei und ein dumpfer Krach . Purzelt dort eine Tanne nieder , Die aus dem Abgrund die schlanken Glieder Aufreckend zu Riesenhöhe sprießt Und über den Rand des Saumpfads schießt ? Nein , die Naturgewalten vom Boden Wollen ein edler Gewächs ausroden : Von dem Bergrutsch fortgeschoben Wurde ein Holzfäller droben , Glitt wohl aus im Gneisgerölle , Taumelt nieder zur Eiseshölle . Und damit ist der Punkt gestrichen . Auch Du , der dem I-Punkt stolz geglichen , I-A ! Wirst wie ein andrer Punkt In die Tinte des Nichts hineingetunkt . Aber man muß solche Stimmungen überwinden . Gewiß , wir Menschen leiden ja alle an Größenwahn , indem wir uns Ameisen auf diesem planetarischen Kehrichthaufen für wichtig halten . Aber was kommt dabei heraus , über unsere Nichtigkeit zu brüten ! Ueber die hohen Fjällen . Die Luft ist so klar und so frisch und so leicht Auf den Fjelden . Der alte Adam von hinnen weicht , Ich fühle mich frei und als Helden . Hinauf zur Alm ! Ihr Morgenpsalm Ich will ihn euch melden . Der zitternde Halm , der springende Salm Singt : Frei , wir sind frei auf den Fjelden . Sonnenaufgang in Gudbrandsdalen . Was rollen die Wogen des mächtigen Logen Doppelt so fröhlich daher ? Alphörner klingen , Dammhirsche springen Durch der Wälder wallendes Meer . Ihre Lilienstirne , die keusche Firne Der Bergjungfrauen , sie sprüht In rosigem Licht . Eisbrünne bricht , Brunhilds Schneebusen erglüht . Das ist die Sonne , die so mit Wonne Die Seele des Weltalls schwellt . Aus Nacht und Sorgen ist jeder Morgen Eine Auferstehung der Welt . Am Falkenhorst . Heil , Freya , falkenäugiger Schwan ! Dich flieht der Selbstsucht Pfau ! Dich flieht der pfäffische Cormoran . Bitt für uns , unsre liebe Frau ! Du Falk von echter Isländischer Zucht Aus der Freiheit Heim im Nord , Du Göttin reiner Liebe , Dich sucht Meine Sehnsucht fort und fort . Mit bestem Gruß Ihr Rother der Schwachmatikus . Nachdem die Briefe convertirt und zum Absenden dem Wirth übergeben , wobei er lachte und scherzte , raffte Rother sich zusammen zum letzten Entschluß . - - Der Erde schläfert leise und die Seele sucht Ruhe , Ruhe . Der müden Sonne fallen die Augen zu . Was rollt die Erde ohne Ende durch das rollende Aethermeer ? Nur den wiegt feste Ruhe , wer unter der Erde ruht . Es pocht , es pocht ans Fenster . Ist es der Regen , der leise niederraschelt ins Farrenkraut ? Wuchtig und langsam schlägt ein schwerer Tropfen aufs Fensterbrett , eintönig wie eine sich langsam reibende Feile . Was pocht , was pocht und hämmert da draußen und hier drinnen im Herzen ? Wird da ein Sarg gezimmert , ein Sarg der sterbenden Liebe ? Was pochst Du , Herz so wild und laut , Du nimmermüde Uhr ? Dein Zeiger weist , Dein Pendel tickt Dem Tod entgegen nur . Einsam , einsam ! Sind alle Wege verschneit , schleicht ein frostiges Verderben umher und mäht die märzlichen Keime ? Die Flocken fallen , fallen . Durch die Seele geht bleicher Tod , ein schneeiges Bahrtuch deckt die jungen Blüthen . Ihm war , als wolle seine Seele hindämmern ins dunkle Reich der Schatten , wo träumerischer Friede auf Asphodeloswiesen blüht . Der Puls der Zeit steht still , steht still . Ein Heimweh nach dem Nichts säuselt im Abendwind räthselvoll durch alle Wipfel . Zum Sterben müde stehn die alten Bäume . Wie Träume spinnen sich Nebel , vom See aufsteigend , um ihr Haupt . Ueber der Sonne purpurnen Talar gleitet der Hermelin der Nacht . O dürfte so die Welt mit eins in Nacht versinken und ihn nie mehr leeren , den bittern Sonnenkelch der Lebewesen ! Ein tödtliches Gelüsten berauschte ihn mehr und mehr . Der buhlerische Frühlingsstrahl lockte ihn hinab in die Tiefe , wo kein Winter stirbt und kein Frühling erwacht . In übernächtigem Frost erstarrte der Quell der Thränen und die Hoffnung läßt sich nicht mehr narren . Vorbei , vorbei ! Langsam und bedächtig erhob sich Rother auf seinem Lager und langte nach der Flasche mit Karbolsäure . Er öffnete den Stöpsel und roch daran . Der unangenehme Geruch flößte ihm Ekel ein . Er schüttelte sich . Dann roch er widerholt , um sich daran zu gewöhnen , damit nicht der Geruch ihn beim Trinken zum Vomieren veranlasse . Seiner Willenskraft gelang es . Jetzt setzte er die Flasche an den Mund - - Wie dem Ertrinkenden , gaukelten ihm tausend Bilder vor Augen . Was ihm je geraubt , was in unerbittlichem Morden sein Leben ihm hingeschlachtet , - es hob sein träumerisches Haupt . Er wagte kaum zu athmen , in ahnungsvoller Todeswonne . Ein Geist geht um von Baum zu Baum und der Nachtthau schwebt leis hernieder . Ist ' s Dein Geist , die fern von mir ? Nein , ich kann es nimmermehr vergessen , daß ich Dich geliebt . Ob die Leichensteine belasten mein müdes Haupt und alle Särge springen und ob das All zerbirst wie Glas , - dies Eine werde ich nie vergessen , nicht in Leben und Tod . Er blickte auf ihr Bild , das er stets auf dem Herzen barg wie ein köstlich Geheimniß . Was ihn einst durchflammt , es zuckte nicht mehr aus der Asche . Das Mondlicht thaut vom Himmel , die Sterne neigen sich nieder - doch nie strahlt die versunkene Welt im Flammengrabe des Herzens . Hinüber , hinüber ! Der Hauch gestorbener Liebe betäubt das traummüde Hirn und zu einer ewigen Liebe jenseits der Erde dichtet es sich hinüber , hinüber . Er trank . Dritter Band . Grand parmi les petits , libre chez les serviles , Si le génie expire , il a bien mérité . Lamartine . » Sie haben mir noch einen Poeten , den X , gebracht . Den habe ich weggeworfen . « » Majestät , den werf ' ich auch weg ! « Friedrich der Große , Gespräch mit Gellert . Vor Schelmen , die den Mantel der Gerechtigkeit gebrauchen , vor denen kann sich kein Mensch hüten . Die sind ärger als die ärgsten Spitzbuben und verdienen doppelte Bestrafung . Friedrich der Große . Die Gründer des Christenthums , diese Nachfolger der jüdischen Propheten , weisen alle auf das Ende der Welt hin ; und sonderbar , mit diesem Hinweis reformiren sie die Welt . Renan , Geschichte des Volkes Israel . Neuntes Buch . I. Den Goldfischteich bestreuten dicht die pfirsichfarbenen Blüthen der Kastanienbäume , welche ihr dunkelgrünes Haupt beschaulich in dem schmutzigen Wasser spiegelten , das mit Laich punktirt aussah , als habe sich ein Mückenschwarm wie ein Schleier darauf geklebt . Der ganze Thiergarten troff noch von dem erquickenden Regen , gleichsam durchsaugt von fruchtbarer Feuchtigkeit . Und jetzt sickerte das Sonnenlicht überall durch , bis der Wald von eitel Licht getränkt und von glänzendem Goldstaubregen zu riefen schien . Die Dämmerung wandelte sacht heran und könte dies goldgrüne Sommergewand der Natur zu stilleren sanfteren Farben ab . Die zackigen Firste um den Ziethenplatz her hoben sich dunkel in den lichten Horizont , welchen fern nach Nordwesten ein schwüler brenzeliger Schein umwob . Ein Sternlein blinkte am Himmel wie eine schläfrige Nachtkerze in lichter Mittsommernacht , die kein eigentliches Dunkel gestattet . Alles zerfloß in ein liebliches gedämpftes Halblicht . Nur die Feldherrnstatuen am Ziethenplatz postirten sich schwer und massig umher und sogen allen Schatten in ihre Bronze ein . Leonhart und Krastinik schritten langsam , aus dem Thiergarten kommend , durch die Wilhelmstraße , dann am Café Kaiserhof vorüber ins Innere der Friedrichstadt . » Die Juden können weder noch sollen sie assimilirt werden . Sie nützen so den Deutschen , weil sie Eigenschaften haben , die uns abgehn . Und gerade durch den Kampf gegen sie sollen uns die eigentlich germanischen Eigenschaften zum Bewußtsein kommen . Das Judenthum ist eine uralte Weltmacht wie die römische Kirche und hat sein non possumus . Es wird nie untergehn . Selbst wenn es sich äußerlich ganz assimilirte ( wobei die viel empfohlene Racenmischung übrigens nur den Deutschen schaden könnte , weil die jüdische Race bekanntlich die stärkere ist ) , so würde es dennoch einen Geheimbund weiterbilden . « Krastinik , ein eifriger Antisemit , schüttelte zu diesen Worten Leonhart ' s ungläubig den Kopf . » Eine Macht wie die römische Kirche ? « » Ja gewiß ! Uebrigens ist der Katholicismus seinem Wesen nach ein semitischer Cultus . « » Was ! Wie ? « » Ja freilich ! Meine Freunde , die Antisemiten , halten immer schöne Reden , wir müßten zum Wodan-Cultus zurückkehren , um echte Germanen zu werden , und mit dem semitischen Christenthum aufräumen . Das ist aber grundfalsch . Das eigentliche Christenthum ist durch und durch arisch . Christus selbst , dessen Abkunft ja übrigens mythisch bleiben wird , hat ja erwiesenermaßen nur an indische Lehren angeknüpft , vielleicht auch an baktrische , und diese nun auf den Talmud reinigend aufgeimpft . Und die Apostel sind doch andrerseits ganz hellenistisch , Neuplatoniker wie Johannes mit seinem : Im Anfang war der Logos . Und der Logos ward Fleisch und wandelte unter uns . - Das ist wieder ganz braminisch gedacht : So wandelten Bramah , Wischnu und der Messias Buddah leiblich auf Erden . Der Sieg des Christenthums über die Welt war ein arischer und speciell ein hellenischer Sieg , gewiß kein jüdischer . « » Aber erlauben Sie , « bemerkte Krastinik sehr weislich , » die zelotische pharisäische Strenge gegen alle Fleischessünden gegenüber der heidnischen Auffassung ist doch ganz alttestamentlich ? « » Das wohl . Nur vergessen Sie nicht , daß man das Eifern eines Paulus gegen alle unnatürlichen Laster doch vor allem historisch betrachten muß . Das Christenthum bildete eine revolutionäre Sekte , welche die Welt reformiren wollte . Uebrigens ist ' s mit der Strenge nicht gar so schlimm , wenn man das spätere Geheuchele damit vergleicht - ganz abgesehen davon , daß die Urquelle Christus selbst ja die humane Toleranz so weit trieb , Maria Magdalenen mit seinem Umgang zu begnadigen . Wenn aber Paulus z.B. meint , daß Heirathen immerhin eine Schädigung der reinen Hingebung aus Ideale sei , so kann man ihm das wohl weder verübeln noch bestreiten . « » Somit vertheidigen Sie also das Cölibat der römischen Kirche ? « folgerte Krastinik sinnend . » Unbedingt . Der große Papst Gregor wußte , was er that . Gerade dadurch kräftigte er dies gewaltige System dermaßen , daß es noch heut hundert Jahre nach der französischen Revolution und fast vierhundert nach der Reformation unerschüttert besteht . O die römische Kirche - Hut ab ! Mit der wurde selbst Napoleon nicht fertig und wurde ausgenutzt , wo er auszunutzen dachte . Und überhaupt , Rom allein ist eine wahre Weltmacht und das einzig Positive in diesem allgemeinen Chaos und Krawall von staatlichem und nationalem Größenwahn . « Leonhart redete offenbar aus tiefster Ueberzeugung heraus . Der österreichische Katholik sah ihn verwundert an . » Das aus Ihrem Munde ? Und sind doch Protestant ? « » Ich - ich bin gar nichts , höchstens Christ nach der unverfälschten Urlehre . Aber als geschichtlich denkender Mensch urtheile ich anders . Und auch sonst ... wissen Sie wohl , wenn man dies haltlose moderne Treiben so gründlich satt hat ... ich könnte als Mönch enden ! « Krastinik fuhr ordentlich zurück . Die Worte gruben sich unauslöschlich in sein Gedächtniß ein . Leonhart brach jedoch ab und lenkte das Gespräch auf den Herrschergeist Hegels , diesen philosophischen Tyrannen , der tausendarmig alle Gebiete an sich zog . Es klang , als fühle er in Jenem einen Wahlverwandten , wie denn Krastinik in Leonhart längst eine geistige Despotennatur erkannt hatte . In der Alten Jacobsstraße trennten sie sich . Leonhart wollte noch nach der Dresdener Straße . » Ach , da sollen Sie ja ein Verhältniß haben ? « fuhr es dem Grafen heraus . » So ? Wer hat Ihnen das gesagt ? « » Ach , ich weiß nicht , - Mehrere . Alle Welt mokirt sich darüber . Sie sollen schon seit langen Jahren in Ihrem Stammlokal , einer Mädchenkneipe , da eine Wirthin anschmachten , die auch sonst Verhältnisse hat . Ich sage Ihnen das ganz offen , damit Sie sich vorsehn gegen das dumme Gerede . Was geht ' s mich an ! Adieu , lieber Freund . « » Und Sie wohin ? « » In den Verein Drauf . Sie kennen ihn ja . « Leonhart lachte herzlich . » Verein der Größenwahnsinnigen ; wer die meisten Pseudonyme hat , wird Weltpräsident - ja , den kenn ich . Na viel Vergnügen ! Ich trau ' mich nicht mehr hin , weil ich über die idealen Waffenbrüder Edelmann-Haubitz , die dem Jahrhundert den Stempel aufdrücken , einiges Vitriol ausgoß . Also adieu . « In der That hatten Ambrosius Sagusch und einige andere Sendboten des Himmels an Leonhart einen versteckten Drohbrief gesendet : was er mit seinen Anzüglichkeiten meine . Sie hofften nämlich , daß sie ihm correspondenzlich unvorsichtige Aeußerungen entlocken könnten , was - verbunden mit consequenter Undankbarkeit - zum System des »