sei , kann ich ja nicht , aber etwas doch ! Und so einer wie Mendele kommt ja nie wieder . « » Ihr habt ihn noch gekannt ? « fragte Sender . Mendeles Name war ihm natürlich bekannt wie jedem Juden des Ostens , er hatte auf seinen Fahrten von ihm wiederholt berichten hören , und die berühmteste Geschichte des » Königs der Schnorrer « : wie er mit Napoleon , nach Moskau gezogen , hatte ihn so erlustigt , daß er sie sich genau eingeprägt und oft anderen erzählt . Aber einem , der den merkwürdigen Mann noch persönlich gekannt , war er nie begegnet . » Erzählet doch « , bat er . Der Wirt wurde unruhig , doch mußte er Meyer gewähren lassen . Und so erzählte dieser mit Begeisterung von dem unübertrefflichen Witz , der stolzen Selbstlosigkeit , der Güte und Liebenswürdigkeit seines Vorbilds . Auch einige seiner Streiche kramte er aus , die Geschichte von der verhexten Henne , vom Bart des Wilnaer Rabbi und welche Schnippchen er den Heiratsvermittlern geschlagen . » Aber schließlich hat er ja doch geheiratet « , schloß er . » Und - jetzt erst fällt mir ' s ein , hier in der Gegend soll ja auch sein Sohn leben . « » Davon hab ' ich nie gehört « , versicherte Sender , und auch Simche , dem es ganz schwül ums Herz geworden , beeilte sich , dasselbe zu beteuern . Damit schien das Gespräch denn auch glücklich von dem heiklen Thema abgelenkt . Meyer erzählte nun Schnurren aus dem eigenen Leben , und Sender war nicht zu stolz , mit ihm zu wetteifern . Namentlich die Geschichte , wie er dem geizigen Chaim Burgmann als Geist seiner Schwester erschienen , und dann , wie er der strengen Verwalterstochter die beiden Hebammen ins Haus geschafft , rissen Meyer zu neidloser Bewunderung hin . » Ein Glück , daß Ihr ein Schreiber seid « , rief er , » denn wäret Ihr ein , Schnorrer ' geworden , wir könnten alle einpacken . Seit Mendele Kowner , mit dem Friede sei , hab ' ich so was nicht gehört ! « Plötzlich aber - Sender strich sich eben mit stillem Lächeln ums Kinn - wurden seine Augen weit und er beugte sich fast erschreckt vor . » Was ist das ? « murmelte er . » Wer seid Ihr ? « » Was habt Ihr ? « fragte Sender befremdet . Daß Simche totenblaß geworden , sah er zum Glück nicht . » Es ist nichts « , murmelte der » Schnorrer « . » Jetzt ist ' s fast weg . Eine Ähnlichkeit ist freilich noch da , aber früher war sie gar zum Erschrecken . Wenn ich nicht Euren Namen wüßt ' ... Nämlich , wie Ihr Euch da vorhin übers Kinn gestrichen habt - geschworen hätt ' ich , da sitzt Mendele Kowner . Grad ' so hat er ' s gemacht , grad ' so gelächelt , nachdem er ein feines Wörtel erzählt hat ... « » Also seh ' ich ihm etwas ähnlich ? « fragte Sender halb befremdet , halb geschmeichelt . » Wie hat er denn eigentlich - « Aber weiter kam er nicht . Simche erhob sich und begann das Tischgebet zu sprechen , obwohl sich der fremde Gast eben noch seinen Teller mit köstlicher » Kugel « vollgehäuft . » Verzeiht « , flüsterte er dann Meyer zu und zog ihn in eine Ecke . » Aber da hättet Ihr fast ein Unglück angerichtet . « Er teilte ihm das Geheimnis mit und schärfte ihm strengste Verschwiegenheit ein . » Aber das ist ja eine Sünd « , rief der » Schnorrer « . » Dem armen Mendele raubt Ihr den Kadisch und ihm den Ruhm , einen solchen Vater zu haben . « » Wenn ' s eine Sünd ' wär ' « , entgegnete der Fuhrmann , » so hätt ' s uns der Rabbi nicht so aufs Gewissen gebunden . « » Freilich , wenn ' s Rabbi Manasse sagt « , lenkte der » Schnorrer « ein , » aber wie fromm muß eure Gemeinde sein ! « Und dieser Ausruf war wohl begründet ; unter Leuten , die minder sklavisch jedem Gebot ihres Geistlichen gehorchten , wäre die Wahrung des Geheimnisses durch all die Jahre schwerlich denkbar gewesen . Nach dem Essen wollte Sender das Gespräch wieder auf Mendele Kowner lenken . Aber der Hausherr fuhr dazwischen . » Jetzt laß auch mich was erzählen ! « rief er . » Diese Woch ' war ich in Sadagóra und hab ' auf dem Rückweg in Zalefzczyki übernachtet . Da ist Theater ! Dieselben Spieler , die im Frühjahr in Chrostkow waren . Die Sach ' vom verliebten Schneider , von der Jütte erzählt hat , hab ' ich jetzt selbst gesehen - zum Totlachen ! Sehr gute Spieler ! « » Was Euch nicht einfällt ! « erwiderte Sender , » schlechte Komödianten ! « » Woher weißt du das ? Du hast sie ja nicht gesehen ? « Sender wurde verlegen . Er wußte es ja nur aus Nadlers Brief . » Das läßt sich ja denken . Gute Künstler würden auf der Czernowitzer oder Lemberger Bühne auftreten , statt sich bei einer Schmiere in Chorostkow oder Zalefzczyki herumzutreiben . « » Immer deutscher redet er « , lachte Frau Surke . » Man versteht ihn kaum mehr . « Der nächste Dienstag war der letzte Tag , den er in Barnow verbringen sollte . Dennoch erledigte er in der Kollektur alles pünktlich und stellte jeden Kunden zufrieden , sogar den Richter von Miaskowka , indem er ihm hoch und teuer schwor , das nächste Mal , wenn er ihn hier treffe , wolle er ihm alle fünf Nummern verraten . Dovidl sollte ihm nichts nachsagen dürfen . » Und daß ich ihn sitzen lass ' « , dachte er , » dafür hat er einen Trost , mein Monatgeld für Februar . « Des Mittags behob er sein Geld in der Sparkasse und nahm dann Abschied von Pater Marian . Schluchzend beugte er sich auf die welke Hand seines Wohltäters nieder . Auch der Pater war sehr bewegt . » Gott mit dir « , murmelte er , legte ihm die Hand aufs Haupt und sprach den Segen seiner Kirche über ihn . Sender litt es , aber er zuckte unwillkürlich zusammen . » Der Segen eines alten Mannes wird dir nicht schaden « , sagte der Greis und lächelte mit feuchten Augen . » Auch wenn es die Worte sind , die ich gewohnt bin . « Auch Fedko war in seiner Art gerührt . » Nun ist ' s auch mit diesem Slibowitz zu Ende « , sagte er . » Und einer wie du kommt nicht wieder . Denn wenn ich noch hundert Jahre lebe , einen so verrückten Juden wird es in Barnow nicht mehr geben . Ach ja , die Verrückten gehen , die Vernünftigen bleiben . Leb ' wohl , Senderko ! « In der Dämmerung ging er nach dem Gasthof des Freudenthal und ließ Jütte hinters Haus rufen . Erschreckt kam sie herausgestürzt . » Was ist geschehen ? « fragte sie , fuhr aber gleich fort : » Ich weiß es ja - Ihr geht morgen ! « » Woher wißt Ihr ! « » Ich hab ' ja längst davor - ich hab ' s ja längst geahnt « , verbesserte sie sich hastig . » Und Eure Mutter ? « Er seufzte . » Ihr werdet Euch ihrer annehmen ! « sagte er gepreßt . » Auch darum wollt ' ich Euch bitten . Lebt wohl ! « Sie schluchzte auf . » O , es ist hart - für die alte Frau - wollt Ihr nicht noch einige Tage ... Ich meine , bis es schön wird , sollt Ihr hier bleiben . Es ist so furchtbar kalt , das ist nichts für Eure Lungen ... « » Es geht nicht , Jütte . Ich werde erwartet . In Czernowitz . « Es war ihm nur so entfahren . » Aber Ihr verratet mich nicht . « » Ich ! Aber muß es denn sein ? « Sie rang die Hände . » Jütte « , sagte er , » was habt Ihr damals im Schloßhof gesagt ? Ihr wißt , es ist mein Lebensziel , was macht Ihr mir das Herz schwer ? « » Ihr habt recht « , stieß sie hervor . Dann rührte sie an seine Hand , murmelte etwas Unverständliches und stürzte ins Haus . » Das gute Mädchen ! « dachte er . » Welches Mitleid sie mit meiner Mutter hat . Ach , auch mir fällt ' s hart . « Er ging heim . Der Ostwind pfiff über die Ebene und wirbelte den Schnee auf ; sein eisiger Hauch ging durch Mark und Bein . Er achtete kaum darauf , seine Gedanken weilten bei der Mutter . Daheim nahm er alle seine Kraft zusammen , um unbefangen zu scheinen . Es gelang ihm doch nicht ganz . » Was hast du heut ' ? « fragte Frau Rosel . » Bist du nicht wohl ? « » Nur müd ' « , erwiderte er und erhob sich . » Gut ' Nacht « , sagte er mit abgewandtem Antlitz und stieg zu seiner Kammer empor . Dort erst ließ er seine Tränen fließen . » Mutter « , schluchzte er immer wieder , » Mutter « ! So saß er im Dunkeln , bis unten das Glöckchen klang . Das riß ihn empor . Er machte Licht , holte sein Geld hervor , legte zweihundertfünfzig Gulden in einen Umschlag und schrieb den Brief dazu , in hebräischen Lettern , die sie lesen konnte : » Verzeih ' mir , Mutter , verzeih ' , ich kann nicht anders . Alle sagen , daß ich zum Schauspieler tauge , und mein Herz sagt mir , daß ich dazu geboren bin . Darum geh ' ich in die weite Welt , es zu werden . Ich bin nicht schutzlos , gute Menschen nehmen sich meiner an . Es braucht dir nicht bang um mich zu sein , auch nicht meiner Gesundheit wegen ; ich fühl ' mich ganz gesund . Gott ist mein Zeuge , ich geh ' nicht leicht . Und Dich , Mutter , trifft ' s gar ins Herz . Aber es muß sein , glaub ' mir , und mein Trost ist , daß wir einst beide diese Stunde segnen werden . Auch Du , wenn Du mich glücklich siehst , denn Du hast ja immer für mich gelebt . Die Leute sagen , es ist Pflicht der Mutter , für ihr Kind zu sorgen , aber Du hast all die Jahre tausendmal mehr getan als Deine Pflicht . Und wie wenig Freuden hab ' ich dir gemacht - und nun diesen Schmerz . Aber ich kann nicht anders , ich kann nicht ! Das Geld da gehört Dir , als Sparpfennig für Deine alten Tage . Ich rat ' Dir , leg es in die Sparkasse , das bringt wenig Zinsen , ist aber sicher . Du darfst nicht glauben , daß ich Dir damit Deine Liebe bezahlen oder mich gar von Dir loskaufen will . Ich will Dir oft schreiben und Dich besuchen , so oft es möglich ist , und treu für Dich sorgen . Mutter , liebe Mutter , verzeih ' mir und leb ' wohl . « Die Schrift war etwas undeutlich , weil seine Hand zitterte . Auch war an einer Stelle ein Tropfen aufs Papier gefallen . Nun packte er seine Wäsche in ein Ränzelchen , das er aus seiner Fuhrmannszeit hatte , und legte die Bücher dazu . Dann griff er zu einer Schere und trat , die Kerze in der Hand , vor sein Spiegelchen . Es war ein bleiches , aber entschlossenes Antlitz , das ihm daraus entgegenblickte . Er legte die Schere an die Schläfen und schnitt sich die Wangenlöckchen ab . Dann griff er zum Kaftan , den er mitnehmen wollte , um auch ihn » deutsch « zu machen . Er schnitt zwei Spannen ab und nähte den Rand zu , so gut er konnte . Während dieser Arbeit hielt er oft inne und lauschte bang . Das Glöckchen klang in dieser Nacht nicht wieder , das Wetter war gar zu schlimm geworden . Der Ostwind war zum Sturm angewachsen , umheulte das Haus und wirbelte den Schnee hoch empor . Es war eine böse Nacht . Gegen die vierte Morgenstunde war er fertig . Nun hatte er nur noch eins zu verrichten : sein Morgengebet . Er schlang den Gebetriemen um Haupt und Arm , schlug sein altes Büchlein auf und betete inbrünstig . Seine Seele lag vor Gott im Staube und flehte um Trost für die Mutter , um Gedeihen auf seinen Wegen . » Du hilfst denen , die reinen Herzens sind und das Gute wollen - « ja , er durfte auf Gottes Hilfe vertrauen .... Als er das Büchlein zuklappen wollte , fielen ihm wieder einmal jene seltsamen Widmungen ins Auge , die er seither so oft gelesen . » Dies Büchlein soll meinem Kinde gehören , es ist das einzige , was ich ihm vermachen kann . Aber da ich nun weiß , wie gnädig der Herr ist , so weiß ich auch , daß dies Büchlein meinem Kind zum Segen sein wird . « » Armer Mann « , dachte er , » dein Segen gehört nicht mir , aber von deinem Büchlein will ich mich doch nie trennen . « Er steckte es in die Tasche seines Mantels , hob das Ränzel auf die Schultern , griff nach Hut und Stock und kletterte die Treppe hinab . Im Flur vor der Schlafkammer der Mutter hielt er an und lauschte . Aber er konnte die Atemzüge der alten Frau nicht vernehmen , der Wind heulte zu laut . Geräuschlos suchte er die Tür zu öffnen . Der eisige Sturm fuhr herein , er mußte alle Kraft aufbieten , sie wieder zu schließen . Wie betäubt stand er einen Augenblick still , so schneidend umschnob ihn der Wind , und die Schneesplitter stachen ihm in die Augen . Dann aber richtete er sich entschlossen auf und schritt in die Nacht hinaus , einem neuen Leben entgegen . Achtundzwanzigstes Kapitel Hunderte von Meilen erstreckt sich die Ebene gegen Osten , darum hat der Wind , der von dieser Seite weht , eine furchtbare Gewalt , und wächst er zum Sturm an , so bergen sich Mensch und Tier vor seinem tötenden Odem und trauen sich nicht eher hervor , bis er ausgetobt . » Gott , dem Teufel und dem Oststurm kann niemand widerstehen « , geht das Sprichwort in Podolien . Er läßt das Blut erstarren , wirft den Stärksten wie einen Halm nieder und begräbt ihn unter dem Schnee , den er haushoch emporwirbelt ! Wütet er mit voller Wucht , so ist kein Entrinnen vor ihm , und alles Leben , das ihm in die grausamen Fänge gerät , erstickt und verkommt . Noch hatte der » Verderber « , wie sie ihn in der Ebene nennen , in dieser Nacht nicht seine volle Kraft gewonnen . Aber furchtbar genug trieb er es schon , und nach hundert Schritten mußte sich Sender sagen , daß er ein törichtes Wagnis begonnen - nicht mehr . An eine ernste Gefahr glaubte er nicht , obwohl er immer wieder mit abgewandtem Antlitz , den Rücken gebeugt , die Füße breit auseinandergestemmt stehen bleiben mußte , bis ein Windstoß vorüber war , und auch dann nur langsam , Schritt für Schritt vorwärts kam , weil der Fuß im Schnee versank und die eisige Luft das Atmen erschwerte . Aber er hatte nicht umsonst Jahre seines Lebens auf der Landstraße zugebracht . » Zum Schlimmsten kommt ' s heut ' schwerlich « , dachte er , » gegen Morgen wird ' s besser . « - Freilich war ' s eine volle Meile bis Miaskowka , aber wenn er erst den Fußweg erreichte , der etwa halben Weges von der Heerstraße abzweigt , dann ging ' s leichter . Der Fußweg kürzte die Straße ab und ging durch eine Schlucht , wo der Sturm gelinder war . Und er arbeitete sich weiter , von einer Pappel zur anderen , die an der Straße standen , schwer atmend , in Schweiß gebadet , so lang er vorwärts stapfte , dann erstarrend , wenn er innehalten mußte , aber trotzigen Mutes . Da urplötzlich mit einem Schlage , als hätte eine Riesenfaust dem Verderber die Kehle zugeschnürt , verstummte er . Die Luft ward still , der aufgewirbelte Schnee fiel zur Erde , das Dunkel lichtete sich , daß die verschneite Straße weithin sichtbar wurde . » Barmherziger , erbarme Dich ! « stöhnte Sender auf und blieb von Entsetzen gelähmt stehen . Er wußte , was diese jähe Stille bedeutete . Der Sturm sammelte neue Kraft , noch eine Minute , und er kam als Orkan wieder , der alles tötete und dann begrub . » Zurück « , dachte er , » das Haus erreiche ich vielleicht wieder , den Hohlweg nicht mehr . « Er wandte den Fuß . Da durchfuhr ' s ihn , daß er sich den Rückweg abgeschnitten , buchstäblich , mit der Schere ; ohne Wangenlöckchen , im kurzen Kaftan konnte er der Mutter , den Leuten nicht mehr vor die Augen treten . Und dann war enthüllt , daß er ein » Deutsch « werden wollte .... » Vorwärts ! « Und wie ein Verzweifelter eilte er weiter , als gäbe es ein Entfliehen vor dem Verderber . Aber da war er plötzlich wieder , der Ungeheure . Ein langgezogenes , heulendes Brausen flog ihm voraus , dazwischen dumpfes Dröhnen und Knattern , das Geräusch der splitternden Äste und Bäume ; es wurde dunkel , und nun kam er mit entsetzlicher Wucht dahergejagt . Blitzschnell hatte sich Sender auf den Boden geworfen , so allein entging er dem Lose , von dem Rasenden erfaßt und einige Schritte weiter hingeschmettert zu werden . Plattgedrückt lag er auf dem Schnee , das Gesicht nach der sturmfreien Seite gewendet , um atmen zu können . Aber der Schnee überdeckte ihn immer dichter , er drohte ihn zu ersticken .... Er wollte sich erheben ; der Orkan drückte ihn nieder . Da raffte er alle Kraft zusammen und kroch auf Händen und Füßen vorwärts , bis er die nächste Pappel erreicht . Hier konnte er wieder atmen , aber nun fühlte er , wie ihm die Kälte langsam die Glieder umschnürte . Noch konnte er sich regen , sie abwehren - aber wie lange .... Da wurde es abermals plötzlich still , grabesstill , nur der aufgerührte Schneestaub fiel mit leisem Klirren nieder , und fern , fern ächzte etwas auf . Vielleicht ein Ast , der sich vom froststarren Stamm löste , vielleicht ein verendendes Tier . Sender suchte sich emporzurichten und blickte um sich . Auf dem Acker zur Rechten sah er im matten Schein des Schnees ein Kreuz ragen ; er kannte es , es stand etwa halben Wegs zwischen dem Städtchen und dem Hohlweg ; eine Viertelmeile hatte er nun doch zurückgelegt , freilich war die Stille ein böses Zeichen . Noch hatte der Orkan nicht seine volle Höhe erreicht , nun galt es jeden Atemzug nützen , bis er wiederkam .... Und wieder watete er durch den Schnee weiter , so rasch ihn die zitternden Kniee tragen wollten , mit keuchender Brust , schweißbedeckt weiter ... weiter .... Bald mußte zur Rechten eine kleine Kapelle auftauchen , am Feldweg gegen Biala , vielleicht konnte er sie erreichen , ehe der Orkan losbrach .... Er spannte alle Sehnen an , da , nicht zehn Schritte weit , schimmerte die Kapelle ... Aber im selben Augenblick kam der Orkan herangebraust über die ungeheure Ebene , Erde und Himmel ächzten auf und wurden zu einem weißen , brüllenden , stöhnenden Chaos , blitzschnell - ehe sich Sender niederwerfen konnte , fühlte er sich von der Riesenfaust gefaßt und durch die Luft getragen und niedergeschmettert , daß ihm die Sinne vergingen . Nur einen Augenblick , dann riß ihn die Todesangst empor . Wie eine schwere , eiskalte Hand legte es sich auf sein Antlitz und hielt ihm den Mund zu , daß er sich ersticken fühlte . Der Sturm hatte ihn in den Straßengraben geworfen und mit Schnee bedeckt . Er schlug um sich . » Hilfe , Hilfe ! « röchelte er , nun konnte er wieder atmen . Langsam arbeitete er sich aus dem Graben hervor und kroch zur Kapelle , während über ihm das ungeheure Wüten der Lüfte forttobte . In der Kapelle brach er halb ohnmächtig zusammen . » Wach bleiben , bei Vernunft bleiben ! « murmelte er und griff nach Schnee , die brennende Stirne zu kühlen . Da fuhr er zusammen , aus einer Ecke der Kapelle kam ein wimmernder Laut , dann ein leises Heulen . Es mußte ein Tier sein , das sich da geborgen . Und nun kam es langsam auf ihn zu - ein Wolf ? ein Hund ? Mit wirbelnden Sinnen faßte er seinen Stock und hob ihn . Das Tier kauerte sich nieder und wimmerte und wedelte mit dem Schweif . Nun sah er , es war ein Hund . » Moskal ! « rief er , es ist der verbreitetste Hundename in jener Landschaft . Zufällig mochte er es getroffen haben , der Hund kam heran , leckte ihm die Hände und schmiegte sich dicht an ihn . Sender ließ es geschehen und kraute ihm das Fell . So trösteten und wärmten sie sich gegenseitig , der Mensch und das Tier . Und beide hatten wohl in diesem Augenblick tiefster Angst vor dem Toben der Natur dieselbe und keines eine höhere Empfindung . Dann begann Sender seine Gedanken zu sammeln . Die schlimmste Gefahr war nun wohl vorbei . Noch tobte der Orkan in ungeschwächter Kraft fort , aber lange , das wußte er , konnte dies nicht mehr währen . Entweder linderte sich allmählich seine Gewalt oder es trat jählings eine neue Stille ein , wo der Verderber gleichsam Atem schöpfte . In beiden Fällen konnte er die Schlucht erreichen , dort war sicherlich leichter vorwärts zu kommen . Denn hier sitzend den Morgen heranwachen , war unmöglich ; es wäre der sichere Tod gewesen . Die Kälte war entsetzlich . Wieder fühlte er , wie sie sich um seine Glieder legte , die Füße wurden starr und die Hände . Er sträubte sich dagegen , suchte sich aufzurichten , preßte den Hund fester an sich . Aber seine Bewegungen wurden immer langsamer , seine Kraft verließ ihn .... » Schlafen ! « murmelte er und schloß die Augen . » Aber Schlafen ist Tod ! « fuhr es ihm durchs Hirn , und er richtete sich angstvoll auf . Aber sich zu erheben , vermochte er nun nicht mehr . Wieder sanken ihm die Lider zu . Anders der Hund , vielleicht weil sein Instinkt der schärfere war . Er schüttelte sich und bellte , leckte dem Menschen übers Gesicht und zerrte an seinem Rock . Das brachte Sender wieder zu sich . Er taumelte empor , begann auf und nieder zu stampfen , sich zu schütteln . Dabei kollerte etwas aus seinem Rock zur Erde nieder . Es war sein Gebetbuch . Er hob es auf und umklammerte es mit beiden Händen . Ihm war ' s , als strömte ihm daraus neue Kraft zu , als hätte er damit Gottes Gewand gefaßt und brauchte es nur festzuhalten , um nicht zu vergehen . Das Gebet , das man in Lebensgefahr zu sprechen hat , fiel ihm wieder bei , er sprach die Worte vor sich hin . » Herr über Leben und Tod , begnade mich zum Leben ! « Der Klang der eigenen Stimme gab ihm neue Kraft , er kauerte sich wieder hin , das Büchlein legte er neben sich und die Rechte drauf , und der Hund kam wieder herangekrochen . Da wurde es wieder einmal jählings still . Nun auf - zur Schlucht ! Sender erhob sich , erst als er ins Freie trat , wurde er gewahr , daß ihm der Orkan den Hut entführt - wer weiß , wie viele Meilen weit . Er band ein Tuch um den Kopf und schritt aus - der Hund folgte . Da erhob sich jenes Ächzen , das er vorhin gehört . Es war ein heiserer , krächzender , langgezogener Laut . Sender erstarrte das Blut : das waren Wölfe ! Auch der Hund hatte wohl den Ton erkannt , er blieb , den Schweif eingeklemmt , stehen , und stieß ein ängstliches Heulen aus . » Das hilft nichts « , murmelte Sender . » Vorwärts ! der Ton scheint von der Straße zu kommen , ich will in die Schlucht . Mit Gott ! « Und er tastete nach dem Büchlein . Er fand es nicht . Er durchwühlte die Taschen , er hatte es nicht mehr . Da fiel ihm bei , daß es wohl in der Kapelle liegen geblieben . Er blickte zurück , kaum zweihundert Schritte war ' s bis dahin , aber nicht viel mehr zur Schlucht , und auch diese Stille währte wohl nur kurz . Aber gleichviel , der Hut ließ sich ersetzen , das Büchlein nicht . Und er eilte zurück , der Hund folgte mit freudigen Sprüngen . Da lag das Buch wirklich zu Füßen des Kreuzes . Er hob es auf - da brach der Orkan wieder los . Abermals war er in der Kapelle festgebannt , von neuem begann der Kampf gegen die Kälte . So geschwächt seine Kraft war , Sender fühlte sich mutiger als früher . Er hielt das Büchlein , das Gewand Gottes , der Sturm mußte sich ja endlich legen . Und nun rötete sich ' s im Osten , das Licht kam wieder , grau und häßlich , aber doch der Tag , der Tag ! Gegen die siebente Stunde schwieg der Orkan . Sender erhob sich und taumelte zurück ; er war zu schwach , die Kniee trugen ihn nicht mehr . Er versuchte es nochmals - nein , es ging nicht . Er mußte ausharren , bis ein Gefährt vorbeikam . Zum Glück hatte sich mit dem Orkan auch die Kälte gebrochen . Wie fast nach jedem Oststurm in der » großen Ebene « , begann nun der Wind aus Westen zu wehen , sanft , warm und weich . Etwa eine Stunde , nachdem es Tag geworden , kam endlich von Barnow her ein Schlitten . Ein Bauer lenkte ihn , sein Weib lag drin . Der Hund schlug an . Sender trat vor die Kapelle und winkte dem Manne . Es war der Richter von Miaskowka . » Alle Heiligen ! « rief er und hielt den Schlitten an . » Senderko , wie kommst du her ? Hast du die Nacht im Freien verbracht , diese Nacht ? « Sender nickte . » Nehmt mich in Euer Dorf mit « , bat er . Der Richter war dazu bereit . Nur mit dem Platz ging es nicht so leicht . » Du siehst , mein Weib ist besoffen . Aber wir wollen sie auf die Seite legen . « Nachdem dies geschehen , konnte Sender sich setzen . Der Hund sprang mit auf . » Gehört der Köter dir ? « fragte der Richter . » Ein schönes Tier hast du dir da ausgesucht . « Liebevoll strich der todmatte Mann über das struppige Fell . » Ja , der gehört zu mir « , erwiderte er , » für immer . Fahrt zu , Richter . « Die Pferde zogen an . » Du hast mir noch nicht gesagt , wie du herkommst « , sagte der Bauer . » Und wie du aussiehst ! Zum Erschrecken ! Und ohne Hut ! « Sender erwiderte , er habe in aller Frühe nach Miaskowka wollen , da habe ihn der Sturm knapp vor der Schlucht eingeholt . Der Bauer riß die Augen auf . » Durch die Schlucht wolltest du ? Da kannst du dem Sturm dankbar sein . Sie ist ja tief verschneit , und es haben sich dort Wölfe festgesetzt . Du wärest nicht lebend davongekommen . Aber was schneidest du für ein sonderbares Gesicht , Jude ? « In der Tat , bewegt genug mochte Senders Antlitz sein . » Das Büchlein hat mich gerettet « , dachte er . » Gott durch das Büchlein . Wäre ich nicht in die Kapelle zurückgekehrt , es zu holen - « er schloß die Augen , und ein Schauer überlief ihn . Dann bewegten sich leise seine Lippen zum Dankgebet . Nach einer Weile begann der Richter wieder : » Verrücktheit , in solcher Nacht nach Miaskowka zu laufen . Und was willst du dort ? « » Ein Geschäft besorgen « , erwiderte Sender , » mit dem Schänkwirt . « Er fühlte sich todmüde und mußte nun gleichfalls ruhen . » Dann will ich nach Tluste weiter . Wollt Ihr mich fahren ? Ich zahle gut . « Der Richter schüttelte stolz den Kopf . » Das ist nicht mein Geschäft « , sagte er würdevoll . Dann aber kratzte er sich nachdenklich hinter dem Ohr . » Übrigens « , sagte er , » ausnahmsweise mag es sein . Wir haben gestern am Wochenmarkt unser ganzes Geld versoffen . Was das für ein Rausch war , kannst du an meinem Weib sehen .