, zeigte er mir triumphierend , daß die technischen Mittel und die Naturwahrheiten im einzelnen der anspruchsvollen und gesuchten Komposition wegen keine Wirkung tun , zu keiner Gesamtwahrheit werden könnten und um meine hervorstechende Zeichnung hingen wie bunte Flitter um ein Gerippe , ja daß sogar im einzelnen keine frische Wahrheit möglich sei , auch bei dem besten Willen nicht , weil vor der überwiegenden Erfindung , vor dem anmaßenden Spiritualismus ( wie er sich ausdrückte ) die Naturfrische sich sozusagen aus der Pinselspitze in den Pinselstiel spröde zurückziehe . » Es gibt allerdings « , sagte Römer , » eine Richtung , deren Hauptgewicht auf der Erfindung , auf Kosten der unmittelbaren Wahrheit , beruht . Solche Bilder sehen aber eher wie geschriebene Gedichte als wie wirkliche Bilder aus , wie es ja auch Gedichte gibt , welche mehr den Eindruck einer Malerei machen möchten als eines geistig tönenden Wortes . Wenn Sie in Rom wären und die Arbeiten des alten Koch oder Reinharts sähen , so würden Sie , Ihrer deutlichen Neigung nach , sich entzückt den alten Käuzen anschließen ; es ist aber gut , daß Sie nicht dort sind , denn dies ist eine gefährliche Sache für einen jungen Künstler . Es gehört dazu eine durchaus gediegene , fast wissenschaftliche Bildung , eine strenge , sichere und feine Zeichnung , welche noch mehr auf dem Studium der menschlichen Gestalt als auf demjenigen der Bäume und Sträucher beruht , mit einem Wort ein großer Stil , welcher nur in dem Werte einer ganzen reichen Erfahrung bestehen kann , um den Glanz gemeiner Naturwahrheit vergessen zu lassen ; und mit allem diesem ist man erst zu einer ewigen Sonderlingsstellung und Armut verdammt , und das mit Recht , denn die ganze Art ist unberechtigt und töricht ! « Ich fügte mich diesen Reden aber nicht , weil ich ihm schon abgemerkt hatte , daß das Erfinden nicht seine Stärke war ; denn schon mehr als einmal hatte er , meine Anordnungen korrigierend , Lieblingsstellen in Bergzügen oder Waldgründen , die ich recht bedeutsam glaubte , gar nicht einmal gesehen , indem er sie mit dem markigen Bleistifte schonungslos überschraffierte und zu einem kräftigen , aber nichtssagenden Grunde ausglich . Wenn sie auch störten , so hätte er meiner Meinung nach wenigstens sie bemerken , mich verstehen und etwas darüber sagen müssen . Ich wagte daher zu widersprechen , schob die Schuld auf die Wasserfarben , in welchen keine Kraft und Freiheit möglich sei , und sprach meine Sehnsucht aus nach guter Leinwand und Ölfarben , wo alles schon von selbst eine respektable Gestalt und Haltung gewinnen würde . Hiemit griff ich aber meinen Lehrer in seiner Existenz an , indem er glaubte und behauptete , daß die ganze und volle Künstlerschaft sich hinlänglich und vorzüglich nur durch etwas weißes Papier und einige englische Farbentäfelchen betätigen und zeigen könne . Er hatte seine Bahn abgeschlossen und gedachte nichts anderes mehr zu leisten , als er schon tat ; daher beleidigte ihn , wie ich nun zu erkennen gab , daß ich das durch ihn Gelernte nur als eine Staffel betrachte und bereits mich darüber hinweg zu etwas Höherem berufen fühle . Er wurde um so empfindlicher , als ich einen lebhaften und wiederholten Streit über diesen Gegenstand hartnäckig aushielt , von meinen Hoffnungen nicht abließ und seine Aussprüche , wenn sie ins Allgemeine gingen , nicht mehr unbedingt annahm , vielmehr ungescheut bestritt . Hieran war hauptsächlich der Umstand schuld , daß seine sonstigen Gespräche und Mitteilungen immer sonderbarer und auffallender geworden und meine Achtung vor seiner Urteilskraft geschwächt hatten . Manches fiel zusammen mit den dunklen Gerüchten , die über ihn ergingen , so daß ich eine Zeitlang in der peinlichsten Spannung mich befand , aus einem geehrten und zuverlässigen Lehrer die seltsamste und rätselhafteste Gestalt sich herausschälen zu sehen . Schon seit einiger Zeit wurden seine Äußerungen über Menschen und Verhältnisse immer härter und zugleich bestimmter , indem sie sich ausschließlicher auf politische Dinge bezogen . Er ging alle Abende in einen Lesezirkel unserer Stadt , las dort die französischen und englischen Blätter und pflegte sich vieles zu notieren , so wie er auch in seiner Wohnung allerlei geheimnisvolle Papierschnitzel handhabte und sich oft über wichtigem Schreiben betreffen ließ . Vorzüglich machte er sich mit dem Journal des Débats zu schaffen . Unsere Regierung nannte er einen Trupp ungeschickter Krähwinkler , den Großen Rat aber ein verächtliches Gesindel und unsere heimischen Zustände im ganzen dummes Zeug . Darüber ward ich stutzig und hielt mit meinen Zustimmungen zurück oder verteidigte unsere Verhältnisse und hielt ihn für einen malkontenten Menschen , welchen der lange Aufenthalt in fremden großen Städten mit Verachtung der engen Heimat angefüllt habe . Er sprach oft von Louis Philippe und tadelte dessen Maßregeln und Schritte wie einer , der eine geheime Vorschrift nicht pünktlich befolgt sieht . Einst kam er ganz unwirsch nach Hause und beklagte sich über eine Rede , welche der Minister Thiers gehalten . » Mit diesem vertrackten kleinen Burschen ist nichts anzufangen ! « rief er , indem er ein Zeitungsexzerpt zerknitterte , » ich hätte ihm diese eigenmächtige Naseweisheit gar nicht angesehen ! Ich glaubte in ihm den gelehrigsten meiner Schüler zu haben . « - » Zeichnet denn der Herr Thiers auch Landschaften ? « fragte ich , und Römer erwiderte , indem er sich bedeutungsvoll die Hände rieb : » Das eben nicht ! lassen wir das ! « Doch bald darauf deutete er mir an , daß alle Fäden der europäischen Politik in seiner Hand zusammenliefen und daß ein Tag , eine Stunde des Nachlasses in seiner angestrengten Geistesarbeit , die seinen Körper aufzureiben drohe , sich alsobald durch eine allgemeine Verwirrung der öffentlichen Angelegenheiten bemerklich mache , daß eine konfuse und ängstliche Nummer des Journal des Débats jedesmal bedeute , daß er unpäßlich oder abgespannt und sein Rat ausgeblieben sei . Ich sah meinen Lehrer ernsthaft an ; er machte ein unbefangenes und ernsthaftes Gesicht , die gebogene Nase stand wie immer mitten darin , darunter der wohlgepflegte Schnurrbart , und über die Augen flog auch nicht das leiseste ungewisse Zucken . Mein Erstaunen gewann nicht Zeit , sich aufzuhellen , indem ich ferner erfuhr , daß Römer , während er der verborgene Mittelpunkt aller Staatsregierungen , zugleich das Opfer unerhörter Tyranneien und Mißhandlungen war . Er , der vor aller Augen auf dem mächtigsten Throne Europas hätte sitzen sollen von mehr als eines Rechtes wegen , wurde durch einen geheimnisvollen Zwang gleich einem gebannten Dämon in Verborgenheit und Armut gehalten , daß er kein Glied ohne den Willen seiner Tyrannen rühren konnte , während sie ihm täglich gerade so viel von seinem Genius abzapften , als sie zu ihrer kleinlichen Weltbesorgung gebrauchten . Freilich , wäre er zu seinem Recht und zu seiner Freiheit gekommen , so würde im selben Augenblicke die Mäusewirtschaft aufgehört haben und ein freies , lichtes und glückliches Zeitalter angebrochen sein . Allein die winzigen Dosen seines Geistes , welche nun so tropfenweise verwendet würden , sammelten sich doch langsam zu einem allmächtigen Meere , indem es ihre Art sei , daß keine davon wieder vergehen oder aufgehoben werden könne , und in jenem allbezwingenden Meere werde sein Wesen zu seinem . Rechte kommen und die Welt erlösen , daher er gerne seine körperliche Person wolle verschmachten lassen . » Hören Sie diesen verfluchten Hahn krähen ? « rief er , » dies ist nur ein Mittel von tausenden , die sie zu meiner Qual anwenden ; sie wissen , daß der Hahnenschrei mein ganzes Nervensystem erschüttert und mich zu jedem Nachdenken untauglich macht ; deshalb hält man überall Hähne in meiner Nähe und läßt sie spielen , sobald man die verlangten Depeschen von mir hat , damit das Räderwerk meines Geistes für den übrigen Tag stillstehe ! Glauben Sie wohl , daß dies Haus hier ganz mit verborgenen Röhren durchzogen ist , daß man jedes Wort hört , was wir sprechen , und alles sieht , was wir tun ? « Ich sah mich im Zimmer um und versuchte einige Einwendungen zu machen , welche jedoch durch seine stechenden , geheimnisvollen und wichtigen Blicke und Worte unterdrückt wurden . Solange ich mit ihm sprach , befand ich mich in der wunderlichen Stimmung , in welcher ein Knabe halbgläubig das Märchen eines Erwachsenen anhört , welcher ihm lieb ist und seiner Achtung genießt ; war ich aber allein , so mußte ich mir gestehen , daß ich das Beste , was ich bisher gelernt , aus der Hand des Wahnsinns empfangen habe . Dieser Gedanke empörte mich , und ich begriff nicht , wie jemand wahnsinnig sein könne . Eine gewisse Unbarmherzigkeit erfüllte mich , ich nahm mir vor , mit einem klaren Worte die ganze unsinnige Wolke gewiß zu zerstreuen ; stand ich aber dem Wahnsinne gegenüber , so mußte ich seine Stärke und Undurchdringlichkeit sogleich fühlen und froh sein , wenn ich Worte fand , welche , auf die verirrten Gedanken eingehend , dem Leidenden durch Mitteilung einige Erleichterung gewähren konnten . Denn daß er wirklich unglücklich und leidend war und alle eingebildeten Qualen auch fühlte , konnte ich nicht verkennen . Ich verschwieg Römers Tollheit lange gegen jedermann und selbst gegen meine Mutter , weil ich meine eigene Ehre dabei beteiligt glaubte , wenn ein so trefflicher Lehrer und Künstler als verrückt erschien , und weil es mir widerstrebte , den schlimmen Gerüchten , die über ihn im Umlauf waren , entgegenzukommen . Doch verlockte mich einst ein gar zu lächerliches Vorkommnis zum Plaudern . Nachdem er nämlich öfter bedeutungsvoll bald von den Bourbonen , bald von den Napoleoniden , bald von den Habsburgern gesprochen , ereignete es sich , daß eine Königin-Mutter aus irgendeinem monarchischen Staate , eine alte Frau mit vielen Dienern und Schachteln , einige Tage sich in unserer Stadt aufhielt . Sogleich geriet Römer in große Aufregung , lenkte auf Spaziergängen unsern Weg an dem Gasthofe vorbei , wo sie logierte , ging in das Haus , als ob er mit der Dame , die er als sehr intrigant und seinetwegen hergekommen schilderte , wichtige Unterredungen hätte , und ließ mich lange unten warten . Doch bemerkte ich an dem Dufte , den er zurückbrachte , daß er sich lediglich in der Kutscherstube aufgehalten und dort wohl eine Knoblauchwurst nebst einem Glase Wein zu sich genommen haben mußte . Diese Narrenpossen , von einem Manne mit so edlem und ernstem Äußern getrieben , empörten mich um so mehr , als sie mit einer lächerlichen Listigkeit verbunden waren . Ich begann daher , mich zu Hause und auch anderwärts über die Angelegenheit zu äußern und erfuhr nun mit Verwunderung , daß Römers seltsames Wesen wohl bekannt war , aber , statt Mitleiden und hilfreiche Teilnahme zu erregen , als eine Art böswilligen Lasters , als wissentliche Verlogenheit betrachtet wurde , darauf berechnet , die Menschen zu betrügen und auf ihre Kosten etwas Falsches vorzustellen . Irgendeine im fernen Auslande begangene Verletzung der Bescheidenheit oder guten Sitte oder eine eingegangene Schuld , die er nicht lösen konnte , mußte mit dem Beginne der Krankheit zusammengefallen sein , ohne daß man dahinterkommen konnte , was es eigentlich gewesen . Der Betroffene , der die Kenntnis davon in geheimer Weise unterhielt und von Zeit zu Zeit erneuerte , wollte doch den Anschein eines nachtragenden Verfolgers nicht auf sich nehmen und wußte den Kranken auf eine Art zu isolieren , daß fast nicht von der Sache gesprochen wurde und jener selbst keine Ahnung davon hatte . Aber während viel unbedeutendere Künstler sich behaglich durchbringen konnten , tat man , als ob Römer gar nicht da wäre , und keine Gunst , keine Anerkennung , keine gefällige Fürsprache kam seinem untadelhaften Fleiße entgegen , der bei aller Geistesverirrung niemals einschlief . Ich erfuhr erst später , daß Römer während unsers Verkehrs fast immer gehungert und dabei seine spärlichen Mittel beinahe nur für den Unterhalt einer saubern äußern Erscheinung geopfert hatte . Wenn ich nun die umlaufenden Nachreden auch nicht für bare Münze nahm und den Mann gegen das Gerücht verteidigte , so beeinträchtigte es doch mein Vertrauen und den jugendlich ehrerbietigen Aufblick zu dem Lehrer , und ich wurde bis zu einem gewissen Grade mit gegen ihn eingenommen , nur mit dem Unterschiede , daß ich seinen Wert als Künstler nach wie vor hochhielt . Nachdem ich vier Monate unter seiner Leitung zugebracht , wollte ich mich zurückziehen , indem ich die bezahlte Summe nun als ausgeglichen betrachtete . Doch er äußerte wiederholt , daß es hiemit nicht so genau zu nehmen und die Studien deshalb nicht abzubrechen wären ; es sei ihm im Gegenteil ein angenehmes Bedürfnis , unsern Verkehr fortzusetzen . So arbeitete ich zwar nicht mehr in seiner Wohnung , besuchte ihn aber zuweilen und empfing seinen Rat . Weitere vier Monate vergingen so , während welcher er , durch die Not gezwungen , aber leichthin und beiläufig mich anfragte , ob meine Mutter ihm mit einem etwelchen Darlehen auf kurze Zeit aushelfen könne ? Er bezeichnete ungefähr eine gleiche Summe wie die schon empfangene , und ich brachte ihm das Geld noch am gleichen Tage . Im Frühjahr endlich gelang es ihm , mit Mühe wieder einmal eine Arbeit zu verkaufen , wodurch er etwas reichlichere Mittel in die Hände bekam . Mit diesen beschloß er nach Paris zu gehen , da ihm hier kein Heil blühen wollte und ihn sonst auch der Wahn forttrieb , durch Ortsveränderung ein besseres Los erzwingen zu können . Denn trotz allem scharfsinnigen Instinkte , den ein Irrsinniger und Unglücklicher hat , ahnte er von ferne nicht , daß sein wirkliches Geschick viel schlimmer als sein eingebildetes Leiden und daß die Welt übereingekommen war , seine armen schönen Zeichnungen und Bilder entgelten zu lassen , was man von seiner vermeintlichen Schlechtigkeit hielt . Ich fand ihn , wie er seine Sachen zusammenpackte und einige Rechnungen bezahlte . Er kündigte mir seine Abreise an , die am andern Tage erfolgen sollte , und verabschiedete sich zugleich freundlich von mir , noch einige geheimnisvolle Andeutungen über den Zweck der Reise beifügend . Als ich meiner Mutter die Nachricht mitteilte , fragte sie sogleich , ob er denn nichts von dem geliehenen Gelde gesagt habe ? Ich hatte bei Römer einen entschiedenen Fortschritt gemacht , mein ganzes Können und meinen Blick erweitert , und es war gar nicht zu berechnen und schon nicht mehr zu denken , wie es ohne dies alles mit mir hätte gehen sollen . Deswegen hätten wir das Geld füglich als eine wohlangewandte Entschädigung ansehen dürfen , und dies um so mehr , als Römer mir die letzte Zeit nach wie vor seinen Rat gegeben hatte . Allein wir glaubten nur einen Beweis von der Richtigkeit jener Gerüchte zu sehen und wußten auch dazumal noch nicht , wie kümmerlich er lebte ; wir dachten ihn im Besitze guter Mittel , denn er hatte seine Armut sorgfältig verborgen . Meine Mutter bestand darauf , daß er das Geliehene zurückgeben müsse , und war zornig , daß jemand von dem zum Besten ihres Söhnleins bestimmten kleinen Geldvorrate sich ohne weiteres einen Teil aneignen wolle . Was ich gelernt , zog sie nicht in Betracht , weil sie es für die Schuldigkeit aller Welt hielt , mir mitzuteilen , was man irgend Gutes wußte . Ich dagegen , teils weil ich zuletzt auch gegen Römer eingenommen war und ihn für eine Art Schwindler hielt , teils weil ich meine Mutter zur Herausgabe der Summe beredet , und endlich aus Unverstand und Verblendung , hatte nichts einzuwenden und empfand eher eine Genugtuung , mich für alle Unbill zu rächen . Als daher die Mutter ein Billett an ihn schrieb und ich einsah , daß er , wenn er entschlossen war , das Geld zu behalten , die Mahnung einer in seinen Augen gewöhnlichen Frau nicht beachten werde , kassierte ich das Schreiben meiner Mutter , welche ohnedies verlegen war , an einen so ansehnlichen und fremdartigen Mann zu schreiben , und entwarf ein anderes , welches , ich muß es zu meiner Schande gestehen , höchst zweckmäßig eingerichtet war . In höflicher Sprache berechnete ich seine fixen Ideen , seinen Stolz und sein Ehrgefühl , und indem das bescheidene Billett erst zu einer Bitterkeit wurde , wenn es unberücksichtigt blieb , war es , wenn Römer alles das verlachen sollte , schließlich so beschaffen , daß er doch nicht lachen , sondern sich durchschaut sehen konnte . Soviel brauchte es indessen gar nicht ; denn als wir das Machwerk hinschickten , kehrte der Bote augenblicklich mit dem Gelde zurück . Ich war etwas beschämt ; doch sprachen wir jetzt alles Gute von ihm , er sei doch nicht so übel usf. , nur weil er uns das elende Häufchen Silber herausgegeben . Ich glaube , wenn Römer sich eingebildet hätte , ein Nilpferd oder ein Speiseschrank zu sein , so wäre ich nicht so unbarmherzig und undankbar gegen ihn gewesen ; da er aber ein großer Prophet sein wollte , so fühlte sich meine eigene Eitelkeit dadurch verletzt und waffnete sich mit den äußerlichen scheinbaren Gründen . Nach einem Monate erhielt ich von Römer folgenden Brief aus Paris : » Mein werter junger Freund ! Ich bin Ihnen eine Nachricht über mein Befinden schuldig , da ich gern annehme , mich Ihrer ferneren Teilnahme und Freundschaft erfreuen zu dürfen . Bin ich Ihnen doch meine endliche Befreiung und Herrschaft schuldig . Durch Ihre Vermittlung , indem Sie das Geld von mir zurückverlangten ( welches ich nicht vergessen hatte , aber Ihnen in einem freiern Augenblicke zurückgeben wollte ) , bin ich endlich in den Palast meiner Väter eingezogen und meiner wahren Bestimmung anheimgegeben ! Aber es kostete Mühseligkeit . Ich gedachte jene Summe zu meinem ersten Aufenthalte hier zu verwenden ; da Sie aber selbige zurückverlangten , so blieb mir nach Abzug der Reisekosten noch ein Franc übrig , mit welchem ich von der Post ging . Es regnete sehr stark , und verwandte ich daher den besagten Franc dazu , nach dem Mont piété zu fahren und dorten meine Koffer zu versetzen . Bald darauf sah ich mich genötigt , meine Sammlungen einem Trödler für ein Trinkgeld zu verkaufen , und erst jetzt , als ich endlich von aller angenommenen Künstlermaske und allem Kunstapparate glücklich befreit und hungernd in den Straßen umherlief , ohne Obdach , ohne Kleider , doch jubelnd über meine Freiheit , da fanden mich treue Diener meines erlauchten Hauses und führten mich im Triumph heim ! Aber noch beobachtet man mich zuweilen , und ich benutze eine günstige Gelegenheit , dies Zeichen zu senden . Sie sind mir wert geworden , und ich habe etwas Gutes mit Ihnen vor ! Inzwischen nehmen Sie meinen Dank für die günstige Wendung , die Sie herbeigeführt ! Möge alles Elend der Erde in Ihr Herz fahren , jugendlicher Held ! Mögen Hunger , Verdacht und Mißtrauen Sie liebkosen und die schlimme Erfahrung Ihr Tisch- und Bettgenosse sein ! Als aufmerksame Pagen sende ich Ihnen meine ewigen Verwünschungen , mit denen ich mich bis auf weiteres Ihnen treulichst empfehle ! Ihr wohlgewogener Freund . Dies nur in Eile , ich bin zu sehr beschäftigt ! « Erst später erfuhr ich , daß Römer in einem französischen Irrenhause verschollen sei . Wie es dazu kam , wird in obigem Briefe ziemlich klar . Meine Mutter , welcher ich alles verhehlte , konnte keine Schuld treffen als diejenige aller Frauen , welche aus Sorge für ihre Angehörigen engherzig und rücksichtslos gegen alle Welt werden . Ich hingegen , der ich gerade zu dieser Zeit mich gut und strebsam glaubte , sah nun ein , welche Teufelei ich begangen hatte . Ich log , verleumdete , betrog oder stahl nicht , wie ich es als Kind getan , aber ich war undankbar , ungerecht und hartherzig unter dem Scheine des äußern Rechtes . Ich mochte mir lange sagen , daß jene Forderung ja nur eine einfache Bitte um das Geliehene gewesen sei , wie sie alle Welt versucht , und daß weder meine Mutter noch ich je gewaltsam darauf bestanden hätten ; ich mochte mir lange sagen , daß Erfahrung den Meister mache und man auch diese Art Unrecht , als die häufigste und am leichtesten zu begehende , am besten durch ein Erlebnis recht einsehen und vermeiden lerne ; mochte ich mich auch überreden , daß Römers Wesen und Schicksal mein Verhalten hervorgerufen und auch ohne diesen Vorgang seine Erfüllung erreicht hätte alles dies hinderte nicht , daß ich mir doch die bittersten Vorwürfe machen mußte und mich schämte , sooft Römers Gestalt vor meinen Sinn trat . Wenn ich auch die Welt verwünschte , welche dergleichen Handlungen als klug und recht anerkennt ( denn die rechtlichsten Leute hatten uns zu der Wiedererlangung der Summe beglückwünscht ) , so fiel doch alle Schuld wieder auf mich allein zurück , wenn ich an die Anfertigung jenes Billetts dachte , welches ich ohne die mindeste Mühe geschrieben und gleichsam aus dem Ärmel geschüttelt hatte . Ich war bald achtzehn Jahre alt und entdeckte jetzt erst , wie ruhig und unbefangen ich seit den Knabensünden und Krisen gelebt , sechs lange Jahre ! Und nun plötzlich diese Untat ! Wenn ich schließlich bedachte , wie ich jenes unverhoffte Erscheinen Römers als eine höhere Fügung angesehen , so wußte ich nicht , sollte ich lachen oder weinen über den Dank , den ich dafür gespendet . Den unheimlichen Brief wagte ich nicht zu verbrennen und fürchtete mich , ihn aufzubewahren ; bald begrub ich ihn unter entlegenem Gerümpel , bald zog ich ihn hervor und legte ihn zu meinen liebsten Papieren , und noch jetzt , sooft ich ihn finde , verändere ich seinen Ort und bringe ihn anderswohin , so daß er auf steter Wanderschaft ist . Sechstes Kapitel Leiden und Leben Diese Demütigung traf mich um so stärker , als ich , in Annas Träumen und Ahnungen rein und gut zu erscheinen , den Winter über ein puritanisches Wesen angenommen hatte und nicht nur meine äußerliche Haltung , sondern auch meine Gedanken sorgfältig überwachte und mich bestrebte , wie ein Glas zu sein , das man jeden Augenblick durchschauen dürfe . Welche Ziererei und Selbstgefälligkeit dabei tätig war , wurde mir jetzt erst bei dieser gewaltsamen Störung deutlich , und meine Selbstanklage wurde noch durch das Gefühl der Narrheit und Eitelkeit verbittert . Anna hatte während des Winters streng das Zimmer hüten müssen und wurde im Frühling bettlägerig . Der arme Schulmeister kam in die Stadt , um meine Mutter abzuholen ; er weinte , als er in die Stube trat . Wir schlossen also unsere Wohnung zu und fuhren mit ihm hinaus , wo meine Mutter wie ein halbes Meerwunder empfangen und geehrt wurde . Sie enthielt sich jedoch , alle die Orte , die ihr teuer waren , aufzusuchen und ihre gealterten Bekannten zu sehen , sondern eilte , sich bei dem kranken Kinde einzurichten ; erst nach und nach benutzte sie günstige Augenblicke , und es dauerte monatelang , bis sie alle Jugendfreunde gesehen , obgleich die meisten in der Nähe wohnten . Ich hielt mich im Hause des Oheims auf und ging alle Tage an den See hinüber . Anna litt morgens und abends und in der Nacht am meisten ; den Tag über schlummerte sie oder lag schweigend im Bette , und ich saß an demselben , ohne viel zu wissen , was ich sagen sollte . Unser Verhältnis trat äußerlich zurück vor dem schweren Leiden und der Trauer , welche die Zukunft nur halb verhüllte . Wenn ich manchmal ganz allein auf eine Viertelstunde bei ihr saß , so hielt ich ihre Hand , während sie mich bald ernst , bald lächelnd ansah , ohne zu sprechen , oder höchstens , um ein Glas oder sonst einen Gegenstand von mir zu verlangen . Auch ließ sie sich oft ihre Schächtelchen und kleinen Schätze auf das Bett bringen , kramte dieselben aus , bis sie müde war , wo sie mich dann alles wieder einpacken ließ . Dies erfüllte uns beinahe mit einem stillen Glücke , und wenn ich dann fortging , so konnte ich nicht begreifen , wie und warum ich Anna in Erwartung schmerzenvoller Qualen zurückließ . Der Frühling blühte nun in aller Pracht ; aber das arme Kind konnte kaum und selten ans Fenster gebracht werden . Wir füllten daher die Wohnstube , in welcher ihr weißes Bett stand , mit Blumenstöcken und bauten vor dem Fenster ein breites Gerüste , um auf demselben durch größere Töpfe möglichst einen Garten einzurichten . Wenn Anna an sonnigen Nachmittagen eine gute Stunde hatte und wir der warmen Maisonne das Fenster öffneten , der silberne See durch die Rosen und Oleanderblüten hereinglänzte und Anna in ihrem weißen Krankenkleide dalag , so schien hier ein sanfter trauernder Kultus des Todes begangen zu werden . Manchmal aber wurde Anna in solchen Stunden ganz munter und verhältnismäßig redselig ; wir setzten uns dann um ihr Bett herum und führten ein gemächliches Gespräch über Personen und Begebenheiten , bald heiterer Natur und bald ernster , so daß Anna Bericht erhielt von dem , was unsere kleine Welt bewegte . Eines Tages , als meine Mutter in das Dorf gegangen war , fiel das Gespräch auf mich selbst , und der Schulmeister wie seine Tochter schienen es auf diesem Gegenstande so wohlwollend festhalten zu wollen , daß ich mich äußerst geschmeichelt fühlte und aus behaglicher Dankbarkeit die größte Aufrichtigkeit entgegenbrachte . Ich benutzte den Anlaß , mein Verhältnis zu dem unglücklichen Römer zu erzählen , über welches ich seit jenem Briefe mit niemanden gesprochen , und ich brach in die heftigsten Klagen über den Vorfall und mein Verhalten aus . Der Schulmeister verstand mich aber nicht recht ; denn er wollte mich beruhigen und die Sache als nicht halb so schlimm darstellen , und was darin doch gefehlt war , sollte mich aufmerksam machen , daß wir eben allzumal Sünder und der Barmherzigkeit des Erlösers bedürftig seien . Das Wort Sünder war mir aber ein für allemal verhaßt und lächerlich und ebenso die Barmherzigkeit ; vielmehr wollte ich ganz unbarmherzig die Sache mit mir selbst ausfechten und mich verurteilen auf gut weltlich gerichtete Art und durchaus nicht auf geistliche Weise . Plötzlich aber bekam Anna , welche sich bisher still verhalten , aufgeregt durch meine Erzählung und durch mein Gebaren , einen heftigen Anfall ihrer Krämpfe und Leiden , daß ich das arme zarte Wesen zum ersten Mal seiner ganzen hilflosen Qual verfallen sah . Große Tränen , durch Not und Angst erpreßt , rollten über ihre weißen Wangen , ohne daß sie dieselben aufhalten konnte . Sie war ganz durch die Bewegungen ihrer Leiden beschäftigt , so daß bald alle Rücksicht und Haltung verschwinden mußten , und nur dann und wann richtete sie einen kurzen irrenden Blick auf mich , wie aus einer fremden Welt des Schmerzes heraus ; zugleich schien sie dann eine zarte Scham zu ängstigen , so maßlos vor mir leiden zu müssen ; und ich muß bekennen , daß meine Verlegenheit , so gesund und ungeschlacht vor dem Heiligtume dieser Marterstätte zu stehen , fast so groß war als mein Mitleiden . Überzeugt , daß ich ihr dadurch wenigstens einige Befreiung verschaffe , ließ ich sie in den Armen ihres Vaters und eilte bestürzt und beschämt davon , meine Mutter herbeizuholen . Nachdem diese mit einer Nichte sich fortbegeben , um das kranke Kind zu pflegen , blieb ich den Rest des Tages im Hause des Oheims , mir Vorwürfe machend über mein plumpes Ungeschick . Nicht nur mein Unrecht gegen Römer , sondern sogar das Bekenntnis desselben und seine heutigen Folgen warfen einen gehässigen Schein auf mich , und ich fühlte mich gebannt in einer jener dunklen Stimmungen , wo einem der Zweifel aufsteigt , ob man wirklich ein guter , zum Glück bestimmter Mensch sei ? wo es scheint , als ob nicht sowohl eine Schlechtigkeit des Herzens und des Charakters als eine gewisse Schlechtigkeit des Kopfes , des Geschickes einem anhafte , welche noch unglücklicher macht als die entschiedene Teufelei . Ich konnte nicht einschlafen vor dem Bedürfnisse , mich zu äußern , da das immerwährende Verschweigen wie die mißlungene Aufrichtigkeit das Gefühl des Unheimlichen noch vermehrt . Ich stand nach Mitternacht auf , kleidete mich an und schlich mich aus dem Hause , um Judith aufzusuchen . Ungesehen kam ich durch Gärten und Hecken , fand aber alles dunkel und verschlossen bei ihr . Ich stand einige Zeit unschlüssig vor dem Hause ; doch kletterte ich zuletzt am Spalier empor und klopfte zaghaft an das Fenster ; denn ich fürchtete mich , das schöne und kluge Weib aus dem geheimnisvollen Schleier der Nacht aufzuschrecken . Sie hörte und erkannte mich sogleich , stand auf , zog sich leicht an und ließ mich zum Fenster herein . Dann machte sie Licht , Helle zu verbreiten , weil sie glaubte , ich sei in der Absicht gekommen , irgend einige Liebkosungen zu wagen . Aber sie war sehr verwundert , als ich anfing , meine Geschichten zu erzählen , erst die gewaltsame Störung , welche ich heute in die stille Krankenstube getragen , und dann die unglückliche Geschichte mit Römer , deren ganzen Verlauf ich schilderte . Nachdem ich meinen kunstreichen Mahnbrief und den darauf erhaltenen Pariser Brief beschrieben , aus dessen Inhalt wir wohl Römers Schicksal ahnen konnten , nur daß wir statt des Irrenhauses gar ein Gefängnis vermuteten , rief Judith : » Das ist ja ganz abscheulich ! Schämst du dich denn nicht , du Knirps ? « Und indem sie zornig auf und nieder ging , malte sie recht genau aus , wie Römer sich vielleicht erholt hätte , wenn man ihm nicht die Mittel zu seinem ersten Aufenthalte in Paris entzogen , wie ihn der Erhaltungstrieb vielleicht , ja sicher eine Zeitlang hätte klug