Tubal ? Unseres Freundes Bummcke , der , wie ich wahrzunehmen glaube , wegen indiskreter Enthüllung seines Lebensalters mit mir zürnt , werd ich mich persönlich zu bemächtigen wissen . Es darf niemand fehlen , denn nach wie vor beflissen , dem ermattenden Springquell der Kastalia einen neuen Sprudel zu geben , hab ich abermals für frische Kräfte Sorge getragen . Ich sage Kräfte ; beachten Sie den Plural . Es sind eben ihrer zwei , mit denen ich komme , zwei verwundete Kameraden . Weiteres morgen , wenn ich die Ehre haben werde , Ihnen die beiden Herren vorzustellen . Heute nur noch das . Es waren ihrerzeit Poeten , wie wir deren wohl oder übel jetzt so viele unter unseren jungen Lieutenants haben ; aber die Kampagnen , die spanische und die russische - denn in der Tat , beide Herren treffen hier von Nord und Süd her in unserer guten Stadt Berlin zusammen - , haben ihnen nach der Seite der Dichtung hin nichts abgeworfen . Smolensk und Borodino lagen nicht günstig für die Lyrik . Was sie mitgebracht haben , sind Wunden und Tagebuchblätter . Aber auch das muß willkommen sein . « » Und ist es « , bestätigte Lewin , der sich jetzt erhob , um in den Tanzsaal zurückzukehren . Dies gab das Zeichen für alle ; selbst Bummcke , der eben gehörten Ermahnungen uneingedenk , schob das erst halb geleerte Glas beiseite und folgte . Sie hätten den Moment nicht glücklicher wählen können ; die vier Mazurkapaare , Bninski und Kathinka , dazu die schlesischen Grafen Matuschka , Seherr-Thoß und Zierotin mit ihren jungen und schönen Frauen waren eben zum Tanze angetreten , Herren und Damen in einem Kostüm , das , ohne streng national zu sein , das polnische Element wenigstens in quadratischen Mützen und kurzen Pelzröcken andeutete . Es waren jene vier Paare , deren Tubal in seinem Billet erwähnt und die schon auf der Wylichschen Soiree geglänzt hatten . Und nun begann der Tanz , der , damals in den Gesellschaften unserer Hauptstadt Mode werdend , dennoch , wenn Polen oder Schlesier von jenseit der Oder zugegen waren , in begründeter Furcht vor ihrer Überlegenheit immer nur von diesen getanzt zu werden pflegte . Alles hatte sich des graziösen Schauspiels halber herzugedrängt , so daß es schwerhielt , in Nähe der Tür noch einen Platz zu gewinnen . Bummcke , dessen Embonpoint die Schwierigkeiten verdoppelte , gab es auf , sich neben dem riesengroßen Major von Haacke und der Doppel-Konsistorialratsfigur des Oberhofpredigers Sack siegreich zu behaupten , und kehrte in das Sanktuarium zurück , wo er zu seiner nicht geringen Überraschung Jürgaß und Baron Geertz in den zwei Diwanecken bereits wieder vorfand . » Tres faciunt collegium . Ich verzeichne diesen Tag als den Tag Ihrer Bekehrung « , empfing ihn Jürgaß . » Besser spät als nie . Neben dem Tanzen ist das Tanzensehen das Schlimmste , schon um der Verführung willen , die notorisch in allem conspectus liegt . « Ein Livreediener , augenscheinlich für diesen Abend nur eingekleidet , ging vorüber . » Alle Teufel , Grützmacher , wo kommen Sie hierher ? Aber das trifft sich gut ; ein Cliquot , gute Seele . « Dann zu Baron Geertz sich wendend , den die Vertraulichkeit überrascht haben mochte , sagte er : » Unser ehemaliger Regimentsfriseur von Göckingk-Husaren . « Der Diener kam zurück und setzte zwinkernd eine Flasche mit blankem Kork auf den Tisch . Lewin hatte sich mittlerweile bis in die vorderste Reihe der Zuschauer geschoben und überblickte wieder den Saal wie eine halbe Stunde vorher . Von den vier Paaren , die sich in zierlicher Bewegung drehten , sah er nur eins , und während er hingerissen war von der Schönheit der Erscheinung , beschlich ihn doch zugleich das schmerzlichste der Gefühle , das Gefühl des Zurückstehenmüssens und des Besiegtseins , nicht durch Laune oder Zufall , sondern durch die wirkliche Überlegenheit seines Nebenbuhlers . Er empfand es selbst . Alles , was er sah , war Kraft , Grazie , Leidenschaft ; was bedeutete daneben sein gutes Herz ? Ein Lächeln zuckte um seine Lippen ; er kam sich matt , nüchtern , langweilig vor . Die alte Gräfin Reale , seiner ansichtig werdend , setzte wieder die großen Kristallgläser auf und ließ nach kurzer Musterung das Lorgnon fallen mit einer Miene , die das Urteil , das er sich selber eben ausgestellt hatte , untersiegeln zu wollen schien . Die beiden Locken des Fräuleins von Bischofswerder hingen noch länger und trübseliger herab . Es schien ihm alles ein Zeichen . Der Tanz war vorüber ; alles drängte in den Saal , um den vier reizenden Damen Dank und Bewunderung auszusprechen ; auch Bummcke und Jürgaß zeigten sich und schienen durch ihr plötzliches Wiedererscheinen ihre halbstündige Abwesenheit verleugnen zu wollen . Unter den Beglückwünschenden war auch der alte Ladalinski selbst ; er plauderte eben mit der schönen Gräfin Matuschka , die , soweit Teint und Taille mitsprachen , sich siegreich selbst neben Kathinka behauptet hatte , als einer der Lakaien an ihn herantrat und ihm etwas ins Ohr flüsterte . Der Geheimrat setzte noch einen Augenblick die Unterhaltung fort , verbeugte sich dann gegen die junge Gräfin und folgte dem Diener . Auf dem Vorflur fand er einen Boten aus dem Auswärtigen Departement , der ihm ein couvertiertes Schreiben überreichte . Der Geheimrat , in Verlegenheit , wo er von dem Inhalt desselben Kenntnis nehmen sollte , trat in das Garderobezimmer und erbrach das Schreiben . Es waren nur wenige Worte . » Yorck hat kapituliert . Ein Adjutant Macdonalds brachte dem französischen Gesandten die Nachricht . Der Staatskanzler fährt eben zum König . « » Wer gab Ihnen den Brief ? « fragte Ladalinski . Der Bote nannte den Namen einer dem Ladalinskischen Hause befreundeten Exzellenz , die zugleich die rechte Hand Hardenbergs war . » Ich lasse Seiner Exzellenz meinen Dank und meinen Respekt vermelden . « Damit steckte der Geheimrat das Schreiben zu sich und kehrte in die Gesellschaft zurück . Er war entschlossen zu schweigen ; als er aber an dem Mittelfenster des Saals Kathinka und Bninski und gleich darauf auch Tubal in eifrigem Gespräche sah , ließ es ihm keine Ruhe , und er schritt auf die Plaudernden zu . » Ich hab euch eine Mitteilung zu machen , auch Ihnen , Graf ; aber nicht hier . « Ohne eine Antwort abzuwarten , wandte er sich nach dem zunächstgelegenen Seitenzimmer , das , für gewöhnlich von Kathinka bewohnt , heute , wie sein eigenes Arbeitscabinet , mit in die Reihe der Empfangsräume hineingezogen worden war . Einige Paare , deren Herzensbeziehungen vielleicht nicht älter waren als dieser Abend , hatten in der Stille dieses ohnehin nur durch wenige Lichter und eine rubinrote Ampel erleuchteten Boudoirs eine Zuflucht gesucht ; jetzt aufgescheucht , verließen sie , je nach ihrem Temperamente , heiter oder mit einem Anfluge von Verstimmung ihre Plätze . Kathinka wies auf die Stühle , die frei geworden waren ; aber Ladalinski sagte : » Nehmen wir nicht Platz , wir können uns ohnehin der Gesellschaft nicht entziehen . Was ich zu sagen habe , ist kurz : Yorck hat kapituliert . « » Eh bien ! « bemerkte Kathinka , offenbar enttäuscht , nach all dem Ernst , den ihr Vater zur Schau getragen hatte , nichts weiter zu hören als das . Sie war durchaus unpolitisch und kannte nur Persönliches und Persönlichkeiten . » Kathinka ! « rief der Graf , in der Erregung des Moments sich einen Augenblick vergessend , verbesserte sich aber schnell und setzte mit Förmlichkeit hinzu : » Mein gnädigstes Fräulein ! « In seiner Stimme klang ein leiser Vorwurf . Dann , zu dem Geheimrat sich wendend , dem der Wechsel in der Anrede , erst vertraulich , dann förmlich , nicht entgangen war , sagte er : » Kapitulation ! Das heißt , er ist zu den Russen übergegangen . « » Ich vermute es . « Bninski stampfte mit dem Fuße : » Und das nennen sie Treue hierlandes ! « Dann und wann erschien ein Kopf an der Portiere , um ebenso schnell wieder zu verschwinden ; der Graf aber , in seiner Erregung weder das eine noch das andere wahrnehmend , fuhr mit Bitterkeit fort : » O dies ewige Lied von der deutschen Treue ! Jeder lernt es , jeder singt es , und sie singen es so lange , bis sie es selber glauben . Die Stare müssen es hierzulande pfeifen . Ich bin ganz sicher , daß dieser General Yorck alles verachtet , was nicht einen preußischen Rock trägt , und das Ende davon heißt Kapitulation ! « Eine peinliche Pause folgte ; keiner vermochte das rechte Wort zu finden , und während in dem alten Ladalinski sich polnisches Blut und preußische Doktrin wie Feuer und Wasser befehdeten , fühlte Kathinka , daß sie durch ihr unbedachtes » Eh bien « diesen Sturm zur Hälfte heraufbeschworen hatte . Tubal faßte sich zuerst . » Ich glaube , Graf , Ihr Eifer verwirrt Ihr Urteil . Sie wissen , wie ich stehe ; überdies sichert mich meine Geburt gegen den Verdacht eines engherzigen Preußentums . « Der Geheimrat wurde befangen ; Tubal aber , der es nicht sah oder nicht sehen wollte , sprach in ruhigem Tone weiter : » Nehmen wir den Fall , wie er liegt . Was geschehen ist , ist ein politischer Akt . Solang es eine Geschichte gibt , haben sich Umwälzungen , auch die segensreichsten , durch einen Wort- oder Treubruch eingeleitet . Ich erspare Ihnen und mir die Aufzählung . Wenn es Ausnahmen gibt , so sind es ihrer nicht viele , oder kluge Vorsorglichkeiten haben das Odium zu eskamotieren gewußt . « Der alte Ladalinski atmete auf , während Tubal fortfuhr : » Wer vor große , jenseits des Alltäglichen liegende Aufgaben gestellt wird , der soll sich ihnen nicht entziehen , am wenigsten sich zum Knecht landläufiger Begriffe von Ruf und gutem Namen machen . Er soll nicht kleinmütig vor Verantwortung zurückschrecken , denn darauf läuft diese ganze Ehrensorge hinaus . Mit Gott und sich selber hat er sich zu vernehmen . Er soll sich zum Opfer bringen können , sich , Leben , Ehre . Geschieht es in rechtem Geiste , so wird er die Ehre , die er einsetzt , doppelt wiedergewinnen . Das ist der ewige Widerstreit der Pflichten , zwischen deren Wert es abzuwägen gilt . Eine Treue kann die andere ausschließen . Wo die Bewährung der einen durch die Verletzung der anderen erkauft werden muß , da wird freilich immer ein bitterer Beigeschmack bleiben ; aber gerade der , der diesen Beigeschmack am bittersten empfindet , wird aus den reinsten Beweggründen heraus gehandelt haben . « » Und es ist General Yorck , an den Sie dabei denken ? « fragte Bninski mit einem Anfluge von Spott . » Gerade an ihn dacht ich . Kurz , Graf , Sie dürfen ihn verurteilen , nicht verdächtigen . Was seine Tat gilt , wird sich zeigen ; seine Ehre aber , wie sie meines Schutzes nicht bedarf , sollte gegen jeden Zweifel oder Angriff gesichert sein . « Es schien , daß Bninski antworten wollte , aber die Musik begann wieder , und die jetzt halb zurückgeschlagene Portiere ließ erkennen , daß die Paare zu einem Contre zusammentraten . Kathinka , mit dem jungen Grafen Brühl engagiert , mahnte zum Abbruch des Gesprächs , das ohnehin andere Wege gegangen und von längerer Dauer gewesen war , als der Geheimrat bei Beginn desselben vorausgesehen hatte . Manches war ihm peinlich gewesen ; nur Tubals gute Haltung hatte ihn mit diesem Peinlichen wieder versöhnt . Ehe der Contre zu Ende war , wußte die ganze Gesellschaft von dem großen Ereignis . Die Wirkung war um vieles geringer , als erwartet werden durfte . Die Herren versicherten , » daß sie nicht überrascht seien , daß sich vielmehr nur ein Unausbleibliches vollzogen habe « . Die Damen dachten der Mehrzahl nach wie Kathinka und waren nur klug genug , mit einem gleichmütigen » Eh bien « zurückzuhalten . Aber wie gering die Wirkung sein mochte , sie war doch groß genug , eine gewisse Zerstreutheit hervorzurufen und dadurch die Gesellschaft zu stören . Schon um zwölf fuhren die ersten Wagen vor , und ehe eine halbe Stunde um war , hatten sich die Säle geleert . Bummcke , Jürgaß , Lewin , zu denen sich auch Baron Geertz und der alle andern beinahe um Haupteslänge überragende Major von Haacke gesellt hatten , gingen zusammen die Treppe hinunter . Unten trennte sich Lewin von ihnen ; die vier andern Herren aber hatten denselben Weg und schritten auf die Lange Brücke zu . Als sie die Mitte derselben erreicht hatten , sahen sie zu dem Reiterstandbild des Großen Kurfürsten auf , das in seiner oberen Hälfte vom Marstall und alten Postgebäude her , in deren Fenstern noch Licht war , beleuchtet wurde . Der prächtige Kopf schien zu lächeln . » Seht « , sagte Jürgaß , » er sieht nicht aus , als ob es mit uns zu Ende ginge . « Sechstes Kapitel Im Kolleg Lewin schritt die Königsstraße nach links hinunter , um seine Wohnung auf nächstem Wege zu erreichen . Ein leiser , aber eiskalter Wind wehte vom Alexanderplatze her und schnitt ihm ins Gesicht ; er zog den Mantelkragen in die Höh und grüßte den Wächter , der sich Schutzes halber unter das Portal des Rathauses gestellt hatte . » Scharfer Wind , Ehrecke . « » Ja , junger Herr ; ' s is Bernauscher , der geht immer bis auf die Knochen . « Damit wünschten sie sich eine gute Nacht , und Lewin hörte nur noch das Knarren der Laternen , die sich in ihren über die Straße gespannten Ketten langsam im Winde hin und her bewegten . Er passierte den Hohen Steinweg , bog in die Klosterstraße ein und sah hier , immer sich rechts auf dem Bürgersteige haltend , mit halbem Auge nach der andern Seite hinüber , wo er seit lange jedes Haus kannte . Bei Bäcker Lehweß war Licht , und der Geruch von frischgebackenem Brot zog aus dem offenstehenden Fenster der im Souterrain befindlichen Backstube quer über den Fahrdamm hin bis zu ihm herüber . Dicht daneben , vor dem als Magazin dienenden alten » Lagerhause « ( dem ehemaligen kurfürstlichen Schloß ) , stampfte ein französischer Wachtposten , der sein Gewehr an das Schilderhaus gelehnt hatte , mit beiden Füßen in den Schnee und schlug sich mit den Armen überkreuz , wie die Matrosen tun , wenn sie die Finger wieder geschmeidig haben wollen . Dann kam das » Graue Kloster « und dann die Klosterkirche , deren beide Spitztürme eine hohe Schneehaube trugen ; sie saß um so fester , je zerbröckelter die Steine waren . Lewin , als er der Kirche ansichtig wurde , fühlte plötzlich ein Verlangen , dem Grabe Johanna Susemihls einen Besuch zu machen . Er ging von der rechten auf die linke Seite der Straße hinüber und trat durch einen zerfallenen Bogengang auf den Kirchhof . Alles war dicht verschneit . Er sah aber bald , daß ein Pfad in den Schnee getreten war , der an den Gräbern vorbei und , wo diese schon eingesunken waren , auch über sie hinweg um die Kirche herumführte . Diesen Weg schlug er ein , bis er an den linken Chorpfeiler kam . Da war es , das Grab . Von dem Efeu , der es überwuchs , war unter der weißen Grabdecke nicht viel zu sehen , aber an dem Pfeiler stieg er , von Schnee nur wenig überstreut , bis dicht unter das Dach empor . An eben diesem Pfeiler lehnte auch das Holzkreuz , das , trotzdem es kaum drei Jahre stand , schon wieder halb umgefallen war und mit seiner Aufschrift - soviel sich erkennen ließ , nur ein Name ohne Spruch und Datum - klagend oder bittend gen Himmel sah . Lewin fühlte sich erschüttert von dem Anblick und faltete unwillkürlich die Hände ; dann verfolgte er im Schnee hin den schmalen Weg weiter , bis er wieder an die Stelle kam , von der er ausgegangen war , und schritt nun über den Damm hin auf seine Wohnung zu . Frau Hulen war noch auf ; sie ging nicht gern eher zu Bett , als bis sie ihren jungen Herrn unter Hut und Obdach wußte . » Raten Sie , Frau Hulen , wo ich herkomme ? « » Von dem Geheimrat , wo das schöne Fräulein ist . « » Da war ich auch . Vorher . Aber jetzt . « » Ich kann es nicht raten . « » Von Johanna Susemihl . « » Und um Mitternacht ! « » Das ist die beste Zeit . Wissen Sie , Frau Hulen , mir tut die Johanna leid . Wer kann immer tugendhaft sein ? « » Gott , Gott , junger Herr , was is das nur mit Ihnen ! « Lewin antwortete nicht und pfiff leise vor sich hin . Er schien zerstreut und die Gegenwart der Alten kaum zu bemerken . Endlich begann er wieder : » Ich bin noch nicht müde , Frau Hulen ; das macht , ich habe heute nachmittag meinen Schlaf vorweggenommen . Bringen Sie mir noch die grüne Schirmlampe , die kleine mit dem runden Fuß ; ich will noch lesen . « Frau Hulen tat , wie ihr geheißen , empfahl ihm noch , seinen Mantel über das Fußende zu legen und dreimal , ohne sich zu rühren , bis hundert zu zählen , und ließ ihn dann allein . Er war in der Tat in einer Aufregung , die die guten , ihm von der Alten gegebenen Regeln nur allzusehr rechtfertigte . In fieberhafter Schnelle lösten sich die auf ihn einstürmenden Bilder untereinander ab , und wechselnde Gestalten umschwirrten und umdrängten ihn : Kathinka trat zur Mazurka an , aber ihr Tänzer war nicht Bninski , sondern Bummcke ; dann sah er den Grafen mit Johanna Susemihl neben dem Chorpfeiler stehn , und dann wieder kam General Yorck über ein weites Schneefeld geritten , das immer enger wurde , bis es der Klosterhof war , und drohte den beiden , die sich hinter dem Chorpfeiler zu verstecken suchten , mit dem Finger . Endlich wichen die Gestalten ; das Fieber fiel von ihm ab , und ein Zustand süßer Mattigkeit überkam ihn , in dem dann und wann sogar ein Hoffnungsflämmchen aufzuckte . Zugleich regte sich der Wunsch in ihm , dieser Stimmung , in der sich Trauer und Hoffnung die Waage hielten , Ausdruck zu geben . Er schritt auf seinen altmodischen Sekretär zu , stellte vom Tisch her die kleine Schirmlampe auf die längst schräggedrückte , bei jeder Berührung knarrende Platte , nahm aus einem der Fächer eine Anzahl immer bereitliegender weißer Blätter und schrieb : Tröste dich , die Stunden eilen , Und was all ' dich drücken mag , Auch das Schlimmste kann nicht weilen , Und es kommt ein andrer Tag . In dem ew ' gen Kommen , Schwinden , Wie der Schmerz liegt auch das Glück , Und auch heitre Bilder finden Ihren Weg zu dir zurück . Harre , hoffe , nicht vergebens Zählest du der Stunden Schlag ; Wechsel ist das Los des Lebens , Und - es kommt ein andrer Tag ! Es war ihm von Zeile zu Zeile freier ums Herz geworden . Er schob das Blatt unter die anderen Blätter , legte sich nieder und schlief ein . Es war schon acht Uhr vorüber , als Frau Hulen , die die ganze Wochen- und Tageseinteilung genau kannte und wohl wußte , daß der Dienstag » Kollegientag « war , nach mehreren gescheiterten Versuchen , ihren jungen Herrn durch Tassenklappern und Öffnen der Alkoventür zu wecken , endlich eine Blechschippe mit großem Lärm , als würden zwei Becken zusammengeschlagen , umfallen ließ . Das half denn auch ; Lewin fuhr auf , suchte noch halb schlaftrunken auf dem Nachttisch umher und ließ die Uhr repetieren . Acht und ein Viertel ! Er erschrak über die späte Stunde , ließ es sich aber angelegen sein , durch Eile das Versäumnis wieder einzubringen , und stand zwanzig Minuten später marschfertig in seinen Stiefeln . Der feste Schlaf hatte ihm wohlgetan , alle trüben Gedanken waren wie verflogen , und erst der Anblick seiner eignen Strophen , die nur halb versteckt auf der Sekretärplatte lagen , rief ihm die Stimmung des vorigen Abends zurück . Aber nur in seinem Gedächtnis , nicht in seinem Gemüt . Er überflog die Zeilen und schloß mit halblauter Stimme : » Und es kommt ein andrer Tag « Dabei war ihm so frisch zu Sinn , als ob dieser » andere Tag « schon angebrochen sei . In gehobener Stimmung nahm er seinen Weg erst über die Lange Brücke , dann an der Stechbahn und Schloßfreiheit vorbei und schritt auf die Universität , das ehemalige Prinz Heinrichsche Palais , zu . Er machte diesen Weg nur zweimal in der Woche . Bereits hoch in den Semestern , ja seit dem Herbste mit seinem Triennium fertig , fand er es ausreichend , nur noch das zu hören , was ihm besonders zusagte oder so glücklich lag , daß es ihm die Tage , die er frei haben wollte , nicht unterbrach . So hörte er bei Savigny , bei Thaer und Fichte , die alle drei am Dienstag und Freitag , und zwar in drei hintereinanderfolgenden Stunden lasen . An den übrigen Tagen hielt er sich zu Haus , Studien hingegeben , die ganz und gar seiner Neigung entsprachen . Er las viel , stand ganz in den Anschauungen der romantischen Schule , verfolgte mit besonderem Eifer die Fehden , die dieselbe führte , und nahm auch wohl gelegentlich selbst an diesen Fehden teil . Seine Lieblingsbücher , die nicht von seinem Tisch kamen , waren Shakespeare und die Percysche Balladensammlung ; beiden zuliebe hatte er Englisch gelernt , das er nicht sprach , aber gut verstand . Dann und wann versuchte er sich selbst in einigen Strophen , nach Ansicht der Kastalia mit Erfolg , nach seiner eigenen Meinung aber ohne wirklich dichterischen Beruf . Indessen muß gesagt werden , daß er hierin zu weit ging und wenigstens in einem Punkte , vielleicht gerade in dem entscheidenden , in einer irrtümlichen Strenge gegen sich selbst befangen war . Das nämlich , was er sich als Schwäche auslegte , war in Wahrheit seine Stärke . Er machte keine Gedichte , sie kamen ihm , und er genoß des Glückes und Lohnes ( des einzigen , dessen der Dichter sicher sein darf ) , sich alles , was ihn quälte , vom Herzen heruntersingen zu können . Die erste Vorlesung war heute bei Savigny . Er sprach über » Römisches Recht im Mittelalter « und schien , der völligen Ruhe nach zu schließen , mit der er begann und endigte , von dem großen Tagesereignis , das in der Tat erst im Laufe der Vormittagsstunden allgemeiner bekannt wurde , nichts gehört zu haben . Auch in dem unmittelbar folgenden Thaerschen Kolleg geschah der Kapitulation mit keiner Silbe Erwähnung , entweder weil der Professor ebenfalls noch ohne Kenntnis war oder voll feinen Taktes empfand , daß das Thema seiner Vorlesung : » Der Fruchtwechsel und die landwirtschaftliche Bedeutung des Kartoffelbaues « keine recht passende Anknüpfung gestattete . Von elf bis zwölf las Fichte über den » Begriff des wahrhaften Krieges « . Es war ein Collegium publicum , für das , ebenso mit Rücksicht auf das Thema wie auf die Popularität des Vortragenden , von Anfang an der größte der Hörsäle gewählt worden war ; nichtsdestoweniger war alles längst besetzt , als Lewin eintrat , und nur mit Mühe gelang es ihm , sich auf der letzten Bank einen halben Eckplatz zu erobern . Aller Erwartungen waren gespannt , und diese sollten nicht getäuscht werden . Das akademische Viertel war noch nicht um , als der kleine Mann mit dem scharfgeschnittenen Profil und den blauen , aber scharf treffenden Augen auf dem Katheder erschien . Er hatte sich mühevoll den Aufgang erkämpfen müssen . » Meine Herren « , begann er , nachdem er nicht ohne ein Lächeln der Befriedigung seinen Blick über das Auditorium hatte hingleiten lassen , » meine Herren , wir sind alle unter dem Eindruck einer großen Nachricht , die nicht kennen zu wollen mir in diesem Augenblick als eine Affektation oder eine Feigheit , das eine so schlimm wie das andere , erscheinen würde . Sie wissen , worauf ich hinziele : General Yorck hat kapituliert . Das Wort hat sonst einen schlimmen Klang , aber da ist nichts , das gut oder böse wäre an sich ; wir kennen den General und wissen deshalb , in welchem Geiste wir sein Tun zu deuten haben . Ich meinesteils bin sicher , daß dies der erste Schritt ist , der , während er uns zu erniedrigen scheint , uns aus der Erniedrigung in die Erhöhung führt . Es werden auch andere Worte und Auslegungen an Ihr Ohr klingen . Die Feigheit , weil sie sich ihrer selber schämt , sucht sich hinter Autoritätsaussprüchen oder einem Kodex falscher Ehre zu decken ; ja , sie flüchtet sich hinter den besten Wappenschild dieses Landes . Aber das Nest des Aares ist kein Krähennest . Es kann nicht sein , daß die große Tat kleinmütig gemißbilligt worden sei , und wär es doch , nun so kräftige sich in uns der Glaube : es ist nicht , auch wenn es ist . Seien wir voll der Hoffnung , die Mut , und voll des Mutes , der Hoffnung gibt . Vor allem tun wir , was der tapfere General tat , das heißt , entscheiden wir uns . « Enthusiastisch antwortete das Auditorium , dann schwieg alles , und keine weiteren Demonstrationen wurden laut , auch nicht , als mit dem Glockenschlage zwölf der Vortragende abbrach und rasch das Katheder verließ . Nur wie zum Zeichen persönlicher Verehrung folgten ihm viele durch die langen Korridore hin , bis er aus dem westlichen Flügel des Gebäudes ins Freie trat . Lewin war im Auditorium zurückgeblieben , um Jürgaß zu begrüßen , den er während der Vorlesung auf einer der vordersten Reihen bemerkt hatte . Er fand ihn in eifrigem Gespräch mit einem jungen Manne , der nach der Beschreibung , die Tubal in seinem Weihnachtsbriefe gemacht hatte , niemand anders sein konnte als Hansen-Grell . Und in der Tat , er war es . Nach kurzer Vorstellung , in der Jürgaß seiner Liebhaberei für kleine Neckereien wie üblich die Zügel hatte schießen lassen , schritten alle drei erst auf das Portal , dann auf das zwischen den steinernen Schilderhäusern gelegene Gittertor zu und bogen schließlich , um einen gemeinschaftlichen Spaziergang zu machen , nach rechts hin in die Linden ein . Diese waren , trotzdem es ein prächtiger , wenn auch kalter Tag war , wenig besucht , und nur an dem Hin-und Herfahren vieler Equipagen ließ sich erkennen , daß in den diplomatischen Kreisen eine Aufregung herrschen müsse . An der Ecke des Redernschen Palais , das damals seine Schinkel- Renovierung noch nicht erfahren hatte , begegneten unsere drei Freunde dem Major von Haacke , der eben von seinem Prinzen kam . » Guten Tag , Haacke . Wie steht es ? « » Nicht gut . « » Also doch . « » Der König ist indigniert ; Natzmer mit Ordres , die an Schärfe nichts zu wünschen übriglassen , geht noch heute ins Hauptquartier ab . Kleist übernimmt das Kommando . Den Alten werden sie vor ein Kriegsgericht stellen ; hat er Glück , so kann es ihm den Kopf kosten . « » Alles Komödie ! Es kann nicht sein . Ich kenne Yorck ; so brav er ist , so schlau ist er auch . Er hat Instruktionen gehabt . « » Ich glaub es nicht . Dies sind nicht Zeiten für Instruktionen ; sie binden nicht bloß den , der sie empfängt , sondern auch den , der sie gibt . Und das Schlimmste ist , sie kompromittieren am dritten Ort . Es lebt sich jetzt am besten von der Hand in den Mund , und die einzige Instruktion , die jeder stillschweigend empfängt , heißt : Tue , was dir gut dünkt , und nimm die Folgen auf dich . « Damit trennte man sich wieder , und unsere Spaziergänger schritten am Rande des Tiergartens hin , einem Lokale zu , das der Mewessche Blumengarten hieß . Sie nahmen an einem kleinen Tische Platz , setzten die Bedienung durch mehrere Forderungen , die sämtlich nicht ausgeführt werden konnten , in Verlegenheit und begnügten sich endlich damit , einen Kaffee zu bestellen , von dem , in Erwägung , daß es ein Uhr war , keiner recht wußte , ob er ihn sich als einen zweiten Morgen- oder einen ersten Nachmittagskaffee anrechnen solle . Lewin war all die Zeit über weniger mit der Kapitulation als mit der Kastaliasitzung beschäftigt gewesen . Diese reihum gehenden Reunions in ihrem literarischen Gehalte jedesmal so glänzend wie möglich zu gestalten bildete den Ehrgeiz jedes einzelnen ; heute versammelte man sich bei ihm , und noch war seinerseits nichts geschehen , um den Erfolg des Abends sicherzustellen . Er klagte darüber scherzhaft zu Jürgaß , der ihn in gleichem Ton erst auf die beiden angekündigten Gäste - wie sich bei dieser Gelegenheit ergab , die Herren von Hirschfeldt und von Meerheimb - und , als auch das nicht völlig ausreichen wollte , auf Hansen-Grell verwies , der , soweit seine Wissenschaft reiche , immer etwas Frisches und leidlich Lesbares in der Tasche habe . »