anfingen nachzulassen . Man war jetzt zehn Stunden ohne Aufenthalt marschiert , und die kleinen Hunde liefen immer noch nebeneinander mit der Nase am Boden vorwärts . Es schien , als sei bis jetzt an kein Ende dieser aufregenden Wanderung zu denken . Da hob plötzlich Steen Norrick die Hand . Alle drei Männer standen still . » Ein Ren ! « flüsterte der Vogeljäger , » ich höre deutlich das Grunzen . « Die beiden andern horchten atemlos . Deutlich klang jetzt der leise Ton durch die stille Morgenluft zum zweitenmal herüber . Es konnte keine Täuschung sein . Hinter einem Gebüsch lagerten die Gesuchten . Steen Norrick legte den Finger auf den Mund . Dann lockte er durch eine Bewegung seiner Hand die beiden Hündchen zu sich heran , gab jedem aus dem Ranzen ein Stück Fleisch und versenkte sie wieder in seine weiten Jackentaschen . Dann kamen aus den Brusttaschen der beiden Jäger plötzlich zwei doppelläufige Pistolen zum Vorschein . Mit gespanntem Hahn , den schweren Bergstock in der linken , schlichen die riesigen Nordländer vorwärts , und Robert folgte ihnen . Helges Stimme tönte sehr bald der kleinen Schar entgegen . Was er aber sprach , das blieb dem jungen Matrosen unverständlich , da es die Mundart der Gebirgslappen war , in der er offenbar mit einem Kameraden sprach . So eifrig auch Robert horchte , den Sinn der Worte verstand er nicht . Desto besser begriffen jedoch die Vogeljäger . Sie sahen sich lächelnd an , und dann neigte sich Steen Norrick zu Robert herüber : » Der gelbe Schurke hat deinen Freund geknebelt und ihm seit seiner eigenen Rückkehr vom Westfjord nichts mehr zu essen gegeben « , raunte er . » Es ist seine Absicht , den Neger noch eine ganze Tagereise weit in die Wüste zu führen und ihn dort halbverhungert auszusetzen , damit er nie wieder zu den Weißen zurückkehren könne . Jetzt laß mich weiter horchen , aber sei ganz still ! « Robert bezwang mit Mühe seine Erregung . Er wagte jedoch nicht , sich den Anordnungen der beiden Vogeljäger zu widersetzen . Die Lappen sprachen fortwährend miteinander , und Steen Norrick horchte angestrengt . » Dachte es wohl « , flüsterte er in Roberts Ohr , » dir war das gleiche Schicksal bestimmt . Sobald du dich im Lager wieder blicken ließest , wollte man auch dich in die Wüste führen . Kannst deinem Herrgott danken , daß du die Geschichte von den heidnischen Opfern nicht am Feuer der Lappen erzähltest , sonst wärest auch du jetzt auf dem Rücken eines dieser Tiere von der Insel Kola rettungslos in die Steinwüste gebracht worden , und kein Mensch hätte dein Verschwinden bemerkt , niemand von den Deinen hätte jemals wieder etwas von dir gehört . Werde vorsichtiger , Junge , bevor du wieder die Sitten und Gefahren fremder Länder gegen dich herausforderst ! « Robert antwortete nicht . Das war eine ernste und zugleich milde Lehre , aber sie drang ihm in ihrer Einfachheit tief ins Herz . Steen Norrick nahm jetzt die Pistole schußbereit und winkte seinem Begleiter , dasselbe zu tun . Wie ein Gespenst aus dem mitternächtlichen Grabe emporsteigt , lautlos und plötzlich , so standen im nächsten Augenblick die Riesengestalten der beiden Vogelfänger vor den entsetzten Lappen , die , ihrer Sache vollständig sicher , sich ganz bequem in das Moos gelagert hatten und bei Branntwein , Brot und Fleisch eine längere Rast hielten , während der unglückliche Mongo auf dem Rücken des Rentiers so von Seilen umschnürt war , daß er kaum atmen konnte und in halber Betäubung dalag . Seinen Bitten um einen Schluck Wasser war mit Hohnlachen geantwortet worden . Sobald Robert sah , daß die Vogelfänger den Kampf aufnahmen , sprang er mit einem freudigen » Hurra , Mongo , die Hilfe ist da ! « - aus dem Gebüsch und drang bis zu dem gefesselten Freund vor . » Sven Böge ! « rief er , » Sven Böge , gib mir dein Messer ! « Der Riese trat , ohne die beiden wie versteinert dasitzenden Lappen aus den Augen zu lassen , näher und überreichte dem jungen Matrosen ein Messer , das bestimmt sein mochte , im Notfall einem Bären den Genickfang zu geben . Robert zerschnitt , so schnell es ging , die Seile und half dem Alten herab . Helge und sein verbrecherischer Gefährte hatten sich inzwischen einigermaßen gesammelt und waren von ihren Sitzen aufgesprungen . » Was wollt ihr , Steen Norrick und Sven Böge ? « fragte mit drohendem Blick der Sohn des Lappenhäuptlings , » weshalb bedroht ihr friedliche Jäger ? Setzt euch zu uns und nehmt , was wir euch bieten können . « Diese Dreistigkeit empörte selbst die ruhigen Nordländer . » Schurken ! « rief Sven Böge , während sein Gefährte vor Abscheu auf den Boden spuckte , » elende , gelbe Diebe und Heiden , die ihr seid . Wollt ihr etwa leugnen , diesen Neger hier als Gefangenen in die Wüste geschleppt zu haben , - wollt ihr leugnen , daß oben am Nordkap ein greuliches Zauberwesen getrieben worden ist , ihr Spitzbuben und Heiligtumsschänder ? « » Auf ! « befahl Steen Norrick . » Wir bringen euch an Händen und Füßen gefesselt nach der Stadt , angeklagt der Götzendienerei und des Menschenraubes . Da könnt ihr im Gefängnis eure Schandtaten bereuen . Wir beide , mein Vetter und Genosse Sven Böge und ich selbst , werden bezeugen , daß ihr alles dieses eingestanden habt , denn wir haben vorhin eure ganze Unterhaltung Wort für Wort mit angehört . « Diese Worte änderten plötzlich die ganze Lage , Während sich der zweite Lappe auf die Knie warf und heulend um Gnade flehte , kreuzte Helge die Arme und sah unverwandt in das Gesicht des Vogeljägers . » Geh , Steen Norrick , geh und bringe uns in das Gefängnis , Sohn eines weißen Vaters , dessen Frau - deine Mutter , Steen Norrick ! - auch aus dem Stamme der Samelads hervorgegangen ist . Schände den Herd , an dem deine Mutter aufwuchs , schände dein eigenes Mischblut , indem du uns dem Richter preisgibst . « Die Adern auf der Stirn des Nordländers schwollen , seine Augen glühten , seine Fäuste ballten sich , und schon im nächsten Augenblick krachte ein Schuß , den jedoch Sven Böges plötzlicher , geschickt angebrachter Schlag gegen den Lauf der Pistole unschädlich verhallen ließ . Der Vogeljäger war an seiner verwundbarsten Stelle getroffen , man hatte ihm seine Abstammung vorgeworfen und dadurch seinen Zorn auf das heftigste gereizt . » Laß mich ! « knirschte er , mit Sven Böges kräftigen Armen ringend . » Laß mich , der gelbe Hund soll sterben . « » Steen Norrick « , sagte mit warnender Stimme der andere , » besinne dich ! Hast du vergessen , was der Patron Gulbrandson befahl ? « Der Jäger schien zu erschrecken , wenigstens zögerte er . » Willst du dich von diesen schmutzigen Schuften ohne weiteres kränken lassen ? « schrie er . » Ein Lappe kann mich weder beleidigen noch kränken , Steen Norrick . « » Das sagt der Sohn einer Frau aus dem Blut der Samelads ! « murmelte Helge . » Die Pest über dich ! « - - Und mit diesen Worten stürzte sich der Nordländer auf den Lappen , den er ohne weiteres zerdrückt haben würde , wenn nicht von anderer Seite plötzlich etwas dazwischen gekommen wäre . Die beiden kleinen Hündchen in den Taschen , durch die ungestümen Bewegungen Steen Norricks in Gefahr gebracht , begannen jämmerlich zu heulen , so daß der Vogeljäger erschrak , als habe ihn eine Schlange gebissen . Den Lappen von sich stoßend , beruhigte er seine Lieblinge , während Sven Böge mit energischem Griff den zweiten Gelben vom Boden emporzog und ihm befahl , die Tiere aufzuzäumen . Nachdem das geschehen war , erhielten Mongo und Robert die Anweisung , sich abmarschbereit zu halten , und das dritte Ren wurde mit Vorräten beladen , bevor es der Nordländer am Zügel ergriff . » Komm hierher , Helge ! « rief er . Der Lappe gehorchte zögernd . Sein Gesicht war vor Zorn und Furcht aschgrau . Sven Böge packte ihn wie einen Warenballen und untersuchte mit seinen großen Händen jede Falte , jede Tasche , ehe er ihn wieder freigab . Nachdem er auch den zweiten Lappen auf Schußwaffen abgetastet hatte , trieb der Jäger die Rentiere zum Auf bruch . » Vorwärts ! « befahl er . Und dann wandte er sich zu den Lappen : » Daß ihr euch in angemessener Entfernung haltet , ihr Spitzbuben ! Wer sein gelbes Gesicht sehen läßt , dem geht es schlecht ! « Ein Zungenschlag brachte die Tiere in Bewegung . Robert und Mongo ritten , während die Vogeljäger zu beiden Seiten gingen . Steen Norrick schien sich seines Zornausbruchs zu schämen , denn er biß die Lippen aufeinander und sprach keine Silbe . Robert klopfte ihm auf die Schulter . » Wie können wir euch danken ? « fragte er . » Ihr habt uns beiden das Leben gerettet . « Der Nordländer lächelte . » Mach nicht so viele Worte , Fremder « , antwortete er , » oder würdest du in unserer Lage anders gehandelt haben ? « » Nein ! « rief mit überzeugender Sicherheit der junge Matrose , » nein , bestimmt nicht ! « Die Vogeljäger sahen ihn wohlwollend an . » Na also ! « meinte Steen Norrick . Und dann ging es im ersten Sonnenlicht des Morgens durch das Gebirge . Die beiden Nordländer schienen keine Müdigkeit zu kennen . Ebenso straff und sicher , wie sie vor gut zehn Stunden aufgebrochen waren , marschierten sie auch jetzt eisern dahin , bis gegen Mittag Rast gehalten wurde . Robert erhob sich neu gestärkt , nahm die leeren Ranzen und Körbe auf den Rücken und überredete die Nordländer , jetzt zu reiten . Er selbst ging an Mongos Seite und erzählte ihm , was er während der Zeit ihrer Trennung erlebt hatte . Der Neger konnte immer noch kein Wort sprechen , aber er drohte gutmütig mit erhobenem Zeigefinger , als ihm der junge Sausewind erzählte , daß er dem Lappen gegenüber ganz ahnungslos die Namen » Jubinal « und » Tiermer « genannt habe . Robert errötete wieder . » Ich will vorsichtiger werden , Mongo . « sagte er auf englisch , » diese Lehre soll mir nicht verloren gehen . « » Du junger Spitzbube ! « wollte Mongo mit seinem Lieblingsausdruck antworten , aber er brachte nur ein unverständliches Krächzen heraus , so daß alle laut lachten . In bester Stimmung erreichte der kleine Zug gegen Abend das Ufer des Westfjords . Das Lappenlager hatten die Jäger umgangen , so daß es zu keinem Streit oder Kampf gekommen war . Roberts erster Blick ging zum Wasser . Er suchte die Wimpel der Jacht , und - - was er im stillen gehofft hatte , das bestätigte sich . Das schlanke Schiff lag noch vor Anker , während Patron Gulbrandson breitspurig und mit der langen Pfeife im Munde auf dem Strandweg stand . Sein wetterbraunes Gesicht lachte , als er die Ankömmlinge sah . » Hallo ! « rief er , » das nenne ich Glück ! Habt drei Rentiere erbeutet und einen Neger . Brr , wird der aber in der Stadt Aufsehen erregen ! « Robert streckte voller Dankbarkeit dem Alten seine beiden Hände entgegen . » Du hattest recht , Patron Gulbrandson « , sagte er , » und ich bitte dich wegen meiner unüberlegten Worte um Verzeihung ! « Der Norweger schmunzelte . » Konnte mir denken , was inzwischen geschehen ist « , antwortete er , » kenne die gelben Spitzbuben seit vierzig Jahren aus täglichem Umgang und weiß , was sie wert sind . Haben wohl Ach und Weh geschrien , als die Quäner plötzlich auftauchten , dachten nicht , daß hinterm Berge auch noch Leute wohnen ? « Die beiden Vogeljäger erzählten nun alles , was sich ereignet hatte , und der Patron nickte äußerst zufrieden . » Wolltet gern mit nächster Gelegenheit nach Tromsö , ihr beiden ? « fragte er , mit der Pfeifenspitze zugleich auf Robert und den Neger deutend . Mongo verstand ihn nicht , aber Robert antwortete an seiner Stelle und sah unwillkürlich dabei voll Sehnsucht hinaus auf den Fjord , wo die hübsche Jacht vor ihren Ankerketten schaukelte . » Würdest du uns wohl an Bord des Heimdal mitnehmen , Patron Gulbrandson ? « fragte er . » Der amerikanische Konsul in Bergen - - « » Soll sich um seine eigenen Angelegenheiten kümmern « , schloß brummend der Alte . » Denke wohl , daß Olaf Gulbrandson der Mann ist , ein paar schiffbrüchigen Seeleuten zu helfen , ohne daß es ihm gleich jemand bezahlen müßte . Könnt an Bord gehen , der Schwarze und du , euch vom Steuermann etwas Vernünftiges zu essen geben lassen und euch in den Hängematten aufs Ohr legen . So , ihr wißt nun Bescheid ! « Er wehrte alle Dankesäußerungen ab und schritt langsam zu den Arbeitern an der Holzbank hinüber , wo er einem Lappen befahl , die drei Rentiere wieder in das Lager seiner Brüder zurückzuführen . Dann trat er in die Hütte der beiden Quäner , in der offenbar verschiedene Abschlüsse und Rechnungen ins reine gebracht wurden , denn die Jacht hatte ihre volle Ladung an getrockneten Fischen und Federn schon übernommen , das sahen die beiden Freunde , als sie an Bord kamen , auf den ersten Blick . Man wartete also nur auf den Patron , um die Anker zu lichten . Robert und Mongo aßen mit bestem Appetit die seltsame Suppe , die ihnen der Steuermann vorsetzte , nämlich Hafergrütze mit getrockneten Pflaumen und kleinen Heringen , das norwegische Nationalgericht . Sie lachten dabei heimlich , und der Neger schüttelte sich sogar ein wenig , aber später glich ein tüchtiges Stück Pökelfleisch mit Klößen alles wieder aus , obwohl jegliches Gemüse , das hier in der Polarzone den Wert einer seltenen ausländischen Frucht gehabt hätte , an Bord des » Heimdal « vollständig fehlte . Man kennt in diesen Breiten nicht einmal den Anbau der Kartoffel , die während des zu kurzen , heißen Sommers lang ins Kraut schießt , aber keine Knollen ansetzt . Nach dem Essen taten Robert und Mongo wie ihnen gesagt worden war : sie suchten die langentbehrte Ruhe und schliefen bald wie die Bären , ohne zu bemerken , daß an Deck die Anker gelichtet wurden und der » Heimdal « flink wie ein Delphin durch die Wogen dahinschoß . Erst gegen Morgen erwachte Robert und glaubte zu träumen , als er den Seegang fühlte und die Wellen klatschend an das Schiff schlagen hörte . Er schloß nochmals die Augen , um sich der schmeichelnden Empfindung wieder hinzugeben , doch als ihm dann die Erinnerung an die Bilder der letztvergangenen Tage langsam zurückkehrte , sprang er aus seiner Hängematte heraus , um womöglich an Deck ein wenig zu helfen und die Gastfreundschaft des » Heimdal « nach Kräften zu vergelten . Er konnte sich auch nicht länger enthalten , einmal wieder in die Masten zu klettern und sich da oben in freier Luft vom Wind schaukeln zu lassen . An Bord des Schiffes waren außer dem Patron und dem Steuermann nur noch drei Matrosen , lauter Hünengestalten , schweigsam wie die Vogeljäger und offenbar ebensowenig wirkliche Seeleute wie ihr Kapitän selbst . Robert konnte überall unaufgefordert zugreifen , er fand Arbeit genug für mehr als einen Mann . Olaf Gulbrandson sah mit zufriedenem Lächeln , daß sich sein junger Gast nützlich zu machen suchte . » Hör zu , Junge ! « sagte er , » was du verzehrst , das schenke ich dir , und was du verdienst , das bezahle ich . - Den Schwarzen laß nur in seiner Hängematte bleiben , damit er wieder zu Kräften kommt , ehe er eine neue Heuer annimmt . « Und so geschah es dann . Robert half an Deck , während der Heimdal vier Tage lang durch die Sunde und Fjorde und endlich durch die Straße von Tromsö segelte , um am Morgen des fünften Tages an der hölzernen Landungsbrücke festzumachen . Während die geladenen Fische und Federn auf ein größeres , nach Bergen bestimmtes Schiff des Patrons übernommen wurden , sollte die Jacht zurückfahren und den Arbeitern auf den Lofoten eine neue Partie Salz und Lebensmittel bringen . Olaf Gulbrandson überwachte in Tromsö selbst die Verladearbeiten , aber er wollte nicht wieder an die Fischplätze zurückkehren , sondern persönlich seine Waren in Bergen verkaufen und Robert und den Neger dorthin mitnehmen . Mongo half jetzt tüchtig , die Federsäcke und Ballen trockener Fische aus dem Raum heraufzubefordern , er hatte sich gut erholt und konnte sogar nach einer einförmigen Negermelodie ein englisches Lied singen , in das die Norweger mit einfielen , ohne zu wissen , welchen Sinn die Worte hatten . Robert lachte lustig , sooft er das wunderliche Quartett des Schwarzen und der drei norwegischen Matrosen mit anhörte . Gewandt , wie er war , übersetzte er endlich die Strophen ins Dänische , so daß nun in zwei verschiedenen Sprachen gesungen wurde , was auf Deutsch etwa folgendermaßen lautet : » Neger auf dem Land - Sehen , das Schiff kommt in , Der Kap ' tän kommt an Land - Mit der Hand am Kinn . Kaufmanhsschiff ahoi , Kaufmannsschiff ahoi , - Gib die Taler mir . « Dabei fiel Ballen auf Ballen und Sack auf Sack in den Raum der Ellen Gulbrandson , wie das Schiff zu Ehren der verstorbenen Frau des Patrons genannt worden war . Schon nach wenigen Tagen konnte die Reise weitergehen , und zwar nicht , wie Robert geglaubt hatte , auf dem offenen Meer , sondern durch ein verschlungenes Labyrinth von Wasserstraßen , kleinen und großen Buchten , Engpässen und Stromschnellen zwischen den Felsen , immer in Sicht der Küste und in einer Umgebung , wie man sie sich großartiger kaum vorstellen konnte . Als das weite Wasserbecken des Hafens , rings umschlossen von glatten , steilen Felsen , sich vor ihnen öffnete , als Robert endlich wieder die Masten vieler Schiffe aus aller Herren Länder zum Himmel ragen sah , da hüpfte ihm das Herz vor Freude . Hier war das Leben wieder wie sonst . Überall sah man Menschen auf der Straße , man erkannte Lastfuhrwerke und Equipagen , kurz , man war von den letzten Ausläufern der Kultur wieder ganz zu ihr zurückgekehrt , wie denn auch die Berechnung des Patrons eine zurückgelegte Strecke von zweihundert Meilen nachwies . Diesen weiten Weg hatte die » Ellen Gulbrandson « in zwölf Tagen gemacht . Alles , was der Patron unternommen hatte , war vom Glück begünstigt worden und daher seine Stimmung sehr gut . Er schlug mit der flachen Hand auf Roberts Schulter und sah ihn freundlich an . » Junge « , sagte er , » bleib bei mir , du bist gerade so einer , wie ich es gern habe , einer der seine Kräfte fühlt und sie gebrauchen will . Schlag ein , Bob ! Im Sommer auf der Küstenfahrt zwischen Bergen und den Lofoten , im Winter zu Hause am Baalsfjord , wo meine Speicher stehen und wo die erhandelten Waren an die Fischer verkauft werden . Kannst hineinwachsen in mein Geschäft , Junge , kannst mit der Zeit ein Gaardbesitzer sein , ja , und kannst sogar später einmal meine Enkelin heiraten , wenn du ein gemachter Mann bist , der seine Schiffe auf dem Wasser und seine Pachthäuser an Land besitzt . Freilich zählt das Püppchen jetzt erst fünf Jahre , aber es ist auch noch ein weiter Weg vom Leichtmatrosen bis zum selbständigen Patron und Kaufmann . « Robert hatte anfänglich ernsthaft zugehört , dann aber lachte er laut . Der Gedanke , von seiner späteren Frau zu sprechen , war doch wirklich urkomisch . Wie konnte der vernünftige Mann solche Scherze machen ? » Nimm es um Gottes willen nicht übel , Patron Gulbrandson « , antwortete er endlich , » aber das , was du sagtest , ist zu lustig , ich kann mir nicht helfen . « Der Alte verzog freundlich den breiten Mund . » So lache doch ruhig « , sagte er . » Wer lacht , der sündigt nicht . Aber unser Handel ist gemacht , was ? « Robert schüttelte den Kopf . » Ich kann nicht , Patron « , antwortete er , » ich kann nicht , und wenn du mir goldene Berge versprichst . Ich bin dir großen Dank schuldig , ich werde niemals vergessen , was du mir und dem alten Neger getan hast . aber mich in ein Haussperren lassen , das kann ich nicht . « » Dummes Zeug das ! Alle Menschen leben in Häusern , du auch ! « » Nein , Patron , ich nicht . Ich bin der einzige Sohn meiner Eltern , ich hätte zu Hause in Deutschland ein sicheres , ruhiges Leben haben können , lief aber lieber heimlich in dunkler Nacht davon , um frei zu sein , um ein Seemann zu werden . Nun weißt du , warum ich nicht bei dir bleiben kann ! « Der Alte schien nicht so recht mit sich im reinen , ob er hier tadeln oder loben sollte . Er wiederholte nur : » Davongelaufen ? « » Ja , Patron Gulbrandson . « » Dann willst du also jetzt auf einem Hamburger Schiff heuern , um deine Eltern aufzusuchen und sie um Verzeihung zu bitten ? « Robert errötete . » Das kann ich noch nicht , Patron « , antwortete er . » Ich kann nicht mit leeren Händen zurückkommen , und da bisher alles immer wieder verloren ging , was ich zusammengebracht hatte , so muß ich erst einmal eine gute Reise hinter mir und einige hundert Taler in der Tasche haben , bevor ich heimkehre . Wirklich , ich hatte überall Unglück ! « Olaf Gulbrandson hob mahnend den Finger . » So ganz unverdient , Junge ? « fragte er . » Du sollst Vater und Mutter ehren , auf daß dir ' s wohl ergehe und du lange lebest auf Erden . Hast diesen Satz ganz vergessen , he ? « » Bestimmt nicht , Patron , aber - von der See lassen kann ich nicht . « Der Alte wandte sich ab . » Nun , nun « , brummte er , » habe dir nichts zu befehlen , mußt deine eigene Haut zu Markte tragen . Segen wird ' s niemals bringen , darauf darfst du dich immerhin fest verlassen . Unrecht Gut gedeiht nicht . « Als er aber später im Boot an einen der großen amerikanischen Dreimaster heranfuhr , da dachte er doch im stillen : » Schade , daß der Bengel so hartnäckig ist . Ich hätte ihn gern mit mir nach Hause genommen . Wirklich schade ! « Mit dem Kapitän des Amerikaners verabredete er dann eine Heuer für Robert und für den Neger , schenkte jedem noch einen neuen Anzug und brachte sie in seiner Jolle an Bord . » Vorher aber schreibst du an deine Eltern « , ermahnte er den Jungen , » ich selbst will den Brief auf die Post geben . « Robert gehorchte und schilderte nun alles , was ihm inzwischen begegnet war , ebenso bat er sie , ihm nach San Franzisko , seinem nächsten Bestimmungsort , eine Antwort vorauszuschicken . Zuletzt versprach er , bald zurückzukehren und schloß mit der Bitte , ihm seinen unüberlegten Jugendstreich zu verzeihen . Patron Gulbrandson versenkte den Brief in die Tasche seiner weiten Lederjacke , dann zahlte er beiden Seeleuten auf Heller und Pfennig , was sie während der Herreise verdient hatten , und schüttelte ihnen zum letztenmal die Hand . » Lebt wohl ! Lebt wohl ! « - Mongo dankte ihm immer wieder für die Rettung von einem schrecklichen Tode , bat ihn , die beiden Vogeljäger zu grüßen und es den Sohn des Lappenhäuptlings nicht entgelten zu lassen , daß er ihn so heimtückisch überfallen und in die Wüste geschleppt habe , - - Robert hielt immer noch die Rechte des Nordländers . Der Abschied wurde allen schwer . » Könntest ja bei mir bleiben , Junge ! « sagte Olaf Gulbrandson noch einmal . Aber Robert schüttelte den Kopf . » Ich kann nicht , Patron ! « » Nun , so behüt dich Gott , Wildfang ! « Die Jolle stieß ab , und einige Minuten später war sie im Gewirr der vielen Fahrzeuge verschwunden . Zwei Tage darauf lichtete der Stern von San Franzisko die Anker , und mit lustigem Matrosengesang begann die neue Fahrt , einer ungewissen Zukunft entgegen . Was sie bringen würde , das wußte nur Gott . Nach dem Goldland Der schwere Bergenfahrer , riesig in seinen Ausmaßen , ein neues , tüchtiges Schiff mit guter Besatzung und moderner Ausrüstung , hatte einen beträchtlichen Teil seiner Reise bereits zurückgelegt und war ohne Zwischenfall bis in die Grenzgewässer des Stillen Ozeans gelangt . Kap Hörn kam in Sicht . Robert stand am Großmast und bewunderte das Schauspiel , das sich im Licht der sinkenden Sonne seinen Augen bot . Während er Ähnliches und noch Großartigeres in Norwegen häufig gesehen hatte , waren ihm doch diese Klippenbildungen ganz neu . Steil und senkrecht , schwarz und vollkommen nackt , ohne eine einzige lebende Pflanze , erhob sich der über fünfhundert Meter hohe Berg aus dem Meer und ragte mit seinem dunklen Gipfel fast bis in die blau und violett umsäumten Wolken hinein . Als letzter Ausläufer der Kordilleren bildete das Vorgebirge gewissermaßen einen Wall gegen den dauernden Anprall der Meeresbrandung . In weitem Bogen glitt das Schiff daran vorüber und vermied den rasenden Strudel , wo weiße Wellenköpfe mit Kronen von Schaum , urweltlichen Fabelgeschöpfen gleich , den Felsen stürmten , daran zerstäubten und wieder zurücksanken in die blaue Unendlichkeit , aus der sie entstanden . Bei jedem Windstoß aufspringend , eine die andere überrollend , furchtbare , bergestiefe Täler bildend und wie hohe , unübersteigbare Mauern sich türmend , so glichen die Wogen einem Heer gewappneter Krieger , die sich immer neu ergänzen , der eine aus dem Blut des anderen , unbesiegbar und unerschöpflich . Über dem Gipfel des Berges lag es blaugrau , die Luft war verhältnismäßig kalt und neblig , alles Zeichen , daß noch vor Einbruch der Nacht ein Sturm zu erwarten sei und daß die notwendigsten Maßnahmen dafür getroffen werden mußten . Robert war jetzt schon erfahrener Seemann genug , um dies selbständig überblicken zu können , er arbeitete eifrig an der Sicherung der Boote , der Ersatzspieren und der Kanone auf dem Vorderdeck , er kletterte wie ein Seiltänzer hin und her , um die Taue zu spannen , zwischen denen es den Matrosen allein möglich ist , während eines heftigen Sturmes auf den Füßen zu bleiben . Die Segel wurden gerefft , die leichten ganz weggenommen , und an allen Bändseln Musterung gehalten , mit einem Wort , überall nachgesehen , ob das Schiff für den bevorstehenden Sturm gerüstet sei . Der Obersteuermann ging prüfend von einer Seite zur anderen . » Jetzt kommt ' s bald « , sagte er halb zu sich . Robert , dessen liebenswürdige Dreistigkeit ihm überall solche kleinen Freiheiten sicherte , die sich im Leben nur der ungestraft erlauben darf , der das Vertrauen seiner Vorgesetzten im hohen Maße besitzt und von dem man weiß , daß er eine bestimmte Grenze nie überschreiten würde , - Robert sah sich um . » Woran erkennen Sie das , Steuermann ? « fragte er lebhaft . Der Amerikaner spuckte seinen Tabak ins Meer und schob ein frisches Priemchen zwischen die Zähne . Dann deutete er mit der Rechten über das Wasser . » Siehst du diesen schillernden , bald grünlichen , bald weißen Streifen , der wie ein flatterndes Band auf der Oberfläche des Meeres liegt ? - Nun , das ist ein Vorbote . « » Aber die Luft scheint doch noch ganz ruhig zu sein , Steuermann ? « Der Alte nickte . » Scheint nur , Bob ! Wirst bald das Konzert beginnen hören . « Und so kam es wirklich . Die Nacht war hereingebrochen , tiefe Dunkelheit lag um das Schiff , am Himmel glänzte kein Stern und durch die Takelage fuhr ein unheimliches Ächzen . Immer furchtbarer heulte und tobte die Brandung am Felsen , immer stärker wurden die Windstöße und höher die Wogenkämme . Der Schaumstreif hatte sich mit unheimlicher Geschwindigkeit in ganze Berge von Schaum verwandelt . Der Kapitän , in Ölrock und Südwester , erschien an Deck . Bei den Marsfallen und Brassen standen die vom Obersteuermann dorthin beorderten Leute , auch das Großsegel war eingezogen worden und auf dem ganzen Schiff alles fertig , um den schlimmen Gast zu empfangen . Wildes Heulen durchbebte die Luft . Der Kapitän rückte den Hut tiefer in den Nacken . » Laufen Marssegel ! « kommandierte er mit starker Stimme , und dann weiter : » Holt auf Luvbrassen , aus Refftaljen ! « Der Befehl wurde sofort ausgeführt , das Schiff legte sich fast flach auf die Seite und flog wie ein Blitz durch die kochende See . Da ertönte vom Steuerrad her durch die Nacht ein lauter Schrekkensruf . Der Kopf des Ruders war abgesprungen . Einen Augenblick lang schien es , als könne das Schiff dem Druck des Windes nicht widerstehen , die Brassen spannten sich , zerplatzten mit lautem , donnerähnlichem Knall und wurden im nächsten Augenblick vom Sturm entführt . Das Schiff konnte in jeder Sekunde