Werke des Friedens , das geschehn . Ich hatt ' ihn nie gesehen . Ich sehnte mich danach , ihn zu sehen . Heute hab ' ich ihn gesehen und gehört . Ich habe sein Aug ' gesehen , das klar und milde wie die Sonne . Ich hab ' sein Wort gehört ; ich hab ' gehört , wie er dem Feind selbst , dem verhaßten , zu Recht und zu Gerechtigkeit verhalf . Ich hab ' gehört , wie er allein , da uns alle der blinde Haß fortriß mit dunkler Schwinge , klar blieb und ruhig und gerecht . Da dacht ' ich mir in meinem alten Herzen : Der Mann ist königlich geartet , stark im Kampf und gerecht im Frieden , hart wie Stahl und klar wie Gold . Goten : der Mann soll unser König sein . Nennt mir den Mann ! « » Graf Witichis , ja Witichis , heil König Witichis ! « Während dieser brausende Jubelruf durch das Gefilde hallte , hatte ein erschütternder Schreck den bescheidnen Mann ergriffen , der gespannt der Rede des Alten gefolgt war und erst ganz zu Ende von der Ahnung ergriffen ward , daß er der so Gepriesne sei . Als er nun aber seinen Namen in diesem tausendstimmigen Jauchzen erschallen hörte , überkam ihn vor allen andern Gedanken das Gefühl : » Nein , das kann , das soll nicht sein . « Er riß sich von Teja und Hildebad , die freudig seine Hände drückten , los , und sprang hervor , das Haupt schüttelnd und , wie abwehrend , den Arm ausstreckend . » Nein ! « rief er , » nein , Freunde ! nicht das mir ! Ich bin ein schlichter Kriegsmann , nicht ein König . Ich bin vielleicht ein gutes Werkzeug , kein Werkmeister ! Wählt einen andern , einen Würdigern ! « Und wie bittend streckt er beide Hände gegen das Volk . Aber der donnernde Ruf : » Heil König Witichis ! « ward ihm statt aller Antwort . Und nun trat der alte Hildebrand vor , faßte seine Hand und sprach laut : » Laß ab , Witichis ! wer war es , der zuerst geschworen , unweigerlich den König anzuerkennen , der auch nur eine Stimme mehr hätte ? Siehe , du hast alle Stimmen und willst dich wehren ? « Aber Witichis schüttelte das Haupt und preßte die Hand vor die Stirn . Da trat der Alte ganz nah zu ihm und flüsterte in sein Ohr : » Wie ? muß ich dich stärker mahnen ? Muß ich dich mahnen jenes mächtigen Eides und Bundes , da du gelobtest : Alles zu meines Volkes Heil . Ich weiß , - ich kenne deine klare Seele , - : dir ist die Krone mehr eine Last als eine Zierde : ich ahne , daß dir diese Krone große , bittre Schmerzen bringen wird . Vielleicht mehr als Freuden : deshalb fordre ich , daß du sie auf dich nimmst . « Witichis schwieg und drückte noch die andre Hand vor die Augen . Schon viel zu lang währte dem begeisterten Volk das Zwischenspiel . Schon rüsteten sie den breiten Schild , ihn darauf zu erheben , schon drängten sie den Hügel hinan , seine Hand zu fassen : und fast ungeduldig scholl aufs neue der Ruf : » Heil König Witichis . « » Ich fordre es bei deinem Bluteid ! - willst du ihn halten oder brechen ? « flüsterte Hildebrand . » Halten ! « sprach Witichis und richtete sich entschlossen auf . Und nun trat er , ohne falsche Scham und ohne Eitelkeit , einen Schritt vor und sprach : » Du hast gewählt , mein Volk , wohlan , so nimm mich hin . Ich will dein König sein ! « Da blitzten alle Schwerter in die Luft und lauter scholl ' s : » Heil König Witichis ! « Jetzt stieg der alte Hildebrand ganz herab von seinem Dingstuhl und sprach : » Ich weiche nun von diesem hohen Stuhl . Denn unserm König ziemt jetzt diese Stätte . Nur einmal noch laßt mich des Grafenamtes warten . Und kann ich dir nicht den Purpur umhängen , den die Amaler getragen , und ihr goldenes Zepter reichen , - nimm meinen Richtermantel und den Richterstab als Zepter , zum Zeichen , daß du unser König wardst um deiner Gerechtigkeit willen . Ich kann sie nicht auf deine Stirne drücken , die alte Gotenkrone , Theoderichs goldnen Reif . So laß dich krönen mit dem frischen Laub der Eiche , der du an Kraft und Treue gleichst . « Mit diesen Worten brach er ein zartes Gewinde von der Eiche und schlang es um Witichis ' Haupt : » Auf , gotische Heerschar , nun warte deines Schildamts . « Da ergriffen Haduswinth , Teja und Hildebad einen der altertümlichen breiten Dingschilde der Sajonen , hoben den König , der nun mit Kranz , Stab und Mantel geschmückt war , darauf , und zeigten ihn auf ihren hohen Schultern allem Volk : » Sehet , Goten , den König , den ihr selbst gewählt : so schwört ihm Treue . « Und sie schworen ihm , aufrecht stehend , nicht knieend , die Hände hoch gen Himmel hebend , nun die Waffentreue bis in den Tod . Da sprang Witichis von dem Schild , bestieg den Dingstuhl und rief : » Wie ihr mir Treue , so schwör ' ich euch Huld . Ich will ein milder und gerechter König sein : des Rechtes walten und dem Unrecht wehren : gedenken will ich , daß ihr frei seid , gleich mir , nicht meine Knechte : und mein Leben , mein Glück , mein alles , euch will ich ' s weihen , dem Volk der guten Goten . Das schwöre ich euch bei dem Himmelsgott und bei meiner Treue . « Und den Dingschild vom Baume hebend , rief er : » Das Ding ist aus . Ich löse die Versammlung . « Die Sajonen schlugen sofort die Haselstäbe mit den Schnüren nieder , und bunt und ordnungslos wogte nun die Menge durcheinander . Auch die Römer , die sich neugierig , aber scheu , aus der Ferne dieses Walten einer Volksfreiheit mit angesehen , wie sie Italien seit mehr als fünfhundert Jahren nicht gekannt , durften sich nun unter die gotischen Männer mischen , denen sie Wein und Speisen verkauften . Witichis schickte sich an , mit den Freunden und den Führern des Heeres nach einem der Zelte sich zu begeben , die am Ufer des Flusses aufgeschlagen waren . Da drängte sich ein römisch gekleideter Mann , wie es schien , ein wohlhabender Bürger , an sein Geleit und forschte eifrig nach Graf Teja , des Tagila Sohn . » Der bin ich : was willst du mir , Römer ? « sprach dieser sich wendend . » Nichts , Herr , als diese Vase überreichen : seht nach : das Siegel , der Skorpion , ist unversehrt . « - » Was soll mir die Vase ? ich kaufe nichts dergleichen . « - » Die Vase ist Euer , Herr . Sie ist voller Urkunden und Rollen , die Euch zugehören . Und mir ist es vom Gastfreund aufgetragen , sie Euch zu geben . Ich bitt ' Euch , nehmt . « Und damit drängte er ihm die Vase in die Hand und war im Gedränge verschwunden . Gleichgültig löste Teja das Siegel und nahm die Urkunden heraus , gleichgültig sah er hinein . Aber plötzlich schoß ein brennend Rot über seine bleichen Wangen , sein Auge sprühte Blitze und er biß krampfhaft in die Lippe . Die Vase entfiel ihm , er aber drängte sich in Fieberhast vor Witichis und sprach mit fast tonloser Stimme : » Mein König ! - König Witichis - eine Gnade ! « » Was ist dir , Teja ? um Gott ? Was willst du ? « » Urlaub ! Urlaub auf sechs - auf drei Tage ! Ich muß fort . « - » Fort , wohin ? « - » Zur Rache ! Hier lies - der Teufel , der meine Eltern verklagte , in Verzweiflung , Tod und Wahnsinn trieb - er ist es - den ich längst geahnt : hier ist sein Anzeigebrief an den Bischof von Florentia , mit seiner eignen Hand - es ist Theodahad ! - « » Er ist ' s , es ist Theodahad , « sagte Witichis , vom Briefe aufsehend . » Geh denn ! Aber , zweifle nicht : du triffst ihn nicht mehr in Rom : er ist gewiß längst entflohn . Er hat starken Vorsprung . Du wirst ihn nicht einholen . « » Ich hole ihn ein , ob er auf den Flügeln des Sturmadlers säße . « » Du wirst ihn nicht finden . « » Ich finde ihn , und müßte ich ihn aus dem tiefsten Pfuhl der Hölle oder im Schoße des Himmelsgottes suchen . « » Er wird mit starker Bedeckung geflüchtet sein , « warnte der König . » Aus tausend Teufeln hol ' ich ihn heraus . Hildebad , dein Pferd ! Leb ' wohl , König der Goten . Ich vollstrecke die Acht . « Fünftes Buch . Witichis . » Die Goten aber wählten zum König Witichis , einen Mann , zwar nicht von edlem Geschlecht , aber von hohem Ruhm der Tapferkeit . « Prokopius , Gotenkrieg I. 11. Erste Abteilung . Erstes Kapitel . Langsam sank die Sonne hinter die grünen Hügel von Fäsulä und vergoldete die Säulen vor dem schlichten Landhaus , in welchem Rauthgundis als Herrin schaltete . Die gotischen Knechte und die römischen Sklaven waren beschäftigt , die Arbeit des Tages zu beschließen . Der Mariskalk brachte die jungen Rosse von der Weide ein . Zwei andre Knechte leiteten den Zug stattlicher Rinder von dem Anger auf dem Hügel nach den Ställen , indes der Ziegenbub mit römischen Scheltworten seine Schutzbefohlnen vorwärts trieb , die genäschig hier und da an dem salzigen Steinbrech nagten , der auf dem zerbröckelten Mauerwerk am Wege grünte . Andre germanische Knechte räumten das Ackergerät im Hofraum auf : und ein römischer Freigelassener , gar ein gelehrter und vornehmer Herr , der Obergärtner selbst , verließ mit einem zufriedenen Blick die Stätte seiner blühenden und duftenden Wissenschaft . Da kam aus dem Roßstall unser kleiner Freund Athalwin im Kranze seiner hellgelben Locken . » Vergiß mir ja nicht , Kakus , einen rostigen Nagel in den Trinkkübel zu werfen . Wachis hat ' s noch besonders aufgetragen ! Daß er dich nicht wieder schlagen muß , wenn er heimkommt . « Und er warf die Tür zu . » Ewiger Verdruß mit diesen welschen Knechten ! « sprach der kleine Hausherr mit wichtigem Stolz . » Seit der Vater fort ist und Wachis ihm ins Lager gefolgt , liegt alles auf mir : denn die Mutter , lieber Gott , ist wohl gut für die Mägde , aber die Knechte brauchen den Mann . « Und mit großem Ernst schritt das Büblein über den Hof . » Und sie haben vor mir gar nicht den rechten Respekt , « sprach er und warf die kirschroten Lippen auf und krauste die weiße Stirn . » Woher soll er auch kommen ? Mit nächster Sunnwend bin ich volle neun Jahr : und sie lassen mich noch immer herumgehn mit einem Ding wie ein Kochlöffel . « Und verächtlich riß er an dem kleinen Schwert von Holz in seinem Gurt . » Sie dürften mir keck ein Weidmesser geben , ein rechtes Gewaffen . So kann ich nichts ausrichten und sehe nichts gleich . « Und doch sah er so lieblich , einem zürnenden Eros gleich , in seinem kniekurzen , ärmellosen Röckchen von feinstem weißem Leinen , das die liebe Hand der Mutter gesponnen und genäht und mit einem zierlichen roten Streifen durchwirkt hatte . » Gern lief ' ich noch auf den Anger und brächte der Mutter zum Abend die Waldblumen , die sie so liebt , mehr als unsre stolzesten Gartenblumen . Aber ich muß noch Rundschau halten , ehe sie mir die Tore schließen , denn : Athalwin , hat der Vater gesagt , wie er ging , halt mir das Erbe recht in acht , und wahre mir die Mutter ! Ich verlaß mich auf dich ! Und ich gab ihm die Hand drauf . So muß ich Wort halten . « Damit schritt er den Hof entlang , an der Vorderseite des Wohnhauses vorüber , durchmusterte die Nebengebäude zur Rechten und wollte sich eben nach der Rückseite des Gevierts wenden , als er durch lautes Bellen der jungen Hunde zur Linken auf ein Geräusch an dem Holzzaun , der das Ganze umfriedete , merksam wurde . Er schritt nach der bezeichneten Ecke hin und erstaunte , denn auf dem Zaune saß oder über denselben herein stieg eine seltsame Gestalt . Es war ein großer , alter , hagrer Mann in grobem Wams von ganz rauhem Loden , wie ihn die Berghirten trugen : als Mantel hing eine mächtige Wolfsschur unverarbeitet von seinen Schultern nieder , und in der Rechten trug er einen riesigen Bergstock mit scharfer Stahlspitze , mit welchem er die Hunde abwehrte , die zornig an dem Zaun hinaufsprangen . Eilends lief der Knabe hinzu . » Halt , du landfremder Mann , was tust du auf meinem Zaun ? - willst du gleich hinaus und herab ? « Der Alte stutzte und sah forschend auf den schönen Knaben . » Herunter , sag ' ich ! « wiederholte dieser . - » Begrüßt man so in diesem Hof den wegmüden Wandrer ? « - » Ja , wenn der wegmüde Wandrer über den Hinterzaun steigt . Bist du was Rechtes und willst du was Rechtes , - da vorn steht das große Hoftor sperrangelweit offen : da komm herein . « » Das weiß ich selbst , wenn ich das wollte . « Und er machte Anstalt , in den Hof hereinzusteigen . » Halt , « rief zornig der Kleine , » da kommst du nicht herab ! Faß , Griffo ! Faß , Wulfo ! Und wenn du die zwei Jungen nicht scheust , so ruf ' ich die Alte ! Dann gib acht ! He Thursa , Thursa , leid ' s nicht ! « Auf diesen Ruf schoß um die Ecke des Roßstalles ein riesiger , grauborstiger Wolfshund mit wütendem Gebell herbei und schien ohne weiteres dem Eindringling an die Gurgel springen zu wollen . Aber kaum stand das grimmige Tier vor dem Zaun , dem Alten gegenüber , so verwandelte sich seine Wut plötzlich in Freude : sein Bellen verstummte und wedelnd sprang er an dem Alten hinan , der nun ganz gemütlich hereinstieg . » Ja , Thursa , treues Tier , wir halten noch zusammen , « sagte er . - - » Nun sage mir , kleiner Mann , wie heißt du ? « - » Athalwin heiß ' ich , « versetzte dieser , scheu zurücktretend , » du aber , - ich glaube , du hast den Hund behext - wie heißt du ? « - » Ich heiße wie du , « sagte der Alte freundlicher . » Und das ist hübsch von dir , daß du heißest wie ich . Sei nur ruhig , ich bin kein Räuber ! führ ' mich zu deiner Mutter , daß ich ihr sage , wie tapfer du deine Hofwehr verteidigt hast . « Und so schritten die beiden Gegner friedlich in die Halle , Thursa bellte freudig springend voran . Das korinthische Atrium der Römervilla mit seinen Säulenreihen an den vier Wänden hatte die gotische Hausfrau mit leichter Änderung in die große Halle des germanischen Hofbaues verwandelt . In Abwesenheit des Hausherrn war sie zu festlicher Bewirtung nicht bestimmt , und Rauthgundis hatte für diese Zeit ihre Mägde aus der Frauenkammer hierher versetzt . In langer Reihe saßen rechts die gotischen Mägde mit sausender Spule ; ihnen gegenüber einige römische Sklavinnen mit feineren Arbeiten beschäftigt . In der Mitte der Halle schritt Rauthgundis auf und nieder und ließ selbst die flinke Spule auf dem glatten Mosaik des Estrichs tanzen , aber dabei auch nach rechts und links stets die wachen Blicke gleiten . Das kornblumenblaue Kleid von selbstgewirktem Stoff war über die Kniee heraufgeschürzt und hing gebauscht über dem Gurt von stählernen Ringen , der ihren einzigen Schmuck , ein Bündel von Schlüsseln , trug . Das dunkelblonde Haar war rings an Stirn und Schläfen zurückgekämmt und am Hinterkopf in einen einfachen Knoten geschürzt . Es lag viel schlichte Würde in der Gestalt , wie sie mit ernst prüfendem Blick auf und nieder schritt . Sie trat zu der jüngsten der gotischen Mägde , die zuunterst in der Reihe saß und beugte sich zu ihr . » Brav , Liuta « , sprach sie , » dein Faden ist glatt , und du hast heut ' nicht so oft ausgesehen nach der Tür wie sonst . Freilich , « fügte sie lächelnd hinzu - » es ist jetzt kein Verdienst , da doch kein Wachis zur Tür hereinkommen kann . « Die junge Magd errötete . Rauthgundis legte die Hand auf ihr glattes Haar : » Ich weiß , « sagte sie , » du hast mir im stillen gegrollt , daß ich dich , die Verlobte , dieses Jahr über täglich morgens und abends eine Stunde länger spinnen ließ als die andern : es war grausam , nicht ? Nun , sieh : es war dein eigner Gewinn . Alles , was du dies Jahr aus meinem besten Garn gesponnen , ist dein ; ich schenk ' es dir zur Aussteuer : so brauchst du nächstes Jahr , das erste deiner Ehe , nicht zu spinnen . « Das Mädchen faßte ihre Hand und sah ihr dankbar weinend ins Auge . » Und dich nennen sie streng und hart ! « war alles , was sie sagen konnte . - » Mild mit den Guten , streng mit den Bösen , Liuta . Alles Gut , dessen ich hier walte , ist meines Herrn Eigen und meines Knaben Erbe . Da heißt es genau sein . « Jetzt wurden der Alte und Athalwin in der Tür sichtbar : der Knabe wollte rufen , aber sein Begleiter verhielt ihm den Mund und sah eine Weile unbemerkt dem Schalten und Walten Rauthgundens zu , wie sie der Mägde Arbeit prüfte , lobte und schalt und neue Aufträge gab . » Ja , « sprach der Alte endlich zu sich selbst , » stattlich sieht sie aus , und sie scheint wohl die Herrin im Hause - doch ! wer weiß alles ? « Da war Athalwin nicht mehr zu halten : » Mutter , « rief er , » ein fremder Mann , der Thursa behext und über den Zaun gestiegen und zu dir will . Ich kann ' s nicht begreifen . « Da wandte sich die stattliche Frauengestalt würdevoll dem Eingang zu , die Hand vor die Augen haltend , die blendende Abendsonne , die in die offne Tür brach , abzuwehren . » Was führst du den Gast hierher ? Du weißt , der Vater ist nicht hier . Führ ' ihn in die große Halle . Sein Platz ist nicht bei mir . « » Doch , Rauthgundis ! hier , bei dir , ist mein Platz , « sprach der Alte vortretend . » Vater ! « rief die Frau und lag an der Brust des Fremden . Verdutzt und nicht ohne Mißbehagen sah Athalwin auf die Gruppe . » Du bist also der Großvater , der da oben in den Nordbergen haust ? Nun grüß Gott , Großvater ! Aber warum sagst du denn das nicht gleich ? Und warum kommst du nicht durchs Tor wie andre ehrliche Leute ? « Der Alte hielt seine Tochter bei beiden Händen und sah ihr scharf ins Auge . » Sie sieht glücklich aus und gedeihend , « brummte er vor sich hin . Da faßte sich Rauthgundis : rasch warf sie einen Blick durch die Halle . Alle Spindeln ruhten außer Liutas - aller Augen musterten neugierig den Alten . » Ob ihr wohl spinnen wollt , fürwitzige Elstern ? « rief sie streng . » Du , Marcia , hast vor lauter Gaffen den Flachs herabfallen lassen , du kennst den Brauch , du spinnst eine Spule mehr , - ihr andern macht Feierabend . Komm , Vater ! Liuta , rüst ' ein laues Bad und Fleisch und Wein . - « » Nein ! « sprach der Vater , » der alte Bauer hat am Berg auch nur Bad und Trunk am Wasserfall . Und was das Essen anlangt - draußen , vor ' m Hinterzaun , am Grenzpfahl , liegt mein Rucksack , den holt mir : da hab ' ich mein Speltbrot und meinen Schafkäse , den bringt mir . - Wieviel habt ihr Rinder im Stall und Rosse auf der Weide ? « Es war seine erste Frage . Eine Stunde darauf - schon war es dunkel geworden , und der kleine Athalwin war kopfschüttelnd über den Großvater zu Bett gegangen , da wandelten Vater und Tochter beim Licht des aufgehenden Mondes ins Freie . » Ich hab ' nicht Luft genug da drinnen , « hatte der Alte gesagt . Sie sprachen viel und ernst , wie sie durch den Hof und durch den Garten schritten . Mittendrein warf der Alte immer wieder Fragen nach ihrer Wirtschaft auf , wie sie ihm Gerät oder Gebäude nahelegten : und in seinem Ton lag keine Zärtlichkeit : nur manchmal in dem Blick , der verstohlen sein Kind musterte . » Laß doch endlich Roggen und Rosse , « lächelte Rauthgundis , » und sage mir , wie ' s dir gegangen ist die langen Jahre ? Und was dich endlich einmal herabgeführt hat von den Bergen zu deinen Kindern ? « - » Wie ' s mir gegangen ? Nun : halt einsam , einsam ! Und kalte Winter ! Ja , bei uns ist ' s nicht so hübsch warm , wie hier im Welschtale . « Und er sagte das wie einen Vorwurf . » Und warum ich herunter bin ? Ja sieh , letztes Jahr hat sich der Zuchtstier zerfallen auf dem Firnjoch . Und da wollt ' ich mir einen andern kaufen hier unten . « Da hielt sich Rauthgundis nicht länger : mit warmer Liebe warf sie sich an des Alten Brust und rief : » Und den Zuchtstier hast du nicht näher gefunden als hier ? Lüge doch nicht , Steinbauer , gegen dein eigen Herz und dein eigen Kind . Du bist gekommen , weil du gemußt , weil du ' s doch endlich nicht mehr ausgehalten vor Heimweh nach deinem Kinde . « Der Alte blieb stehen und streichelte ihr Haar : » Woher du ' s nur weißt ! Nun ja ! ich mußte doch mal selbst sehen , wie ' s um dich steht , und wie er dich hält , der Herr Gotengraf . « » Wie seinen Augapfel , « sprach das Weib selig . - » So ? und warum ist er denn nicht daheim bei Hof und Haus und Weib und Kind ? « - » Er steht beim Heer in des Königs Dienst . « » Ja , das ist ' s ja eben . Was braucht er einen Dienst und einen König ? Doch - sage : warum trägst du keinen goldnen Armreif ? Ein Gotenweib aus dem Welschtal kam einmal des Wegs bei uns vorbei , vor fünf Jahren , die trug Gold handbreit : da dacht ' ich : so trägt ' s deine Tochter , und freute mich , und nun - « Rauthgundis lächelte : » Soll ich Gold tragen für meiner Mägde Augen ? Ich schmücke mich nur , wenn Witichis es sieht . « - » So ? mög ' er ' s verdienen ! Aber du hast doch Goldspangen und Goldreife wie andre Gotenfrauen hier unten ? « - » Mehr als andre , truhenvoll . Witichis brachte große Beute vom Gepidenkrieg . « - » So bist du ganz glücklich ? « - » Ganz , Vater , aber nicht wegen der Goldspangen . « - » Hast du über nichts zu klagen ? Sag ' s mir nur , Kind ! Was es auch sei , sag ' s deinem alten Vater , und er schafft dir dein Recht . « Da blieb Rauthgundis stehen . » Vater , sprich nicht so ! Das ist nicht recht von dir zu sprechen , nicht von mir zu hören . Wirf ihn doch weg , den unglückseligen Irrwahn , als müßte ich elend werden , weil ich zu Tal gezogen . Ich glaube fast , nur diese Furcht hat dich hier herabgeführt . « » Nur sie ! « rief der Alte hastig , mit dem Stock aufstoßend . » Und du nennst einen Wahn , was deines Vaters tiefstes , inneres Wesen ? Ein Wahn ! Ah , ist ' s ein Wahn , daß sich ' s schwer atme hier unten ? Ein Wahn , daß unsre hochgewachsenen , weißen Goten klein und braun geworden hier unten im Tal ? Ist es ein Wahn , daß alles Unheil von jeher von Süden hergekommen , von diesem weichen , falschen Tal ? Woher kommen die Bergstürze über unsre Hütten ? von Süden her . Von wo kommt der giftige Wind , der Mensch und Vieh verdirbt ? Von Süden . Warum stürzt mir Kuh und Schaf , wann sie am Südhang grasen ? Warum starb deine Mutter , wie sie das erstemal von unserm Berge nach Bolsanum herabkam , in der schwülen Stadt ? Ein Bruder von dir stieg auch herab , trat in des Königs Theoderich Waffenschar zu Ravenna : erstochen haben ihn die Welschen beim Wein . Warum taugt kein Knecht mehr was , der je hier in den Süden herabstieg auch nur auf einen Winter ? Wo hat unser großer Held Theoderich das verfluchte Regieren gelernt , mit Steuern und Folter und Kerker und Schreiben ? Was haben unsre Väter von all ' dem gewußt ? Von woher kommt aller Trug , alle Unfreiheit , alle Üppigkeit , alle Unkraft , alle List ? Von hier : aus dem Welschtal , aus dem Süden , wo die Menschen zu Tausenden beisammen nisten , wie unsauber Gewürm , und einer dem andern die Luft vergiftet . Und da kommt mir so einer auf meinen Fels und holt mein frisches Kind herab in dieses Land des Unsegens ! Dein Eheherr hat was Gutes und Klares , ich leugn ' es nicht ; und hätte er sich droben bei mir ein Gehöft gebaut , ich hätte ihm gern mein Kind und das Joch der besten Ochsen dazu gegeben . Aber nein ! Da herunter mußte er sie führen ins heiße Sumpftal . Und er selbst bückt den Kopf in goldnen Sälen zu Rom und in der Rabenstadt . Wohl hab ' ich mich lang gewehrt - « » Aber endlich gabst du nach - « » Was wollt ' ich machen ? War doch mein kernfrisches Mädel ganz herzenssiech geworden nach dem Unglücksmann . « » Und zehn Jahre hat der Unglücksmann dein Kind beglückt . « - » Wenn ' s nur auch wahr ist ! « - » Vater ! « - » Und wahr bleibt . Es wäre das erstemal , daß Glück von Süden käme . Sieh , mein Abscheu ist so groß vor der Ebne , daß ich die sieben Jahr nicht niederstieg , gar mein Enkelkind nie gesehn habe . Wenn ich es jetzt doch getan , hat ' s schweren Grund . « » Also nicht die Liebe ? nicht dein Herz ? « » Freilich ! doch mein banges Herz ! Ein böses Zeichen ist geschehen . Du denkst doch noch der freudigen Buche , die am Felsbache stand , rechts vorm Hause ? Ich pflanzte sie , nach altem Brauch , an dem Tag , da du geboren wardst . Und prächtig , wie du selbst , gedieh der Baum . In dem Jahr , da du fortzogst freilich , fand ich , er sehe krank und traurig . Aber die andern sahen es nicht und lachten mich aus . Nun , sie erholte sich wieder und war frisch und grün . Doch in der letzten Woche kam des Nachts ein Hochgewitter , so wütig , wie ich ' s selten gehört da droben in den Felsen , und als wir am Morgen vor das Tor treten - ist der Stamm vom Blitz zerspalten , und die Krone hat der Gießbach mit sich fortgerissen - nach Süden . « » Schad ' um den lieben Baum ! Doch kann dich das ängstigen ? « » Es ist nicht alles . Traurig grub ich am Abend , nach dem Tagewerk , den armen Stamm aus der Erde und warf ihn ins Herdfeuer , daß er nicht verunehrt und elend am Wege stehe , der meines Kindes ein Bild und Zeichen war . Und ich nahm mir ' s sehr zu Herzen , und ich sann und sann mit schweren Sorgen über deinen Mann , und meine Zweifel an ihm kamen dicht und dichter . Und ich sah ins Feuer , drin der Stamm verkohlte . So schlief ich ein und im Traum sah ich dich und Witichis . Er tafelte im Goldsaal unter stolzen Männern und schönen Frauen , in Glanz und Pracht gekleidet . Du aber standest vor der Tür , im Bettlerkleid , und weintest bittre Tränen