nicht zu leugnen , neben ihr , der Junogestalt , war ich das unbedeutendste Geschöpfchen , das sich denken ließ - aber die Blumen waren doch von Herrn Claudius , ich wußte es genau , wenn ich auch die beseligende Gewißheit tief im Herzen versteckte ... Meine Tante betrat das Zimmer nicht wieder ; sie versicherte , der einmalige kurze Aufenthalt in der » Treibhausluft « habe ihr entsetzliche Kopfschmerzen verursacht ... Seltsam , daß es der schönen Frau mit der sanften Stimme und dem geschmeidigen Wesen nicht gelingen wollte , sich im Schweizerhäuschen einzuschmeicheln ! Der alte Schäfer machte mir stets ein vorwurfsvolles Gesicht , wenn ich auf Tante Christine zu sprechen kam , und meinte , sein schönes , sauberes Zimmer sähe zum Spektakel aus - die Dame rühre kein Staubtuch an und scheine gar nicht zu wissen , wozu die Nägel an den Wänden seien - sie lasse die Kleider auf dem Fußboden liegen ; und Frau Helldorf zürnte ernstlich , als sie eines Tages sah , wie ich meiner Tante Geld gab . » Sie versündigen sich förmlich , « sagte sie , als wir allein waren ; » denn Sie unterstützen geflissentlich die Faulheit und Verschwendung ... Drüben stehen die Tische voll Naschwerk aller Art - Die Frau sollte sich schämen , Austern und marinierten Aal zu essen , Champagnerflaschen hinter dem Sopha stehen zu haben , und das alles durch Sie bezahlen zu lassen ! - das können Sie unmöglich durchsetzen ! ... Mag sie doch mit Gesangsunterricht ihr Brot verdienen - ihre Stimme ist ausgesungen , aber sie hat eine brillante Schule . « Zu meiner eigenen Beruhigung konnte ich ihr versichern , daß das jedenfalls auch geschehen werde ; Tante Christine habe wiederholt gesagt , daß sie einen festen Plan verfolge . Sie bedürfe zu der Ausführung aber eines männlichen Rates und Beistandes und habe gehofft , beides bei meinem Vater zu finden ; nun er sie jedoch lieblos verstoßen , wolle sie warten , bis Herr Claudius genesen sei - nach allem , was sie von diesem Manne höre , sei er am ersten imstande , ihr für einen längeren Aufenthalt in K. Rat und Unterstützung zu gewähren . Ich fand an der Idee nichts auszusetzen und ward ein klein wenig unwillig , als Frau Helldorf mit Kopfschütteln meinte , Herr Claudius werde sich schwerlich damit befassen , wenn er einmal der Dame in das geschminkte Gesicht gesehen habe . Die kleine Frau war mir in der Leidenszeit unbeschreiblich lieb geworden . Welches Opfer brachte sie , indem sie das Haus betrat , welches ihr unversöhnlicher Vater bewohnte ! In völliger Flucht kam sie stets atemlos und mit klopfendem Herzen an - die Furcht vor einer abermaligen Begegnung jagte sie . Die arme Verstoßene liebte trotz alledem ihren Vater innig und war tief bekümmert , als sie hörte , daß er seine gesamte Habe verpfändet habe , um die Missionsgelder herbeizuschaffen . Trotz aller Bemühungen war man dem Diebe nicht auf die Spur gekommen ... Mir erschien der alte Buchhalter seltsam verändert ; er grüßte mich jetzt bei jeder Begegnung und hatte sich sogar einige Male herbeigelassen , nach meinem kranken Vater zu fragen . Charlotte bestätigte meine Wahrnehmung ; sie behauptete zornig , er gehe ihr und Dagobert aus dem Wege ; » der alte Schwachkopf « bereue entschieden , das Geheimnis seines Chefs verraten zu haben , und werde schließlich - das sehe sie voraus - im entscheidenden Moment zu leugnen versuchen ... Das leidenschaftliche Mädchen litt unsagbar . Die Prinzessin war leidend , hielt sich seit jenem Abend fern von allem Geräusch des Hoflebens , und das Haus in der Mauerstraße schien für sie nicht mehr zu existieren . Was sollte nun geschehen ? Mein abermaliger Vorschlag , Herrn Claudius selbst alles zu sagen , wurde auch von Charlotte mit Entrüstung und der anzüglichen Bemerkung zurückgewiesen , der Blumenduft in meinem Zimmer umschmeichle und besteche mich . Ich schwieg von da ab auf alle Klagen . Fünf Wochen waren seit dem Feuerunglück vergangen , und die furchtbare Heimsuchung lag hinter mir . Mein Vater war längst außer Bett ; er erholte sich auffallend rasch , war durch die Aerzte schonend von allen Vorgängen unterrichtet worden , und hatte sich zur Verwunderung aller ziemlich schnell und leicht in die betrübende Thatsache gefunden , daß sein Manuskript Staub und Asche sei . Weit schmerzlicher berührte ihn die Nachricht , daß eine Anzahl kostbarer Bücher und Handschriften nicht habe gerettet werden können , daß die prachtvollsten Exemplare der antiken Thongefäße vernichtet seien , und wie man mit dem besten Willen das abgeschlagene Marmorhändchen des schlafenden Knaben nicht wieder aufzufinden vermöchte . Er vergoß Thränen des Schmerzes und konnte sich nur schwer darüber beruhigen , daß er der Welt und Herrn Claudius diesen nie zu ersetzenden Schaden zugefügt . Der Herzog besuchte ihn sehr oft ; er wurde damit unmerklich wieder in das Fahrwasser seines gewohnten Denkens und Wirkens geleitet und hatte bereits zahllose Pläne und Entwürfe im Kopfe ... Mir begegnete er mit unbeschreiblicher Zärtlichkeit - das Unglück hatte Vater und Tochter eng verbunden - er mochte mich nicht mehr missen : trotzdem versicherte er mir oft und ernstlich , er werde mich mit Beginn des Frühjahrs auf vier Wochen in die Heide schicken - ich sei zu blaß geworden und müsse mich erholen . Es war ein trüber Märznachmittag . Zum erstenmal wieder seit fünf Wochen wollte ich in das Schweizerhäuschen gehen ; meine Tante hatte mir in einigen Zeilen Vorwürfe gemacht , daß ich sie , nachdem mein Vater doch genesen , so konsequent vernachlässige . In der Halle stürmte mir Charlotte entgegen . Ich erschrak vor ihr - solch einen wilden Triumph und Jubel hatte ich noch nicht auf einem Menschenantlitz gesehen . Sie riß ein Papier aus der Tasche und hielt es mir unter die Augen . » Da , Kind ! « keuchte sie atemlos . » Endlich , endlich geht die Sonne über mir auf ! ... Ah ! « - Sie breitete die Arme weit aus , als wolle sie die ganze Welt an ihre Brust ziehen . » Sehen Sie mich an , Kleine - So sieht das Glück aus ! ... Heute zum erstenmal darf ich sagen : Meine Tante , die Prinzessin ! ... O , sie ist doch gut , ja sie ist grenzenlos edel ! So sich selbst überwinden kann eben doch nur der Edelgeborene ! ... Sie schreibt mir , sie will mich sehen und sprechen - morgen soll ich mich bei ihr einfinden . Seien unsere Ansprüche begründet - ah , ich möchte den sehen , der so frech wäre , sie anzufechten ! - dann werde alles geschehen , uns in unsere Rechte einzusetzen ! - sie habe bereits mit dem Herzog darüber gesprochen - hören Sie ? mit dem Herzog , « sie ergriff meinen Arm und schüttelte mich , » wissen Sie auch , was das heißen will ? Wir werden als die Kinder der Prinzessin Sidonie anerkannt werden und als Familienglieder in das souveräne Haus eintreten . « Ein Schauer lief durch meinen Körper - die Entscheidung war da . » Wollen Sie die Angelegenheit wirklich zur Sprache bringen , solange Herr Claudius noch leidend ist ? « fragte ich mit unsicherer Stimme . » Ah bah - er ist ja nicht mehr krank . Die dicksten Hüllen sind von seinen Fenstern gefallen ; er trägt einen grünen Schirm und hält sich heute zum erstenmal in den ein klein wenig verhangenen Salons neben meinem Zimmer auf . Er hat sich den Privatspaß gemacht , Eckhof zu seinem Geburtstag in einem allerliebsten kleinen Portemonnaie die tausend Thaler Missionsgelder zu bescheren , damit er seine Habe wieder einlösen kann . Der Alte war dermaßen zerknirscht , daß ich Todesangst hatte , er werde dem Onkel zu Füßen fallen und seine Ausplauderei uns gegenüber beichten - zum Glück fand er vor Rührung keine Worte ... Uebrigens bin ich hart geworden , hart wie ein Kieselstein - ich habe zu furchtbar gelitten in den letzten Wochen ; auch von Dagobert mußte ich von früh bis spät die maßlosesten Vorwürfe über das plumpe Anfassen der Sache hören ... Ich kenne keine Rücksicht mehr ; und wenn in dieser Stunde noch der Onkel vor die Schranken gefordert würde - ich rührte keinen Finger , es zu verhindern ! « Sie begleitete mich bis an die Gartenthür , dann sah ich sie wie einen Pfeil bergauf in das blätterlose Dickicht hineinfliegen - das Glücksgefühl , das ihr die Brust fast zersprengte , trieb sie auf den Berggipfel , von wo aus sie in die schrankenlos weite Welt hineinjubeln konnte , und ich wäre am liebsten umgekehrt und hätte mich in den dunkelsten Winkel der Karolinenlust verkrochen , um mein unsägliches Bangen , meinen Schmerz um Herrn Claudius zu verbergen . Ich schlüpfte vorläufig an Tante Christinens Zimmer vorüber - zu meinem Befremden scholl Hundegekläff heraus - und ging in das obere Stockwerk . In Helldorfs Familienstube hatten sich stets meine stürmisch klopfenden Pulse gesänftigt ... Lauter Jubel empfing mich . Herr Helldorf streckte mir beide Hände entgegen , Gretchen umschlang meine Kniee , und der kleine Hermann saß auf dem Fußboden und krähte und strampelte mit beiden Beinchen und wollte genommen sein . Die kleine Frau aber nahm flugs die Kaffeemaschine aus dem Schrank , holte ein ganz speziell für mich aufbewahrtes Stück Kuchen herbei , und bald darauf saßen wir um den trauten Familientisch ... Dann und wann unterbrach eine kühne Koloratur - perlenreine Läufer und Triller - unsere Plauderei - Tante Christine sang , oder trällerte vielmehr drunten ; das klang wundervoll ; so oft sie aber einen Ton fest anschlug und aushielt , da that mir das Herz weh - die Stimme , die einst wohl von hinreißendem Klang gewesen sein mochte , war total gebrochen . » Die Frau da unten muß sobald wie möglich einen Wirkungskreis erhalten - sie führt ein wahres Schlaraffenleben , « sagte Herr Helldorf mit leichtem Stirnrunzeln . » Ihre Schule ist ganz vortrefflich , und ich habe mich erboten , ihr Schülerinnen zu verschaffen - sie kann sehr viel Geld verdienen , wenn sie will . Aber den Hochmutsblick , das höhnische Lächeln , mit welchem sie mir für gütige Protektion dankte , werde ich nie vergessen . Seitdem hat sie sich hier oben nicht wieder blicken lassen . « » Blanche bellt - es kommt jemand , Mama , « sagte Gretchen . » Ja , Blanche - das ist auch ein neuer Bewohner im Schweizerhäuschen , der Ihnen vorgestellt werden wird , Lenore , « meinte lächelnd Frau Helldorf . » Die Tante hat sich vorgestern einen reizenden kleinen Seidenpinscher gekauft - Schäfer ist außer sich , er will das boshafte Tier nicht dulden - « Sie schwieg plötzlich und horchte - starke Männerschritte kamen die Treppe herauf , schritten über den Vorsaal und verharrten dann einen Augenblick . Frau Helldorfs Gesicht war schneebleich geworden ; sie stand da mit zurückgehaltenem Atem , starr wie eine Statue , und als sei es ihr unmöglich , auch nur einen Fuß nach der Thür zu bewegen , um sie zu öffnen . Da legte sich draußen eine Hand auf den Drücker , die Thür that sich auf und ein hoher , stattlicher Mann trat zögernd auf die Schwelle . » Vater ! « schrie die junge Frau - es war ein Schrei , schwankend zwischen herzzerreißendem Schluchzen und wonnevollem Jauchzen . Eckhof fing die Taumelnde in seinen Armen auf und drückte sie an seine Brust . » Ich bin hart gewesen , Anna - vergiß es , « sagte er mit schwankender Stimme . Sie hatte keine Antwort - sie vergrub nur immer tiefer das Gesicht an der Brust , von der sie so lange verstoßen gewesen ... Seinem Schwiegersohn reichte der alte Mann wortlos die Rechte hin ; Helldorf schlug feuchten Auges kräftig ein und hielt sie einen Augenblick fest . » Ich will dir auch ein Händchen geben , Großpapa , « sagte Gretchen und reckte sich auf den Zehen an der hohen Gestalt des Großvaters empor . Die süße Kinderstimme machte die junge Frau endlich aufsehen . Sie sprang zu ihrem Knaben , nahm ihn vom Boden auf und hielt ihn dem Großpapa hin . » Küsse ihn , Vater ! « sagte sie , immer noch zwischen Lachen und Weinen schwankend . » Gretchen kennst du , den Jungen aber noch nicht ... Denke nur , er hat die großen , blauen Augen der seligen Mutter - o Vater ! « Sie schlang aufs neue den linken Arm um seinen Hals . Hier hatte ich die Thür erreicht und schlüpfte geräuschlos hinaus . So heimisch ich auch in der Familie Helldorf war , jetzt , wo sich die tiefe Kluft schloß , die zwischen Vater und Tochter gelegen , jetzt gehörte ich nicht in den kleinen Kreis - den Reuigen durfte in dieser Weihestunde kein fremder Blick treffen . Aber in meiner Seele war es sonnig hell geworden - so hell , wie droben im Stübchen der glücklichen Menschen , wo wunderbarerweise in dem Augenblick , als ich hinausschlüpfen wollte , ein einzelner blasser Abendsonnenstrahl vom trüben Märzhimmel niedersank und über die stumm dreinschauenden Familienbilder an der Wand hinglitt , als sollten auch sie aufleben und mitfühlen die Wonne der Versöhnung ... Meine Tante lag auf dem Sofa , als ich in ihr Zimmer trat . Mit wütendem Gekläff fiel mich die kleine Furie Blanche an und grub die Zähne in meine Kleider - ich gab ihr einen leichten Schlag auf den Kopf , worauf sie knurrend auf den Schoß ihrer Herrin flüchtete . » Ach nein , Lenore , schlagen darfst du meinen kleinen Liebling nicht ! « rief mir Tante Christine halb bittend , halb schmollend zu . » Siehst du , nun ist dir Blanche gram , und du wirst Not und Mühe haben , ihr Herzchen wieder zu gewinnen . « Ich meinte innerlich , daß ich mir diese Not und Mühe sicher nie machen würde . » Schau , ist ' s nicht ein reizendes Geschöpf ? « - Sie strich mit zärtlicher Hand dem in der That wunderhübschen Tierchen die langen seidenen Haarsträhne aus den klugen Augen . » Und denke dir , um einen Spottpreis bin ich dazu gekommen . Der Mann , der es verkaufte , war in Not - vier Thaler habe ich dafür gegeben ; ist das nicht geradezu geschenkt ? « In meiner tiefen Betroffenheit brachte ich kein Wort über die Lippen - neulich hatte ich meine Kasse redlich mit Tante Christine geteilt - sie hatte acht Thaler bekommen . » Ich besaß früher auch schon einmal solch einen Seidenpinscher - ein wahres Prachtexemplar - er war ein Geschenk des Grafen Stettenheim und kostete mehr Louisdor , als der Kleine hier Thaler ... Es ließ sich kein schönerer Anblick denken , als dieses blaßgelb glänzende Geschöpfchen auf seinem blauseidenen Kissen ... Das arme Ding ist schließlich an einem Rebhuhnflügel erstickt . « Das alles plauderte sie mit lächelndem Munde . Noch vertieften sich die schönsten Grübchen in ihren Wangen bei diesem Lächeln , und ich mußte immer und immer wieder auf die feinen , gleichmäßig geformten Zähnchen sehen , die perlmutterweiß zwischen den roten Lippen blinkten . Der Kopf der schönen Frau war tadellos frisiert - ihr Anzug dagegen erschreckte mich förmlich . Ein abgenutzter , violetter Schlafrock voller Flecken hing lose um die geschmeidigen Glieder , und aus der Oeffnung über der Brust und den Löchern am Ellenbogen kam ungeniert ein Nachthemd von sehr zweifelhafter Weiße . Mit dieser Toilette harmonierte die ganze Umgebung . Mitten im Zimmer , auf den Dielen lag ein Paar niedergetretener , unsauberer , weißer Atlasschuhe , die jedenfalls zu Schlafschuhen und zeitweise zu Blanches Spielzeug degradiert waren . Die ehemals so glänzenden Platten der Tische und Kommoden deckte eine undurchdringliche Staublage , und hinter dem Bettvorhang lagen Kissen und Kleidungsstücke unordentlich durcheinander - dagegen war die Luft mit dem feinsten , lieblichsten Veilchenparfüm erfüllt . » Gelt , du findest meine Umgebung auch grenzenlos vernachlässigt ? « fragte sie , meinen Blick auffangend . » Ich habe dir drüben bei meinen Besuchen nicht auch noch vorklagen und das Herz schwer machen wollen - du trägst ohnehin Last genug auf deinen kleinen Schultern . Aber nun darf ich dir ' s ja sagen , daß ich mich hier , zwischen diesen vier Pfählen , namenlos unglücklich fühle ... Schäfer ist ein Erznarr - solch ein Mensch hat nicht die blasse Ahnung , was eine Frau wie ich , so von Gott und aller Welt auf den Händen getragen , verzogen und verhätschelt , zu beanspruchen gewohnt ist . Statt mir , wie es sich bei jeder Mietwohnung von selbst versteht , jeden Tag für ein gereinigtes Zimmer zu sorgen , verlangt er lächerlicherweise von mir , daß ich seine Möbel abstäube und den Besen in die Hand nehme - da kann er warten ! « Sie griff in ein Porzellankörbchen voll Krachmandeln und Messinatrauben und fing an , Mandeln aufzuknacken . » Nimm dir doch auch , « sagte sie zu mir , indem sie Blanche eine der süßen Beeren hinreichte . » Es ist freilich wenig , womit ich dir aufwarten kann ; allein ein Schelm gibt mehr , als er hat ... Es wird auch einmal wieder besser , und dann sollst du sehen , was für reizende Diners ich arrangieren kann ... Apropos , um wieder auf Schäfer zu kommen ! ... Der alte sanfte Scheinheilige kann auch recht flegelhaft werden . Denke dir nur , als ich vorgestern Blanche kaufte und dem Mann das Geld hinzählte , mahnte er mich doch unverschämterweise und verlangte , ich solle ihm erst die rückständige Monatsmiete und seine Auslagen für Feuerung und Licht während meines Hierseins zahlen ... Gelt , das geht mich doch nichts an , Herzchen ? ... Du hast mich doch eingemietet . « Mich überlief es siedendheiß vor Angst - wo sollte das hinaus ? Und wenn ich von früh bis spät für Herrn Claudius schrieb , den Unterhalt für die Tante konnte ich unmöglich bestreiten ... Ilses Gesicht tauchte vor mir auf - wie oft hatte ich die alte , treue Seele in meinem Innern hart und unerbittlich gescholten , weil sie aus allen Kräften eine Annäherung zwischen Tante Christine und mir zu verhindern suchte - jetzt steckte ich in der Klemme und büßte . » Tante , ich muß dir offen sagen , daß meine Geldmittel sehr gering sind , « versetzte ich in großer Verlegenheit , aber dennoch unumwunden . » Ich will ganz aufrichtig gegen dich sein und dir etwas mitteilen , das mein Vater nicht weiß - das Wirtschaftsgeld verdiene ich fast allein durch Beschreiben der Samentüten für Herrn Claudius . « Zuerst sah sie mich starr und zweifelhaft an , dann brach sie in ein unauslöschliches Gelächter aus . » Also so poetischer Art sind eure Beziehungen zu einander ? ... Das ist gottvoll ! Und ich bin so kindisch gewesen , einen Augenblick zu fürchten - Na , Kleine , « unterbrach sie sich selbst fröhlich , » das hört auf , wenn sich meine Lage eines Tages ändern wird , darauf kannst du dich verlassen ! Dann leide ich ' s nicht ! ... Fi donc , wie hausbacken ! ... Da solltest du mal sehen , wie ich mich zu dem Manne stellen würde ! ... Abschreiben , das ist ja freilich ein saurer Erwerb , und ich kann unmöglich aus deiner Börse leben ! ... Aber was anfangen ? ... Kind , ich zähle die Stunden bis zu dem Moment , wo es heißen wird , dieser Herr Claudius sei genesen und endlich einmal zu sprechen ! « » Er hat heute zum erstenmal das Krankenzimmer verlassen . « » Himmel ! Und das sagst du mir jetzt erst ? « Sie fuhr aus ihrer halb liegenden Stellung empor . » Weißt du nicht , daß du mit jedem verlorenen Augenblicke mein Lebensglück verzögerst ? Habe ich dir nicht oft genug gesagt , wie ich diesem Ehrenmanne meine Zukunft in die Hände legen und von seinem Rat und Urteil mein Wohl und Wehe abhängig machen will ? « » Ich glaube , er wird dir auch nicht anders und nicht besser raten können als Herr Helldorf , liebe Tante , « sagte ich . » Herr Claudius hält sich sehr fern von der Gesellschaft , während Helldorf als Lehrer in den ersten Familien Zutritt hat . Er sagte mir vorhin selbst , du würdest sehr viel Geld verdienen können , wenn - « » Ich bitte , « unterbrach sie mich eisigkalt , » behalte deine Weisheit für dich ! ... Es ist meine Sache , in welcher Art und Weise ich mir Bahn brechen will , und ich muß dir offen gestehen , daß mir durchaus nichts daran liegt , mit den Leuten da oben in irgend eine Beziehung zu treten , geschweige denn , mir auch nur die allergeringste Verbindlichkeit ihnen gegenüber aufzuladen ... Das sind solche spießbürgerliche Bekanntschaften , die einem später wie Blei anhängen , und - enfin , Kind , sie stehen der Sphäre ewig fern , in der ich zu leben gewohnt bin ! ... Und nun bitte ich dich wiederholt dringend , alles aufzubieten , um mir eine Besprechung mit Herrn Claudius zu verschaffen . « Ich stand auf , und sie glitt vom Sofa nieder und huschte in die Atlasschuhe , bei welcher Gelegenheit ich sah , daß ihre schlank gebauten Füße in fleischfarbenen seidenen Strümpfen steckten . » Ach , du kleine Maus da unten ! « lachte sie fröhlich auf und strich , ihre schlanke Gestalt hoch aufreckend , mit dem ausgestreckten Arme über meinen Scheitel hin . Wir standen gerade vor dem Spiegel , unwillkürlich sah ich in das Glas - mein bronzefarbener Kreolenteint , wenn auch vollkommen fleckenlos und jugendfrisch , stach dennoch unvorteilhaft ab von den Pfirsichwangen und der glänzend weißen Stirn meiner Tante ; aber ich sah auch heute zum erstenmal den widrigen Lack deutlich , der in einer dicken Lage das vierzigjährige Gesicht dort deckte . Ich schämte mich in ihre Seele hinein , wenn ich dachte , daß Herrn Claudius ' scharfer , strenger Blick dieselbe Bemerkung machen könne ; aber so oft ich auch die Lippen öffnete , sie zu bitten , mit dem Taschentuch ein wenig mildernd über das Gesicht zu wischen , ich brachte dennoch kein Wort heraus , um so weniger , als sie mich eben eine kleine bräunliche Haselnuß nannte und sich über » diese samtene Zigeunerhaut « höchlich verwunderte , da doch die Jakobsohns , wie sie in Figura noch zeige , stets mit einem lilienweißen Teint begnadet gewesen seien . Ich entzog mich ihren streichelnden Händen und verließ das Zimmer mit der Versicherung , daß ich direkt zu Fräulein Fliedner gehen und mit ihr über die zu ermöglichende Besprechung beraten wolle . Mit einem inbrünstigen Kuß wurde ich entlassen . 32 » Meine liebe , kleine Lenore , das Allergescheiteste wäre , mit Herrn Claudius selbst zu verhandeln , « unterbrach mich die alte Dame lächelnd , als ich mit meiner Mission kaum zur Hälfte herausgerückt war . » Ist er denn zu sprechen ? « fragte ich beklommen . » Ei freilich , für alle ... Gehen Sie nur hinauf in den ersten Salon , wo Lothars Bild hängt - es sind heute schon viele droben gewesen - der Salon ist vorläufig Geschäftszimmer . « Ich stieg hinauf . Vor der Thür aber verharrte ich einen Augenblick und preßte die Hände auf das Herz - ich meinte , ich müsse an dem stürmischen Klopfen ersticken . Dann trat ich leisen Schrittes ein . Das Zimmer war nicht so dunkel verhangen , als ich geglaubt hatte . Die Fenster waren mit grünen Stoffen umhüllt , die einen sanften , wohlthuenden Schein verbreiteten . Herr Claudius saß mit dem Rücken nach mir zu in einem Fauteuil und hatte den Kopf an die Lehne zurückgelegt - ein grüner Schirm bedeckte seine Augen ... Er schien nicht zu bemerken , daß jemand eingetreten war , oder meinte vielleicht , es sei Fräulein Fliedner , denn er veränderte seine Stellung nicht im geringsten . Ach , nun war ja mein tiefster , heißester Wunsch erfüllt - - ich sah ihn wieder ! Sprechen konnte ich nicht - ich fürchtete mich unsäglich vor dem ersten Laut meiner Stimme in dem stillen Zimmer . Fast unhörbar trat ich näher und ergriff zaghaft seine linke Hand , die über die Armlehne des Stuhles herabhing ... Noch verharrte der blonde Kopf in seiner vollkommen ruhigen Lage , aber blitzschnell kam auch die Rechte herüber , und ich fühlte mich plötzlich gefangen . » Ach , ich weiß , wem die kleine , braune Hand gehört , die da so furchtsam zwischen meinen Fingern aufzuckt , wie ein ängstlich schlagendes Vogelherz , « rief er , ohne sich zu bewegen . » Habe ich doch gehört , wie es die Treppe heraufgehüpft kam , und aus den verschiedenen Tempi der Schritte klang es deutlich : Gehst du hinein , oder nicht ? Soll das Mitleid mit dem armen Gefangenen siegen oder der alte Trotz , der wartet , bis er seinen Kerker verläßt und zu mir kommt ? - « » O Herr Claudius , « unterbrach ich ihn , » trotzig bin ich nicht gewesen ! « Jetzt wandte er mir rasch das Gesicht zu , ohne meine Hand loszulassen . » Nein nein , Sie waren es auch nicht , Lenore , « sagte er in verschleierten Tönen , » ich weiß es ... Meine Umgebung ahnt nicht , weshalb ich gerade in der Dämmerstunde so unduldsam gegen jegliches Geräusch war und die allertiefste Stille gebieterisch forderte . Um diese Stunde hörte ich mit Geisterohren , oder auch nur mit dem sehnsüchtigen Herzen - denn ich wußte genau , wann die leichten Mädchenfüße die Karolinenlust verließen , ich verfolgte jeden Schritt durch die Gärten und die Treppe herauf und wartete mit Inbrunst auf das halbgeflüsterte : Wie geht es ihm ? Hat er viele Schmerzen ? - Das klang nichts weniger als trotzig ... Und dann sah ich , wie die wilden Locken mit der wohlbekannten Bewegung von der Stirn zurückgeschüttelt wurden , und die großen , lieben , bösen Augen weit anfgeschlagen an Fräulein Fliedners berichtenden Lippen hingen . « Ich vergaß alles , was zwischen uns lag , und gab mich der Macht des Augenblickes widerstandslos hin . » Ach , sie verstand mich nicht so gut , « sagte ich rasch und unbedenklich . » Ich habe sehnlich gewünscht , sie möchte mich einmal , nur ein einziges Mal zu Ihnen führen . Ich wäre ruhiger geworden , hätte ich in Ihre armen Augen sehen dürfen , und Sie hätten mir gesagt : Ich sehe Sie ! ... Bitte , nur einmal heben Sie den Schirm ! « Er sprang auf , nahm den Schirm ab und warf ihn auf den Tisch . Seine schlanke Figur stand so hoch , elastisch und ungebeugt vor mir , wie immer . » Nun denn , ich sehe Sie ! « versetzte er lächelnd . » Ich sehe , wie die kleine Lenore in den fünf langen Wochen nicht um eine Linie gewachsen ist und mir noch immer mit dem lockigen Scheitel genau bis an das Herz reicht . Ich sehe eben , daß der Kopf noch immer so trotzig und empört zurückgeworfen wird , wie ehedem - freilich , was können Sie dazu , daß die Natur auch einmal ein wunderkleines Feenkind unter ihren Erschaffenen sehen wollte ! Ich sehe ferner , daß das braune Gesichtchen blaß geworden ist , blaß von Schrecken , Kummer und Nachtwachen ... Arme Lenore , wir haben viel gut zu machen - Ihr Vater und ich ! « Er ergriff meine Hand und wollte mich sanft an sich ziehen ; das brachte mich plötzlich zur Besinnung und überflutete mein Herz mit der ganzen Qual des bösen Bewußtseins . Ich riß mich los . » Nein , « rief ich , » seien Sie nicht gut gegen mich - ich habe es nicht um Sie verdient ! ... Wenn Sie wüßten , was für ein abscheuliches Geschöpf ich bin , wie hinterlistig , falsch und grausam ich sein kann , Sie stießen mich aus Ihrem Hause - « » Lenore - « Ich floh vor ihm nach der Thür . » Nennen Sie mich nicht Lenore ... Ich will tausendmal lieber hören , daß Sie mich wild , trotzig und ungebärdig schelten , daß Sie mich als unweiblich streng verurteilen - nur sagen Sie nicht so weich und gut meinen Namen ! Ich habe Ihnen unsäglich wehe gethan , Ihnen Böses zugefügt , wo ich immer konnte . Ich habe Ihre Ehre angegriffen und mit Ihren Gegnern Gemeinschaft gemacht - Sie werden mir nie verzeihen , nie ! Ich weiß das so genau , daß ich nicht einmal zu bitten wage ! « Tastend erfaßte ich das Thürschloß . Er stand sofort neben mir . » Meinen Sie wirklich , ich ließe Sie in diesem Zustand der heftigsten Aufregung von mir gehen ? Mit diesen bleichen , bebenden Lippen , die mir Angst machen ? « sagte er und schob sanft meine Hand vom Schloß nieder . » Bemühen Sie sich , ruhiger zu werden , und hören Sie mich an ... Sie kamen als völlig unberührte und ungeschulte Natur hierher und sahen mit den unschuldigsten Kinderaugen in die Welt . Ich klage mich schwer an , daß ich damals nicht sofort mein Haus von den bösen Elementen säuberte , obwohl ich in der ersten Stunde wußte , daß ein Wendepunkt in meinem Leben eintrete und alles anders werden müsse ... Es ist