die Herzogin folgte ihr . Herbert ' s Brief blieb an der Erde liegen , Niemand dachte jetzt an seine Angelegenheiten . Erst am Nachmittage , als man wegen Angelika ' s nicht mehr in augenblicklicher Sorge zu schweben brauchte und der Baron seine Freundin in ihrem Zimmer aufgesucht hatte , kam sein Kammerdiener fragen , ob der Bote aus Rothenfeld noch länger warten solle . Berechtigt , wie sie war , verdroß die Mahnung den Baron . Nein , schicke Er ihn fort . Ich würde die Antwort senden ! sagte er . Der Kammerdiener verließ mit dem Bescheide das Zimmer . Der Freiherr setzte seine Unterhaltung mit der Herzogin fort , indeß er war zerstreut , es lag ihm Etwas im Sinne , dem er nicht Gehör geben wollte , aber er konnte den Blick , den flüchtigen , lächelnden Blick nicht vergessen , den der Marquis der Herzogin zugeworfen hatte , als Angelika zusammengebrochen war . Und was hatte es bedeutet , daß die Herzogin mit zärtlicher Stimme der Leidenden zugeflüstert , sich zu fassen , sich um Gottes willen zu beherrschen ? Er wollte die Empfindung , die Aufregung , welche ihn peinigten , in sich zum Schweigen bringen , aber sie ließen ihm keine Ruhe . Er hörte , was die Herzogin sprach , indeß er konnte dem Sinne ihrer Erzählungen nicht folgen . Ihre Worte berührten zum ersten Male nur sein Ohr . Sie bemerkte das auch bald , denn leise ihre Hand auf die seinige legend , sagte sie im Tone sanftester Begütigung : Sie sind wirklich zu ängstlich um den Anfall unserer theuren Angelika , Sie machen sich überhaupt unnöthig Sorge und begehen in der That ein Unrecht , mein theurer Cousin ! Der Baron fuhr jäh empor . Was soll das heißen ? fragte er , und seine Stirne erglühte in stolzem Zorn . Von wem sprechen Sie ? Weßhalb zögern Sie , fuhr sie einlenkend und bittend fort , dem Architekten die Zustimmung zu geben , der er sicherlich voll Ungeduld entgegen sieht ? Der Freiherr athmete auf ; aber damit war der Herzogin nicht gedient , darauf hatte sie es nicht abgesehen , und ihm keine Zeit zu neuer Frage oder zu einer Entgegnung gönnend , sprach sie : Was hat er denn verbrochen , dieser arme Herbert ? Hat er denn nicht schnell begriffen , was ihm ziemte ? Hat er , da er das Unglück hatte , Ihnen zu mißfallen , sich nicht selber die verdiente Strafe und Buße auferlegt , indem er sich freiwillig aus Ihrer Nähe und aus Ihrem Hause verbannte ? Die Vorbitte der Herzogin mußte dem Freiherrn auffallen . Es lag daneben in ihrem Tone , in ihren Worten etwas , das ihn in seiner Unruhe nur noch bestärkte , obschon er sich bemühte , es nicht zu hören . Selbst der freundliche Blick der Herzogin peinigte ihn , und sich erhebend , um nur der Nähe dieses eindringlichen Blickes zu entgehen , sprach er : Ich wußte nicht , daß Sie so viel Antheil an meinem Architekten nehmen , meine Freundin , und Herbert selber war sich dessen sicher nicht vermuthend . Die Herzogin lächelte . Antheil an Ihrem Architekten ? wiederholte sie . Was ist mir dieser Herbert ? Was kann ein Mensch wie er uns sein ? Aber ich kann es nicht verstehen , mein Freund , weßhalb Sie , eben Sie , Baron , ihn hindern wollen , sich seiner Freiheit ein für alle Mal zu entäußern , weßhalb Sie ihn hindern wollen , sein zärtliches Herz für die Zukunft der Schwester Ihres Amtmannes zu überantworten ! Mich dünkt , dazu hätten Sie , mein Freund , doch wirklich keinen Grund , und es ist ja so süß , ein paar Glückliche zu schaffen , wenn die Gelegenheit sich wie hier dazu so günstig zeigt ! Sie sprach dies mit der völligsten Heiterkeit und Freiheit , mit gänzlicher Gelassenheit , aber sie folterte den Freiherrn mit ihrer Ruhe . Er hörte , er fühlte , daß sie ihm etwas hinterhielt , daß sie ihn etwas errathen lassen , ihm eine Mittheilung machen möchte , deren Inhalt er zu kennen glaubte und die von irgend einem Menschen aussprechen zu hören er doch um jeden Preis vermeiden wollte . Zwei Wege lagen vor ihm offen , seine Aufregung drängte ihn zu dem einen hin - aber er zauderte , ihn zu betreten . Nur eines Augenblickes Ueberlegung bedurfte er , dann war sein Entschluß gefaßt . Er mußte der Herr bleiben auf jedem Wege , den er gehen sollte , und heiter und frei , wie die Herzogin selbst , reichte er ihr die Hand . Ich danke Ihnen , rief er ; Sie sind immer besser , immer gütiger als wir Anderen , meine Freundin ! Sie haben mich zur rechten Zeit daran erinnert , daß meine selbstsüchtige Sorge um die Baronin mich grausam gegen ein junges Pärchen machte , grausam gegen einen Mann , mit dem ich in jedem Betrachte wohl zufrieden bin . Erlauben Sie , daß ich mich entferne , um mein Unrecht zu vergüten ! Ja , gehen Sie , gehen Sie ! rief die Herzogin , als freue sie sich , ihn umgestimmt zu haben ; aber sie kannte ihren Freund , sie errieth seine Absicht und sie hatte sich auch dieses Mal nicht geirrt . Nicht in sein Zimmer begab sich der Baron , er wandte sich geraden Weges nach dem Zimmer seiner Frau . Er mußte wissen , ein für alle Mal wissen , woran er mit ihr war . Angelika sah müde und niedergeschlagen aus , als er bei ihr eintrat . Die Erscheinung des Freiherrn , der sie nicht lange erst verlassen hatte , kam ihr unerwartet , seine Haltung , seine Mienen fielen ihr auf und machten sie verwirrt . Er hatte sich ihr immer mit jener rücksichtsvollen Ergebenheit genaht , welche die ritterliche Sitte dem vornehmen Manne selbst da als Pflicht gegen eine Frau auferlegt , wo er zu gebieten hat . So schmerzlich manche Verhandlungen zwischen ihm und seiner Gattin , so schwer und quälend sie namentlich in früheren Zeiten oft gewesen waren , nie hatte er den Gebieter , nie den Herrn gegen sie herausgekehrt , und niemals hatte sein Ton sie streng erfaßt . Ohne ein Wort zu sprechen , sah er , ob die Thüren , welche in die Nebenzimmer gingen , geschlossen waren . Dann ließ er die Portièren nieder und nahm auf einem Sessel der Baronin gegenüber Platz . Sein Schweigen , seine Ruhe steigerten ihre Besorgniß ; es fröstelte sie , und auch der Freiherr sah bleich und kalt aus . Ich frage Dich nicht , wie Du Dich befindest , Angelika , und Du fragst mich nicht , weßhalb ich wiederkomme , hob er , nachdem er tief Athem geschöpft hatte , mit fester Stimme an , das beweist für uns beide , was uns zu wissen Noth thut . Da er sah , daß sie ihm antworten wollte , legte er seine Hand auf ihren Arm und hielt sie davon zurück . Nur eine kleine Geduld , bat er , was ich Dir zu sagen habe , wird kurz sein ! Er schwieg einen Augenblick , dann fuhr er fort : Ich habe Dir keine Vorwürfe zu machen , im Gegentheil , Du wirst Dich immer in der Lage befinden , mir sagen zu können , daß Du mit mir das Glück nicht gefunden hast , welches Du Dir mit Recht von der Ehe erhoffen durftest . Höre mich ! fiel die Baronin , welche den Worten ihres Mannes mit wachsender Bewegung folgte und auf diese Art der Unterredung in keiner Weise vorbereitet gewesen war , ihm angstvoll in die Rede . Nein , laß mich vollenden ! entgegnete er . Erinnere Dich , wie ich Dir einmal sagte : hätte ich die abmahnende Stimme gekannt , die Dich bei unserer ersten Begegnung von mir zurückhielt , so würde ich nie um Dich geworben haben ! Denn es ist wahr , unsere Neigungen , unsere Ansichten gehen vielfach aus einander , Du bist nicht glücklich mit mir geworden . Du hast mir auch viel verzeihen , viel mit mir ertragen müssen in den ersten Jahren unserer Ehe , aber was Du mir nach Deiner Meinung zu verzeihen hattest - dieses Eine gestehe mir wenigstens zu - , das lag Alles hinter der Zeit , in welcher Du Dich mir verbunden . Oder welcher Untreue könntest Du mich zeihen , seit ich Dir mein Wort verpfändet ? Angelika war wie gelähmt vor Schrecken und vor Schmerz . Was sie innerlich auch empfunden hatte , diesen Ton , diese Sprache verdiente sie nicht . Sie war gewissenhaft und demüthig bereit gewesen , sich eines Unrechtes anzuklagen , sich einer Gedankensünde zu zeihen , aber gegenüber den Vorwürfen , welche ihr Gatte ihr machen zu wollen schien , empörte sich ihr gerechtes Bewußtsein , verstockte sich ihr Herz . Da Angelika auf ihres Gatten Frage nichts entgegnete , wiederholte er sie mit dem Zusatze , daß er eine einfache Antwort erwarte . Das steigerte in ihr das Gefühl der Kränkung , und kalt , wie der Freiherr zu ihr sprach , sagte sie : Ich habe mich über gar nichts zu beklagen , im Gegentheil ! Was soll das heißen ? fragte der Baron . Da bemächtigte seiner Gattin sich eine jener wilden Anwandlungen des Schmerzes , denen die sanfteste Natur nur schwer widersteht . War es doch genug , was sie leiden mußte , war es doch genug , was sie an innerer , selbstanklagender Pein , an Herzenskränkung zu ertragen hatte ! Sie wollte nicht allein unglücklich sein , nicht allein die Schmerzen der verschmähten Liebe fühlen . Es sollten Andere unglücklich sein wie sie , und vor Allem sollte der Mann sich nicht ungestraft als ihr Richter vor sie stellen , um den sie ihre Jugend , ihren Frieden , ihr Vaterhaus , ihre Eltern und Alles aufgegeben und verloren hatte ! Mit jener Wollust des Rachegefühls , die dem Beleidigten ein wilder , berauschender Genuß ist , sagte sie : Du hattest sicherlich kein Recht zu dem Tone dieser Unterredung , wenn Du mit Deinen Voraussetzungen Unrecht hattest . Aber Du hast Dich nicht geirrt ! - Sie zögerte , es stieg noch einmal , wie in solchen Augenblicken immer , ein Abmahnen in ihrem Herzen , ein letztes Besinnen in ihr auf ; indeß ihr Zorn wollte sich genugthun , und fest und bestimmt sagte sie : Ich liebe Herbert ! Das war es , was mir heute das Herz zu brechen drohte ! Angelika ! rief der Baron und schloß die Augen , während seine Hand krampfhaft die Lehne seines Sessels ergriff . Es war still im Zimmer . Beide Eheleute vermochten nicht zu fassen , nicht zu glauben , was geschehen war . Beide litten , beide kämpften schweigend in ihren Herzen . Jedem von ihnen mochte die Ahnung kommen , daß es jetzt vielleicht noch Zeit sei , jedem von ihnen mochte die heiße Aufwallung durch die Seele gehen , jetzt schnell noch die Hand zu bieten , um die Wunde zu heilen , die sie einander geschlagen hatten und die unheilbar werden mußte , wenn man sie nicht augenblicklich schloß . Aber wie ein Dämon stand zwischen ihnen jene Selbstsucht , die man als gerechten Stolz , als Ehrgefühl bezeichnet , und statt einander helfend zu befreien , dachten beide nur daran , sich würdig gegen einander zu behaupten . Des Freiherrn Züge waren völlig ruhig , als Angelika endlich ihren Blick zu ihm erhob . Weiß Herbert , daß Du ihn liebst ? fragte er bestimmt . Ja ! entgegnete sie eben so , und es freute sie , zu sehen , wie schwer es ihrem Gatten wurde , seine Ruhe aufrecht zu erhalten . Weiß er es durch Dich ? Ja ! wiederholte sie . Und die Herzogin - sie weiß es auch ? Aber als Angelika auf diese Frage die Antwort geben sollte , kam wie mit Einem Schlage das Bewußtsein der Herzensverblendung über sie , die sie fortgerissen und in der die Herzogin sie gehen lassen , sie bestärkt und weiter geführt hatte . Sie sprang auf , warf sich ihrem Gatten zu Füßen und flehte : Franz , Franz , rette mich vor mir selber ! Es war ein Wahnsinn , der mich ergriffen hatte ! Ich bin nicht schuldig , nicht so schuldig , als Du wähnst ! Glaube mir selber nicht , den Worten nicht , die ich vorhin gesprochen , die der Zorn mir entrissen , Deine Strenge , Deine Kälte brachten mich außer mir . Nur mein Herz war Dir nicht treu , nur meine Phantasie konnte sich vergessen . Ich bin ja Dein , Dein allein , wie ich es stets gewesen ! Komm ' mir zu Hülfe , Franz ! Komm ' der Mutter Deines Sohnes zu Hülfe - daß sie sich wiederfinde in der Liebe zu Dir und ihm ! Komm ' mir zu Hülfe , Franz , durch Deine Liebe , Deine Nachsicht , wie - ich Dir einst durch meine Liebe und Geduld zu Hülfe gekommen bin ! Der Freiherr hatte sie gleich Anfangs erhoben . Jetzt , da sie sich in seine Arme werfen wollte , nahm er sie bei der Hand und nöthigte sie , sich niederzusetzen . Sein Herz , seine Ehre , seine Eitelkeit hatten eine Kränkung erfahren , die er nie vergessen konnte . Er hatte Angelika niemals leidenschaftlich geliebt , aber er hatte sie hochgehalten wie keine andere Frau . Jetzt , da er zu erkennen glaubte , daß er sie überschätzt , jetzt , da sie sich selber eines Treubruches anzuklagen hatte , auf dessen Möglichkeit manche Aeußerungen der Herzogin , wie er jetzt nachträglich begriff , ihn schon öfter behutsam hingewiesen hatten , jetzt erinnerte Angelika ihn daran , wie er sich vor ihr gedemüthigt , wie sie sich in ihrem Selbstgefühle hoch über ihn erhoben , und zu unglücklicher Stunde fiel es ihm ein , daß es einst einen Tag gegeben , an dem er diese Frau und ihre strenge , makellose Reinheit beinahe gefürchtet hatte . Was er in diesem Augenblicke verlor , konnte keine Zukunft ihm wiederbringen , aber Eines konnte er erretten - Eines konnte er gewinnen , und er war entschlossen , diesen Vortheil nicht aufzugeben . Er konnte seine Ehre wahren und seine Gewalt und Herrschaft über die Baronin neu und ein für alle Mal begründen . Fasse Dich , Angelika , sagte er mit anscheinender Ruhe , und sei unbesorgt , Du hast es mit mir , mit einem Edelmanne - er betonte das Wort sehr scharf , und sie verstand seine Meinung - mit einem Edelmanne zu thun , der nie vergessen kann , was er Dir und was er sich selber schuldet . Was ich Dir zu sagen hätte , das wird Dein eigenes Gewissen Dir nicht ersparen , denn ich wiederhole Dir : ich habe das Wort als Mann gehalten , das ich Dir einst verpfändet . Du hingegen .... Franz , fiel die Baronin ihm in die Rede , indem die Thränen ihr aus den Augen stürzten , muß ich Dir es wiederholen , muß ich es noch einmal aussprechen , das Bekenntniß , daß nur mein Herz , nur meine Phantasie Dir untreu waren ! Der Baron preßte in heftigem Schmerze seine Lippen zusammen . Dafür habe ich sicherlich nicht Dir allein zu danken ! entgegnete er , und es that ihm wohl , wie seine Gattin unter diesem Worte händeringend ihr Gesicht verbarg . Bald aber erhob sie wieder ihr Haupt : Ich verlangte mich zu rechtfertigen , ich wünschte , ich konnte es ; jetzt , nach diesem Worte , vermag ich es nicht mehr ! rief sie , und die Klage rang sich wie ein Schrei aus ihrer Brust . Still , Angelika , still ! sprach der Freiherr , indem er ihre Hand fest drückte . Oder willst Du uns zum Gespötte unserer Leute machen ? - Er schwieg , sie weinte mit unterdrückter Stimme . Bist Du gefaßt genug , mich jetzt zu hören ? fragte er nach einer Pause , in welcher er langsam auf dem weichen Teppiche umhergegangen war . Sie bejahte es . Nun denn , ich wiederhole Dir , ich mache Dir keinen Vorwurf ! Es ist schwer , der Stimme des Herzens zu gebieten - ich habe sie auch einst gehört und bin ihr gefolgt , wie Du ! Vielleicht irrte ich , als ich Dich , die Du meine Tochter sein konntest , zur Gattin wählte ; vielleicht irrte ich , als ich Dich zu sehr Dir selber überließ , aber für beides wirst Du mich nicht tadeln ! Ich irrte im Vertrauen , im festen , höchsten Vertrauen auf Dich und Deinen Adel ! Ich verlange kein Geständniß von Dir , ich will nicht wissen , was zwischen Dir und jenem Manne vorgegangen ist , der sein Auge nicht zu der Gemahlin des Freiherrn von Arten erheben konnte , wenn sie selbst ihm nicht dazu ein Recht gab - Er brach mitten in seiner Rede ab und sagte dann , von seiner Aufwallung zurückkommend : Ich will auch nicht erfahren , ob und was Deine rücksichtslose Verblendung der Herzogin etwa verrathen , oder was des Architekten allerdings nur zu berechtigte Eitelkeit dem Marquis Preis gegeben haben mag , denn man kennt die Indiscretion der Leute seines Standes ; - Alles , was ich verlange , ist , daß ein Schleier gebreitet werde über das Geschehene , dicht genug , auch dem schärfsten Auge zu verbergen , daß mit dem Augenblicke , in welchem ich den Glauben an mein Weib verlor - - das Band für immerdar zerrissen ist , das mich ihm verbunden . Die Lippe bebte ihm , als er die Worte sprach , aber er stand hoch aufgerichtet und gebieterisch vor ihr , und sie fühlte , daß es ihm eine grausame Lust war , sie zu demüthigen . Da begann aufs Neue in ihr jener unheilvolle Kampf zwischen ihrem besseren Selbst und ihrem Stolze , aber der grausam triumphirende Blick des Freiherrn fachte auch in ihrer Seele die gleiche Empfindung an , und bleich und kalt , wie er , versetzte sie : Du hast zu befehlen , ich gehorche ! Die Herzogin hat mir heute angedeutet , sagte er , daß ich , eben ich , keinen Grund hätte , mich der Heirath Herbert ' s zu widersetzen und ihn zu hindern , seine Freiheit aufzugeben . - Er hielt inne . Ich muß ihr zeigen , daß ich keinen Grund habe , Herbert ' s Gebundenheit zu wünschen . Ich werde die Einwilligung zu Eva ' s Verheirathung nicht geben , Bedenkzeit fordern , und wenn Herbert wieder hieher zurückkehrt , wird er unser Gast im Schlosse sein , und Du wirst ihn sehen und empfangen wie zuvor ! Unmöglich , rief Angelika , die Herzogin weiß Alles ! Der Baron verstummte . Er schien unentschlossen , was er thun solle . Mit Einem Male besann er sich : So soll sie die Versöhnungsrolle spielen ! sagte er . Höre es wohl , Angelika , ich sage , spielen ! Denn Du und ich , wir sind für immerdar getrennt ! Da warf Angelika sich ihm noch einmal zu Füßen . Um Renatus willen höre mich ! Gehe nicht zur Herzogin , sprich nicht mit ihr ! Sprich mit dem Caplan ! Er soll Dir Alles , Alles offenbaren , Wort für Wort , was ich ihm anvertraut im heiligen Vertrauen . Er wird Dir sagen , daß ich Deiner nicht unwerth bin , Dir sagen , daß Du mir verzeihen kannst . Sprich mit ihm , ach , sprich mit ihm ! Ihm wirst Du glauben , wenn Du mir nicht glaubst ! Sie konnte nicht weiter sprechen . Das ganze Gewicht des Unheils , welches sie auf sich und ihr Haus herabgezogen , indem sie der Aufwallung ihres gekränkten Stolzes nachgegeben , lastete auf ihr . Sie erkannte mit Schrecken , was sie gethan , aber sie hielt es für unmöglich , daß sie ihren Gatten nicht überzeugen , mit ihren Thränen , ihrer Reue nicht überzeugen können sollte , wie sie seiner Achtung , seiner Verzeihung , seiner Neigung nicht unwerth sei . Indeß des Freiherrn frühere Erfahrungen standen mit seinem gegenwärtigen Schmerze und Zorne im Bunde . Weit entfernt , ihn zu besänftigen , beleidigte ihn der Gedanke , daß auch der Geistliche um ein Geheimniß wisse , welches der Freiherr um jeden Preis verborgen haben wollte , und mit einem Ausdrucke des Widerwillens rief er : Es fehlte nur noch , daß Du Deine Leute zu Zeugen für Dich aufrufst ! Die Baronin zuckte zusammen , dann erhob sie sich . Ich wollte , Du hättest das nicht gesagt ! sprach sie mit einer Ruhe , die beängstigend gegen ihre bisherige Aufregung abstach , und sich von ihm wendend , schritt sie der Thüre des Nebenzimmers zu . Der Freiherr stand mitten im Gemach . Als sie die Portière aufhob , hinter der sie seinem Blicke entschwinden mußte , fühlte er eine Anwandlung von Mitleid mit seiner Frau , und fast unwillkürlich rief er : Angelika , wir sind allein .... Nein , unterbrach sie ihn , nein ! Was ich gefürchtet und geahnt , noch ehe sie kam , was ich mir zu meinem und Deinem Unheile weggeleugnet habe , wie mein Herz mich auch lange davor gewarnt , - wir sind nicht allein , - die Herzogin steht zwischen uns ! Der Freiherr lachte hell und höhnisch auf . Er hörte einen Vorwurf , wo er die Hand zu großmüthiger Hülfe und Erhebung zu bieten sich nicht abgeneigt gefühlt hatte . Das hatte er am wenigsten erwartet , und mit dem Ausrufe : Die alte Taktik ! verließ er zornig das Gemach . Vierzehntes Capitel Im Amthause unterhielt man sich mit jenen Gesprächen und Erwägungen , welche überall dieselben bleiben , wo ein Menschenpaar daran geht , einen neuen Hausstand , eine Familie zu begründen . Herbert hatte an Eva , da er sie jetzt als sein künftiges Eigenthum betrachtete , ein ganz neues und höheres Gefallen . Er fand sie klug und verständig in allem Praktischen , warmherzig ihm gegenüber und anmuthig wie ein Kind , wenn sie sich ihrem angeborenen Frohsinne überließ . Sie schalt Herbert einen Leichtsinnigen , einen Unbesonnenen , daß er nur daran habe denken können , sie ihrem Bruder gleich frischweg fortzunehmen , und wenn sie ernsthaft erwogen hatte , wo Adam einen Ersatz für sie finden werde , falls er sich nicht selbst zur Ehe entschließe , so ging sie scherzend die ganze Reihe ihrer weiblichen Bekannten durch , pries deren Eigenschaften , um die eigenen noch höher zu stellen , und versicherte Herbert , daß es doch von den allen keine so gut habe und haben werde , als sie , der Herbert gleich gefallen habe , als er ihr bei der ersten Fahrt durch das Dorf die ganz unverantwortliche Kußhand zugeworfen . Indeß trotz all ihrer Munterkeit konnte man ihr doch anmerken , daß sich ihrer allmählich eine heimliche Sorge zu bemeistern begann , weil die Antwort des Freiherrn sich so lange erwarten ließ . Sie sah verstohlen immer öfter nach der Uhr , je länger der Bote ausblieb , und als der Mittag da war , bemächtigte sich die Ungeduld allmählich auch der Männer . Man überlegte , ob man einen zweiten Boten nachsenden sollte , um zu hören , was aus dem ersten geworden sei . Herbert war unruhig , weil die Stunde , in der er abreisen mußte , um einer Geschäftsbesprechung nachzukommen , längst vorüber war ; Eva nannte es unverantwortlich , daß man ihr den schönen ersten Tag ihres Brautstandes so unnöthig verbittere , und Adam , der sich am wenigsten vernehmen ließ , war im Innern der Gereizteste . Es war vier Uhr Nachmittags , als der Bote endlich wiederkehrte . Nun ? rief ihm Eva entgegen , welche , ihn zu empfangen , die Thür geöffnet hatte und die Hand ausstreckte , ihm das Schreiben abzunehmen . Der Knecht zog den Hut vom Kopfe , drehte ihn in den beiden Händen herum und sagte : Herr Amtmann , ich kann nichts dafür , ich habe gewartet und gewartet die ganze , ausgeschlagene Zeit .... Schon gut ! rief Eva , aber den Brief ? Der Knecht sah sie an ; ' nen Brief ? Ich hab ' keinen Brief , Mamsell ! sagte er . Inzwischen waren auch die Männer hinzugekommen , und der Amtmann fragte , den Knecht scharf betrachtend : Du bringst keinen Brief ? Nein , Herr Amtmann ! Der gnädige Herr wird Antwort schicken . Wann ? herrschte der Amtmann , dem das Blut zu Kopfe stieg . Wann ? das kann ich nicht sagen , Herr Amtmann ! Das ist mir nicht bestellt , Herr Amtmann ! Der Amtmann sagte , er könne gehen , und rief ihn dann doch noch einmal zurück , um sich zu erkundigen , ob der Herr Baron vielleicht ausgefahren sei . Der Knecht verneinte das auf das bestimmteste , und sichtlich betroffen standen das Brautpaar und Adam nach des Knechtes Entfernung einander gegenüber . Was bedeutet das ? fragte Herbert . Der Amtmann lachte bitter . Was es bedeutet ? Man hat Sie früher auf dem Schlosse verwöhnt , Herr Schwager , weil man es so für gut fand , und beweist Ihnen jetzt , daß man es nicht nöthig gehabt hätte , Sie also zu verwöhnen ! Eva ' s Antlitz hatte sich verdüstert . Du irrst , entgegnete sie , das ist keine bloße Laune ! Keine Laune ? wiederholte der Amtmann ; nun , wenn ' s keine Laune ist , dann ist ' s , was sie sich am wenigsten versagen und was eigentlich ihr Hauptvergnügen ist , dann ist ' s reine Willkür ! Seit sie das vertriebene Franzosenpack im Schlosse haben , sind sie wie darauf versessen , es in jedem Augenblicke zu beweisen , daß sie hier noch nach Belieben schalten und walten können ! Aber man bekommt das endlich satt ! Antwort schicken ! Was das heißen soll ? Antwort kann man heute schicken oder morgen oder über ' s Jahr ! fiel ihm Herbert verdrießlich in das Wort , - und nun weinen Sie vollends darüber , liebe Eva ! Der Bruder schalt sie dafür . O , rief sie , wenn es nichts als des Freiherrn Willkür wäre , wollte ich ja nicht weinen , aber dahinter steckt die gnädige Frau ! Sie gönnt ihn mir nicht ; das weiß ja Herbert auch ! Der Amtmann traute seinen Ohren nicht . Er fragte ; Eva erzählte , was sie mit der gnädigen Frau erlebt und was sie selbst dem Bruder bis dahin mit eifersüchtiger Verschwiegenheit vorenthalten , und da dieser in Herbert drang , gestand der letztere es endlich ein , daß er allerdings oben in seinem Schreibtische ein paar Zeilen gefunden , die - wenn Eva sie nicht hineingelegt - ihm wohl von der Baronin gekommen sein konnten . Er versicherte , jene Zeilen hätten ihn auf das höchste überrascht , obschon er Angelika früher bewundert und , weil er sie nicht für glücklich gehalten , sie auch beklagt und ihr dies einmal ausgesprochen habe . Indeß sei eben seine Werbung um die geliebte Eva die Antwort gewesen , welche er der Baronin auf die von ihr geschriebenen Verse gegeben habe , und .... Geben Sie mir Ihr Wort darauf , rief Eva , ihn unterbrechend , Ihr Ehrenwort , daß Sie diese arglistige Frau nicht wiedersehen wollen ! Er konnte ihr dieses Versprechen nicht leisten , denn er war nicht sicher , es halten zu können , und da er nicht umhin gekonnt , das Geheimniß der Baronin theilweise Preis zu geben , bemühte er sich doppelt , es den Andern darzuthun , wie nach seiner Kenntniß ihrer Natur Angelika an einer kleinlichen Rache keinen Gefallen und in derselben keine Befriedigung finden könne . Der Amtmann lächelte . Ich habe Ihnen schon einmal gesagt , meinte er , daß Sie die vornehmen Herrschaften nicht kennen , und wenn Sie wahrscheinlich besser von der Baronin denken , als solche Damen es zu verdienen pflegen , so kann ich Sie auch nicht darum schelten . Gegen den Windstoß , der Einem eine reife Frucht in den Schooß wirft , hat im Grunde Niemand etwas einzuwenden , auch wenn er sie nicht genießt - Das Wort verrieth die ganze Erbitterung des Amtmanns und verletzte Herbert , aber er vermochte die Baronin eben so wenig zu vertheidigen als zu verdammen . Geschmeichelte Eitelkeit , getäuschte Erwartungen , unbestimmte Besorgnisse und das unangenehme Bewußtsein , seine Braut verstimmt und in einer ihr peinlichen Lage zurückzulassen , bedrängten ihn gleichzeitig und erschwerten ihm das Scheiden , das doch endlich nicht weiter hinausgeschoben werden durfte . Herbert mußte die Nacht zu Hülfe nehmen , um am nächsten Morgen rechtzeitig an Ort und Stelle zu sein , und wie ihn die Bilder einer beglückenden Zukunft , wie ihn die lieblichen Erinnerungen der beiden letzten Tage und unruhige Gedanken mancher Art nicht zum Schlafe kommen ließen , so fanden auch Eva und der Amtmann keine Rast . Man war übereingekommen , des Freiherrn Bestimmung bis gegen den nächsten Mittag hin gelassen zu erwarten . Hatte man sie dann noch nicht erhalten , so wollte Adam auf das Schloß gehen und selber darum bitten . Am Morgen machte er sich früher noch , als er sonst pflegte , an seine Arbeit . Er verwies Eva zur Ruhe , da ihre aufgeregte Empfindung sich in lebhaften Aeußerungen erging