- « » War nicht zu Hause « , sagte der Oberst gravitätisch . » Ja , er war nicht zu Hause , aber jetzt haben wir ihn hier fest , und ausquetschen will ich ihn wie eine Zitrone ! « schrie der Leutnant . » Sage für dich , was du zu sagen hast , Hans Wischlappen , Du hast mich aussprechen lassen und sollst wenigstens auch aussprechen . « Hans sah von einem der drei Insassen des Hauses Grunzenow auf den andern , und sosehr es ihn auch drängte , seinem Herzen Luft zu machen , so konnte er doch durchaus keinen Anfang finden . Der Pastor Tillenius nahm nunmehr seine Pfeife aus dem Munde und sprach : » Wäre es nicht besser , wenn der Herr Kollege dir seine Enthüllungen privatim machte , Götz ! Wenn man die Sache von der rechten Seite betrachtet , so scheint ' s mir , daß der Oberst und ich ziemlich überflüssige Beisitzer in diesem Falle sind . « » Nein , nein « , rief der Leutnant . » Ihr beide kennt diese Verhältnisse so gut wie ich selbst . Ich habe euch oft genug meine Jammerlieder darüber vorgesungen ; ihr bleibt hier und hört an , was der Herr Kandidat zu sagen hat ; ich jetziger Krüppel kann ohne euren Rat und eure Hülfe ja doch nichts tun . « » Gebe Er dem Herrn Leutnant einen Fidibus , Grips « , sagte der Oberst . » Und dann schere Er sich zum Tempel hinaus . Vorwärts ! « » Marsch ! « kommandierte Grips sich selber und marschierte ab . » Herr Leutnant « , hub der Kandidat Unwirrsch an , » ich wußte es , daß Sie in ähnlicher Weise zu mir sprechen würden . Ich habe mich auf dem ganzen Weg hierher damit getragen und habe es auch tief bedacht , was ich Ihnen erwidern könnte . Ach , Herr Leutnant , dieses Jahr ist das schwerste meines Lebens gewesen , und Sie . Herr Leutnant , Sie haben mich hineingestoßen in alle Wirbel und Wirrnisse , mit denen ich kämpfen mußte , mit denen ich noch kämpfe . Ich bin Ihnen zufällig auf der Landstraße begegnet , und Sie haben Gefallen an dem armen , unerfahrenen Studenten gefunden ; Sie haben später den ebenso unerfahrenen Hauslehrer da vorgeschoben , wo Sie selber nichts vermochten . Sie haben wenig daran gedacht , was aus mir werden würde . Sie wollten um Ihrer Fräulein Nichte willen einen Vermittler zwischen sich und das Haus Ihres Bruders stellen , und wenn dieses Mitglied die ihm zufallende Rolle vielleicht gar nicht ahnte , so war das um so besser . Ach , Herr Leutnant , wir sind beide nicht zu Diplomaten gemacht , wir haben nicht das geringste am Lauf der Dinge geändert , und das Schicksal hat böse Geister aufsteigen lassen , an die keiner von uns beiden gedacht hat . Sie haben mir vorgeworfen . Herr Leutnant , daß ich dem Doktor Theophile Stein nicht entgegengetreten sei ; das ist zum größten Teil Ihre Schuld , denn Sie haben mir meine Rolle gegeben , ohne sie mir zu deuten , und haben mich in fremde Verhältnisse geschoben , ohne die meinigen zu kennen . Bei unserm ersten Begegnen sprachen Sie harte Worte über denjenigen , welcher sich später Theophile Stein nannte , aber was Sie dazu trieb , haben Sie mir nicht erklärt . Und jener war mit mir aufgewachsen und erzogen ; ich hielt ihn für meinen Freund und konnte ihn nicht auf das flüchtige Wort eines Fremden hin verleugnen , zumal da er fern war und sich nicht verteidigen konnte . Als ich erkannte , daß er falsch , treulos , ein Egoist und Verächter des Göttlichen und Menschlichen sei , habe ich ihn aus meinem Herzen gerissen , und sein Name ist ein leerer Schall für mich geworden . Schwer , schwer habe ich für meinen Glauben an ihn gelitten . Sie , Herr Leutnant , tragen die Schuld daran , daß mich das Fränz - Ihre Nichte für ebenso falsch und heuchlerisch wie den Moses Freudenstein halten mußte . Sie haben mich elend und unglücklich über alles Maß gemacht , denn Sie hatten mich in eine Lage gebracht , in der ich mich nicht verteidigen konnte , in der ich es dem Zufall überlassen mußte , den stummen , trüben Vorwurf der Gemeinheit und Treulosigkeit von mir zu nehmen . Wie ich in dem Hause Ihres Bruders gelitten habe , kann ich nicht sagen ; Sie aber sind gewiß nicht berechtigt , mehr Rechenschaft von mir zu verlangen , als ich Ihnen geben will . « In dieser Rede zeigte Hans Unwirrsch aus der Kröppelstraße , daß seine Lehrjahre nicht nutzlos vorübergegangen waren . Er stand wie ein Mann vor dem Leutnant Rudolf Götz , und der Eindruck seiner Worte auf diesen sowohl wie auf die beiden andern Herren war merkwürdig und dem Sachverhalt angemessen . Jetzt hatten alle drei ihre Tonpfeifen weggelegt und starrten auf den Redner wie auf etwas ganz und gar Neues . Der erste , der sich von seiner Verwunderung erholte , war der Oberst von Bullau . » Potz Blitz . Rudolf « , rief er , » da rieche drauf ! Davon kannst du mich manches gebrauchen und in die Tasche stecken . Tillenius , Mann , nächsten Sonntag soll dieser Jüngling uns eine Predigt halten . Donner und Wetter , Herr Kandidate , das geht Sie ja recht glatt ab , und ich glaube , einigemal haben Sie den Nagel richtig auf den Kopf getroffen . Alert , Götz , so was kann nicht ungerochen hingehen ! - Was hast du ihm nun wieder drauf zu antworten , Kamerade ? « Der Leutnant zog einen Seufzer aus seinem tiefsten Innersten hervor und sagte , ohne den gesenkten grauen Kopf emporzuheben : » Ich will mit Wissen keinem Menschen ein Unrecht antun , und wenn es mir doch passiert ist , so will ich ihn gern um Verzeihung bitten . Jetzt bin ich wirblig und konfus im Kopf und muß mich erst besinnen auf das , was ich noch zu sagen habe . Gib mir die Hand , Hans , und erzähle mir morgen genau , wie es dir in meines Bruders Haus ergangen ist , du wirst mit einem alten , kranken Burschen Geduld haben ; - o das Fränzchen , mein Fränzchen ! « Hans ergriff mit tiefer Rührung die jetzt so zitternde Hand , die ihm entgegengestreckt wurde . Er drückte sie heftig - er hatte ja dem Alten noch soviel zu sagen . Er hatte ihm zu sagen , daß er ihm auf den Knien danken müsse für all die Unruhe , Sorge , all den Zwiespalt , Kummer und Schmerz , die er auf seine Seele geladen habe . Er hatte ihm zu sagen , daß er , der hungrige Hans Unwirrsch , seinen schönsten , edelsten Hunger , sein schönstes , edelstes Sehnen ihm , dem alten treuen Eckart , Rudolf Götz , verdanke . Er hatte ihm soviel von sich und dem Fränzchen zu erzählen , aber es ging gleichfalls noch nicht an ; der Augenblick dazu war noch nicht gekommen . Der Schifferpastor Tillenius sah kopfschüttelnd auf den Leutnant , der dem Augenblick und der Gesellschaft gänzlich entrückt zu sein schien ; dann sagte er zu Hans : » Sie werden von Ihrer Reise müde sein , Herr Amtsbruder . Grips soll Ihnen Ihr Zimmer anweisen . Ich hoffe , wir werden gute Freunde , wenn Sie länger hier verweilen . Der Wind , der über die See kommt , macht die Haut hart und rauh ; aber dem inwendigen Menschen kann er weniger anhaben , als man glaubt . Geben Sie mir Ihre Hand zur guten Nacht ; ich will auch heim in mein Nest . Sie schlafen ja wohl zum erstenmal beim Rauschen des Meeres ? - Geben Sie Achtung auf Ihre ersten Träume : es ist ein eigen Ding , sich von den Wellen in den Schlaf singen zu lassen . « » Schlaft wohl , Tillenius « , rief der Oberst . » Ich empfehle Euch Eurer Haushälterin . Nehmt einen Kerl mit einer Laterne vom Hofe mit und haltet Euch rechts bei dem Graben ; - Vorsicht ziert den Mann , selbsten wo er den Weg schon seit vierzig Jahren kennt . « » Gute Nacht . Rudolf « , seufzte der alte Pfarrer , dem Leutnant sanft die Hand auf die Schulter legend . » Richte den Kopf auf , mein Alter ; morgen gibt ' s einen heitern Tag . « » Wir wollen es wünschen ! « sagte Götz . » Grips , rolle mich in mein Loch . Gute Nacht , ihr Herren ! Gute Nacht , Hans Unwirrsch , mein Junge ; du hast mir eine harte Nuß mit ins Bett gegeben . Halte dich selber an das Wort des Pastors und laß dich sanft in den Schlaf singen . « Ehrn Josias Tillenius , der Pfarrer von Grunzenow , war abgehumpelt ; Grips hatte den Leutnant Götz in seinem Rollstuhl zur Tür hinausgeschoben ; jetzt griff der Oberst von Bullau ein Licht von der Tafel auf und sagte : » Ich werde Sie selber Ihr Zimmer zeigen , Herr Kandidat ; nochmalen heiße ich Ihnen von Herzen willkommen auf Grunzenow . Wenn ' s Ihnen etwas wüste scheint , so nehmen Sie ' s nicht für ungut , wir leben hier wie im Felde und halten uns das Weibervolk soviel als möglich vom Leibe . Also gucken Sie mich nicht zu genau in die Ecken , ' s ist eine Wirtschaft von Kriegsleuten und Mannsleuten . Put , put , mein Hühnchen . « Hans Unwirrsch folgte dem Kastellan von Grunzenow durch den langen gewölbten Korridor in das Gemach , das er bewohnen sollte . Der Oberst setzte das Licht auf den Tisch , schüttelte seinem Gast nochmals die Hand , und Hans war allein . Er horchte , wie der schwere , soldatische Schritt seines braven Wirtes verhallte , er horchte , wie noch mehrmals Türen in der Entfernung krachend zugeschlagen wurden ; er horchte nach dem Fenster hin , fuhr mit der Hand über die Stirn und sah auf und umher , doch nicht in die Ecken , wie es ihm der Oberst geraten hatte . Das Zimmer war nur auf das Notwendigste eingerichtet , die Stühle , der Tisch , der Schrank von dunklem Eichenholz hätten ein modernes Haus wahrscheinlich zum Einsturz gebracht ; von den Wänden hingen Fetzen einer uralten Ledertapete . Das Bett war von spartanischer Einfachheit ; aber auch in diesem Gemach verbreitete ein uralter holländischer Ofen eine wohltuende Wärme . Auf dem Tischchen neben dem Bett stand zum Nachttrunk eine Flasche Bordeaux , die jedoch der Herr Kandidat mit Abneigung betrachtete . Er schritt zu den Fenstern und fand zwischen beiden eine Tür , die auf einen kleinen Balkon führte , der mit einer kugelfesten Brüstung von Stein umgeben war . Im kalten , schneidenden Nachtwind stand er , bezaubert von dem , was er sah und was er hörte . Zur Linken lag das schweigende Dorf , in welchem jetzt kein Licht mehr glimmte ; vor ihm dehnte sich der kahle Strand , über den sich in den letzten Abendstunden eine leichte Schneedecke gelagert hatte und der sich im weiten Bogen im Dunst und Nebel verlor . Über Dorf und Strand aber hinaus bewegte sich das Meer , beleuchtet vom Monde , der , verschleiert vom Gewölk , sich , dem Untergang zuneigte ; das Meer » gekleidet in Wolken und in Dunkel eingewickelt wie in Windeln . « » O Fränzchen ! « sagte Hans , wußte aber nicht , weshalb er es sagte . Dann verging diese erste Nacht , die er in dem alten Herrenhause verbrachte , ruhiger , friedlicher und stiller , als er geglaubt hatte . Er hörte das Meer in den tiefsten Schlaf hinein ; aber er hörte es nicht dräuend und unheilverkündend . Die Geister der Wasser verliehen ihm keinen klaren , bestimmten Traum , wie es ihm der Pastor Tillenius verheißen hatte . Mancherlei Bilder und Gestalten sah er wieder ; er mußte viel an die arme Kleophea denken . Als er erwachte , war es Morgen , und was ihn weckte , war nicht der Wogenschlag an Fels und Düne , sondern Grips , der mit der Faust an seiner Tür trommelte und dienstlich meldete , daß das Frühstück auf dem Tische stehe . Dreißigstes Kapitel Wochen gingen nun vorüber , in denen der Kandidat Unwirrsch das Meer , das Dorf Grunzenow , den Oberst von Bullau und den Pastor Josias Tillenius genauer kennenlernte und in denen er dem Leutnant Rudolf Götz hundert und aber hundert Fragen zu beantworten hatte . Bis in die kleinsten Einzelheiten gab er dem Alten Bericht von seinem Hauslehrertum im Hause des Geheimen Rates Götz und verschwieg ihm nichts als das , was sein eigenstes hohes und teures Geheimnis war und über welches er bis jetzt mit keinem andern Menschen sprechen konnte und mit sich selbst kaum zu sprechen wagte . Er erzählte aber dem Leutnant doch soviel von dem Fränzchen , als er immer verlangen mochte . Es war ein unerschöpfliches Thema , und dem invaliden Krieger ging oft vor Rührung die Pfeife darüber aus ; aber weder der Leutnant Rudolf noch Hans wußten zu sagen , wie man dem Kinde helfen könne , da es den Onkel Theodor nicht verlassen wolle . Der Oberst und der Pastor wußten auch keinen Rat bei so bewandten Umständen ; sie schüttelten nur die Köpfe , und dadurch ist nur selten ein Ding besser geworden in der Welt . Die Alten sind übrigens in solchen Umständen schlimmer daran als die Jungen . Obgleich Hans Unwirrsch sowenig Rat wußte als der Leutnant , so konnte er doch mit der Hoffnung auf die Zukunft am Ufer des Meeres spazierengehen , während die Gedanken des alten Invaliden , die sich am höchsten erhoben , immer nach kurzem Fluge auf dem kleinen Kirchhofe niedersanken , auf welchem die Leute von Grunzenow ihre eigenen Toten und die fremden , die das Meer ihnen an den Strand trieb , begruben . Hans Unwirrsch lernte das Meer in den verschiedenartigsten Stimmungen kennen ; er sah es in der Ruhe und sah es im Zorn ; er sah es - in tristitia hilare , in hilaritate triste . Wie ein Kind griff er nach dem bunten Spielzeug , dessen die See überdrüssig geworden war ; er sammelte Muscheln , aber er sammelte auch Gedanken . Der Oberst von Bullau machte ihn mit der Natur des wilden Erdstriches bekannt ; der Pfarrer Tillenius lehrte ihn die Menschen kennen , welche diese öde , unfruchtbare Scholle bewohnten , nur von dem lebten , was sie der See abrangen , und die der stete , harte , gefahrvolle Kampf mit dem grimmig-launischen Element so ernst , schweigsam , rauh und ausdauernd machte . Es wurde dem Kandidaten Unwirrsch fast zu einem Traum , daß er ein Buch des Hungers voll Hauch und Glanz aus grünen Wiesen und hoffnungsreichen Kornfeldern her hatte schreiben wollen . Nun stand er in einer ganz andern Welt , ein Kandidat des Predigertums in der Wüste , und der harte Boden , auf den sein Fuß trat , gab einen ganz andern Klang als die heilige Erde von Neustadt , als das Parkett und das Straßenpflaster der großen Stadt . In dem Pastorenhaus wurde der Kandidat ein täglicher Gast ; er fand daselbst einen sehr alten und einfachen Haushalt unter der Leitung einer ebenso alten Haushälterin . Er fand den alten Josias sehr in Tabaksdampf gehüllt , sehr in seinem Schlafrock verwickelt , eifrigst uralte Folianten nach uralter Theologie durchwühlend , um , wie er sagte , » im Gange « zu bleiben . Es war aber eine eigentümliche Sache um dieses Im-Gange-Bleiben . Seine Kollegienhefte hatte er schon lange vor Beginn der Befreiungskriege verloren ; neue Schriften gelangten nicht leicht nach Grunzenow , und so beschränkte sich sein gelehrter Apparat auf die Bücher , die seine Vorgänger seit hundertundfünfzig Jahren auf der Pfarre zurückgelassen hatten und die ein Pastor bei dem Tode des andern übernommen hatte , wie man sonst wohl die ehrsame Witib samt der übrigen fahrenden Habe seines Vorgängers übernimmt . Die Herren von Bullau , welche die Pfarre von Grunzenow zu vergeben hatten , hatten einen gewaltigen Respekt vor dieser Bibliothek und das seefahrende Volk von Grunzenow einen noch größeren . Die geistlichen Herren aber , die nacheinander in das Pastorenhaus einzogen , fanden sich mit ihr ab , ein jeder nach seiner Weise . Wenn sie von dem einen leichtgenommen wurde , so lag sie dem andern wie ein Alp auf den Schultern , und zu den letzteren gehörte der wackere Pastor Josias Tillenius . Der Greis hatte viel gesehen und erlebt in seiner Jugend , da er als Feldprediger mit gegen die Franzosen auszog im Jahre siebenzehnhundertdreiundneunzig . Er war ein ehrlicher , guter Mann , der es wohlmeinte und der jedem Menschen , vor allem jedoch dem Patronatsherrn von Grunzenow gefallen mußte . Bullau und Tillenius hatten zusammen an einem Wachtfeuer gelegen ; sie rückten nachher an einem Feuerherde zusammen . Der Gutsherr fühlte sich so behaglich an dem Ofen im Pfarrhause wie der Pastor an dem des Gutshofes , und der wandernde Leutnant Rudolf Götz vervollständigte das Kleeblatt und die Behaglichkeit und wurde sehr vermißt , wenn ihn sein unruhiges Blut in die Weite getrieben hatte . Der Oberst verließ seinen Stammsitz am Meere nur , um von Zeit zu Zeit den Neuntötern in ihrem Nest im Grünen Baum einen Besuch abzustatten ; Josias Tillenius aber hatte in dieser Beziehung schon längst mit der Welt abgeschlossen . Wenn die beiden Freunde nicht anwesend waren , genügten ihm die Leute des Dorfes , der Anblick der See , seine Pfeife und seine Erinnerung ; wenn sie wiederkehrten , genügte ihm das , was sie von dem fernen Weltgetümmel zu erzählen wußten . Ein beschaulicherer Philosoph und Pastor hatte noch niemals am Meer in seiner Studierstube gesessen und im Kampfe mit einer so merkwürdigen Bibliothek Weisheit gelernt aus dem einförmigen Rauschen der Wellen . Abseits von dieser Bibliothek baute er im Laufe seines langen Lebens und seiner langen Amtsführung ganz allmählich , fast ohne es zu ahnen , seine eigene Theologie , sein eigenes System der Welt- und Gottesanschauung auf , und in demselben hatten Dinge Platz , die den Kandidaten Unwirrsch oft mit Rührung , oft mit Staunen und sehr oft auch mit Verwunderung aufblicken ließen . Wie in einen Spiegel sah Hans Unwirrsch in das Leben dieses Greises , den seine Kollegen weiter hinten im fetten , fruchtbaren Lande den » Hungerpastor « nannten und ihm somit denselben Namen im Ernst gaben , welchen der Doktor Theophile Stein einst im Salon der Geheimen Rätin Götz seinem Jugendfreund im Scherz beigelegt hatte . » Mein lieber Sohn « , sagte der Alte , » ich bin ein ungelehrter Mann ; und wenn ich heute aufgerufen würde , mein Examen vor dem hochehrwürdigen Konsistorio zu bestehen , so würde man mir wohl nicht erlauben . Gottes Wort hier am Wasser zu predigen . Die Bücher dort machen mir Kopfweh und viele Sorgen ; ich bin ihnen nicht gewachsen , und wenn ich den Kampf gegen sie aufnehme , so ziehe ich regelmäßig den kürzeren , Es ist auch so lange , lange her , als ich auf der Schulbank saß , und ich bin allmählich ein Solcher alter Bursch geworden , daß es gar kein Wunder ist , wenn ich mich verhaspele und wenn mir der Atem entgeht . Ich bin da steckengeblieben in der Wissenschaft , wo andere erst anfangen , und als ich Zeit gewann zum Lernen , da hatte mich das wilde Leben allbereits untauglich dazu gemacht . Ich habe alle Begeisterung . Sturm und Drang , so der Mensch fühlen kann , in meinem Herzen gefühlt ; ich habe aber auch allen Menschenjammer gesehen und in mir gespürt . Nun fahren mir die Erinnerungen immerdar zwischen die Buchstaben und Zeilen , stellen dem Aufmerken ein Bein , schütteln die Gedanken durcheinander , und es ist keine Abhülfe davon , als daß ich herauswackele aus dem Loch und auf irgendeiner Ofenbank oder einer Bank vor der Hüttentür im Dorfe Posto fasse oder den Möwen zusehe , die um den Strand fahren oder über die Wellen schießen . Sehet , Herr Kandidat , Ihr seid ein junger Mensche und fallet dazu in eine ganz andere Zeit , aber es gleicht sich manches auf Erden , was es nicht glaubt . So ist es mit unsern Wegen in der Jugend . Der meinige ist durch grimmiges Wetter , Mord und Tod gegangen , der Eurige gehet in der Stille fort ; aber auf diesen verschiedenen Wegen haben wir viel gleiche Gedanken gehabt , und wenn Ihr , Herr Kollege , einmal so alt wie ich geworden seid : wer weiß , ob dann die Ähnlichkeit nicht noch viel größer ist ? Wir haben uns beide recht gesehnt auf unserm Wege : nach dem Wissen , nach der Welt , nach der Liebe . Mir hat der Krieg die Bücher aus der Hand geschlagen , und die Welt habe ich gesehen , aber zerstampft von Mann und Roß und Wagen und übergossen mit rotem Blut und geschändet von der Brandfackel ; meine Liebe aber ( hier lüftete der Alte das schwarze Käppchen ) , meine Liebe - nun , deren sterbliches Teil habe ich begraben dahinten im Lande auf einem grünen Kirchhof ; es ist lange her . Nun sehne ich mich nach Ruhe , und der Liebe unsterbliches Teil wird mir den Tod süßer machen , wie es mir das Leben sanft und alle Arbeit gering und leicht gemacht hat . Sie haben wohl recht dahinten im Lande , wenn sie mich den Hungerpastor nennen ; ich habe großen Hunger gelitten im Leben ; nun der Tag sich neiget , danke ich dem Herrgott in Demut dafür . Erst am Abend erfährt der Mensch so recht , was ihn unter den Mühen des Tages aufrechterhalten hat . Ihr seid jung , Herr Konfrater , und seid einen stilleren Weg gewandelt als ich ; aber auch auf einem kurzen und stillen Wege kann man viel erfahren . Euch hat nicht eine wilde Zeit von den Büchern weggerissen ; es hat Euch niemand gehindert , Euern Durst nach dem Wissen zu stillen , und wenn Ihr auch nicht vom Werk abgelassen habt und nicht von ihm ablassen könnt , so habt Ihr doch das Glück und die Ruhe nicht darin gefunden . Und Euer Sehnen in die weite Welt , in der Menschen buntes Spiel und Treiben hat auch Euch hinausgetrieben - eheu sudores et cruces Johannis Unwirrschii ! - Ihr habt wohl Stoff gesammelt zu vielen schönen Predigten ; aber - ein traurig Wesen war ' s doch . Ihr habt Euern Jugendgenossen in seinem Hunger seinen Weg gehen lassen ; Ihr habt sonst Kleinliches und Nichtiges gesehen und erfahren ; der Tod hat Euch die letzten Verwandten genommen , und was der eine Mensch leicht trägt und abschüttelt , das wird dem andern Menschen zu einer schweren Last , die ihn zu Boden drückt und die er nicht von sich werfen kann . Du hast das Recht , betrübt zu sein , Johannes , obgleich du nicht von den Schlachtfeldern der Menschheit kommst und nicht von dem Grabe der Braut ; - - soll ich nun von dem letzten Sehnen , in welchem im Grunde jeglicher Hunger wurzelt , zu dir reden ? « Hans konnte nicht sprechen ; er nickte nur und hielt in seiner Hand die Hand des Greises , aber der Pastor Josias Tillenius , der so schweren Kampf mit der Bibliothek seiner Vorgänger im geistlichen Amt zu Grunzenow kämpfte und doch so viel , viel mehr wußte , als in all den halbvermoderten Scharteken zu finden war - der Pastor Tillenius konnte seine Rede nicht zum Schluß bringen . Es klopfte jemand hastig an das Fenster ; Grips mit seiner Laterne stand draußen im Schnee und kalten Abendwind und entbot beide geistliche Herren zum Gutshofe mit dem Anfügen , es müsse wohl etwas Absonderliches passiert sein in der Zeitung , denn der Herr Oberst und der Herr Leutnant seien in merkwürdiger Emotion , seit der Christof mit ihr von Freudenstadt gekommen sei . Seit der Geschichte von Anno fünfzehn habe er - Grips - so etwas nicht erlebt . Fragend sahen sich Hans und der Pastor von Grunzenow an . » Was mag es sein ? Was ist geschehen ? « » Es soll mich wundern « , meinte Ehrn Tillenius . » Die beiden alten Freunde treiben in ihrer Einsamkeit eine seltsame Alte-Soldaten-Politik , es wird jedenfalls irgendeine kriegerische Wolke an ihrem Horizont aufgestiegen sein . Es ist nur schade , daß die Zeitung gewöhnlich erst dann nach Grunzenow gelangt , wenn die Welt um acht oder vierzehn Tage älter und klüger geworden ist . Lassen Sie uns aber gehen , Johannes ; ich bin gerüstet , und Geduld gehört im Grunde nicht zu den Haupttugenden der beiden Veteranen da oben . « Mit der Laterne schritt Grips gravitätisch den geistlichen Herren voran durch den Schnee . Es war ziemlich stürmisch , die See brauste gewaltig , der Schnee stäubte um die Wanderer und um die Hütten des Dorfes - es war eine böse Nacht geworden . Hans befand sich in sehr erregter Stimmung , er konnte nicht glauben , daß es eine politische Neuigkeit sei , die auf Schloß Grunzenow angelangt war . Er hatte ein dumpfes Vorgefühl , daß etwas sich ereignet haben mußte , was auch von tief eingreifender Wirkung auf sein eigenes Leben war . Allerlei verworrene Gedanken und Fragen schossen ihm durch den Sinn , während er den alten Pastor Tillenius sorgsam durch den Schnee führte ; aber den Gedanken , daß eine Nachricht aus dem Hause in der Parkstraße gekommen sei , wurde er nicht los , und es fand sich , daß dem so war . Die Hände auf dem Rücken , schritt der Oberst von Bullau in dem Gemache , welches wir bereits kennen , auf und ab . In seine Decken gewickelt , saß der Leutnant Rudolf Götz in seinem Rollsessel , und das Zeitungsblatt , das Christof von Freudenstadt gebracht hatte , lag vor ihm auf dem Tische . Beide alte Herren waren sehr ernst ; der Leutnant seufzte von Zeit zu Zeit tief und schwer , und der Oberst hielt von Zeit zu Zeit in seinem Marsche an , um kopfschüttelnd auf den Freund und Kameraden zu blicken . Er knurrte auch von Zeit zu Zeit mitleidig , der Oberst von Bullau , und brummte : » Na , na ! « oder » Schwerenot ! « oder » Kopf in die Höhe ! « oder » Brust heraus ! « oder dergleichen Endlich blieb er sogar stehen , um sich durch ein herzhaftes » Kreuzhimmeldonnerwetter ! « mit dem Zusatz Luft zu machen : » Wenn man die Papen braucht , so sind sie nie vor der Front zu haben ! « Es war ein Glück , daß einige Minuten später Grips den beiden geistlichen Herren die Tür öffnete . Der Leutnant Götz sah auf , und Hans Unwirrsch wußte nunmehr , daß er in seinen Ahnungen recht gehabt hatte ; die Zeitungsnachricht betraf das Haus des Geheimen Rates - betraf das Fränzchen . » Was ist denn vorgefallen . Bullau ? « fragte der Pastor den Oberst leise . » Es steht in der Zeitung - Geburts- und Todesnachrichten ! « » Um Gottes willen , was ist s ? Was steht in der Zeitung ? Wer ist geboren oder gestorben ? « » Armer Teufel ! « seufzte der Oberst von Bullau . » Sein Bruder natürlich - Herzschlag - um stille Teilnahme bittet die trauernde Witwe , Aurelie Götz , geborene von Lichtenhahn . « Der Pastor war bereits an der Seite des Leutnants und drückte ihm die Hand ; Rudolf Götz hatte das Zeitungsblatt schon dem Kandidaten Unwirrsch gereicht : » Lies , lies ! « Hans suchte in seiner Aufregung längere Zeit vergeblich in den Spalten des Blattes , endlich fand er die Anzeige und las : » Den 10. Dezember 18 .. Gestern morgen entschlief unerwartet schnell an den Folgen eines Herzschlags mein teurer Gatte , der Geheime Rat Theodor Friedrich Ferdinand Götz , Ritter usw. usw. Ich weine , doch nicht wie jene , welche den Herrn nicht gefunden haben . Ich weine , doch nicht wie jene , welche den Herrn nicht suchen wollen . Aurelie Götz , geborene von Lichtenhahn . « » Du mußt Trost annehmen , Rudolf « , sagte der Oberst . » Wird dem armen Kerl fidel zumute sein ! Er hat wenig Freude in seinem Leben gehabt Nun hat ihm die Geschichte , der Kummer um seine Tochter , den Rest gegeben - es ist klar ; - er wird einen guten , festen Schlaf haben nach seinem trübseligen Schreiberleben . Richte den Kopf auf , Kamerad , du hast noch an andere Dinge zu denken . « » Mein Kind , mein Fränzchen ! Was ist aus meinem Fränzchen geworden ? Was soll aus meinem Fränzchen werden ? « rief der Leutnant . Er stand trotz seiner Gicht plötzlich auf den Füßen , aber der Schmerz warf ihn sogleich wieder in den Sessel zurück . » Vom zehnten Dezember ist die Todesanzeige , heute schreiben wir den neunzehnten , was kann das Kind in die kurze Zeit passiert sein ? ! « sagte der Oberst . » Heute abend noch packt der hier gegenwärtige Hans Unwirrsch , ein junger Mensch , auf welchen man sich verlassen kann