Fährdorf heimliche Zusammenkünfte mit der jungen leichtsinnigen Frau hatte , und er ließ sich auch dadurch nicht irre machen , daß Oswald über Emilie plötzlich zu sprechen aufhörte , sondern schloß nur daraus , daß das Verhältniß in ein Stadium getreten sei , wo Schweigen Pflicht war . So weit hatte es nun freilich nach Timms Wunsch nicht kommen sollen . Timm hatte nichts dagegen , daß Oswald seinen Geschmack am aristokratischen Leben durch eine Liebelei mit der vornehmen Dame auffrischte und sich so noch mehr von der Nothwendigkeit , ein Vermögen zu besitzen , überzeugte ; aber es paßte ihm gar nicht , daß aus dieser Liebelei eine Liebschaft in bester Form wurde , von der sich gar nicht berechnen ließ , was noch Alles daraus entstehen mochte , und die vor Allem Oswalds romantischer Liebe zu Helenen verderblich zu werden drohte . Und doch hatte auf diese Liebe Timm eigentlich seinen ganzen Plan gebaut . Wenn Oswald nichts bewegen könnte , sich in den Erbschaftsstreit mit der Familie Grenwitz einzulassen , so sollte die Hoffnung , auf diese Weise Helenen zu erobern , den Ausschlag geben . So durfte denn Oswald nicht für Helenen , aber auch umgekehrt , Helene nicht für Oswald verloren gehen . Und auch dieser letztere Fall war neuerdings möglich geworden . Albert , der die Augen überall hatte , war es nicht entgangen , daß Fürst Waldernberg tagtäglich zu Grenwitzens kam ; und auch sonst hatte er mehrere verdächtige Zeichen eines im besten Fortgang begriffenen Verhältnisses zwischen dem Fürsten und Helene entdeckt ; so bei einem Gärtner verschiedene herrliche Bouquets , die vom Fürsten bestellt waren und » heute Abend ins Hôtel Grenwitz geschickt werden sollten . « Außerdem hatte er , seitdem der Schnee lag und die adelige Jugend Grünwalds glänzende Schlittenpartien nach allen Richtungen arrangirte , Helene wiederholt an der Seite des Fürsten in einem prachtvollen Schlitten gesehen , dessen kostbare Decken und in russischer Weise nebeneinander angeschirrte drei Pferde ihn als Eigenthum Sr. Durchlaucht bezeichneten . Er hatte Oswald wiederholt auf einen so gefährlichen Nebenbuhler aufmerksam gemacht , aber immer nur ausweichende Antworten erhalten . Diese Lage der Dinge mißfiel Albert durchaus . Im Hôtel Grenwitz hatte er sich seit längere Zeit nicht sehen lassen . Seine vierhundert Thaler für Monat November hatte ihm Felix , der die Summe von seinem Reisegelde nahm , bei seiner Abreise zugeschickt : mit dem Ersuchen , sich für die Zukunft » in allen geschäftlichen Angelegenheiten « direct an seine Tante , die Frau Baronin , wenden zu wollen . Albert hatte von dieser Erlaubniß bis jetzt noch keinen Gebrauch gemacht , da es selbst für ihn schwer hielt , in dem bescheidenen Grünwald vierhundert Thaler in einem Monat durchzubringen und er überdies gerade in der letzten Zeit Glück im Pharao gehabt hatte . Indessen nahm er sich vor , diesen Besuch baldmöglichst zu machen und bei der Gelegenheit die Situation genauer zu studieren . Gerade in diesen Tagen geschah es , daß Albert eines Abends , als er eben ausgehen wollte , durch die Stadtpost einen Brief erhielt , dessen Lectüre ihn so verstimmte , daß er seine ursprüngliche Absicht , in den Rathskeller zu gehen , vorläufig aufgab und statt dessen einen Besuch bei seinem Hauswirth , dem Küster Tobias Gutherz machte , jenem Mann , der mit dem Geruch seines heiligen Lebenswandels das ganze alte Quartier enger winkliger Straßen um die alte Brigittenkirche erfüllte . Albert Timm trat mit dem Hut auf dem Kopfe in das Stübchen hinter dem Sprechzimmer und fand Gutherz im Begriff , sich ein Glas seines Lieblingsgetränks zu bereiten . Kannst mir auch eins zurecht machen ; sagte Albert , seinen Hut auf einen Stuhl schleudernd und sich selbst in die Ecke des vortrefflich gepolsterten Sophas werfend . Wie gewöhnlich , Albertchen ? sagte Tobias , ein zweites Glas nebst Theelöffel aus dem Wandschrank nehmend und neben dem dampfenden Wasserkessel auf den Tisch stellend . Eher ein bischen mehr als weniger . Während Herr Tobias nach diesem Recept den heißen Trank zurechtbraute , starrte Albert schweigend vor sich hin . Du bist heute nicht in guter Laune , Albertchen ! sagte Tobias , von seiner Beschäftigung ausblickend . Müßte lügen , wenn ich das Gegentheil behaupten wollte . Was giebt ' s ? Hat die kleine Louise Dir ' s angethun ? Der Teufel soll die kleine Louise holen . Oder ist Dir ein Wechselchen präsentirt , an das Du nicht mehr gedacht hattest ? So etwas der Art. Na , was ist ' s denn ? fragte Tobias , den für Albert bereiteten Grog umrührend und das Glas vor ihn auf den Tisch setzend . Hier nimm einen Schluck , und dann heraus mit der Sprache ! Albert nahm das Glas , kostete und als er sich überzeugt , daß in allen Punkten das rechte Maß getroffen , leerte er es auf einen Zug bis über die Hälfte . Nun ? sagte Tobias . Du erinnerst Dich , daß ich in Grenwitz während des Sommers ein Verhältniß mit der kleinen schwarzäugigen Hexe von Französin anfing , sagte Timm . Weiß schon , sagte Tobias mit schlauem Lächeln , um was es sich handelt . Nichts weißt Du ; das Ding war in einer Hinsicht so scheu , wie eine wilde Ente . In anderer Hinsicht war sie freilich auch wieder dumm genug , wie Du schon daraus sehen kannst , daß sie mir die Dreihundert borgte , die sie in der Sparkasse hatte . Das war edel von ihr . Ja , aber jetzt will sie sie wieder haben . Hast Du ihr einen Wechsel gegeben ? Nein . So sag ' , Du hast nichts bekommen , abgemacht Sela ! Das geht nicht so leicht . Sie hat Freunde , mit denen ich es nicht gern verderben möchte . Wie so ? Ich sagte Dir doch , daß Marguerite seit einiger Zeit nicht mehr bei Grenwitzens ist ? Nein , kein Wort . Wo denn ? Beim Geheimrath Robran . Wie kommt sie dahin ? Ich glaube , durch den Candidaten Bemperlein , den Duckmäuser , der , wie ich höre , jetzt des Geheimraths rechte Hand , und wie Andere sagen , mit meiner Poussage verlobt ist . Wohl bekomm ' s ; aber wer hat Dich denn nur eigentlich gemahnt ? Der alte Geheimrath selbst . Hier - , bei diesen Worten zog Albert den Brief , den er vor einer halben Stunde erhalten hatte , aus der Tasche ; schreibt der alte Sünder : Geehrter Herr ! Wie mir Fräulein Marguerite Martin , die mir jetzt die Ehre erweist und so weiter . Da die Beziehungen , welche früher zwischen Ihnen und der jungen Dame bestanden , gänzlich und für immer - Sie wissen am besten weshalb - abgebrochen sind , so werden Sie es selbstverständlich finden , daß Sie , als Mann von Ehre , ein Capital , welches Ihnen unter so ganz anderen Voraussetzungen zur Disposition gestellt wurde , keinen Augenblick länger behalten können . Schließlich nach eine Bemerkung . Die junge Dame selbst würde aus einer leicht erklärlichen Scheu die ganze Sache wahrscheinlich auf sich haben beruhen lassen , wenn ich nicht , zufällig von der Baronin Grenwitz hörend , daß Fräulein Martin während der Zeit ihres Aufenthalts in jener Familie ein kleines Capital sich erspart habe , in die junge Dame gedrungen wäre und so den Sachverhalt erfahren hätte ; und so weiter . Nun , was meinst Du dazu ? fragte Albert , den zerknitterten Brief wieder in die Tasche steckend . Die Sache liegt allerdings schlimm , erwiderte Ehren Tobias , sich den ergrauenden Kopf kratzend . Der Geheimrath gilt so viel in der Stadt , besonders jetzt , wo er , der Teufel mag wissen wie ? seine Schulden bezahlt hat , daß Du nicht gegen ihn aufkommst ; ich fürchte , Du wirst blechen müssen . Ich fürchte es auch , sagte Albert . Die verdammte Plaudertasche , die Baronin : Es ist bloße Rache von ihr ; aber sie soll ' s mir büßen . Ich will die Daumschrauben anziehen , daß - Albert schwieg und goß den Rest aus seinem Glase hinunter . Höre Albertchen , sagte Tobias ; in welchem Verhältniß stehst Du eigentlich zur Baronin ? Ich hoffe , Albertchen , mein Junge , daß Du zu dem vielen Gelde , welches Du in letzter Zeit - ich kann wohl sagen , sehr gegen Deine Gewohnheit - hast blicken lassen , auf anständige Weise gekommen bist ? Erst sage mir , was es für eine Bewandtniß hat mit dem Verhältniß zwischen Dir und den Grenwitzens , auf das Du schon ein paarmal geheimnißvoll hingedeutet hast . Willst Du mir dann sagen , wie Du zu dem Gelde kommst ? Ja . Gut ! so wollen wir uns erst Jeder noch ein Glas zurecht machen und dann an ' s Erzählen gehen ; aber reinen Mund gehalten , Albertchen , reinen Mund gehalten ! Eine Krähe hackt der andern die Augen nicht aus . Herr Tobias nickte schmunzelnd , mischte mit kunstgerechter Hand den Grog , knöpfte seine schwarze Weste auf , lehnte sich in der Stuhl zurück und sprach : Ich war nicht immer in Grünwald und nicht immer Küster in St. Brigitten . Weiß ! die Residenz hat die unbestrittene Ehre , Dich den ihren zu nennen , und wessen Küster Du gewesen bist , ehe Du Küster an St. Brigitten wurdest , wird der Teufel wohl am Besten wissen . Tobias lächelte vergnügt in sich hinein und schlürfte behaglich seinen Grog . Nicht so grob , Albertchen , sagte er , sonst erzähle ich nicht weiter . Mein Vater war Bedienter , und ich wurde von der zartesten Jugend auf zu demselben Berufe bestimmt . Wie groß mein Talent in dieser Beziehung war , magst Du daraus entnehmen , daß ich , als ich kaum zwanzig Sommer zählte , mindestens schon ein Dutzend Herren gehabt hatte . Um diese Zeit kam mir der Gedanke , endlich einmal mein eigener Herr zu sein , und da ich mir während meiner Dienstzeit ein nicht unerkleckliches Sümmchen gespart hatte - hier lächelte Ehren Tobias mit dem linken Auge und dem linken Winkel seines Mundes - besaß ich Capital genug , um eine kleine Wirthschaft anzufangen . Mag auch ' ne schöne Wirthschaft gewesen sein , meinte Albert . Allerdings ! sagte Tobias , indem er noch ein Stück Zucker in seinen Grog that ; zum mindesten war in meiner Wirthschaft das schöne Geschlecht sehr stark vertreten . Da ich das Princip hatte , nur weibliche Bedienung in meinem Loco ! zu haben und das » Café Gutherz « immer stark frequentirt wurde , so hatte ich fast immer sechs bis acht junge Damen , welche die Honneurs machten , bei mir . Albert Timm lehnte sich in seine Ecke zurück und brach in ein schallendes Gelächter aus , während Ehren Tobias nur lächelte - diesmal mit dem rechten Auge und dem rechten Mundwinkel . St ! st ! Albertchen , sagte er , die Leute hören es auf der Straße . Wie kann ein kluger Jüngling so unvorsichtig laut lachen ; ich habe mein ganzes Leben lang nur gelächelt und habe mich dabei sehr gut gestanden . Doch das bei Seite . - Die jungen Mädchen waren natürlich immer hübsch , ja ich kann wohl sagen , daß ich von allen meinen Collegen stets die hübschesten hatte . Dies verdankte ich aber , ehrlich gestanden , weniger mir selbst , als dem Scharfblick und dem Geschmack einer Dame , mit welcher ich früher , als ich mal mit ihr bei einer Herrschaft zusammen diente , ein Zärtliches Verhältniß gehabt hatte und jetzt noch immer in freundschaftlichem und geschäftlichem Verkehr stand . Frau Rosa Pape war eine vortreffliche Frau , deren Gesellschaft von den anständigsten Damen nicht blos gesucht , sondern auch obendrein mit schwerem Gelde bezahlt wurde und deren Nachtklingel die ganze , sehr stark bevölkerte Straße , in welcher sie wohnte , kannte . Aber Rosa Pape interessirte sich nicht blos für junge Frauen , sondern auch ganz konsequenterweise für diejenigen , welche es noch einmal werden konnten , und so hatte sie denn unter den hübschen Stubenmädchen und Rätherinnen eine nicht minder ausgebreitete Kundschaft , als unter den Regierungs- und Commerzienräthinnen . In Folge dessen war Niemand besser als sie im Stande , die Bekanntschaft solcher jungen Personen mit jungen Cavalieren , die sich nach einer temporären Lebensgefährtin sehnten , zu vermitteln , und da sie sich immer sehr anständig für ihre Hilfsleistungen bezahlen ließ , so wahr ihr Publicum das nobelste , das sich denken läßt : lauter Herren von , Barone , Grafen , ja selbst Prinzen von Geblüt wandten sich vorkommenden Falls an die verwittwete Frau Rosa Pape . Eines schönen Tages kam nun Frau Rosa zu mir und theilte mir mit , daß ein steinreicher Baron ihrer Bekanntschaft sich sterblich in ein hübsches Kind verliebt und sie beauftragt habe , ihm das Mädchen , koste es was es wolle , zu schaffen . Sie habe auch schon mit dem Baron einen herrlichen Plan entworfen , zu dessen Ausführung aber noch ein » Kammerdiener « nöthig sei . Es sei Geld , viel Geld bei der Affaire zu verdienen ; ob ich Luft habe , mit von der Partie zu sein . Nun hatte ich gerade in der letzten Zeit einige unangenehme Auseinandersetzungen mit der Polizei gehabt , die leicht zu noch unangenehmeren Folgen führen konnten ; und ich ergriff daher mit Freuden die Gelegenheit , mich in so anständiger Gesellschaft eine Zeit lang aus der Residenz zu entfernen . Vierundzwanzig Stunden später war ich mit der jungen Dame , um die es sich handelte , in dem Wagen meines neuen Herrn auf dem Wege nach - nun rathe einmal , Albertchen ? Das mag der Kukuk wissen ! aber Du wolltest mir nicht Deine ganze interessante Lebensgeschichte erzählen , sondern sagen , wie Du nach Grenwitz gekommen bist , sagte Albert , der , mit seinen Angelegenheiten beschäftigt , der Erzählung Ehren Tobias ' nicht die gewöhnliche Aufmerksamkeit gewidmet hatte . Da hört ja , daß ich schon auf dem Wege dahin bin , sagte dieser , Albert über den Rand seines Glases mit dem linken Auge anzwinkernd ; denn mein neuer Herr war der Baron von Grenwitz und das Ziel unserer Reise Schloß Grenwitz , wo Du in diesem Sommer gewesen bist . Ein Indianer , der in dem Grase der Prairie die Spur des Feindes entdeckt , den er tagelang vergeblich verfolgt , kann nicht alle Sinne schärfer anspannen , als er Albert that , sobald er diese letzten Worte vernommen , die ihn in Ehren Tobias eben jenen Kammerdiener erkennen ließen , welcher in der Erzählung der Mutter Clausen eine so zweideutige Rolle gespielt hatte . Aber er verrieth mit keiner Miene , keinem Worte , wie wichtig ihm die eben gemachte Entdeckung war , sondern fragte mit vortrefflich gespielter Unbefangenheit : Der alte Baron ? Der Tausend ! wer hätte dem alten Knaben dergleichen zugetraut . Nicht der jetzige , sondern sein Vetter aus der älteren Linie , Baron Harald , oder der wilde Harald , wie er noch immer bei denen , die ihn gekannt haben , heißt . Ich sage Dir , Albertchen , es war ein fideles Leben , das wir anno achtzehnhundert zweiundzwanzig auf Schloß Grenwitz führten . Wein und Weiber die Hülle und die Fülle ; und dabei Komödie gespielt , zum Todtschießen lächerlich . Denke Dir : meine gute Freundin Rosa - War denn die auch da ? Allerdings ! habe ich Dir denn nicht gesagt , daß der Baron sie als Großtante engagirt hatte ? Als was ? Tobias lächelte - diesmal mit beiden Augen und Mundwinkeln : Sie spielte mit Perrücke und Krückstock die alte Großtante des Barons , da das alberne Ding , die Marie , - Marie Montbert hieß der Aff ' und war ein schmuckes Mädel , daß einem die Augen übergingen , wenn man sie ansah , - was wollte ich doch sagen ? Ja ! die Marie hatte eine Anstandsdame aus der Familie des Barons als conditio sine qua non , wie wir Lateiner sagen , gemacht . Na , nun hatte sie ihre Anstandsdame , eine famose Anstandsdame , he , Albertchen he ! und Ehren Tobias kicherte und stieß Albert freundlich in die Seite . Und wie ging die Sache zu Ende ? fragte Albert , der Eile hatte , über das , was er schon wußte , wegzukommen . Ja , ich habe sie nicht zu Ende kommen sehen , denn wir , das heißt : Rosa und ich , brannten schon vorher durch . Offen gestanden fürchteten wir : die Geschichte möchte schief ablaufen , denn Marie hatte in der Residenz manche Freunde , die Lärm machen und uns alle zusammen , zum wenigsten mich und Rosa , in des Teufels Küche bringen konnten . So empfahlen wir uns denn eines schönen Tages , oder vielmehr in einer schönen Nacht , ohne Abschied zu nehmen , nachdem wir noch Eines oder das Andere , was uns gerade in die Hände kam , als Andenken an Grenwitz mitgenommen . Hier in Grünwald trennten wir uns , oder wurden getrennt . Ich wurde nämlich so krank , vermuthlich von dem guten Leben , das ich in Grenwitz geführt , daß ich nicht weiter konnte und in ' s Spital gebracht werden mußte . Was ich damals für ein Unglück hielt , schlug mir hinterher zum größten Glück aus . Denn der verstorbene Superintendent Dunkelmann , der Vater von der Frau Professor Jäger , der damals Spitalgeistlicher war , verliebte sich so in mein bescheidenes Lächeln , daß er mich , als ich wieder gesund war , nothwendig zum Bedienten haben mußte - na ! und von dem Bedienten eines Geistlichen bis zum Küster ist nur ein Schritt ; und Herr Tobias schlürfte behaglich den Rest aus seinem Glase . Und hast Du von Deiner Freundin Rosa je wieder etwas gehört ? Sie lebt in der Residenz und treibt ihr Geschäft mit der doppelten Buchführung schwunghafter als je . Wenn Du ' mal nach der Residenz kommst , Albertchen , vergiß ja nicht , sie zu besuchen . Sie wohnt Gertruden- und Pferdestraßenecke , zwei Treppen hoch . Wir wollen uns das doch gleich notiren , sagte Albert , die Adresse in seine Brieftasche schreibend ; aber was ist denn aus der Marie , aber wie das dumme Ding hieß , geworden ? Ja , das ist eine curiose Geschichte . Kurze Zeit nachdem wir fort waren , ist wirklich einer ihrer Freunde , ein Herr von Estein , gekommen und hat sie dem Baron wegstibitzt , der sich darüber so schwer geärgert hat , daß er bald darauf gestorben ist . Aber nun kommt das Curioseste von Allem . Denke Dir , Rosa ist kaum wieder in ihrem Geschäft , als sie Nachts herausgeklingelt wird , von wem ? von eben dem Herrn von Estein , und zu wem ? zu eben derselben Marie , die in Kindesnöthen liegt . Nicht möglich ! rief Albert , einen Augenblick die angenommene Gleichgiltigkeit vergessend . Was ich Dir sage . Rosa hat es mir damals gleich geschrieben und ich habe mich halb todt gelacht über den Spaß . Erst ein Mädchen verkuppeln und dann - Tobias lachte diesmal gegen seine Grundsätze gerade heraus . Albert stimmte ein . Sehr gut , wirklich sehr gut ! Vielleicht weiß Frau Rosa auch , was aus dem Kinde geworden ist ? Möglich , sagte Tobias , aber ich glaube , sie will nichts davon wissen . Sonst hätte sie wohl , als Baron Harald damals in allen Blättern dem , welcher ihm über das Verbleiben der Marie Auskunft geben könnte , eine große Belohnung bot , sich gemeldet . Ich glaube , sie hat die Folgen der Geschichte gefürchtet und hat ' s gemacht wie ich und reinen Mund gehalten , bis zwanzig und einige Jahre lang Gras darüber gewachsen ist . Na , aber nun , Albertchen , ist die Reihe an Dir , mir zu erzählen , wie Du in letzter Zeit zu Deinem Gelde kommst . Tausend ! da fällt mir ein , daß ich noch in den Keller muß , rief Albert aufspringend . Adieu , Tobias , ein ander Mal - ich kann wahrhaftig nicht bleiben . Und Albert setzte seinen Hut auf und entfernte sich eiligst , ohne sich an das Schmollen seines Wirthes und Gastfreundes zu kehren . Fünfunddreißigstes Capitel Seit einigen Tagen war Helene von Grenwitz die Braut Sr. Durchlaucht , des Fürsten Raimund von Waldernberg , Grafen von Malikowsky , Erbherrn zu Letbus . Vorläufig allerdings im Stillen , da es noch geraume Zeit brauchte , bis die Präliminarien des Bundes , welcher die durchlauchtige Familie Waldernberg mit der hochgeborenen Familie Grenwitz auf immer vereinigte , abgeschlossen waren , und überdies die öffentliche Feier der Verlobung in der Residenz stattfinden sollte , wohin der Fürst gleich nach Neujahr zu seinem Regiment zurückkehrte und auch die Eltern des Fürsten - die Mutter aus Petersburg , der Vater aus Paris - zu kommen versprochen hatten . So hatte die Baronin also ihr großes Ziel glücklich erreicht , und die triumphirende Freude darüber war ihr eine reichliche Entschädigung für alle Demüthigungen und Enttäuschungen , für alle die in Sorge und Angst durchwachten Nächte der letzten Monate . Sie trug ihr Haupt so stolz , wie nie zuvor . Verdankte sie doch alle Erfolge , die sie im Leben gehabt hatte , und so auch diesen letzten größten nur sich allein ; verdankte sie doch nur ihrer Klugheit , Mäßigung , Umsicht und Schlauheit , daß sie aus einem simplen adligen Fräulein , das keinen Pfennig im Vermögen hatte , Baronin von Grenwitz und Schwiegermutter des Fürsten Waldernberg geworden war ! Hatte sie doch ihr Leben lang nicht blos mit den Verhältnissen , sondern mit den ihr zunächst stehenden Personen kämpfen müssen : mit ihrem schwachen , energielosen , für große Pläne unzugänglichen Gemahl , mit ihrer stolzen , eigenwilligen Tochter ! Hatte sie doch für Alle denken und sorgen , ihnen gleichsam das Glück aufnöthigen müssen ! Die Mienen der Beglückten freilich verriethen wenig oder nichts von innerer Freude und Erhebung ; im Gegentheil , seitdem das entscheidende Wort gesprochen war ein Schleier von Verlegenheit , ja von Unmuth über ihre Mienen gefallen . Des Fürsten dunkles Gesicht war noch um eine Schattirung dunkler geworden , und seine schwarzen Augen hingen oft mit einem eigenthümlichen unerklärlichen Ausdruck an den schönen , stolzen Zügen seiner Verlobten , die auffallend blaß und still einherschritt und einer kalten Marmorstatue viel ähnlicher sah , als einer glücklichen Braut . Indessen diese melancholische Stimmung schien gerechtfertigt durch die Sorge für den Vater , der schon lange gekränkelt hatte und nun mit einem Male sehr ernstlich krank wurde . In der Nacht , die dem Verlobungstage folgte , hatte der alte Herr wieder einen Gicht - Anfall bekommen , und die herbeigerufenen Aerzte erklärten sofort , daß sie diesmal für den Ausgang nicht stehen könnten . Seit dem Augenblick war Helene an das Schmerzenslager des Vaters gebannt , um so mehr , als derselbe nur sie um sich sehen , nur aus ihren Händen die Medicin nehmen , nur von ihr sein Kissen geglättet haben wollte . Der frühe Winterabend begann hereinzubrechen . Auf der Straße , die mit hohem Schnee bedeckt war , herrschte tiefe Stille , die nur von Zeit zu Zeit durch die Klingel eines Schlittens unterbrochen wurde . Niemand war bei dem Kranken als Helene . Sie saß dicht an seinem Bett , hielt seine welke , in Fieber zuckende Hand in ihren warmen , weichen Händen , und suchte , so gut es ging , seine immer größer werdende Unruhe zu beschwichtigen . Unterdessen wandelte die Baronin in dem halbdunkeln Salon des Erdgeschosses auf und nieder . Die Krankheit ihres Gemahls gab ihr viel zu denken . Wenn der alte Mann sterben sollte - und die Aerzte machten so sehr ernste Gesichter - so mußte sich ihre Lage sehr wesentlich verändern , aber sie war im Ganzen mit dieser Veränderung keineswegs unzufrieden . Freilich die Ersparnisse aus den Einkünften vom Majorat , die bis jetzt ihr und Helenen zu gute gekommen waren und nach dem Tode des Barons bis zu Malte Einkünften vom Majorat , die bis jetzt ihr und Helenen zu gute gekommen waren und nach dem Tode des Barons bis zu Malte ' s mündigem Alter zum Capital geschlagen wurden , gingen dann verloren ; aber die Gesammtsumme dieser Ersparnisse belief sich jetzt schon auf mehrere hunderttausend Thaler , alle in guten Papieren angelegt - eine kleine Summe , wenn man sie mit dem Majoratsvermögen verglich ; aber immerhin genug , wenn man Stantow und Bärwalde , die beiden Güter aus dem Nachlasse Harald ' s dazu rechnete . In diesem Augenblicke wurde der Baronin ein Brief gebracht . Von Felix , murmelte sie , einen Blick auf das Couvert werfend , und sie trat an das Fenster . Der Brief , offenbar von der zitternden Hand eines Kranken mühsam geschrieben , lautete : Liebe Tante ! Seit einigen Tagen geht es mit meinem Befinden so spottschlecht , daß , wenn dieser Brief in Ihre Hände gelangt , ich möglicherweise nicht mehr am Leben bin , kann man dies von Schmerz geplagte , gottverdammte Vegetiren überhaupt noch Leben nennen . Wie ' s aber auch kommt , es ist die höchste Zeit , daß ich Ihnen über die Timm ' sche Angelegenheit reinen Wein einschenke . Timm ist nicht , wie ich Ihnen gesagt habe , bereits abgefunden ; er hat , bis das Legat Onkel Harald ' s verjährt ist , monatlich 400 Thlr . , und dann , wenn er bis dahin reinen Mund hält , weitere 6000 Thlr . zu fordern , die Sie ihm geben werden , wenn Sie nicht durch den Hallunken in des Teufels Küche gebracht sein wollen . Pro Monat November habe ich ihm bereits 400 vor meiner Abreise von Grünwald geschickt . Ich kann nicht weiter . Ihr treuer Felix . Die Baronin trat vom Fenster zurück , ging an den Kamin , legte den Brief auf die glühenden Kohlen und wartete bis die Flamme ihn erfaßt und verzehrt hatte . Dann schritt sie langsam in dem Zimmer , in welchem es bereits zu dunkeln begann , auf und ab . Sie murmelte Verwünschungen gegen Felix , gegen Albert , gegen Oswald leise durch die Zähne . Nicht einen Pfennig soll der Schuft haben , nicht einen rothen Pfennig ! Ich werde ihn zu mir kommen lassen und es ihm in ' s Gesicht sagen , und daß er sich hüten soll , noch ein einziges Wort - Was giebt ' s ? unterbrach sie sich , als der Bediente abermals in ' s Gemach trat . Herr Geometer Timm wünscht in Geschäftsangelegenheiten seine Aufwartung zu machen . Anna-Maria schrak zusammen . Dieses ungerufene Kommen des gefährlichen jungen Menschen sah wie eine Drohung aus . Sie hatte auf einmal alle Luft verloren , Herrn Timm in ' s Gesicht zu sagen , daß er nicht einen rothen Pfennig von ihr zu erwarten habe . Melden Sie Herrn Timm : ich ließe sehr bedauern , ihn nicht empfangen zu können ; der Herr Baron sei gefährlich erkrankt ! Das habe ich ihm schon gesagt , Frau Baronin ; aber er meint : er müsse Sie in wichtigen Angelegenheiten sprechen und wolle Sie nur zwei Minuten aufhalten . So lassen Sie ihn kommen , aber - Sie können Licht bringen , Johann , und dann im Vorzimmer bleiben , im Fall ich etwas auszurichten hätte . Zu Befehl , Frau Baronin . Gleich darauf trat , von dem Bedienten , der die Thür wieder hinter ihm schloß , hereingeführt , Albert Timm in das Zimmer . Guten Tag , oder vielmehr guten Abend , sagte der junge Mann , indem er sich der Baronin mit scheinbar vollkommener Unbefangenheit näherte ; ich bitte tausendmal um Entschuldigung , wenn ich zu einer ungelegenen Zeit komme . Der alte Herr ist krank , höre ich ? hoffe , es wird nicht viel zu sagen haben ; wäre wieder fortgegangen ; aber ich habe Ihnen in der bewußten Angelegenheit eine neue wichtige Entdeckung mitzutheilen die keinen Aufschub verstattet . Wollen wir uns indessen nicht setzen ? Sie erlauben ? Und Herr Albert Timm schob mit einem Ruck der Baronin einen Lehnsessel hin und hatte sich in dem nächsten Augenblick in einen andern gesetzt . Anna-Maria war noch immer nicht mit sich einig , welches Benehmen sie gegen diesen Menschen annehmen sollte . Aber sie fühlte wohl , daß man so leicht mit Herrn Albert Timm nicht fertig werde . So nahm sie denn auf dem dargebotenen Sessel Platz und sagte in ihrem feierlichsten Ton : Sie werden entschuldigen , wenn ich Sie unter den Ihnen schon vom Bedienten mitgetheilten traurigen Umständen ersuche , sich möglichst kurz zu fassen , Herr Geometer . Bitte , bitte , sagte Albert ; ganz mein Fall ; bin im Handumdrehen fertig . Die Sache ist die : Ganz zufällig , wie denn überhaupt der Zufall eine merkwürdige Rolle in dieser Angelegenheit spielt , habe ich in Erfahrung gebracht , daß zwei Personen , die zu der Zeit , als Fräulein Marie Monbert in Grenwitz lebte , im Dienste des Baron Harald standen und von dem Herrn Baron mit seinem ganz besonderen Vertrauen beehrt wurden , besonders auch in die ganze Entführungsgeschichte vollkommen eingeweiht waren , noch existiren , und wie ich nicht zweifle , bereit sein würden , in einem etwaigen Erbschaftsprocesse vor dem Gericht als Zeugen aufzutreten . Die Aussagen dieser Personen würden um so schwerer in ' s Gewicht fallen , als sie Beide