- o Musikantengasse und kein Ende , Kapitän , er ist es - er ist es wirklich und wahrhaftig . « » Ju-li-us - Schmin-kert ! « stammelte Robert . » Ja , Julius Schmin-kert ! « rief der Schauspieler , Parfümeriehändler und Gatte der holden Angelika . » Ja , ich bin ' s ! bin ' s , den Mörder Bruder nennen - Julius Schminkert in ganzer Figur - angehender amerikanischer Bürger und angegangener Erster Liebhaber am weltberühmten , gloriosen , sternenbannerumflatterten deutschen Universaltheater zu Saint Louis am Mississippi , unter der himmelanstürmenden Direktion des Eigentümers Signor Giuseppe Leppelli ; - ko-los-sal ! « Empor von seinem Lager sprang Robert Wolf , bärtig , hager , gebräunt , im zerrissenen Jagd- und Reisegewand : » Schminkert ! Julius Schminkert ! « » Ganz backwoodsmannhaft ! « rief der Tragöde , den Genossen früherer Tage von oben bis unten musternd . » Etwas schmutzig , aber mokassinhaft praktisch ! Neueste Urwaldsfasson - büffelartig elegant ! « Mit beiden Händen faßte Robert den Schauspieler : » Schminkert - Julius - Sie sind es ! Wie kommen Sie hierher ? Wann sind Sie gekommen ? Was hat Sie herübergeführt ? O sprechen Sie - wie steht es drüben - sagen Sie , sagen Sie ! « » Euer Erstaunen , mich hier zu finden , ist völlig berechtigt ; ich wundere mich immer noch stellenweise selber darüber . Es war einmal an meiner Wiege gesungen , junger Weltumwandler ; den einen zieht das Schicksal an der Nase , dem andern stößt es die Faust in die Rippen - « » Ich bitte Sie , ich beschwöre Sie , Schminkert - « » Nur Ruhe ! Drücken Sie mir das Schulterblatt nicht ein ! Lassen Sie los - Donnerwetter , we are in a free country ! « » O reden Sie , Julius , erzählen Sie , spannen Sie mich nicht auf die Folter - wenn Sie wüßten - - - was macht - « » Die hohe Obrigkeit und pflegeväterliche Sicherheitsbehörde ? Danke für gütige Nachfrage - großer Tabakskonsum , höchst zerrissene Hausjacke - polizeiliche Naseweisheit in schönster Blüte . « » Und der alte Ulex ? « schrie Robert , dem unverbesserlichen Julius in alter Weise die geballte Faust unter die Nase haltend . » Astronomissimus ! « lautete die Antwort . » Ein Auge hat er auf , eins hat er zu . Mit dem offenen sieht er durchs Fernrohr nach den Sternen ; das zugekniffene Sehorgan aber richtet er auf das irdische Jammertal . Origineller alter Mauerkauz . « Mit den Zähnen knirschend , ächzte Robert : » Und das Freifräulein von Poppen ? « » Etwas wackelig , sonst aber ausgezeichnete Verdauung und gutes Befinden . Demnächstige Erbin der Grafschaft Dingskirchen , Baronie Poppenhof da herum - drüben - na , Sie wissen ja , irgendwo im Winzelwalde . « Wieder faßte Robert den Arm des Schauspielers : » Was sagen Sie da ? Was ist geschehen ? Ist die Baronin von Poppen tot ? « Julius Schminkert schüttelte den Kopf : » Apoplektische alte Dame - Kronenstraße Nummer fünfzig - Schlaganfall . Als ich die Ehre und das Vergnügen hatte , aus der Heimat zu verduften , vegetierte sie noch . « » Ihr Sohn ? Ihr Sohn ? « rief Robert Wolf , auf den Füßen schwankend . » Leon von Poppen - wo ist ihr Sohn Leon ? « » Der Racker ! « schnarrte Julius Schminkert grimmig , doch setzte er sogleich besänftigend hinzu : » Na , da er die Suppe , die er sich einbrockte , ausgelöffelt hat , so wollen wir weiter nichts mehr darüber sagen . Mortuus est - mausetot ! « Wenn auf Joseph Leppels transatlantischem Universal-Riesen- , -Roß- und -Alligator-Theater Hamlet der Däne den Schädel Yoricks des Spaßmachers wog und seinen einstigen Hirngehalt taxierte , so nahm er ganz die unmögliche Stellung an , in welcher Julius Schminkert sich der letzten tragischen Nachricht entäußerte . Die Nachricht konnte dadurch aber nichts von ihrer Wirkung verlieren . » Steht fest , Mann ! « rief der Hauptmann von Faber ; aber Robert Wolf saß bereits auf seinem Bette . » Ja , es ist furchtbar , das Blut eines Nebenmenschen auf der Seele zu haben « , sprach Schminkert hohl . » Sie - Sie haben - « » Nein , mein Sohn Robert , das doch nicht . Ich habe ihm bloß eine seiner Unverschämtheit angemessene Tracht Prügel gegeben . Gehauen habe ich ihn , bis er kein Glied mehr rühren konnte ; aber im Grunde meiner Seele bin ich doch ein zu guter Kerl , um meine Kompetenz als beleidigter Ehemann so weit zu überschreiten . Höchst tragische Geschichte - Stoff zu einem Dutzend Trauerspielen . O die Handschuh , die Herrenhandschuh , die Glacéhandschuh , Robert ! Wissen Sie , man probiert so lange , bis sie passen . Fluch und Verdammnis ! Hohngelächter der Hölle - « » Ruhe , Ruhe , Robert ! « rief der Hauptmann von Faber . » Und Sie , Schminkert « , wandte er sich dann an den leichtfertigen Deklamator , » ich bitte Sie jetzt inständigst , ernste Sachen ernst zu behandeln . Sie kennen die Verhältnisse Wolfs ; Sie wissen , wie sehr er bei dem , was Sie uns zu erzählen haben , beteiligt ist ; - wenn Sie sein Freund sind , so reden Sie wie ein Mann und nicht wie ein Tollhäusler . « » Ich bin sein Freund ! Habe ich ihn nicht miterzogen ? Habe ich nicht seine ersten Schritte auf dem Pflaster großstädtischen Lebens gelenkt ? Aber ich will Ihnen den Gefallen tun , Hauptmann ; ich will ruhig sein , ruhig trotz aller wogenden Weltmeergefühle . Setzen Sie sich , Kapitän , und beantworten Sie mir gefälligst die Frage : Sind Sie Vater ? Haben Sie einen Sohn ? « » Nein , bei allen Teufeln , nein , nein ! « ächzte Konrad von Faber . » Gut , Sir ; wenn Ihnen aber einmal einer vom Himmel geschenkt werden sollte , so nennen Sie ihn um des Himmels willen nicht Julius . Ich habe manchen Julius gekannt ; aber nicht einen , welcher nicht zum ungeheuerlichsten Pech prädestiniert gewesen wäre . Überall , wo sich die Juliusse hinsetzen , bleiben sie kleben . Wo alle Friedriche , Heinriche , Roberte , Konrade und so weiter frei durchgehen , da bleiben die Juliusse neunmal unter zehnmal hängen und lassen Haare und Wolle . Wenn ein Frauenzimmer : mein Karl ! ruft , so kann es das so gefühlvoll und pathetisch tun , wie es will ; wenn es aber schmelzend : mein Ju-lius ! lispeln soll , so weiß es recht gut , daß es Gefahr läuft , sich lächerlich zu machen , und - akzentuiert danach . Es ist ein Jammer , und ich - ich Julius Schminkert - trage diesen Jammer seit meiner Taufe . Ein Julius sollte niemals heiraten ; denn jeder Laffe glaubt das Recht zu haben , ihn an der Nase herumzuziehen . O Gentlemen , was habe ich ertragen , ehe ich den Glauben an mein häusliches Glück aufgab und nach dem Knüppel griff ! Wie lebte ich so harmlos , so heiter in jenen seligen Tagen der Jugend , wo ich nur die Weiber , nicht aber mein Weib vergötterte . Alles , was man mir borgte , nannte ich mein ; - Robert , Sir , Sie wissen es ja , welch ein idyllisches Stilleben wir führten , Musikantengasse Nummer zwölf - drei Treppen - hinten heraus . Ach Angelika , Victoria regia der Treulosigkeit , weshalb mußte sich der arme Julius auf die Nadel deiner Liebenswürdigkeit spießen ? ... Meine Herren , Sie wissen , daß ich die Person heiratete , Sie wissen , daß die Kunst mich schluchzend aus ihren göttlichen Armen losließ , Sie wissen , daß ich - ich Julius Schminkert - , die Blüte meines Wesens und Seins knikkend , mich zu einem Seifen- , Parfümerie- , Hauben- , Handschuh- und Bänderladen entwürdigte . Ich habe gebüßt , meine Herren ! Es liebt zwar auch die Welt , das Strahlende zu schwärzen ; aber hier hatte das Strahlende mutwilligerweise sich selbst die Nase begossen , und alle Seife der Stibbe-Schminkertschen Bude reichte nicht aus , den Dreck abzuwaschen . Auf Ehre , Wolf , sogar der Eselhafteste aller Esel , Schwebemeier aus der Lilienstraße , wagte es ungescheut , vor meinen Augen meiner Frau den Hof zu machen ! Meine Herren , ich habe gebüßt , wahrhaftig , ich habe gebüßt . Referendare , Studenten , Offiziere von der Linie und von der Garde - Infanterie , Kavallerie , selbst das ehrbare Geniekorps - alles , alles machte sich ein Vergnügen daraus , mich zur Raserei zu bringen . Und um das Maß meines Elends voll zu machen , zog gegenüber Fräulein Aurora Pogge - Sie wissen , Robert ! - ein , faßte Posto am Fenster und grinste mich hinab in den tiefsten Abgrund des Menschenhasses . Die Megäre hatte der Tagebücher neue Folge begonnen , über alles , was in meinem Laden ein und aus flatterte , hielt sie in gewohnter Art Buch , und so notierte sie auch den Baron Leon von Poppen . Man munkelte über den Schlingel allerlei in der Stadt ; seine Verheiratung mit Fräulein Wienand war verschoben ; die Kleine erblickte man nirgends mehr , man sagte , sie sei bedenklich krank , spucke Blut , leide an der Leber - « Der Hauptmann von Faber hielt den armen Robert nieder : » Ruhe , Ruhe , mein Junge , laß den Narren ausschwatzen ! « » Leide an der Brust und dergleichen « , fuhr Schminkert fort , ohne sich aus dem Konzept bringen zu lassen . » Der Herr Kommerzienrat hatten infolge der politischen Verhältnisse wieder mal mancherlei Verluste erlitten . Man wußte nicht recht , ob er sich von dem Freiherrn oder ob der Freiherr sich von ihm zurückgezogen habe . Man wollte auch wissen , es sei wieder nicht so ganz richtig im Kopf des armen Herrn . Freifräulein von Poppen waren wieder wie früher täglicher Gast in dem Hause des Bankiers . Es war alles in allem eine dunkle Geschichte , und nur das eine stand für mich fest , daß der Junker Poppen mehr Eau de mille fleurs von meiner Frau kaufte , als selbst ein lieblichst zu duften wünschender Bräutigam und das Näschen der Braut konsumieren konnten . Fräulein Aurora Pogge notierte jedes Flakon und lächelte mich fast aus meiner Haut heraus ; ich hätte sie aus der ihrigen heraus prügeln mögen . Klar fühlte ich , daß ich verloren sei , wenn ich nicht eine große Tat tue ; - ich tat sie und - legte mich auf die Lauer . Wo , wie und um welche Zeit , will ich den Herren lieber nicht mitteilen , es könnte ihr Zartgefühl beleidigen ; genug , es fand eine melodramatische Szene voll überwältigender Motivierung und schlagender Wirkung statt . Die rührenden Klagen der beiden unheilerduldenden Charaktere der Handlung brachten die ganze Nachbarschaft herbei , und unter andern erschien auch auf dem Schauplatz das junge Ehepaar aus dem ersten Stock , Herr von Bärenbinder mit seiner Frau , einer geborenen Flöte ; und es zeigte sich , daß die gnädige Frau eine recht gute alte Bekannte des Barons Leon von Poppen war . Sehr delikate Beziehungen - ungemeine Verwunderung , sich in solcher Situation einander gegenüber zu finden . Auch die Frau Schwiegermama des Herrn von Bärenbinder , Madame Artemise von Flöte , kam die Treppe herunter , und da sie mit ihrer Tochter sich auf meine Seite stellte , so konnte der Herr Schwiegersohn nicht umhin , dasselbe zu tun . Was am folgenden Tage , als der Skandal die Mäuler der Leute füllte , die beiden ritterbürtigen Herren für Komplimente ausgetauscht und welche Enthüllungen sie sich gemacht haben , kann ich nicht sagen . Die Folge davon war jedoch ein Duell , in welchem Leon von Poppen eine Kugel in den linken Lungenflügel bekam und infolge dessen Herr von Bärenbinder mit Gemahlin und Schwiegermutter in Italien reist . Die Leute können es ! Meine Herren , und wenn Sie mich umstülpen , mehr weiß ich nicht zu sagen ; denn nachdem ich mich mit meiner eigenen Gattin so gut oder vielmehr so schlecht wie möglich auseinandergesetzt hatte , erhob ich mich auf den Schwingen freien Menschtums nach Hamburg , löste ein Passagierbillett im Zwischendeck der Hammonia , lernte die Schrecken der Seekrankheit kennen , aber verlor gottlob den unausstehlichen Duft der Seifen und Pomaden aus der Nase . In New York betrat ich , ein neugeborener Mensch , den Boden der Freiheit , und Fortuna , gerührt durch meines Geistes Heldengröße , drehte ihre Nachtseite einem andern zu und zeigte mir ihr holdes Angesicht . Signor Giuseppe Leppelli - ein recht guter alter Bekannter Eures seligen Bruders , Wolf , beiläufig gesagt - , Signor Leppelli erkannte in mir den Verkannten , das Talent , den Diamant , kurz , den Mann , den er brauchte auf einer Tour nach dem Westen ! Er engagierte mich , und hier sind wir in Saint Louis und tragen im Schweiße unseres Angesichts die Kultur , die göttliche Kunst unter die Söhne der Wildnis . Meine Herren , ich habe die Ehre , das unübertroffene , alles übertreffende halb Pferd- , halb Alligatoruniversaltheater Ihrer günstigen Protektion zu empfehlen . Morgen abend : Fiesko oder die Verschwörung von Genua . Fiesko : Herr Julius Schminkert ; Verrina : Herr Joseph Leppel ; Julia : Mistress Julia Leppel , Kraftstück derselben , ausgeführt mit dreihundert Pfund Übergewicht ! Bum , bum ! « Robert Wolf und Konrad von Faber hörten schon längst nicht mehr auf den Redeschwall des Schauspielers . » Mit dem nächsten Dampfer nach New Orleans , Hauptmann ! Hauptmann ! « murmelte Robert , mit zitternder Hast seine Sachen zusammensuchend , als wolle und müsse er auf der Stelle aus dem Fenster des » Vater Rhein « auf eins der Mississippidampfschiffe steigen . Faber hatte die größte Mühe , den Aufgeregten nur ein wenig zu beruhigen , und noch dazu hinderte ihn Julius Schminkert nach allen Kräften daran . Da der treffliche Tragöde in seinem Heimwesen von niemand erwartet wurde , so zeigte er die größte Lust , den Landsleuten die ganze Nacht hindurch seine angenehme Gesellschaft zu gönnen . Aber der Hauptmann von Faber schob ihn halb freundschaftlich , halb mit Gewaltanwendung aus der Tür und schloß sie hinter ihm ab . Wir wissen , daß ihm solches öfters geschah , und so machte er sich nicht viel daraus , obgleich er auf dem Gange fürchterlich räsonierte und im hohen Tone von Menschenwürde , Bürgerwürde und Künstlerwürde sprach . Seine Stimme verhallte in der Entfernung und wird fürder in diesem Buche nicht wieder gehört werden ; er hatte ja auch seine Sterne , und sie sorgten recht gut für ihn . Von den Sternen sprachen in dieser Nacht Konrad von Faber und Robert Wolf noch vieles und Ernstes ; Schlaf kam nicht mehr in ihre Augen . Aus dem wenigen , was Robert über Helene und ihren Vater erfahren hatte , wuchsen viel dunkle Sorgen , aber auch viel lichte Hoffnungen in der Brust des Liebenden auf ; Ruhe gab es für ihn nicht eher , bis er die Heimat erreicht hatte . In der Frühe des nächsten Morgens schon befanden sich die beiden Reisenden auf der Fahrt den großen Fluß abwärts . Das gewaltige Vorwärtsstreben des schnaubenden , keuchenden Schiffes genügte Robert nicht . Ihm hätte jetzt weder der Zaubermantel Mephistos noch das geflügelte Wunderroß des Zauberers aus dem Orient Genüge geleistet . In New Orleans brachte der Hauptmann seinem jungen Freunde ein acht Wochen altes deutsches Zeitungsblatt ; der Bankerott und Konkurs des Bankierhauses Wienand wurde in demselben den Gläubigern angezeigt , mit dürren , juristischtrockenen Worten . Von dem Bankier selbst stand in dem löschpapiernen Blatte nichts , wohl aber machte etwas weiter unten in demselben Blatte der Rechtsanwalt Dr. jur . Otto Krokisius zu Löffelhofen vor dem Winzelwald bekannt , daß er mit dem Verkauf des subhastierten Freiherrlich von Poppenschen Gutes Poppenhof beauftragt sei und daß der Verkaufstermin auf den fünften November des Jahres festgesetzt sei . » Ich könnte dir jetzt ziemlich klar an den Fingern herzählen , was du drüben finden und tun wirst , mein Junge « , sagte der Hauptmann , » aber ich will es nicht ; die Sterne reden deutlich genug . Grüße die Freunde , und wenn du ruhig genug geworden bist , so gedenke du auch meiner . Ich hoffe fest , daß wir uns jetzt nicht zum letztenmal die Hand drücken . Wie es aber auch komme , wir wollen den Sternen glauben in der guten wie in der bösen Stunde . Lebt wohl , Sir ! « Lebewohl winkte Robert vom Schiff . Über die Wellen , über die Wellen ! Schnell war das Schiff , schnell zogen die Wolken ; aber viel , viel schneller waren die Gedanken , die nach dem Heimatlande jagten und Schiff , Wolken , Vögel , Schall und Licht weit , weit hinter sich zurückließen . » Ich werde mich die nächste Zeit hindurch ziemlich einsam fühlen . Das ist ein guter Junge und war ein wackerer Wegkamerad « , brummte Konrad von Faber , als er die Levée herabschritt . Im Gewühl der Farbigen und der Weißen verliert sich seine hohe Gestalt ; wir sehen auch ihn nicht wieder . Aus unserm Gesichtskreis schreitet er hinaus , aber günstig sind ihm die Sterne ; niemals hat ein Wanderer auf der Erde die Kunst primo vivere , deinde philosophari , die Kunst , erst zu leben und dann das Erlebte geistig zu verdauen , mit so guten Beinen und wakkern Muskeln vereinigt wie der Hauptmann außer Dienst , der gute , tapfere und treue Ritter Konrad von Faber . Wir wünschen ihm schon des herzerfrischenden Exempels wegen , welches er uns gibt , ein langes , fröhliches Leben . Möge er dann dereinst in seinen Stiefeln sterben ! Ein zweiter Wunsch , mit welchem wir seine Meinung zu treffen gedenken . Vierunddreißigstes Kapitel Juliane , Freifräulein von Poppen , setzt wieder einmal ihren Willen durch . Das Geschlecht derer von Poppen kommt auf den Hund Es gab vielleicht in der ganzen Stadt keine Uhr , welche so richtig ging , so ängstlich pünktlich Sekunden und Minuten zeigte , so unerbittlich jede Viertelstunde mit schrillem Klang von der Ewigkeit abzog , als die Uhr in der Halle des Zentralpolizeihauses . Sie lief nicht vor , sie blieb nicht zurück ; erbarmungslos zerhackte sie die Zeit in die möglichst kleinsten Bruchteile , das Sonnenjahr in zweiunddreißig Millionen Sekunden ; und wenn manch einem armen Teufel auf dem Armensünderbänkchen oder im Vorzimmer die Sekunde sich wieder zu einem Jahr ausdehnte , so war der Uhr das ganz gleichgültig . Sie lief nicht vor , sie blieb nicht zurück ; ihre Schuld war es nicht , wenn andere vorliefen oder zurückblieben , dem Vordermann auf die Hacken traten oder vom Hintermann in den Rücken geknufft wurden und somit auf die eine oder die andere Weise Gelegenheit bekamen , im Zentralpolizeihause das richtige Maß der Zeit sich in anima vili demonstrieren oder es dem lieben Nächsten vor die Seele führen zu lassen . Die hohe Sicherheitsbehörde , welche als Gesamtheit von je eine sehr gute Meinung von sich selber gehabt hat , war natürlich überzeugt , so richtig zu gehen wie ihre Uhr , und verbat sich jeden lauten Zweifel daran aufs nachdrücklichste . Was der Rat Tröster , der Sekretär Fiebiger , der Wachtmeister Greiffenberger als Einzelwesen davon hielten , das stand auf verschiedenen Blättern . Daß der zweitgenannte Herr über viele , allgemein als unumstößlich festgestellte Glaubensartikel seine Privatansicht hatte , wissen wir , und so müssen wir leider sagen , daß er auch von der Uhr vor der Tür des Büros Nummer dreizehn eine sehr üble Meinung hatte . Gern hätte er sie verachtet ; aber da sie ihm nicht die mindeste Ursache dazu gab , so haßte er sie grimmig und erklärte sie für das niederträchtigste Institut , welches je im Bewußtsein seiner Unentbehrlichkeit die Menschen geelendet habe ; beiläufig ganz die nämliche Meinung , welche er von der Behörde hatte , der er angehörte . Greiffenberger , der Wachtmeister , besorgte mit wahrhaft entsetzlicher Pünktlichkeit das Aufziehen des exakten Mechanismus und vergaß es seit jenem Herbstabend , an welchem unsere Geschichte ihren Anfang nahm , nicht ein einziges Mal . Ticktack - ticktack - Tag für Tag - ticktack , ticktack bei gutem wie bei schlechtem Wetter - ticktack , ticktack , wenn der Polizeischreiber seinen Hut am Morgen an den Nagel hing und stöhnend sich auf sein Dreibein setzte - ticktack , ticktack , wenn er am Abend seufzend die Feder ausspritzte und seinen großen Folianten zuschlug . Es war eine erbarmungslose Uhr ; durch nichts ließ sie sich aus dem Takte bringen - ticktack , ticktack immerzu , es mochte in der Welt , im Büro Nummer dreizehn , im Gehirn des Polizeischreibers Friedrich Fiebiger vorgehen , was da wollte . Und es ging so mancherlei in der Welt , in der Polizeistube und im Herzen und Gehirn des Polizeischreibers vor . Kronen wackelten auf den Köpfen ihrer Träger ; viel Heulen und Zähnklappen wurden im Büro dreizehn vernommen . Fritz Fiebiger sah seinen Zögling in die Ferne ziehen und trug manchmal nicht leicht an seiner Sorge um ihn ; - Baron von Poppen wurde vom Herrn von Bärenbinder erschossen , Kommerzienrat Wienand verlor sein Vermögen und klopfte irrsinnig in einer wilden Nacht an die Tür des Sternsehers Heinrich Ulex . Ticktack , ticktack , ticktack , immerzu , immerzu ! Auch die Uhr in der Tasche des tödlich Verwundeten auf dem Schlachtfelde pickt weiter , die Fliegen am Fenster summen lustig fort , während im Nebenzimmer ein geliebtes Wesen mit dem Tode ringt . - Der Rat Tröster , bedeutend weißköpfiger als zu Anfang dieser Geschichte , legte bei hereinbrechender Dämmerung die Feder nieder und blickte auf seinen Untergebenen , dem eben ein tiefer Seufzer entfuhr . » Haben Sie noch immer keine Nachricht von Ihrem Pflegesohn , Fiebiger ? « Der Angeredete schüttelte den Kopf : » Seit er mir den Tod der Frau seines Bruders meldete , nicht . Unsere Briefe scheint er nicht erhalten zu haben . Wer weiß , was aus dem Jungen geworden ist , in welche Patsche ihn der Hauptmann von Faber geritten hat . In der Stimmung , in welcher er gewesen ist , hat er sich natürlich mehr als gern Hals über Kopf in jede Gefahr hineingestürzt , und so ist er drin steckengeblieben - skalpiert - aufgefressen - was weiß ich ! Und es könnte sich jetzt alles hier so schön machen . Alles in Ordnung . O mein Junge , mein armer lieber Junge ! « » Beruhigen Sie sich , Alter . Wer weiß denn , ob wir uns nicht ganz unnötigerweise Sorge machen . Unser Herr von Faber ist ein sehr bekannter Mann , und wir würden gewiß Näheres erfahren haben , wenn ihm oder seiner Begleitung ein Unglück widerfahren wäre . « Der Polizeischreiber entnahm der Bemerkung des Vorgesetzten allen Trost , welcher darin lag , aber behielt Kummer genug auf der Seele , um abermals recht tief zu seufzen . Die Uhr draußen schlug sechs ; Fiebiger zählte jeden Schlag nach , und der Rat benutzte die Gelegenheit , um zu bemerken : » Die Zeit geht doch recht rasch hin . Es ist mir wie gestern , als der junge Mensch dort stand und Sie die Absicht äußerten , ihn zu adoptieren . Ich warnte Sie gleich und verhehlte Ihnen meine Meinung , daß Sie sich dadurch viel Sorge aufladen würden , nicht . Da auf der Bank saß Faber und machte seine Bemerkungen nach seiner Art ; wir trafen uns nachher bei dem Bankier Wienand , und wenn ich nicht irre , war auch dort viel die Rede von Ihrem Pflegesohn , Fiebiger . Du lieber Himmel , wie sich doch die Verhältnisse ändern ! Wie geht es denn dem armen Wienand ? « Der Schreiber zuckte die Achseln und sagte dann : » Er sieht nach den Sternen ! O Herr Rat , es gibt viele ernste Dinge , an denen ein gutes Auge endlich doch eine komische Seite herausfindet ; hier würde das schärfste Auge danach vergeblich suchen . Wir sehen hier an dieser Stelle den Vorhang über manch ein Trauerspiel fallen ; aber feierlicher , eindringlicher , wuchtiger ist niemals die Moral am Schluß eines Stückes verkündigt worden . Ja , der große Geldmann Wienand sieht nach den Sternen ! Eine Rolle macht er sich täglich aus einem Papierbogen und hält sie irrsinnig vor das Auge ; nur einen einzigen Menschen kennt er noch und klammert sich an ihn mit der fürchterlichen Angst des Wahnsinns . Auf den Giebel des Sternsehers Heinrich Ulex hat er sich geflüchtet ; da sitzt er und hält die Hand des Weisen - o tragisch , tragisch , tragisch ! « Seufzend sagte der Polizeirat : » Ja , Sie haben recht , Fiebiger , es ist eine tragische Geschichte . Es war ein so scharfer Mann , wir haben so manchen Robber zusammen gemacht - wer mir das damals gesagt hätte ! Und nun sitzt er beim alten Ulex im Nikolauskloster und sieht mit dem närrischen Träumer durch eine Papierrolle nach den Sternen . Es ist wirklich ungemein traurig . « » Merkwürdig traurig « , brummte Fritz Fiebiger , mit einem Blick auf seinen Chef , durch welchen er nur sagen konnte : Traurig aber auch , daß an der Welt doch Hopfen und Malz verloren ist . Was helfen euch Exempel , die ihr nicht versteht ? Blausäure muß euch unter die Nase gehalten werden ! » Und das Fräulein Wienand hat jetzt vollständig seinen Aufenthalt bei dem Freifräulein von Poppen genommen ? « fragte der Polizeirat . » Vollständig . Wohin sollte das arme Kind , die Tochter des irrsinnigen Bettlers , sonst auch gehen ? « » Trübselige Verhältnisse ! « meinte kopfschüttelnd der Rat . » Wir können sie leider nicht ändern . Expedieren Sie dieses an den Revierleutnant Kirre . « Das Gespräch schloß , der Polizeischreiber Fiebiger expedierte , die Uhr in der Halle zerhackte gnadenlos noch eine Stunde . Nicht eine Sekunde zu früh oder zu spät zeigte sie den Beamten in den dunkeln muffigen Stuben an , daß sie gehen könnten , und nachdem sie das getan hatte , hackte sie weiter im Interesse der Wachen und der Gefangenen . Ein trockenes Wehen , welches seinen Ursprung fern im Osten , in den Steppen Rußlands genommen hatte , schien sich sehr für die Rockschöße des Polizeischreibers zu interessieren , als er durch die Straßen schritt ; kosend hob es sie auf , überzeugte sich , daß nicht viel darunter sei , und ließ sie wieder fallen , vergaß im nächsten Augenblick , daß es nichts von Bedeutung gefunden hatte , und wiederholte das Spiel . Der Himmel war klar , der Abend hell . Nicht sehr weit von dem Polizeigebäude schlossen sich zwei Frauen dem Schreiber an ; eine alte kleine lahme Dame in schwarzer Seide und ein junges Mädchen . Die alte Dame mit der Krücke sagte : » Heute mittag ist sie gestorben . « Und der Polizeischreiber Fiebiger fragte nicht , wer gestorben sei , sondern sprach nur einfach : » Es ist gut , daß es vorüber ist ; möge ihr die Erde leicht sein ! « Wir , die wir mit Konrad von Faber und Robert Wolf Gold in Kalifornien gegraben haben , die wir dann mit den beiden vom Stillen Ozean bis zum Mississippi geritten sind , wir finden uns natürlich nur ganz allmählich in den Vorgängen der Heimat zurecht und erfahren erst nach und nach , wie die Fäden auch hier weiterliefen . Die Baronin Viktorine von Poppen , geborene von Zieger , war in den Armen des Freifräuleins Juliane von Poppen gestorben . Nach dem traurigen Ende Leons hatte das Freifräulein durch den Medizinalrat Pfingsten , und auf andere Weise , verschiedene Versuche gemacht , sich der unglückseligen Schwägerin zu nähern . Diese Versuche mißlangen jedoch alle . Auf die zugleich harte und apathische Natur Viktorines konnte das Unglück nicht mildernd wirken . Es lag leider viel Tierisches in dem Charakter der armen Frau , und wie ein verwundetes Tier gebärdete sie sich , nachdem der vernichtende Schlag gefallen war . Bald lag sie stumpfsinnig regungslos da , bald biß und schnappte sie um sich und erfüllte das Gemach mit Klagen , deren Laut fast nichts Menschliches mehr an sich hatte . Sie lästerte Gott und die Menschen ; ohne die Dazwischenkunft des Medizinalrats hätte sie eines Morgens die Frau von Schellen , die ihr mehr neugierig als mitfühlend einen Besuch abstattete , fast umgebracht . Ihre Dienstboten hielten es nur bei ihr aus , weil sie im Hause schalten und walten konnten , wie sie wollten , und trefflich in dem jetzt völlig herrenlosen Hause im trüben fischten . Eines Tages trugen Baptiste und Elise die besinnungslose Baronin von ihrem Diwan ins Bett , es wurde noch eine Wärterin gerufen , und Pfingsten brachte einen so trostlosen Bericht über die Lage der Dinge zu dem Freifräulein , daß dieses noch einmal einen Versuch machte , in das Haus in der Kronenstraße einzudringen . Wieder vergeblich . Beim Anblick der Schwägerin geriet die Kranke in einen solchen Wutanfall , daß der Medizinalrat das Freifräulein schleunigst aus dem Zimmer drängen mußte . Monatelang blieb es so , und Juliane von Poppen litt sehr dabei . Niemals