gegen meine Cousine empfand , zu Liebe , legte ich es ernstlich darauf an , mir Oldenburg ' s Zuneigung , die ich durch eine unbekannte Ursache verloren zu haben glaubte , wieder zu gewinnen . Das bewirkte alsbald eine völlige Umwandlung in Oldenburg ' s Betragen . Er überschüttete mich jetzt mit Aufmerksamkeiten , er schien Hortense vollkommen vergessen zu haben , und sobald wir allein waren , zeigte er eine Leidenschaft , die mich zuerst in Verwunderung und dann in Schrecken setzte . Dabei wußte er jeder eigentlichen Erklärung sorgfältig auszuweichen und mich stets im Zweifel zu erhalten , ob dies nur eine seiner tollen Launen war , die er gelegentlich annimmt und ablegt , wie ein Kleid , oder der Ausdruck einer wirklich tiefgewurzelten Neigung . Es war unmöglich , Oldenburg in dieser Zeit nicht zu bewundern . Sein Genius zeigte sich glänzender , als je zuvor ; die Fülle von Geist , die er verschwenderisch entfaltete , war in der That außerordentlich . Er war die Seele jeder Gesellschaft ; man riß sich förmlich um ihn , und da er französisch , englisch , italienisch und ich weiß nicht , wie viele Sprachen außerdem , so gut wie deutsch spricht , so schien jede Nation ihn als einen der Ihrigen ansehen zu dürfen und zu wollen . Wenn er mich nun zur Königin jedes Festes machte , wenn er Alle zwang , mir zu huldigen , wenn er alle Schätze seines reichen Geistes nur entfaltete , um sie mir zu Füßen zu legen , so ist es wohl natürlich , daß ich dagegen nicht gleichgültig bleiben konnte , daß ich mir eine kurze Zeit lang einbildete , ihn zu lieben . Ohne ihn geradezu aufzumuntern , ließ ich es mir doch gefallen , daß er mich in Augenblicken , wo wir allein waren , mit dem vertraulichen Du unserer Kinderjahre anredete , daß er in Gesellschaft mir jene Aufmerksamkeit erwies , die man sonst nur von einem erklärten Liebhaber entgegenzunehmen gewohnt ist . Still , Melitta , mir war , als hörte ich Jemand im Garten . Ich hörte nichts . Sind wir hier auch vor jeder Störung sicher ? Vollkommen . Indessen , laß uns in ' s Haus zurückkehren ; mir däucht , der Nachtthau beginnt zu fallen . Sie erhoben sich und gingen Arm in Arm nach der Treppe , die von der Terrasse in den Garten führte . Als sie die letzte Stufe hinabstiegen , stand plötzlich ein Mann vor ihnen . Das Zusammentreffen war für Oswald und Melitta so unerwartet , daß sie unwillkürlich zurückzuckten . Indessen war an ein Ausweichen nicht mehr zu denken , und überdies hatte Herr Bemperlein sie schon erkannt , denn die Sterne leuchteten jetzt in voller Pracht , und aus den Fenstern des Gartensaales fiel ein Lichtschimmer den Gang hinab , gerade in die Gesichter der Beiden . Mein Gott , gnädige Frau , wie kommen Sie hierher ? rief Herr Bemperlein . Ich gebe die Frage zurück , sagte Melitta , und dann zu Oswald , dessen Arm sie nicht losgelassen hatte : Sei ruhig , lieb Herz : er verräth uns nicht . Es ist doch Julius kein Unglück zugestoßen ? Sprechen Sie , lieber Bemperlein , ich habe keine Geheimnisse vor - Oswald . Herr Bemperlein ergriff Oswald ' s Hand und drückte sie , als wollte er sagen : ich weiß jetzt Alles , rechnet auf mich . Nein , sagte er , Julius ist wohl und munter , aber ich bekam heute einen Brief von Doctor Birkenhain , dem zufolge es mit dem Befinden Herrn von Berkows sehr schlecht steht ; man erwartet täglich sein Ende . Daß er vor seinem Ende noch einmal zum Bewußtsein kommen könnte , ist natürlich nicht anzunehmen ; aber Doctor Birkenhain hielt es für seine Pflicht , Ihnen diese Lage der Dinge mitzutheilen . Jedenfalls wird dies der Inhalt des eingelegten Briefes an Sie sein . Ich habe ihn selbst gebracht , damit Sie sofort über meine Dienste verfügen könnten , im Falle Sie sich zu einer Reise entschließen sollten . Der Wagen , in welchem ich gekommen bin , wird jetzt wohl schon vor dem Hause halten ; ich hatte den kürzeren Weg durch den Garten vorgezogen . Die Drei waren in den Gartensaal getreten . Melitta hatte Oswald ' s Arm losgelassen und sich der Lampe genähert , den Brief zu lesen , welchen Bemperlein ihr überbracht hatte . Oswald sah , daß sie sehr blaß geworden war , und daß ihre Hand , die den Brief hielt , zitterte . Bemperlein stand , den Blick von Melitta auf Oswald , von Oswald auf Melitta wendend , da , wie Jemand , der , aus einem schweren Schlaf erwachend , sich noch nicht von der Wirklichkeit dessen , was er vor seinen Augen sieht , überzeugen kann . Melitta hatte den Brief gelesen : Da , Oswald , sagte sie , lies und sage , was soll ich thun . Oswald durchflog das Schreiben , welches , wie Bemperlein schon gesagt hatte , Melitta aufforderte , sich sofort auf den Weg zu machen , falls sie den sterbenden Gatten noch einmal zu sehen wünsche . Du mußt reisen , Melitta , ohne Frage , sagte Oswald , den Brief wieder zusammenfaltend . Melitta warf sich stürmisch in die Arme ihres Geliebten : Es war von vornherein mein Wille zu reisen : ich wollte ihn nur von Dir bestätigt hören , sagte sie . Ich reise noch in dieser Nacht , noch in dieser Stunde . - Wollen Sie mich begleiten , lieber Bemperlein . Ich bin in dieser Absicht hierher gekommen , gnädige Frau , sagte Herr Bemperlein , und habe den Reiseplan schon entworfen . Wenn wir in einer Stunde etwa aufbrechen , sind wir noch vor Sonnenaufgang an der Fähre . Drüben nehmen wir Extrapost bis Passow , von da Eisenbahn . So sind wir übermorgen spätestens an Ort und Stelle . Sie guter , treuer Freund , sagte Melitta , Bemperleins beide Hände in die ihren nehmend und herzlich drückend . Bitte , bitte , gnädige Frau ! rief Herr Bemperlein , ganz im Gegentheil , wollte sagen , nur meine Pflicht und Schuldigkeit . Ich will mich sogleich zur Reise fertig machen , sagte Melitta , ein Licht ergreifend . Bleibe ruhig hier , Oswald . Wenn Jemand von den Leuten Dich sehen sollte , bist Du mit Bemperlein gekommen ; es wird Dich aber Niemand sehen . Melitta hatte das Zimmer verlassen . Bald hörte man in dem eben noch so stillen Hause das Geräusch von eiligen Schritten , von Thüren , die hastig auf- und wieder zugemacht wurden , von dumpfen Stimmen , die durcheinander sprachen . Von den beiden Männern wagte in den ersten Minuten keiner das Schweigen zu brechen . Beide fühlten das Wunderliche der Situation , in die sie so urplötzlich gerathen waren ; vor allem Bemperlein , der sich innerlich noch immer nicht von seinem tiefen Erstaunen erholen konnte . Melitta stand in seinen Augen so unerreichbar hoch da , daß er schlechterdings nicht zu begreifen vermochte , wie es irgend einem Sterblichen gelingen könnte , sich zu dieser Höhe zu erheben ; und auf der andern Seite war er seit vielen Jahren so daran gewöhnt , Alles , was sie that , für gut und recht und unverbesserlich zu halten , daß er von dieser Regel selbst jetzt eine Ausnahme zu machen nicht den Muth hatte . Wir sehen uns auf eine gar seltsame Weise wieder , Herr Bemperlein , sagte Oswald endlich . Ja wohl , ja wohl ! sagte Herr Bemperlein . Mein Kommen weder erwartet , noch erwünscht , ich begreife das vollkommen - die arme gnädige Frau : aber welchen Muth sie hat , welche Schnelligkeit des Entschlusses ! ich habe es ja immer gesagt : sie ist aus besserem Stoffe , als wir anderen Menschenkinder . Ein wahres Glück , daß der Doctor Birkenhain den gescheidten Einfall hatte , nicht direkt an sie zu schreiben . So kann ich , wenn auch nicht viel , doch wenigstens etwas zu ihrer Unterstützung thun . Sie Glücklicher ! sagte Oswald . Sie dürfen für sie wirken und schaffen ; und ich kann nichts thun , nichts , als ihr eine glückliche Reise wünschen und sodann die Hände müßig in den Schooß legen . Ich bedauere Sie von ganzem Herzen , wahrhaftig , sagte Herr Bemperlein . Es ist eine schwere Aufgabe , die Ihnen zugemuthet wird ; aber wo viel Licht ist , da ist auch viel Schatten . Wir werden fleißig schreiben - Sie sollen von jedem Schritte , den wir thun , Nachricht erhalten . Und dann hoffe ich , daß unsere Reise nicht lange dauert , und vor allem , daß Herr von Berkow schon gestorben ist , wenn wir in Fichtenau angekommen . Das hoffen Sie ? und doch scheinen Sie diese Reise für nothwendig zu halten ? Gewiß , sagte Herr Bemperlein . Es giebt gewisse traurige Pflichten , die man erfüllen muß , nicht der Welt wegen , die uns nicht schelten könnte und schelten würden , wollten wir sie unerfüllt lassen ; nicht des Andern wegen , dem unsere Opferfreudigkeit zugute kommt , und den wir vielleicht weder lieben noch achten , sondern um der Achtung willen , die wir vor uns selber haben . Doch was demonstrire ich Ihnen noch lange vor , was Sie so gut und besser wissen als ich . Sie haben ja auch zu dieser Reise gerathen , obgleich Sie doch am meisten dabei verlieren . Es muß eine schauerliche Empfindung sein , so plötzlich aus allen seinen Himmeln gerissen zu werden . Seltsam ! seltsam ! je länger ich über dies Alles nachdenke , desto begreiflicher wird es mir . Ja , ja - daß Sie die herrliche Frau lieben , das ist ja so natürlich , so - ich möchte sagen : logisch - das Gegentheil würde baarer Unsinn sein : Es muß sie Jeder lieben , und um so mehr lieben , je edler sein Herz , je empfänglicher seine Seele für das Gute und Schöne ist . Ihr Herz ist edel , Ihre Seele klingt harmonisch mit allem Schönen zusammen ; so müssen Sie auch die schönste und beste Frau von ganzem Herzen , von ganzer Seele lieben . Und auf der anderen Seite : ist sie nicht frei ? wenn auch nicht vor den Menschen , so doch vor dem Richter , der in ' s Verborgene sieht ? hat sie ihren Gemahl jemals geliebt ? konnte sie ihn lieben , dem sie verkauft wurde um schnödes Geld - verkauft von dem eigenen Vater , als sie noch viel zu jung und zu unschuldig war , das Bubenstück auch nur zu ahnen , geschweige denn zu durchschauen ? O ! mein Blut kocht , wenn ich daran denke ! nein , nein ! sie durfte Sie lieben , sie mußte Sie lieben , sie , deren Herz ganz Liebe und Güte ist . Ich freue mich , daß es so gekommen ist , ich wünsche Ihnen Glück von ganzem Herzen . Ich bin ein einfacher , unbedeutender Mensch und würde im Gefühl dieser meiner Unbedeutenheit nimmer den Blick zu solcher Höhe zu erheben wagen ; aber , wenn ich einen Andern kühn und stolz auf dieser Höhe wandeln sehe , so erfüllt das meine Brust mit Bewunderung , die von Neid , frei , ganz frei ist , und noch einmal : ich wünsche Ihnen Heil und Segen von ganzem Herzen ! Herr Bemperlein ergriff Oswald ' s beide Hände und drückte sie mit Lebhaftigkeit . Die Augen standen ihm voll Thränen ; er war innerlichst erschüttert . Und ich danke Ihnen von ganzem Herzen , sagte Oswald gerührt . Der Beifall eines Mannes , den ich so hoch achte , ist mir tausendmal mehr werth , als das Urtheil der dummen , blinden Welt . Die Welt wird unsere Liebe verketzern und verdammen , aber die Welt weiß nichts von Gerechtigkeit . Nein , sagte Herr Bemperlein , und dennoch ist sie unsere Richterin , deren Ausspruch wir uns fügen müssen , wir mögen wollen oder nicht . Und dieser Gedanke ist es , welcher für meine Augen einen tiefen Schatten auf das sonnige Bild einer so reinen , uneigennützigen Liebe wirft . Doch ich will Ihr Herz , das in diesem Augenblicke schon schwer genug ist , nicht noch schwerer machen . Dem Starken und Muthigen hilft das Glück . Sie sind ja stark und muthig , und sind es doppelt und dreifach , weil Sie lieben . Es soll ja der Glaube Berge versetzen können . Was dem Glauben gelingt , kann der Liebe nicht unmöglich sein . Doch still , da kommt die gnädige Frau . Die Thür wurde geöffnet und Melitta erschien im Reiseanzug . Der alte Baumann war bei ihr . Ich bin bereit , lieber Bemperlein , sagte sie zu diesem , und dann , sich in Oswald ' s Arme werfend : Leb wohl , liebes Herz ! leb wohl ! Fünfunddreißigstes Capitel Die Baronin Grenwitz war aus mehr denn einem Grunde fest entschlossen , Oswald auf der projectirten Badereise nach Helgoland nicht mitzunehmen , und sie hatte während der dreitägigen Visitentour vielfach bei sich überlegt , wie sie , ohne sich doch selbst gar zu viel zu vergeben , diesen Entschluß ausführen könnte . Wie erfreut war sie deshalb , als Oswald bei ihrer Zurückkunft ( es war den Tag nach Melitta ' s Abreise ) ihre leiseste Anspielung , ob es ihm nicht lieber wäre , diese Zeit ganz zu seiner Erholung zu verwenden , begierig ergriff ; als er erklärte , während dieser Zeit nicht einmal auf dem Schlosse bleiben , sondern eine Reise , vielleicht durch die Insel , die er noch nicht kannte , vielleicht nach der Residenz zu seinen Freunden machen zu wollen . Anna-Maria freute sich so sehr über dieses ganz unerwartete Entgegenkommen , daß sie nicht einmal über die Motive , die Oswald dazu bestimmt haben mochten , nachdachte , eben so wenig wie über sein düsteres zerstreutes Wesen , und über die Gleichgültigkeit , mit denen er den Vorbereitungen zur Reise zusah und schließlich am Tage der Abreise von Allen , selbst von Bruno Abschied nahm . Vielleicht ärgerte er sich , daß man ihn nicht mitnahm , vielleicht wußte er nicht , wo er bleiben sollte . Gleichviel , wenn er nur nicht auf dem Schlosse blieb , wenn er nur , wie er es wirklich that , in demselben Augenblicke , wo die Familienkutsche , bespannt mit den vier schwerfälligen , von dem schweigsamen Kutscher gelenkten Braunen , langsam und würdevoll zu dem Hauptthor hinausfuhr , den leichten Ränzel auf dem Rücken , durch das andere Thor in die weite Welt hineinwanderte . Aber Herr Albert Timm durfte bleiben ! Er machte nicht so lächerliche Ansprüche , wie der hochmüthige Oswald ; er war mit Allem zufrieden ! und dann konnte er in der Einsamkeit des Schlosses so ungestört arbeiten , und die schleunige Vollendung der Flurkarten war von so großer Wichtigkeit ! Mademoiselle war angewiesen , es Herrn Timm an nichts fehlen zu lassen . Daß es vielleicht nicht ganz schicklich sei , ein junges Mädchen von zwanzig Jahren und einen jungen Mann von sechsundzwanzig unter der Aufsicht einiger Dienstleute , über welche das junge Mädchen das Commando führte , auf einem einsamen Schlosse zurückzulassen , war sonderbarer Weise der so überaus strengen Baronin gar nicht in den Sinn gekommen . Die tugendhafte Frau würde die Nase gerümpft , würde es unverantwortlich , unverzeihlich gefunden haben , wenn sie gehört hätte , daß der junge Graf Grieben mit Fräulein von Breesen fünf Minuten nur in einem Zimmer allein gewesen sei , aber der Geometer Timm und ihre Wirthschafterin Marguerite Roger - du lieber Himmel ! sich um das Schicksal solcher Leute auch noch den Kopf zu zerbrechen - das ist offenbar zu viel verlangt ! Und Marguerite hatte nicht einmal Eltern , denen man vielleicht verantwortlich gewesen wäre - sie hatte gar keine Verwandte - wie kann man für Jemand verantwortlich sein , der ganz allein in der Welt dasteht ! Man hatte Frau Pastor Jäger gebeten , sich von Zeit zu Zeit zu überzeugen , daß den Befehlen der Frau Baronin strenge Folge geleistet würde - Frau Pastor Jäger war eine vortreffliche Frau , die kleine Marguerite stand unter vortrefflicher Aufsicht . Die kleine Marguerite stand unter so vortrefflicher Aufsicht , daß Albert die weise Fürsorge , welche die Baronin getroffen hatte , nicht genug loben konnte . Ich wollte , sie kämen nicht wieder , sagte er zu der hübschen Genferin , während sie Arm in Arm im Garten umherspazierten ; ich wollte , sie kippten zwischen Helgoland und der Düne , wo es am tiefsten ist , mit dem Boote um , und wir könnten hier , wie jetzt , herrlich und in Freuden leben bis an unser seliges Ende . Was meinst Du , kleine Marguerite , möchtest Du wohl Frau Rittergutsbesitzerin Timm von Grenwitz auf Grenwitz sein ? Das wäre doch famos ! Dann wollte ich Dir Wagen und Pferde halten , ja , und auch eine Wirthschafterin , die Du eben so quälen könntest , wie Du jetzt gequält wirst . Ich bin schon zufrieden mit Wenigem , wenn ich es nur kann theilen mit Sie . Sehr edel gedacht , aber besser ist besser , und übrigens heißt es in diesem Falle , nicht Sie , sondern Ihnen , oder vielmehr Dir , denn bei uns zu Lande nennen sich Leute , die sich lieben , Du , besonders wenn sie die respectable Absicht haben , sich gelegentlich zu heirathen . Und Sie mich wirklich wollen ' eirathen ? Ach , ich kann es glauben kaum ! Was will ein Mann , comme vous , dem die ganze Welt ist offen , ' eirathen ein armes Mädchen , die nicht einmal ist ' übsch . Das ist meine Sache . Und nebenbei bist Du jedenfalls ' übscher und reicher als ich . Dreihundert Thaler - Dreihundert fünfundzwanzig Thaler , sagte Mademoiselle Marguerite eifrig . Desto besser - das ist immer schon etwas für den Anfang . Wenn ich mein baares Vermögen dazu rechne - Herr Timm griff in die Tasche und brachte einige Münzen zum Vorschein - haben wir dreihundert fünfundzwanzig Thaler , siebenzehn Silbergroschen und acht Pfennige . Das ist ein ganzes Kapital . Wir uns dafür werden kaufen ein kleines Haus . Versteht sich . Ich werde geben Unterricht im Französischen . Natürlich . Und Du wirst sein fleißig und arbeiten . Comme un forçat - o , es wird ein charmantes Leben werden , und Herr Timm faßte die kleine Französin um die Taille und walzte mit ihr in der Laube , in welcher sie sich befanden , umher . Ich nun muß hinein , den Leuten zu geben Vesperbrod ; sagte Marguerite , sich losmachend . So lauf , Du kleiner Grasaff ' ; aber komm bald wieder , sagte Herr Timm . Herr Timm sah der Enteilenden nach . Dummes kleines Frauenzimmer , sagte er ; glaubt wahrhaftig , ich werde sie heirathen . Das fehlte auch noch - für dreihundert Thaler , die ich früher an ein paar Abenden verspielt habe ! Es ist wirklich großartig , was sich diese Mädchen nicht alles einbilden ! Und dabei ist diese gar nicht so dumm , wie sie aussieht , und scheint trotz ihres fürchterlichen Deutsch den Goethe gründlich studirt zu haben : » thut keinem Dieb nur nichts zu Lieb ' , als mit dem Ring am Finger - « hm , hm ! ich werde ihr wahrhaftig einen Ring kaufen müssen . Die dreihundert Thaler wären freilich so übel nicht . Diese verdammten Gläubiger ! nicht einmal in diesem Winkel lassen sie einen ungeschoren . Herr Timm faßte in die Brusttasche und holte einige Briefe von verdächtigem Aussehen hervor , die er , nachdem er sich in die Ecke einer Bank gesetzt , einen nach dem andern entfaltete und eifrig studirte . Sein sonst so lustiges Gesicht verdüsterte sich dabei zusehends . Verdammt , murmelte er , die Kerle werden wirklich unverschämt . Wenn ich den brummenden Bären doch nur so ein paar hundert Thaler in den Rachen werfen könnte , so schweigen sie doch für eine Weile wenigstens . Die dreihundert , welche die kleine Marguerite im Sparkassenbuche hat , kämen mir wirklich gelegen . Es wäre am Ende nur zu ihrem Vortheil , wenn ich sie darum ärmer machte . Denn daß ich mein Versprechen , sie zu ' eirathen , ohne die dringendste Noth nicht halten werde , liegt doch für jeden Verständigen auf der Hand . Fühle ich mich nun ihr gegenüber nicht nur moralisch , sondern auch anderweitig verpflichtet , so hat sie immerhin eine Chance mehr . Ich kann ihr ja sagen , ich könne das Geld besser anlegen oder dergleichen . Wenn die dummen Dinger verliebt sind , glauben sie ja Alles , was man ihnen aufbindet . Und kann sie das Geld besser anlegen , als wenn sie sich damit einen charmanten Kerl von Mann erkauft , der sie im andern Falle nicht ' eirathen würde . Me herculem ! ich fühle mich ordentlich gehoben durch den Gedanken , auf diese Weise der Wohlthäter des Mädchens zu werden . Ich will die Kleine doch einmal in ' s Gebet nehmen . Weigert sie sich , so werde ich sie freilich ihrer Klugheit wegen achten müssen , aber mit unserer Liebe ist es aus . Albert erhob sich und ging , die Hände auf dem Rücken , wie es seine Gewohnheit war , wenn sein scharfsinniger Kopf an der Lösung eines Problems arbeitete , langsam nach dem Schlosse . Marguerite schaltete noch in der Küchenregion ; Albert verfügte sich auf sein Zimmer , um noch einige Minuten ungestört über seine Aufgabe nachzudenken . Er beugte sich über die Karte , die auf dem großen Reißbrett aufgespannt war , und an der er seit der Abreise der Familie nicht das Mindeste gearbeitet hatte . Wenn das so fortgeht , wird sich Anna-Maria über meine Fortschritte wundern , murmelte er . Die kleine Marguerite ist doch nicht allein daran Schuld ? richtig , jetzt besinne ich mich - ich brauchte eine Karte aus der Registratur und ließ mir schon vor acht Tagen den Schlüssel dazu geben . Die muß ich mir wenigstens holen , sonst - bei meiner heißen Liebe zur kleinen Marguerite ! - bleibt diese angefangene Karte ein Fragment in Ewigkeit . Albert ging in die Registratur , ein großes Gemach in dem Erdgeschoß des alten Schlosses , dessen Wände von oben bis unten mit Repositorien voll ganz oder halb vergilbter Acten und Schriftstücke der verschiedensten Art bedeckt waren , deren gar manches für einen fleißigen Alterthümler von hohem Interesse gewesen wäre . Während er in einem der Repositorien nach der alten Flurkarte kramte , fiel ihm ein kleines Bündel Briefe in die Hände , das er wohl , wie schon einige andere ähnliche , in das Versteck , aus welchem er sie unversehens hervorgeholt hatte , zurückgeschleudert haben würde , wenn nicht die Aufschrift : » An den Baron Harald von Grenwitz , Hochgeboren , auf Grenwitz « seine Neugierde erregt hätte . Herr Timm löste ohne weiteres den rothen Faden , mit welchem die Briefe zusammengebunden waren , und begann dieselben einen nach dem andern zu lesen - eine Beschäftigung , die ihn so ausnehmend interessirte , daß er alles Andere darüber vergaß und selbst das Rollen eines Wagens überhörte , der vor dem Portale still hielt und dessen höchst unerwartete Ankunft eine nicht geringe Sensation in dem Schlosse hervorrief . Sechsunddreißigstes Capitel Während der acht Tage , die seit der Abreise der Familie verflossen waren , hatte Oswald in der Einsamkeit des Fischerdorfes Sassitz , von allem Verkehr mit der Welt abgeschlossen , gelebt . Wie er nach Sassitz gekommen war , wußte er selbst kaum . Seit ihm Melitta so plötzlich geraubt war , hatte ihn eine grenzenlose Gleichgültigkeit gegen Alles ergriffen , was nicht in irgend einer Beziehung zu ihr stand , die jetzt seine ganze Seele erfüllte . In dieser Apathie hatte er sich selbst von Bruno ohne Schmerz getrennt . Auf die Wünsche der Baronin ging er um so bereitwilliger ein , als er sich in seiner augenblicklichen Stimmung nach Einsamkeit sehnte , wie ein Kranker nach Ruhe . So sagte er denn zu Allem : Ja , und als er den Wagen , welcher die Familie entführte , sich in Bewegung setzen sah , fiel es ihm wie eine schwere Last vom Herzen . Er wünschte den Zurückbleibenden , Herrn Timm und Mademoiselle , flüchtig Lebewohl und wanderte , einen leichten Ränzel , der noch aus seiner Studentenzeit stammte , auf dem Rücken , zum andern Thore hinaus , wie der Held eines Märchens , ohne eine Ahnung davon zu haben , wohin er seine Schritte lenken sollte , und wo er heute Nacht sein Haupt zur Ruhe legen würde . Die Sonne brannte heiß ; es fiel ihm ein , daß es im Walde frisch und kühl sein müsse . So bog er denn rechts vom Wege ab und bald rauschten über ihm die Tannen des Forstes , der halb zu Grenwitz und halb zu Berkow gehörte . Das Rauschen der hohen Bäume lullte ihn in süße Träume . Träumend wanderte er weiter , bis er plötzlich auf die Lichtung heraustrat , wo in dem Schutze der vielhundertjährigen , breitastigen Buche Melitta ' s Kapelle lag . Die Thür des Häuschens war verschlossen , die grünen Jalousien vor den Fenstern waren heruntergelassen , die Treppe und die Veranda waren sorgsam gefegt , wie es die strenge Ordnungsliebe des alten Baumann , der jetzt das Regiment in Berkow führte , erheischte . Oswald setzte sich auf die Stufen der Treppe und stützte den Kopf in die Hand . So saß er in Nachdenken versunken , während in den Zweigen der Buche über ihm ein Waldvögelein sein eintöniges Lied mit dem stets gleichen melancholischen Refrain ertönen ließ . Wie einsam er sich fühlte - wie einsam und wie verlassen ! Dem Kinde gleich , das auf weitem öden Moore den Weg zum Hause der lieben Eltern verloren hat . Hier an dieser selben Stelle hatte er in der Nacht vor der Gesellschaft in Barnewitz mit Melitta gesessen - sie hatte den Kopf an seine Brust gelehnt gehabt und süßeste , köstlichste Worte der Liebe hatte ihr Mund geflüstert . Jetzt war es still um ihn her . Sehnsüchtige Gedanken an die Entfernte glitten durch seine Seele , wie Vögel die den Süden suchen , durch den weiten Himmelsraum . Ein Sonnenstrahl , der heiß und stechend durch das Laubdach auf ihn fiel , mahnte ihn , daß es Zeit sei , aufzubrechen . Eile hatte er freilich nicht , es war noch früh am Nachmittage , und irgend einen , gleichviel welchen Ort , wo er sein Quartier für die Nacht aufschlagen konnte , mußte er immer noch erreichen . So schlenderte er durch den Wald auf einem Wege hin , den er noch nicht betreten hatte und der ihn , ehe er sich ' s versah , an den Strand des Meeres führte . Nun wanderte er am Strande fort , bald auf der Höhe des Ufers , wenn die See , wie es häufig geschah , unmittelbar den Fuß der Kreidefelsen bespülte , bald auf dem festen körnigen Sande des schmalen Vorstrandes . Hier und da hatte einer der kurzen wasserreichen Bäche , die aus dem Innern der Insel dem Meere zueilen , das Ufer durchbrochen und eine Schlucht gehöhlt , die mit einer fast südlich üppigen Vegetation bedeckt war . Aber mit Ausnahme dieser wenigen grünen Oasen zeigte sich dem Auge nichts als kahler Fels , nackter Sand , das eintönige blaue Meer , auf dem hier und da ein weißes Segel schwamm , und der eintönige blaue Himmel , an dem hier und da eine weiße Sommerwolke unbeweglich stand . Und zu diesem eintönigen Bilde die einförmige Musik der brandenden Wellen und dann und wann der grelle Schrei der Möve oder das melancholische Pfeifen der kleinen Strandläufer . Die Monotonie dieser Linien , dieser Farben , dieser Töne wäre für ein glückliches , lebensfrohes Gemüth unerträglich gewesen , aber sie paßte wunderbar zu Oswald ' s Seelenzustand . Seine Schwermuth harmonirte mit dieser tief-ernsten Natur , die von Glück und Freude nichts zu wissen schien , desto mehr aber von dem Jammer und der Qual des Lebens . Klang der grelle Schrei , das schrille Pfeifen der Meeresvögel nicht wie Klaggesang ? war es nicht , als ob das Meer in den Wellen , die sich in monotonen Cadenzen unaufhörlich am Strande brachen , das verworrene Räthsel der Existenz wie im halben Wahnsinn vor sich hinmurmelte ? Und sein eigenes Leben kam ihm so ziel- und zwecklos vor , wie dies sein Umherirren zwischen den Uferklippen . Glich es nicht seinem Fußtritte auf dem harten Sande , wo die nächste Welle schon die leichte Spur gänzlich verwischte ? Warum geboren werden , Anderen und sich selbst Schmerzen und Sorgen ohne Zahl bereiten , wenn Alles doch zu nichts führt ? wenn die Vergangenheit sich hinter uns aufthürmt wie das steile unersteigliche Ufer , die Zukunft uns angähnt , wie das öde wüste Meer , und die Gegenwart ein schmaler Strand ist , den die unbarmherzig glühende Sonne nur deshalb so grell zu erleuchten scheint , um ihn in seiner ganzen trostlos dürftigen Nacktheit zu zeigen ? Und wenn wirklich einmal das Glück uns zu lächeln scheint , so scheint es eben nur ; so ist es eben nur eine trügerische Spiegelung , die eine schadenfrohe Fee aus dem unwohnlichen tückischen