Phantasten und Schwärmer , die allein meinten den rechten Weg in ' s Himmelreich zu kennen , alle irdischen Freuden verachteten und mitten in der Welt lebend die Erde doch nur als ein Jammerthal betrachteten , das ihnen vergeblich seine Genüsse bot - oder mochte man sie Spötter nennen , die bei ihren geheimen Gebräuchen und Lehren dem Christenthum und der Kirche Hohn sprächen , oder heimliche Jünger , die nur öffentlich sich der größten Sittenstrenge unterwürfen , bei ihren Zechen aber oder auch allein im Verborgenen mehr sündigten als Andere . Darum spitzte Frau Eva jetzt die Ohren , als sie hoffen konnte , etwas Verdächtiges von einem Baubruder zu hören , und der Riesen-Jacob fuhr fort : » Am Tage , nachdem jener Mönch hier gewesen war , hat der Propst ein paar Baubrüder hinaus in ' s Kloster geschickt , daselbst ein Sacramentshäuslein auszubessern - nun , das hätten wir auch gekonnt , und wer weiß , haben sich der Propst und der Mönch nicht erst die Modelle dazu bei uns abgeguckt . « » O ganz gewiß haben sie das gethan ! « rief die Meisterin entrüstet ; » wenn ihnen nur mein Mann nicht die herrliche Zeichnung hat sehen lassen , die er selbst zu einem solchen Gehäuse gemacht ! « » Der blonde Hieronymus und der Ulrich von Straßburg sind damals wochenlang draußen im Kloster gewesen , « berichtete Jacob weiter , » und Einer von ihnen - ich weiß nicht welcher , denn ich habe sie Beide stets nur miteinander gesehen - kam diese Nacht mit dem Propst heim , und sie nahmen den Amadeus mit in die Propstei , der schon so lange um sie herum geschlichen , daß ich ihn scharf in ' s Auge gefaßt hatte , weil ich dachte , er könne dort unmöglich auf guten Wegen wandeln . « » Was Ihr nicht sag ' t ! « rief Frau Eva ; » Ihr werdet wohl thun , das im Kloster zu beichten - und ich werd ' es hier auch nicht daran fehlen lassen . « Viel freundlicher als vorhin ward nun der rohe Handlanger von der Meisterin entlassen , die sich innig freute , es endlich dem Propst entgelten lassen zu können , daß er das Späßchen mit dem Drachen auf ihre Kosten gemacht hatte . Indeß lief am selben Tage ein anderes wunderliches Gerücht durch die Reichsstadt und beschäftigte in immer absonderlicheren Varianten die guten Nürnberger . Da hieß es zuletzt gar : Zur Frau von Scheurl sei ein goldener Vogel geflogen gekommen , der zwar nicht singen , aber reden könne , und der habe ihr erzählt , wer das indische Reisegut Herrn Martin Behaim ' s geraubt , und sei dann zu der Stelle geflogen , an der es vergraben liege . Wer etwa dazu ungläubig lächeln wollte , wie zu einem einfältigen Mährlein , der mußte doch verstummen , als er einen stattlichen Zug , voran Herrn Christoph von Scheurl und die Gebrüder Behaim , im Gefolge ihre Leute und Diener , und eine große Abtheilung Stadtmilizen vor das Thor ausrücken sah und dem Reichsforst sich zu bewegen . Oder wer diesen nicht begegnete , der gewahrte vielleicht Frau Elisabeth am Fenster ihres Chörleins , wie ein herrlicher Vogel auf ihrer Achsel saß . War er auch nicht golden , so glänzten die Farben seines Gefieders doch so wunderbar schön und prächtig , daß er dadurch nicht minder fabelhaft erschien , als wär ' er aus eitel Gold gewesen . Wer den Vogel sah , der glaubte dann auch gern die andern abenteuerlichen Erzählungen . Und für diese gewann die Nürnberger Phantasie bald einen unendlich weiten Spielraum , als es am Abend hieß : man habe wirklich an der Stelle im Walde , welche der Vogel angegeben , einen großen Theil der Schätze gefunden , die Martin Behaim mitgebracht und deren Beschreibung nun wieder nur die staunenswerthesten Dinge zu verkünden hatte . Im Triumph wurden die wieder gewonnenen Kisten Behaim ' s in die Stadt geführt - und war nun einmal nur ein Theil wieder da von den entschwundenen Herrlichkeiten , so hoffte man , der andere werde sich nun auch schon finden - ja , man war entschlossen , ihn , wenn es sein mußte , mit Sturm und Waffengewalt zu erobern . Die Ritter von Weyspriach und Streitberg erhielten von dem Rath von Nürnberg eine Vorladung , vor Gericht zu erscheinen und sich gegen die wider sie erhobene Anklage auf Friedensbruch und Straßenraub zu rechtfertigen oder darauf gefaßt zu sein , daß gegen sie erkannt und verfahren würde wie Rechtens . Diese Anklage stützte sich natürlich nicht nur auf die Angabe des indianischen Raben - mochte sie dieser nun schriftlich mitgebracht , oder wie im Volke die Sage ging , selbst redend gemacht habe - sondern auf die übereinstimmende Schilderung des Boten , der die erste Nachricht von dem Ueberfall an Scheurl gebracht hatte , mit den Aussagen der Verwundeten und Geflohenen , die von Augsburg her dem Transport zum Geleite gedient hatten . Keiner von ihnen kannte zwar die beiden Ritter persönlich , aber ihr Signalement der Räuber paßte doch auf diese , und da sie schon mehr als einmal im Verdacht solcher Heldenthaten gewesen waren , so war es mehr als wahrscheinlich , daß sie auch dieses Verbrechen verübt . Nun hatten aber freilich die Ritter guten Grund der Vorladung zu spotten und den Spruch des Rathes von Nürnberg zu mißachten ; denn sie meinten , daß nicht dieser , sondern allein der Markgraf Friedrich von Zollern das Recht habe , Gericht auf Nürnbergischem Gebiet zu hegen , und sie nur dem Spruche dieses im Namen des Kaisers burggräflich gehegten Landgerichtes sich zu fügen hätten , da ihre Burg sowohl als der Ort der That nicht die Stadt Nürnberg selbst sei , und diese selbst auf dem ihr gehörenden Grund und Boden , der außer der Stadt gelegen , keine Macht habe zu richten . Aber eben über diesen Punkt war der Nürnberger Rath mit dem burggräflichen Gerichtsamte niemals einig , es fanden stets Reibungen und Streitigkeiten statt , und wie es bei unsichern Rechtsverhältnissen immer geht , wo jede Behörde die andere der Uebergriffe verklagt und das Recht der Entscheidung meint allein auf ihrer Seite zu haben , so ging es auch hier : die Angeklagten selbst hatten davon den größten Nutzen , sie brauchten nur zu erklären , daß sie die Competenz der Behörde , die sie zur Verantwortung ziehen wollte , nicht anerkannten - so verging immer Zeit und die Sache verschleppte sich . Diesmal aber trat doch das burggräfliche Landgericht auf die Seite des Nürnberger Stadtgerichtes und beschloß die Handlungen desselben zu unterstützen . Markgraf Friedrich von Zollern war zwar gerade abwesend und bei dem Kaiser Friedrich in Linz , aber der stellvertretende Richter hatte es in guter Erinnerung , daß Frau von Scheurl die Pathe seines Herrn und von ihm in Ehren gehalten war ; ebenso wenig vergaß er , daß sie Gnade vor dem römischen König und künftigen deutschen Kaiser gefunden , wie ihr Gemahl die Adelswürde : daß es darum wohl nicht klug gehandelt sei , ihre Wünsche nicht zu berücksichtigen ; daß es also gerathen sei , einmal einer Klage des Nürnberger Rathes über Gewaltthat und Friedensbruch von Seiten adeliger Straßenräuber Gehör zu geben . Darum sandte wenig Tage nach der höhnenden Antwort der Ritter auch das burggräfliche Landgericht eine gleiche Vorladung zur Verantwortung über die wider sie erhobenen Anklagen an die beiden Ritter , die allerdings einer solchen sich wenig versehen hatten . Indeß verweigerten sie auch jetzt zu erscheinen mit der Ausrede : daß doch nur die Nürnberger Krämer den burggräflichen Landrichter bestochen hätten , und daß jene sich nicht rühmen sollten , daß Edelleute , die nur den Kaiser als ihren Herrn anerkannten , über ihr Thun und Schalten ihnen spießbürgerlich Rechenschaft abgelegt . So kam es denn wirklich zu einer Belagerung von Weyspriach ' s Burg . Unter denen , die dazu mit ausgezogen waren , befanden sich auch Georg Behaim und Stephan von Tucher . Der Letztere wollte sich dadurch den Ersteren versöhnen , der ihn immer seit dem Schlittenstechen beim Schönbartlaufen scheel angesehen hatte , und noch mehr Frau Elisabeth dadurch seinen Dank beweisen , die ihm ganz allein zu dem Besitz Ursula ' s verholfen , an deren Seite er jetzt ein heiter glückliches Leben führte . Ursula selbst , vielleicht noch mehr von Glück und Dankbarkeit durchdrungen als er , hatte ihn am wenigsten zurückhalten mögen , und doch war ihr bange , da er von ihr ging , an einer Fehde Theil zu nehmen , die ihn gerade in die drohendsten Gefahren bringen konnte , wie eine solche Belagerung ; denn auf die Helmbüsche der Ritter pflegten die Belagerten immer am ehesten und schärfsten zu zielen . In der Angst während seiner Abwesenheit suchte sie am öftersten Trost und Ruhe bei Elisabeth . Schon seit der Reichstag beendet und in Nürnberg wieder Alles in ' s gewohnte Geleis gekommen war , hatten die Gobelinsstickerinnen für die Lorenzkirche ihr Geschäft wieder begonnen und pflegten wenigstens wöchentlich einige Mal dazu bei Frau Elisabeth zusammen zu kommen . Jetzt waren sie so weit gediehen , daß sie , um die einzelnen Theile des Teppichs zusammen zu passen , sich an Ort und Stelle selbst begeben mußten . Elisabeth hatte dieses Vorhaben dem Propste Kreß melden lassen , den sie seit ihrer Geburtstagfeier nicht gesehen , was sie um so mehr befremdete , als er sonst ein öfterer Gast in ihrem Hause war und sie seine guten Eigenschaften sehr wohl zu schätzen wußte , wenn sie auch seine Späße manchmal zum Erröthen zwangen . Da erfuhr sie , daß er seit jenem Tage krank gewesen und nicht ausgegangen , aber er ließ ihr sagen , daß er um ihretwillen hinüber in die Kirche kommen werde . Elisabeth und die Schwestern Pirkheimer waren die Ersten , die sich darin einfanden . Das hochgewölbte Schiff der Kirche war ganz leer und still , nur von drüben aus der Bauhütte und von oben vom Thurm herab schallte das Hämmern und Meißeln der fleißigen Steinmetzen . » Wie schön wäre es , « sagte Charitas , » wenn es auch eine Schwesterschaft gäbe , dieser Baubrüderschaft nachgebildet ! Wenn auch wir Frauen uns vereinen dürften , in heiligen Gelübden unser ganzes Leben einer frommen und erhabenen Arbeit zu weihen und so einen großen und schönen Lebenszweck gemeinschaftlich zu verfolgen . So bleibt uns , um diesen Wunsch zu erfüllen , nur das Kloster . « » Freilich müssen wir Frauen uns beinahe mit Gewalt , oder wenigstens doch im steten Kampfe mit der rohen Gewalt - jede Möglichkeit eines edlen Wirkens für unser eigenes Heil wie für das Allgemeine erobern , « sagte Elisabeth ; » aber besser so , als im engen Kloster einschlafen oder mit versteinern . « » Nein ! so ist es nicht ! « rief Charitas Pirkheimer ; auch unter den Klöstern gleicht nicht eines dem andern . So herrscht im hiesigen Clara-Kloster unter den Nonnen ein reger Eifer für Wissenschaft und Kunst , gleichsam ein treugepflegter , kräftig wachsender Baum , der seine Zweige auch über die Klostermauern hinausbreitet , aufwärts strebt in den Himmel und hinaus zu den Menschen , sie mit seinen Schatten zur Ruhe zu leiten und mit seinen Früchten zu erquicken . Dort weilt eine alte Verwandte von uns , die wir erst kürzlich besuchten , an deren tiefer Gelehrsamkeit sich Alle laben und die den regsten Eifer für die Wissenschaften unter den Nonnen weckt und wach erhält . Und was sie für die Wissenschaft , das ist Schwester Ulrike für die Kunst . Eine edle Frau , die gewiß sehr tiefes Weh im Leben erfahren hat , die aber hindurch gedrungen ist zum Frieden der Seele , den die Welt nicht giebt . Ihr Orgelspiel und Gesang sind vollkommen Alles , was zur Kunst gehört , hat sie das vollste Verständniß . Ihr solltet hören , wie begeistert sie von der Baukunst spricht und wie sie die geheime Symbolik derselben zu ihrem Studium gemacht hat ; vielleicht knüpft sie auch oft für sich selbst eine eigene Symbolik daran und schmückt sie mit ihrer poetischen Phantasie . Ich glaube , wenn man sie früher das Mechanische der Steinmetzarbeit gelehrt , sie hätte eine zweite Jungfrau Sabina sein können , die den Straßburger Münster mit verherrlicht hat . Ich wollte , Ihr kenntet diese Frau . « Clara fügte die Rede der Schwester ergänzend hinzu : » Mir fiel diese Nonne durch eine wunderbare Aehnlichkeit auf ; es war mir , als habe ich dies Gesicht schon gesehen , gleichwohl konnte ich mich lange nicht besinnen , wann und wo , aber da ich den Steinmetzgesellen Ulrich wiedersah , brauchte ich mein Nachdenken nicht mehr anzustrengen : ihm glich sie auf ein Haar . « » Und darum , « sagte Elisabeth mit feinem Lächeln , und doch selbst dabei erröthend , » darum zog Euch die Nonne an ? « Charitas erröthete auch und blickte die Augen niederschlagend zur Seite , indeß Clara sagte : » In Beiden zieht uns derselbe Ausdruck der Begeisterung für das Heilige an , und Euch , Elisabeth , nicht minder als uns ; ich wenigstens werde keiner Verläumdung glauben , die es anders von Euch zu behaupten wagt . « » Clara ! « rief Elisabeth und blickte sie drohend und zornig an . Aber konnte sie nach der Verläumdung fragen ? sollte sie von einer Beschuldigung sich rechtfertigen , die ja noch gar nicht ausgesprochen war ? Sie konnte nicht zweifeln , daß Charitas , trotz des gelobten Schweigens , da sie Ulrich in Elisabeth ' s Gemach fand , dies doch gegen die Schwester nicht gehalten hatte . Kam die Verläumdung gar von dieser Seite , oder hatte Streitberg sie ausgesprengt , wie sie nach seinen Worten auf dem Maskenfest wohl glauben konnte ? - Im Gefühl ihrer strengbewahrten Tugend und ihrer weiblichen Würde hatte Elisabeth verächtlich lächeln können , wenn man da und dort sie die Buhlerin des römischen Königs genannt - warum ward sie denn jetzt so aufgeregt von diesem einzigen Worte ? Aber plötzlich war es , als bebe der ganze gothische Bau und wolle über den Frauen zusammenstürzen . Hoch aus den Lüften erscholl ein donnerähnliches Getöse , die erhabenen Säulen und Strebepfeiler schienen zu schwanken , und ein hallendes Echo tönte donnernd von ihren Wölbungen wieder , die hohen Bogenfenster klirrten und das Farbenspiel der buntgemalten Fenster zitterte auf dem Fußboden und an den Wänden . Die Seitenflügel am Altargemälde klapperten aneinander , die Pfeifen der Orgel gaben wundersame Töne von sich , und der kaum vollendete hohe Chor bebte , als sei er schon wieder dem Untergange geweiht ; von draußen erschollen rufende und schreiende Stimmen , und Elisabeth war es , als habe sie Ulrich rufen hören : » Halte Dich nur , bis ich komme ! « Andere Stimmen aber schrieen durcheinander : » Thut ' s nicht ! Ihr verderbt Euch mit ihm ! Ihr wagt zu viel ! « Die Frauen standen auf den Stufen des Portals und öffneten die Kirchenpforte , um hinaus zu flüchten oder zu sehen , was es gäbe , denn innen zeigte sich keine Veränderung . » Zurück ! « tönten ihnen befehlende Stimmen entgegen ! » drinnen seid Ihr sicher , hier können Euch die Trümmer erschlagen ! « Elisabeth wollte jedoch der Warnung nicht achten ; aber der Propst selbst , der eben schon unter dem Portale gestanden , drängte sie zurück , zog sie mit sich in die Kirche und sagte : » Bleibt hier und betet für die Baubrüder , für Ulrich von Straßburg und Hieronymus ! « Die Schwester Pirkheimer sanken am nächsten Altar auf ihre Knie . » Beten ? Herr Propst - und nichts als beten ? « sagte Elisabeth ; » giebt es für die Frauen niemals eine helfende That ? Sag ' t , was geschehen , ich bleibe sonst keinen Augenblick länger hier ! « » Ihr müßt ! « sagte er und hielt sie gewaltsam zurück ; » stürzende Balken oder Steine könnten Euch tödten , und bei einer gefährlichen Unternehmung zuzusehen , ist auch nicht für Euch ! Ein paar Gesellen arbeiteten an der höchsten Thurmspitze , da das Gerüst durch einen herabfallenden Stein auf einen morschen Balken in ' s Wanken kam ; sie retteten sich noch herunter , nur einer ist beschädigt , aber nicht gefährlich ; Hieronymus aber stand gerade auf dem Thurmgemäuer selbst , als das Gerüst zu stürzen begann , und ist da stehen geblieben - kein Mensch weiß , wie er von da herabkommen soll , weder innen noch außen . « » Hieronymus ist also in Gefahr ? « sagte Elisabeth ruhiger ; » aber Ulrich ? « fügte sie angstvoll hinzu . » Der war glücklich hinabgesprungen , « antwortete der Propst ; » er entdeckte zuerst den morschgewordenen Balken und warnte die Andern , aber Hieronymus hatte nicht auf ihn gehört , und jetzt ist Ulrich eine Leiter tragend wieder das Gerüst hinaufgeklettert . Er that es Allen zuvor , und Jeder widerrieth das Wagniß , dessen Gelingen Keiner für möglich hält , gleichwohl war er nicht zurückzuhalten ; und es ist wahr , daß bei jedem andern Rettungsversuch für Hieronymus Stunden , viele Stunden vergehen müßten , und er steht nur auf den höchsten noch nicht festgekitteten Steinen des Thurmes , der selbst mit zu beben schien . Ehe jene Hülfe kommt , kann er verloren sein , kann aber auch nun zugleich mit Ulrich hinabstürzen , anstatt von ihm gerettet zu werden . « Elisabeth mochte nicht weiter hören , sie wollte selbst sehen , und riß die Kirchenthür auf , ehe es der Propst verhindern konnte . In wenig Augenblicken stand sie selbst dem Gerüste gegenüber , von dem die Baubrüder das Volk zurückdrängten , das indeß sich daselbst zusammengefunden , von dem Getöse herbeigelockt , das weithin geschallt war . Die Steinmetzen waren alle herbeigeeilt , um Hülfe zu leisten , unzählige Hände waren beschäftigt , das Gerüst zu stützen , und unzählige Augen blickten ängstlich zu dem Thurme hinauf , auf dessen oberstem Gemäuer Hieronymus gleich einer Bildsäule stand und keine Möglichkeit sah , herabzukommen . Der Aufblick zu ihm schon machte Viele schwindeln - wie mochte dem zu Muthe sein , der da oben stand ? - Und weiter unten ging Ulrich ebenso einsam über die schwankenden Balken , die mit der vorhin brechenden Stütze ihren sichersten Halt verloren hatten . Eine große Leiter vor sich her balancirend ging er die gefährliche Bahn . Am obersten Ende der Leiter hatte er einen Strick befestigt . Jetzt hatte er sich dem Thurm genähert , hielt die Leiter hoch empor und rief Hieronymus zu , den Strick zu fassen und ihn an das Gemäuer irgendwie zu befestigen . Hieronymus neigte sich herab - er schien in der Luft zu schweben , man meinte schon ihn stürzen zu sehen - ein jammervoller Schrei klang jetzt unten aus der schauenden Menge , eine alte Frau drängte sich hindurch und rief verzweifelnd : » Mein Sohn , mein einziger Sohn ! « Es war Mutter Martha , die auch das Gekrach und die ahnende Sorge des Mutterherzens herbeigelockt . » Welcher ist Euer Sohn ? « fragte Elisabeth ; » ach , ich kann mir denken , was Ihr empfindet - ich empfinde es mit Euch ! « » Ihr ? ! « sagte Mutter Martha mit dem Tone des höchstens Erstaunens , da es ihr überhaupt sehr unerwartet war , so plötzlich mitten unter dem Volkshaufen neben der stolzen Frau von Scheurl zu stehen , die sonst immer so streng jede Berührung mit dem Volke vermied und es jetzt nicht achtete , wie ein Tagelöhner mit schmutzigem Stiefel auf ihrer seidenen Schleppe stand und ein zerlumpter Betteljunge mit den Quasten ihres Aermels spielte - » Ihr ? « wiederholte Mutter Martha , » Ihr fühlet das , die Ihr für keinen von diesen Beiden , nachdem sie ihr Leben für Euch gewagt , ein Dankeswort hattet ? Pfui , schämt Euch ; viel eher glaub ' ich , Ihr freut Euch , wenn die wackern Burschen hier verunglücken , dann könnt Ihr vollends vergessen , was sie für Euch gethan - das wollt Ihr wohl mit abwarten . « Maler Beyerlein , der auch des Weges gekommen war , um bei der Teppichberathung der Frauen in der Kirche mit gegenwärtig zu sein und sich jetzt bis zu Elisabeth durchgedrängt hatte , klopfte die alte Frau auf die Schulter und sagte : » Gute Frau , Ihr wißt gewißlich nicht , mit wem Ihr sprecht , daß Ihr Euch solcher frechen Rede unterfangt - das ist die edle Frau von Scheurl . « Martha schien nicht zu hören , all ' ihre Sinne waren wieder in ihren Augen , mit denen sie an dem Thurme und an ihrem Sohne hing . Er hatte jetzt die Leiter oben befestigt , unten hielt sie Ulrich ; aber es war nur ein schmales Brett , auf dem er stand - nur einen Schritt fehl , und er stürzte hinab , oder die Leiter entglitt ihm und riß ihn mit , wenn der kräftige Hieronymus auf ihr stand . Jetzt hatte er sie betreten - die Volksmenge hielt den Odem an - da klang ein Betglöckchen aus dem Clara-Kloster herüber . Einzelne knieeten nieder , unwillkürlich folgte die Menge diesem Beispiel , und mit einem Male lagen Alle auf den Knieen , wortlos für die Baubrüder zu beten , die in solcher Todesgefahr schwebten ; Elisabeth knieete dicht neben Martha und der Maler hinter Beiden , um seine edle Gönnerin vor der alten Frau zu beschützen , die ihm nicht recht bei Sinnen zu sein schien . Jetzt hatte Hieronymus die letzte Sprosse betreten - entweder mußte er nun über Ulrich , der knieend die Leiter hielt , hinwegsteigen , oder dieser sie loslassen und vor ihm her gehen . Wie es schien , unterhandelten die Beiden darüber . Das war der entscheidende Moment : ließ Ulrich los , so konnte Hieronymus mit der Leiter herabstürzen ; ließ jener nicht los , bis dieser über ihn hinweg das schwanke Brett betreten , so konnte Ulrich um so sicherer hinabfallen - und außerdem war noch für beide Fälle eigentlich das Wahrscheinlichere , daß beide fielen . Ulrich ' s Beharrlichkeit hatte gesiegt - Hieronymus war über ihn hinweggeschritten ! Jetzt - ein Aufschrei der Menge - ein Wegwenden und Verhüllen der bleichen Gesichter , und dann doch wieder Hinaufwenden und Schauen - ein krachender Ton - ein jählinger Fall - ist ' s Ulrich ? - ist ' s Hieronymus ? - - » Gott sei Dank ! « » Gelobt sei Jesus Christus ! « murmelt und schreit es durch die Menge - es ist nur die Leiter , die Ulrich sich selbst aufrichtend losgelassen , die nun erst an den Thurm zurückschlägt und von da den Strick zerreißend , mit dem sie befestigt , herunterfällt und unten zersplittert - so kann auch der Mensch zerschellen , der hier abgleitet ! - Einige Minuten noch schwebten die Baubrüder in Todesgefahr - dann haben sie das noch feste Gebälk erreicht . Ein donnernder Jubelschrei begrüßt die Geretteten - bald darauf stehen sie wohlbehalten unten vor der Kirche und Hieronymus umarmt Ulrich als seinen Retter ! Die andern Baubrüder , der Werkmeister und Pallirer mitten inne , begrüßen die beiden Helden des Augenblickes ; Mutter Martha will zu dem Sohne eilen , aber ihre Kraft hat nur gerade so weit gereicht , als sie in ängstlicher Spannung des Ausgangs harrte , der den Sohn ihr rauben , zerschmettern konnte - jetzt dachte sie erst : » wenn es nun doch geschehen wäre ? « und vor so gräßlicher Vorstellung versagten ihr die alten Füße den Dienst - sie stürzte auf das Straßenpflaster nieder . Niemand kümmerte sich um die alte Frau ; aber jetzt eilte Elisabeth ihr nach , hob sie auf , stützte sie an sich und sagte zu dem Maler : » Sag ' t es dort dem Baubruder , daß seine Mutter hier ist . « Der Maler stand unschlüssig . Daß die edle Elisabeth diesem Weibe beistand , das sie erst frech geschmäht , erschien ihm zugleich unbegreiflich und gefährlich , und als Elisabeth ihn drängte , ihr Geheiß zu befolgen , sagte er : » Wahrlich , ich male Euch noch einmal als Heilige der Barmherzigkeit gerade so , wie Ihr jetzt dasteht - eine echte Christin , die , wenn man sie auf den einen Backen schlägt , den andern noch darreicht . « Frau Martha war nicht etwa ohnmächtig oder bewußtlos geworden , sondern sie hatte nur ebenso an allen Gliedern gezittert , daß sie gefallen war , und auf dem Steinpflaster hatte sie sich nun die Füße verstaucht und das eine Bein aufgeschlagen , daß sie nicht zu gehen vermochte - sie mußte sich also den Beistand der Frau Scheurl gefallen lassen , und traute in der That kaum ihren eigenen Augen , daß diese ihn ihr leistete . Sie war zu beschämt , um ein Wort des Dankes zu sagen , und Elisabeth zu stolz ein Wort zu sprechen , wo sie jetzt mit einer That sprach - so stand das sonderbar zusammen passende Paar bei einander . Jetzt eilte Hieronymus auf seine Mutter zu - Elisabeth legte sie in seine Arme . Ulrich stand etwas von fern , seine Blicke begegneten denen Elisabeth ' s - dann kam der Propst und begrüßte auch die Geretteten . Gleichzeitig erscholl feierliches Geläute - es rief die Baubrüder in die Lorenzkirche , darinnen ihr Kaplan ein Te Deum angeordnet hatte , zum Danke für die Rettung aller Gefährdeten und der Verhütung weiteren Unglückes . Schnell waren die Baubrüder alle , von den Meistern bis herab zu den Lehrlingen zum Zuge geordnet und gingen in die Kirche ; aber obwohl sie sonst ihren Gottesdienst allein abzuhalten pflegten , so konnten weder , noch wollten sie es diesmal hindern , daß auch die profane Menge ihnen nachdrängte und andächtig froh bewegt , wie sie erst angstvoll gebetet hatte , mit einstimmte in den ambrosianischen Lobgesang . Inzwischen hatten sich auch die andern Stickerinnen zu den Gobelins mit eingefunden , und sie alle knieeten vereint an einem Seitenaltar und dankten - am innigsten Elisabeth Scheurl und Charitas Pirkheimer . Als sie sich vom Gebet erhoben , sagte diese leise zu Elisabeth : » Nun ist mein Geschick entschieden ; ich konnte noch schwanken - aber vorhin , als die Sense des Todes über - über den Baubrüdern schwebte « ( sie wiederholte sich , weil sie keinen Namen nennen wollte ) - » gelobte ich , wenn sie die Heiligen beschützten , mich dem Kloster zu weihen . Von diesem Augenblicke an betrachte ich mich als eine Braut des Himmels ! « Elisabeth umarmte die Freundin . Sie billigte im Innern ihren Entschluß nicht - aber sie ahnte ihn : Charitas wußte seit diesem Augenblick , daß sie liebte , wo sie nicht lieben durfte - und ging in das Kloster ! Hier konnte sie im Geiste einen Tempel bauen zu Ehre Gottes , wie der , zu dem ihre Gefühle schweiften in der Wirklichkeit - sie wählte eine Gemeinschaft der Heiligen , weil die irdische ihr versagt war . Fünftes Capitel Befürchtungen Die Hoffnungen König Maximilian ' s , seinen Vater mit seinem Eidam Herzog Albrecht zu versöhnen , scheiterten an Kaiser Friedrich ' s unbeugsamen Sinn , der nicht eher von einem Vergleiche hören wollte , bis Albrecht Regensburg wieder herausgegeben , dessen Rückgabe dieser ebenso hartnäckig verweigerte , als sie gefordert ward . Unter Androhung der Reichsacht lud der Kaiser die Regensburger vor seinen Stuhl sich wegen ihres Abfalles zu rechtfertigen . Da ihm Jeder willkommen war , der wider Albrecht Klagen anzubringen hatte , fanden zuerst dessen unzufriedene Brüder Christoph und Wolfgang , von denen der erste die ehemals aufgegebene Herrschaft jetzt zu besitzen wünschte , der andere durch Mißhandlung eines Dieners gekränkt war , williges Gehör ; dazu kam der Löwlerbund , der gleich in seinem Ursprung und Fortschritte gegen die anwachsende Macht des Baiernherzogs gerichtet war . Da statt einer weitern Antwort derselbe Regensburg befestigte , so that der alte Kaiser zu Linz , unter freiem Himmel auf dem Richterstuhle sitzend , wie es Brauch war , den Achtspruch über Regensburg und bot das Reich auf zu dessen Vollstreckung . Die Löwler waren gerüstet zum Losbrechen unter ihrem Führer und Urheber des Löwlerbundes Bernhardin von Stauff . Wer jetzt zu ihrem Heere stieß , der war ihnen willkommen . Wie immer strömten da auch jetzt kriegslustige oder müssige Gesellen zu einem solchen deutschen Heere , das sich gern durch neue Werbungen verstärkte und dabei nicht ängstlich fragte und wägte , wer sich ihnen bot . Für Amadeus gab es daher keinen bessern Rath , als auch in dies Heerlager zu flüchten , als ein kampfbereiter Krieger , der einst das Schwert wohl zu führen verstanden und auch jetzt in seinen vorgerückten Jahren dazu noch wohl befähigt war . Das war sein eigener Wille und war auch der Rath des Propstes , aber Amadeus wiederholte noch einmal , daß er nicht scheiden wolle , ohne Ulrich mit sich zu nehmen , der so auch die beste Gelegenheit habe , jeder drohenden Gefahr zu entgehen . Zwar bangte dem Propst nicht minder um diesen - aber selbst von den heiligen Banden der Baubrüderschaft umschlungen und bestrebt ihren schönsten und höchsten Pflichten treu zu bleiben , konnte er selbst den Gedanken nicht fassen , daß Ulrich so ohne Weiteres die heilige Stätte verlassen sollte und statt zu den ewigen Werken der Kunst , statt zu dem schönen Beruf , Bauten des Friedens aufzuführen