menschlichen Leichnams unterziehen . Da gab es kein Seitenstechen , für das sie nicht eine passende Flanellreibung gehabt hätte , kein Magendrücken , dem sie nicht Erleichterung durch irgendeinen Thee verschaffte , keinen Frostballen , dem sie bei verschlossener Thür und die Brille auf der Nase nicht sogar eigenhändig mit einem scharfen Messer , wenigstens an der sterblichen Hülle des Dechanten , zu Leibe gegangen wäre . Nur mußten die Menschen , denen sie die edeln Liebesrathschläge widmete - die Liebeswerke gehörten lediglich nur dem Dechanten - zu dem Kreise ihrer nächsten Beziehungen gehören . Sie mußten durch Distinction und Namen in der Gesellschaft eine Stellung einnehmen . Es war das schöne Lebensprincip der Frau von Gülpen , daß Natürliches niemanden schände und um so weniger schände , als es einmal im Plane der Schöpfung gelegen hat , den Menschen aus einem höchst erbärmiglichen Stoffe zu bilden , einem Stoffe , der bei jedem schönen Abendspaziergang sich eine Erkältung und von der wohlschmeckendsten Truthahnpastete eine Indigestion zuziehen kann . Den Lebensberuf der Frauen fand diese Dame darin , daß sie für die Männer , die sie lieben , in einem ewigen Kampfe gegen die Unzulänglichkeit von » Kraft und Stoff « liegen sollten . Ihre Waffen waren dabei ein Arsenal von Leibbinden , Wärmsteinen , Fußsäcken , Kräuterkissen , Senfteigen , Theevorräthen aller Art , sowol schweißtreibender , wie beruhigender , luftfördernder und lufthemmender Art , nicht eingerechnet die vielen Pillen , Pulver , Tropfen und noch unausgeführten Recepte , die sie zu häuslichen Vorkommnissen sich aus guten gemeinnützigen Schriften oder aus bewährten klösterlichen oder Familientraditionen niederzuschreiben pflegte , selbst für Fälle , die nur in der Möglichkeit lagen , z.B. die Hundswuth . Aber die erschaffene Creatur auch in ihrem behaglichen Befinden hatte in Frau von Gülpen ihre treueste Beförderin . Man mußte sie sehen an jedem Montag bei der großen Revision der alten und neuen Wäsche ; an jedem Dienstag unter den Nähterinnen , die sie , ein liebes Mädchen , Treudchen Ley , an der Spitze , flicken und stopfen ließ ; an jedem Mittwoch auf dem wichtigen Mittwochmarkte zu Kocher , wo sie mit der prüfenden Uebersicht eines Feldherrn die vorhandenen Vorräthe an Wild und Geflügel musterte ; an jedem Donnerstag , wo es regelmäßig in der Dechanei ein Diner gab ; an jedem Freitag , wo die heilige Fastenordnung und ihre specielle intimste Vertrautheit mit der Kunst des Backens und der höhern Fischsaucen sie fast selbst zur Köchin machte ; an jedem Sonnabend , wo sie dafür zu sorgen hatte , daß sie nur selbst obenauf blieb und nicht krank wurde , aus Angst , daß es der Dechant werden könnte , der an diesem Tage früh die Schulen zu inspiciren hatte und dann oft von drei Uhr Nachmittags bis spät Abends im Beichtstuhl festgehalten wurde und trotz aller Vorsichtsmaßregeln , trotz Fußsack , Pelz und Kohlentopf im Winter , nach Hause immer so ermüdet kam , so geistig durchschüttert , so von der hochwichtigen Function des Anhörens fremder Seelenbekenntnisse um alle eigene Lebensstärke gebracht , daß er erklärte , nur die schönste , seelenvollste Musik in einem Nebenzimmer , eine Musik wie von Seraphshänden gespielt , könnte ihn wieder in den Zusammenhang mit Gottes harmonischer Weltordnung bringen ! Essen konnte der Dechant Sonnabend Abends nichts . Denn , sagte er , von dem , was ein katholischer Priester alles in der Beichte zu Gehör bekommen muß , würde wenigstens ihm immer so weh und schlecht ums Herz , so tief jämmerlich um Seele und Magen herum , so vollständig und unendlich satt zu Muthe , daß er dann nur Appetit nach Himmelsspeise haben könnte , nach Eliaskost , von Raben oder geradezu Engeln oder sonstigen Boten Gottes credenzt ... Glücklicherweise kam darauf immer der stolze , feierliche , hochherrliche katholische Sonntag mit seinen brennenden Lichtern , mit seinen gestickten Meßgewändern , mit seinem duftenden Weihrauch , mit seinem erhebenden Orgelton , seiner sichern jahrtausendjährigen Regelmäßigkeit ... Der hob , der tröstete , der erquickte ihn dann wieder ... Wenn er auch durch vierzigjährige Gewohnheit das Heiligste verrichtete , ohne davon eine andere Vorstellung zu haben , als die eines Traumes , geträumt mit wachem Auge , so fing er denn doch am Sonntag Abend wieder an sich Mensch und von dem Ernst des Lebens minder schmerzhaft berührt zu fühlen . Jene Sphärenmusik aber , jene Lücke am sonnabendlichen Thee , die die gute Frau von Gülpen nicht ausfüllen konnte , jenes Bedürfniß nach Eliaskost war die Veranlassung , daß seine treue Freundin in fernen Gegenden eine so weit verbreitete Verwandtschaft hatte . Seit dreißig Jahren sagte man zu Kocher am Fall , daß die nie schöne , aber immer wohlgesinnt gewesene » Seitenverwandte der Asselyns « für die Ihrigen doch auch das mildeste Herz von der Welt hätte . Eine Nichte nach der andern zog sie an sich , sorgte , wenn sie nicht gleich beim ersten Eindruck misfiel und oft schon nach vierundzwanzig Stunden abreiste , für deren Ausbildung , ließ sie in der Dechanei wohnen und verschaffte ihr den Schutz und den Beistand des wohlwollenden und gütigen Herrn , dessen Pflege sie ohne höhere Ansprüche für sich selbst und mit einer in der That klösterlichen Entsagung seit so langen Jahren schon übernommen hatte . Nur böse Zungen waren es , die da behaupteten , daß die Familie der Frau von Gülpen merkwürdigerweise einen höchst unbestimmten Typus hätte . Denn bald wären die Nichten aus einer blonden , bald aus einer braunen Seitenlinie , bald hätten sie schwarze , bald blaue Augen , bald gehörten die Nasen dem griechischen Profil an , bald säßen sie mit zierlichem Trotz stumpf auf Gesichtern , die indessen alle , das blieb unbestritten , hübsch waren . Mesalliancen gab es in dieser weitverbreiteten Familie der Gülpens leider sehr viele , denn einige » Nichten « trugen adelige , andere nur bürgerliche Namen . Darin aber waren sich alle gleich , daß sie erstens , wenn sie länger als einige Wochen blieben , sämmtlich anmuthig , zweitens gebildet , drittens musikalisch sein mußten , viertens daß keine länger bei der Tante blieb als zwei Jahre . Ueber letztern Umstand gingen verschiedene Gerüchte ... Die einen behaupteten , für ein geistliches Haus hätte ein längeres Verweilen , da alle ohnehin mit der Absicht kamen , nur die Tante auf einige Zeit zu besuchen , anstößig erscheinen müssen . Die andern sagten , Frau von Gülpen hätte mit dem Dechanten die feierliche Abrede getroffen , daß sich keine von ihren Nichten jemals dürfte einfallen lassen , irgendwie in ihre Rechte einzutreten , was allerdings bei einem zu langen Verweilen in der Nähe des für alles Schöne so lebhaft empfindenden Mannes zu besorgen war . Man sagte ferner , daß diese Trennungen oft schmerzliche Scenen herbeigeführt hätten , deren Nachklänge der Dechant nur durch seine jeweiligen wiener Reisen vergessen zu können vermochte ... Lucinde war etwa die zwanzigste Nichte , die schon nach Kocher am Fall gekommen war . Ihre Vorgängerin war Angelika Müller gewesen , jene Lehrerin , in deren Persönlichkeit entweder eine arge Verwechselung stattgefunden hatte oder die dem , der sie empfohlen - es war nicht der Philosoph Doctor Laurenz Püttmeyer selbst gewesen - , zu sehr verklärt erschienen gewesen sein mochte durch die Schönheit ihres Geistes und Herzens . Dennoch war Angelika Müller bei der » Tante « sechs Wochen gewesen . Der Dechant verstand den eigenthümlich aufgeregten und freudvoll-leidvoll gemischten Blick seiner langjährigen Freundin , mit dem auch sie jetzt , aber tief aufseufzend , die » neue Acquisition « ankündigte . Geschah dies doch regelmäßig mit demselben unheilverheißenden Tone , demselben Unkenruf des Mistrauens und der Furcht vor einer solchen » wildfremden Person « wieder , der » niemand ins Herz blicken könne « , und die sogleich bei erster Begrüßung für das scharfe Auge der Kennerin gewöhnlich irgendeinen bedenklichen Fehler hatte . Die eine sprach ihr gleich zu rasch , die andere zu rauh , die dritte hatte keine Lebensart , die vierte zu viel , die fünfte war naseweis , die sechste simpel ... und schon an der Toilette , an der Wäsche , an der Frisur konnte sie unterscheiden , weß Geistes Kind die von außenher , durch allerhand Vermittelungen empfohlene » Person « war ... und wenn auch eine allen Kennzeichen , die nur der Dechant verlangte , noch so vollkommen entsprach , für Frau von Gülpen konnte sie irgendetwas , vielleicht einen » Odeur « haben , der ihr einen » Horreur « verursachte ... kurz , der Dechant und Windhack , beide waren die erste Verurtheilung schon gewohnt . Regelmäßig aber fanden beide hintennach bei eigener Anschauung , daß die so verfehlt geschilderte Acquisition im Grunde » gar nicht so übel war « ... Nur heute bedauerte der Dechant , daß er jetzt sich eilen müßte in die Conferenz zu kommen . Ja da der neue Ankömmling nicht sogleich mit Frau von Gülpen schon eintrat , da man erst nach Lucinde Schwarz klingeln mußte , da des gefallenen Regens wegen Frau von Gülpen auch noch auf eine warme Fußbekleidung für den Dechanten drängte , so wurde beschlossen , die Vorstellung zu lassen bis zur Zurückkunft . Fand sie dann auch , da sich zum Thee jeden Abend Gesellschaft auf der Dechanei einstellte , vielleicht vor Zeugen statt , so konnte man ja dann gerade am ehesten beweisen , daß der Besuch nur der Gesellschafterin des Dechanten galt , nicht ihm selbst . Indem Windhack seinem Herrn jetzt behülflich wurde , sich zum Ausgange wärmer anzukleiden , begleitete er die Aeußerung der Frau von Gülpen , Windhack hätte sie ja auch schon gesehen ! in seinem sanften Redeton , der ihn dem Dechanten besonders werth machte , mit den Worten : Ja , halt ganz wie die Berenice ! Der Dechant wußte , daß Windhack mit dieser Vergleichung nur die Figur eines Sternbildes meinen konnte . Wie so ? Berenice ? fragte er , eine weiße Halsbinde unter die schwarze legend , während Frau von Gülpen aufhorchte . Wenn Sie sich die fünf Sterne der Berenice durch Linien verbunden denken und den obern sozusagen als den Kopf , so kommt halt ungefähr das neue Fräulein heraus ! Hoffentlich , bemerkte der an solche Schilderungen gewöhnte Dechant , heißt das nicht , daß die Dame einen Buckel hat ? Frau von Gülpen meinte schon . Sie geht etwas sehr übergebeugt ! Frau von Gülpen dachte an ihren eigenen geraden Wuchs und daß man bei etwas Tournure selbst als Sechzigerin immer noch etwas vor der Jugend voraushaben , könne ... Sie wußte nicht , daß die Vergleichungen mit ihrer alten Hauptmännin Lucinden sogleich mehr als sonst in Furcht und Nachdenken versetzt hatten . Sonst sehr anmuthig ! fuhr Windhack fort . Sehr freundlich ! Mit jedem schon so , als wenn sie jahrelang mit ihm bekannt wäre ! Mich hat sie gleich gefragt , was es für Menschen im Monde gäbe ? Sie arrangirt sich jetzt halt oben ihre Kammer ! Der Dechant verfolgte diese Andeutungen nach der Richtung hin , wie ein derartiges neues Wesen in dem nicht immer ganz stillen Frieden der Dechanei sich künftig wieder bewähren würde . Er erschrak , als Frau von Gülpen bereits daran erinnerte , die Nichte wisse , daß sie nur vorläufig auf drei Tage » zum Besuch « , d.h. zur Probe da wäre . Hm ! Hm ! sagte er , Menschen im Monde ! Sie kennt also schon unsere Schwächen - wollt ' ich sagen - ja - ei - Windhack , eine Nichte , die Astronomie verstand , die hatten wir ja wol noch nicht ? Richtig ! Die Müller ' n ! Aber die trieb mehr Mathematik ! Lieber Gott , sie war selbst wie ' ne gerade Linie ! Hm ! Berenice ! Hatte die Berenice nicht ein schönes , berühmtes Haar ? Das Haar der Berenice ! Blond , lichtblond , wie der Name andeutet , Lucinde ? Nicht ? Mit diesen Worten schritt der Dechant schon die steinernen Treppen hinunter . Windhack begleitete ihn und sagte : Im Gegentheil , Herr Dechant ! Schwarz wie die Novembernacht ! ... Ein Regenschirm ist nicht nöthig , Frau von Gülpen ! Frau von Gülpen war bis zur Hälfte der Treppe mit hinuntergegangen . Sie blieb da stehen , wo sich eine Thür zu einem Wirthschaftsentresol befand . Dort wollte sie noch einen Regenschirm mitgeben , den der Dechant auch ruhig genommen haben würde . Er hätte auch einen Sonnenschirm genommen , wenn man ihm einen in die Hand gesteckt hätte ; er würde höchstens gefragt haben : Sind jetzt so kleine Regenschirme Mode ? Windhack begleitete ihn bis an das hohe Hausportal . Als er zurückkehrte , rief ihn Frau von Gülpen in die Wäschkammer und wollte wissen , was da die zweideutigen Anspielungen mit » Berenice « hätten sagen wollen ? Die Vertraulichkeiten des Dechanten mit seinem alten Diener gingen zuweilen auf ihre Kosten . Beim » Haar der Berenice « hatte der Dechant einen so scharfen Blick auf ihre Frisur geworfen ... behauptete sie wenigstens ... Windhack erzählte mit Harmlosigkeit , daß es einst einen berühmten alten Astronomen , Namens Kanon , und eine ägyptische Königin , Namens Berenice , gegeben hätte und letztere hätte ihren Mann in die Schlacht schicken müssen , hätte aber gelobt , käme er gesund heim , so würde sie den Göttern - der Venus , Frau von Gülpen , sagte Windhack - ihre Haare opfern , d.h. in ihren Tempel stiften , wie wir Wachskerzen stiften oder silberne Herzchen ; und nun , fuhr Windhack fort , hatte der Astronom Kanon das Haar der Berenice zwar vielleicht abgeschnitten , aber nicht in den Venustempel abgeliefert , sondern gleich gesagt : die Götter hätten es in die Sterne versetzt , dicht an die Mähne des Löwen - auch halt ein Sternbild , Frau von Gülpen ! - Nun wisse man nicht recht , mit wem der Kanon unter einer Decke gesteckt hätte , vielleicht mit der Königin selbst , die ihr schönes Haar , zuletzt nicht gern hergegeben hätte und dann so lange vielleicht die Hauben erfand , bis es ihr wieder hätte gewachsen erscheinen können , oder mit den Venuspriestern , die diese Haare vielleicht zu ihren Perrüken verwandten und keine Rechenschaft hätten darüber ablegen wollen ... Kurz , wenn man den Kanon nach dem Haar der Berenice fragte , Frau von Gülpen , so zeigte er halt immer auf die Sterne , woher auch vielleicht mit der Zeit die Redensart : » Mondschein « entstanden sein mag für einen ausgegangenen oder dünnen oder halt sehr kahlen - Genug ! Genug ! unterbrach Frau von Gülpen mit Entschiedenheit . Windhack verstand sich aufs Frisiren wol noch sicherer als auf das Angeben bevorstehender Mondfinsternisse . Er besorgte nicht nur die mathematisch richtige Form der Tonsur des Dechanten , sondern auch die gewellten künstlichen und so schön kastanienbraunen Scheitel der Frau von Gülpen ; jedoch so umständlich überhaupt von Haaren zu sprechen , widersprach aller Conduite und » feinen Lebensart « ... Sie suchte für Lucinden , deren größerer Koffer erst mit Fuhrgelegenheit nachkommen sollte und die sich etwas von dem Regen durchnäßt gefühlt hatte und von der Wäsche der Frau von Gülpen einiges bis auf weiteres in Anspruch nahm , allerlei Frauenzimmerliches aus , von dem sie dann gleichfalls sagte , daß auch das ihn nichts anginge ... Gehen Sie ! Gehen Sie ! sagte sie , Sie mit Ihrem Kanon ! Heute bei Tische ist so viel von Kanonen gesprochen worden , daß ich jeden Augenblick erschrecke , von der Stadt schießen zu hören ! Das rauschendste Trommeln hörte man jetzt allerdings ... Windhack ließ Frau von Gülpen zu der in der Weißzeugkammer arbeitenden Nähterin , Treudchen Ley , eintreten , er selbst verfügte sich , um für die Auguststernschnuppen seine Gläser zu prüfen , auf die Sternwarte . Der Dechant schritt inzwischen zur Stadt ... Er hatte die Gewohnheit , auf den gekieselten Wegen , die unmittelbar um die Dechanei her durch den kleinen Park sich schlängelten , und auch noch auf den Stufen , die zum Dom emporführten , ganz besonders freundlich zu grüßen . Ernster aber wurde er schon oben um den Dom selbst herum . Vollends vornehm und etwas kalt sogar war seine Art , wenn er die Stufen niederwärts zu Kocher am Fall selbst hinunterschritt . Man sagte , er entblößte nicht gern sein Haupt . Die einen meinten , weil er die Schwäche besaß , seine Tonsur zu verbergen , andere , weil er die Zugluft fürchtete , und wieder andere , weil ihn ein ewiges Grüßenmüssen von Krethi und Plethi bei aller Freundlichkeit des Herzens verdroß . Heute aber wurde er kaum beachtet ; denn es wimmelte von Soldaten und vor Aufregung in der ganzen Stadt ... Unter den einfachsten bunten Röcken steckten aus der Gegend ringsum achtbare Bürger , Hausbesitzer , Handwerker , junge Oekonomen , Förster , Studirte ... Und nun rannten die Frauen und die Kinder und wollten auf dem Marktplatz die » Parade « sehen und die Handwerker hatten ihre Arbeit eingestellt und standen in den Hausthüren , viele gewärtig auch der Einquartierung , die sie auf drei Tage bekommen konnten ; auf dem Marktplatz nach dem Appell und der Revue wurden dazu die Billets ausgetheilt ... Und an Ausspannungen und Gasthäusern waren Laubpforten errichtet , Fahnen wehten aus den Fenstern ... Teppiche hingen sogar nieder , wie bei einem Kirchenfest ... Und dazwischen spielten selbst die Kinder Soldaten , rasselten mit Trommeln , kokettirten mit Dreimastern aus Zeitungspapier ... Und die Kühe mußten denn doch auch noch durch die engen Gassen hindurch und sogar eine ganze Hammelheerde über den Brückensteg am Fall ... ja , des Ho ! Ha ! He ! ' s war kein Ende ... bis auf den Marktplatz schallte es , wo schon die Glieder antraten und auf allen Budendächern die Straßenjugend saß , künftige Rekruten des großen Militärstaats auch ... und Bataillon schwenkt ! commandirte jetzt der Major vom Stabe , der glückseligst wieder die Seinigen » beisammen hatte « , » seine Jungen « , » seine Kinder « - er zog das doppelte Tuch nicht aus - und nun hätte einer über diese kerzengeraden Colonnen sagen sollen : Das sind Handwerker , Bauern , Oekonomen , Förster , Studenten , Referendare ? Nein ! Es waren Krieger so gut , wie die bei Leipzig und Waterloo gefochten haben ! Und auch der Dechant nickte höchst befriedigt , als es so ein donnerndes Halt ! galt . Er suchte und suchte ... richtig ! da fand er den schlanken , heute so extra-brünetten , sonnenverbrannten , » wol zu spät gekommenen « Herrn Neveu mit dem gestutzten Bart- und Kopfhaar , der jetzt nicht einmal lächeln , nur mit den Augen blinzeln durfte , um ihn zu grüßen , und fünf Mann weiter stand der Blonde ... der Thiebold de Jonge , dem Hedemann und Ulrich von Hülleshoven das Leben gerettet hatten ... und des Dechanten Herz schlug doch freudiglichst , da so unter der Masse die herauszuerkennen , die ihm bekannt , lieb und unendlich werth waren . Auch er respectirte die militärische Ordnung und grüßte nur mit einem holdseligen Lächeln und einem höchst ironischen Zuge um die Lippen , als wollte er sagen : Na , da werdet ihr denn jetzt gedrillt , ihr jungen Weltstürmer und müßt wie die Gliedermänner zappeln und Fuß und Hand heben , nicht wie eure hochherrliche , freie , beneidenswerthe Jugendlust es will , sondern wie der alte Major da von Pritzelwitz es commandirt und ihm der Polizeiassessor , heute Lieutenant von Enckefuß , euer Zugführer , nachdonnerwettert ! Euch schon recht , euch schon recht ! Und in seinen Spott und seine Freude rasselten nun die Trommeln ... die Pickelpfeifen schrillten ... die Ladestöcke klingelten ... Schulzendorf , der Gensdarmenmajor , jagte mit einer Suite Gensdarmen hinter den Marktbuden weg , um Platz zu machen ... auch Grützmacher war schon wieder da , vielleicht ohne den Leichenräuber ; jetzt aber fegte er die Straßen rein von allem , was die Entwickelung der Kraft und Größe seines Vaterlandes hemmen konnte . So aus dem Lager der Ghibellinen trat der Dechant in das der Welfen . In einem engen Gäßchen ging es zur Stadtschule und zur Stadtpfarrei . 7. Die Straßen zu Kocher am Fall sind ganz so gebaut , wie das » gemüthliche « Mittelalter überall baute . Häuserzeilen , die nicht geradeaus laufen , sondern die den Wind überzwerg durch Winkel und Einbiegungen behaglich abfangen ... Da ein kleiner schiefer Platz mit einem Brunnen ... dort eine Sackgasse , die in einer in Sandstein gehauenen alten Kreuzesabnahme endet ... Zwischendurch stürzt und wogt und wallt der » Fall « , ein wilder Bergstrom von mäßiger Breite , der das Städtchen in zwei Theile schneidet , ohne daß man zuweilen die Brücken bemerkt , auf denen man steht . Der Fall ist hier und da ganz überbaut und schießt durch Färbereien oder unter einer donnernden Mühle hin , man sieht ihn nicht . Am untersten Ende der Stadt liegt an ihm ein Judenviertel . In Kocher am Fall gibt es eine starke Judengemeinde , die schwunghaften Handel treibt , vorzugsweise mit Vieh und dessen Abfällen . Aber auch Hausirer gab es genug in ihr und Fruchtmakler , die Geschäfte auf zwanzig Meilen Weges und weit über die Residenz des Kirchenfürsten hinaus machten . Herr Löb Seligmann von Kocher am Fall war sogar einer der berühmtesten Gütermakler . Zwei so stattliche Kirchen , wie der uralte Dom von St.-Zeno und die Stadtkirche , reichten vollkommen für die christliche Bewohnerschaft aus . Es waren aber noch fünf bis sechs andere Kirchen vorhanden . Sie wurden zu Vorrathshäusern für Militär- und Verwaltungszwecke benutzt . Eine der kleinern , die Minoritenkirche , gehörte den Protestanten , die nur in geringer Zahl in Kocher am Fall wohnten , in geringerer noch als die Juden ... Auf der Conferenz sprach eben jemand , als der Dechant eintrat , die Worte : Und dennoch , dennoch hat die hiesige kleine Gemeinde von noch nicht hundert Lutherseelen einen Geistlichen , der besser dotirt ist als der Kaplan in der Stadtkirche , der neben seinem schweren Amte auch noch den Kirchendienst in den Dörfern der Umgegend zu versehen hat ! Abwechselnd mit den Pfarrern von Blick , Hilkum und den Mönchen zu Gottesthal ! hätte der Dechant gleich hinzusetzen mögen , um eine der von jenen Tagen an immermehr in Umlauf kommenden Tendenzunwahrheiten zu berichtigen . Doch fürchtete er , seinen Amtsbrüdern die Phantasiegebilde zu zerstören , die jetzt vor ihnen im Qualm ihrer Tabackspfeifen bunt und wirr genug auf und niederzogen . Immer traf ihn beim Eintreten in den großen Schulsaal - - die glückliche Jugend hatte heute » frei « - sogleich der ihm besonders unangenehme Blick des an der Spitze der zusammengerückten Schultische sitzenden Beda Hunnius , dieser doppelsichtige Blick , der der wahren Gesinnung des Mannes gegen ihn entsprach . Der kurze , gedrungene , breitschulterige Herr Stadtpfarrer schriftstellerte . Er redigirte den » Kirchenboten « , theologisch und poetisch . Der Dechant konnte den Mann nie sehen , ohne noch an einen andern Beda Hunnius zu denken , der im Augenblick nur nicht gegenwärtig war . Beda Hunnius , den er vor sich sah , und der , den er gedruckt kannte , der , auf den er , wie er sagte , abonnirt war , waren zwei ganz unvereinbare Gegensätze . Der Dechant wußte , daß bei seinen Amtsbrüdern das Schriftstellern sowol überhaupt aus der Leichtigkeit entsteht , Erbauungsbücher zu schreiben , die immer gut verkauft werden , wie im Besondern aus einer heftigen Mittheilungslust , die durch den polemischen Eifer geschürt wird . Auch das Gefühl der Einsamkeit ließ Franz von Asselyn als die Muse des katholischen Geistlichen gelten . Obgleich ihn sein Amt mehr in Anspruch nimmt als den protestantischen Pfarrer , fehlt doch die Familie , ihre Zerstreuung , ihre Sorge . Einsamkeit ertragen können ist eine hohe Lebenskunst ! Sie ist der wonnevollste Genuß , ja der Luxus des Denkers ! Eine Qual ist sie für den mäßigen Kopf . In diesen trüben Winterabenden , wo der katholische Geistliche auf dem Dorfe niemand zum nähern Umgang hat , unterhält ihn die Feder , die Druckerschwärze , die Beziehung zur Literatur , der Antheil an ihren Händeln . Schreiben darf er nichts , was nicht im Sinne seines großen Ganzen ist , und so hilft sich die trübe Laune durch Abfassung von Predigten , Gebeten , polemischen Ausfällen ; sie schreibt und eifert sich in allerlei mehr oder minder wohlthuenden Lärm hinein . Der Dechant wußte , daß , wenn die niedere Geistlichkeit aus dem Bauernstande hervorgeht , das geistliche Convict ihm eine abschleifende Berührung mit der Welt nicht gewährt . Beda Hunnius , von Geburt ein Bauernsohn , unterstützt durch Stipendien , auf besondere Empfehlung in dem Convict jener Stadt gebildet , wo er mit Bonaventura die Weihen empfing , hätte immerhin nach seiner Meinung stürmen und lärmen mögen , soviel er wollte ; aber er dichtete auch ! Er dichtete in einer überschwenglichen Manier , die dem Schauspielerstande gleicht , der eben hinter den Coulissen ein Seidel Bier getrunken haben kann und dann hinaustritt und von dem Duft der Palmen spricht , von der » Götter altem Heiligthume « , » der ewigen Roma Majestät und Capitole « ... » Jerichorosen « hießen Beda Hunnius ' poetische Erstlinge , » Lacrymae Christi « seine zweite Sammlung . Es folgte eine dritte und vierte und immer wurde der Dechant an sich selbst irre , wenn er seinen Collegen sah , wie der mit pfundschweren Stiefeln durch die Straßen von Kocher schritt , oder ihn hörte , wie er mit der gewaltigen Hand auf das Kanzelpult schlug , sich an seine Zuhörer z.B. mit den Worten wendend : » Um ein für allemal euer Nasenschneuzen während meiner Worte abzuschaffen , behaltet ihr euer Sacktuch so lange in der Tasche , bis ich sage : Putzt jetzt eure Nasen ! « ... und dann von derselben Hand , von demselben Munde eine zarte » Purpurviole « auf das Grab eines Märtyrers niedergelegt in Tönen und in Weisen der Ueberschwenglichkeit ! Beda Hunnius waren ihm zwei Menschen . Dennoch würde der Dechant , eingedenk seiner Siriusreligion , auch das ertragen und gelächelt haben , selbst über die unablässige geheime Polemik im » Kirchenboten « gegen ihn selbst , gegen seine gesinnungslose und weltverdorbene Richtung - vor allzu bösen Umtrieben schützten ihn die reichen Geldspenden , die man in der Dechanei für alles und jedes , selbst » zum Ankauf von Kohlen zu Scheiterhaufen « , wie er sagte , zu jeder Zeit erhalten konnte - aber bei den Conferenzen , die Hunnius eingeführt hatte , konnte er oft gar verdrießlich werden über die vielen Erdenschlacken des Himmlischen , über den Sauerkrautsduft auch sogar der Seraphskost und noch auf der letzten Conferenz vor sechs Wochen hatte er wie ein Zelot gesprochen : Wo ist euch je das Rauchen gestattet worden ? Auf welchem Concil ? Durch welchen Apostel , Märtyrer oder Bekenner ? Es war nicht Scherz , wenn er auch heute wieder beim Eintreten in die schon mit dichten Dünsten und Nebeln gefüllte Schulstube den sich theilweise Erhebenden entgegenrief : Meine Herren ! Der Geist heißt doch , wie Sie wissen , auf hebräisch Ruach und Sie machen regelmäßig , wenn Sie zusammensitzen , Rauch daraus ! Auf den Schulbänken und die Schulsitze entlang lächelten zwar über zwanzig Geistliche , aber sie blieben bei ihren langen und kurzen Pfeifen und die jüngern sogar bei ihren Cigarren ... Völker und Geistliche , die den Wein genießen dürfen , fuhr der Dechant sich setzend und brummend fort , sollten den Taback den türkischen Derwischen überlassen ! Er suchte sich einen Platz am Fenster und lehnte den Wein ab . Jeder der Herren hatte vor sich ein Glas mit funkelndem Rebengolde stehen . Beda Hunnius nahm die schon im vollen Gange befindliche Debatte des Tages wieder auf . Er billigte eines Redners Vorsicht , die eben angerathen hatte , nicht blind in das Messer der Bureaukratie zu laufen . Aber , setzte er auf den Tisch schlagend hinzu , die Zeit rückt immer näher , wo wir mit allem , und wär ' s mit Freiheit und Leben , für unsere Mutter , die Kirche , werden einstehen müssen ! Da - er zeigte auf den Franciscaner - , der ehrwürdige Pater Sebastus dort berichtet uns , daß in der Residenz des hochwürdigsten Kirchenfürsten die Dinge immermehr auf die Spitze getrieben werden - auf die Spitze der Bajonnete ! Von draußen hörte man das Klingeln der Ladestöcke ; der Dechant öffnete sich das Fenster , an dem er saß . Ihr junges Volk ! sprach er murmelnd vor sich hin und drückte ein Sammetkäppchen auf sein Silberhaar . Wer in Zeiten gelebt hat , wo wirklich die Bajonnete herrschten - ! Beda Hunnius ließ sich nicht stören . Er gab die damals allbeliebte Schilderung der geistlichen Zustände des unter protestantischen Sceptern schmachtenden katholischen Deutschland . Er sah das Volk Gottes in der babylonischen Gefangenschaft . Er sah vollends auf dem Throne , unter dessen Gewalt sie durch eine » Laune der Geschichte « hier leben müßten , einen assyrischen König . Ist es nicht , rief er und sah dabei zuweilen auf ein Papier , als wenn wir die Worte Actorum 7,43 hörten : » Ich will euch wegwerfen jenseit Babylonien ! « Meine Freunde , noch über Babylonien hinaus ! Ist das nicht das schwerste Elend unsers Fluches ! Noch über Babylonien hinaus ! Denkt das Herz nicht mit Schaudern an Rußland ? Wie in Rußland steht es schon mit unserm Glauben , mit unserm Cultus , unserer Selbstregierung ! Nicht genug , daß die Kirche ihres jahrtausendjährigen