? « » Und dann seine letzten Worte ! « rief er . » Wo hat man vom alten Pfarrer , der zu gleicher Zeit mit ihm gestorben ist , je etwas Ähnliches gehört ! Und vollends vom jetzigen ? Ja , wenn er nur ein einzigmal aus seinem Mund einen Hauch hätte gehen lassen von jenem Geist , ich hätte ihn und seinen Kelch und seine Hostien ungekränkt gelassen ! « » Nicht bloß im Sonnenwirtshaus « - so versuchte Christine aus der Erinnerung nachzusprechen - » auch unter der großen Weltsonn ist nicht alles , wie es sein sollt , und Gottes unerforschlicher Ratschluß läßt es zu , daß sein Will auf Erden nicht geschieht . Neid und Stolz regiert die Welt , und das Gericht wird hereinbrechen - « » Sie nennen sich seine Kinder « - unterbrach er sie , um die Erinnerung voller wiederzugeben - » und sind doch nicht Brüder und Schwestern untereinander . Neid und Gewalt , Stolz und Habsucht regiert die Welt , und Gottes Ebenbild wird in der Armut unterdrückt . Die Welt liegt im argen , und ihr Maß steigt auf bis zum Rand , und unversehens wird ein Gericht hereinbrechen , das den Unschuldigen samt dem Schuldigen trifft , wie zur Zeit der großen Flut , wo der Menschen Bosheit groß war auf Erden und alles Dichten und Trachten ihres Herzens nur böse war immerdar . « » Ich aber « - fiel Christine mit den Schlußworten ihres Vaters ein - » ich fahr in meiner Arch , die mir der Schreiner zimmert , nach meinem Berg Ararat zu meinem Vater und zu eurem Vater und will schauen , was jetzt dunkel und verborgen ist , und will ihm sagen : Vater , segne , die hie nach mir bleiben , und führ sie endlich einmal sänfter , wenn dir ' s möglich ist , und laß sie deinen Frieden schmecken . - Er hat das Wort nicht mehr ganz ausgesagt , fügte sie hinzu , ist zurückgesunken und entschlafen . « Eine übermächtige Rührung überkam das so vieler Verwilderung preisgegebene Gemüt des Mannes , der sich nicht gescheut hatte , heilig gehaltene Geräte des Gottes , zu dem er betete , anzutasten . Er ließ sein Weib zur Erde gleiten , erhob sich in die Knie und rief , die Arme gegen den blauer werdenden Morgenhimmel ausgebreitet , unter strömenden Tränen : » Himmlischer Vater , gib uns deinen Segen um jenes Gerechten willen ! Du bist ja mit den unvernünftigen Geschöpfen , die unter deiner Sonne wimmeln , und gibst ihnen Nahrung und Kleidung auf ihre Zeit . Trag und erhalt auch uns , die wir deine Kinder sind , und gib uns unser Brot , uns und unsern armen Kleinen . Führ uns aus diesem Land , wo Vater und Mutter hart sind , in ein milderes , das du uns verheißen mögest , laß uns vor dir wandeln und behüte uns , daß wir nicht mehr in Anfechtung fallen . « Christine kniete neben ihm und schluchzte laut . Nachdem er geendet hatte , blieben beide noch lange auf den Knien liegen . Das Feuer sank allmählich in Kohlen und Asche zusammen , und durch die Gipfel der Bäume lächelte das Gestirn des Tages , das Wärme und Leben bringend über den Bergen aufgegangen war . » Jetzt komm , Christine , wollen aufbrechen , die Sonne ist herauf , und die Kälte läßt nach « , sagte Friedrich , ihr Bündel ergreifend . Sie zogen schweigend und voll Gedanken durch die Wälder hin , die vom Fuße der Alb zwischen dem Neckar- und Filstal in das Land hineinlaufen . Hie und da führte der Pfad an einem einsamen Hofe vorüber , schlängelte sich aber gleich wieder dem Walde zu . In einem dieser abgelegenen Gehöfte wagten sie sich mit gestandener ( saurer ) Milch und etwas Schwarzbrot zu erquicken , hielten sich aber , da sie von den Leuten mißtrauisch angesehen wurden , nicht lange auf . Als sie wieder auf der Wanderschaft waren , sagte er endlich : » Jetzt ist das Erzählen an dir , Christine . « » Das ist kurz beieinander « , versetzte sie , » mir ist nicht so viel vorkommen wie dir . Nach deiner Gefangennehmung , wo du nach Hohentwiel kommen bist , hat man mich auch ein wenig eintürmt . « » Aber nichts auf dich bringen können , das weiß ich schon von deiner Mutter . « » Nachher ist ' s eben wieder das alt Lied gewesen . Sie haben mich vor Kirchenkonvent zitiert und haben mich gefragt , wer der Vater zu dem Kind sei , mit dem ich geh . « » Dann hast du gesagt , dein Mann ? « » Durch solche Reden hätt ich sie nur noch mehr wider mich in Harnisch bracht , und ' s ist mir so schon schlecht g ' nug gangen . Mein Jerg , das muß ich ihm nachsagen , hat wie ein Vater an mir gehandelt ; er hat immer gegen mein Mutter gesagt , wenn du da wärst , so wär ' s dein Sach , für mich zu sorgen , aber wenn einer lebendig begraben sei , so könn man ihm nichts mehr zumuten . Das Wasser ist ihm aber selber oft bis an Hals gangen , und dann ist er oft fort gewesen , um sein Brot auswärts zu suchen . Ich hab vor Kirchenkonvent kaum stehen können , so schwach ist mir ' s gewesen . Der Schütz hat mich nachher mitgenommen , und er und sein Weib haben mir ein bißle zu essen geben ; ich hab ' s auch angenommen , denn ich hab vielmals denkt , ich werd das Kind nicht lebig zur Welt bringen . « » Er ist ein versoffener Lump « , sagte Friedrich , » aber er ist doch besser als mancher , der in der Tugend und in der Wolle sitzt . Wie ' s dem Armen zumut ist , das begreift doch nur wieder der Arme , aber eben darum können sie einander nicht viel helfen . Ich glaub , der Schlucker hat ein paar unerzogene Kinder . « » Viere ! « sagte Christine . » Er hat aber gesagt , du habest ihm hie und da einen Schoppen eingeschenkt , und das werd er dir gedenken . Die Herren haben mir nichts geben als böse Wort . Sie haben mir bedeutet , ich dürf mich nicht aus dem Flecken entfernen , weil die Sach ans löbliche Oberamt berichtet werden müss ' , von wegen deines bösen Lebens . Dort sind sie auch bald mit mir fertig gewesen . Ich hab mein Kind vor dürfen zur Welt bringen und ein paar Wochen pflegen , und dann hab ich eben ins Zuchthaus wandern müssen . « » Auf zwei Jahr ! « » Nein , denk nur , auf unbestimmte Zeit , bis die Aufseherin mir das Zeugnis geben hat , ich sei jetzt so , daß man mich entlassen könn , und das ist bloß daher kommen , daß ich gehört hab , du seiest von Hohentwiel ausgeflogen , denn unartig bin ich zwar nie gegen sie gewesen , aber immer still , bis die Freud über mich reinbrochen ist , und dann hab ich ihr alles getan , was ich ihr an den Augen abgesehen hab , und zuletzt ist sie für mich gut gestanden , daß man mich hat springen lassen , weil ich jetzt ganz bessert sei . « » Die Art gefällt mir erst noch « , bemerkte er . » Würd im Zuchthaus immer väterlich und mütterlich regiert , so daß das Haus seinen Namen verdiente und die Leute darin zur Zucht gebracht würden , so wär ' s das beste , sie auf unbestimmte Zeit hineinzutun , bis der Zuchtvater oder die Zuchtmutter sie wieder freisprechen würden , und bekäm das vielleicht manchem gut , der jetzt andere zum Zuchthaus verdammt . Und dann möcht man einen , der nicht gut tut , meinetwegen auf lebenslänglich drin lassen ; nur weiß ich keinen Menschen , dem ich ein solches Urteil anvertrauen möchte , als höchstens meinem seligen Waisenpfarrer . Aber die gewöhnliche Art von Zuchthausstrafen - für das und das Vergehen soundsoviel Wochen oder Monate oder Jahre - das kommt mir immer vor wie ein Schneider , der einem soundsoviel Ellen zu seiner leiblichen Länge anmißt , oder auch , weil ich grad vom Wirtschaften herkomm , wie ein Speiszettel : Kalbsbraten tut soundsoviel , Hammelsbraten soundsoviel , Schweinsbraten soundsoviel , Wein , Nachtlager , Mittag- , Abendessen und Frühstück , alles zusammen einen Gulden und dreißig Kreuzer . Dann gibt ' s auch wieder gelindere Richter , die machen ' s wie ein sanftmütiger Wirt , der den Gast nicht mit einer runden Summe erschrecken will und statt des Guldens bloß neunundfünfzig Kreuzerle sagt . Bei einem Wirt ist das schon recht , und er mag zusehen , wie er eins ins andere rechnet und fertig wird , aber die Rechnung in Jahren , Monaten und Wochen nicht am Beutel , sondern an der lebendigen Seele eines Menschen ausgemessen - das ist eine Vermessenheit , und kann ich weder Sinn noch Verstand drin finden . « » Wie ich wieder aus ' m Zuchthaus kommen bin « , fuhr Christine fort , » hab ich gehört , du seiest dagewesen , aber seiest wieder fort in die weit Welt . In der Sonn hat man nicht davon geschnauft , wo du bist Ich hab selber einmal angefragt , da hat mir die Sonnenwirtin ein Stückle Brot hingelegt und hat gesagt , du seiest ganz verschollen , und ' s tät für mich und alle das best sein , du bliebest ' s auch . Ich hab das Brot liegen lassen und bin fort . Mein Jerg ist grad dazumal nicht zu Haus gewesen , und mein Mutter hat mich nicht behalten wollen , weil ich ihr eine unnütze Brotesserin sei , wiewohl sie eigentlich uns ihr Brot verdankt , denn sie ißt ' s eben mit unseren Kindern , die man ihr in Verpflegung geben hat . « » Aus dem Heiligen ? « » Nein , so spendabel ist der Heilig nicht . Da hat ' s geheißen : Herr Sonnenwirt , Er ist ein reicher Mann , und die Kommun kann da nicht eintreten , also zahlt Er das Kostgeld für Seine Enkel . « » Ist wahr , er hat mir einmal geklagt , die Kinder kosten ihn so viel Geld , und deswegen könne er das Geld zur Auswanderung nicht so geschwind aufbringen . « » Solang mein Jerg dagewesen ist , hat ' s den Kindern an nichts gefehlt , seit der aber mehr und mehr fort ist , hat man anders für sie sorgen müssen . Wie nun mein Mutter mir hat zu verstehen geben , daß ich ihr überlästig sei , hab ich meine Kinder mit tausend Schmerzen küßt und hab das Herz in beide Händ genommen und bin nach Denzlingen gangen zur Schulmeisterin . Die ist zum Glück grad in der größten Verlegenheit gewesen und hat gesagt , ich hätt ihr nicht geschickter kommen können , sie hab eben eine Magd aus ' m Dienst gejagt , die ihr gestohlen hab . Drauf hat sie zu ihrem Mann gesagt : Sieh , mit der äußerlichen Frömmigkeit sind wir angeführt gewesen , jetzt folg mir und hilf mir ' s auch einmal mit dem Weltkind da probieren ; die ist kein Heilige und hat viel durchgemacht , aber vielleicht wird ihr auch viel verziehen , und ehrlich ist sie auf alle Fäll . Er ist ' s dann zufrieden gewesen . Ob sie ihm alles von mir gesagt hat , weiß ich nicht , es ist nie zwischen uns die Red davon gewesen , aber ich hab in dem Haus gelebt wie im Paradies . Die Leut sind fromm , nicht bloß mit Morgenund Abendsegenlesen , sondern reden auch den ganzen Tag von frommen Sachen , wie ' s eben das Geschäft erlaubt , denn darin versäumen sie nichts ; aber - ich weiß nicht recht , wie ich mich ausdrücken soll - in ihrem Christentum ist so etwas Gegenwärtig ' s , das nicht bloß hoch im Himmel droben oder weit fort im jüdischen Land , sondern mitten in Denzlingen drin ist und immer dem heutigen Tag und der jetzigen Stund gilt , ganz anders als man ' s sonst in der Kirch und im Leben trifft . Und grad so sind des Pfarrers auch , drum halten sie auch zusammen , wie man ' s selten bei Pfarrer und Schulmeister find ' t. Dabei sind sie allweil guter Ding und oft sogar recht lustig und zum Lachen aufgelegt , besonders der Pfarrer macht gern allerlei Späßle , und der Schulmeister antwortet ihm drauf , lassen sich auch nichts abgehen , wiewohl sie gar nicht dick tun und ihr Sach reichlich mit der Armut teilen . Aber freilich , sie haben ' s auch , und wer bei ihnen ist , wird alle Tage satt . Ich hab oft nachts vorm Einschlafen dran denken müssen , wie mir ' s so gut geht , und wo du jetzt auch umirren werdest , und ob meine arme Kinderle satt ins Bett gangen seien , denn ich sag dir ' s ungern , aber ' s ist hohe Zeit , daß wir nach ihnen sehen : meiner Mutter ist das Tischtuch lieber als das Hungertuch , sie hat zwar nie viel gehabt , aber je ärmer sie wird , desto schleckiger ist sie , sie verschleckt alles , was sie kann . « » Das muß aufhören « , sagte er . » Heut abend sind die Kinder da , wo sie hingehören : bei uns . Jetzt ist nur noch die Frage , wie ich mich mit meinem Vater auseinandersetzen soll . Seine Antwort hat mich wenig kümmert , ich hab vorher mit dir einig sein wollen . Hättest du jetzt eher Lust , aus deinem Paradies heraus mit mir nach Pennsylvanien zu gehen ? « » In den Mond , wenn ' s nicht anders sein kann « , erwiderte sie . » Die Hauptsach ist , daß wir beieinander sind , wir und die Kinder , drum hat ' s mir auch kein ' Augenblick zweifelt , was ich tun soll . Aber hör , wenn ' s dein Vetter so gut mit dir meint , wie du sagst , könnten wir denn nicht bei dem ein Plätzle finden , oder tät er uns nicht zu einem verhelfen , daß wir nicht so weit fliegen müssen und unterwegs vielleicht die Flügel verstauchen ? « » Ja sieh « , antwortete er , » der Vetter hat ' s freilich gut mit mir vor , aber Welt ist überall Welt , er sieht auch aufs Greifbare und fragt nicht danach , ob ' s Motten und Rost fressen . Darum hätt ich ihm nicht meine ganze Absicht anvertrauen mögen , weil er mir mit einem einzigen Wort dazwischen hätt fahren können . Wenn ich aber mit dir und den Kindern da bin , so kann er auf keinen Fall verlangen , daß ich euch wieder heimschicken soll ; und wenn alle Sträng brechen , nun , dann ziehen wir eben weiter , bringen uns im Krieg mit Marketendern fort oder gehen übers Meer . « Sie sah ihn zweifelhaft an und schwieg , aber der heitere Schimmer von Hoffnung , der ihr Antlitz neu zu beleben begonnen hatte , wich allmählich wieder aus ihm , und jener Zug leidender Geduld und Entsagung , der den Frauen aus dem Volke einen so mitleiderregenden Gesichtsausdruck geben kann , nahm seine alte Stelle ein . Der Wald öffnete sich , und vor den beiden Wanderern lag die Alb , an deren Fuße sich eine schmale Straße hinzog . » Wollen uns dem Bergsträßle da anvertrauen « , sagte er . Sie taten es , indem sie die Ortschaften , die ihnen in den Weg kamen , auf den durch die Felder führenden Fußpfaden umgingen . Die Sonne begann für einen Herbsttag ungewöhnlich heiß zu brennen , und ihre scheitelrechte Stellung zeigte den Mittag an . » Ich wollt , ich hätt was zu trinken « , seufzte Friedrich , » und wär ' s auch nur ein Schoppen Most oder Äppelwein , wie sie am Main drunten sagen . « » Und mir tät ein Löffele Warm ' s noch nöter « , seufzte Christine ebenfalls . » Gelt , arm ' s Weible « , sagte er , » dir ist ' s ungewohnt , mit langem kalten Magen zu wandern ? Da hast Geld , geh du in das Ort da hinein und laß dir eine Suppe geben , kannst mir dann etwas zu trinken und ein Brot dazu herausbringen , das genügt für mich . Das Geld , das ich mir in dem halben Jahr zu Sachsenhausen erspart hab , muß für uns und die Kinder reichen . Ich will mich derweil unter den Baum in Schatten legen . « » Meinst , es hab kein Gefahr « , fragte sie . » Ich kenn mich so weit in der Gegend aus « , erwiderte er , » daß der Berg da über uns die Teck ist . Da herum sind wir ja ganz unbekannt . Du siehst aus , wie wenn du aus der Nachbarschaft wärst , und wenn ich in meiner städtischen Tracht zurückbleibe , so fällst du niemand auf . « Er gab ihr Geld und seine leere Feldflasche und streckte sich bequem unter dem Baum aus , indem er sein dreieckiges Hütchen neben sich legte . In diesem Augenblicke kam ein Mann vorüber , der den gleichen Weg mit ihnen zu haben schien . Er blickte das fremde Paar mißtrauisch an und mäßigte seinen Gang , so daß er Christinen , die jetzt auf das Dorf vor ihnen zuschritt , immer auf dem Fuße folgte . Friedrich sah nach , und die Begegnung wollte ihm nicht recht gefallen ; doch schien sie auch keine ernste Besorgnis einflößen zu können . Seine Augen begleiteten Christinen , bis sie in dem Dorfe verschwunden war : auch ihren Nachfolger verdeckten jetzt die Häuser . Er legte sich auf den Rücken zurück , sah in das falbe Laub und durch dieses zum blauen Himmel empor . Dabei vergegenwärtigte er sich , wie Christine auf ihre Suppe wartete , wie sie dann dieselbe empfing und wie sie sich endlich mit der gefüllten Flasche auf den Weg machte . Jetzt mußte sie wieder an den äußersten Häusern erscheinen : er sah hin , aber er hatte die Zeit zu kurz gemessen und sich verrechnet . Er legte sich wieder zurück und wartete geduldig ; er hatte ja das Warten gelernt ; aber endlich deuchte es ihm doch ziemlich lang . Er sah wieder hin : sie kam noch nicht . Nun zählte er bis auf eine bestimmte Zahl , die er sich vornahm , und da er zu schnell gezählt zu haben glaubte , so wiederholte er dieses Geduldspiel ein paarmal , jedoch umsonst . Endlich zählte er ununterbrochen und langsam , wie er meinte , bis auf hundert fort : Christine kam nicht . Jetzt begann es ihm unheimlich zu werden . Er stand auf und ging sachte auf das Dorf zu . Schon war er in die Nähe desselben gelangt , als er eine beträchtliche Menge bewaffneter Mannschaft , welche bei der Unsicherheit der Zeit in jeder Gemeinde schnell auf den Beinen war , herausdringen sah . Die einen waren mit Flinten , die anderen mit Spießen oder Prügeln versehen , und ihre Blicke ließen ihn nicht im Zweifel , wem dieser Ausfall gelte . Während sie sich rasch gegen ihn in Bewegung setzten , entsprang er in das Feld . Sie verteilten sich und suchten ihn einzukreisen , aber seine Schnellfüßigkeit hatte ihn bald in dem Dickicht des Waldes am Teckberge ihrer Verfolgung entzogen . Er schlug sich die Kreuz und Quere durch das Holz , bis er von einer sicheren Stelle auf den Boden , den er hatte räumen müssen , hinunterspähen konnte . Nicht lange , so sah er jenseits des Dorfes Bewaffnete , die ein Weib in der von ihm und Christinen beabsichtigten Richtung in ihrer Mitte führten . Er konnte nicht zweifeln , daß sie es sei , und konnte sich ' s ausmalen , wie der Mann , dem sie begegnet , die Anzeige gemacht hatte , sie gehöre zu einem verdächtigen Kerl , der sich nicht ins Dorf hereintraue . Seinen Namen hatte sie gewiß nicht angegeben , aber ohne Zweifel ihre Heimat , und wurde jetzt bis nach Göppingen von einer Streifmannschaft der anderen übergeben . Er knirschte , biß sich in die Finger , daß seine Zähne blutige Spuren hinterließen , und blickte anklagend gen Himmel . » Also keine Ruh , keinen Frieden ! « rief er , » wiederum hast du mich in die Wüste geworfen ! « Dann machte er in Gedanken auch Christinen Vorwürfe , daß sie so ungeschickt gewesen sei , sich fangen zu lassen . Endlich schüttelte er sich unmutig , als ob er alle Gemütsbewegungen , mit welchen er sich vergebens peinigte , zu Boden werfen wollte . Mit einer gewaltsamen Kraft arbeitete er sich durch die Gebirgswälder hindurch , und das Gestrüpp krachte unter seinen Händen und Füßen , bis er endlich , halb erschöpft , abgelegene Pfade einzuschlagen wagte , die ihn in weiten Krümmungen seinem Ziele näher führten . Der Tag hatte sich tief geneigt , als er auf diesen verborgenen Umwegen , todmüde vor Hunger und Anstrengung , auf einer vorspringenden Höhe herauskam und unter sich in der Breite des Tales die Stadt liegen sah , von wo aus er so oft in die Gefangenschaft gesendet worden war und wo nun auch Christine abermals ihr Schicksal erwarten sollte . Ihr freundlicher Anblick stimmte schlecht zu der Unglücksbedeutung , die sie für ihn und die Genossin seines irren Lebens angenommen hatte . Seine Blicke , von Erschöpfung verschleiert , schweiften unstät in die dämmernde Landschaft hinaus . Plötzlich taumelte er zurück , von einem Schreck ergriffen , der ihm das Blut in den Adern stocken machte . Was war es , das ihm vor die Augen getreten war ? Es sah aus wie der Schatten eines aufgehobenen Riesenfingers . Mit einer wilden Aufraffung kämpfte er den Schrecken nieder , rieb sich die Augen aus und sagte laut und zornig , während ihm doch die Stimme bebte , vor sich hin : » Dummes Zeug , es ist ja nichts als der Staufen . « Der wunderschlanke Berg war ihm einen Augenblick zum Schreckgespenst geworden . Auch mit ihm glaubte er in seinem anklägerischen Wahne rechten zu dürfen . » Was willst du mich warnen ? « fragte er ; » bin ich denn auf bösen Wegen ? Ich will ja nur bei meinem Weib und meinen Kindern sein ! « Er lachte verächtlich . » Ist just die rechte Zeit zum Gespenstersehen « , sagte er . » Gespenster hätten jetzt gute Gelegenheit , mir Gesellschaft zu leisten . Nur herzu , wenn ' s beliebt . « Er warf sich zu Boden und rang mit der Empörung seiner Pulse und seiner Gedanken , bis endlich ein später Schlaf sich des gehetzten Wildes erbarmte . 29 Der Amtmann von Ebersbach saß im Armstuhl vor seinem Schreibtisch zurückgelehnt , so daß sein Schlafrock von Damast mit großen Blumen auseinandergefallen war und die lange goldbordierte Weste nebst dem goldenen Uhrgehänge über dem stattlichen Leibe sehen ließ . Er war bis zu den seidenen Strümpfen und den Silberschnallenschuhen herab so vollständig angekleidet , daß er nur den Schlafrock wegzuwerfen und in den Tressenrock zu schlüpfen brauchte , um eine Staatsvisite zu machen oder zu empfangen . Dieser Voraussetzung widersprach jedoch sein Haarbeulel , der , entweder nachlässig gebunden , oder infolge unruhiger Bewegungen des Kopfes wieder aufgegangen , in trauriger Unordnung über die Lehne herabhing und seinen Puder auf den Boden verstreut hatte , dabei aber vollkommen zu dem Gesichte seines Trägers stimmte , in dessen Zügen der äußerste Verdruß zu lesen war . Die Amtmännin trat in der Hausjacke und Morgenhaube herein . » Schauderhaft ! « rief sie und beeilte sich , den anarchischen Haarbeutel wieder in die Schranken der Ordnung zurückzubringen . Dann legte sie die Hand auf die Stuhllehne und blickte ihren Gatten aufmerksam an . » Du bist nicht gut bei Laune , mein Schatz « , begann sie endlich . » Man kann nicht immer bei Laune sein , mein Schatz « , erwiderte der Amtmann , dem die Verbesserung seines Kopfputzes unbequem gewesen sein mochte , obgleich er dabei stillgehalten hatte . » Und dein Gesicht « , fuhr sie fort , » nimmt neuerdings eine gewisse blaurötliche Färbung an , die mir Besorgnis einflößt . Du solltest dir mehr Bewegung machen , du steckst noch so tief in den Wintergewohnheiten . Der Schnee ist weg , das Wetter macht sich leidlich : soll ich dir nicht deine Jagdstiefeln bringen lassen ? « Der Amtmann wendete sich unmutig ab . » Du könntest mich ebensogut vergiften , Sibylle « , sagte er , » als mir einen solchen Rat geben . « » Ich kann dich nicht kapieren , Daniel ! « erwiderte sie befremdet und scharf , denn sie war dieses Tones von ihrem Manne ungewohnt . Als Leute , die mit der Zeit fortgeschritten waren , liebten beide die von ihren altmodischen Eltern ihnen in der Taufe beigelegten Vornamen nicht sonderlich und pflegten sich deshalb nur dann bei diesen Namen zu nennen , wenn sie von einer etwas stechenden Laune gegeneinander befallen waren . Der Amtmann , der das Nachgeben mehr durch die Leitung als durch das eigene Beispiel seiner Frau gelernt hatte , dämpfte seinen Ton ein wenig und sagte erläuternd : » Du scheinst nicht daran zu denken , daß der vermaledeite Bursche , der Sonnenwirtle , in den Wäldern haust . Sonst sollte mich der Winter nicht von der Jagd abgehalten haben . Mein ganzer Chagrin rührt ja einzig und allein von diesem Lotterbuben her . « » Er hat noch niemand angefallen « , sagte die Amtmännin . » Er holt sich hie und da Viktualien , wo er sie findet . Das ist alles . Und du kannst ja Mannschaft genug mitnehmen . « » Du bedenkst gar nicht , daß er auf mich eine spezielle Pike hat « , versetzte der Amtmann . » Ich halte ihn nicht für so rachsüchtig « , erwiderte sie . » Bei seiner Kühnheit , Stärke und Verschlagenheit hätte er sonst hier , wo er doch manchen haßt , schon das größte Unheil anrichten können . « » Wer steht dir dafür , daß es nicht noch geschieht ? « rief der Amtmann . » Solang seine Konkubine in Göppingen gefangen sitzt , wird er sich hüten , die Strenge des Gesetzes gegen diese Geisel herauszufordern . Wenn sie aber einmal frei ist , und ewig behalten kann man sie nicht , weil sie nichts Erweisliches pecciert hat , so wird er schon die Hörner herausstrecken . Ich seh es kommen , daß er das Handwerk , wenn ' s im kleinen nicht mehr geht , ins große ausdehnt und sich in den Orden der Jauner aufnehmen läßt . « » Nun , diese gibt ' s wenigstens in unserer Gegend nicht . « » Sie sind überall und nirgends : wenn sie heute ausbleiben , so sind sie dafür morgen da . Diese politischen Blutigel , die sich auf mehrere Tausende belaufen mögen , scheinen eine inexstirpable Landeskalamität zu sein . Sie kosten der Gesamtheit der verschiedenen Dominien in Schwaben jährlich Hunderttausende von Gulden , teils an Erbetteltem und Gestohlenem , teils an Unkosten , die gegen sie aufgewendet werden müssen . Ich glaube auch nicht , daß man eher mit ihnen fertig wird , als bis statt der ohnmächtigen General streifen des schwäbischen Kreises einmal das ganze Land in Masse wider sie aufsteht , sie auf einen Punkt zusammentreibt und alles über die Klinge springen läßt . Und ich habe eine Ahnung , dieses Scheusal von einem Menschen wird sie uns noch auf den Hals ziehen , um sein Mütlein an uns zu kühlen . « » So benutze die Zeit , eh sie kommen , zu einer Erholungsreise , wenn dir kleinere Ausflüge nicht zusagen . « » Hat sich was zu reisen ! « rief er ärgerlich . » Dieser Auswurf der Menschheit hält mich ja wie einen Hund an der Kette fest . Alles zittert vor ihm : wenn ich fortginge , so liefe mir der ganze Flecken nach . Und dennoch könnte ich mich bemüßigt sehen , ein wenig nach Stuttgart hinabzufahren und unseren Gönnern in der Regierung aufzuwarten , um den üblen Insinuationen des Vogts zu begegnen , der seine Angst vor diesem Cartouche an mir Unschuldigem auslassen will und mich unaufhörlich mit Vorschriften tormentiert und mit Vorwürfen überhäuft . Fürwahr , der hat den Titel Expeditionsrat nicht umsonst . Er expediert einen Erlaß um den andern daher und wird den Flecken , wenn es so fortgeht , noch an den Bettelstab expedieren , aber der ganze Stoß « - er warf bei diesen Worten den Haufen der vor ihm liegenden Ausschreiben unwillig durcheinander - » hat bis jetzt keinen Hund aus dem Ofen gelockt . « » Er ist seinerseits in der nämlichen üblen Lage wie du « , bemerkte die Amtmännin , » wenn der Wildfang sich sehen läßt , so schreit der ganze Flecken zusammen , dann bist du genötigt , einen Bericht nach Göppingen zu schicken , und das nötigt dann wiederum den Vogt