schlimmen Handel mit den Schergen verwickelt , dem das Volk mit gespannter Aufmerksamkeit zusah , indessen Anna und ich nebst anderm zwingherrlichen Gelichter uns zur Hintertür hinausbegaben und zu Pferde stiegen , da es Zeit war , uns mit dem Geßlerschen Jagdzuge zu vereinigen , der schon vor dem Tore hielt . Wir ritten nun unter Trompetenklang herein und fanden die Handlung in vollem Gange , den Tell in großen Nöten und das Volk in lebhafter Bewegung und nur zu geneigt , den Helden seinen Drängern zu entreißen . Doch als der Landvogt seine Rede begann , wurde es still . Die Rollen wurden nicht theatralisch und mit Gebärdenspiel gesprochen , sondern mehr wie die Reden in einer Volksversammlung , laut , eintönig und etwas singend , da es doch Verse waren ; man konnte sie auf dem ganzen Platze vernehmen , und wenn jemand , eingeschüchtert , nicht verstanden wurde , so rief das Volk » Lauter , lauter ! « und war höchst zufrieden , die Stelle noch einmal zu hören , ohne sich die Illusion stören zu lassen . So erging es auch mir , als ich einiges zu sprechen hatte ; ich wurde aber glücklicherweise durch einen komischen Vorgang unterbrochen . Es trieben sich nämlich ein Dutzend Vermummte der alten Sorte herum , arme Teufel , welche weiße Hemden über ihre ärmlichen Kleider gezogen hatten , ganz mit bunten Läppchen besetzt , auf dem Kopfe trugen sie hohe kegelförmige Papiermützen , mit Fratzen bemalt , und vor dem Gesicht ein durchlöchertes Tuch . Dieser Anzug war sonst die allgemeine Vermummung gewesen zur Fastnachtszeit und in derselben allerlei Späße getrieben worden ; er scheint von der löblichen Tracht herzurühren , in welcher einst die verurteilten Ketzer verhöhnt wurden und welche nachher in den Fastnachtsspielen sich erhielt . Die armen Kerle waren den neueren Spielen nicht grün , da sie in dieser seltsamen Maskierung sich Gaben zu sammeln gewohnt und daher für deren Erhaltung begeistert waren . Sie stellten gewissermaßen den Rückschritt und die Verkommenheit vor und tanzten jetzt wunderlich genug mit Pritschen und Besen umher . Besonders zwei derselben störten das Schauspiel , als ich eben reden sollte , indem sie einander am Rückteile des Hemdes herumzerrten , welches mit Senf bestrichen war . Jeder hielt eine Wurst in der Hand und rieb sie , indem er sie aß , an dem Hemde des andern , während sie fortwährend sich im Kreise herumdrehten wie zwei Hunde , die einander nach dem Schwanze schnappen . Auf diese Weise tanzten sie zwischen Geßler und Tell vorbei und glaubten wunder was zu tun in ihrer Unwissenheit ; auch erfolgte ein schallendes Gelächter , indem das Volk im ersten Augenblicke seinen alten Nücken nicht widerstehen konnte . Doch alsobald erfolgten auch derbe Püffe und Stöße mit Schwertknäufen und Partisanen , die erschrockenen Spaßmacher suchten sich unter die Zuschauer zu retten , wurden aber überall mit Gelächter zurückgestoßen , so daß sie längs der fröhlichen Reihen kein Unterkommen fanden und ängstlich umherirrten , mit zerzausten Mützen und furchtsam ihre Verhüllung an das Gesicht drückend , damit sie nicht erkannt würden . Anna empfand Mitleiden mit ihnen und beauftragte Rudolf den Harras und mich , den mißhandelten Fratzen einen Ausweg zu verschaffen , und so wurde ich meiner Rede enthoben . Dies störte übrigens nicht , da man gar nicht die Worte zählte und manchmal sogar die Schillerschen Jamben mit eigenen Kraftausdrücken verzierte , so wie es die Bewegung eben mit sich brachte . Doch machte sich der Volkshumor im Schoße des Schauspieles selbst geltend , als es zum Schusse kam . Hier war seit undenklichen Zeiten , wenn bei Aufzügen die Tat des Tell auf derbe Weise vorgeführt wurde , der Scherz üblich gewesen , daß der Knabe während des Hin- und Herredens den Apfel vom Kopfe nahm und zum großen Jubel des Volkes gemütlich verspeiste . Dies Vergnügen war auch hier wieder eingeschmuggelt worden , und als Geßler den Jungen grimmig anfuhr , was das zu bedeuten hätte , erwiderte dieser keck » Herr ! Mein Vater ist ein so guter Schütz , daß er sich schämen würde , auf einen so großen Apfel zu schießen ! Legt mir einen auf , der nicht größer ist als Euere Barmherzigkeit , und der Vater wird ihn um so besser treffen ! « Als der Tell schoß , schien es ihm fast leid zu tun , daß er nicht seine Kugelbüchse zur Hand hatte und nur einen blinden Theaterschuß absenden konnte . Doch zitterte er wirklich und unwillkürlich , indem er anlegte , so sehr war er von der Ehre durchdrungen , diese geheiligte Handlung darstellen zu dürfen . Und als er dem Tyrannen den zweiten Pfeil drohend unter die Augen hielt , während alles Volk in atemloser Beklemmung zusah , da zitterte seine Hand wieder mit dem Pfeile , er durchbohrte den Geßler mit den Augen , und seine Stimme erhob sich einen Augenblick lang mit solcher Gewalt der Leidenschaft , daß Geßler erblaßte und ein Schrecken über den ganzen Markt fuhr . Dann verbreitete sich ein frohes Gemurmel , tief tönend , man schüttelte sich die Hände und sagte , der Wirt wäre ein ganzer Mann , und solange wir solche hätten , tue es nicht not ! Doch ward der wackere Mann einstweilen gefänglich abgeführt , und die Menge strömte aus dem Tore nach verschiedenen Seiten , teils um anderen Szenen beizuwohnen , teils um sich sonst vergnüglich umherzutreiben . Viele blieben auch im Orte , um dem Klange der Geigen nachzugehen , welche da und dort sich hören ließen . Auf die Mittagsstunde machte sich aber alles bereit , auf dem Grütli einzutreffen , wo der Bund beschworen wurde , mit Weglassung der Schillerschen Stellen , die sich auf die Nacht bezogen . Eine schöne Wiese an dem breiten Strom , von ansteigendem Gehölz umschlossen , war dazu bestimmt , wie auch der Strom überhaupt den See ersetzen mußte und den Fischern und Schiffsleuten zum Schauplatz diente . Anna setzte sich zu ihrem Vater in das Gefährt , ich ritt nebenher , und so begaben wir uns gemächlich auf den Weg dahin , um als Zuschauer auszuruhen und ausruhend zu genießen . Auf dem Grütli ging es sehr ernst und feierlich her ; während das bunte Volk auf den Abhängen unter den Bäumen umhersaß , tagten die Eidgenossen in der Tiefe . Man sah dort die eigentlichen wehrbaren Männer mit den großen Schwertern und Bärten , kräftige Jünglinge mit Morgensternen und die drei Führer in der Mitte . Alles begab sich auf das beste und mit vielem Bewußtsein , der Fluß wogte breit glänzend und zufrieden vorüber ; nur tadelte der Schulmeister , daß die Jungen und die Alten bei der feierlichen Handlung keinen Augenblick die Pfeifen aus dem Munde täten und kaum Walter Fürst und Stauffacher die ihrigen beiseite getan hätten ; Melchthal aber , der viel Geld mit dem Ochsenhandel verdiente , rauchte eine Zigarre , und der Pfarrer Rösselmann schnupfte unaufhörlich . Das störte in der Tat aber niemand als den Schulmeister , welcher weder rauchte noch schnupfte . Als der Schweizerbund unter donnerndem Zuruf des lebendigen Berges umher beschworen war , setzte sich die ganze Menge , Zuschauer und Spieler untereinandergemischt , in Bewegung ; der größte Teil wogte wie eine Völkerwanderung nach dem Städtchen , wo ein einfaches Mahl bereitet und fast jedes Haus in eine Herberge umgewandelt war , sei es für Freunde und Bekannte , sei es für Fremde gegen einen billigen Zehrpfennig ; denn so unbefangen , wie wir die Aufzüge des Stückes durcheinandergeworfen , hielten wir auch für gut , sie durch eine Erholungsstunde zu unterbrechen , um nachher die gewaltsamen Schlußereignisse mit desto frischerm Mute herbeizuführen . Der eigentliche Festwirt hatte in Betracht des ungewöhnlich warmen Wetters rasch den Markt , oder besser gesagt , den ganzen und einzigen innern Raum des Städtchens in einen Speisesaal umgeschaffen ; lange Tischreihen waren errichtet und gedeckt für diejenigen der » Verkleideten « und sonstigen Ehrenpersonen , welche das gemeinsame Essen teilen wollten , die übrigen besetzten die Häuser und viele einzelne Tische , welche vor die Häuser gestellt waren . So gewann das Städtchen doch wieder das Ansehen einer einzigen Familie , aus allen Fenstern blickten die abgesonderten Gesellschaften auf die große Haupttafel , und diejenigen vor den Häusern sahen bald wie unregelmäßige Verzweigungen derselben aus . Den Stoff zu den lauten Gesprächen lieh die allgemeine Theaterkritik , die sich über alle Tische verbreitete und deren mündliche Artikel die Künstler selbst verfaßten . Diese Kritik befaßte sich weniger mit dem Inhalte des Dramas und mit der Darstellung desselben als mit dem romantischen Aussehen der Helden und mit der Vergleichung mit ihrem gewöhnlichen Behaben . Daraus entstanden hundertfache scherzhafte Beziehungen und Anspielungen , von denen kaum der Tell allein freigehalten wurde ; denn dieser schien unangreifbar . Aber der Tyrann Geßler geriet in ein solches Kreuzfeuer , daß er in der Hitze des Gefechtes einen kleinen Rausch trank und seinen blinden Ingrimm bald auf sehr natürliche Weise darzustellen imstande war . Die heitersten Scherze veranlaßten die jungen Leute , welche in Frauentracht an der Tafel saßen . Es waren drei oder vier Bursche wie Milch und Blut , mit Sorgfalt gekleidet , und benahmen sich sehr züchtig und zimpferlich ; während sie verliebter und kecker Natur und angehende Don Juans waren , ließen sie sich nun von ihren Kameraden , den ländlichen Kavalieren , spröde den Hof machen und ahmten aufs beste die Art sittsamer Frauen nach . Die wirklichen Mädchen betrachteten aus der Entfernung ziemlich wohlgefällig ihre neuen Rivalinnen ; doch wenn die verkleideten Schälke plötzlich sich unter sie mischten und ein mädchenhaft vertrauliches Wort flüstern wollten , fuhren sie schreiend auseinander . Aber dies alles belustigte mich nicht sehr , da ich mich genug um Anna zu kümmern hatte . Sie saß am Ehrenplatze zwischen ihrem Vater und dem Regierungsstatthalter , gegenüber dem Tell und seiner wirklichen anwesenden Ehefrau . Nachdem sie schon ihrer reizenden und vornehmen Erscheinung wegen die allgemeine Aufmerksamkeit erregt , machte sich nun auch der ehrbare Ruf ihres Vaters , ihre feine Erziehung und im Hintergrunde ihr artiges Erbe geltend ; ich mußte zu meiner großen Bekümmernis sehen , wie der Platz , wo sie saß , von allerhand hoffnungsvollen Gesellen belagert wurde , ja wie alle vier Fakultäten sich bestrebten , dem gravitätischen Schulmeister zu Gefallen zu leben . Ein frisch patentierter junger Doktor spielte den Erfahrenen , ein Jurist machte Witze , ein Vikarius verdrehte die Augen und sprach von der Poesie wie eine Kuh von der Muskatnuß ( um das Sprichwort zu gebrauchen ) , und ein rationeller Landwirt , der die Philosophie vertrat , zog alle Augenblicke eine große Schweinsblase hervor , welche wenigstens funfzig Gulden in allen Silbersorten enthielt , und suchte mit starkem Gerassel einige Kreuzer , um einen Aufwärter zu bezahlen . Doch alle waren stattliche blühende Bursche mit einer behaglichen Zukunft ; ich war arm und hatte einen Beruf gewählt , der nicht nur mit ewiger Armut verbunden war nach meinen eigenen Begriffen und zu meinem stolzen Vergnügen , sondern überhaupt bei allen diesen Leuten nichts gelten konnte , während der Stand eines jeden der vier Hoffnungsvollen , selbst wenn diese arm waren , großes Ansehen bei dem Volke genoß , wie alles , was es nach seinen Begriffen für notwendig hält und vom Staate kontrolliert oder besoldet sieht . Ich entdeckte daher zum ersten Mal mit Schrecken , welch einer geschlossenen Macht ich gegenüberstand . Anna war gegen alle gleich freundlich , so unbefangen und offen , wie ich sie gar nie gesehen und am wenigsten gegen mich ; aber obgleich mich gerade das hätte beruhigen sollen und ich überdies die ungewöhnlich edle Denkart des Schulmeisters kannte , so wurde es mir doch ganz heiß , und ich beschuldigte sogleich die Weiber , daß sie unter dem Vorwande der Selbstverleugnung und des kindlichen Gehorsams es doch immer vorzögen , wenn auch unter heuchlerischen Tränen , sich unvermerkt dahin zu salvieren , wo guter Rat und Wohlstand wäre , und wenn sie eine Ausnahme machten , so geschähe das weniger aus Liebe als aus Eigensinn , welcher sich auch in Übertreibung und Ungebärdigkeit alsobald kundgebe ! Doch kam mir kein Gedanke an einen besondern Vorwurf gegen Anna , weil mir alles achtungswert und notwendig schien , was sie tat oder je tun würde , und ich entschuldigte sie sogar im voraus , wenn sie etwa in den Fall geraten sollte , nach dem Willen ihres Vaters einem Angesehenen und Reichen ihre Hand zu geben . Auch achtete ich diese ganze mächtige Volksschaft zu sehr und fühlte mich nur unbedeutend und unnütz in diesem Augenblicke . Betrübt erhob ich mich von meinem Sitze , wo ich zufällig zwischen zwei fremde Personen geraten war , und schlenderte um die Tische herum , meine Vettern und Basen aufsuchend , die sich im vollen Jubel befanden . Sie waren zu sehr mit ihrer Freude beschäftigt , als daß sie meinen Trübsinn hätten bemerken können , und ich war nahe daran , in das empfindsame Mitleid mit mir selbst , das ich in früheren Tagen gekannt , zu verfallen , als Margot , die Braut , welche in stiller Glückseligkeit neben dem Müller saß , mich heranwinkte , mit freudestrahlenden und doch teilnehmenden Augen fragte , warum ich mich so einsam und düster umhertreibe , mich mit ungewohnter Herzlichkeit beim Arme nahm und an ihrem Stuhle festhielt . Ich hätte sie aus Dankbarkeit umhalsen und küssen mögen , zumal sie mir so schön und liebenswürdig vorkam wie früher nie . Eine Braut zur Beschützerin zu haben , schien mir halb gewonnenes Spiel . Ich empfand sogleich eine warme und treue Freundschaft für sie , und auch sie schien froh zu sein , die dünne Scheidewand der bisherigen Ironie zwischen uns fallenzulassen und einen ihrem künftigen Hause ergebenen Vetter aus mir zu machen . Sie unterhielt sich fortwährend und angelegentlich mit mir und veranlaßte den Müller , an dem vertraulichen Geplauder teilzunehmen . Das tat er denn auch mit freundschaftlicher Kraft , wir wurden herzlicher und offener gegeneinander , kurz , ich glaubte endlich zu meinem großen Troste zu entdecken , daß man mich achtete und werthielt . Zutraulich bei diesem hübschen Paare stehend , sah ich nun ruhiger über die Versammlung hin und rückte endlich ein Stück weiter , um mich bei dem Schulmeister und seiner Tochter einzufinden . Trotz des Verkommnisses in der Gartenlaube war unser Verkehr nicht sehr fortgeschritten , wir wechselten kaum einige Worte , im übrigen blieben wir still und zufrieden in unserer gegenseitigen Nähe , und selbst heute hatten wir fast nichts unmittelbar zueinander gesprochen . Als ich mich nachlässig hinter Annas Stuhl lehnte , bot mir der Schulmeister , während er mit den Nachbaren sprach , leichthin das Glas , wie man einem Angehörigen tut , den man oft sieht ; seine Tochter kehrte sich nicht einmal um und fuhr fort , ihre Verehrer anzuhören . Das schmeichelte mir nun wieder , vor einer Viertelstunde hätte es meine Betrübnis vermehrt ; ich schlug die Arme übereinander und hörte gelassen dem Gespräche zu . In ihrem Wetteifer waren die vier jungen Herren ein wenig kühn und prahlerisch geworden ; ihre Studentenbildung und die Sitten ihres ländlichen Herkommens gerieten wunderlich durcheinander , sie verloren ihren Takt gegenüber dem feinen Kinde , das sie wie eine Mücke zu fangen glaubten , sagten Dummheiten ohne alle Anmut , und als das Zeichen zum Aufbruch erklang , gaben sie Anna ihre Visitenkarten ! Was das heißen sollte , wußte kein Mensch ; einer hatte angefangen , die anderen wollten nicht zurückbleiben . Sie hatten diese Karten beim Abgange von der Universität machen lassen , wie sie es bei anderen gesehen , die Hälfte davon gegen diejenigen ihrer Freunde vertauscht , indem sie einander besuchten , wenn sie nicht zu Hause waren , die andere Hälfte war nun noch vorrätig , und obgleich hierzulande keine Visitenkarten abgegeben wurden , wenn die Leute nicht zu Hause waren , so trugen sie doch stets einige bei sich , wie die Habichte auf einen günstigen Zufall lauernd , wo sie eine derselben anbringen konnten . Jetzt hatten sie mit kühner Hand sich die Gelegenheit vom Zaun gebrochen und ohne weiteres die glänzenden Dinger hervorgeholt . Anna hielt sie anscheinend bewunderungsvoll in der Hand ; auf einem stand Dr. med . , auf dem andern Cand . jur . , auf dem des Vikars V. D. M. Als Anna fragte , was letzteres bedeute , lag es mir auf der Zunge , zu sagen VerD ammter Mucker ! Denn der arme junge Priester war zwar ein sogenannter freisinniger Theologe , hatte aber von der Universität eine bedenkliche ästhetische Muckerei heimgebracht . Er erklärte aber , es hieße Verbi Divini Minister . Nur der rationelle Landwirt besaß keine Karte ; dafür zog er noch einmal seine Blase heraus , setzte sie klirrend auf den Tisch , grub einen Franken aus derselben hervor und warf denselben ohne alle Veranlassung einem Kinde hin . Ich bemerkte , daß dies von den Anwesenden sehr mißfällig angesehen wurde , und triumphierte nun vollkommen in meinem schadenfrohen Gemüte . Es kann mich aber vielleicht entschuldigen , daß alle vier sechs bis sieben Jahre älter als ich und schon gereist waren ; auch haben sie seither nach ihrem Wunsche achtbare und vermögliche Frauen bekommen und sind ebenso tüchtige als geachtete junge Männer mit Ausnahme des Verbi Divini Minister , welcher einen schlimmen Handel bekam und außer Landes ging . Auf einmal kehrte sich Anna um und bat mich , ihr die Karten aufzubewahren ; sie bemerkte lächelnd , ich möchte ja recht Sorge dazu tragen , und als ich sie einsteckte , war mir , als ob ich alle vier Helden in der Tasche trüge . Doch diese mochten auch bereits einsehen , daß sie einen unschicklichen und törichten Streich begangen , und verloren sich aus unserer Umgebung ; denn als kluger Bauern ebenso kluge Söhnlein waren sie nur oberflächlich in solche Schnörkeleien hineingeraten und soeben durch Annas feines Wesen fälschlich zu deren Anwendung verlockt worden . Während man nun von allen Seiten aufbrach , hatte sich in unserer Nähe , wo der Statthalter , Wilhelm Tell , der Wirt , und andere Männer von Gewicht saßen , eine bedächtige Unterhandlung entsponnen . Es handelte sich um die Richtung einer neuen Straße erster Klasse , welche von der Hauptstadt her durch diese Gegend an die Grenze geführt werden sollte . Zwei verschiedene Pläne standen sich in bezug auf unser engeres Gebiet entgegen , welche mit gleichwiegenden Vorteilen und Schwierigkeiten verbunden waren ; die eine Richtung ging über eine gedehnte Anhöhe , fast zusammenfallend mit einer älteren Straße zweiten Ranges , mußte aber im Zickzack geführt werden und stellte bedeutende Kosten in Aussicht ; die andere ging mehr grad und eben über den Fluß , allein hier war das anzukaufende Land teurer und überdies ein Brückenbau notwendig , so daß die Kosten also sich gleichkamen , während die Verkehrsverhältnisse die Wünschbarkeit ebenfalls ziemlich gleich verteilten . Aber an der älteren Straße auf der Anhöhe lag das Gastbaus des Tell , weit hinschauend und viel besucht von Geschäftsmännern und Fuhrleuten ; durch die große Straße in der Niederung würde sich der Verkehr dort hingezogen haben und das alte berühmte Haus vereinsamt worden sein ; daher sprach sich der wackere Tell , an der Spitze eines Anhanges anderer Bewohner der Anhöhe , energisch für die Notwendigkeit aus , daß die neue Straße über dieselbe gezogen werde . In der Tiefe hingegen hatte ein reicher Holzhändler , die Schiffahrt abwärts benutzend , seine weitläufigen Räume angelegt , dem nun die Straße zum Transport aufwärts unentbehrlich schien Er war seit einer Reihe von Jahren , schon in der Restaurationszeit , Mitglied des Großen Rates und einer jener Männer , die weniger ideellen Stoff in eine gesetzgebende Behörde bringen , als durch geschäftliche Sach-und Lokalkenntnis ebenso schlichte als unentbehrliche und darum stehende Erscheinungen in denselben und jeder herrschenden Partei von Nutzen sind . Er war radikal und stimmte in allen politischen Fragen im Sinne des Fortschrittes , aber ohne viel Umstände , indem er mehr durch sein Beispiel als durch Reden wirkte . Nur wenn eine Frage in den Geldbeutel eingriff , pflegte er die Debatte mit genauen Erörterungen und Bedentlichkeiten aufzuhalten ; denn auch der Radikalismus war ihm ein Geschäft und er der Meinung , mit den äußersten Ersparnissen , die man den Kosten von sechs Unternehmungen abgezwackt , könne man eine siebente obendrein ermöglichen . Er wollte die Sache der Freiheit und Aufklärung nach der Weise eines klugen Fabrikanten betrieben wissen , welcher nicht darauf ausgeht , mit ungeheuren Kosten auf einmal ein kolossales Prachtgebäude herzustellen , in welchem er die Arbeiter zur Not beschäftigen könnte , sondern der es vorzieht , unscheinbare räucherige Gebäude , Werkstatt an Werkstatt , Schuppen an Schuppen zu reihen , wie es Bedürfnis und Gewinn erlauben , bald provisorisch , bald solid , nach und nach , aber immer rascher mit der Zeit , daß es raucht und dampft , pocht und hämmert an allen Ecken , während jeder Beschäftigte in dem lustigen Wirrsal seinen Griff und Tritt kennt . Deswegen eiferte er immer gegen die schönen großen Schulhäuser , gegen die erhöhten Besoldungen der Lehrer und dergleichen , weil ein Land , welches mit einer Menge bescheidener , aber mit allen Mitteln vollgepfropfter Schulstuben gespickt sei , in bequemer Nähe überall , wo ein paar Kinder wohnen , und wo an allen Ecken und Enden tapfer und emsig gelernt würde in aller Unscheinbarkeit , erst die wahre Kultur aufzeige . Der gravitätische Aufwand , behauptete der Holzhändler , behindere nur die tüchtige Bewegung ; nicht ein goldenes Schwert tue not , dessen mit Edelsteinen besetzter Griff die Hand geniere , sondern eine scharfe leichte Axt , deren hölzerner Stiel , vom rüstigen Gebrauche geglättet , der Hand vollkommen gerecht sei zur Verteidigung wie zur Arbeit , und die ehrwürdige Politur an einem solchen Axtstiele sei ein viel schönerer Glanz , als Gold und Steine jenes Schwertgriffes darböten . Ein Volk , welches Paläste baue , bestelle sich nur zierliche Grabsteine , und der Wandelbarkeit könne noch am besten widerstanden werden , wenn man sich unter ihrem Panier schlau durch die Zeit bugsiere , leicht und behende ; erst ein Volk , das dies begriffen , immer bewaffnet und marschfertig , ohne unnützes Gepäck , aber mit gefüllter Kriegskasse versehen sei , dessen Tempel , Palast , Festung und Wohnhaus in einem Stück das leichte , luftige und doch unzerstörbare Wanderzelt seiner geistigen Erfahrung und Grundsätze sei , überall mitzuführen und aufzuschlagen , könne sich Hoffnung auf wahre Dauer machen , und selbst seinen geographischen Wohnsitz vermöge ein solches länger zu behaupten . Besonders von den Schweizern wäre es ein Unsinn , wenn sie ihre Berge mit schönen Gebäuden bekleben wollten ; höchstens am Eingange wären allenfalls ein paar ansehnliche Städte zu dulden , sonst aber müßten wir es ganz der Natur überlassen , die Honneurs zu machen ; dies sei nicht nur das billigste , sondern auch das klügste . Von den Künsten ließ er einzig Beredsamkeit und Gesang gelten , weil sie seinem » Wanderzelte « entsprachen , nichts kosten und keinen Platz einnehmen . Sein eigenes Besitztum sah ganz nach seinen Grundsätzen aus ; Brenn- und Bauholz , Kohlen , Eisen und Steine bildeten in ungeheuren Vorräten ein großes Labyrinth , dazwischen kleine und große Gärten , denn wenn ein Platz für einen Sommer frei war , so wurde schnell Gemüse darauf gesäet ; hie und da beschatteten mächtige Tannen , die er noch hatte stehenlassen , eine Sägemühle oder Schmiede . Sein Wohnhaus lag mehr wie eine Arbeiterhütte als wie ein Herrenhaus dazwischen hingeworfen , und seine Frauensleute mußten für ein bescheidenes Ziergärtchen einen fortwährenden Krieg führen und mit demselben stets um das Haus herum flüchten ; bald wurde es an diese , bald an jene Ecke geschoben , von Hecken oder Geländern war auf dem ganzen Grundstück nichts zu sehen . Es lag ein großer Reichtum darin , aber dieser änderte täglich seine äußere Gestalt ; selbst die Dächer von den Gebäuden verkaufte der Mann manchmal , wenn sich günstige Gelegenheit bot , und doch saß er seit langer Zeit auf diesem Besitze , und die fragliche Straße schien demselben die Krone aufzusetzen ; denn eine gute Straße dünkte ihm das beste Ding von der Welt , nur müsse sie ohne kostspielige Meilenzeiger und ohne Akazienbäumchen und derlei Firlefanz sein . Auch war er fast immer auf der Straße in einem leichten , einfachen , aber vortrefflichen Fuhrwerke , dessen Remise ebenfalls auf steter Wanderung begriffen war und lediglich aus losen Bauhölzern bestand . Der Holzhändler meinte nun , der Wirt müsse oben seine Hütte zuschließen und einen Gasthof unten an die neue Straße und Brücke bauen , wo noch ein größerer Verkehr zu erwarten wäre , da hier noch die Schiffsleute hinzukämen . Allein der Wirt war der entgegengesetzten Gesinnung . Er saß in dem Hause seiner Väter ; es war seit alten Zeiten immer ein Gastbaus gewesen ; von seiner sonnigen Höhe war er gewohnt , über das Land hinzublicken , und das Haus hatte er mit schönen Schweizergeschichten bemalen lassen . Von der Verteidigung mit einer schlechten Axt wollte er nichts hören , dieselbe sei höchstens zum gelegentlichen Erschlagen eines Wolfenschießen gut ; sonst bedurfte er einer trefflichen und fein gearbeiteten Büchse , die Übung mit derselben war ihm der edelste Zeitvertreib . Er war auch , der Meinung , ein freier Bürger müsse arbeiten und sorgen , sieh ein unabhängiges Auskommen zu schaffen und zu erhalten , aber Nicht mehr , als nötig sei , und wenn die Sache in sichrem Gange , so zieme dem Mann eine anständige Ruhe , ein vernünftiges Wort beim Glase Wein , eine erbauliche Betrachtung der Vergangenheit des Landes und seiner Zukunft . Er betrieb einen beschränkten Weinhandel , nur mit gutem und wertvollem Wein , mehr gelegentlich als geschäftsmäßig ; in seinem Hause ging alles seinen Gang , ohne daß er viel umhersprang , wozu er auch zu beleibt war . Auch er war ein Mann des Rates und der Tat , aber mehr in der moralischen Welt , und in politischen Dingen ein einflußreicher Volksmann , ohne daß er im Großen Rate saß . Bei den Wahlen hörten viele auf ihn ; daher mochte die Regierung ihn sowenig gegen sich aufbringen als den Holzhändler . Sie hatte dem Großen Rate , behufs eines Gesetzes über den fraglichen Straßenbau , ihr Gutachten vorzulegen ; man wünschte , daß der betreffende Nachteil des Entscheides nicht den Behörden zur Last gelegt , sondern an Ort und Stelle ausgekocht würde , und zu diesem Ende hin hatte der Statthalter diese Gelegenheit ergriffen , die beiden Männer aneinanderzubringen und zu einer Verständigung aufzufordern . Der Statthalter war ein freundlicher und wohlbeleibter Mann mit einem hübschen Gesichte und vornehm grauen Haaren ; er trug feine Wäsche und einen feinen Rock , an der feinen Hand goldene Ringe und lachte gern . Immer war er gelassen , führte seine Geschäfte mit Festigkeit durch , ohne sieh auf die Gewalt zu berufen und als Regierungsperson zu brüsten . Er war sehr gebildet , allein davon zeigte er jederzeit nur , soviel nötig war , und tat dies auf eine Weise , als ob er den Bauern nur etwas erzählte , das er zufällig erfahren und sie ebensogut wissen könnten , wenn es sich just gefügt hätte . Mit seinem feinen Rock und seinen Manschetten ging er überallhin , wo ein Bauersmann hinging , nahm seinen Putz nicht in acht dabei und verdarb ihn doch nicht . Zu den Leuten verhielt er sich nicht wie ein Vogt zu seinen Untergebenen oder wie ein Offizier zu seinen Soldaten , auch nicht wie ein Vater zu den Kindern oder ein Patriarch zu seinen Hirten , sondern unbefangen wie ein Mann , der mit dem andern ein Geschäft zu verrichten und eine Pflicht zu erfüllen hat . Er strebte weder herablassend noch leutselig zu sein , am wenigstens suchte er den besoldeten Diener des Volkes zu affektieren . Er gründete seine Festigkeit gar nicht auf die Amtsehre , sondern auf das Pflichtgefühl ; doch wenn er nicht mehr sein wollte als ein anderer , so wollte er auch nicht weniger sein . Oder vielmehr wollte er gar nicht , denn er war alles , was er vorstellte . Und doch war er kein unabhängiger Mann ; einer reichen , aber verschwenderischen Familie entsprossen und in seiner Jugend selbst ein lustiger Vogel , kehrte er mit erlangter Besonnenheit gerade in das väterliche Haus zurück , als dasselbe in Verfall geriet ; es war gar nichts zu leben übriggeblieben , sein verkommener , lärmender Vater mußte noch erhalten werden ; so sah sich der junge Mann genötigt , gleich ein Amt zu suchen , und war endlich unter vielen Wechseln und Erfahrungen einer von denen geworden , die ohne ihr Amt Bettler und Regierungspersonen von Profession sind . Er konnte aber als eine Ehrenrettung und Verklärung dieser verrufenen Lebensart gelten ; den ersten Schritt hatte er in der Jugend und in der Not getan , und als es nachher nicht mehr zu ändern war , zog er sich wenigstens mit Ehre und wahrer Klugheit aus der Sache . Der Schulmeister pflegte von ihm zu sagen er sei einer von den wenigen , die durch das Regieren weise werden . Doch alle Weisheit half ihm jetzt nicht , den Holzhändler und den Wirt zu einer Verständigung zu bringen , damit er der Regierung berichten könne , welcher Zug der Straße in der Gegend allgemein gewünscht werde . Jeder der beiden Männer verteidigte hartnäckig seinen Vorteil ; der Holzhändler hielt sich schlechtweg an den Vernunftgrund , daß die Wahl zwischen einer ebenen und graden Linie und zwischen einem Berge heutzutage unzweifelhaft sein müsse , und barg so seinen eigenen Vorteil hinter