stolz , wenn Du den reichen und vornehmen Herren kein Wort , keinen Blick schuldig bleibst . Wie Viele bücken sich und kriechen , Du gehst grade . - Nein , Walter , auch darum nicht , nicht weil ich Dir zu Hülfe kommen wollte . - Ach , hilf mir doch - das Schwerste ist heraus , das Allerschwerste steckt noch in der Brust . « Sie barg ihr Gesicht an seinem Halse . Er strich über ihre Stirn ; er bat sie zu denken , sie sei in der Kirche wie die fromme Katholikin , von der sie neulich gelesen , und er ihr Beichtvater . » Neulich , nach unserem Feste - Du weißt von dem unglücklichen Zufall . Ich verlor meine Besinnung , Jemand trug mich aus dem brennenden Zimmer . Hässliche , gleichgültige Menschen kamen und gingen ; aber in der Nacht , als es still ward , halb wachte ich , halb träumte ich - die Andern hatten mich wohl vergessen in dem Wirrwarr , und die Nachtlampe brannte dunkel , da schlich es herein . Er überraschte mich - « » Gerechter Gott ! « » Nein , Walter , erschrick nicht . « » Wer ? « » Ich kannte ihn , und darf ihn doch nicht nennen . Er umfasste meine Knie , wie der Orest das Bild der Göttin , und seine schönen Augen rollten , wie eines Wahnsinnigen . Ich wollte aufschreien , mich losmachen , aber ich konnte nicht , wenn ich ihm ins Auge sah . Ihn peinigten ja auch , wie den Sohn des Agamemnon - die Furien . « » Was wollte der Freche ? « » Er bat mich , daß ich vergessen , vergeben sollte . « » Was solltest Du ihm vergeben ? « » Das ist aus der alten schrecklichen Geschichte - « » Von der kein Wort ! - Die Geheimräthin erwähnte neulich eines Unverschämten , der Dich auf der Straße verfolgt - « » Ach , Walter , jetzt verstehe ich erst , was wir in den Gedichten lasen . Ist das Liebe so ist ja Liebe eine Krankheit , vor der Gott Dich und mich bewahre . So muß Orest krank gewesen sein . « » Er sprach seine Leidenschaft aus , er quälte , marterte Dich ? - Weiß Jemand darum ? « » Keiner soll davon wissen , außer Dir . Dich nehm ' ich aus . « » Du versprachst ihm Verschwiegenheit ? « » Ihm nicht , mir gelobte ich sie aus - einem Mitleid , das ich noch nie empfunden . Walter , o hättest Du ihm in das Gesicht gesehen , das schöne , fürchterliche Gesicht . Bald ein wildes Thier , das mich zerreißen konnte , bald wie ein Kind so sanft . - Ich bedurfte keines Beistandes , keiner Hülfe , glaube es mir , gewiß nicht . Ich wäre ihm wie eine Heilige , eine Göttin , eine Priesterin , deren Wünsche ihm Befehle sind - « » Das ist die Sprache der Wüsten ! Du kennst diese Menschen noch nicht . Wo ihre gewöhnlichen Künste nichts fruchten , sie einen Widerstand finden , den sie damit nicht bewältigen , stehlen sie aus der Seele ihres Opfers die edelsten Gefühle , um sie zu überlisten . Mit Thränen , empfindsamen Reden nesteln sie sich wie der Mehlthau an die Fasern und Fäden einer edlen Seele . Sie reißen die Brust auf , um Schmerzen zu zeigen , die sie erheuchelt , und indem sie das Mitleid aufrufen , spritzen sie Gift in die arglose Seele de Theilnehmenden . « Sie sah ihn ruhig an , und schüttelte den Kopf : » Du kennst ihn nicht ; den nicht . Nein , Walter , das war keine Täuschung . Er schüttete seine volle Seele , seinen brennenden Schmerz , seine Selbstanklagen aus . Und dahinter blieb nichts zurück , kein Fältchen . - Wie eines Wahnsinnigen Reden klang es ja : aber wie die Wahnsinnigen im Alterthum , sagtest Du , die Wahrheit verkündeten . So spricht Keiner , daß er unwürdig sei , so entsagt Keiner dem , was ihm das Liebste ist - so spricht Keiner von dem Stern , der ihm zu spät geleuchtet . So nicht vom Vaterlande , das untergeht , So klagt sich Keiner an , daß er zu früh verzweifelt und darum selbst in dem Sumpfe versank , wo keine Rettung ist . Ich reichte ihm meine Hand , ich sagte , ich wollte ihn aufziehen , er rief : berühre mich nicht , es ist zu spät ! Walter , das vergess ' ich nie , das klang wie das Parzenlied . Da ist ein edler Mensch verloren gegangen . « » Verloren ! « rief Walter , in sich hinbrütend , » das ist ein schrecklich Wort . « Sie ergriff seine Hand : » Und darum , Walter , darum habe ich gesprochen , wie ein Mädchen nicht sprechen soll . Und nun betrachte mich wie Dein Eigenthum ; ich bin ganz ruhig und zufrieden . Schalte und walte damit , wie Du willst , schilt mich , züchtige mich nicht , daß ich den Schleier der Schicklichkeit zerriß , daß ich nicht abwartete , bis Du gesprochen . Bin ich nicht auch , wie die griechische Fürstentochter , fortgerissen aus dem Hause der Eltern , in die Welt gestoßen ? Mein Gott hat es so gewollt , daß das Schrecklichste , Unerhörteste an einem armen Mädchen vorüberging . Da ward sie eine andere . Und Du bist der Mann , an den sich das schwache Mädchen lehnt , Du der Einzige , den ich werth fand , mich ihm zu geben , wie ich bin . War ' s Recht oder Unrecht , nun ist ' s an Dir , zu entscheiden . Du aber bist nun die Säule , an die der Epheu sich rankt , Du der Freund , den mir die Götter erzogen . Du sprichst nun für mich . So an Dich mich schmiegend , will ich stehen , wenn neue Stürme drohen , und der Unglückliche , der Verlorene , wenn er wieder kommt : Deine Verlobte , Walter , wird , ruhig und heiter , nicht mehr erschrecken . « Die Schwalben und die Bienen , und die Sonne in der Linde schauten auf einen Glücklichen und eine still Zufriedene . Ein Moment , von dem Dichter jener Zeit gesagt hätten , daß Götter Sterblichen darum beneiden könnten . Der Neid der Götter war immer gefährlich , aber auch jene Götter täuschten sich und wurden getäuscht . Sie schaukelten über dem Spiegel auf der See und sahen nicht den Sturm , der ihre Tiefe aufwühlte . - Ueber die Dächer tönte es vom Gensd ' armenthurm . Die Lehrstunde war wohl zu Ende . Sie hörten mit Schrecken die Schläge . Es waren aus der einen Stunde drei geworden . Das süße Geheimniß , was es für Andere noch bleiben sollte , durfte es nicht vor der Pflegemutter . Walter hatte es so gewollt . Adelheid erkannte seine Gründe an , aber sie seufzte , als sie aufstanden . Es war ein schwerer Gang . An der Thür der Geheimräthin hörten sie ein Gespräch . Es war Wandels Stimme . Lisette , die hinzukam , sagte : Frau Geheimräthin wolle nicht gestört sein . - Adelheid athmete auf . Walter drückte ihre Hand : » Also ein andermal , theures Fräulein . « - » Die sind auch einig , « sagte Lisette , nachdem sie die Flurthür hinter ihm zuschloß . Dreiunddreißigstes Kapitel . Auch eine Lehrstunde . In dem Gespräch zwischen der Geheimräthin und dem Legationsrath mochte auch schon weit über eine Stunde verstrichen sein . Es war gewissermaßen auch eine Lehrstunde , aber vom ursprünglichen Gegenstande mochten sie ebenfalls weit abgeschweift sein . Wir fanden neulich die Geheimräthin in aigrirter Stimmung auf den bewunderten Mann . Jetzt saßen sie Beide im intimsten Seelenverkehr auf dem Kanapé . Die Aussöhnung war längst erfolgt . Am Morgen nach der Gesellschaft war er schon vor Mucius und vor Selle dagewesen , er hatte ihr von dem präparirten Aether gebracht , der sie wunderbar schnell gestärkt und hergestellt . Er hatte Mucius durch seine Kenntnisse , die er in bescheidene Fragen einkleidete , überrascht , daß der Doktor beim Weggehen geäußert : Das ist ein Tausendkünstler , Madame ! Den müssten wir setzen lassen , daß er nicht ins Handwerk pfuscht . Hatte er nicht Selle , der durch das Versehen des Dieners auch bestellt worden , so geschickt in die Konsultation zu ziehen gewusst , daß er die Verlegenheit der Geheimräthin nicht merkte . Wie gesagt , es war alles ausgeglichen , - zwischen ihnen , aber nicht die tiefe Falte auf ihrer Stirn . Noch heut verrieth sie den Riß in der Brust . » Ich werde gar keine Gesellschaften mehr geben , « hatte sie gesagt . » Gott sei Dank ! « sagte er . » Warum ? « » Weil Sie endlich zur Ueberzeugung kamen , daß man das für die Menschen sich opfern den Narren überlassen muß . « » Sie meinen doch nur für die reale Menschheit , die in ihren Flitterkleidern ihre Armseligkeit zu verbergen sucht . « » Und was ist die reale Menschheit ? Sollen wir uns für den Begriff begeistern , der zwischen Adam und dem jüngsten Wiegenkinde liegt ? « » Aber was ist der Mensch , der sich für nichts interessirt ! Für irgend etwas muß er doch der Opfer fähig sein , er muß leben , oder er kehrt zum Thier zurück . « » Physiologen behaupten , daß jedes Menschengesicht eine Aehnlichkeit mit einer Espeçe derselben hat . « » So wäre es an uns , zu entdecken , mit welchem wir Verwandtschaft haben . Und wenn wir ' s wissen , sind wir am Rande unserer Erkenntniß . « » Moralisten behaupten , daß es alsdann unsere Aufgabe sei , dieses Thier zu bekämpfen . « » Mit welchen haben Sie zu kämpfen ? « fragte die Lupinus . » Sie sind in aigrirter Laune , theuerste Frau . Das ist eigentlich die beste . Mit diesem moralischen Scheidewasser spülen wir am schnellsten die sensualen Auswüchse ab , die uns an unserm Glück hindern . « » Was verstehen Sie unter diesen Auswüchsen ? « » Die sogenannten wohlwollenden Gefühle , die die ärgste Lüge sind , der Selbstbetrug , der uns am klaren Denken , am folgerechten Handeln hindert . « » Sie lenken von meiner Frage ab . Für was lebt der Mensch ? « » Nur für sich selbst . « » Aber in dies Selbst schließen Sie die Ideen , Bestrebungen , Illusionen , wie Sie es nennen wollen , ein , die unser Dasein über das Vegetiren der Pflanze , über den Instinkt der Thiere erheben ? « » Vielleicht . « » Warum nur bedingt ? Sie wollen ihn noch nicht bewundern , aber Sie anerkennen Napoleon . « Er hatte mit unterschlagenen Armen , im Sopha zurückgelehnt , gesessen . Er sah sie scharf an : » Wollen Sie ein Napoleon werden ? « » Thorheit ! « » Fühlen Sie Beruf , eine Semiramis , Zenobia zu sein , oder eine Maria Theresia , Katharina « » Das liegt ganz außer meiner Sphäre . « » Das ist das Lösewort . Wer die Grenzen seiner Sphäre erkennt , weiß wofür er lebt . Er weiß auch , wie er leben soll , das heißt , er kennt die Mittel , mit denen er wirkt , bis wohin er wirken kann . Wenn er aber das weiß , weiß er auch , daß nichts ihn hindern darf , so zu wirken , wie er kann , sagen wir muß . Was man will und kann , muß man ; es giebt keine höhere Aufgabe . Das aber ist die Krankheit unserer Zeit , das Siechthum unserer Halbwollenden , daß sie den großen Männern ihre großen Endziele abstehlen wollen . Haben sie Adlerflügel , Titanenkräfte ? So flattern sie , wie die Motten , ins Licht und zerstoßen ihre blutwarmweichen Hirnschädel , mit denen sie Mauern einbrechen wollten , am ersten besten Zaunpfahl . Daher diese Idealisten , Staatskünstler , Menschheitsverbesserer ! Was war es , das sie den Größen abstehlen sollten ? - Die richtige Erkenntniß ihrer Sphäre , die sie füllen , der Kräfte über die sie gebieten können . Der achtzehnte Brümaire , wäre ein Verbrechen , nein eine Dummheit gewesen , wenn der Lieutenant von Toulon ihn gewagt , für den Sieger an den Pyramiden ward es eine Tugend , die Europa und die Welt bewunderte ; er wusste was er konnte . « » Und was können wir , die wir nicht wissen , was wir wollen , können ? « » Kein Mensch ist so gering , daß er nicht etwas will , was scheinbar über die Verhältnisse , über seine unentwickelten Kräfte hinausgeht . Aber wenn er den Muth hat , es sich zu gestehen , so wachsen schon dadurch unvermerkt diese Kräfte . Liegt das Ziel im Kreise des Möglichen , wohlverstanden für ihn , so ist es auch für ihn erreichbar . - Ich bin entfernt davon , in Ihre geheimen Wünsche dringen zu wollen : aber denken Sie sich , meine Freundin , einen solchen Wunsch , den Sie bisher für unerreichbar hielten , verkörpern Sie ihn sich , und überrechnen Sie dann die Mittel , die Ihr Geist , Ihr Vermögen , Ihre physische Kraft , Ihre Freunde Ihnen bieten . Reichen diese Mittel aus , so sind Sie am Ziel ; denn es ist allein Ihre Schuld , wenn Sie es nicht erreichen . « » Das ist ein gefährlicher Gedanke . « » Warum ? - Gesetzt , Sie fühlten sich unglücklich mit Ihrem Gatten - « » Ich bitte Sie , Herr Legationsrath - « » Nun , Sie wünschten ihn zu einem lebenslustigen Mann zu machen . Ist das etwas Unrechtes ? - Doch es ist ein indiskretes Beispiel , Verzeihung ! Also umgekehrt - Sie wollten sich ganz der Armenpflege widmen , Ihr Haus zum Hospital umschaffen , selbst Krankenwärterin werden . Ihre Mittel wären endlich erschöpft , ja , meine Freundin , die Möglichkeit wäre da , daß Sie ihm auch seine Stube nähmen , seine Bibliothek verkauften - « » Ach der arme Mann ! « » Nur nicht Mitleid ! Wer etwas will , muß diese Rücksichten verbannen . Sehn Sie , die Fürstin Gargazin möchte uns Alle zu Konvertiten machen , sie scheut keine Mittel - gar keins , wenn sie nur Einen bekehren kann . « » Mein Mann stürbe , wenn er von seinen Büchern lassen müsste . « » Und wird von ihnen lassen müssen , wenn er von Allem lässt ; Doch , um wieder auf Bonaparte zu kommen , wie viel Peripherien hat er , eine nach der andern , um seinen jeweiligen Standpunkt gezogen , weit , weiter , und das ist das Bewunderungswürdige , nicht seine gewonnenen Schlachten , sondern daß er , im Mittelpunkt des Kreises , nie über den Kreis hinausgriff ! So ward er Konsul , Kaiser - « » O ich bin ungemein begierig , Ihre Ansichten darüber zu erfahren . « » Wozu das , Freundin ? Wozu die eigne Kraft anstrengen und uns vergessen ? « » Aber es ist so interessant - « » Sie haben Recht - seine Familienverhältnisse ! Da liegt der Hemmschuh für den Giganten . « » Die Familie erhebt er mit sich . « » Aber Josephine hat keine Kinder . - Sie muß fort . « » Wie ! Sie hob ihn . Er kann sie doch nicht verstoßen . « » Ei , seine Bewunderin hält ihn für so klein . Gefühle der Dankbarkeit sollen ihn an seinem Weltberuf hindern . « » Aber das Urtheil der Welt würde - « » Den Titanen regieren ! Da habe ich keine Skrupel . Aber die Kreolin ist eigensinnig , reizbar . Wenn sie sich nun nicht scheiden lassen will ? « » Sie meinten neulich , daß Josephine gegen ihren Mann contre operiren könnte ? « » Darüber bin ich hinaus . Sie ist nur eine Frau mit den gewöhnlichen Affekten eines Weibes . Groß im Kleinen , zu klein zu einer That , zu weich , gutherzig . Nein , nein , von der Seite ist nichts zu besorgen , aber er - Napoleon muß sich von ihr scheiden , er muß Söhne haben , er ist in voller Manneskraft , er ist durch die Verhältnisse wie von selbst zu einer Ehe gedrängt , die seine Nachkommenschaft vor der Meinung legitim macht , welche aus dem Schutt und Staub der Revolutionen aufsteigt und die Throne wieder mit einem Nimbus umzieht . Das ist ganz unabänderlich , daß muß er . Und wenn sie sich nun nicht scheiden lassen will , was muß er thun ? Was wird er thun ? Da , Freundin , wird sich ' s bewähren , ob er - er ist . « » Mein Gott , Sie meinen - « » Bisher war er sich immer klar . Aber diese Differenz - « » Er liebt Josephinen ! « » Was ist Liebe ? Verstehn wir uns ! Wir Beide meinen nicht jene Veilchenduft- , jene Vergißmeinnichtschwärmerei zartgeschaffener Seelen , noch jene dämonische Leidenschaft , die Mauern einreißt , um im Genuß sich zu tödten . Das sind Kinderspiele . Ich meine die Liebe , vor der Jahre und Verhältnisse wie Plunder versinken , das in den Mysterien der Natur geborne Bündniß Derer , die sich verstehen , sich das Zeugniß der Ebenbürtigkeit Einer dem Andern ausstellen . Diese Liebe bedarf keiner Besiegelung durch Lieder , Betheuerung und Schwüre . Sie ist da von sebst . Die Geister wie die Blicke brauchen sich nur zu finden , und im Moment ist der Bund geschlossen , ohne Worte . « Die Geheimräthin seufzte : » Das ist eine Vorstellung , erhaben wie die Ewigkeit ! « » Und nun , frage ich , herrscht zwischen ihm und ihr ein solcher Bund ? Begreift sie ihn nur ? Freilich möchte sie sich sonnen in seinem Diademen-Glanze , die immer liebenswürdige Kaiserin und Französin sein , entzückend in Toilettenkünsten , Intriguen , brillirend von Esprit in der Konversation , bezaubernd die Herzen durch ihr weiches Herz , wenn er zuschlagen muß , ihm in den Arm fallend : Ach thu ' s doch lieber nicht ! Was ist sie ihm ? - Eine Last , die er abstreifen muß . Er muß , sage ich , wenn er vorwärts will , und er kann es , es kommt nur darauf an , ob er den Muth hat , es zu wollen . « » Mein Kopf schwindelt ! « » Traf dies Loos nicht auch Solche , die er wahrhaft liebte ? Und er vernichtete sie , weil er sie liebte . « » Ich verstehe sie nicht . « » Jene graubärtigen Krieger , seine Veteranen , die Säulen seines Ruhmes , die ihm nach Afrika gefolgt . Im Sonnenbrande der syrischen Wüsten war seine Mission erfüllt , er huldigte nicht der Thorheit , ein romantischer Alexander sein zu wollen , er dürstete nicht nach Eroberungen , die sich nicht halten lassen . Er musste zurück . Konnte er die Kranken , die Verwundeten durch die glühende Sandwüste mit schleppen ? kaum seine Gesunden hielten die Strapazen aus ! Sollte er die Unglücklichen dem Grimm barbarischer Feinde zurücklassen ? Er war rasch entschlossen - « » Sie nehmen das Gerücht für wahr an ? « » So wahr ich ihn ehre . Gewiß nach einem schweren Kampf . Wer trennt sich leichten Herzens von Denen , die uns die Theuersten sind . Aber als es ihm klar war , daß er sein musste , zauderte er keinen Moment Hand aus Werk zu legen . Durfte er sie erschießen , erschlagen lassen ? Das durfte er nicht vor dem Urtheil der unmündigen Welt , nicht vor ihnen selbst . In süße Illusionen ließ er sie einwiegen , durch Opium bis - bis sie in süßen Träumen von dieser Welt schieden . Wie Mancher der Soldaten mag auf dem sauern Rückweg , unter Durst und Sonnenstichen erliegend , hülflos vielleicht zurückgelassen , weil er sich von der Kolonne verirrt , im Angesicht des Tigers , der Hyäne , deren Geheul seiner Witterung nachging , wie Mancher mag an die schnell und glücklich Gestorbenen in Accum zurückgedacht , ihr Loos beneidet haben ! Napoleon ging an ihren Lagerstätten umher , seine Augen blitzten sie an ; dem nickte er , dem drückte er die Hand , dem rief er ein baldiges Wiedersehn auf dem Felde der Ehre zu . Sie Alle richteten sich begeistert auf und riefen ihrem großem General ein Vivat ! « » Und im Leibe des - « hielt sie zusammenschaudernd inne . Er spielte ein bedeutungsloses Fingerspiel . Er hatte sehr wohlgeformte aristokratisch weiße Hände . Ein sanftes Lächeln spielte um die Augen , die auf die Hände niedersahen : » Wenn wir uns nur gewöhnen könnten die Dinge anzusehen nicht wie die Leute , sondern wie sie sind ! Wir würden viel glücklicher sein , und weit mehr Glück um uns verbreiten . - Hätte der große Mann sich um den Katechismus und die Morallehrer und Gott weiß welche Gevattern und Muhmen gekümmert , was hätte er dann thun sollen ? Etwa um die hunderte oder tausende Kranke nicht zu verlassen , selbst zurück bleiben , mit seinem schon geschmolzenen Heere , ohne Vorräthe , der wachsenden Zahl seiner Feinde , der Hitze , den neuen Krankheiten gegenüber ? Er wäre , so wahr zwei mal zwei gleich vier ist , als Opfer gefallen . Dann hätten freilich alle alten Weiber und alle romantischen Seelen sein Lob gesungen , als Märtyrer , der sich selbst geopfert für Nothleidende , und wie viel Tausende mit , das ist ihnen gleichgültig ; es ist doch eine edle That . Aber daß er alsdann eine andere Mission vergessen hätte , daß es galt sein großes Frankreich aus der Anarchie zu retten , die aufs Neue ihre Polypenarme ausstreckte , daran denken diese sentimentalen Gemüther nicht . Lieber die arme Fliege retten , die im Netz der Spinne sich gefangen hat , als zugreifen , wo die Gardine Feuer fängt , und das Haus kann verbrennen . Das ist die Moral , welche die sanften Seelen uns predigen . « Er war aufgesprungen : » O wie glücklich könnte die Welt sein , wenn die Menschen es verständen , frei zu sein ! « Er war sichtlich in einer Gemüthsbewegung . Man hörte Adelheids Stimme am Klavier . » Was würden Sie thun ? « wandte er sich plötzlich zur Lupinus . » Hier wäre Ihr Johann erkrankt , zu Ihren Füßen hingestürzt , und dort hörten Sie einen Schrei Ihrer Tochter - der tolle Mensch , durch ' s Fenster gestiegen , überfiele sie am Klavier . Oder , - er ist zwar zu allem fähig , - aber setzen wir nur den Fall , Sie wüssten , daß er wieder zu ihr eingedrungen , daß er sie mit seinen Verführungskünsten zu umgarnen sucht , was würden Sie , frage ich , zuerst thun ? Dort nach Ihrem Schrank mit den Essenzen springen , um den Diener zu soulagiren , oder da nach dem Zimmer zu Ihrer Tochter ? Ginge Ihnen der Diener oder die Tochter vor , der kranke Mensch , der doch über kurz sterben muß , oder das blühende junge Wesen ? « » Meine Tochter natürlich , « sagte die Lupinus . » Aber wenn der Mensch , der Johann , inzwischen stürbe ? Was würde die Welt dazu sagen ? « » Was würden Sie dazu sagen ? Das ist allein die Frage . Doch nichts anderes , als : dort droht ein unersetzlicher Verlust , hier kann ein Mensch sterben , für den der Tod eine Wohlthat ist . - Leben Sie wohl ! « » Habe ich Sie beleidigt ? « » Mich ? « » Sie raunen mir da eine entsetzliche Möglichkeit ins Ohr . « » Possen ! Phantasiestücke . - A propos , haben Sie Ihre kleine Apotheke arrangirt ? - Den Aether gebrauchen Sie , ich bitte nochmals , nur im äußersten Nothfall . « Er war an das Glasschränkchen getreten , und übersah die Etiketten der Gläser . » Ich werde noch Ihres Unterrichts in manchen Mixturen bedürfen . « » Nur mit keiner Sylbe gegen Jemand davon erwähnt . Doktor Mucius und die Andern wären im Stande einen Ausweisungsbefehl gegen mich zu erwirken . Die Herren Aerzte vertragen es nicht , wenn man in ihr Amt pfuscht . « Mit einem zweiten Händedruck hatte er die Thür erfasst , als Adelheids volltönende Stimme im Zimmer hinter dem Entree die Reichardtsche Komposition des Freudvoll und leidvoll , Gedankenvoll sein am Fortepiano sang . » Die Kleine singt recht hübsch . « » Reichardt ist zufrieden . Dusseck war neulich entzückt . « » Weil Sie gut zu essen geben - Und Ihr Wein vortrefflich ist . « » Lachen Sie nicht so abscheulich . « » Eine gute Figur . Sie könnte auch auf dem Theater ihr Glück machen . « » Pfui ! Darum hätte ich sie - « » Wie sie wollen . Aber sie genirt Sie doch wohl zuweilen . Nicht wahr ? Bekennen Sie es nur . « » Sie kann recht impertinent sein . « » Offenherzig ! Ich verdenke es ihr nicht . « » Hat sie ein Recht dazu ? « » Wird ihr nicht hundertfach gesagt , daß sie hier der Glanzpunkt ist ? Sie allein der Magnet , der die Leute in dies Haus zieht ? Sagen Sie es nicht selbst , Freundin ? Ich könnte mir ein Gewissen draus machen , sie zu Ihnen gebracht zu haben , wenn ich nicht wüsste , daß auch eine Philosophin zuweilen eine Narrenschule um sich braucht . « » Einige finden sie geistreich . « Jetzt hätte die Geheimräthin mehr Recht gehabt , sein Lächeln abscheulich zu nennen . » Es wird sich ja wohl bald für das geistreiche Mädchen eine gute Partie finden . « » Wer weiß ! Die jungen Leute sehen nach Geld . « » Der Herr Bovillard würde vielleicht auch nicht so toll verliebt sein , wenn er nicht an eine Mariage dächte , um seine Schulden zu bezahlen . « » Wie ! Sie denken , es ist sein Ernst - « » Wenn es Ihr Ernst ist , sie zur Erbin einzusetzen . « » Wer denkt daran ! « » Außer sehr vielen Adelheids Eltern , und sehr ernstlich . « » Impertinent ! Am Ende wünschen sie , daß ich noch bei meinen Lebzeiten meines Vermögens mich entäußere , um das aufgenommene Mädchen auszustatten . « » Solche Wünsche spricht man wenigstens nicht laut aus . « » O sie sollen sich getäuscht sehen . Ich will - « » Keinen Eklat , meine Freundin . Keine Affekte in solcher gleichgültigen Sache . Ihr Wille ist ja genug . Sie hatten also nie im Sinne , sie wirklich an Kindesstatt anzunehmen ? « » Und wenn ich einmal daran dachte - « » So sind Sie bei reiferer Ueberlegung von der Thörigkeit dieses Entschlusses überzeugt , und Sie sind die Frau , die in einer Aufwallung nichts ändert . Was braucht es denn mehr , die Sache ist zwischen uns - ich meine in Ihrem Geiste klar . Aber wozu das aussprechen . Ich würde es auch nicht merken lassen . Laß die Gimpel sich doch täuschen . Wozu gab Gott Jedem sein Maß Klugheit ? Warum sollen wir mit dem , was wir übrig haben , den Thoren beispringen . Und vielleicht verschafft der Glaube dem Mädchen doch eine gute Partie . Und ist es einmal soweit , dann springt auch nicht gleich Jeder darum ab . Das Point d ' Honneur ist eine Erfindung , um die Mittelmäßigen zu reguliren . Und giebt es nicht mariages d ' inclination ? Und - wer weiß , wie Sie das Mädchen auf andre Art wieder los werden ? Es fügt sich so manches . - Ich lache ordentlich , daß ich Ihnen darüber Instruktionen geben will . Lassen Sie sie freudvoll und leidvoll , unter Hangen und Bangen , ihrem Schicksal entgegen hüpfen . Wir haben doch wahrhaftig für anderes als dafür zu sorgen . « » Der abscheuliche junge Mensch will mir nicht aus dem Sinn , « sagte die Geheimräthin . » Er wird Sie bald nicht mehr beunruhigen , « entgegnete der Legationsrath , indem er ein versiegeltes Päckchen in den Schrank gelegt , den Schlüssel abgezogen , und ihn in die Hand der Geheimräthin gedrückt hatte : » Bewahren Sie ihn wohl . « » Was haben Sie hinein gethan ? « » Etwas , was Sie nur eröffnen dürfen nach meinem Tode . « Sie starrte ihn an . Er drückte ihre Finger an die Lippen : » Auch davon still , still ! Es ist nur mein Testament . « Sie presste krampfhaft ihre Hand auf seinen Arm : » Was haben Sie mir gesagt ? « » Daß ich einen festen Arm habe , einen sichern Blick , daß meine Kugel nie geirrt ; daß - das wilde Blut des Leidenschaftlichen nicht zielen kann , und - so gewiß Sie vor mir stehen , ich werde nicht fallen . Ich habe Ihnen noch mehr gesagt , mit kaltem ruhigem Blute werde ich ihn zu