« Wenn es nicht anders sein könne , sagte Uli , so lasse er es sich gefallen , Geld wäre ihm freilich lieber gewesen . Ihr Rechnung hatte nicht viel Stößiges , und wo was sich zeigte , gab alsbald der Wirt nach . » Du wirst recht haben , « sagte er , » nimm es nicht für ungut , aber wenn man in einem so großen Wesen ist , wie ich bin , und so viel im Kopf haben sollte , daß es mir manchmal ist , als fahre der Napoleon mit seiner Reiterei darin herum , so ist bald was vergessen oder bald was unrichtig aufgeschrieben . Nimm es nicht übel , daß ich in deiner Krankheit nicht zu dir kam , aber es hieß , du kämest nicht davon . Das hat mich zu sehr gedauert , als daß ich hätte kommen können , ich hätte deiner Frau nur angst gemacht . Es weiß kein Mensch , wie ich so ein lindes Herz habe , ich muß mich manchmal deretwegen schämen und darf es nicht zeigen , es kömmt gar zu lächerlich heraus für so einen großen Mann , wenn er plären muß wie ein Kind . « Uli mußte dann noch mit ihm zu Abend essen , eine Flasche vom Besten trinken , kurz der Wirt war die Liebe und Güte selbst . Die Wirtin brachte noch was in einem Papier , ein alt Stück Kuchen ; das sei für den Gevattersmann , sagte sie , daß Uli ganz glücklich und Rühmens voll nach Hause kam . Es seien doch nicht alle Menschen gleich , sagte er , und wenn man von Einem Unrecht leide , so müsse man sich hüten , auch Andern Böses zuzutrauen , man könnte sich sonst leicht versündigen . » Ich will dem Wirt nichts Böses nach , reden , « sagte Vreneli , » aber urteile auch du nicht zu schnell , sondern warte , bis du das Geld hast . Hast du dann einmal dies , dann will ich dir gegen den Wirt gar nichts mehr haben , ich verspreche es dir . « Es ist immer das Gleiche , dachte Uli bei sich selbst ; haßt es jemanden , so haßt es ihn , und wen es liebt , den liebt es , und dann ists fertig . Indessen versprach er , sein Urteil nicht abzuschließen und einstweilen vor dem Handeln mit dem Wirte sich zu hüten . Daß Uli wiederum so viel Glauben zu ihm hatte , freute Vreneli sehr , doch eins freute ihns noch mehr : Ulis Gedanken hatten wieder eine höhere Richtung genommen , verarbeiteten nicht mehr bloß in ewigem und doch mühseligem Kreislauf das Einmaleins , sondern betrachteten Gottes Worte und Wege , forschten nach seinem Willen und bestimmten nach ihm das Tun . Er sprach gerne mit Vreneli über höhere Dinge und erzählte gerne göttliche Fügungen , welche die , die ihn lieben , zur Seligkeit führen , und wie Gott das Verlorne suche und trachte selig zu machen . Er fühlte einen unbestimmten Drang , ein Ungenügen , und dieses verschwand , wenn er mit Vreneli sprach oder las in der heiligen Schrift oder an göttliches Schaffen dachte , die Wunder der Welt betrachtete . Es war dies der geistliche Hunger und Durst , welche begehren nach den Worten , welche aus des Herrn Munde gehen , welche kennen die Speise des Erlösers , das Vollbringen von des Vaters Willen . Es war der eigentliche Zug in ihm erwacht , ohne welchen niemand zum Vater kömmt ; das wunderbare , unerklärliche Verlangen ward in ihm stark und mächtig , welches Christus mit den Worten ausdrückte : » Mich verlanget , das Passahmahl mit euch zu essen . « Es verlangte ihn nach dem Pfande , daß er einer sei , der wohl in der Irre gewesen , aber wieder gefunden worden und über den nun Freude im Himmel sei , nach dem Bewußtsein , zu denen zu gehören , welche lebendige Glieder sind am Leibe , dessen Haupt Christus ist . In gesunden Menschen lebt ein Trieb des Zusammenhaltens , des Einsseins mit Andern , man nennt ihn auch den gesellschaftlichen Trieb . Derselbe kömmt in hunderterlei Gestalten zum Vorschein . Wie oft ists einem Menschen , wenn er doch nur da oder dort eingeladen , in diese oder jene Gesellschaft aufgenommen würde , es ist der höchste Gegenstand seines Sehnens und Strebens . Ist er aufgenommen , ist er mitten unter ihnen , sitzt er am ersehnten Tische , dann fühlt er sich unendlich gehoben ; er steht an einem Ziele , er ist glücklich , hoffnungsvoll , er gehört einem Kreise an , der ihm Halt im Leben gibt , eine Stellung verschafft . Ähnlich hat es das Kind mit dem Triebe , in die Kreise der Erwachsenen aufgenommen zu werden , und einmal aufgenommen , wird es nicht fehlen , wenn der Kreis sich sammelt , die Stunde mag es nicht erwarten , lange vor der Zeit steht es draußen und klopfet an . Grade das gleiche Sehnen und Trachten nach der Gemeinschaft ergreifet die , welche Christus angenommen haben . Es zieht sie zu den Brüdern , sie sehnen sich , das Pfand zu erhalten und das Bewußtsein zu stärken , daß sie aufgenommen seien , Christus angehören und vom Vater zu seinen Kindern gezählt werden . Es strömt eine eigene Wonne durch die Berechtigten , wenn sie weilen dürfen in den heiligen Kreisen und empfangen die heiligen Pfänder , und keiner betrachtet die Berechtigung so gleichsam als ein altes Recht , welches man ererbt hat , nichts abträgt , man jedoch nicht erlöschen lassen darf . Davon hat natürlich keinen Begriff , wer den christlichen Zug nicht in sich trägt , nicht geistigen Hunger und Durst hat , sondern bloß fleischliche Triebe und moderne Richtung nach Kneipen , Kaffeehäusern , Spektakeln von allen Sorten , kurz nach etwas Diesseitigem . Solcher Richtungen und Triebe schämt man sich begreiflich nicht , sondern trägt sie offen zur Schau mit großem Gepränge , rühmt sich ihrer mit mächtigem Behagen , betrachtet sie gleichsam als ein Siegel , daß man an der Spitze der Menschheit marschiere munter nach dem Gipfel der Kultur , der freilich einstweilen noch verhüllt im Nebel liegt . Gepränge treiben mit dem Zuge nach oben , mit seiner Freude an der Gemeinschaft kann der Christ nicht , sonst hat er weder den Zug noch kennt er die Gemeinschaft , doch schämen wird er sich der , selben nicht , sonst kennt er sie ebenso wenig . Er wird den Hohn der Kinder der Welt nicht scheuen , der Kinder der Welt , welche in ihrem kurzen Sinne keinen Unterschied zu machen wissen zwischen einer veralteten Mode und der Erlösung durch Christum . Schüchtern tritt man in unbekannte Kreise oder in solche , denen man fremd geworden , und eine gewisse Scheu ist immer zu überwinden , ehe man über ihre Schwelle tritt , und eine Weile gehts , bis das Bewußtsein , daß man hierher gehöre , das Gefühl des Fremdseins überwunden hat . Nun hatte Ulis Entfremdung nicht so lange gedauert , um recht Wurzel zu fassen , sie glich mehr einem Wirbel , in welchem er eine Weile halb bewußtlos herumgetrieben worden , einem Windspiel , einer Wasserhose , welche ihn ergriffen , durch die Luft geführt , ihn wieder hingestellt , daß ihm alle Gebeine knackten , er nicht wußte , wo er war , daß er sich erst langsam zurechtfinden , mühsam seine alte Heimat wieder suchen mußte . Uli hatte das Glück , welches nicht jedem wird , die Brücke ins alte Heimatland in der Nähe zu haben ; es war Vreneli . Ulis Abwenden und Weggerissenwerden hatte bei der eingerissenen Lauheit und Gleichgültigkeit wahrscheinlich niemand bemerkt außer eben Vreneli ; hatte er nun mit diesem sich verständigt , hatten sie sich gemütlich wiedergefunden , so achtete sich wahrscheinlich niemand seiner , und wer sein Wiedererscheinen bemerkte , fand es sicher sehr natürlich , daß nach so schwerer Krankheit er im Hause Gottes und an des Herrn Tisch erschien , wie ja auch der Kindbetterinnen erster Ausgang ins Haus des Herrn ist und die nächsten Anverwandten , welche einen Geliebten zu Grabe getragen , es nicht versäumen , am nächsten Sonntage in der Kirche zu erscheinen . In der Mitte des Herbstmonats war es , als Uli mit Vreneli zur Kirche ging . Es war ein feuchter Nebelmorgen , nicht zehn Schritte weit sah man . Kahl wie mitten im Winter waren die armen , zerschlagenen Bäume . Emd lag gemäht in den Matten und harrte traurig der Sonne , um sich trocknen zu lassen . Hier und da , wo man das spärlich gewachsene Gras des Mähens nicht würdig fand , hörte man das Läuten der weidenden Kühe . » Wie doch die Zeit vergeht und was sie alles bringt und nimmt , in wenig Jahren wird es ganz anders um uns und immer nicht so , als wir es uns gedacht « , sagte Uli . » Wie lange ist es wohl , daß ich das erstemal hier zur Kirche ging ? Es war im Winter und mächtig kalt , es ist mir , als ob es erst gestern gewesen , und doch wird es schon neun Jahre sein oder mehr . Damals dachte ich nicht daran , daß ich jetzt noch da sein werde , damals wiesen mich die Leute auf , daß ich fast noch selben Tages fortgelaufen wäre . Jetzt bin ich noch hier , ein verhagelter Pächter , damals ein munterer Knecht , den es dünkte , die halbe Welt sei sein , jetzt ein geschwächter Mann , der nicht weiß , wo er übers Jahr ist und ob Frau und Kinder zu essen haben oder nicht . « » Bist reuig , daß es so gegangen , daß du nicht am selben Tage fortgelaufen bist ? « frug Vreneli mit weicher Stimme . » Nein , wahrhaftig nein , « sagte Uli , » dann hätte ich ja dich nicht und die Kinder nicht , und was will ich mehr auf der Welt ! Nein , ich danke Gott aufrichtig , daß er mich so geführt hat und nicht anders . Wenn man alles , was einem begegnet , zu Nutzen anwendet , so soll man nicht reuig werden , und wenn man hineinkömmt , daß das Unglück über den Kopf hinausgeht , so ist das wohl große Pein , aber es setzt sich auch wieder , und wenn man endlich es überstanden hat , so ist man froh dar , über und mochte gar nicht , daß es nicht begegnet wäre . Es freut mich nichts mehr , denn es ist mir ein Zeichen , daß die Zucht Gottes bei mir wohl angeschlagen hat , als daß ich so zufrieden bin mit meinem Lebenslauf und Gott aufrichtig danken kann . Ich weiß zwar nicht , wie es gehen wird . Macht Joggeli das Wüsteste , so kündigt er uns , aber wenn wir einander verstehen und helfen , so schadet alles nichts ; der liebe Gott , der bis hierher geholfen hat , wird ferner helfen . « Ulis Vertrauen und Ergebung hatte noch eine Probe zu bestehen . Als er unter die Menschen kam , war es fast , als sei er ein Gespenst , welches aus dem Grabe komme , frech am hellen Tage . Mit weiten Augen glotzten ihn die Leute von ferne an , als sei er eine Giraffe aus Afrika , und kam er näher , so drehten sie sich weg und machten sich auf die Seite . Da waren Wenige , welche ihm standhielten , und noch Wenigere , welche ihm die Hand boten freundlich , ihm Glück wünschten über seine Genesung , ihn bedauerten wegen seinem Unglück . Sie wußten zwar wohl , daß er kein begrabener Mann war , aber es wäre ihnen recht gewesen , er wäre es , dann aber auch im Grabe geblieben . Sie betrachteten ihn als einen verlornen Mann , und von solchen hat man es lieber , wenn sie einem aus den Augen kommen , solche setzen die meisten Leute in die größte Verlegenheit . Bloß die , welche allen feinern Gefühlen abgestumpft sind , die gröbste Selbst , sucht für die größte Tugend halten , haken ihnen kaltblütig stand und fertigen sie sackgrob ab . Andere kommen aber eben in große Verlegenheit . Den Einen sagt das Gewissen , sie könnten helfen und sollten helfen , aber sie mögen nicht ; Andere fürchten , sie möchten um Hülfe angesprochen wer , den , sie wollen sie abschlagen , natürlich , aber ihnen fällt nicht gleich eine Ausrede ein ; noch Andere glauben , herabgekommene Leute müsse man verachten , man schade der eigenen Ehre und seinem Kredit , wenn man mit ihnen freundlich sei , gut bekannt scheine , aber es drückt sie eine gewisse Unbeholfenheit , mit Manier das alte Verhältnis abzubrechen und ein neues festzustellen . Das Kürzeste und Kommodeste wäre immer in alle Wege , einen solchen Menschen totzuschlagen und sechs Fuß hoch mit Erde zu bedecken , da kriegte man ihn nicht mehr zu Gesichte . Wir sind halt in alle Wege von Natur schwache , schlechte Geschöpfe und zwar ehemals und jetzt , siehe Petrus in Kaiphas Hofe , siehe auf jeder Börse und an jeder Kirchtüre , absonderlich auf den Rathaustreppen . Das sind aber harte Erfahrungen für einen Menschen , der ohne seine Schuld , wie man zu sagen pflegt , obgleich es nur teilweise richtig ist , ins Unglück gekommen , wenn er sieht , wie man ihm ausweicht , ihn aufgibt . Da gibt Mancher sich selbst auch auf . Es braucht Mut dazu , das Vertrauen festzuhalten , wenn man sieht , daß alle keines mehr zu uns haben . An die Stelle des Vertrauens kömmt der Zorn , der Haß und die Rache , und aus einem , der zu retten gewesen , wird ein unversöhnlicher Feind der Menschen . So geschah es jedoch mit Uli nicht . Er bemerkte das Benehmen der Menschen wohl , und Vreneli fühlte es noch besser , da sogar Bettelweiber sich seiner verschämten und ihm auswichen . Anfangs tat es Uli im Herzen weh , als er aber in die Kirche kam , die Orgel rauschte , die Gemeinde sang , der Pfarrer betete und predigte , die Gemeinde zum heiligen Tische wallte , da vergingen ihm die bittern Gefühle ; er vergaß das Tun der Einzelnen , er fühlte nur die Wonne , der Gemeinde Christi anzugehören und Pfänder und Siegel zu empfangen , daß auch ihm seine Sünden vergeben und Gerechtigkeit und ewiges Leben um Jesu willen aus Gnaden geschenket sei . Wenn schon die Einzelnen von ihm wichen , er blieb doch in der Mitte der Gemeinde , blieb teilhaftig der Schätze und Gaben , welche unser große Meister und Herr seiner Gemeinde erworben hat . Was hat das Abwenden Einzelner zu bedeuten , wenn man dabei ein lebendig Glied des großen Ganzen wird , dessen Herr und Meister der ist , von dem sich auch alle gewandt , über den ein toll und töricht Volk das » Kreuzige ! « gerufen hat . Aber wenn einer die Gemeinde Gottes verlassen und Fleisch für seinen Arm gehalten hat , und nun wird er auch von den Menschen verlassen , der ist dann allerdings ein armer Verlassener , ein unglücklicher Tropf . Ein Herz voll reichen Segens trug Uli aus der Kirche , sein Sinn war so mild wie die Sonne , welche den Nebel durchbrochen hatte und gar lieblich schien , er konnte von Herzen sagen : Vater , vergib ihnen , sie wissen nicht , was sie tun . Er konnte wie ein Kind sich freuen und sagen : Weichet nur von mir , ich gehöre euch doch an und es kommt die Zeit , wo ihr mich werdet als Bruder erkennen , euch meiner freuen werdet und mir danken , daß ich nicht Gleiches mit Gleichem vergalt , in Gott die Gemeinschaft festhielt , als die Welt feindselig sich zwischen uns stellen wollte . Als sie alleine auf dem Wege wieder waren und Vreneli frug : » Und was sagst zu den Leuten ? « , antwortete Uli : » Nicht viel , es ist immer wie immer und wird also bleiben , man kann es zum voraus wissen , und doch tut es anfangs weh , wenn man es selbst er , fährt . « Nun erzählte er Vreneli , was ihn getröstet , das freute Vreneli sehr , und einiger als nie kamen sie heim . Es war , als hätten sie neu ihren Bund geschlossen , und mit neuer Kraft und Besonnenheit gingen sie an ihr schweres Tagewerk . Eine große Freude hatten sie . An einem schönen Morgen kam ein Wägelchen daher , fast anzusehen wie ein Müller , wägelchen , denn Kornsäcke lagen darauf Den muntern Jungen auf demselben kannten sie nicht , und erst als er den Gruß von Vater und Mutter vermeldete , erkannte ihn Uli als des Bodenbauern Kind , welches ihm aber aus den Augen gewachsen war . Der brachte einige Scheffel vom schönsten Samenkorn und anderes Gesäme . Der Vater habe gesagt , sie könnten es wohl entbehren und hier werde man es brauchen können , berichtete der Junge . Eine solche Gabe in der Not hat nicht bloß einen äußern Wert , sondern einen noch viel größern innern , ist so gleichsam das Ölblatt , welches die Taube dem Noah brachte als das Zeichen , daß Gottes Zorn im Aufhören sei und seine Güte wieder hervorbreche im Grünen und Blühen der Erde . Joggeli ärgerte sich über des Bodenbauern Güte , wahrscheinlich nahm er sie als Vorwurf für sich . Er fragte den Jungen , was das Malter kosten solle ? Soviel er wisse , nichts , sagte der Junge , es sei Steuer an den Hagel , wie das so der Brauch sei unter rechten Leuten von je . » Aber Junge , wenn dein Vater sein Korn so billig verkauft , was erbst du dann ? « frug Joggeli hämisch . » Gottes Segen , sagt die Mutter « , antwortete der Junge . » Ja , « sagte Joggeli , » aber damit hat man nicht gegessen , und nur mit dem kriegst du keine reiche Frau . Wenn mein Vater so gewirtschaftet hätte , es hätte mir angst gemacht . « » Glaubs , « sagte der Junge , » Ihr und der Vater werdet darnach gewesen sein , mir aber macht es nicht angst ; habe noch nie gesehen , daß der Vater was Unrechtes getan , und wenn er auch alles weggibt , so ist es seine Sache und nicht meine . Und wenn ich schon nichts erbe , so hat der Vater uns so erzogen , daß wir uns was erwerben können , und nicht zu Tagdieben und um von seiner Sache zu schmarotzen und sie zu verbrauchen . « Das kam Joggeli in die Nase , er kehrte sich , steckelte ins Stöcklein und machte die Türe zu . Ulis ruhigere Gemütsweise , sein milderes Wesen , welches nicht immer erhitzt war zu Feuer und Flammen im Jagen nach einem unerreichbaren Ziele , einem Wagen gleich , den man ohne Roß und ohne Schmiere dahintreibt , hatte einen wohltätigen Einfluß auf die Arbeiter und das Gesinde . Das , selbe schaffte williger , schickte sich in die Lage , und der Eine oder der Andere sagte : Es sei kurios , er habe geglaubt , erst jetzt hätten sie es recht bös , das sei aber nicht , es sei ein viel besser Dabeisein als vor Hagel und Krankheit . Der Junge wußte nicht , daß für das Dabeisein es viel mehr ankömmt auf die Stimmung im Gemüte als auf das Schmalz im Gemüse . Diese Ruhe muß sein , wenn die notwendige Besonnenheit , welche alleine den Sturm der Umstände siegreich bestehen kann , sich entwickeln soll . Napoleons großer Heldenmut bestund bekanntlich eben in diesem besonnenen Zusammenziehen seiner Kräfte , vermittelst welchem er nirgendwo unnütze Kräfte liegen hatte , sondern alle schlagfertig unter Augen , nicht bloß um Angriffen zu begegnen , sondern am geeignetsten Punkte durch rasches Durchfahren sich Luft zu machen . Gelehrte , Schulmeister und andere Züchtlinge der modernen Schule werden diese Vergleichung sehr ab Ort finden , denn Krieg und ein Hauswesen , Napoleon und ein Uli scheinen weit außerhalb dem Kreise möglicher Vergleichungen . Wir bemerken einfach , daß nicht bloß jeder Christ ein Kriegsmann sein soll , sondern daß jeder Hausvater einer sein muß , er mag wollen oder nicht , daß die Welt ringsum auf ihn schaut Tag für Tag und daß er gegen diese Welt , bestehend aus Umständen und Persönlichkeiten , stehen muß , wenn er nicht zu Boden getreten sein will , daß er ihr abstreiten muß , was er sein nennen will . Die erlaubten Streitweisen , das wahre Kriegsrecht findet sich in Gottes Gebot und nicht in ochsenhaften Gelüsten . Wahre Grundsäue müssen aber wahr sein , im Kleinen und Großen sich bewähren . Daher meinen wir , Napoleons Kriegsgrundsätze , mit welchen er die halbe Welt bezwang , dann der halben Welt standhielt , bis die Übermacht ihn ohnmächtig machte , seien von jedem Hausvater zu brauchen , der eine Ziege und drei Hühner hat . Es liegt eine so wunderbare Einfachheit darin , daß sicher so mancher Holzhacker wunderbare Triumphe über die Welt feiern würde , wenn er sich die Mühe nehmen täte , dieselben sich zu eigen zu machen . Daß aber menschliche Berechnung und die kaltblütigste Besonnenheit ihre Schranken haben und daß nicht ein Mensch es ist , sondern ein ganz Anderer , der sagt : Bis hieher und nicht weiter , das hat niemand wiederum besser erfahren als eben der Napoleon . Die Anwendung aller in ihm liegenden Kräfte und die Bestimmung der Richtung dieser Anwendung liegen am Menschen , den Ausgang aber bestimmt Gott . Das sind große Worte für kleine Dinge , aber die kleinsten Dinge sind für den , welcher nicht größere erlebt , groß genug , um mit den größten Worten sie auszudrücken , und die Zahl derer , welche nur sogenannte kleine Dinge erleben , ist unendlich größer als die Zahl der Herkulesse , Alexander und Napoleon . Daher wird dem Volksschriftsteller , welcher nicht für große Helden , nicht einmal für eidgenössische schreibt , erlaubt sein , das sogenannte Kleine , aber den Weisen das Wichtigste , auch mit den gewichtigsten Worten darzustellen , welche ihm zu Gebote stehen . Zweiundzwanzigstes Kapitel Uli erlebt ein Abenteuer Uli zählte seine Kühe , maß sein Heu und musterte seine Pferde , übersah sein Stroh und was sonst in Speicher und Keller , Gänterli und Kammern war , hielt Kriegsrat mit Vreneli und entwarf mit ihm Operationspläne . Da der Wirt nie Geld hatte , sein Papier einzulösen , die Düngungsmittel fehlten , das Futter knapp zugemessen war , weil das zweite Gras ganz oder doch ziemlich gefehlt , so ward angemessen gefunden , den Viehstand zu beschränken , Schafe und Kühe , welche eben nicht besondere Nutzung gaben , zu veräußern . Uli tat es ungern , er hatte auserlesenes Vieh im Stalle , wußte wohl , daß zu wenig Vieh dem Hof schade und was die Leute dazu sagen würden . Indessen muß man sich eben nach der Decke strecken , und dem Hofe glaubte er so wohl getan zu haben , daß der jetzt um eines bösen Jahres willen ihm auch dankbar sein könne . Landmann und Land müssen gegenseitig sich aushelfen , und ist der Landmann treu , läßt das Land sich nie beschämen , läßt seinen Meister nie im Stich . Indessen scheute Uli sich doch , trotz seines guten Rechtes , mit seiner Ware auf einen benachbarten Markt zu fahren . Er dachte , die lieben Nachbaren würden allenthalben sagen : » Klemme den recht , der bedarf Geld , er muß verkaufen . Wären wir Pachtherr , wir wollten dem das Verkaufen vertreiben ! Wenn alles fort ist und das Geld vertan ist , dann hat dieser das Nachsehen . « Auch fürchtete er das Mannli anzutreffen und übles Nachreden . Er wählte sich daher einen entfernten Markt aus , nahm zwei junge schöne Kühe , welche aber eben nicht viel Milch gaben , und fuhr mit ihnen nach eingebrochener Nacht fort . Er ließ sie trappen nach Bequemlichkeit , friedlich zottelten sie ihm nach ; der Mond stund im ersten Viertel , nach Mitternacht ward es finster . So konnte er seinen Kühen alle Muße lassen und war doch am Morgen früh auf dem Platze , selbst wenn er sie einige Stunden in einem Wirtshause fütterte und ruhen ließ . Ganz einsam war es auf der Straße , und mit aller Muße konnte Uli seinen Gedanken Gehör geben . Diesmal waren sie weltlich , doch ohne Bitterkeit . Er dachte über Joggeli nach und seine Stellung zu ihm . Der Mann schitterte , Sohn und Tochtermann waren häufig bei ihm , was Uli sehr verdächtig vorkam . Joggeli wollte Uli wegen Vergütung beim Hagelschaden oder Zinsnachlaß kein bestimmtes Wort geben . Das werde sich schon machen , sagte er , » sieh nur gut zum Hof und laß mir ihn nicht ermagern . « Ja , so von sich aus Dünger kaufen , wenn man auch Brot kaufen muß , ist für einen armen Pächter eine strenge Sache . Allmählich ging der Mond zur Neige , schien zu wachsen , ehe er versank . Er glich einem mütterlichen Auge , welches noch einmal , ehe es sich schließt , mit besonderer Innigkeit über die Kinder strahlt , welche weinend stehen um sie her , oder einer väterlichen Seele , welche im letzten Augenblicke noch mit erhöhter Weisheit über die Kinder leuchtet . Wenn vor dem einsamen Wanderer Gestirne untergehen und verschwinden , wird er selten einer gewissen Wehmut ganz fern bleiben , es müßte denn sein Gefühl versteinert oder seine Gedanken anderswo gefangen sein . So wie beim Untergang der Sonne der Tau fällt auf die Erde , so kömmt es über das Gemüt des Menschen . So wanderte Uli auch , achtete sich nicht der zunehmenden Finsternis , es war ihm , als sei er alleine auf der Welt . Plötzlich schlug tief und wild dicht neben ihm ein Hund an . Uli erschrak , daß alle Glieder bebten , die Kühe nicht minder , sprangen auseinander . Die Bewegung reizte den Hund zu wilderem Bellen und Nachspringen . Da pfiff es grell und nah , daß Uli wieder zusammenfuhr , der Hund aber stille ward , Bellen und Springen einstellte . Uli faßte seinen Stock fester , er sah in der Dunkelheit , daß ein Fußweg in die Straße sich münde , und auf demselben kam eine große Gestalt auf ihn zu . Es war Uli unheimlich , denn er wußte wohl , daß an Markttagen nachts hier und da einer auf der Lauer stehe , um einem reisenden Händler seine Geldkatze abzunehmen , und daß es wohl geschehe , daß man sich dabei vergreife und einen erschlage , der keine Geldkatze habe . Jedenfalls wären seine Kühe immerhin ein schöner Fang gewesen , wenn auch ein gefährlicher . » Habe nicht Angst , « sagte eine tiefe , harte Stimme , » es tut dir niemand was . Aber was tust du auf der Straße so spät ? « Uli gab Bericht . Der Mann gesellte sich zu ihm , ein Wort gab das andere . Es ward schon bemerkt , wie offen ein bäuerischer Wanderer sehr oft gegen den wildfremdesten Menschen auf der Straße ist und ihm Dinge erzählt , welche er da , heim nicht vor den Mund lassen würde . Es kömmt ein Bedürfnis zu reden die Leute an , dessen man daheim sie durchaus nicht für fähig gehalten hätte . So auf der Straße lassen die reichsten biographischen Studien sich machen . So erzählte , sobald er seine Kühe wieder hinter sich hatte und die friedfertige Weise seines Begleiters sah , Uli , woher er komme , warum er verkaufen müsse und so weit zu Markte fahre , damit es nicht heiße , er pfeife auf dem letzten Löchlein . Als Uli sagte , was für Kühe er habe und wie lange sie trächtig seien usw. , meinte sein Begleiter : » Du mußt zwei Monate länger angeben , das merkt niemand und jagt dir manchen Taler in die Tasche . « Das mache er nie mehr , sagte Uli , um keinen Kreuzer wolle er mehr betrügen . » Du bist ein rarer Vogel , « antwortete der Mann . » Wie kömmst du vorwärts , wenn du so ehrlich sein willst ? « Nun leerte Uli sein Herz und erzählte , wie es ihm ergangen mit dem Mannli und dem Hagelwetter und wie er begriffen , daß Übervorteilen nichts helfe , weil Gott es einem hundertmal eintreiben könne . Gehe er mit der Ehrlichkeit zugrunde , was er übrigens nicht hoffe , da er die Sache verstehe und sich selten verfahre und das Sprüchwort » Ehrlich währt am längsten « nicht umsonst sein werde , so habe er doch den Trost , er sei nicht selbst schuld , und die Leute täten am Ende doch sagen : » Es ist schade um den , er kann uns fast erbarmen , daneben war er ein braver Bursche . « Gehe er aber als Schelm zugrunde , so müsse er denken , er habe es verdient , und die Leute würden sagen : » Dem geschieht recht , da kann man wieder sehen , was Betrügen hilft . « » Aber was sagt dann deine Frau dazu , wenn