schrie : » Nein , nicht dorthin - hierher , komm Franz , wir holen uns unser Liebchen ! « Klirrend stürzten von neuen Steinwürfen einige Fenster ein . Tiefer sank der Abend herab - es ward endlich ganz dunkel . Die Arbeiter begannen mit ihren Aerten an der Thüre zu arbeiten , um sie aufzusprengen . Da schoß Georg zum Fenster heraus über ihnen eine Flinte ab und rief : » Wenn Ihr nicht zurückgeht , so schießen wir mit Kugeln - es sind Soldaten im Hause ! « Das kam unerwartet - im ersten Schrecken zogen sich die Arbeiter zurück . Bald aber rief Wilhelm : » Laßt Euch nicht auslachen , Laßt Euch nicht belügen ! Wie wären Soldaten hereingekommen ? - Da würden sie uns nicht blos damit drohen ! Kommt , wir wollen doch nachsehen , wo diese Soldaten stecken - und wer uns belogen hat , den spießen wir auf ! « » Brüder , « rief Franz , » ein Menschenleben darf ' s nicht kosten - wir wenigstens wollen kein Blut vergießen ! Die armen Leute müssen barmherzig sein , sonst dürfen sie die Reichen , die es nicht waren , auch nicht zur Rechenschaft fordern ! « Mit erneuter Wuth drangen nun die wilden Rotten auf das Haus ein - alle Versuche zur Gegenwehr waren fruchtlos - endlich waren die verrammelten Thüren doch aufgestoßen und ungehindert strömten die rasenden Aufrührer hinein . In blinder Rachewuth zertrümmerten sie unter Lachen und Fluchen die Spiegel , alle Meubles und alles Geräthe . Der roheste Spott ward damit getrieben , der schrecklichste Vandalismus machte sich geltend . Franz war mit Einer der Ersten , die in das Haus gestürmt , nicht um mit zu zerstören , sondern um zu retten . Da er die Wüthenden einmal nicht hatte zurückhalten können , so wollte er wenigstens nun nicht zurückbleiben , wo er vielleicht Paulinen gegen diese Entsetzlichen beschirmen konnte . Er wußte den Weg zu ihrem Zimmer - er lief hinauf - die Thüre war schon aufgerissen - da stand sie allein vielen rohen Männern gegenüber . Zwei von ihnen waren trunken und wollten sie umfassen , August aber hielt die Axt vor sie hin und schrie : » Rührt sie nicht an - sie hat uns Nichts zu Leide gethan ; wenn sie gekonnt hätte , wie sie gewollt , wir hätten ' s ganz anders gehabt . « Und ein Anderer sagte : » Fürchten Sie Sich nicht , Mamsellchen , wir thun Ihnen Nichts , denn Sie haben Gutes an unsern Kindern gethan - aber kommen Sie mit uns herunter , denn , sehen Sie , wenn wir das Haus anbrennen , müssen Sie erst heraus sein . « Da trat Franz ein . » Franz , « rief sie , als sie ihn sah - » ich will mit Dir gehen - ich weiß es , daß ich Dir noch trauen darf - aber schütze mich vor diesen - « Er faßte sie fest in seine Arme und wehrte mit August die Trunkenen zurück , die sie ihm streitig machen wollten . So trug er sie die Treppe hinab . » Franz , « rief sie , » rette meinen Vater ! « Und weiter bat sie in höchster Angst , » laß ' mich ! Du siehst , ich finde immer noch Beschützer , wenn ich gleich ein wehrloses Mädchen bin , thun sie mir doch Nichts - aber meinen Vater hassen sie , denn er ist ihnen niemals freundlich gewesen - rette Du ihn , rette ihn um meinetwillen , Franz , wenn Du mich liebst ! « Da rannte Wilhelm an ihm vorüber . » Ha , « lachte er , » Du hast Dein Mädchen und das meine ist entwischt ! « » Wo ist Friedericke ? « fragte Pauline bebend . » Durch die Hinterthüre fort mit dem Herrn Papa , « lachte er , » aber entgehen können sie uns nicht ! « » Mein Vater ist geflohen ? « » Ja , sie haben ihn laufen sehen - wie eine Maus ist er fortgewischt - aber ich werd ihn schon finden ! « Und Wilhelm lief fort . » Gott sei Dank ! Er wird ihn ferner schützen ! « sagte Pauline , indeß Franz durch den Hof und das finstre Gedränge lief mit der süßen Bürde . Sie waren schon aus den Hof heraus auf einen freien Platz gekommen , wo Franz einen Augenblick ruhte in der tiefen Dunkelheit . » Du bringst mich doch nach Hohenthal - zu Elisabeth ? « fragte sie . O , ich werd ' es Dir ewig danken . « » Ach , Pauline , Du siehst mich mit unter den Schuldigen und Du vergiebst mir ? « » Ich habe Dir Nichts zu vergeben , Du hast es nicht so gewollt . - Was kann Einer wider Hunderte . Du hast Dich ihnen nicht widersetzen können , wie ich mich nicht meinem Vater - Du und ich , wir Beide haben Nichts verbrochen , daß es so kommen mußte . « » Ach unsere Herzen sagen ' s uns , daß wir nur das Beste gewollt haben - aber das Schicksal ist grausam . « » Nein , klage es nicht an - es hat uns ja auch selbst in diesem Schrecken zusammenzeführt . - Du hast mich gerettet - ich werde Dich dann wieder retten können , wenn die Menschen Dich verklagen wollen . « In diesem Augenblick kam eine schreiende , heulende Bande auf sie zu und die Beiden befanden sich plötzlich Mitten in dem Getümmel , ohne zu wissen , woher es so plötzlich kam . » Sie kommen ! Sie kommen ! Weh uns ! « schrie es durcheinander von allen Seiten . » Sie kommen ! - Die Soldaten ! Die Schützen - weh uns ! Sie sind schon da ! « Und sie waren da . Und sie riefen die Aufrührer an , daß sie auseinander gehen mögten . Aber der Ruf ward übertönt von dem Geschrei der Menge . Und da tönte das Commando : » Feuer ! « Und da knackten die Hähne . Da war ' s geschehen ! Wehruf ertönte - das entsetzlichste Geheul schallte zum Himmel auf und überschallte auch das Röcheln der Sterbenden . Die Kugel folgt ihrem blinden Lauf und weiß nicht , wohin sie trifft - und die Hand , die im Dunkeln und auf Commando den Hahn abdrückt , die Hand weiß auch nicht , daß sie das Herz des Bruders treffen kann . » Pauline - das traf ! « » Franz - Du auch ? - Die Kugel steckt in meiner Brust - ach , so sind wir vereint , so ist ' s ja gut - der Himmel ruft die vereinten Seelen vereint - hinauf . « » Pauline ! Nun bist Du mein ! « Und sie drückten sich fest aneinander und ließen ihr Blut zusammen strömen und im heißen Kuß der Liebe flohen die Seelen nach kurzem Erdenkampf aus den jugendlichen Körpern . XI. Schluß Was nun weiter geschah ? Was soll ' s weiter ? Man weiß es ja wie das alle Mal kommt und alle Mal endet . Es ist hart , so Etwas wieder erzählen zu müssen , wieder erzählen zu hören ! - Im Publikum , in den Zeitungen trug man sich mit allerhand abenteuerlichen Gerüchten voller Unklarheiten und Widersprüche . Endlich begnügte man sich mit dem Vericht der in der Kürze festgestellten Thatsachen . In der Fabrik des Herrn Felchner hatte lange eine unheimliche Gährung geherrscht . Endlich war es sogar dahin gekommen , daß eines Tages die Arbeiter bewaffnet in die Fabrikgebäude drangen , die Maschinen zerstörten und als es Abend geworden war , sogar das Wohngebäude förmlich erstürmten und darin den barbarischsten Unfug verübten . Das aus der nächsten Stadt requirirte Militair war noch in später Abendstunde auf den Schauplatz dieses unheilvollen Ereignisses eingetroffen und so war es ihm gelungen , noch in derselben Nacht ziemlich und am andern Tage vollkommen die Ordnung wieder herzustellen . - Herrn Felchners große Verluste die er durch die sinnlose Wuth der Aufrührer erlitten , gab man auf noch unberechenbare Tausende an - als den schrecklichsten Verlust , der ihn betroffen , galt natürlich der seiner einzigen Tochter Pauline , welche in jener entsetzlichen Nacht so plötzlich und unbeschützt um ' s Leben gekommen war - getödtet von den Kugeln derjenigen , deren Kommen ihr strenger Vater mit solcher Ungeduld erwartet hatte ! - Er hatte wohl nicht daran gedacht , nicht darnach gefragt , ob unter den Schuldigen , denen er die mörderischen Kugeln entgegenschickte , auch Unschuldige sein könnten - und wenn er daran gedacht hatte , so hatte es ihn nicht gekümmert - er litt ja eben jetzt auch unschuldig - wie er meinte - das Schlimmste - aber da stand er wie vom Donner gerührt , als das eigne unschuldige Kind mit getroffen war von dem blinden Strafgericht , das er den Schuldigen zugedacht hatte . - Darüber , ob in der Fabrik des Herrn Felchner wirklich großer Nothstand der Arbeiter geherrscht habe - ob wirklich communistische Verbindungen unter ihnen bestanden - und ob die Noth - ob communistische Aufhetzereien - ob die Organe und Vertreter der schlechten Presse die meiste Schuld trügen an all ' dem Unheil , das so plötzlich hereinzebrochen war : darüber waren die Meinungen der Zeitungsleser sehr getheilt - ein jeder von ihnen bildete sich wohl seine eigene selbst . Herr Felchner rauste sich seine grauen Haare an der Leiche seiner Herzenstochter - aber es war , als sei mit ihr sein guter Engel gewichen - er ward immer mißtrauischer , immer tyrannischer und überlebte sie nicht lange . August und Wilhelm kamen in ' s Zuchthaus . Anton erhielt eine Medaille . Der Geheimrath von Vordenbrücken bekam einen Orden und der Polizeirath Schuhmacher , weil er schon Orden aus allen Classen hatte , eine goldne Dose . Gustav Thalheim und Graf Jaromir von Szariny waren von ihnen als Theilnehmer an communistischen Verbindungen angeklagt worden . Thalheim war aber mit Eduin von Golzenau schon über die Deutsche Grenze , als man sich seiner bemächtigen wollte - so ward ihm nun die Rückreise in das Vaterland verweigert . Da gegen Jaromir der Verdacht noch geringer , er ein Graf war und einflußreiche Verbindungen hatte , so begnügte man sich damit , die Censoren auf seine Artikel besonders aufmerksam zu machen . - Amalie verzweifelte daran , sein Glück zu zerstören , und schleppte ihr freudloses , überflüssiges Leben , dem es weder gelingen wollte , Glück noch Unglück zu verbreiten , in stiller Apathie mit sich weiter . Aurelie gab ihre Hand dem Kammerjunker von Aarens . Jaromir und Elisabeth standen an dem schönen Marmordenkmal über Paulinens Grab : » Sie dort oben in Liebe vereint - wir hier unten - wem ist das bessere Theil geworden ? « » Für ihre Liebe war das nur dort erreichbar - die unsere darf schon auf der kleinen trauten Erde ihre Freudenfeste feiern ! « So sprachen die Liebenden und hielten sich selig umfangen .