die Hände in den Westentaschen , nachgesehen , dann sagte er zu den Knechten , es düeche ihn , es wäre jetzt genug gölgötzet u es wäre Zeit , wieder etwas zu machen , hätten sie doch fast einen halben Tag versäumt ; dann ging er vom Hause weg , hinter ihm drein sein roter Mutz . Rasch liefen Reslis Rosse , immer rascher rollte sein Blut in den Adern , und je rascher es rollte , umso heißer ward es , umso langsamer schienen ihm die Rosse zu laufen . Hand und Fuß juckten ihm unwillkürlich , zum schnellsten Jagen die Pferde zu treiben . Es kochte in ihm auf glühendem Herde in einem Kessel beisammen Zorn und Weh , Liebe und Leid , Stolz und Demütigung , und wie der Wind die Glut erhitzt , ließ das schnelle Reiten den Brand unterm schauerlichen Kessel immer heißer erglühen . Es ist allerdings ein eigentümliches Heimgehen oder Heimreiten mit einem Korbe auf dem Rücken , sei derselbe nun ein grober oder ein feiner , sei er von den Eltern geflochten oder des Mädchens selbsteigenen Händen ; immerdar wird er ähnlich sein einem Stück Schwamm , der auf unserm Herzen gleichsam als auf einem nassen Feuerteufel sitzt , dasselbe zischen und Funken sprühen läßt , daß es ein Graus ist . Natürlich zischen nicht alle Feuerteufel gleich , die einen haben mehr Pulver als die andern , und auch nicht alle Funken haben die gleiche Farbe , aber sprützen und spretzeln , mehr oder weniger , tut jeder allweg . Ein Korb ist jedenfalls ein dumm Ding , ein Nasenstüber , eine Demütigung , ein Urteil , daß man einen nicht möge , nicht wert sei , die Schuhriemen aufzulösen , es ist ein Dämpfer , der einem aufgsetzt wird . Ob diese Körbe handfester oder zierlicher seien , mit verzuckerten Mienen gegeben werden oder mit höhnischen , darauf kömmt wenig an , das Hauptgewicht liegt anderswo . Ist der Korb nichts als das Fehlschlagen einer Spekulation , gleichsam das Ablecken des Pulvers auf der Pfanne , so ists richtig eine fatale Sache ; eine verfluchte , sagt man , wird taub über Meitschi und Eltern , aber da es halt so ist , so schüttet man anderes Pulver auf die Pfanne , räumt vorsichtiger das Zündloch und sucht aufs neue zum Schusse zu kommen , am liebsten natürlich auf eine fette Wildsau oder ein blankes Rebhühnchen ; wer aber gar zu taub ist , läßt sich verleiten und schießt auf den ersten besten Spatz . Solche Schüsse gehen gerne los , worob aber niemand mehr erschrickt , als wer sie selbst losgedrückt . Anders gestaltet der Feuerteufel sich , wo er mit Liebe halb oder ganz getränkt ist ; der ist nässer , sprüht langsamer , aber länger , und wehmütig flimmern die Funken , und betrübte Gedanken streifen , durchkreuzen den Horizont der Seele . War man zu wenig hübsch , zu wenig reich , zu wenig vornehm , zu wenig galant und elegant ? Ach , und auf solche Lumpereien und Nebendinge achtet die Welt , und ds Herz sieht sie nicht , ds Herz , die Hauptsache , wie der Docht in der Kerze ; und wie wäre dieses Herz so schön , so gut , so voll Liebe , und wäre auf den Knieen gelegen lebenslänglich und hin- und hergerutscht , auch lebenslänglich , hätte Kartoffelrinde zusammengelesen emsiglichst , hätte sie , ungesalzen und geschmalzen mit Liebe , gekocht oder gebraten nach Belieben am Feuer der Liebe und sie dargereicht auf den Knieen der Liebe und unter Säuseln von Liebe und auf Schüsseln der Liebe . Und ob dem Verschmähen dieser süßen , lebenslänglichen Kost weint man bitterlich , setzt sich an einen Bach , ja selbst an einen Fluß , damit die Tränen gleich unschädlichen Abfluß haben , und balanciert , ob man ihnen selbst nachwolle oder nicht . Wenn unterdessen die Sonne untergeht , so hat man die innigste Sehnsucht , mit ihr unterzugehen ins Bett der Nacht ; wenn dann aber der Wind kühl weht , tut man einige Knöpfe ein , und weht er noch kühler , so geht man einstweilen heim , von wegen dem Pfnüsel . Aber über Nacht hat man große Gedanken über Menschenwert und wahres Glück , und vor dreißig Jahren oder noch länger hat man unter solchen Umständen viel an Werther gedacht . Das war nämlich ein Mensch , der sich von wegen Liebe und allerlei sonst erschossen . Wiederum anders ists , wenn der Korb nur ein halber ist , entweder nur von den Eltern oder nur vom Mädchen ausgeht . Da ist Stolz dabei und man sinnet auf Eroberung oder Überlistung des den Korb austeilenden Teiles . Ist man mit den Eltern einig und hat das Mädchen sich spröde gemacht so denkt man viel an elterliche Rechte und an die gute alte Zeit , wo so ein dummes Meitschi keinen Gux mehr ausgelassen , wenn einmal die Eltern Ja gesagt , ja man denkt sogar an Zwangsmaßregeln und ob jenes System nicht auch hier anzuwenden wäre , jenes System nämlich , wo man einem das Reden verbietet , bis man sich gebessert hat . Ist man aber von den Eltern geschaßt worden und war man doch mit dem Mädchen einig , so denkt man an den Zeitgeist , der den Eltern allen Zwang verbietet , dagegen den Kindern das Zwängen zuläßt ( aus welchem Grunde wahrscheinlich einige Gelehrte meinen , der Zeitgeist sei kindisch geworden ) , oder sieht die Eltern rundum an , ob nicht hinten die Rückenmarkauszehrung oder vornen die Wassersucht , unten das Podagra oder oben eine respektable Gehirnentzündung zu hoffen sei , wodurch am natürlichsten jeder Zwang beseitigt würde , und nebenbei weiß man sich gut auszudrücken über elterliche Beschränktheit , Standesvorurteile oder des Alters stupiden Geiz , der meine , man lebe vom Gelde alleine . Und wenn man einen Stock in der Hand hat , so können die Vorbeigehenden zu ihren Beinen Sorge tragen , sind aber Disteln bei der Hand , so werden die richtig geköpft , und jedem fliegenden Kopf wird nachgerufen : » Gäll du Ketzer , jetz heschs « , wobei die , welche es allfällig hören , im Zweifel bleiben , ob unter dem Ketzer der Vater oder die Mutter zu verstehen sei oder einfach bloß der Distelkopf . Auf Resli paßt , wie man sieht , keiner dieser Fälle , darum ward ihm auch ganz apart . In seiner Macht wäre es gestanden , den Korb abzuwenden ; das Mädchen liebte ihn , den Eltern konnte er gewähren , was sie wollten , und jetzt war er von Beiden verstoßen , von den Alten verhöhnt , und das Mädchen hatte ihm kein gutes Wort gegeben , im Zorn den Rücken ihm gewandt . Und doch war er im Recht , bei ihnen aber Unverstand , am dem scheiterte sein Lebensglück . Nun ist nichts , was man weniger begreift , als Unverstand , nichts erbittert daher mehr als dieser , und den von Einzelnen erlittenen schreibt man zumeist der ganzen Welt und Gott auf Rechnung ; daher zumeist junge Menschenfreunde ( Philanthropen ) alte Menschenhasser werden , denen die ganze junge Begeisterung in einen alten zähen Gallensatz sich niedergeschlagen hat . So ging es auch Resli . Die ganze Welt schien ihm ein Saunest , dem er im Galopp hätte entrinnen mögen , je eher je lieber , und dem lieben Gott warf er Blicke zu nicht für Gspaß , daß er solchen Unverstand habe zur Möglichkeit werden lassen . Er hatte die größte Mühe , seine Rosse nicht abzuflachsen so recht vaterländisch , aber es dünkte ihn , wenn nur so ein rechter Bauerndrüssel auf einem Wägeli oder mit einem Zug ihm begegnen würde oder gar ein lästerlicher , rot gefütterter Kommis mit einem erzwängten Schnauz , die wollte er mit einem Riß zusammenwettern , daß nicht eine Handgroß ganz an ihnen bliebe ; aber glücklicherweise begegnete ihm niemand als ein Hund , der herlief , die Pferde anzubellen , wie es eben Tiere gibt , sogar Menschen , welche alles anbeten müssen , was in ihren Gesichtskreis kommt . Dieser kriegte einen so tüchtigen Geiselhieb , daß er das Bellen einstweilen vergaß und heulend nach Hause lief und eine Zeitlang nicht gewußt haben soll , ob das Bellen ganz verboten sei oder nur zu Zeiten . Allmählig setzte sich das Fieber , und das allgemeine Gefühl wandelte sich in ein besonderes Denken , gleichsam in ein Wiederkauen des Vergangenen , in ein neues Überschlagen , ob er recht oder unrecht gehabt . Wenn er an den Bauer dachte , so juckte es ihn immer neu im Arm , und wehe dem Pferde , das in diesem Augenblick die geringste Untugend erzeigte , es kriegte richtig eins aus dem Salz ; denn es war Resli in solchen Augenblicken nie , daß er ein Pferd schlage , es kam ihm immer vor , der Bauer kriege die Hiebe , und da wars ihm , je härter sie wären , desto wöhler täten die dem Ketzer . Dann glitschten seine Gedanken , er wußte nicht wie , aufs Meitschi , und dort blieben sie , aber uneinig unter einander . Anfangs zürnte er auch ihm bitterlich , dann tauchte in ihm ein Fürsprech auf , der stellte sich an des Meitschis Platz , behauptete dessen Rechte , zeigte ihm , wie sein Nachgeben nur ein formelles gewesen , in re er recht behalten , wie es da nur um eine Wendung sich gehandelt , nur auf ein Stücklein Zutrauen angekommen wäre , und wenn dies zwei Liebende nicht mehr zu einander hätten , wer es dann noch haben sollte ! Wie , wenn er wirklich das Mädchen lieb gehabt und Erbarmen mit dessen Lage , er ja wohl hätte nachgeben müssen , was in diesem Punkte ganz alleine an ihm gestanden , wozu noch die Mutter selbst ihn gemahnt , ja ihn gewarnt hatte , die Sache auf die Spitze zu treiben , da es gar nicht am Mädchen gestanden , ob es nachgeben wolle oder nicht , sondern rein in der Gewalt des brutalen Vaters , der einen Pfifferling nach Recht und Billigkeit fragte . So wars ja nichts als Eigensinn von ihm , daß er darauf bestund , den Hof jetzt noch nicht zu wollen , und also am eigenen Eigensinn , nicht am Unverstand Anderer scheiterte sein Lebensglück . Wenn nicht ein dichter Haselhag zu beiden Seiten den engen Weg begrenzt hätte , wer weiß , ob er nicht rasch umgelenkt und in sausendem Galopp dem Dorngrüt zugefahren , seinen Eigensinn abgebeten hätte ! Aber diesem Fürsprecher gegenüber stund von Anbeginn , anfangs in nebelhafter Ferne , in unbestimmten Umrissen , ein schaurig Bild ; das Bild kam näher und näher , bestimmter wurden seine Züge , es war das Bild des zitternden , zornigen Mädchens in seiner krampfhaften Aufregung , wie es so blaß dastand , wie so zornig dessen Augen leuchteten , so blaß seine Lippen bebten , so wild es ihn zurückstieß , so haltlos aufs Bett es sich warf , so maßlos weinte und winselte . So hatte er noch keinen Menschen gesehen , die Mutter nicht , Annelisi nicht , keine Jumpfere . Etwa höhn waren alle gewesen , hatten rascher geredet oder streng geseufzt , auch geweint und waren in einen Ecken gestanden und hatten das Gesicht nicht gerne sehen lassen , aber so außer sich und so ohne Antwort auf ein freundliches Wort , unversöhnlich und rücksichtslos , war nie eine ihm vorgekommen . Es kam ihm in Sinn , was sein Bruder ihm gesagt von ertaubeten Meitschene auf die neue Mode ; auf und ähnlich hatte Anne Mareili getan . War er nicht glücklich , daß er das zu rechter Zeit noch gesehen , daß er dieses Weh in seiner ganzen Wüste erfahren ; denn wie unglücklich hätte er werden können wenn er es erheiratet , und welche Schande erleben müssen wenn er eine Frau heimgebracht , welche etwas an sich hatte das man bei ihnen nicht kannte , das gerade aussah , als wäre sie vors Hüsli use , und von dem er nicht wußte , wie oft es sie ankam und ob vor den Leuten oder nur privatim vor den Eltern und dem Manne . Vom fallenden Weh hatte er schon viel gehört , und immer hatte es ihm darob gegruset , aber dieses Weh schien ihm noch viel ärger . Es hatte das Mädchen verzerrt , daß er es gar nicht wieder erkannte ; es war ein durchaus Anderes geworden , eines , das er lieber nicht mit einem Stecklein anrührte , geschweige dann lieben mochte und gar noch zur Frau es haben . So stellte die letzte Erinnerung dem armen hin- und hergeworfenen Resli das Mädchen immer greller dar , daß er sich fast seiner Liebe zu schämen , sich zu freuen begann über das letzte Ereignis . Die letzte Erinnerung , der letzte Blick , das letzte Wort setzt so gerne sich fest dem Abgehenden , alles Außergewöhnliche so leicht jedem , der es sieht , daß eine große Bedeutsamkeit in der letzten Gebärde liegt , daß überhaupt eine große Bedeutsamkeit darin liegt , wie jemand Gebärden macht , die bei andern Menschen Eindruck hinterlassen , und ganz besonders bei einem Mädchen sind diese Gebärden von Bedeutsamkeit . Kokettisieren , die Schöne und Liebliche machen soll kein Mädchen , aber so viel Herr über sich selbst sein sollte jedes , daß es sich nie selbst unschön , wüst macht , unschön , wüst werden läßt . Es gibt einen hohen , schönen Zorn , der die Jungfrau zur Göttin macht , der aber ist selten , jeder andere verzerrt das Mädchen , und der gröbste Benz , der gar nicht weiß , was schön oder unschön ist , sagt : » Nei aber , das cha afe wüest tue , so eins begehr ih nadisch nit ! « Es ist freilich viel gefordert von einem Mädchen , daß es immer seiner Herr bleibe , sich nicht fortreißen lasse , kanns doch mancher Mann nicht ! Nun ists sicher ebenso unrecht und noch unendlich unrechter , wenn ein Mann sich hinreißen läßt , als wenn es ein Mädchen tut , und schaden tut es ihm , und öppe viel hält ihm niemand darauf , aber so unschön , so widerlich macht es ihn doch nicht , wie es das Mädchen , wie es die Frau macht . Das ist halt Sache des Gefühls , und weil es das Gefühl ist , welches uns von wegen der Schönheit und dem freundlichen Maße in allem zum Weibe zieht , so kann man halt nichts dafür , wenn dieses Gefühl durch widerliche Ausbrüche verletzt wird , halt lieber im Heidenland wäre oder gar bei den Heiducken als so einem kannibalischen Weibsgesicht gegenüber . Wie es nun Zufälle geben , Umstände sich häufen können , wo ein Mann in einen Zorn gebracht wird , der ihn zum Mörder macht , des Mörders Strafe er auch ausstehen muß , während man ihn allgemein bedauert und Barmherzigkeit bei Gott für ihn hofft , so kann Weh , Leid und Zorn ein Mädchen in einen Zustand versetzen , durch welchen es seinen Liebhaber absprengt . Es war ihm nicht möglich , anders zu sein , es war ihm auch nicht zuzumuten ; aber die Wirkung , der Eindruck sind einmal da , sind geborne Dinge , ein fait accompli , welches selbst die Tagsatzung anerkennt ; wer wischt sie nun aus , wer macht sie ungeschehen , übertüncht das Bild wieder , das vor den Augen des Liebhabers schwebend bleibt ? Wer bricht die Folgerungen ab , die aus dem Bilde entspringen , denn das ist gleich , wie wenn ein Mädchen einen bösen Beinbruch tut . Heilen werde es wohl , ansehen werde man ihm einstweilen nicht viel , aber sellige Ding gäbten halt böse Alter , so redet man . Bei allem , was auf Anne Mareili lastete , bei dem innigen Wunsche , aus ihrem Hause in Reslis Haus zu kommen , bei dem Glauben , niemand könne ihm dazu helfen als Resli , bei dem Glauben , der Liebhaber müsse , wenn er treu liebe , alles hintansetzen und zum Opfer bringen , bei dem Glauben an den eigenen guten Willen , der das Opfer nur scheinbar machen , alle Folgen und Schwere ihm nehmen würde , bei allem dem , wem wäre nicht so geworden wie dem armen Meitschi , wer hätte nicht Augen gemacht und hintendrein noch was ganz anderes als geweint und geschluchzt ? Aber was die Augen sehen , das haben sie halt gesehen , und woher es gekommen , daran denken Viele nicht ; bei Andern kommen wohl Gedanken daran , aber die Gedanken kommen meist lang hintendrein , werden leicht verweht , wenigstens immer von neuen Zweifeln angeweht . Bei Resli war es umgekehrt gegangen , die Gedanken waren vor dem Bilde da , von wegen , der gute Boden in seiner Seele war ziemlich tief und trug lieber das Gute als das Böse , und die Liebe ging als Samen über ihn hin . Das Bild trat Reslis Gedanken gegenüber und kämpfte mit ihnen . Das Bild war die böse Fee , welche in seinen Liebesgarten schlich und seine Geliebte verzaubern wollte in ein scheußlich Drachenbild , zum Werwolf mit feurigen Augen , zur wütenden Hyäne mit den grimmigen Zähnen , das Haar bolzgradauf vor Zorn und Wut . Aber als ein treuer Ritter kämpfte er redlich gegen die böse Fee , und wie sie auch immer neu ansetzte und mit List und Kunst in immer neuen Gestalten daherfuhr , stund er als wie mit breitem Schwerte vor der Geliebten und wehrte dem bösen Zauber . Wie der Kampf ein innerlicher ward , verschwand die äußere Aufregung , ernst saß er im Sattel , ruhig lenkte er die Rosse , und wer freundlich den stattlichen Fuhrmann grüßte , erhielt freundlichen Dank . Das Mitleid mit dem Mädchen gewann die Oberhand , er bedauerte es von Herzensgrund , die Roheit des Alten verwand er ; so ein Mensch habe keinen Verstand , dachte er , und wie man mit einem rechten Menschen umgehe , das wisse er nicht . Es freute ihn , daß er keinen besondern Ärger erzeigt , sondern fest geblieben war bis hundert Schritte vom Hause weg , und mehr war ihm doch auch nicht zuzumuten . Aber eins stund ihm fest , daß die Sache aus und ab sei ; es war ihm , als tue sich ein unendlicher Abgrund auf zwischen dem Dorngrüt und ihm , als seien die vergangenen Tage eine versunkene Welt , die er nur noch im Traume betrachten könne , die mit seinem zukünftigen Leben nicht zusammenhingen . Daß es so war , tat ihm weh , denn wen schmerzt das Herz nicht , wenn was Liebes zu Grabe geht , wer trauerte nicht in tiefster Seele , wenn die Sonne ihm aufgegangen wäre , und sie versänke , Nacht wäre es wieder und keine Hoffnung da , daß die Sonne wieder käme ? Und wenn an einem solchen Grabe ein Mann steht , so träufelt wohl Träne um Träne nieder , aber ins Grab stürzt er sich nicht nach , eine starke Hand hält ihn oben : es ist der Glaube , daß nichts aus Zufall kömmt , sondern alles aus der väterlichen Hand dessen , der die Sterne ihre Bahnen führt und die Haare auf unserm Haupte hütet . Die Brust zerschlägt er sich nicht , die Haare zerrauft er sich nicht , klagt als Mörder , als Ursache des Todes sich nicht an . Wenn sein Tun ein überdachtes war und seine Versuche nach dem Maße seiner Kräfte , dann sind Selbstanklagen nichts als Zeugen eines unklaren Verstandes , eines kindischen Gemütes , welches dem einmal Verhängten sich nicht fügen will , welches nie dahin gelangt , Recht und Unrecht nicht nach dem Erfolge zu messen , sondern als Dinge , die für sich bestehen . So ward es Resli auch mehr und mehr ; je ruhiger er wurde , je bestimmter er seinen Verlust erkannte und fühlte , um so weniger plagten ihn Zweifel über sein Tun . Er hatte nicht anders handeln können , er hatte sich nicht nur so ausgesprochen , sondern es war auch das Rechte , was er gesagt , und dieses Rechte beugt sich nicht nach den Umständen , es ist nicht ein Bohnenstecken , den man abbrechen kann , wenn er zu lang ist , auch nicht eine Summe Geldes , an der man märten kann , wo es endlich für den , der es hat und dem an einem Handel etwas gelegen ist , auf ein Stück mehr oder weniger nicht ankömmt , wenn nur der Handel richtig wird . In diesem Rechttun ohne Märten und ohne Beugen liegt ein unendlicher Trost , es fordert aber auch eine große Kraft , es ist das Ausharren und Getreusein bis ans Ende , es ist das Aufgeben des Wahnes , daß man mit Ducken und Klügeln , auf selbstgewählten Wegen wie auf ebener Bahn an ein seliges Ziel gelangen könne , es ist das Aufgeben des Wahnes , daß man weiser als Gott sei und seines eigenen Glückes Schmied in des Wortes falscher Bedeutung . Wohl wird es sehr oft schwer der menschlichen Klugheit und der menschlichen Schwäche , weil wir in unserer Kurzsichtigkeit für uns und Andere das Ärgste bei dem strengen Festhalten des Rechts fürchten , und so oft ist doch eben in diesem Rechttun ohne Märten und ohne Beugen unsere und Anderer Rettung , wo wir in unserer Kurzsichtigkeit das Gegenteil gefürchtet . Wenn wir aber märten und uns beugen , so kommt es sehr oft ganz anders , als wir gemeint , und das Märten und das Beugen wird uns zum Mühlstein , den wir uns selbst an den Hals gebunden , und dann , wenn wir ob Märten und Beugen versinken , wo das Meer am tiefsten ist , was haben wir für einen Trost ? Ihr Rechtsgelehrten , welche ihr den Zeitgeist anbetet , der eben nichts ist als ein solches Beugen vor dem eigenen Aberwitz , als ein Märten mit dem Teufel , sagt mir : mit dem Mühlstein um den Hals , was wächst uns für ein Trost empor aus dem Meere , wo es am tiefsten ist ? Da sind keine Äste , wo man wie ein Eichhörnchen von einem Aste auf den andern springen kann , wenn der eine oder der andere vom Winde zu stark geschaukelt wird ; da ist dann nichts mehr als unter uns das tiefe Meer und am Halse der Mühlstein . Dieser Trost kam allmählig immer mehr über Resli , er hatte aufrichtig und ehrlich recht getan , und nun in Gottes Namen ! Das kann aber der nie sagen , der gemeint , geglaubt , gedacht , gehofft , sich geduckt , gemärtet hatte und nun getäuscht wird , der Erfolg ein ganz anderer ist , als er gemeint , gedacht ; dem gehen die Worte » In Gottes Namen « nicht aus dem Munde , sie bleiben hängen auf der Zunge wie Fliegen im Karrensalb . Langsam und spät kam er nach Hause , und alle warteten seiner guter Dinge , hielten dieses Spätsein für gute Vorbedeutung , ja Annelisi redete schon von zu Bette gehen , denn er komme doch nicht heim , es wolle ihnen das für gewiß sagen und einen Meyenstock oder eine Halbe darauf wetten , mit wem da wolle . » Es gult « , sagte Christeli , » wennd auch zahltest , wasd vrlörest , aber du hast ja nie kes Geld . Resli kömmt so gewiß heim , als Heu nicht Stroh ist . Es ist möglich , daß der Bauer da unten im Grüt hie und da öppe e Mönsch zGast het , öppe viel nit ; ih bi o dert gsy , un öppe viel het me mr nit anerbote , aber vier Roß hat der nicht über Nacht . Ds selbist han ih ume eis by mr gha , u selb het niemere bigehrt in e Stall z ' tue , ume öppe für e Stung oder e halbi . « Bald darauf hörten sie durch die nächtliche Stille Rädergerassel . » Das ist ihn « , hieß es . » Nein , es ist ihn nicht , man hörte ihn klepfen , er würde strenger fahren « , ward entgegnet , und während dem Werweisen noch lenkte er still und ohne Peitschenknall durchs Türli . » Es het gfehlt « , sagte die Mutter . Trübe und stille ward es in Liebiwyl , aber eine Innigkeit , eine stille Freundlichkeit verband die einzelnen Glieder der Familie wie noch nie . Wer hat es nicht schon erfahren , wie still und öde es in einem Hause wird , aus dem ein geliebtes Wesen zu Grabe getragen worden , wie leer und trüb den Zurückkehrenden vom traurigen Begleit das Leben scheint , allenthalben ihnen etwas fehlet , während sie um so inniger an einander sich schließen , in liebevoller Sorge um das Glied sich reihen , welches durch den Verlust am härtesten getroffen worden , die verlorne Liebe ihm zu ersetzen suchen . Wie überhaupt in allen Herzen die Liebe klarer und leuchtender aufbrennt , wie ja auch die Sonne nie heller scheinet als nach gewaltigen Gewittern . Das ist der Segen der wahren Liebe , daß in der Liebe selbst der Balsam liegt für die Wunden der Liebe . So lebten sie in stiller Freundlichkeit zu Liebiwyl , und jedes redete sanfter mit Resli , und jedes suchte es ihm zu zeigen , wie lieb es ihn hätte und alles für ihn tun möchte . Über die Sache selbst ward wenig oder nichts mehr geredet . Resli hatte natürlich erzählt , wie es ihm ergangen war , und die ganze Familie es tief empfunden , wie Resli behandelt worden ; die Jungen hatten sich hauptsächlich über Anne Mareili geärgert und Annelisi gesagt , so könnte es es doch Keinem machen , zu dem es nur einen Funken Liebe hätte . Die Alten aber schmerzte der Übermut des Vaters am meisten gegen eine Familie , deren er sich doch nicht zu schämen hätte ; am Meitschi dünke es sie nichts anders , es King syg emel geng ume es King , wüß doch mänge Alte mängisch nit , was er tue . Die Mutter deutete darauf hin , daß sie so etwas gefürchtet und gerne sich unterzogen hätte , aber tadeln tat Resli niemand ; die Sache war abgetan , und was nützt es , wenn hintendrein ein jedes sagt : So hätte ich es gemacht , und so hättest du es auch machen sollen ? Hintendrein ist gut reden , sagt das Sprüchwort , und die Erfahrung bestätigt es auch . Während vor der Tat guter Rat teuer ist , hat nach der Tat jedes Babi Steinkrätten voll und trägt sie einem nach dringt sie einem auf und zwar gratis . Es ist nichts ärgerlicher als dieses Ausbündeln von Weisheit , wo sie nichts mehr abträgt ; mit dem verschonte man Resli . Am meisten drückte es Änneli , daß die Hoffnung , eine Sohnsfrau zu erhalten , in ungewisse Ferne gerückt war ; es hätte so gerne die noch gesehen , die nach ihm schalten und walten sollte in diesem Hause . Aber zu etwas Neuem drängen , das mochte es den Sohn nicht ; ein solches Drängen zur Unzeit vergrößert nur den Widerstand , ist eine von den bittern Früchten der Liebe , die einem Menschen als Glück etwas aufdringen will , zu welchem derselbe weder Lust noch Liebe hat . Resli war darum auch so gerne bei der Mutter , die ihm von alten Zeiten brichtete , ihn bekannt machte mit vergangenen Sitten und den Vorgängen in der Familie , so weit hintern sie selbst etwas wußte . Wo das Ringen mit der Gegenwart den Menschen nicht mehr allein faßt , sein Herz sich losgemacht hat von den Dornen und Disteln des gemeinen Lebens , da denkt er an die Vergangenheit , kümmert sich um die Zukunft , sorget für das Los seiner Kinder , forschet nach denen , die ihn auf die Welt gestellt , ihm ein Dasein verschafft . Über der Menschheit tiefsten Niederungen , wo der Mensch beginnt , Vergangenheit und Zukunft in Beziehung auf sich und die Seinen ins Auge zu fassen , entsteht die Familie . Der Familie Schatzkästlein soll aber nicht sein das Verzeichnis der bloßen Namen der gestorbenen Familienglieder , soll nicht bloß enthalten die Sparpfennige der haushälterischen Ahnen , sondern dieses Schatzkästlein soll enthalten Sitten und Erlebnisse der Väter , zu Warnung und Weisheit der Kinder . An dieser Familiengeschichte sollen Kinder aufwachsen wie am Spalier der edle Fruchtbaum . Der Väter Sinn und Art , welche sie über das Gestrüpp erhoben , wird auf die Kinder übergehen . Dieses wird vergessen ; Namen oder Geld , am liebsten Namen und Geld , meint man , machen die Sache , das sind aber beides tote Dinge und erhalten sich nicht , ohne Seele sind sie ein Leib , der verfault , weil eben die Seele gewichen . Freilich schämt man sich zuweilen der Familiengeschichte , darf den Kindern sie nicht erzählen ; Torheit ! Wie treu und schön erzählt nicht das Alte Testament den Kindern Israels das Tun der Väter Israels , beides , zum Vorbilde und zur Warnung ! In sich trug Resli ein Leben , welches er der Mutter Auge , so innig er sie liebte , nicht erschloß ; es war das Leben seiner Liebe , seine versunkene Liebeszeit . Eine solche versunkene Liebeszeit gleicht den Sagen von versunkenen goldenen Zeiten und Ländern , mit dem Unterschiede