fort , es finstere ja schon . Aber die Base hörte Vreneli nicht , sondern fuhr fort : » Kömmt es dir nicht in Sinn ? Du kennst sie wohl , es ist ein werchbar Mensch , tut aber zuweilen etwas uwatlig , und wenn ihr nicht zusammen zanket , so könnt ihr es sonst recht gut mit einander . « Dazu lachte sie recht herzlich und schaute Eins ums Andere an . Da schaute Uli auf , aber ehe er eine Antwort hervorgeworget hatte , fuhr Vreneli dazwischen und sagte : » Geh und spanne an ! Base , man kann den Spaß auch zu weit treiben . Ich wollte , ich wäre nie mitgefahren . Ich weiß gar nicht , warum man mich nicht ruhig lassen kann . Gestern haben mich die Leute taub gemacht , und heute wollt Ihr es noch ärger machen . Das ist nicht schön , Base . « Uli war aufgestanden und wollte gehen , aber die Base sagte : » Hock doch nieder und los . Es ist mir Ernst , ich habe schon manchmal zu Joggeli gesagt , es schickten sich nie Zwei besser zusammen als ihr Beide , es sei , wie wenn ihr für einander gewachsen wäret . « » Aber Base , « rief Vreneli , » dr tusig Gottswillen , hört doch auf , sonst laufe ich fort . Ich lasse mich nicht ausbieten wie eine Kuh . Wartet doch nur bis Weih , nacht , da will ich Euch aus den Augen , oder wenn ich Euch so erleidet bin , noch vorher . Was wollt Ihr Euch so vergebene Mühe geben , Zwei zusammenzubringen , die einander nicht mögen ? Uli fragt mir gerade so viel nach als ich ihm , und je eher wir von einander kommen , desto lieber ist es mir . « Da ging doch Uli der Mund auf , und er sagte : » Vreneli , zürne mir doch recht nicht , ich vermag mich ja gar nichts dessen . Aber das muß ich dir sagen : wenn du mich schon hassest , so bist du mir schon lange lieb gewesen und ich wünschte mir keine bessere Frau . Es muß einer glücklich mit dir sein ; wenn du mich wolltest , ich wäre glücklich genug . « » So , « sagte Vreneli , » jetzt , wo du vom Hof hörst und daß du ihn ins Lehen erhieltest , wenn du eine Frau hättest , bin ich dir auf einmal recht von wegen dem Hof . Du bist mir ein lustig Bürschli . Gell , wenn du nur den Hof kriegtest , so heiratest du jede Luenz ab der Gasse , jeden Zaunstecken aus einem Hag . Aber ohä ! Du bist an der Lätzen , es ist nicht , daß ich einen Mann haben muß . Ich will gar keinen , allweg keinen , der jeden Dachen nimmt , wenn nur ein Tröpfli Öl daran hanget . Wenn ihr nicht fahren wollt , so laufe ich alleine heim , « und somit wollte es zur Türe aus schießen . Aber Uli fing es auf , hielt es mit starkem Arm , wie es sich auch wehrte , und sagte : » Nein , wahrhaftig , Vreneli , du tust mir unrecht . Wenn ich dich haben könnte , ich wollte mit dir in die Wildnis , wo ich nichts als schwenden und reuten müßte . Es ist wahr , wo mir ds Elisi so flattiert hat , da ist mir der Hof in den Kopf gekommen und ich hätte es nur deßtwegen genommen . Aber schwer hatte ich mich versündigt , denn schon damals bist du mir im Sinn gelegen , und ich habe dich immer hundertmal lieber gesehen als ds Elisi . Allemal wenn ich ihns gesehen , so bin ich erschrocken , wenn du mir aber begegnet bist , so lachte mir allemal das Herz im Leibe . Frag nur den Johannes , ich habe es ihm heute morgen gesagt : eine Frau , wie du eine gibst , wüßte ich , so weit die Sonne scheint , keine bessere zu finden . « » Laß mich gehen , « schrie Vreneli , das während der schönen Rede getan hatte wie eine Katze am Hälsig und selbst mit Klemmen und Kratzen nicht schonte . » Ich will dich gehenlassen , « sagte Uli , der männlich das Kratzen und Klemmen aushielt , » aber du mußt mich nicht im Verdacht haben , als wollte ich dich nur , wenn ich Lehenmann werden könnte . Du mußt glauben , ich hätte dich sonst lieb . « » Ich verspreche nichts ! « rief Vreneli , riß sich los mit eigener Gewalt und floh oben an den Tisch . » Du tust doch so wüst wie eine junge Katze « , sagte die Base . » Ich habe mein Lebtag kein solch Meitschi gesehen . Aber tue jetzt vernünftig , komm hock da neben mich ! Willst du kommen oder nicht ? Ich gebe dir mein Lebtag kein gutes Wort mehr , wenn du nicht eine Minute da hocken und dich stille halten willst . Uli , sag , man solle noch eine Halbe bringen . Halt dich still , Meitschi , und rede mir nicht darein , « sagte die Base und erzählte nun , wie es ihr wäre , wenn sie Beide fortgingen , was für böse Tage ihrer warteten , vergoß schmerzliche Tränen über ihre Kinder und wie sie noch glücklich werden könnte , wenn es ginge , wie sie in schlaflosen Nächten es sich ausgedacht . Wenn Zwei mit einander glücklich werden könnten , so wären sie es . Sie habe Joggeli manchmal gesagt , sie hätte ihrer Lebtag nie zwei Menschen gesehen , die einander so wohl verstünden in der Arbeit und einander so behülflich seien . Wenn sie so fortführen mit einander , so müßten sie zu schönem Vermögen kommen . Was sie ihnen behülflich sein könnten , das würden sie tun . Sie hätten es nicht wie viele Lehenherren , denen nicht wohl sei , wenn nicht alle zwei Jahre ein Lehenmann auf ihrem Gut zugrunde ginge , und die allemal schlaflose Nächte hätten und am Zins aufschlagen wollen , wenn einmal der Lehenmann zu rechter Zeit den ganzen Zins geben kann , weil sie fürchten , er habe das Lehen zu wohlfeil . » Nein , gewiß , « sagte sie , » wir wollten tun an euch , wie wenn ihr unsere eigenen Kinder wäret , und einen Trossel müßte Vreneli haben , dessen keine Baurentochter sich zu schämen hätte . « Aber wenn ihr das nicht gerate und Vreneli wüst tun wolle , so wüßte sie nicht , was anfangen , sie wollte lieber nicht mehr heim . Sie wolle ihm nichts fürhalten , aber das hätte sie doch nicht um ihns verdient , daß es jetzt so wüst tue ; sie hätte öppe getan an ihm , was ihr wohl angestanden sei . Und das Wüstmachen tue es ihr expreß zuleid , sie merke es wohl . Es sei schon lange nicht mehr wie sonst gegen sie . Und gar herzlich weinte die gute Frau . » Aber Base , « sagte Vreneli , » wie könnt Ihr auch so reden ? Ihr seid ja meine Mutter gewesen , für eine solche habe ich Euch immer gehalten , und wenn ich für Euch durchs Feuer sollte , ich besänne mich keinen Augenblick . Aber so einem Schnürfli , der mich nicht begehrt , lasse ich mich nicht anhängen . Wenn ich denn endlich einen haben muß , so will ich doch einen , der mich lieb hat und mich meinetwegen nimmt und nicht mitsamt den andern Kühen mich zum Lehen begehrt . « » Wie kannst du auch so reden « sagte die Base , » hast du nicht gehört , daß er gesagt hat , er habe dich schon lange lieb gehabt ? « » Ja , « sagte Vreneli , » das sagen sie alle , Einer wie der Andere ; wenn man aber an dieser Lüge ersticken müßte , es würde wenige Hochzeit geben . Er wird auch nicht besser sein als die Andern ; wenn Ihr nicht zuerst vom Hof angefangen hättet , Ihr hättet dann sehen können . Und es ist auch nicht recht von Euch gewesen , mir nichts von allem zu sagen und mich da so ungesinnet ihm darzuwerfen wie einer Sau einen Tannzapfen . Wenn Ihr mir zuerst ein Wort gegönnt hättet , so hätte ich es Euch sagen können , was Trumpf ist bei Uli . Er sagt auch : Geld , du bist mir lieb , und dann soll eine verstehen : Gäll , du bist mir lieb ! « » Du bist ein wunderlich Gret , « sagte die Base , » und tust ärger , als wenn du die vornehmste Herrentochter wärest . « » Eben , Base , weil ich nichts bin als ein Meitschi , so steht es mir wohl an , vornehm zu tun und mich da nicht so vorwerfen zu lassen . Ich glaube , ich habe ein größer Recht dazu als manche vornehme Tochter , sei es dann meinethalb eine Herren- oder eine Baurentochter . « » Aber Vreneli , « sagte Uli , » was vermag ich mich dessen , und soll ich es jetzt entgelten ? Du weißt im Herzen wohl , daß ich dich lieb habe , und ich habe so wenig von dem gewußt , was die Base im Sinne hatte , als du . Es ist daher nicht recht , daß du es an mir auslassest . « » Ach , « sagte Vreneli , » erst jetzt merke ich , daß das Ganze eine abgeredete Sache war ; du würdest dich sonst nicht versprechen , ehe ich dich angeklagt . Das ist erst recht wüst und ich will von der ganzen Sache nichts mehr hören , ich lasse mich nicht so hineinsprengen , wie man die Fische ins Garn sprengt . « Damit wollte Vreneli wieder auf und fort , aber die Base hielt es fest am Kittel und sagte ihm : Es sei das wüstest und mißtreust Mönsch , wo an der Sonne herumlaufe . Seit wann sie hinter seinem Rücken unter dem Hütli spiele ? Das sei wahr , wegen dieser Sache habe sie zum Vetter begehrt und dessetwegen habe sie Beide mitgenommen . Aber was sie im Sinn gehabt , habe niemand gewußt , nicht einmal Joggeli , geschweige denn Uli . Sie habe dem Vetter den Auftrag gegeben , dem Uli die Würme aus der Nase zu ziehen , und es sei wahr , der habe Vreneli grusam gerühmt , so daß der Vetter ihr gesagt , Uli nähme Vreneli lieber heute als morgen , aber er dürfe ihm nichts sagen , er fürchte , es halte ihm ds Elisi vor . Daraufhin habe sie gedacht , sie wolle reden , wenn Uli nicht dürfe , denn daß ihm Uli nicht anständig sei , das überrede sie niemand , sie habe ihre Augen noch nicht am Rücken . Er vermöge sich also dessen nichts . » Aber warum kömmt er denn heute in die Stube , wo ich einpacke , « fragte Vreneli , » und will mir ein Müntschi geben ? Das hat er noch nie getan . « » He , « sagte Uli , » ich will es dir grad sagen . Als ich heute mit dem Meister geredet hatte , da bliebest du mir im Sinn mehr als je , und ich dachte , ich wollte geben , was ich hätte , wenn ich wüßte , ob du mich lieb hättest und mich nehmen würdest . Vom Lehen wußte ich kein Wort . Als ich dich so allein antraf , da übernahm es mich , ich wußte nicht wie , es kam mir in den Arm fast wie ein Gsüchti , ich mußte dich anrühren , dich um ein Müntschi fragen . Anfangs glaubte ich , ich hätte eins erhalten , allein später dachte ich , es könnte doch nicht sein , du hättest mich sonst nicht so wild in die Stube hinausgeschossen ; ich dachte , du hättest mich nicht gerne , und das machte mich betrübt im Herzen , und ich dachte , wenn nur Weihnacht da wäre , daß ich fort könnte , da wollte ich weit weit ins Weltschland hinein , daß nie jemand mehr etwas von mir höre . Und so ists mir noch , Vreneli ; wenn du mich nicht willst , so will ich vom Lehen nichts , will fort , fort , so weit mich die Füße tragen , und kein Mensch soll erfahren , wohin ich gekommen . « Er war aufgestanden , vor Vreneli getreten , das Wasser stund ihm in den treuherzigen Augen , der Base aber rollte es die Backen ab . Da sah Vreneli zu ihm auf , die Augen wurden ihm feucht ; aber um den Mund zuckte noch der Spott und der Trotz , die niedergehaltene Liebe brach auf und begann durch die Augen ihre leuchtenden Strahlen zu werfen , während das jungfräuliche Widerstreben die Lippen aufwarf als Schanze gegen das Ergeben an die männliche Zudringlichkeit . Und während die Augen Liebe leuchteten , kamen doch hinter den aufgeworfenen Lippen hervor die spottenden Worte : » Aber Uli , was sagt dann Stini , wenn du schon wieder eine Andere willst ? Wird es dir nicht singen : Er hat ein Herz wie es Tubehus : Flügt die Eini dry , flügt die Anderi drus ! « » Aber wie magst du auch mit ihm den Narren treiben ! « sagte die Base , » du siehst ja , wie es ihm Ernst ist . Wenn ich ihn wäre , ich kehrte dir das Nest und sagte dir : Blase mir , wo ich schön bin ! « » Er hat dWehli , Base , und Ihr wisset nicht , ob es mir nicht recht wäre « , sagte Vreneli . » Nein , es wäre dir nicht recht , Meitschi , « sagte die Base , » ich höre es dir schon an . Und Uli , wenn du nicht ein Löhl bist , so nimmst du es jetzt um den Hals ; es schießt dich nicht mehr in die Stube hinaus , glaub es mir . « Indessen hätte die Base fast unrecht erhalten . Noch einmal bot das Mädchen seine Kraft auf , und Uli wäre in raschem Umschwunge bald wieder geflogen . Allein des Mädchens Kraft hielt nicht aus . Das Mädchen fiel an Ulis treue Brust und brach in lautes , fast krampfhaftes Weinen aus . Es wurde den beiden Andern , als das Schluchzen nicht aufhören wollte , fast angst dabei , sie begriffen nicht , was das sein solle . Uli tröstete , so gut er konnte , und sagte , es solle doch ja recht nicht so tun , und wenn es ihn lieber nicht wolle , so könne er ja gehen , er wolle ihns nicht plagen . Die Base balgete erst , es sei dumm getan , zu ihrer Zeit hätten die Mädchen nicht die Schloßhunde verspottet , wenn sie einen gefunden . Dann ward ihr aber auch bange , und sie sagte , sie wolle es nicht zwingen ; wenn es lieber nicht wolle , so könne es ja ihretwegen machen , was es wolle . Es solle doch nur dr Gottswillen nicht so tun , die Wirtsleute könnten sonst glauben , was es wäre . Endlich konnte ihnen Vreneli sagen , sie sollten es doch nur ruhig lassen , es wolle sich zu überwinden suchen . Es sei sein Lebtag eine arme Waise gewesen und verstoßen von Jugend auf . Es habe nie ein Vater es auf den Schoß genommen , die Mutter es nie geküßt , nie habe es seinen Kopf an irgend einem Halse verbergen können . Es hätte ihns manchmal gedünkt , gerne wollte es sterben , wenn es nur dabei jemand auf den Knien sitzen , jemand dabei um den Hals nehmen könnte ; aber solange es Kind gewesen sei , habe niemand ihns lieb gehabt , nirgends hätte es sein sollen . Es könne nicht sagen , wie oft es einsam geweint . Sein Sehnen sei immer und immer dar , auf gegangen , irgend einmal jemand so von ganzem Herzen , ganzem Gemüte lieb haben zu können , jemand zu finden , an dessen Brust es sein Haupt in Leid und Freud legen könnte . So eine Freundin aber habe es keine gefunden . Da habe es gedacht , wenn man ihm vom Heiraten gesprochen , es wolle es nie , es sei denn , es könne so von Herzensgrund glauben , daß das die Brust sei , an die es in Leid und Freud sein Haupt legen , die ihm treu sein werde im Leben und im Sterben . Aber es habe keine gefunden , zu der es diesen Glauben hätte haben können . Uli sei ihm lieb , sei ihm schon lange lieb , mehr als es sagen wolle , aber diesen Glauben zu ihm habe es noch nicht finden können . Und wenn es diesmal getäuscht würde , wenn Uli nicht die rechte Liebe , die rechte Treue für ihns hätte , dann wäre ja sein letztes Hoffen dahin , dann würde es keine mehr finden , dann müßte es unglücklich sterben . Dar , um mache es ihm so angst , und sie sollten es doch jetzt dr Gottswillen ruhig lassen , damit es so recht überlegen könne , was es mache . Ach , sie wüßten es nicht , wie es einer armen Waise zumute sei , welche der Vater nie auf dem Schoße gehabt , die Mutter nie geküßt ! » Du bisch es Göhl ! « sagte die Base und wischte die nassen Backen ab . » Wenn ich gewußt hätte , daß es dir nur da fehle , auf ein Müntschi mehr oder weniger wäre es mir doch gewiß nicht angekommen . Aber warum sagst du es nicht ? Unsereins kann doch wahrhaftig nicht an alles sinnen . « Uli sagte , er hätte das verdienet , es geschehe ihm recht und er hätte gedenken sollen , daß es ihm so gehen werde . Aber wenn es in ihn hineinsehen könnte , so würde es sehen , wie lieb er es hätte und wie aufrichtig er es meine . Er wolle sich nicht entschuldigen , er habe schon mehrere Male ans Wyben gesinnet , aber lieb gehabt habe er Keine wie ihns . Aber er wolle es nicht zwingen , er müsse in Gottes Namen sich gefallen lassen , was sein Wille sei . » Du hörst es ja , « sagte die Base . » wie lieb er dich haben will ! Komm , nimm dein Glas und mach Gesundheit mit Uli und versprich ihm , du wollest die Lehenfrau in der Glunggen werden . « Vreneli stund auf , nahm sein Glas , machte Gesundheit , aber versprach nichts , sondern bat : Man solle ihns nur heute noch ruhig lassen und nichts mehr davon sagen ; morgen wolle es den Bescheid geben , wenn es sein müsse . » Du bist ein wunderliches Gret , « sagte die Base . » He nun , Uli , so spann an , sie werden daheim nicht wissen , wo wir bleiben . « Draußen flimmerten die Sterne im dunkelblauen Grunde , weiße Nebelwölkchen schwebten über feuchten Matten , einzelne Streifen hoben neugierig an Talwänden sich auf , laue Winde wiegten das matte Laub , hie und da läutete eine auf der Weide vergessene Kuh ihrem vergeßlichen Meister , hie und da schickte ein übermütig Bürschchen sein Jauchzen weit über Berg und Tal . Die Bewegungen des Tages und des Fahrens rüttelten die Base in tiefen Schlaf , und Uli hielt mit gespannter Kraft den wild ausgreifenden Kohli in ziemlichem Laufe ; Vreneli war alleine in der weiten Welt . Wie weit am fernen Himmel die Sterne schwammen in des unermeßlichen blauen Meeres schrankenlosem Raume , jeder für sich in einsamer Bahn , so fühlte es sich wieder das arme , einsame , verlassene Mädchen im großen Weltengetümmel . Wenn es fort war von Base und Vetter , wenn sie gestorben waren , so hatte es niemand mehr auf der Erde , kein Haus , wohin es sich flüchten konnte in kranken Tagen , keinen Menschen , dem es etwas klagen konnte , kein Auge , das mit ihm lachte , mit ihm weinte , keinen Menschen , der einmal weinte , wenn es sterben sollte , ja vielleicht keinen , der seinen Sarg begleitete bis zu dem engen , kalten Hause , das man ihm endlich doch gewähren mußte . Allein war es , einsam und verlassen sollte es durch das Weltgetümmel bis zu seinem einsamen Grabe auf langer Wanderung , vielleicht durch viele viele einsame Jahre , gebeugter , mut- , kraftloser von Jahr zu Jahr , ein alt , verwittert , verachtet Wesen , dem kaum jemand Herberge mehr gab , wenn auch um Gotteswillen dafür angesprochen . Neues Weh zuckte ihm im Herzen , Klagen wollten aufquellen : warum doch wohl der Vater , der gute , der die Liebe heiße , so arme Kinder leben lasse , die niemand hätten auf der Welt , die in der Kindheit verstoßen würden , in der Jugend verführt , im Alter verachtet ? Da begann es doch zu fühlen , daß es sich an Gott versündige , der ihm viel mehr gegeben als Vielen , der seine Unschuld behütet bis auf diesen Tag , es so gestaltet , so hatte werden lassen , daß ein reichlich Auskommen ihm sicher schien , wenn Gott seine Gesundheit erhielt . Es begannen ihm aufzutauchen , wie aus dem Nebel die Hügelspitzen und die Kronen der Bäume , die Liebeszeichen , die Gott augenscheinlich über sein Leben ausgestreut , wie es behütet worden hier und dort , wie es viel heiterere Tage genossen als viele viele arme Kinder und wie es auch Leute gefunden , viel bessere als andere Kinder , die , wenn sie es auch nicht wie Vater und Mutter an ihre Herzen nahmen , ihns doch auch lieb gehabt und so erzogen , daß es vor alle Leute treten durfte mit dem Gefühl , daß man ihns für einen eigentlichen Menschen ansehe . Nein , klagen durfte es nicht über den guten Vater droben , es fühlte , daß dessen Hand ob ihm gewesen . Und war seine Hand nicht noch jetzt über ihm , war sie nicht auch heute über ihm ? Hatte er sich wohl über das arme , einsame Meitschi erbarmet ? Hatte er den Ratschluß wohl gefaßt , weil es getreu geblieben bis dahin und von der Sünde sich unbefleckt zu erhalten gesucht , nun auch seines Herzens Sehnen zu stillen , ihm eine treue Brust zu geben , an die es sein Haupt lehnen konnte , etwas Eigenes , damit einst jemand weine bei seinem Tode , jemand es begleite auf dem trüben Wege zum schaurigen Grabe ? War das wohl Uli , der getreue , vielgewandte Knecht , den es so lange schon in verschwiegenem Herzen geliebt , dem es nichts vorzuhalten wußte als seine Verirrung mit Elisi , daß er auch von dem Wahn ergriffen worden , das Geld mache glücklich , der so treu und ehrlich sein Herz dargetan und seinen Fehler bereute ? War es nicht eine eigene Fügung , daß sie sich Beide getroffen gerade an diesem Orte , daß Uli nicht früher fortgekommen , daß Elisi habe heiraten müssen , daß der Base der Wunsch komme , das Gut Uli in Lehen zu geben ? Hatte das alles sich nicht recht wunderbar treffen müssen , war darin nicht offenbar des Vaters gütige Hand ? Sollte es wohl das Dargebotene verschmähen ? War es etwas Hartes , Widerliches , das ihm zugemutet wurde ? Nun rollte die Seele ihre Bilder auf , bevölkerte mit ihnen die öde Zukunft . Uli war sein Mann , es hatte Wurzel geschlagen im Leben , in der weiten Welt , sie waren der Mittelpunkt , um den ein großes Hauswesen sich ordnete , um ihren Willen kreisend . Hundertfältig gestaltete dieses Bild sich vor seinen Augen , und immer schöner , lieblicher woben dessen Farben sich durcheinander . Es wußte nicht mehr , daß es im Wägeli fuhr , es war ihm so leicht , so wohl ums Herz , als ob es bereits atme in jener Welt , wo keine Sorge , kein Leid mehr ist ; da rollte das Wägelein über einen Stein . Vreneli fühlte ihn nicht , aber die Base erwachte mit langem Gähnen und fragte , mühsam sich fassend : » Eh , wo sind wir ? Ich habe doch nicht geschlafen ? « Da sagte Uli : » Wenn Ihr recht lueget , so seht Ihr dort unser Licht durch die Bäume . « » Herr Yses , wie habe ich doch geschlafen ! Das hätte ich doch niemand geglaubt . Wenn nur Joggeli nicht balget , daß wir so spät sind . « » Es macht noch nichts , « sagte Uli , » und morgen kann der Kohli ruhen , wir brauchen ihn nicht . « » He nun , « sagte die Base , » so macht es desto minder . Aber wenn die Rosse spät heimkommen und früh fort sollen , so ist das eine Schinderei . Nehme man doch , wie es einem wäre , wenn man es einem auch so machen würde , immer laufen , immer laufen und keine Zeit zum Essen und Schlafen . « Aus allen Türen schossen diesmal mit Lichtern und Laternen die Bewohner der Glungge , als sie das herannahende Wägeli hörten , die einen ans Pferd hin , die andern zum Wägeli ; selbst Joggeli gnappete herbei und sagte : » Ich habe geglaubt , ihr kommet heute nicht mehr , es hätte euch etwas gegeben « Fünfundzwanzigstes Kapitel Der Knoten beginnt sich zu lösen , und als er sich stecken will , zerschlägt ihn ein Mädchen und zwar mit einem buchenen Scheit Nun ging es wie an allen Orten , wenn die Hausmutter spät heimkömmt , mit Reden und Fragen ; doch war noch keine Stunde verflossen , so wars still in der Glungge , nur im Stalle hörte man den Kohli fressen . Der schöne Schlaf hatte sich über die Bewohner gesenkt und seine Gaben gebracht , das Vergessen alles Leids und manch schön Gaukelspiel vor die bewußtlose Seele . Doch auf einem Bette sah man ihn nicht weilen . Es war ein reinlich Bett , auf demselben lag eine stattliche Federdecke und drinnen ein noch stattliches Mädchen ; zu voll war dessen Seele , des Schlafes Eindrücke aufzunehmen . Was jener Stein unterbrochen , das tauchte wieder auf : liebliche Bilder aller Art schwammen über die Seele , flüchtig eilten die einen vorüber , süß und wonniglich weilten andere lange über dem verklärten Mädchen , das sucht in unruhiger Pein hin und her sich werfend den Schlaf suchte , sondern in seliger Hingebung unbemerkt Stunde um Stunde an sich vorüberrinnen ließ . Als kühle Morgenlüfte durch die Täler strichen , da begann ein süßes , banges Sehnen aufzuwallen , des Mädchens Brust zu schwellen , das Sehnen , Uli Ja zu sagen , das Sehnen , ihm zu sagen , es wolle sein sein für immerdar , das Sehnen , ihn auch sein nennen zu können für immerdar . Je dringender dieses Sehnen ward , desto mehr gattete es sich mit der Bangigkeit , das ersehnte Glück machte nur ein Traum sein , möchte sich verflüchtigen wie des Traumes Bilder , am Morgen möchte Uli nicht mehr zu finden sein , könnte erzürnt über Vrenelis Benehmen anderes Sinnes geworden sein . Oh , wie ihm jetzt dieses Zagen und Abweisen leid tat , wie es sich nicht begreifen konnte , wie es ihns mehr und mehr drängte , das Verschulden gut zu machen , zu vernehmen , ob Uli noch gleichen Sinnes geblieben sei die Nacht hindurch . Es litt es nicht mehr im Bette , leise stund es auf , öffnete ein Fensterchen , atmete Morgenluft , zog sich an und begann sein Morgenwerk , leise , daß niemand es höre . Leise öffnete es die Türe , stille war es draußen , kein Knecht rührte sich noch , kein Pferd scharrte nach Futter . Da ging es leise durch den Schopf dem Brunnen zu , dort im kühlen Wasser sich zu waschen nach üblichem Brauch . Am plätschernden Brunnen stund eine Gestalt gebeugt über den Trog und mit Eifer auch ein solches Werk verrichtend . Mit pochendem Herzen er , kannte Vreneli seinen Uli , da stund der Ersehnte . Da schwanden Nacht und Nebel , wie Morgenrot ging es ihm auf , und wie ein Herz ziehen könne , das fühlte es jetzt . Doch den unwiderstehlichen Zug noch mädchenhaft zu umschleiern , war ihm seine Schalkheit zur Hand , und mit unhörbarem Tritte an Uli getreten , schlug es rasch beide Hände vor dessen Augen . In gewaltigem Schreck zuckte der starke Mann zusammen , ein halber Schrei entfuhr ihm ; dann die Hände vor den Augen fassend , erkannte er mit süßer Wonne der schönen Hände schöne Eigentümerin . » Bist du es ? « fragte er . Und Vreneli wußte , wen er meine , und seine Hände sanken tiefer , umschlangen den teuren Mann , und wortlos lehnte es sein Haupt an dessen treue Brust . Da , wie aus dem Brunnen Welle um Welle sprudelte hell und klar , so wogte in Uli das Bewußtsein seines Glückes auf