aber bist das Kind , geboren im Land , wo Milch und Honig fleußt , die Sorge ist da überflüssig , die Trauben hängen Dir in den Mund , alles ist Gedeihen und Klima Deiner Wiege , alles trägt Dich und nährt und schützt Dich , solang Du das Klima nicht wechselst , und ob das , was Du dadurch erbeutest , der Welt genießbar sei , darauf kömmt es hier fürs erste gar nicht an , wenn Du nur durch eigne Sünde nicht im Werden gestört wirst , denn das ist die einzige Sünde . - Schweig über Dich und gelte ihnen , für was sie wollen , versprich mir das heilig , denn sonst würden sie Dich aus Deinem ursprünglichen Land verpflanzen , sie würden Dich aus Deiner Kindheit herausheben und etwas aus Dir machen wollen . - Und wie klagevoll wär ' s , wenn Du selbst Deinem inneren Leben , Deiner eignen Religion , die so sanft , so glücklich Dir dient , Dich aus eigner Schuld entfremdetest , o nein , ich will ' s nicht hoffen , bleib immerdar mit Deinen Geistern im Bund , die Dir Speise bringen , und verwerfe sie nicht um fremde Kost . Ich hab mir schon oft Vorwürfe machen lassen um Dich , wie hätte ich mich wehren können ? Es wär Verrat an Dir gewesen , nein , ich ließ Dich unberührt von ihren Augen . Was bist Du auch ? - Nichts als nur wie die Natur sich tausendfältig ausspricht - wie jene Schmetterlingshülle , die Du diesen Sommer aus dem Schlangenbad mitbrachtest , die äußerlich so fest war , daß nichts Fremdes sie verletzen konnte , und beim geringsten Berühren des Schmetterlings sich auftat , ihn zu entlassen , und dann sich wieder schloß . Wenn die Natur sich so eigen dazu verwendet , jede Störung ihrer Bildungen zu verhüten , sogar die leere Kammer , woraus sie ihr geflügeltes Geschöpf entläßt , sorgsam wieder schließt , wie sehr muß da der Instinkt in dies lebende Wesen eingeprägt sein , daß es sich keiner fremden Gewalt hingebe . - Du verstehst die Natur ja mannigfach , so wirst Du mich auch hier begreifen , nicht besser , nicht mehr kommst Du mir vor als alles , was in der Natur lebt , denn alles Leben hat gleiche Ansprüche ans Göttliche ; aber sorge nur , daß Du Dein eignes Naturleben nicht verletzest , und daß es sich ohne Störung entwickle . Dein klein Gedicht , was Du bei Gelegenheit der Langenweile gemacht , beweist mir , daß wir beide recht haben , für jeden andern wollt ich es als Gedicht rechnen , aber für Dich nicht , denn Du sprichst darin eine äußere Situation aus , nicht die innere , und ein Gedicht ist doch wohl nur dann lebendig wirkend , wenn es das Innerste in lebendiger Gestalt hervortreten macht , je reiner , je entschiedner dies innere Leben sich ausspricht , je tiefer ist der Eindruck , die Gewalt des Gedichts . Auf die Gewalt kommt alles an , sie wirft alle Kritik zu Boden und tut das ihre . Was liegt dann dran , ob es so gebaut sei , wie es die angenommne Kunstverfassung nicht verletze ? - Gewalt schafft höhere Gesetze , die keiner vielleicht früher ahnte oder auszusprechen vermochte ; höhere Gesetze stoßen allemal die alten um , und - wir sind doch noch nicht am End ! - Wenn doch der Spielplatz , wo sich die Kräfte jetzt nach hergebrachten Grundsätzen üben , freigegeben wäre , um der Natur leichter zu machen , ihre Gesetze zu wandlen ! Ich will nicht , daß Du auf meine Produkte in der Poesie anwendest , was ich hier sage ; ich habe mich auch zusammengenommen und gehorchen lernen ; und es war gut , denn es sammelte meinen Stoff in meinem Geist , der mir vielleicht als Inhalt nicht genügt haben würde , wenn mir die Form , die ich der Anmut zu verweben strebte , nicht den Wert dazu geliehen hätte ; ich glaube , daß nichts wesentlicher in der Poesie sei , als daß ihr Keim aus dem Inneren entspringe ; ein Funke aus der Natur des Geistes sich erzeugend ist Begeistrung , sei es aus welchem tiefen Grund der Gefühle es wolle , sei er auch noch so gering scheinend . Das Wichtige an der Poesie ist , was an der Rede es auch ist , nämlich die wahrhaftige unmittelbare Empfindung , die wirklich in der Seele vorgeht ; sollte die Seele einfach klar empfinden und man wollte ihre Empfindung steigern , so würde dadurch ihre geistige Wirkung verloren gehen . - Der größte Meister in der Poesie ist gewiß der , der die einfachsten äußeren Formen bedarf , um das innerlich Empfangne zu gebären , ja dem die Formen sich zugleich mit erzeugen im Gefühl innerer Übereinstimmung . Wie gesagt , wende nichts auf mich an von dem , was ich hier sage , Du könntest sonst in einen Irrtum verfallen . Ob zwar ich grad durch mein Inneres dies so habe verstehen lernen . Ich mußte selbst oft die Kargheit der Bilder , in die ich meine poetischen Stimmungen auffaßte , anerkennen , ich dachte mir manchmal , daß ja dicht nebenan üppigere Formen , schönere Gewande bereit liegen , auch daß ich leicht einen bedeutenderen Stoff zur Hand habe , nur war er nicht als erste Stimmung in der Seele entstanden , und so hab ich es immer zurückgewiesen und hab mich an das gehalten , was am wenigsten abschweift von dem , was in mir wirklich Regung war ; daher kam es auch , daß ich wagte , sie drucken zu lassen , sie hatten jenen Wert für mich , jenen heiligen der geprägten Wahrheit , alle kleinen Fragmente sind mir in diesem Sinn Gedicht . Du wirst wohl auch dies einfache Phänomen in Dir erfahren haben , daß tragische Momente Dir durch die Seele gehen , die sich ein Bild in der Geschichte auffangen , und daß sich in diesem Bild die Umstände so ketten , daß Du ein tief Schmerzendes oder hoch Erhebendes mit erlebst ; Du kämpfst gegen das Unrecht an , Du siegst , Du wirst glücklich , es neigt sich Dir alles , Du wirst mächtig große Kräfte entwickeln , es gelingt Dir , Deinen Geist über alles auszudehnen ; oder auch : ein hartes Geschick steht Dir gegenüber , Du duldest , es wird bitterer , es greift in die geweihte Stätte Deines Busens ein , in die Treue , in die Liebe ; da führt Dich der Genius bei der Hand hinaus aus dem Land , wo Deine höhere sittliche Würde gefährdet war , und Du schwingst Dich auf seinen Ruf , unter seinem Schutz , wohin Du dem Leid zu entrinnen hoffst , wohin ein innerer Geist des Opfers Dich fordert . - Solche Erscheinung erlebt der Geist durch die Phantasie als Schicksal , er erprobt sich in ihnen und gewiß ist es , daß er dadurch oft Erfahrungen eines Helden innerlich macht , er fühlt sich von dem Erhabenen durchdrungen , daß er sinnlich vielleicht zu schwach sein würde , zu bestehen , aber die Phantasie ist doch die Stätte , in der der Keim dazu gelegt und Wurzel faßt , und wer weiß , wie oder wann , als mächtige und reine Kraft in ihm aufblüht . - Wie sollte sonst der Held in uns zustande kommen ? - Umsonst ist keine solche Werkstätte im Geist , und wie auch eine Kraft sich nach außen betätigt , gewiß nach innen ist ihr Beruf der wesentlichste . - So fühl ich denn eine Art Beruhigung bei dem Unscheinbaren und Geringfügigen meiner Gedichte , weil es die Fußtapfen sind meines Geistes , die ich nicht verleugne , und wenn man mir auch einwerfen könnte , ich hätte warten dürfen , bis reifere und schmackhaftere Früchte gesammelt waren , so ist es doch mein Gewissen , was mich hierzu bewog , nämlich nichts zu leugnen , denn wenn je eine reine selbstgefühlige Gestalt hieraus sich entwickelt , so gehört auch dies hinzu , und was ich bis jetzt auf diese Weise in mir erlebte , ist ja , was mich bis hierher führte , zu diesem Standpunkt meines festen Willens . - Ich habe Dir jetzt genug gesagt , ich hab es aus Liebe zu Dir getan , so wie Du so manches aus Liebe zu mir gesagt und getan hast , und Du hast außerdem noch einen nahen Anteil an allem , wie denn dies nicht anders möglich ist . - Ich bitte Dich aber dringend , lasse es in Deine Stimmung nicht einwirken , sondern sorg , daß Du mir hübsch ganz Du selbst bleibst , Dein Manuskript ist an den Primas besorgt worden . Caroline Was hast Du denn für einen Brief an Voigt geschrieben von einem polnischen Juden ? An die Günderode Das Wetter hat sich geändert , der grüne Bergrasen lacht das bißchen Schnee aus , was Winter sein will , ich bin den ganzen Tag nicht zu Haus . Die Sonn und der Mond gehn abends zusammen am Himmel spazieren , ich war gestern früher oben , um zu sehen , wo sie bleiben , ich guckte in die Luft , die so weich weht , und in die veränderte Landschaft , weil über Nacht der Schnee weggeschmolzen war , und konnt mich auf nichts mehr besinnen in der schmeicheligen Natur , so geht ' s gewiß den schneeentlasteten Tannen auch und den Wiesen ; und die gelben Weiden und die Birken taumeln in dem lauen Wehen wähnend und schwankend , als könnt der Frühling wohl einmal den Winter überhüpfen ; sie sind im Winterschlaf vom Frühlingstraum geneckt , ich auch , - ob nicht alle Seligkeit hier Traum von später ist ? Sie ist so kurz , so zufällig . - Frühling ist Seligkeit , weil ' s Begeistrung ist von der Zukunft , Seligkeit ist Begeistrung zum Leben , das ist Frühling . Wer ewig zum Leben begeistert ist , der ist immerdar Lebensfrühling , das Leben ist aber bloß Begeistrung , denn sonst ist ' s Tod ; und so ist das Leben heut und immer knospenschwankend im Wind , der die Zeit ist , knospenschwellend in den Sinnen , was die Natur ist , und knospenduftend im Geist , der die Sonne ist . Das ganze Leben ist bloß Zukunftsbegeistrung , nicht ein Moment kann aus dem andern hervorgehn , wär ' s nicht Begeistrung der Natur fürs Leben . Die Zeit würde aufhören , wär die Natur nicht mehr frühlingbegeistert , denn bloß daß sie ewig nach der Zukunft strebt , macht , daß sie lebt ; und daß sie ewig den Frühling erneuert , das ist ihre Seele , ihr Wort , das Fleisch geworden ist . Sie öffnet die Lippen und schöpft Atem der Zukunft , das ist der Frühling , der blüht schnell alles heraus , das ist Ausatmen der Begeistrung , Frucht der Blüte , Bestätigung des begeisterten Lebensatems , Sommer , wo der Busen der Natur atemerfüllt die Lebenskraft in der Frucht , im Apfel , in der Traube wieder aushaucht in den Herbst hinüber , in dem er reift , absetzt ; das ist im Busen der Natur Winterpause , da regt sie sich einen Moment nicht , wie die Brust sich auch nicht regt zwischen Sinken und Steigen vom Atem ; - und dann hebt sich der Busen ihr allmählich wieder , mächtig und mächtiger - trinkt Lebensbegeistrung heiligen Atems voll . So ist das Leben frühlingbegeistert Atemschöpfen , und Sommer und Herbst sind der Begeistrung Aushauch , und der Winter ist nur Frühlingspause ; in ihr sind alle Sinne schon wieder auf das Atemschöpfen hingewendet . Alt ist keiner als nur , wer die Zeit achtet als bestehend . - Die Zeit ist nicht bestehend - Schwinden ist Zeit . An Schwindendes kann sich Begeistrung nicht hängen , an nichts kann sie hängen , sie muß frei sein , bloß in sich ; denn sonst wär sie kein Leben . Also die Natur atmet Begeistrung , das ist Frühling ; Sommer und Herbst entströmen dem Atem der Natur , das ist , wo sie alles hingibt , um aufs neue den Frühling einzuatmen . - Da ist ' s deutlich , daß der Geist auch nur Frühlingsatem schöpft , und daß Jugend nicht in Zeit sich einschränkt , die vergeht , da Lebenslust nicht vergehn kann , weil , wie Natur Frühling aufatmet , wir Lebensbegeistrung aufatmen . - Es ist dumm , was ich hier sag , ist nicht uneingehüllter Geist , der den Wahn vernichtet , aber unter der armseligen Hülle des zwanzigmal wiederholten Vergleichs liegt einer zerschmetternden Antwort Keim auf das , was Du mir schon mehr als einmal gesagt hast : » Recht viel wissen , recht viel lernen , und nur die Jugend nicht überleben . - Recht früh sterben ! « Ach Günderode ! Atme aus , um wieder aufzuatmen , Begeistrung zu trinken - denn : ist Natur nicht bloß dieser Begeistrung Leben ? - Und wär Jugend etwas , wenn ' s nicht ewig wär ? - Wie ich auf der Warte saß gestern und sah , wie die Natur dem Frühling schon voraus träumte - da fiel mir ' s ein , daß Jugend ja ein ewiger Lebensanspruch ist , wer den aufgibt allein , atmet nicht mehr auf , er läßt den Atem sinken . - Ich weiß nicht , was Du Jugend nennst ? - Ist ' s nicht jugendlich , den Leib dem Geist aufopfern ? - Strebt sie nicht mit allen Kräften , Geist zu werden ? - Was ist denn also die Zeit ? - Nichts als Jungwerden . - Leben muß man immer wollen , denn wenn der Tod kommt , das ist grade , wo die Jugend sich mündig fühlt zur Unsterblichkeit ; wessen Jugend aber früher abstirbt , wie kann der unsterblich werden ? - Wer dächte : ich will nicht über die Jahre hinaus , wo ich mit zwanzig zähle , denn mit dreißig ist der Jugend der Stab gebrochen , der müßte einer sein , der Zeit hätt , so was zu denken , und stünd ebensogut müßig am Ufer als Ladung für den Charonsnachen , mir deucht aber , Dein Geist , der wie die Natur blütenaufatmend ist , kann nicht vor späterer Zeit zurückweichen wollen . Nein ! - Geistessehnsucht bildet Frühlingskeime , und Lebenwollen ist Liebe zu diesen Keimen , des Geistes Lebensbegierde ist dasselbe Treiben , was in der Natur ist , wo Keim auf Keim aufsprießt ; und eine Lebensmelancholie kann nur sein , wo der Geist stockt , wo er den Trieb verliert , der Natur gleich , mit heißem Blut seine Triebe zu nähren ; das wär die Jugend aufgeben ; - das ganze Leben ist nur einmal Frühlingsaufatmen , und ob wir zwanzig oder dreißig oder hundert Jahr zählen , so lang muß der Atemzug aushalten , aufstrebend ins Leben , mit allen Kräften , in vollster reichster Blüte den Duft ausbreitend in die Weite auf schwingenbeladenen Winden . - Wie kannst Du da nur um Jugend Dich grämen ? - Und wer anders lebt , der ist kein Lebender im Geist . - Und an was denkst Du in Dir selber ? - Zu was empfindest Du Dich hin , als bloß zum Ziel ! - Zur Umarmung mit einem Ideal , was innerlich Dir vorschwebt , - Du sehnst Dich ihm entgegen innerlich , alles was Du tust , ist Aufstreben ; Kindschaft , Jünglingschaft das ganze Leben ; wie kann da von der Jugend Ende auf Erden die Rede sein . - Jugend bricht in voller Blüte hervor , erst wenn ' s Leben am Ende ist . Hast Du nicht gesehen an manchen Pflanzen , daß die erste Hülle , die ihre Blüte verschließt , welken muß , eh jene aufbrechen kann ? - Und sollte man , um der jungen Kraft der Hülle wegen , die nur Schutzmantel ist der verschlossenen Blüte , den innern Keim ausbrechen wollen , damit die Narren nicht sagen , die Jugend sei verwelkt ? - Das ganze irdische Leben ist nur einhüllende Mutterwärme , Hülle der Geistesblüte , wir wollen sie ihr nicht rauben , wir wollen sie verborgen in dieser Hülle lassen , bis die zu Staub auf ihr verfällt , - und die geheimen Lebenstriebe , mit denen Du mich durchdringst , von denen ich ohne Dich nichts empfunden haben würde , die laß sich verdoppeln tausendfaltig , - Du liebst ! - Anders kann ich Dich nicht ausdrücken , - das ist ja nur Jugendblüte ! - Da der Charakter Deines Geistes also Jugend ist , was hast Du für Not ums Altwerden ? - Und was tu ich denn ? - Ich leb mit von der Wärme , die Deines Geistes Lebenskeim schützt und nährt , und alles , was in mir treibt , würde vielleicht ohne Regung geblieben sein , wär es nicht in Dir vom Lebensfeuer ergriffen , ja ich bin ein Zweig , der am vollblühenden Stamm Deiner unsterblichen Jugend durch dies Erdenleben mitgenährt ist . - Erdenleben ist Mutterhülle der geistigen Jugend , mag sie uns schützen wie die Zwiebel den Keim des Narzissus schützt , bis sie im Spiegel ihr eignes Ideal erkennt . Am Mittwoch ! - Ich war gestern lustig , aber ein Brief der Claudine über Dich , den ich fand , als ich vom Turm kam , hat mich bewegt , Dir so ernst zu schreiben : wenn ' s dunkel ist , kann man sich allerlei weismachen , eben weil Gelegenheit ist , so mannigfaltig mit Schatten zu spielen ; glaubt man auch nicht an den verzognen Schatten , so duldet man doch nicht gern das groteske und doch so ähnliche Bild , und man kann am wenigsten leiden , was man doch nicht glaubt ; so nimm meinen Brief ; ich hab nie Deine Reden über Leben und Sterben leiden mögen , obschon ich weiß , daß es nur Schatten waren , die an der Wand Deines Geistes spielten , gleichsam als wär das Licht Deines Geistes schief gerückt , und sei mir gut und laß mich ' s nicht entgelten , wenn ich nicht damit in Deine Träume eingreife , die vielleicht golden sind im verjüngten Morgenglanz , während ich trübe Regenwolken wollte verscheuchen , mit denen weit in den Abend hinein mir Dein Himmel überzogen schien , als mir die Claudine von Deinem Trübsinn schrieb . Es ist ja natürlich , daß wer Dich von außen nur sieht , über Dein Inneres keinen treffenden Bericht kann erstatten , von dem ich jetzt ahne , daß es heiter thront über Wolken , die ihren Schatten zwar nach der Erde werfen , auf denen Du aber , himmlisch getragen , im Licht schwelgst . - Hier leg ich Dir das Blatt bei , das ich , eh der Claudine Brief kam , geschrieben hatte , am Montag , wo ' s auf dem Turm so frühlingsmäßig war , daß ich an keinen Winter mehr glaubte . Erstes Blatt vom Montag Der poetische Vortrag vom Sonnabend hat mir seinen wechselnden Rhythmus wie in eine Orgelwalze eingehämmert , der sogar meine Reden einschnürt ; so leicht kann eine fremde Kraft meinen Geist überwältigen . Dem Weiß hab ich gestern meinen Gutenachtgruß , wie er behauptet , in Hexametern vorgestammelt , wundre Dich nicht , daß ich diesem Plaggeist , weil ich so abendmüde bin , die Zügel schießen lasse und Dir die Naturseltenheit eines frühlingsträumenden Winterabends in aufdringlichen Rhythmen vortanze . Eilt die Sonne nieder zu dem Abend , Löscht das kühle Blau in Purpurgluten , Dämmrungsruhe trinken alle Gipfel . Jauchzt die Flut hernieder silberschäumend , Wallt gelassen nach verbrauster Jugend , Wiegt der Sterne Bild im Wogenspiegel . Hängt der Adler , ruhend hoch in Lüften , Unbeweglich wie in tiefem Schlummer ; Regt kein Zweig sich , schweigen alle Winde . Lächelnd mühelos in Götterrhythmen , Wie den Nebel Himmelsglanz durchschreitet , Schreitet Helios schwebend über Fluren . Feucht vom Zaubertau der heil ' gen Lippen , Strömt sein Lied den Geist von allen Geistern , Strömt die Kraft von allen Kräften nieder In der Zeiten Schicksalsmelodien , Die harmonisch ineinander spielen Wie in Blumen hell und dunkle Farben . Und verjüngter Weisheit frische Gipfel , Hebt er aus dem Chaos alter Lügen Aufwärts zu dem Geist der Ideale . Wiegt dann sanft die Blumen an dem Ufer , Die sein Lied von süßem Schlummer weckte , Wieder durch ein süßes Lied in Schlummer . Hätt ich nicht gesehen und gestaunet , Hätt ich nicht dem Göttlichen gelauschet , Und ich säh den heil ' gen Glanz der Blumen , Säh des frühen Morgens Lebensfülle , Die Natur wie neugeboren atmet , Wüßt ich doch , es ist kein Traum gewesen . Weißt Du noch jenen Abend , im Frühjahrsanfang , wo der Arnim auf dem Trages seine Gedichte uns vorlas ? - Da hab ich mich auf dem Turm in dem laulichen keimetreibenden Wetter wieder dran erinnert , und der Rhythmus , der , wie gesagt , noch aus jener Vorlesung mich verfolgt , schien mir dies alles , was hier auf dem Papier so ganz dürr aussieht , in großer Fülle auszusprechen ; ich wollt es Dir auch nicht schreiben , aber wo soll ich hin mit ? - Meine Briefe an Dich sind wie das Bett der Quelle , alles muß durchströmen , was in mir ist . Meine Bemühungen , Lieder fürs Wunderhorn aufzufinden , haben mich mit wunderlichen Leuten zusammengeführt , die wie angenehme Schäferspiele mich ergötzen . - Ich brauch Überredungskünste , um ein Bauermädchen dahinzubringen , ihre Lieder herzusingen . Da kommen sie meistens zuerst mit verkruzten Opernarien , ich hab noch wenig Körnlein aus dieser Spreu gesammelt , die sie aus Mangel an Unschuld , im Überfluß an Unwissenheit ersticken und vermodern lassen , und die man endlich doch nur stückweise ans Tagslicht bringen kann ; - ich tu ' s dem Clemens und Arnim zu Gefallen . Letzt war mir ein allerliebst Mädchen vom Pfarrer Bang geschickt worden , weil es sehr viel schöne Lieder kann ; die ganze Familie gehört zu dem Singgeschlecht , das sich ernährt mit Kräutersuchen für die Apotheken in der Umgegend und im Frühjahr mit Erdbeeren- und Heidelbeerensuchen . Das Kind war zwei Tage bei mir , es schlief im Vorzimmer ; so ein allerliebst Kind kannst Du Dir gar nicht denken , auch von Schönheit ; ich nahm ' s mit hinaus , da hat ' s mich neue Wege geführt , wo ich noch gar nicht gewesen war , ich sagte , wir wollen einmal gradaus gehen , es mag in Weg kommen , was will , so ging ' s bergauf , bergab , bis wir hinter die Brunnenleitung in den Wald am See kamen , und ich war mutwillig übermäßig , bis ich mich endlich , überrascht , weil ich rückwärts ging , in einem Sumpf befand . - Was mich am meisten ergötzt , ist die Kenntnis aller Kräuter und Wurzeln , die das Kind hat , ohne doch je gelernt zu haben , es ist eine traditionelle Botanik , die aber so vollständig ist und mit so viel historischen Belegen versehen , und zu so manchen Vergleichen führt , daß wohl auf diese Weise ein groß Teil Gottesphilosophie auch in den unstudierten Bauern übergeht . Ich grub viel Wurzeln aus , die wußte das Kind alle zu nennen , und jedes verdorrte Hülschen , das noch einen Samen bewahrte , kannte es , das gute Kind . - Da war ein kleiner Storchschnabel im Winter ausgefroren , es holte ihn aus einer Felsritze hervor , wo die Pflanze ganz unverletzt geblüht hatte und so verdorrt war ; dies Blumengerippe war so schön , wie die Blume gar nicht ist . In ihrer Einfachheit kann die Pflanze nicht größeren Anspruch machen als andre Feld- und Waldblumen , aber ihr feines Gerippe ist wie ein gotisch Kunstwerk . Der kleine Spieß , der aus der Blumenkrone hervorwächst , teilt sich von unten in fünf Fingerchen , die sich aufwärts schwingen und mit jedem in einem kleinen verschloßnen Becher ein Samenkörnchen der Sonne entgegenhalten , das so fein und wunderschön geformt und geschliffen ist wie ein Edelstein , wenn nun die Sonne drauf scheint , so tun diese Samenkörnchen nach allen Seiten einen mutigen Sprung , so sind sie alle fünf um die Mutterstaude versetzt , ein bißchen Erde , ein bißchen vermodert Moos gibt ihnen Nahrung , daß sie im nächsten Jahr im Familienkreis aufblühen . - Nein ! Ich hab die Natur lieb , mag ich auch nur , wie ein trockner Storchschnabel , das geringste aller Pflänzchen - später unter den Füßen des Wanderers zertreten werden , so will ich ihr doch mich hinhalten , solang sie ihren kunstfühligen Geist über mich strömen läßt ; wollte sie doch meiner einfachen unscheinbaren Blüte nach einen schönen Zepter aus mir bilden , der seine Kleinodien um sich streut , neues Leben zu verbreiten , und dann in die leeren Schalen Himmelstau sammelt ; so denk ich mir , wird des Großmütigen Zepter die Welt berühren . In allen Wandlungen der Natur deucht mich Salomonis Weisheit mit Geistesbuchstaben eingezeichnet , die klein oder groß - die Seele mit Schauer erfüllen , weil sie alle rufen : » Hebe wie der Vogel die Schwingen über den Erdenstaub hinaus und fliege aufwärts , so hoch du vermagst . Der Vogel fliegt mit seinem Leib , du aber kannst mit dem Geist fliegen , dein Leib hat keine Flügel , weil du lernen sollst , mit dem Geist dich aufschwingen . « - Du weißt , wie oft wir uns besannen , warum die Sehnsucht zu fliegen durch jeden Vogel rege werde . Hätten wir Flügel wie die Vögel , so würde diese Sehnsucht nicht wach sein , die jetzt uns bewegt , immer dran zu denken , und so unsern Geist befiedert , mit dem wir einst fliegen werden ; denn alles Denken ist doch das im Geist , was das Wachsen und Treiben in der Natur ist . - Nun weißt Du auch , warum in meiner botanischen Taufe der Storchschnabel die Zepterblume heißt . - Mein botanisch Heft hat sich schon vergrößert bis zur siebzehnten Pflanze , die ich genau beobachtet und so bezeichnet hab , wie mein Beschauen es mir lehrte , bald ist ' s das Blatt , bald die Krone oder Wurzel , bald die Form der Staude , die mir irgendein Rätsel löst oder eine Zauberformel aufgibt ; dem alten Weiß bring ich meine Exemplare , er muß sie mir einlegen und sauber ordnen ; im Anfang meinte er , ich spaße , als ich ihm meine neue Botanik vortrug , als ich aber ganz ernsthaft dabei blieb , daß wie andre eine Botanik geschrieben , so könne ich auch eine schreiben , so sah ich ihm heimlich an , daß er mir meine Kinderunschuld nicht verderben wollt und sich hineinfügte , ich las ihm meine Entdeckungen vor , besonders erfreute ihn die Geschichte der Kuhblume , die ihren Samen wie eine Sternenkugel ausdehnt , und von der ich ihm zu verstehen gab , daß die Sterne wohl auch mit einer so feinen Röhre auf dem Samenschaft der Gottheit haften , wenn die ausgeblüht hat und einer zuweilen dahin fliegt , um in einem neuen Boden zu blühen , und daß alle Himmelskörper reifende Samen sein könnten . - Der Weiß sagt : tolle Vergleiche , aber sie machen mir Freude und rücken mir die alte Pelzmütze vom Ohr und wehen mir frische Luft zu ; so bring ich denn manches zum Vorschein , woran ich nicht gedacht hätt , bloß um den alten Nachbar in Verwundrung zu setzen ; es ist doch schön von ihm , daß er sich zu solchen Dingen , die er Narrenspossen nennt , so gerne hergibt . - Manchmal ruft er aus : das geht über alle Unmöglichkeit hinaus . - Mit dem Erdbeermädchen bin ich noch einen Nachmittag im Freien am Waldrand gewesen , wo wir Feuer machten , und wo die Sonne glühendrot unterging und wir durch die einsamen Felder auf dem Heimweg sangen , da hab ich ein paar schöne Lieder entdeckt , es hatt ihrer gewiß noch manche im Kopf stecken , Melodien , die wie durch einen Magnet mit dem Inhalt zusammenhängen , die tragen eines durchs andre die Stimmung auf einem über . - Heute erhalte ich einen Brief von Dir , die Claudine schrieb mir , daß sie Dich schreibend getroffen , schon am zweiten Blatt , ich weiß , daß , wenn ich meinen Brief jetzt fortschicke , daß mir der Bote einen zurückbringt , ich freu mich , unterdessen will ich auf den Turm laufen und meine freudige Ungeduld mit den Geistern verjackern . - Bettine An die Günderode Ich habe große Liebe zu den Gestirnen , ich glaub , daß alle Gedanken , die meine Seel belehren , mir von ihnen kommen . Auf die Warte zu gehen möchte ich keine Nacht versäumen , ich dächte , ich hätt ein Gelübde gebrochen , was sie mir auferlegten , und sie hätten dann umsonst auf mich gewartet . Was mir Menschen je lehren wollten , das glaubte ich nicht , was mir aber dort oben in nächtlicher Einsamkeit in die Gedanken kommt , das muß ich wohl glauben . Denn : der Stimme vom Himmel herab mit mir zu reden - soll ich der nicht glauben ? - Fühl ich denn nicht ihren Atem von allen Seiten , der mich anströmt ? - Das ist , weil ich hier