ihres Zustandes sie hielt . Mit andächtiger Strenge ertrug sie die Qual einer Pflege , die ihr Schweigen , ihr Lager und das verhängte Zimmer gebot ; und so wurde Leonin oft von ihr getrennt und ihrem Zauber entzogen , den sie nur entwickeln konnte , wenn sie umher wandelnd die Dinge um sich her mit ihrem eigenthümlichen Geiste belebte . Dazu kam , daß der Gegensatz dieses Lebens zu dem eben verlassenen so ungeheuer groß war , daß auf die fieberhafteste Aufregung , die dort seine Tage belebt hatte , jetzt eine Abspannung eintreten mußte , die er nicht der vorangegangenen Extase , sondern dem jetzigen , ihm trostlos leeren und gehaltlos erscheinenden Leben zuschrieb , welches allerdings durch Fennimor ' s Zurückgezogenheit seines Hauptimpulses entbehrte . Er hatte in der daraus entstehenden Einsamkeit Zeit , sich zu wiederholen , daß er hier nicht mehr leben und glücklich sein könne - und es war vorläufig Alles , was er für Fennimor in sich erhielt , daß er bedauerte , sie nicht von Verhältnissen trennen zu können , die ihm jetzt niederbeugend schienen , nachdem er gelernt hatte , das äußere Leben über das innere zu stellen . Bald nahte der Augenblick , der ihn zuerst zwang , seine bedingte Stellung zu seinen jetzigen Verhältnissen anzudeuten . Der Vikar erinnerte nämlich nach dem vierten Tage , daß die Taufe des Neugebornen nach den Vorschriften der Kirche nicht länger verschoben werden könnte , und Leonin war dazu mit eben dem Leichtsinne bereit , wie er sie ohne Erinnerung vergessen haben würde . Er bat den Vikar , darüber mit Emmy Gray die Verabredung für den nächsten Morgen zu nehmen , und wollte sich eben beurlauben , als der Vikar ihn um die Namen bat ; da er noch heute das Kirchenbuch ausfüllen wolle , um in der Kirche dann die Unterschriften erfolgen zu lassen . Vor dieser Erinnerung blieb der junge Graf , wie vom Blitze getroffen stehen ! Der Trost jedes schwachen , unmännlichen Treibens , das Verschieben , das Hinhalten der Zustände , wie sie uns noch schonen und zu keiner Entscheidung zwingen , war ihm damit plötzlich entrissen - und wir dürfen ihm die Gerechtigkeit nicht versagen , daß er vor der Größe des nächsten Schrittes erbebte und seinen Inhalt fast mit Verzweiflung erkannte . Aber ihm war keine Rückkehr mehr denklich , obwol er auch dort weder Genuß , noch Lebensreiz erwartete . Er sagte sich daher , sein Paradies sei für ewig verschüttet - der Sinn , durch den er es einst gefunden , sei verloren , und was alle Schwächlinge thun : er gab sich auf , um fortsündigen zu können ! Wie schnell seine Gedanken auch die Vorstellungen durchliefen , die wir hier andeuteten , die Lücke des Stillschweigens war dennoch da , und er traf auf einen Blick des Vikars , der ihm sagte , der kluge Mann beobachte ihn . Dies reizte seinen Stolz , und er hatte schon die Miene der vornehmen Welt gelernt , die eine Ueberlegenheit andeuten soll , die durch nichts denkt vertreten werden zu müssen und sich geschickt glaubt , die Anforderungen bloß menschlicher Rechte , die ihnen unbequem sind , damit zurückzuweisen , als über die Grenzen ihrer besondern Bevorrechtung streifend . » Herr Vikar , « sagte er mit dem dazu passenden Tone , » ich werde Ihnen Ihre Weisung darüber zusenden - richten Sie das ein , was außerdem nöthig . « » Das werden zwei Zeugen sein , « erwiederte dieser kalt . » Haben Euer Gnaden darüber bestimmt ? « Leonin biß sich in die Lippen - er mußte wieder entscheiden ! » Nun , « sagte er , indem seine Gedanken im Fluge alle diesem kleinen Kreise angehörigen Personen durchflogen , » Mademoiselle Veronika und der Arzt werden vielleicht diese Ceremonie vervollständigen , ich werde Beide persönlich darum bitten . « Der Vikar neigte kaum merklich sein Haupt , und der junge Graf enteilte dieser peinlichen Unterredung . Aber er wagte nicht zu der Stelle zurück zu kehren , wo Fennimor ihr unschuldiges Haupt mit lieblichen Träumen ihres Glückes wiegte . Er eilte in die Wälder , die in ihrer duftenden Juli-Fülle den Verirrten zu fragen schienen , ob er ein Recht habe , sich in ihrem Bereiche unbefriedigt zu fühlen . Aber er sah und empfand ihren schönen Anspruch nicht . Bisher war er unthätig zum Bösen fortgetrieben worden ; jetzt zuerst sollte er selbstständig aussprechen , was er so lange sich selbst abläugnend um sich her geduldet hatte . Er fühlte sich in einer Zerrüttung , es ruhte eine Bürde auf ihm , die unleidlich schien ; - und der ewig gelenkte und bevormundete Jüngling war in einer Erbitterung , selbst entscheiden zu müssen , welche ihn hätte warnen können , da sie vielleicht der letzte Versuch seines guten Engels war , ihn aufzuhalten . Als er später , wie gewöhnlich , an Fennimor ' s Lager trat , war die Entscheidung in ihm vollendet . Kalt und ruhig blickte er auf sein Weib und das schlummernde Kind an ihrer Brust - er fühlte innerlich , daß er sich von ihnen geschieden hatte ; und in dem Maaße , wie er vor der Größe seines Frevels erbebte , in dem Maaße erkältete es ihn gegen die Gegenstände desselben . Fennimor lag in einem Fieberschauer , ihrem Zustande gemäß , der auch die Gestalt des Lieblings verhüllte ; er berührte das Kind nicht , was Emmy Gray ihm übergeben wollte , und fragte nur kurz und trocken , ob sie mit dem Vikar Verabredung genommen habe . Er wollte sich verhärten , um der Reue zu entgehen , und erfuhr das Schicksal aller schwankenden , unentschlossenen Menschen . - Einmal zum Handeln gezwungen , überholte er sich selbst und steigerte seinen Vorsatz über das erforderliche Bedürfniß ! - Als am andern Morgen der Vikar vor den Stufen des Altars den Grafen um die Namen des Kindes befragte , rief derselbe mit kalter , lauter Stimme : » Reginald Crecy von Ste . Roche . « - Der Vikar hielt einen Augenblick inne ; dann sagte er , ohne es in die Taufformel einzuschließen , indem er den Grafen fragend ansah : » Reginald , Graf von Crecy ? « » Reginald , Crecy von Ste . Roche ! « unterbrach ihn der Graf mit jähem Wechsel der Farbe , indem sein Auge starr und zornig auf dem jungen Geistlichen haftete . - Nach einer Pause schloß der Geistliche mit diesem Namen die Ceremonie . Kaum war sie vorüber , so eilte der Graf auf das Kirchenbuch zu , nahm selbst die Feder und schrieb den Namen ein . Als die Zeugen unterschrieben , sahen sie , daß der Name Crecy unter den Vornamen stand , Ste . Roche als Familienname . Keiner sprach einen Glückwunsch . Der Graf blieb in stolzer Abgeschlossenheit stehen , bis Alle unterschrieben hatten ; dann verließ er plötzlich die Kapelle , und der beraubte und entehrte kleine Täufling ward , von Niemandem begleitet , nach dem alten Schlosse zurückgetragen , das ihm eben seinen Namen hatte leihen müssen , von dem Manne beraubt , dessen Herz sich zu verhärten begann , wie die Steinmassen , die ihn aufnahmen . Weder Emmy Gray , noch Fennimor erfuhren , was geschehen war . Emmy verließ ihren Liebling nicht , und die Wärterin , eine völlig unwissende Person , hatte keinen Anstoß gefunden , den sie hätte verrathen können . Veronika aber , ihr Bruder und der Arzt gelobten sich Schweigen , um nicht voreilige Erschütterungen zu veranlassen . Fennimor verließ jetzt das Bett , und die schönste Jahreszeit machte es möglich , daß sie unter den Schatten der Bäume getragen werden konnte , das holde Kind im Schooße , das noch schlafend sein kleines Leben einhüllte , von der Liebe behütet , die ahnend in seine Bedürfnisse eindringt . Wo konnte man ein vollständigeres Bild dieser aufhorchenden Liebe finden , als in Fennimor ! Wie schön war diese sanfte . blasse , kindliche Mutter mit dem unnennbaren Zauber der seligsten Befriedigung ! Die Harmonie ihres Innern ruhte in jedem Zuge , in jedem Laut ihrer Stimme ; kein Gefühl trat vor dem andern vor ; ihre Liebe zu Leonin war die Liebe zu ihrem Kinde - Gott , die Natur , fielen wie Strahlen hinein - es war Alles dasselbe ! Sie schwamm , wie eine schöne duftende Nimphaea , auf dem ruhigen Wasserspiegel der Gegenwart - die Sonnenstrahlen über ihr , die den kurzen Lebenstag beseligten , für unvergänglich haltend - die Nacht vergessend in dem reinen Lichte des Mittags ! Leonin hatte das Härteste gethan , ehe der Eindruck dieses verklärten Zustandes ihn erfassen konnte . Jetzt stand er davor - von seinem Gewissen aus diesem Paradiese vertrieben , den Fluch schon fühlend , der seine Stirn langsam umkreiste , die Flammenschrift der Befleckung einzugraben ! Wie Leonin auch gelernt hatte , mit der Sünde zu scherzen , ihren Lockungen nachzugehen und vor ihren Anforderungen nicht mehr zu erbeben - das erste positive Böse hatte er erst hier gethan , und er empfand den ungeheuern Unterschied zwischen einem solchen eigenmächtigen , selbstgewählten Schritt und dem negativen Hingeben , dem er bis jetzt sich überlassen . Gerade , daß er noch nicht vollständig verführt und verhärtet war , machte diesen Schritt so verhängnißvoll für ihn . Es war damit eine Art Wahnsinn entstanden , eine Mischung von Schmerz , Verzweiflung , Haß und Grausamkeit , die sein ganzes Wesen in Gährung versetzte und nur eine hohnlachende Stimme aus ihm hörbar werden ließ , die immer aufs neue wiederholte : vorwärts , vorwärts , Du bist nicht mehr zu retten ! Hätte Fennimor nicht an ihrer Brust das holde Kind , diesen Schild gegen alle Verwundungen der Welt , getragen , wie würde sie Leonin ' s Veränderung schnell erkannt haben ! Aber das Kind lag zwischen ihnen - sie fand Leonin nur durch dies hindurch und deshalb immer verklärt oder eingehüllt . Doch auch für diese Täuschung mußte die Aufklärung kommen . Fennimor ward mit den wiederkehrenden Kräften auch selbstständiger ; aus dem physisch träumerischen Zustande , der sie zu Anfang an ihr Kind fesselte , wie noch in einem Pulsschlage gebunden - erfolgte nun die natürliche Trennung , die in der Mutter die gesonderte Existenz herstellt , die der erste Schritt für die Emancipation des Kindes wird . Hiemit trat sie Leonin näher , und ihr kluges Auge , ihr reines Gefühl ließ sie augenblicklich die Wahrnehmung seiner Veränderung machen . » Ach , Leonin , « sagte sie - » durch Lesüeur habe ich viel von der bösen Welt gehört , in welcher Du leben mußt , und es hat mich recht geschmerzt auch um Deinetwillen ! Wie schwer muß es sein , dort zu leben , und wie kann ich es Dir anfühlen , was Du dort leiden mußtest ! Du hast keinen guten Blick mehr - Deine Seele sieht traurig aus Deinen Augen heraus ! « Leonin zog ein Lächeln um seinen Mund - es war krankhaft und bitter und enthielt eine ganze Antwort , die aber Fennimor nicht verstehehen konnte ; und da er außerdem schwieg , fuhr sie fort : » sag ' mir , bleibst Du nun in der schönen Welt hier , oder muß ich mit Dir in jene andere hinein ziehen ? « Hoch brauste es in Leonin ' s Brust auf . Ha , rief seine Seele , warum stößt Du mich selbst in den Abgrund , den ich Dir noch verdecken wollte ? So machte er , verwirrt von der Verzweiflung seines Herzens , es ihr zum Vorwurf , daß sie ihn veranlaßte , ihr zu sagen , wie unglücklich er sie zu machen beschlossen hatte ! Wer hätte die Qual zergliedern können , die ihn zerriß , als er die Lippen öffnete . » Weder das Eine , noch das Andere , « rief er . - » Ich kann weder die Welt verlassen , die Dir der krankhafte Träumer Lesüeur so böse geschildert hat , noch Dich dorthin führen ; denn das Eine bleibt gewiß , für Dich paßt diese Welt nicht , und Du würdest dort keinen Platz für Dich finden ! « » Ja , das dachte ich auch , « sagte Fennimor sorglos , » und immer nur , wenn Du mich darum bitten würdest , dürfte ich es thun ; denn es ist ja unser Gebot , daß wir das Böse nicht suchen sollen , weil es , wie der Staub in der Luft , unmerklich uns berührt und endlich doch die reine Farbe unseres Inneren entstellt . Aber dann ist doch Deine Heimath auch nicht dort , und warum willst Du zurück , da es Dich traurig macht und Deine schöne Seele kränkt ? « Leonin ' s Brust wollte zerspringen . Er hätte ein lautes Angstgeschrei ausstoßen mögen - die Welt mit den Füßen unter sich zerstampfen . Ungeheuer ! rief er innerlich . - Er wußte nicht , ob gegen sich oder gegen Andere ; aber die erste selbstgeführte schlechte That hatte ihm den Zügel aus der Hand gerissen - er jagte fort , verwildert von der Angst , mit der sie ihn verfolgte . » Darin irrst Du - meine Heimath darf hier nicht sein . Ich bin dem Vaterlande , dem Könige , meinen hohen Verhältnissen als Vasall der Krone eine andere Lebensweise schuldig , als diese müßige Existenz hier sein würde . « » Ha , « rief Fennimor , » das klingt schön , und ich begreife Deine hohe Bestimmung - erzähle mir recht Viel davon ! Du hast Recht , Dich so groß und kräftig zum Leben zu stellen , ein Mann muß das auch ! So waren einst die Makkabäer , und ihre Größe und Heldentugend diente auch zum Schutze des Vaterlandes . Davon wird die Seele ein mächtiger Thron erhabener Gedanken , die den Mann Gott näher führen , und doch bleibt er dabei sanft und heiter , wie ein Kind . - Wie gönne ich Dir diese große Weihe zum Leben , mein Geliebter ! Wie stolz bin ich darauf und wie begreife ich nun wohl , daß Dir das armselige , kleine Leben , von dem Lesüeur sprach , nichts anhaben kann ! - Aber , « fuhr sie fort , » in diese schöne , erhabene Welt , die Du Dir geschaffen hast , kann ich Dir folgen ; die ist es gerade , von der ich geträumt habe , bis der arme Lesüeur sie so bitter verklagte . « » Lesüeur , « erwiederte Leonin kalt und stolz , » kann gar nicht die Welt beurtheilen , zu der ich gehöre - eben so wenig kannst Du mir aber dahin folgen . Ich werde immer von Zeit zu Zeit nach Ste . Roche zurückkehren , und in Deinen Verhältnissen hier wird sich Nichts ändern ; - dort aber erlaubt Dir Deine Geburt nicht , den Rang zu theilen , den ich einnehme ; und daher würden wir Beide eben so getrennt leben müssen , als wärest Du hier und ich dort . « » Was meinst Du damit , ich verstehe Dich nicht , « rief Fennimor - und eine Anregung von Stolz und Kränkung stieg in ihren reinen Zügen auf - » da ich Dein Weib bin , bin ich dasselbe , was Du bist , und mein Vater war ja nicht geringer , als der Deinige und ein Geistlicher überdies ! « Leonin fühlte einen Krampf in den Schultern ; nur mit Mühe unterdrückte er es , sie zu zucken . Die Antwort übergehend , fuhr er fort , indessen sein Fuß den Rasen , der grün und duftend vor ihnen ausgebreitet lag , zu zerstören suchte : » Der König hat mich zum Kammerherrn und Reisekavalier der Königin ernannt . Ihre Majestät wird dem Könige in den Krieg nachfolgen , und ich muß daher zurück , sobald die Nachricht eintrifft , daß die Armee sich in Bewegung setzt . « » Sagtest Du denn nicht dem Könige , wie lange Du von mir getrennt seiest , Leonin ? « rief hier Fennimor , in Thränen ausbrechend . - » Er , der so gut , so übermenschlich begabt sein soll , hätte Dich doch wohl aus diesem harten Dienste entlassen ? « Hätte Leonin die Augen aufgeschlagen und Fennimor ' s Engelsantlitz gesehen , wie es unter seinen kalten , herzlosen Antworten nach gerade verändert ward , er wäre wenigstens vor sich selbst zurückgeschaudert . So aber wühlten seine düsteren Blicke sich in die Erde ein , die er vor sich aufriß , und er behielt Muth zu seinem Frevel . » Der König ahnt meine Verbindung mit Dir nicht ! Zu spät habe ich erfahren , daß Familien wie die meinige , als Vettern Seiner Majestät , nicht das Recht haben , sich ohne seine Bewilligung zu verbinden , daß er streng darauf hält , daß sie sich nur mit Familien des höchsten französischen Adels vermählen , daß er gewöhnlich selbst die Wahl trifft und jede andere Verfügung mit den strengsten Verfolgungen bestraft . « - » So hat Lesüeur doch Recht , Dein König ist doch nicht der rechte von Gottes Gnaden , der hier auf Erden handeln soll , als wäre er besonders erwählt , Recht und Gerechtigkeit zu üben - und Du « sagte sie jetzt , ernst und kräftig sich aufrichtend , » bist fast von der schlechten Welt dort verführt und hast zaghaft und kleinlich gehandelt , gerade wie ich es an Lesüeur beobachten konnte . Alles , was Du da gesagt hast , kann vor Gott nicht bestehen , und wenn Du es gegen sein Recht hältst , so muß man erstaunen , daß ernsthafte und gereifte Menschen dort bei Euch es für etwas nehmen , wonach sie sich richten müßten . Als wenn es den geringsten Werth hätte ! - Aber Ihr fürchtet Euch dort alle vor einander , so daß Ihr aufhört , die rechte Gottesfurcht zu haben ; darum werdet Ihr zuletzt verzagt , und Euer Herz geräth in Siechthum ! Leonin , « sagte sie , » Du armer Lieber , da haben sie Dich auch zum Sündigen gebracht . Denn sieh ' , eine Sünde hast Du begangen , daß Du vor dem Könige nicht Dein göttlich Recht behauptetest und ihm sagtest , wie Du ein Weib habest ! Ehe Du von seinem Rechte gewußt , habest Du sie durch göttliches Recht empfangen und könntest deshalb nicht weiter zu ihm gehören , als so weit sie dies auch könne . Denn da sei Gott vor , daß ich mit zu Felde ziehen wollte , wie keine christliche Hausfrau das wollen wird ! Nein , wenn Du ein Krieger wärest , wie die Makkabäer , im Dienste für Dein Vaterland , da wüßte ich , ohne daß ich den König zu fragen hätte , wohin ich gehörte ; - aber siehe , das bist Du nicht . Einen Posten giebt er Dir , von dem mir Lesüeur sagt , wie klein und nichtig er ist ; ein müßiger Dienst , in welchem Du nicht einmal so wichtig bist , als unsere eigenen Diener uns sind . Und das , glaubst Du , sei ziemlich und recht und ein Dienst für einen Mann , für einen Vasallen des Königs , wie Du vorher so schön sagtest , wonach ich hoffte , Du müßtest auch mächtig und fleißig für Dein Vaterland handeln ? « Wie sollen wir ausdrücken können , was Leonin empfand bei dieser feurigen Strafrede ! Es war fast dasselbe , was er vor seinem Vater empfunden hatte - hier , wie da stieß er auf eiserne , unerschütterlich fest stehende Ansichten , die auch keinen Blick gestatteten in die ihnen entgegenstehende Welt . Dasselbe Gefühl der Unmöglichkeit , zu jenen Zuständen eine duldende Ueberzeugung einzuflößen . Eine Verzweiflung , nie verstanden oder entschuldigt werden zu können , ergriff ihn , Fennimor gegenüber , mit einem Zürnen verbunden , welches in ihrer , ihm nach gerade überredeten , unberechtigten Stellung zu ihm lag - in der Beschämung , mit der er Verhältnisse , die er herbei zu führen , sein ganzes besseres Selbst geopfert hatte , jetzt als gering und unwürdig bezeichnen und sein ganzes Treiben ein von Gott abtrünniges nennen hörte . » Fennimor , Fennimor , « sagte er mit einem kalten Lächeln der Ueberlegenheit , » Du hast Dir bei Deinem untergebenen Lesüeur das Predigen angewöhnt ! Mir deucht , Du nimmst die Dinge sehr streng . Denkst Du wohl daran , ob Du überall dazu berufen und ob Du mir gegenüber , in derselben Stellung bist ? « » Ach , « sagte Fennimor , deren alte Energie , noch von körperlicher Schwäche gebunden , schnell erschöpft war , plötzlich weich und gebrochen in sich zusammen sinkend , » Du hast Recht , das ist eine gar verkehrte Welt , in der das schwache Weib ihren Herrn schilt ! Wie hätte ich daran gedacht , als ich es Lesüeur that , Aehnliches könnte mir bei Dir einfallen - wie traurig ist das , und wie tief sinkt mir dabei der Lebensmuth ! Hindere das , « sagte sie dann mit schwacher Stimme , » mache Alles , damit wieder Trost in mein Herz kommt , und ich nicht so arge Furcht für Deine Seele hegen muß ! « Sie winkte Emmy Gray , die eben am Eingange des Schlosses erschien , und wankte an ihrem Arme mit bleichen Lippen und trostlosen Augen nach ihrem Schlafzimmer . Leonin aber ließ sie dahin gehen , ohne ein mildes Wort , ohne sie zu stützen , ohne sie anzublicken oder ihr zu folgen . Er blieb unbeweglich sitzen , er durchwühlte nicht mehr den Rasen - das Kains-Zeichen brannte auf seiner Stirne - aber der schwache Geist hatte keine andere Rettung , als den forttreibenden Ruf der Sünde : es ist zu spät - es ist Alles verloren ! Von da blieb Fennimor still und in sich gekehrt . Ihre Kräfte kehrten nicht in dem Maaße wieder , als es anfänglich zu erwarten stand . Sie sah Leonin oft an wie eine Mutter , die fürchtet , ihr Kind werde erkranken - aber sie sagte nichts mehr , der Vorwurf , daß sie ihren Herrn gescholten , den sie selbst sich stärker gemacht hatte , als Leonin für möglich gehalten , machte sie schüchtern und zurückgezogen . Ihre körperliche Schwäche unterdrückte dabei ihren lebhaften Geist ; ihr Kind versenkte sie in eine Welt , unschuldig und lauter , ohne jede Störung ihres frommen Sinnes ; - und so fand Leonin die augenblickliche Schonung , die er immer suchte , wenn auch zugleich keine Gelegenheit , sich frei zu machen , den Absichten gemäß , die er mitgebracht . Da unterbrach diese schwüle Luft , die um Beide wehte , ein Brief seiner Mutter , mit einer Einlage des Marquis Vieuville , welcher die Rückkehr Leonin ' s , Seitens der Königin befahl . Die Marschallin fügte hinzu , daß der Marquis de Souvré sich endlich habe bewegen lassen , ihn von Ste . Roche abzuholen , und ihrem Briefe voraneilen oder folgen werde , um jene Angelegenheit zu beendigen . » Ach , « seufzte Leonin auf - » jetzt muß ich fort ! das ist nicht aufzuhalten , und Souvré wird das Uebrige einleiten ! « Er wollte Fennimor sogleich Alles mittheilen und ging nach ihren Zimmern ; aber als er eintrat , saß sein schönes junges Weib da , so lilienweiß von Angesicht , wie die weiten , faltenreichen Gewänder , die um sie her flossen , und ihr Kind lag schlummernd in ihrem Schooße . Sie lächelte dem Wunder dieser kleinen zarten Bildung entzückt zu und als sie Leonin eintreten sah , winkte sie ihm und zeigte ihm die kleinen , wunderbaren Fingerchen , und daß jedes ein Nägelchen habe und drei kleine Gelenke ! » Ach , Leonin , « sagte sie - » und das wird späterhin denken und fühlen können , wie wir , wird Recht von Unrecht unterscheiden ; diese kleinen Hände werden sich einst mit Bewußtsein falten , wie die unsrigen . So wunderbar schön ist Alles auf der Erde - wir haben nur das Anbeten ! « Da zog Leonin die Hand von dem Briefe des Marquis Vieuville zurück , den er vorzeigen wollte . Er wußte ihre Ruhe nicht anzugreifen - er mußte sie schön , engelgleich finden . - Sein Kind glühte wie eine Flamme in ihrem Schooße . Das Eis seines Herzens wollte schmelzen - er kniete nieder - er küßte das schlummernde Wesen , das ihm so nahe angehörte - so menschlich ward ihm , so wehmüthig ! Er sollte sie verlassen , um dann den größten Frevel an ihr auszuüben ; er sollte diese sanfte , ruhige Gestalt von der Gewalt des Schmerzes überwältigt sich denken ! - Es war , als ob alle seine Nerven aus ihrer Starrheit rissen . Thränen auf Thränen flossen nieder . - » Wie soll ich uns retten ? « so fragte er sich zitternd . » Verurtheilt zu grenzenlosem Unglücke bin ich hier und dort ! « Seine Seufzer erreichten Fennimor ' s Ohr . - » Was ist Dir , mein Liebling ? « fragte sie sanft . » O , Fennimor , « rief er mit dem alten Liebeslaute - » weine um mich , ich bin sehr , sehr unglücklich ! Was ich auch thun mag , brich nicht den Stab über mich , ich werde schuldig sein ; aber immer , immer noch viel unglücklicher , als schuldig ! « - Sein Kopf sank neben seinem Kinde in Fennimor ' s Schooß . Es war eine tiefe Stille . - So schweigt einen Augenblick Alles , wenn die Verurtheilung über den Angeklagten ausgesprochen ist - das Schicksal , das er herbeirief , ihn niedergeworfen hat . - » Du weißt , « sagte Fennimor , » ich habe mich schon ein Mal vergangen und habe Dich so gescholten , wie es mir nicht zukommt als Deine Frau - und seitdem habe ich immer Angst , wenn Du etwas sagst , das vor Gott nicht gehört , weil es mich dann treibt , Dich davon abzuhalten ; und doch - Du weißt , was ich dann thue « - sie hielt schüchtern inne und legte blos leise ihre Hand auf sein glühend Haupt . » Ach , Fennimor - strafender Engel , Du hast das Paradies nicht schützen können , vor dem Du einst mit dem feurigen Schwerte standest - jetzt bin ich daraus vertrieben , und ohne daß Du es willst , jagen mich Deine Worte weiter und weiter daraus fort ! « - » Nein , nein , sage das nicht ! Da beginge ich große Sünde , und wenn sie so in mich gekommen wäre , ohne daß ich davon wußte - das wäre großes Unglück ! Bete doch , Leonin , und denke während des Gebetes , daß wir gar nicht glauben müssen , so fest im Unrechte zu sein , als Du vorher sagtest ; da Gott auch das Unrecht Deiner Seele in Händen hat und Alles wenden kann - dann gewinnst Du Vertrauen zu ihm , und ohne Vertrauen ist alle Reue unwirksam ! Ach siehe , « fuhr sie , schüchtern über den Schweigenden gebeugt , fort - » Dein Unrecht ist mir nicht recht bewußt ! Du bist wohl sehr traurig , das fühle ich - Du sagst auch von den verkehrten Begriffen jener fremden Welt Einiges - aber wenn Du selbst nicht darnach handelst , hat sie ja keine Macht über Dich ! « » Ach , « rief Leonin - und der Schmerz durchzuckte krampfhaft seinen Körper - » sie hat aber Macht über mich gewonnen , ich habe nach ihren Begriffen gehandelt , und bin nun hier und dort verloren ! « Fennimor erhob sich und störte ihn dadurch auf . Todtenblaß stand sie vor ihm , das Kind leise an der Brust haltend ; ernst und erschüttert sagte sie dann leise : » Leonin , wir wollen zusammen beten ! Jetzt darf Dein Weib sich nicht von Dir trennen - ich weiß Dich nicht zu stützen - das Gebet wird es uns lehren ! « Sie wollte das schlummernde Kind nach seinem Bettchen tragen ; als sie den Fuß erhob , ließ sich in den Vorzimmern Geräusch hören - Thüren gingen auf - Schritte nahten sich - es war der Kammerdiener - kaum hatte er Zeit , zu sagen : » der Marquis de Souvré , « als dieser auch schon eintrat - Fennimor schrie laut auf - das Kind fuhr aus dem Schlafe - Leonin sprang von seinen Knieen auf . Der Marquis blieb mit der höhnischen Miene , halb Lächeln , halb Zorn , vor dieser aufgestörten Gruppe stehen , zufrieden , daß Beide in ihm den Henker ihres Glücks erkannten . » Eine idyllische Scene ! « rief er , als Beide schwiegen . » In Wahrheit , man glaubt hier um ein Paar Jahrhunderte zurück zu leben ! « Dies erzürnte Leonin . » Ich denke , Marquis , die Natur , mit ihren ewig gleichen Beziehungen zu dem Menschen , müßte auch überall dieselbe geblieben sein ! « - » Ich glaube - es kann sein « - erwiederte Souvré mit allen Zeichen der Langenweile , womit er Leonin immer unsicher machte und ihm zu imponiren wußte - » Sie wissen , ich habe nicht Zeit , an so Etwas zu denken . Wir Vornehmen der Erde sind genöthigt , diese Dinge den augenblicklichen Zuständen der Zeit anzupassen - ich grüble über so Etwas nicht . - Doch , Crecy , machen Sie die Honneurs in Ihrem Hause !