bewegt , zitterte er in Erschöpfung so heftig , daß er sich in dem Walde verbarg , und sich weinend auf dieselbe Stelle niedersetzte . » Wie oft mag ihre Stimme hier ertönt sein « , sagte er ; » hier mag sie geruht haben , um meiner in tiefer Wehmut zu gedenken . « Die Blätter dufteten wie damals , und nach lauem Regen quoll wie damals ein Walddunst von unten empor ; die stillen Bäume säuselten im sanften Winde , an ihren Stämmen glänzte gebrochen und geteilt der Schein der Sonne , und auf das falbe Laub des Bodens fiel der bewegte Schatten der Blätter , der ein Gatter bildete . » Es muß sein ! « rief Leonhard nach einer lange Pause , und raffte sich gewaltsam auf . » Ich muß dort die Zauberlinde sehen , unter welcher sie tanzte , das ganz abgelegene Wohnhaus , rundum von Busch und Baum umgeben , den ländlichen Garten , wo ich mit ihr Blumen aufband und Früchte pflückte , ich muß von ihr erfahren , und mein Herz dem eindringenden Schmerz eröffnen . « Er wandelte weiter , der Linde sowie einigen Hütten vorüber ; kein Mensch begegnete ihm . Jetzt bog er seitwärts ; noch funfzig Schritt , da sah er das Haus . Alles war still . Die Gattertür vorn war offen und nur angelehnt ; auch dort blühten Malven , Astern und einige andere Herbstgewächse . Die Haustüre war nicht verschlossen , aber innen alles still , wie ausgestorben . Dann klinkte er die Tür auf , und war nun wieder in jener alten , so wohlbekannten Stube , er um so viel älter geworden . Das dämmernde Licht , die kleinen Fenster , das Spinnrad in der Ecke , der hölzerne Tisch : alles noch wie damals , nichts verändert , aber die Menschen waren fort , es war wie ein Totenhaus . Er warf sich in den ledernen Armstuhl , in welchem der Alte immer zu sitzen pflegte , und überließ sich ganz seinen Träumen . Plötzlich sah er auf , und eine große , edle Gestalt trat durch die Tür ; sie trug auf dem Kopf den Wasserkrug , und mußte sich neigen , als sie hereinschritt . » Mein Gott ! « rief Leonhard , » ist es möglich ! Kunigunde ! « » O Leonhard , mein Leonhard ! « rief sie mit dem freudigsten Ton , und beide stürzten einander in die Arme ; lange ruhte Brust an Brust . Als sie sich geküßt , geweint , gedrückt und wieder geküßt hatten , traten sie voneinander , und beide sahen sich verwundernd , lächelnd , beseligt an . » Himmel ! « sagte Leonhard , » du bist schöner und größer geworden , voller und im Ausdruck edler , wie eine Göttin der alten Fabelzeit stehst du vor mir ; es ist ein Wunder mit dir geschehen , denn du bist nicht älter geworden , unter Tausenden hätte ich dich gleich wieder gekannt . « Sie lachte und sagte : » Älter , ja viel älter bin ich geworden , das versteht sich . Du siehst aber vornehmer aus , als damals , und noch verständiger ! Ei ! mein Leonhard , wie glücklich bin ich , daß du nun endlich einmal wieder da bist ! Ich habe lange auf dich gewartet , aber ich wußte , und wußte es ganz gewiß , daß du kommen , jetzt , bald kommen mußtest , kurz vor meinem Tode , und da bist du ja nun auch wirklich . « » Du sterben « , erwiderte Leonhard , » in dieser Fülle und Kraft der Gesundheit ? « » Ja , ja , mein Leonhard « , sagte sie mit freundlichem Lachen , » und es ist recht gut , daß es so ist . Dafür und für alles danke ich dem Himmel . Kannst du denn eine Weile bei mir bleiben ? « » Einige Tage gewiß « , erwiderte er , » vielleicht eine Woche , wenn es dir nur möglich ist , wenn dich nichts hindert . « » Komm in den Garten ! « rief sie lebhaft , » dort setzen wir uns wieder hin , wo damals die Rosen so schön blühten ; jene Zeit ist jetzt vorüber , aber diese Tage , in welchen du nun bei mir bleiben kannst , sind meine Rosenzeit - und dann das Grab . « Sie gingen in den heitern einsamen Garten hinaus , und setzten sich an jene Stelle . » Zehn Jahr « , sagte sie dann , » habe ich auf dich gewartet ; kann ich dir jetzt nur zehn Stunden in die lieben Augen sehen , und den Ton deiner Stimme hören ; - ach ! so war die Zeit der Hoffnung ja nicht zu lang , so ist mein Leben ja doch ein schönes gewesen . « Er sah sie jetzt im Tagesschein , und ihm dünkte , es sei in ihrer Schöne etwas Überirdisches , Verklärtes . Wie er ihr in das Auge sah , ward dessen Bläue wie vergeistigt , und er fuhr zurück vor dem Überschwang der Liebe , der ihn aus diesen Sternen anblickte . » Ja , du bleibst vielleicht mehr als zehn Stunden « , sprach sie dann nachdenklich , » bis er kommt , der uns trennt . « » Wen meinst du ? « fragte Leonhard . » Weißt du es denn nicht , o gewiß ! daß ich Braut bin ? Mein künftiger Mann , der Schreckliche ! Ach , Liebster , bei alledem ist das menschliche Leben fürchterlich ! « Sie sank laut weinend an seine Brust . » Oh , meine Eltern « , sagte sie dann , » haben seitdem viel Elend überstanden ; sie sind ganz arm geworden ; diesem Leiden trat noch eine schmerzhafte Krankheit des Vaters hinzu . Seit ich dich kennengelernt , wollte ich gar nicht heiraten , und das brachte meine Eltern zur Verzweiflung ; denn es hatten sich manche junge und reiche Leute gemeldet , die über unser Elend hinwegsehen wollten . Ach ! Leonhard , du kannst dir nicht denken , du Glücklicher , wie es das Herz zerreißt , wenn man den Jammer sieht , die Sorge , die Angst der Alten um jeden Groschen , der geschafft oder verwandt werden soll . Daneben die lauten , und noch schlimmer die stummen Vorwürfe , die Blicke einer Mutter , die nach Hülfe schmachten . Und nun hat man es in der Hand , mit einem Wort , mit einer einzigen kleinen Silbe zu helfen , dieselben Eltern wieder glücklich zu machen , die Blut und Leben in der Kindheit für uns hingegeben hätten ; nun fallen einem alle die Blicke und Küsse ein , die teure Sorgfalt in Krankheit , wie oft sie sich selbst am Munde absparten , um dem Kinde Freude zu machen , um ihm Arzenei zu verschaffen , um ihm ein Spielzeug zu kaufen . Und ebenso war es schon vorher , lange vorher , ehe man denken und sich erinnern kann ; dieser mütterliche Busen , der jetzt nach einem Labsal schmachtet , hat uns gesäugt ; das tränende Auge hat über uns gewacht ; - sieh , Liebster , man läßt sich endlich von Angst und Not , Liebe und Verzweiflung , und von der Stimme eines Engels , der dazwischenspricht , bereden - und sagt dann das Ja , worüber die Alten aufjubeln , und einem danken , als wenn man sie vom Tode gerettet hätte , wie es denn hier auch der Fall war - aber , Leonhard , ich hätte , um ihr Elend zu enden , nicht einen jener hübschen jungen Männer nehmen können - nicht wahr , das hätte dich noch mehr gekränkt ? Und weiß ich doch nicht , ob du nicht auch schon längst verheiratet bist . « Leonhard sah trübe vor sich nieder und fragte dann : » Und wer ist dieser Auserwählte ? « » Du kennst ihn wohl « , sagte sie ; » ein Mensch , der dich haßt , der dich damals ermorden wollte . « Als er wieder Witwer war machte er sich an uns , und bot seine Hülfe an , weil er reich ist . Er setzte etwas darin , mich nicht aufzugeben , und so habe ich mich drein ergeben müssen . Jener häßliche Mensch ist es , mit dem du den Kampf damals ausfochtest . » Der ? « sagte Leonhard , » und er ist hier ? « » Ach nein ! er ist auf Reisen , wie öfter , und das ist ein Glück . In acht Tagen etwa wird er zurückkommen . Er hat seitdem vielerlei Begebenheiten erlebt , und späterhin auch einen andern Namen angenommen , seitdem ihn ein reicher Vetter in der Stadt zu sich nahm , und ihn zum Erben einsetzte . Dann ist er in Deutschland und auch auswärts herumgereiset und hat viele Weinberge und große Häuser drüben in einer benachbarten Stadt . Er hat meinen Eltern das größte , bequemste Haus im Dorfe hier verschrieben und vermacht , auch Weinberge , Wiesewachs und Fluren und Triften . Ach , meine Alten sind seitdem so glücklich ! Oben , am Ende des Dorfes wohnen sie auch in dem großen Hause . Hier habe ich mir in der lieben alten Häuslichkeit meine Wohnung aufbewahrt , bis dahin wo das Schreckliche geschieht , und der Wassermann zurückkommt . « » Wassermann ! « rief Leonhard höchst überrascht aus » - o der der kommt niemals wieder ! « - Er erzählte der Erstaunten nun was sich in Nürnberg begeben hatte . » Das ändert freilich alles « , sagte sie nach langem Stillschweigen . Sie gingen hierauf , nachdem beide sich mehr gesammelt und Freude und Rührung überwunden hatten , nach dem großen Hause , zu den Eltern Kunigundens . Alles geriet hier über die Nachricht von Wassermanns Tode in Bewegung . Man fragte dies und jenes , man verstand sich nicht ; die Alten , die so lange vom Elend waren verfolgt worden , fürchteten , von neuem unglücklich zu werden , und daß man ihnen den kürzlich gewonnenen Besitz wieder entreißen könne . Leonhard tröstete und beruhigte sie . Er fühlte , was in solchen Bedrängnissen ein verständiger Freund den Unerfahrenen sein , wie hülfreich er ihnen werden könne . Jetzt war es ihm von neuem tröstlich , eine bedeutende Summe bei sich zu haben , weil ihm ahndete , daß er des baren Geldes um die Lage dieser Armen zu sichern , wohl bedürfen würde Statt der schönen Ruhe , von welcher er geträumt hatte , wurde er in eine unerwartete Tätigkeit geworfen . In Bamberg suchte er einen tüchtigen Rechtsgelehrten auf . Wassermann hatte nur wenige und sehr entfernte Verwandte . Diese wohnten in der Würzburgischen Stadt , in welcher Wassermann seine Häuser besessen hatte . In Bamberg war ein Testament niedergelegt , in welchem der reiche Wüstling Kunigunden und ihren Eltern und Verwandten sein ganzes Vermögen vermachte . Die Ehe aber war nicht vollzogen worden . Leonhard reisete mit dem wackern Rechtsgelehrten , der sich der Sache mit großem Eifer annahm , nach jenem Städtchen . Die Nachrichten und Beweise von Wassermanns Tode waren seitdem auch vom Nürnberger Magistrate eingesendet worden . Mit den Verwandten , welche gar nichts von dem Vermögen des entfernten Vetters erwartet hatten , war bald ein billiger Vergleich geschlossen , und alle waren zufriedengestellt . So konnte der größte Teil der Verlassenschaft Kunigunden und den Ihrigen zugesprochen werden , was um so erwünschter war , da nun eine jüngere Schwester ihren Bräutigam heiraten und mit diesem eine Wirtschaft anfangen konnte . Kunigunde hatte auch noch die Freude , daß ein Bruder von seiner vieljährigen Wanderschaft zurückkam . Diesem war sie mehrere Meilen in der Freude ihres Herzens , als die Nachricht eintraf , heftig , wie sie war , entgegengegangen . Dies begab sich in den Tagen , als Leonhard nach jener Würzburgischen Stadt gereiset war . Dieser junge , brave Mann konnte sich nun als Schmied in Bamberg , oder auf einem Dorfe niederlassen . Die Alten im Gefühl ihres Glücks , waren voll Freude und Dankbarkeit gegen Leonhard , der ihnen mit Aufopferung von Zeit , Geld und Mühe hauptsächlich zu diesen Herrlichkeiten verholfen hatte . Mit welchen Augen die glückliche Kunigunde ihren Liebling betrachtete , ist leicht zu ermessen . - Und wie glücklich und unglücklich war er selbst in diesen Tagen , die so reich an Begebenheiten , Freuden und Schmerzen waren ! Siebenter Abschnitt Die ersten schönen Frühlingstage waren wieder gekommen . Mehr als zwei Jahre waren verflossen , seitdem Leonhard in seine Heimat zurückgekehrt war . Immer hatte er auf seinen Freund Elsheim gehofft , dieser aber ward durch eine unerwartet eingetretene bedeutende Krankheit seiner Mutter auf jenem fern liegenden Gute zurückgehalten . Es schien dem jungen Mann Sünde , die letzten Lebenstage seiner teuren Mutter , deren einziges Glück er war , nicht zu erheitern , und so war es natürlich , da sich keine Hoffnung zur Genesung zeigte , daß er ihren Tod abwartete , der erst bei der Annäherung des Frühlungs erfolgte . Er hatte ihr noch die Freude machen können , ihren längst gehegten Wunsch zu erfüllen , daß er sich nämlich mit Albertinen vermählte . Ein Enkelchen , einen Knaben , hatte die alte Frau auch noch vor ihrem Hinscheiden gesehen , und so starb sie denn froh und zufrieden , da sie den einzigen Sohn glücklich wußte . Elsheim hatte in dem langen Zeitraume nur selten geschrieben ; auch waren seine Briefe nur kurz und flüchtig , so daß Leonhard diese Vorfälle nur summarisch erfahren hatte , ohne die Motive und Veranlassungen näher zu kennen . Jetzt aber war Elsheim mit Frau und Kind angekommen ; Dorothea , die sich von ihrer innigst geliebten Freundin nicht trennen wollte , war mit ihnen ; der Knabe , welcher , zu Ehren Leonhards , Wilhelm getauft worden war , befand sich wohl und munter , und so waren alle zugegen , die Leonhard als Taufzeugen für sein Töchterchen schon ziemlich lange erwartet hatte . Elsheim , welcher einige Tage früher ankam , war nicht wenig erfreut und überrascht , seinen Freund so glücklich und heiter zu finden ; jenes sinnige Nachdenken , das ihn sonst oft in den heitersten Stunden überraschte , und welches zuweilen in ein finsteres Träumen ausartete , schien völlig von ihm gewichen zu sein . Er war so natürlich froh , so ganz in sich befriedigt , so völlig Mann geworden , daß Elsheim im wahren und festgegründeten Glücke seines Freundes sich selber glücklich fühlte . So war auch seine Gattin , Friedrike , noch selbständiger , als ehemals . Da man die Taufe bis zur Ankunft der Freunde aufgeschoben , so konnte die junge Mutter schon wieder aus dem Bette sein . Es war natürlich , daß die beiden Eheleute , denen jetzt zum erstenmal ein Kind geschenkt war , sich liebender erwiesen , daß der Mann der Frau zärtlich und schonend begegnete ; aber der scharfsichtige Elsheim erblickte in dieser wechselseitigen Hingebung noch etwas Innigeres , welches er nicht ganz verstand , jedoch bald einmal die Erklärung desselben von seinem Freunde zu hören hoffte . War Elsheim verwundert , so erstaunte Leonhard in einem weit höheren Grade über die Verwandlung des Barons . Jene Munterkeit , die ihn so liebenswürdig machte , war ihm geblieben , ja , man konnte sagen , sie war erhöht , aber gewissermaßen geläutert und verklärt ; denn jenes Schroffe und Herbe , was den Freund in manchen Augenblicken der Übertreibung wegen gestört hatte , war Leichtigkeit und Anmut geworden . Wenn Leonhard es hätte beschreiben sollen , würde er vielleicht gesagt haben , das Wesen seines glücklichen Freundes sei jungfräulicher , unschuldiger geworden ; denn , daß er glücklich sei , zeigte sich in jedem Blick und jeder Miene . Friedrike war sehr vergnügt darüber , die Freunde nach einem so langen Zwischenraum wiedervereinigt zu sehen , und zeigte nichts von jener Empfindlichkeit oder Eifersucht , durch welche Leonhard in früherer Zeit sich wohl verletzt fühlen mochte . Das Fest der Taufe war heiter , und alle erfreuten sich der schönen Aussicht , welche die Zukunft verhieß . Albertine , nach welcher das Töchterchen genannt wurde , hielt es bei der religiösen Zeremonie ; Elsheim war zugegen , sowie der Professor Emmrich der sich schon seit einem Jahr in dieser Stadt niedergelassen hatte . Zugleich war der kleine Tischlermeister Krummschuh eingeladen , der sich sehr geehrt fühlte , daß er mit so vornehmen Leuten an dem Feste teilnehmen sollte . Die kleine fröhliche Dorothea war zurückgeblieben , um dem kleinen Wilhelm Gesellschaft zu leisten , der , obgleich erst ein Jahr alt , schon redete , und gern mit seiner Freundin spielte und scherzte . Beim Mahle war man herzlich froh , und Albertine und Friedrike sagten sich die freundlichsten Worte . Es war vorauszusehen , daß sie in Zukunft vertraut und einander unentbehrlich sein würden . Froher , als gewöhnlich , zeigte sich der Professor , denn er sah Albertinen schöner , als je ; alle seine Wunsche für sie waren in Erfüllung gegangen . Auch er fand den jungen Baron ernster , aber edler , und man sprach viel darüber , wie man im schönsten Freundesverein den Sommer zubringen , wie man sich im Winter gemeinsam beschäftigen wolle , was man miteinander lesen , welche Spaziergänge man machen könne . Elsheim gab selbst der Hoffnung Raum , daß sein Freund mit Frau und Kind doch noch einmal sein Gut an der fränkischen Grenze wieder besuchen könne . Friedrike begab sich , da sie sich etwas angegriffen fühlte , früher zur Ruhe , und Emmrich geleitete Albertinen nach Hause ; froh und dankbar verließ Krummschuh die Gesellschaft , und Leonhard und Elsheim befanden sich nun allein miteinander in jener Stube und an dem runden Tisch , an welchem ihnen vor beinahe drei Jahren der alte Magister seine Geschichte erzählt hatte . Die beiden jungen rüstigen Männer reichten sich die Hände , und sahen sich mit dem Blick der reinen und festen Freundschaft an . » Liebster Bruder « , fing Leonhard an , » du bist wahrhaft glücklich , nicht zum Beneiden , wie man sich immer ausdrückt , denn ich glaube , ich bin es nicht weniger ; aber noch immer begreife ich es nicht , wie du dahin gelangt bist . Deiner Briefe waren so wenige , immer nur einige Zeilen , anfangs verdrüßlich , dann zurückhaltend , dann blieben sie einmal ganz aus , dann ward mir kurz deine Vermählung , und nach zehn oder eilf Monaten die Geburt deines Kindes gemeldet- und so bin ich mit dir ohne historischen Zusammenhang : unsere Herzen sind eins , aber ich habe dich und dein Schicksal nicht begriffen . Vielleicht kannst du mir jetzt , in dieser traulichen Stunde , hierüber näheren Aufschluß geben . « Elsheim lachte herzlich und sagte : » Liebster , wenn ich verdrüßlich bin , schreibe ich ungern Briefe , noch viel weniger aber , wenn ich mich recht glücklich fühle . Ach , und in jenen Tagen , da sich mir das Paradies der Liebe öffnete , wie hätte ich da Worte suchen mögen , wo hätte ich sie auch finden können , dir meine Seligkeit mitzuteilen ! Sehen wir uns , sprechen wir uns doch jetzt ; warst du es doch selbst , der zuerst den seltenen hohen Wert Albertinens erkannte , als ich noch in meiner Verblendung herumlief und nach Wolkenschatten haschte . « Er wurde ernst und fuhr fort : » Immerdar habe ich an jene Gespräche denken müssen , die wir auf der Reise miteinander führten . Wer kennt das Leben , wer sich , oder andere Menschen ? Auch wer klar zu sein glaubt , fällt wiederum in das Trübe , Widersprechende und Unzusammenhängende , und diese Verirrung war vielleicht notwendig , damit man sich jenseits vollständiger wieder antreffen möchte . Es gibt so viele Romane und Erzählungen , vieles ist geistreich , manches davon gehört zu den Kunstwerken ; aber , so viel ich nun auch weiß , ist jenes Thema noch niemals , oder mit wahrer Menschenkenntnis durchgeführt worden . Ja , Freund , dieser Rausch und diese seltsame Leidenschaft für jene reizende Charlotte , die mich eine Zeitlang mir selbst entführte , war zu meinem Leben , die Befriedigung derselben zu meiner Ruhe und meinem Glücke notwendig . Wie schön jenes Wesen ist , welche Gewalt sie über die Sinne und den taumelnden Geist ausüben kann , hast du ja selbst erfahren . Die Menschen brauchen immer das Wort Liebe , und sie wissen selbst nicht , was sie damit ausdrücken wollen . Jene Idealisten nun gar , die sie ohne Gestalt und Farbe malen wollen , und nur die Vernichtung des Gemüts und der Leidenschaft darstellen können ! In jedem Menschen , in jeder Situation , in jeder Rede und jedem Blick ist die Liebe , wenn sie wirklich da ist , ein anderes Wesen , ein neues , originelles Individuum , und darum ist dies Thema für den Dichter so unerschöpflich , wenn er ein echter Dichter ist . So liebt ich Charlotten ungestüm , fast wahnsinnig , und ich habe dir schon damals gestanden , wie mich die Eifersucht peinigte , neben dem sonderbaren Kontrast , daß ich dies verführerische Wesen nicht achten , und noch weniger ehren konnte . Sah ich doch täglich ihre Unwahrheit und Verstellung , wie sie nur dem Augenblick lebte , und selbst , wenn sie gewollt hätte , unfähig war , im Geliebten den edlen Menschen zu achten . Und doch war diese ewige Lüge ihrem Leben und selbständigen Geiste keine Unwahrheit : denn nur so , wie sie war , war ihr Witz , ihre Schalkheit , ihr Beherrschen der Menschen möglich . Daß alles Ehrbare , Echte , wahrhaft Menschliche und Treue ihr unzugänglich war , goß diesen wundersamen Zauber über sie , welcher unsere noch jugendlich frischen Herzen so sonderbar berauschte . Hätte man sie achten können oder ehren müssen , so konnte man sie nicht mehr lieben . Aber auch einzig sie konnte diesen Wollustrausch , diesen feinen und seelenbetäubenden Wonnedurst erregen und befriedigen . Du hast dies ebenfalls erlebt , ein anderer würde mich vielleicht nicht verstehen . Als meine Seele und meine Sinne nun befriedigt worden , als ich das Glück genossen hatte , welches mir damals das höchste , wenigstens ein unerlaßliches erschien : wie war nun mein Gefühl ? Meine erste Besonnenheit war , daß ich dich , Geliebtester , unendlich vermißte ; ich klagte es buchstäblich den Wäldern und Fluren , daß ich dich jetzt schon hatte abreisen lassen , obgleich mich damals dein Abschied erfreute , und deine Reise mir einen Stein vom Herzen nahm . Noch zu einigen Zusammenkünften fand ich mich ein in jenem einsamen Häuschen dort am Buchenwalde ; aber der Zauber , der mich so golden umsponnen hatte , war zerbrochen und zerrissen , wie von Armida oder Alcinda war die Täuschung abgefallen , und wenn man unter diesen Gefühlen erwacht , so ist die Wirklichkeit gar zu arm und nüchtern , weil der Traum zu wonnereich war . Emmrich hatte es durch seinen Enthusiasmus dennoch möglich gemacht , daß wir Shakespeare Wie es euch gefällt aufführen konnten . Statt deiner , wie er es erst willens war , mußte ich nun jenen kindlichen , ungebildeten und in seiner Natürlichkeit so braven und edlen Orlando spielen . In den Liebeszenen , welche Albertine so heiter und lieblich gab , fiel es mir jetzt erst auf , wie schön dies Wesen sei , wie edel gebaut , welche Töne in ihrer Brust wohnten , mit welchem Gefühl sie sprach . Da wirkte eine frühere Ermahnung Emmrichs nach , und seine Worte fielen mit neuer Kraft auf mein Herz , wie ich mich eine Zeitlang wirklich ungezogen gegen sie betragen hatte . Ich erschien mir wie ein alberner Knabe , daß ich , um meiner guten Mutter nur zu widersprechen , mich so willkürlich gegen alle Vorzüge dieses Mädchens verblendet hatte . Ich kam ihr näher , war freundlicher , redete sie nach beendigtem Stück fast mit Zärtlichkeit an , und niemals , niemals werde ich den Blick vergessen können , mit welchem sie mich ansah . Wie soll , wie kann ich ihn beschreiben ? Er drang mir durch Mark und Bein . Ein zarter , holder Vorwurf lag darin , ein unendliches Mitleid mit mir , daß ich sie habe verkennen mögen , und doch ein unsäglicher Schmerz ihres eignen Herzens ; es war als wenn der Blick sagen und mit holdseliger Bitterkeit fragen wollte : Endlich ? - Sie wendete sich dann plötzlich ab , und eilte in ihr Zimmer , um sich umzukleiden . Von dieser Stunde an folgte ich ihren Schritten , und hatte jetzt , im buchstäblichen Verstande , Charlotten völlig vergessen . Diese trieb schon seit einigen Tagen ihr Wesen mit den Virtuosen , was mich gar nicht mehr interessierte ; aber unser kleiner Cadet wollte wahnsinnig werden , und es war hohe Zeit , ihn in seine Anstalt zurückzusenden . Meine Sehnsucht nach Albertinen , meine Bewunderung ihrer Schönheit , daß ich sie immerdar vermißte , und ihre Gegenwart suchte , alles dies wuchs mit jedem Tage . In einer schlaflosen Nacht mußte ich es mir bekennen , daß es Liebe sei , was mich so quäle und doch peinigend beselige . Sonderbar ! ich hatte nicht den Mut , ihr dies Gefühl zu gestehen , obgleich ich jetzt schon Emmrichs Worten glaubte , daß die Holdseligste eine Leidenschaft für mich empfinde . Endlich , in jener abgelegenen Gartenlaube , wo ich sie einmal allein antraf , wagte ich es . Wie , Vetter ! rief sie aus , und ihre wunderschöne Stimme zitterte im klingenden Silber vor tiefer Bewegung : dies sagen Sie mir ? Und es kann Ihr Ernst sein ? Woran soll ich das erkennen ? An diesen stürzenden Tränen , rief ich , indem ich zu ihren Füßen niedersank . Stehen Sie auf ! sagte sie ängstlich , es könnte uns jemand überraschen . Ich setzte mich zu ihr , sprach , bewies , forderte , wünschte und flehte ; sie aber sah schweigend vor sich nieder , und erhob nur von Zeit zu Zeit das schöne Haupt , um mir scharf in die Augen zu sehen . Sie schien mit sich zu kämpfen , sie sann über Gedanken , die sie aussprechen möchte , sie stritt mit Gefühlen - endlich sagte sie ; Und wenn ich nun an Ihre Liebe glaube , wie Sie es nennen ? Die Leidenschaft nehme ich wahr ; stammt diese aber auch aus jenem Quell , den ich Liebe nennen möchte ? Und selbst , wenn ich Ihnen glauben wollte , kann ich Ihnen jetzt noch keine Antwort geben . Doch , ich erscheine Ihnen , der Sie ganz andere Forderungen machen , vielleicht altklug , oder gar prude . Nur eins versprechen Sie mir : sagen Sie von dem , was Sie jetzt so heftig zu wünschen scheinen , auch kein Wort Ihrer Mutter . Sie wissen wohl , welche Pläne sie einst hatte , und ich möchte in dieser Sache von niemand , auch dem Besten nicht , überredet werden . Vieles , ach ! vieles muß überdies noch anders werden . - Mit diesen Worten entfernte sie sich , nachdem ich ihre Hand , die sie mir freundlich überließ , heftig geküßt hatte . Man wird oft schlimmer , indem man besser wird . Mein Gemüt war erhoben , ich hatte vieles in mir überwunden , was ich jetzt niedrig nennen mußte , und doch nahm ich jetzt planvoll zur List meine Zuflucht , die ich noch vor wenigen Wochen würde verachtet haben . Ich suchte mir nämlich die kleine Dorothea zu gewinnen , und dieser ein unbedingtes Zutrauen einzuflößen . Das war bei dem guten lieben Kinde nicht gar schwer , obgleich sie mich oft gescholten , oder mir auch empfindliche Wahrheiten gesagt hatte ; mein neckender Ton war ihr oft zuwider gewesen und sie hatte sehr oft geäußert , kein Mensch könne Zutrauen zu mir fassen . Wie es mir also gelang , sie recht treuherzig zu machen , entdeckte ich ihr den Zustand meines Gemüts , und da sie überzeugt war , es sei mein Ernst , versprach sie mir alle Hülfe , und wiederholte mir manche Gespräche , die sie mit Albertinen geführt hatte , und was diese an mir , den Leichtsinn , eine gewisse Frechheit , von der ich nichts wußte , und dergleichen mehr , aussetzte . Bei dieser Gelegenheit , Freund , wurde nun dein Lob in allen Tönen gesungen . Du warst Albertinen das Muster eines Mannes , diese Kindlichkeit fehlte mir , sowie diese Unschuld , eine gewisse Redlichkeit und dergleichen Haupttugenden mehr , so daß die Kleine auch früher den irrigen Glauben gehegt hatte , Albertine sei sterblich in dich verliebt . Jetzt teilte sie Emmrichs Meinung , daß sie von einer Leidenschaft gegen einen Undankbaren schon früher sei verzehrt worden , dessen Unart und Frivolität , dessen Verliebtheit in Charlotten , sowie manche Tollheiten , sie immerdar tief verletzten . Wie gern wollte ich ihr jetzt alle diese Leiden vergüten . Aber sie wich mir aus , sie vermied mich , soviel sie es irgend konnte . Oft mußte ich glauben , daß ihr mein Wesen wirklich unerträglich sei , und dies brachte mich in meiner überspannten Empfindung gar oft der Verzweiflung nahe . In manchen Stunden fiel mir ein , ich wollte fortreisen , und in fernen Ländern , unter anderm Himmelsstrich , mein Gemüt und meine Heiterkeit wiederzufinden suchen . Ein Blick