Weiblichkeit ertragen haben , hätte ihre wahrhaft feste und vollständige Resignation ihn nicht ohne alle Beziehungen zu sich , blos als das schöne Urbild ihrer Liebe ihr erscheinen lassen . Als er sie anblickte , drang das unaussprechlichste Gefühl der Befriedigung durch ihr Herz , und sie gewahrte den tiefen schwermüthigen Ausdruck seines Blickes mit der schmerzlichen Ueberzeugung , daß er dem Mitleiden angehöre , womit er sie in Bezug zu Membrocke sah . Bald , sagte sie sich , wird der Schritt geschehen , der mich fürs Leben aus Deiner reinen Nähe treibt und meinen Namen den Verworfenen beigesellen wird ; Du wirst erröthen , mich unter diesem Dache einst gesehen zu haben . Ein Seufzer bezeichnete die Schwere des Opfers , das ihr auferlegt war , und sie fühlte sich fast getröstet , daß ihr Gefühl nie in seinem Herzen Wiederklang gefunden , und so ihm der Schmerz erspart blieb , an ihr sich scheinbar geirrt zu haben . Fast war es ein Glück , daß Ollonie ' s Zustand ihre Sorgfalt erforderte . Maria besaß vollkommen die Eigenschaft der Frauen , das eigene Interesse zurück zu drängen , und frei und hingebend sich einem fremden aufzuschließen . Ihr war mit der gütigen Empfindung zugleich der Takt verliehen , unscheinbar und ohne den Leidenden außer eigne Thätigkeit zu setzen , blos ergänzend oder stützend einzutreten , und namentlich war sie , schnell Olloniens Wesen überschauend , sie zur Kraft zu wecken bemüht . Eine lange Unterredung , in der sie doch , die eigentliche Vertraute zu werden , vorsichtig vermied , hatte Ollonie nicht allein überzeugt , daß Maria sich ihrem theuern Oheim nicht vermählen wolle , sondern auch in ihr jene jungfräuliche Empfindung geweckt , die sie fürs Erste zur Selbstbeherrschung zwingen konnte . So hoffte Maria sie aus dem leidenschaftlichen Zustand zu erlösen , den ihr die Eifersucht gegeben , und für Ormond Zeit zu gewinnen , von der sie das Glück Beider hoffen zu dürfen glaubte . So dem fremden Interesse hingegeben , hatte die junge Heldin fast keinen Blick für ihre eigene Zukunft übrig , fiel er aber darauf , dann schaute sie in ein undurchdringliches Dunkel , worin sie nur das eine Bild ihres theuern verfolgten Oheims als Ziel und Lichtpunkt erblickte . Dahin wandten sich dann alle Kräfte ihrer edeln Seele , und verliehen ihr den ruhigen Ernst , der zwar alle Blüten des Glückes verschließt , aber desto freier und stärker jede Tugend der Seele zur Reife bringt . Sie schien sich seit diesem Morgen weit über die Zeit der Jugend hinaus entrückt , und wie jede Bewegung ihrer Seele sich ihrem Aeußeren mittheilte , so trug ihr ganzes Wesen jene ernste und ruhige Würde , welche die Abfindung mit dem Leben bezeichnet . Membrocke konnte dies nicht übersehen , und es gehörte nicht zu seinen angenehmen Beobachtungen ; er hätte sie lieber hinfällig und außer sich erblickt . Diese feste Haltung schien ihm wenig Rechte über sie lassen zu wollen , und er verwünschte dies ihm stets neue Aufgaben bereitende Mädchen . Als die Tafel aufgehoben war und die jüngeren Personen sich dem fröhlichen Beisammensein überlassen wollten , fühlte Maria sich unfähig , daran Theil zu nehmen . Ihr Herz sehnte sich mit kindlicher Innigkeit nach dem Beisammensein mit der Herzogin von Nottingham . In ihrer Nähe wollte sie die letzten Stunden durchleben und sich stärken zu dem großen Schritt , der ihr bevorstand . Schaudernd sah sie , wie Membrocke sich nach der Tafel von Allen beurlaubte . Indem er sich auch ihr ehrerbietig zum Abschiede näherte , warf er ihr einen vertraulichen Blick zu und flüsterte : Um neun Uhr bin ich zurück . Maria vergaß , tief beleidigt , ihr ganzes Verhältniß zu ihm und antwortete ihm blos durch einen Blick voll Verachtung . Aber ihr Gesicht war , Allen sichtbar , mit Blut übergossen , und Richmond wendete sich von ihr ab und verließ die Gesellschaft . Als die beiden Herzoginnen sich entfernt hatten , blieb Maria in dem schmerzlichen Gefühl , alle hier Versammelten zum letzten Male zu sehen , wie gefangen zurück . Von Allen nahm sie im Geiste Abschied ; ach , Keiner schien ihr mehr unbedeutend oder unliebenswürdig . Selbst die Pagen , die Diener , die noch mit dem Dienste beschäftigt hin und wieder gingen , Alle flößten ihrer Seele das schmerzlichste Interesse des nahen Abschieds ein . Lucie hing sich in ihre Arme und begehrte morgen früh den Spaziergang mit ihr , und nun ward sie von allen Mädchen umgeben , die sie liebevoll drängten , den Jagdzug mitzumachen , den Richmond für morgen vorgeschlagen und Maria , unfähig ihn zu belügen , abgelehnt hatte . - Da entschlüpfte sie rasch den ungestümen Liebesbeweisen , die ihre Brust zerrissen , und eben so wenig fähig , allein zu bleiben , führte sie ihren Vorsatz aus , zur jüngeren Herzogin sich zu begeben , in deren ernster , gemäßigter Nähe sie gegen neue Erschütterung der Art sich gesichert hielt . Als sie , von dem meldenden Pagen geführt , in das lange gothische Zimmer eintrat , in dessen Fenstervertiefung die Herzogin saß , gewahrte sie zu ihrer Ueberraschung Lord Richmond vor ihren Füßen auf einem niedern Fensterbänkchen sitzen . Willkommen , Lady Maria , sprach die Herzogin , während Richmond schnell aufsprang . Ihr seid gütig , mir Euern Nachmittag schenken zu wollen , da Alle , wie ich höre , sich auf eine Cavalcade begeben . Damit reichte sie Maria die Hand entgegen , welche diese mit beklommenem Herzen an ihre Lippen drückte . Und doch , Mylady , sprach Maria , fürchte ich , seid Ihr zu gütig gewesen , mich anzunehmen . Ihr hattet liebe Gesellschaft , Ihr hattet vielleicht Geschäfte , setzte sie hinzu , auf Richmond blickend , der , mehrere Papiere in der Hand haltend , stumm grüßend ihr gegenüber stand . Ich hätte in diesem Fall es Euch aufrichtig gesagt , erwiederte die Herzogin . Wen ich willkommen heiße , der darf auch dessen sicher sein . Setzt Euch , fügte sie hinzu und zog Maria auf einen kleinen Sessel , der nächst ihrem Lehnstuhl stand , und Du , Richmond , nimm Deinen alten Platz hier ein und lies mir das Ende Deines Briefes vor . Meine liebe Maria wird sich so lange mit sich unterhalten . Richmond that , wie ihm geheißen , und obwol er erst nach einigem Verzuge die Stelle wiederfinden konnte , bei welcher Maria ' s Ankunft ihn unterbrochen hatte , las er , doch mit einer Stimme , die noch lange vergeblich nach Festigkeit strebte , weiter : » Ich kann unter diesen Umständen nicht genau angeben , wann mir das Glück zu Theil werden wird , Dich , meine geliebte Tochter , zu umarmen . Keinesfalls kann ich indeß wünschen , daß Du nach London kommest , da in der Hoffnung , die sich uns jetzt darbietet , mir vielleicht vergönnt sein wird , nach Godwie-Castle zu kommen . Daß ich diesen Zeitpunkt herbei sehne und Alles , was in meinen Kräften ist , anwenden werde , ihn zu beschleunigen , wird Dir gewiß sein , und meine Tochter wird nicht wünschen , daß etwas in einer Sache übereilt werde , wovon die Ehre ihres Vaters abhängt . « Da sei Gott vor , sprach die Herzogin und legte den Brief des Grafen von Bristol , den Richmond ihr reichte , ehrerbietig zusammen : doch bin ich der Meinung , daß mir am allerwenigsten zustehe , mit Besorgniß an diese Beweisführung zu denken . Nicht als Tochter fühle ich mich um die Ehre meines Vaters besorgt , als Engländerin bin ich besorgt und beschämt ; denn sagt , wohin muß es mit einem Lande gekommen sein , in dem sich die Männer , die sich die Säulen des Staates nennen dürfen , an die sich die Verehrung zweier Generationen und die Hochachtung fremder Staaten knüpft , vertheidigen müssen , gleich als wären sie unbekannte , dem Zweifel unterworfene Emporkömmlinge , für welche keine Thaten reden können . England wird erstarren an der Nachricht , Bristol stehe vor dem Richterstuhle eines Parlaments , und neues Weh wird den Namen Buckinghams treffen , der so grenzenloses Elend verbreitet , und mit welchem die Nachwelt alles Unglück und alle Schande dieser Zeit bezeichnen wird . Maria schauderte zusammen . Die bittern , strengen Worte der gekränkten Frau bezeichneten die Katastrophe , in die ihr eignes Schicksal nun so geheimnißvoll und gefährlich verflochten war ; sie nannten zugleich den Namen Buckingham in derselben Beziehung , als Membrocke es gethan , und bestätigten die Wahrheit seiner Angaben . Ich habe Euch , theure Mutter , noch Einiges über die Vermuthungen des Grafen Archimbald mitzutheilen , hob jetzt Richmond an . Seine Thätigkeit hat keinen Augenblick gerastet , und so große Hindernisse ihm die Wachsamkeit Buckinghams auch in den Weg legte , ist es ihm mit Hülfe eines mächtigen und geheimen Feindes von Buckingham dennoch gelungen , dem Lord Saville auf die Spur zu kommen , der , nach der Ueberzeugung Euers Vaters , die wichtigen Dokumente entwandte , die von der Hand des Herzogs von Olivarez unterzeichnet , das bestimmte und durchaus ehrenvolle Benehmen des Grafen bestätigen . Gewiß ist eine traurige Zeit gekommen , wo Lord Bristol eines Dokuments bedarf , sich freizusprechen von dem schmählichen Verdachte , sein Vaterland muthwillig und um persönlicher Genugthuung willen in einen so gefährlichen Krieg verwickelt zu haben ; aber es ist dahin gekommen , wollen wir uns immer freuen , daß es der Unschuld nie an Freunden fehlt , und daß Lord Bristol die Besten des Landes unter die seinigen zählt . - Du sagst ein wahres Wort , mein Sohn ; aber ich wiederhole es , ich trage Leid um England , das auf dem Wege ist , dem Auslande ein Spott zu werden ! - Graf Archimbald , fuhr Richmond fort , scheint überdies die Auflösung des Königs zu erwarten . Die Fieberanfälle haben sich wiederholt , und die Idee des Krieges mit Spanien ist ein Schreckbild geworden , dem der unglückliche , schwache Greis , dessen ganze kleine Politik - Zeit seines Lebens - in dem Bündniß mit Spanien bestand , zu unterliegen droht . Buckinghams Abschluß der Vermählung unseres Prinzen mit der französischen Prinzessin soll fast wider Willen des Königs und des Prinzen geschehen sein . Den König hat dieser verwegene Mann zittern gelehrt und das Jawort des Prinzen während einer hitzigen Krankheit erhalten , die ihn gleich nach der Rückkehr von Spanien überfiel und über deren Ursache , obwol Buckingham den Prinzen fast ausschließlich umgab , doch sehr seltsame Gerüchte umlaufen . So viel ist gewiß , daß der Prinz , stets Allem gnädig , was unsere Familie angeht , Alles angewendet hat , diesen Prozeß von dem Grafen Bristol abzuwenden , daß der König aber , von Buckingham verhärtet und außer sich über den Gedanken , am Ende seiner Laufbahn noch einen Krieg zu erleben , den er stets so ängstlich vermieden , den Grafen als die einzige Ursache davon ansieht . - Nun , rief die Herzogin , so erhalte Gott sein Leben nur noch so lange , bis er seinen besten und getreusten Diener gerechtfertigt vor sich sieht . O , ich ertrüge es nicht , wenn dies gekrönte Haupt zur ew ' gen Rechenschaft gerufen würde , ehe er dem sein irdisch Recht gesprochen , der sich um ihn so wohl verdient gemacht . Hier entglitt dem Busen der unglücklichen , gequälten Maria ein tiefer Seufzer . Der gerechte Wunsch , dieser edeln Frau , ihrer Wohlthäterin , der Mutter Richmonds , dieser heil ' ge Wunsch , für dessen Erfüllung auch sie ihre Hände hätte zum Himmel erheben müssen , er enthielt das Todesurtheil über den einzig ihr gebliebenen Verwandten , über den theuern Oheim , an den sie trotz des Scheines von Schuld , der ihn zu treffen schien , nicht ohne die tiefste und zärtlichste Bewegung des Herzens denken konnte . Ihr blieb jetzt kaum ein Zweifel , daß es der verfolgte Lord Saville war , dem sie diese Rechte zugestehen mußte , daß Lord Membrocke ihr Wahrheit gesagt und sie im Begriff sei , zu dem zu fliehen , der den Verfolgungen ihrer Beschützer preisgegeben war . Riesenhaft groß trat ihr hartes Schicksal vor sie hin , bereit , alle die zarten Fäden zu zerreißen , die sie mit diesen geliebten Menschen hier verbunden hatten . Die Herzogin mißdeutete dieses Zeichen tiefer Theilnahme , und ihre Hand sanft drückend , sprach sie : Gott behüte Euch vor ähnlichen Sorgen , liebes Kind , Euer allzu weiches Herz erläge solchen Leiden . Die Schicksale der Menschen , sprach hier mit tiefer Bewegung Richmond , sind verschieden ; nicht zweien wird ein gleiches zu Theil ; aber der Schmerz findet zu jeder Brust den Weg , und nur , wie er uns innerlich gefaßt findet , macht den Unterschied . Doch die geringsten Schmerzen bleiben immer jene , die das eigne verfehlte Glück uns giebt . Wer widersteht aber mit dauerndem Muthe , wenn er das Edelste und Liebste , was die Erde für ihn trägt , in der Gewalt einer bösen Macht leiden und untergehen sieht , ohne daß ihm das Recht verliehen ward , es zu schützen oder zu vertheidigen . Wir wollen damit schließen , so heftige Auskunftsmittel , wie Deinem jugendlichen Eifer zusagen , nicht für nöthig zu halten , sagte die Herzogin mit beschwichtigendem Tone und schien nicht zu gewahren , wie Richmonds Augen an den bleichen , kummervollen Zügen Maria ' s hingen . Maria sah diese Augen nicht , denn die ihrigen hafteten melancholisch am Boden ; aber seine Stimme drang zu ihrem Herzen , und ein wunderbar wonnevoller Schmerz durchzuckte sie . Das gebe Gott ! seufzte er tief auf , und vergeben mögt Ihr meinen trüben Worten . Aber ich glaube , setzte er , zur Heiterkeit sich zwingend , hinzu , der Nebel dieser letzten Tage thut es bei mir , ich bin nicht mehr ich selbst , ich fühle es wohl , denn trübe liegt auf mir die Erwartung jedes nächsten Morgens . Maria ' s Haupt senkte sich hier auf die Armlehne des Stuhles , in dem die Herzogin saß . Doch diese sah die fallenden Thränen nicht , die sie zu verbergen strebte , sondern ganz Mutter , schaute sie besorgt ihrem Liebling ins Angesicht und prüfte mit ihrer Hand ängstlich die kalte Stirn . In Wahrheit , Du bist krank , ich selbst habe , glaub ' ich , übersehen , daß wir vielleicht zu lange hier verweilten . Laß uns zurückkehren nach Godwie-Castle . Seine hohe gesunde Lage wird Dich am besten wieder herstellen , auch sind wir dort London um so viel näher , und leicht läßt sich jetzt dort ein Kreis versammeln , der Dir Zerstreuung und Erholung giebt . - O , sorgt nicht um meinetwillen , theure Mutter , rief Richmond , nicht diese Luft ist ' s , die mein Herz so preßt , und keine andere Luft lindert dies Weh . Glaubt und vertraut mir nur , aus mir selbst muß ich mich erheben , und ich werde es ! Doch Eurem Plan , nach Godwie-Castle zu gehn , widerspreche ich nicht . Wir sind dort London näher , das sage ich auch , und dort muß unser aller Schicksal sich jetzt lösen . - So gieb denn Befehl zu unserm Empfange dort ! sprach die Herzogin , noch immer ganz von Besorgniß eingenommen . Alle hatten sich erhoben , Richmond wollte gehen . Maria stand vor dem Augenblick , der sie auf immer von ihm trennen sollte . Kaum trugen sie noch ihre wankenden Füße , und sie hielt sich an dem Lehnstuhle der Herzogin , welche , an einen Tisch getreten , noch einige Papiere für den Sohn zurecht legte . Richmond betrachtete Maria , er sah ihre Erschütterung und trat ihr näher . Und wird Lady Maria noch länger ihren besten Freunden das bisherige Recht zugestehn , sie mit sich zu führen ? Darf ich ihre Zimmer in Godwie-Castle bereit halten lassen ? - Maria versuchte umsonst zu antworten . Nach einigen vergeblichen Bemühungen , die bebenden Lippen zu öffnen , schüttelte sie leise das Haupt . Ihr wollt uns nicht folgen , fuhr er nun bewegter fort ; Ihr verschmäht die Herzen , die Euch so innig ergeben sind , die Ihr durch Eure Nähe habt vergessen lassen , daß ohne Euch zu leben möglich sei ? Es ist Euch Niemand etwas unter uns , Niemand darf sich des Glückes rühmen , Euch so nöthig zu sein , wie Ihr es uns geworden . Ihr seid so gut , so großmüthig ; aber gefühlvoll wenigstens nicht . - Er schwieg ; seine Stimme bebte zu heftig und Maria vergingen bei dieser nie gehörten Sprache fast die Sinne . Wie mit einem Siegel waren ihre Lippen verschlossen , und nur die Angst dieses Verstummens hielt sie aufrecht . Sie drückte die Hand endlich auf ihr Herz und hob die Augen zu ihm auf , die das ganze Geheimniß ihres Herzens trugen . Ich verstehe nicht , sagte die Herzogin und wandte sich , wollt Ihr nicht mit nach Godwie-Castle , Lady Maria ? Ich habe keinen freien Willen , erwiederte jetzt Maria mit dem Ausdrucke der Ergebung . Gewiß ! sagte die Herzogin , welche Kleinmüthigkeit ! Was ist Euch ? Womit haben wir es versehen , und worin haben wir Euch Zwang aufgelegt ? Bestimmt ganz nach Gefallen , ob Ihr uns begleiten oder später mit meiner Schwiegermutter folgen wollt ? - Ich empfinde tief Eure Güte und habe Euch nur aus voller Seele zu danken für die unendliche Großmuth , die Ihr mir unablässig beweist . Seid sicher , daß ich nirgends lieber bin , als wo Ihr seid , daß es die süßeste Empfindung meines Herzens wäre , Euch zu dienen , um nur Eure Nähe nicht zu entbehren . - Die Herzogin fühlte sich geschmeichelt , vor ihrem Sohne der Gegenstand von so vieler Liebe zu sein , und ungewöhnlich freundlich zog sie Maria zu sich und küßte ihre Stirn . Ihr seid ein liebes gefühlvolles Kind , sprach sie dabei , ich lege gleichfalls Werth auf Euern Umgang und sehe es gern , wenn Ihr mit uns geht . Maria ' s Herz unterlag hier . Sie sank vor ihr nieder , und ihre Hände ergreifend , rief sie flehend : O , in dieser glücklichen Stunde gebt mir Euern Segen , daß er auf meinem Haupte unwiderruflich ruhen möge ! Was auch mein dunkles Schicksal über mich verhängen möge , widerruft ihn nie ! Dann werde ich hoffen , daß ein guter Engel mir zur Seite bleibe . - Ihre Augen vergossen Thränen , und sie hatte etwas so unwiderstehlich Dringendes , daß die Herzogin ohne Widerstand die Hände auf ihr Haupt legte . Gott segne Euch , liebes Kind ! sprach sie dabei mit sichtlicher Ueberraschung . Aber laßt das , steht auf und seid nicht so heftig ! Ihr seid ohne Ursache so feierlich , als ob uns das jüngste Gericht bevorstände ; wir sollen stets über unsere Gefühle strenge Disziplin halten , gar leicht werden wir sonst bei geringen Veranlassungen davon überrascht . Maria stand auf und trocknete ihre Augen , sie fühlte die Ruhe des Todes . Mit dieser letzten Erschütterung schien ihre Seele ausgekämpft zu haben ; sie kam sich wie eine Sterbende diesen geliebten Menschen gegenüber vor ; sie konnte keinen Schatten von Hoffnung haben , je wieder mit ihnen vereint zu werden ; ihre Trennung schien ihr vollständig und unwiderruflich , wie durch den Tod . Aber dieses Ueberdenken ihres traurigen Geschicks gab ihr für den nächsten Augenblick alle Fassung wieder . Sie blickte auf zu Richmond , als er sich jetzt entfernte , und begleitete ihn mit ihren Augen , bis er in der Thür verschwand . Ich habe ihn zuletzt gesehn , sagte sie dann zu ihrem getödteten Herzen . Sie blieb , bis die alte Herzogin erschien , um ihre Schwiegertochter zur Abendgesellschaft abzurufen . Beide waren von Maria ' s Blässe überrascht und gönnten ihr , sich auf ihr Zimmer zurückzuziehn . Still küßte diese Beiden zum letzten Mal die Hand und ging dann langsam an der Versammlungshalle vorüber , aus der eine Heiterkeit schallte , die für sie nicht mehr vorhanden war . Als sie in ihr Zimmer trat , verabschiedete sie die gute getreue Errol und blieb dann allein , sich zu ihrem großen Unternehmen vorzubereiten . Sie hatte nur wenig Anordnung zu treffen ; alle gingen darauf hin , sie so unabhängig , wie möglich , von Membrocke zu machen . Sie legte ihre Juwelen und eine bedeutende Summe Geldes , die ihr aus den Wechseln ihres Taschenbuches mitgetheilt war , nebst einem zweiten vollständigen Anzug zusammen , kleidete sich selbst in ein festes Reisekleid und harrte dann , bis die Glocken des Schloßthurmes Neun schlugen . Dann stand sie auf und warf sich vor dem Betpult nieder , an dem sie nie wieder knien sollte ; aber fern von ihr war jede Erweichung . Ihre Züge schienen von Marmor , hoher Ernst ruhte auf ihrer Stirn , und die Freiheit der Seele , die aus einer klaren und unabänderlichen Anschauung des Pfades , den uns die Pflicht führt , entsteht , selbst wenn wir ihn mit Gefahren umstellt erblicken , diese ward ihr zu Theil und ließ sie erkennen , daß nach der Trennung von den ihr so theuren Menschen nichts mehr der Rührung werth sei . Sie flehte Gott um Schutz an : Meine Seele behüte und nimm sie in Deine Obhut ; gieb mir Kraft , daß ich zu Deiner Ehre vollende , was mir obliegt . Herr , Dein Wille geschehe ! Nach diesem kurzen Gebet stand sie auf , hüllte um Kopf und Schultern ihren weiten Mantel , ergriff ihr kleines zusammen gepacktes Eigenthum und eilte aus ihren Zimmern . Sie wußte die Gesellschaft noch beisammen und mußte jeden Augenblick ihr Auseinandergehen erwarten ; aber sie war fest entschlossen , es mit furchtloser Gleichgültigkeit zu wagen . Als sie , um die Gesellschaftshalle zu vermeiden , an welcher vorüber sie den Park auf kürzerem Wege erreichen konnte , durch die Gallerie ging , in der sie am Morgen die entscheidensten Augenblicke ihres Lebens durchkämpft hatte , dachte sie noch ein Mal mit tiefer Wehmuth an Ormond , und als sie an die Stelle gekommen , wo sie die Ergießungen seines edlen Herzens empfangen , blieb sie einen Augenblick gefesselt stehen . Da hörte sie vom Park her deutlich nahende Schritte und bald mehrere Stimmen . Ihre Lage ward schrecklich , den Nahenden wurden Windlichter vorgetragen , und der Fensterbogen , in den sie treten konnte , war so groß und vom Monde erleuchtet , daß ihre schwarze Gestalt bei dem flüchtigen Blicke erkannt werden mußte . Wie durfte sie aber an diesem Aufblick nach diesem Fensterbogen zweifeln , da sie unter mehreren Stimmen die des Lord Ormond erkannte , bei dem sie dasselbe Andenken an diesen Platz voraussetzen mußte . Doch blieb ihr keine Wahl , als dem Zufall zu vertrauen , und da die Nahenden sie jetzt erreicht hatten , drückte sie sich fest verhüllt in die Ecke des Fensters , mit starrer Erwartung des nächsten Augenblicks . Die Herren hatten den morgenden Jagdzug geordnet und sprachen von ihren Pferden . Richmond ging mit einem der Herren voran , und als er rasch an dem Fenster vorüber streifte , sprach er : Nein , Sir Francis , wählet , welches von meinen Pferden Euch ansteht , dies Pferd gehört Lady Melville , und ich hoffe , sie wird uns begleiten . Indem strich Ormond vorüber , aber das Haupt auf die Brust gesenkt , schien die Erinnerung des hier Erlebten viel zu mächtig in ihm zu sein , um noch Sinn für ein äußeres Zeichen zu haben . - Sie waren vorüber , nur einzelne Streifen Licht glitten noch über den Boden hin . Maria entfloh nun , so schnell sie vermochte , ihrer Haft . Die dunkeln Schatten des Parks waren erreicht . Sie näherte sich dem verabredeten Platze und hörte bald die leisen , im welken Laube rauschenden Schritte ihres Gefährten . Ein unbeschreibliches Entsetzen erschütterte sie , als er vor sie hintrat , sie zu begrüßen . Seid Ihr bereit , Mylord ? So eilt denn und führt mich den dornigen Pfad der Pflicht , und denkt , daß , wie ich hülflos auch scheinen möge , doch über mir Gott im Himmel wacht , wie über Euch er einst richten wird . Eure Hülflosigkeit , theure Lady , ist eine eingebildete ; im Gegentheil wird dies der erste Schritt zu der ausgezeichneten Stellung sein , wozu Euch Eure Geburt berechtigt . Der mächtige Buckingham und Euer edler Oheim werden siegreich hervorgehn aus allen ihnen von dieser stolzen Familie bereiteten Bedrängnissen , daran zweifelt nicht ! O schweigt , ich bitte Euch , von Triumphen , die mit dem Unglück meiner Wohlthäter erkauft sind ! Wie könnt Ihr , ein Verwandter dieser edeln Familie , an ihr Unglück mit Gleichgültigkeit denken , da ich es selbst nicht vermag , selbst um den Preis nicht , den theuern Oheim gerettet zu sehn . In Wahrheit , ich hätte nicht Vorwürfe erwartet , rief Membrocke , daß ich Eurem Interesse lebhafter zugethan bin , als dem meinigen ; aber ich sehe ein , daß Lady Melville für alle Bewohner der Erde mehr Großmuth und Gerechtigkeit hat , als für mich selbst . Es ist jetzt nicht der Augenblick , einen Wortstreit zu führen , erwiederte Maria ernst , und ich bin nicht in der Stimmung , mir eine richtige Erwägung der Zukunft zuzutrauen . Man findet für gut , sie in ein Dunkel zu hüllen , welches mich zu sehr der Willkür eines Einzelnen hingiebt , um mich ihm nicht schärfer beurtheilend gegenüber zu stellen , als unter gesicherten Verhältnissen der Fall sein würde . Ich will Euch meine Dankbarkeit aufheben , und sie soll nicht gering sein , wenn Ihr mich meinem natürlichen Schutze übergeben haben werdet . Laßt uns jetzt unsere Reise beeilen . In einer kleinen Schlucht , die sie jetzt mit schnellen Schritten erreichten , fanden sie die Pferde und zwei gleichfalls berittene Diener . Schnell und sicher hob . sich Lady Maria in den Sattel , und die Kappe ihres Mantels tief über ihr Gesicht ziehend , überließ sie den Zügel Lord Membrocke , welcher ihr zur Seite ritt , während ein Diener den Zug anführte und der andere ihn beschloß . So blieb Maria stumm in sich selbst verloren , nur des Einen sich bewußt , daß ein neues Leben für sie angegangen war , und daß ihre Jugend von nun an abgeschlossen hinter ihr lag . Als der Tag anbrach , befanden sie sich bei einer einsam liegenden Meierei , wo Lord Membrocke eine Sänfte für Maria bestellt hatte und sie nöthigte , einige Erfrischungen zu sich zu nehmen . Noch war es ihm nicht gelungen , sie in ein Gespräch zu ziehen , eben so wenig sagte ihm ihre ganze Haltung zu . Ruhig und gemäßigt waren ihre Antworten ; sie ließen eben so wenig Vertraulichkeit , als Vorwürfe zu und hielten ihn beständig in der begrenzten Zurückhaltung eines Begleiters . Die feuchte Nacht , die Kälte des Morgens und der angestrengte Ritt hatten indessen Maria eine kleine Erholung nöthig gemacht , und sie sah die Ankunft einer Sänfte nicht ungern , da sie ihr noch mehr Abgeschiedenheit zu sichern schien und ihrer großen Ermüdung zu Hülfe kam . Sie benutzte die Gelegenheit , dem Lord ihren Dank für seine sorgfältigen Reiseanstalten auszudrücken , da sie sich selbst zu einer milderen Stimmung für ihn zu bewegen wünschte . Lord Membrocke war entzückt über diese sanfteren Worte , wie er sie noch nie aus ihrem Munde gehört , und leichtsinnig und thöricht glaubte er sich jetzt den Hoffnungen auf ihre Gunst überlassen zu können . Er verdoppelte seine Bemühungen , welche der traurige Zustand der Meierei wenig begünstigte . Zwar brannte ein hohes Torffeuer in dem weiten Kamine , der den Hausgenossen zugleich als Heerd diente , aber der Rauch schien keinen andern Weg zu kennen , als durch die morschen Fenster und Thüren der großen Halle selbst . Ein Haufen ärmlich gekleideter Kinder , ihre düster blickende Mutter und einige sehr wild aussehende Männer theilten diesen Raum mit den Reisenden und schienen in der Ueberzeugung , so vornehmen Leuten nichts zu ihrer Erquickung bieten zu können , auch gänzlich gleichgültig gegen ihre Erscheinung zu sein . Membrocke ließ indessen Alles herbeischaffen , was seine Reiseküche vermochte , er bereitete selbst Maria ' s Sitz am Heerde und trocknete mit Sorgfalt ihren feuchten Mantel . Er durfte ihr aber keine lange Rast gönnen , und Maria fürchtete selbst eine Unterbrechung ihrer Reise zu sehr , um nicht sogleich bereit zu sein . Sie bestieg nun ihre Sänfte , und Membrocke setzte sich an die Spitze des Zuges , welcher mit doppelter Eile vorwärts ging , und noch um zwei Diener vermehrt war . Es war Maria aber nicht vergönnt , zu größerer Ruhe zu gelangen . Sie fühlte ein ungemein heftiges Brennen ihres Kopfes und ein so ängstliches Klopfen des Herzens , daß ihr Athem zu stocken begann . Die Ruhe ihres Geistes verwandelte sich in eine qualvolle Erregung von Angst und Furcht . Sie bebte bei jedem Geräusch zusammen und wünschte zuletzt nur noch , das neue ungekannte Uebel möchte sie erreichen , da sie das Härteste besser ertragen zu können glaubte , als diese Furcht , für die sie keinen Namen hatte . Es machte ihr daher keinen stärkeren Eindruck , als sie um die Mitte des Tages den nachfolgenden Diener herbei