badenschen Grund- und Erwerbspapiere geworfen , und da ihm um diese Zeit einige feurig aufmunternde Briefe ehemaliger Ordens- und Gesinnungsbrüder zukamen , des Inhalts , daß er aus der Untätigkeit hervortreten möchte , da Medon auch , ohne zuzureden , seinen Entschluß für gefaßt annahm , so war eines Morgens in einer leeren unmutigen Stunde die bindende Unterschrift unter dem ihm vorgelegten Dokumente geleistet und letzteres zur Post gefördert . Er saß nachdenklich , die Feder noch in der Hand , und überlegte den wichtigen Schritt , welchen er soeben getan , als Medon eintrat . Dieser umarmte ihn , da er das Geschehene vernommen , und rief : » So sehe ich Sie doch endlich in der rechten Straße , und dem zwecklosen Umherstreifen enthoben ! « » Es ist sehr zu wünschen , daß dem so sei « , versetzte Hermann . » Denn mein väterliches Vermögen reicht kaum zu , den Kaufpreis des Guts zu decken , und ob ich bei der Bewirtschaftung desselben sonderliche Geschäfte machen werde , steht dahin , weil ich in diesen Dingen noch völlig unwissend bin . « Wie groß war sein Schreck , als er die Verfassungsurkunde jenes Landes nachsah , was er bis jetzt unterlassen hatte , und bemerkte , daß er das wahlfähige Alter noch gar nicht erreicht habe ! Er konnte sich nicht enthalten , Medon einige Vorwürfe darüber zu machen , daß er von ihm auf diesen Umstand nicht aufmerksam gemacht worden sei . Medon lehnte dieselben jedoch ganz sanft mit der Bemerkung ab , daß er ja nicht verordnet gewesen sei , seine Jahre zu zählen , und daß er ihn nach der Reife seines Urteils und nach seinem äußeren Ansehen schließend , für älter gehalten habe . » Übrigens ist noch nichts verloren « , fügte er hinzu . » Sie sind nur als Bürgerlicher zu jung ; wenn Sie geadelt werden , besitzen Sie die erforderliche Weisheit . Wir wollen also auch diese Metamorphose versuchen , und ich werde Ihnen dazu die Mittel und Wege angeben . « Diese neue Aussicht , für deren Verwirklichung gleich allerhand geschah , vermehrte die Unruhe , welche das Wesen unsres Freundes aufregte , seitdem er in den Zauberkreis der großen Stadt getreten war . Nicht leicht ging ein Tag hin , an welchem nicht das , was ihm festzustehen schien , von andern bezweifelt , und häufig auch widerlegt worden wäre . Die Stadt war gewissermaßen eine Freistätte aller Gedanken und Meinungen , und wenn diese selbst friedlich nebeneinanderher gingen , so hatte der Anblick so vieler unvermittelter Gegensätze für den dritten Beschauer auf die Länge etwas Seelenzerstörendes . Um nur ein Beispiel anzuführen : Er hatte geglaubt , durch die Gespräche in Medons Hause über die Lage des Staats , und über das , was dessen vorzüglichste Männer hauptsächlich beschäftige , ziemlich in das Klare gesetzt worden zu sein . Wie erstaunte er , da er an einem andern Orte zufälliger Zeuge einer Unterredung wurde , aus welcher er abnahm , daß die Frage über das Verhältnis der neuen Provinzen von den eigentlichen Lenkern nur als eine untergeordnete betrachtet wurde , daß man sich vielmehr im höchsten Rate mit Dingen beschäftige , welche , weitgreifender Art , über ganz Deutschland ihre Folgen zu verbreiten bestimmt waren ! Diese ganze Welt , in welcher er sich seit einigen Monaten bewegte , kam ihm so doppeldeutig und unsicher , und trotz alles scheinbaren Lebens so tot vor , daß ihm oft übel zumute ward . Was ihn vor allem unangenehm berührte , war der Mangel jeglicher Poesie , der ihm bald anschaulich wurde . Zwar arbeitete der junge Dichter rastlos an seinen Bildern aus der Kunstgeschichte fort , und hatte für den nach Weimar mitgeteilten florentinischen Zeitraum von dort ein aufmunterndes Schreiben empfangen , » in so löblichen Bestrebungen treufleißig fortzufahren « , zwar bestanden einige literarische Gesellschaften ; aber Hermann wollte durch alles , was er hier hörte und sah , wenig erbaut werden . Was einem Fremden , wie er war , bald kein Geheimnis blieb : Es hielt niemand etwas von dem andern , und wenn sie sich auch gegenseitig besangen , so lachten sie sich im stillen doch nur untereinander aus . Vom Theater zu reden , ward beinahe für unanständig gehalten , es stand in einer Art von Verruf , warum ? ließ sich auch nicht wohl begreifen ; es war um nichts schlimmer , als manches andre , was in hohen Ehren gehalten wurde . So zwischen Staatskunst , Gelehrsamkeit und dem Enthusiasmus für Malerei eingeklemmt , fühlte Hermann recht deutlich , daß ihm nur wohl werden könne , wo der frische Glaube an die fortzeugende Kraft der Dichtung wehe . Hier aber ward alles Neue mehr oder minder höflich verneint , man hatte sich und sein ästhetisches Gewissen in der schwärmerischen Verehrung des alternden großen Autors abgefunden . Es ließ sich aber erkennen , daß mindestens ein Teil der Verehrer ihn auf gut Nicolaitisch wiederum gekreuzigt haben würde , wenn er unter ihnen neu mit dem » Werther « aufgetreten wäre . Die Tage waren kurz geworden . An einem Abende , an dem es draußen recht unheimlich stürmte , besuchte er Johannen . Er hatte gewünscht , sie allein zu finden , und es ward ihm so wohl . Sie saß in einem kleinen Zimmerchen , und hatte Briefe , getrocknete Blumen , Schattenrisse vor sich auf dem Tische ausgebreitet . An den Wänden dieses Zimmerchens hingen viele kleine Bildnisse , Freunde und Freundinnen einer glücklicheren Zeit . Ihre Augen waren verweint , sie schien matt und abgespannt zu sein . » So kommen Sie doch noch « , rief sie ihm sanft und freundlich entgegen , » das ist schön ! Der Abend ward mir unter meinen lieben Schatten hier gar zu schwer , ich kam mir selbst schon ganz vergangen vor , und meinte , zum zweiten Male zu leben . Wie es draußen stürmt , und hier die kleine friedliche Lampe ! So wütet es überall feindlich um das stille liebliche Feuer , was hin und wieder die Mächte des Himmels entzünden ! « » Was hat Sie betrübt , Johanna ? « fragte Hermann , und setzte sich teilnehmend zu ihr . » Nichts und alles ! « versetzte sie . » Mein Herz ist eben zum Überlaufen voll , und da genügt ein Tröpfchen zum Ergusse . Wir hatten zu Mittag Gesellschaft und die trostlosen Gespräche begannen wieder , welche mir schon oft den Busen zerspaltet haben . Die armen , törichten Menschen ! Auf den Knien sollten sie Gott danken , daß er doch hin und wieder einen warmen Frühlingsatem über die Erde streifen läßt , unter welchem das kleinste Gräschen sich aufrichtet , und selbst verdorrte Keime neu zu sprießen beginnen . « » Ich weiß , was Sie meinen « , sagte Hermann . » Auch mich hat es schon oft verdrossen , daß man hier fast geflissentlich bemüht ist , der Erinnrungen an eine große Zeit sich zu entschlagen ! Und doch , was steht ihr gleich , was kann das gegenwärtige Geschlecht ihr Ähnliches hoffen ? « » Sie war die hohe Brautwoche , der süße Honigmonat meines Lebens ! « rief Johanna und ihre Augen glänzten . » Ich war zwanzig Jahre alt , auf meines Vaters Schlosse erwachsen , der , wie ihn die Leute auch beschelten mögen , mir ein guter Vater war , und mich aufstreben ließ , frei und ungezwängt , gleich den Tannen in unserm Park . An seiner Seite zu Pferde , oder im leichten Jagdwagen , wenn der Hirsch verfolgt wurde , war es mir oft , als müßten Flügel mir an beiden Schultern wachsen , so leicht und rein rollte in mir das mutige Leben ! Daheim horchte ich den Erzählungen der Reisenden und klugen Männer , welche meinen Vater besuchten , und von fremden Ländern und Menschen sprachen , oder ich las Geschichte mit meiner alten , würdigen Erzieherin . Denn , Dank sei es denen , welche über mein Geschick geboten ; nichts Gemeines und Eitles durfte mich berühren , und ich erinnre mich noch , daß in meinem Zimmer der Spiegel fehlte . Welt und Vorzeit umgaben mich wie ein schönes , sinnvolles Märchen , in dessen Mitte ich , allen Helden und Weisen vertraulich nahe , liebe Tage hinspann . Nun erschien jener große Winter mit seinen Eis-und Leichenfeldern , mit seinem Stadt- und Herzensbrande ! Meines Vaters Entschluß war sogleich gefaßt , als die ersten Zuckungen des wieder erwachenden Lebens sich verspüren ließen . Obgleich , nach der Sitte seiner Jugend , gern die fremde Sprache redend , war er ein deutscher Mann und Edelmann geblieben ; sein Herz hatte bei dem Jammer des Vaterlandes oft geblutet . Wir zogen , damit er tätiger eingreifen könnte , auf eine Zeitlang nach der großen Stadt , welche der Herd des heiligen Feuers war . Was schwatze ich Ihnen vor ? Sie waren ja selbst dabei , haben selbst die Waffen getragen . Welche Tage ! Welche Gefühle ! Nun waren Rom und Griechenland und die Ritterzeit kein Märchen mehr für mich , alles Größte strahlte wiedergeboren im grünen , frischen Lichte , mich an . Mein Mädchenherz wollte mir oft die Brust zersprengen , wenn ich bis Mitternacht , ja bis an den frühen Morgen die Binden zuschnitt , welche das Blut der Wunden hemmen sollten . Ich weinte , daß mein Vater reich war , daß ich nicht auch mich genötigt sah , mein Haupthaar auf dem Altare der allgemeinen Begeisterung zu opfern . Nie , nie kann ich das vergessen , und wenn die ganze Welt umher in Zweifel und Klügelei starr wird , so soll der Busen einer armen Frau wenigstens ewig das Fest der Erinnerung feiern ! « Sie war aufgestanden und ging mit großen Schritten durch das Zimmer . Ihre Züge hatten sich verklärt , sie glich einer Priesterin , einer Velleda . Nach einer Pause , während welcher ihr Antlitz vom herrlichsten Angedenken wie durchsichtig zu werden schien , stand sie still und rief : » Ja , wenn es eine Liebe je auf Erden gegeben hat , so habe ich geliebt ! Und o des Glücks ! Die zärtlichste Empfindung war nur eins mit der heiligsten und größten ! Im Waffenschmuck trat er mir entgegen , dem Kampfe sich entgegensehnend , in den er nach wenigen Wochen zog . Mild war er und edeln Zornes zugleich voll , nie hat ein reineres tugendhafteres Herz unter dem Rocke des Kriegers geklopft . Er war wie ein Verschlagner von einer fernen seligen Insel unter uns andern . Die Augen pflegte er zu senken , als erliege seine Seele unter ihrer eignen Größe . Stumm war unsre Liebe und ohne Erklärung . Nur , als ich ihm beim Abschiede die Feldbinde reichte , verstanden sich unsre Blicke . Er zog dahin , und ich sah ihn nicht wieder . Er trug , wie alle jugendliche Frühlingsherzen , die Todesahnung im Busen . Sein einziger Wunsch war , in deutscher Erde zu ruhn , er schauderte vor dem Gedanken , fern unter den Fußtritten des feindlichen Volkes vermodern zu müssen . Das Schicksal ist oft grausam , es kann uns nicht allein das Leben , wie wir es wünschen , sondern auch den Tod , wie wir ihn zu sterben würdig gewesen wären , versagen . Nicht in einer der großen herrlichen Befreiungsschlachten fiel mein Freund , nein , vereinzelt , seiner Schar nachgeblieben , wurde er von umherstreifendem Gesindel auf dem fremden Boden erschlagen . Ich erfuhr seinen Tod , noch ehe die Nachricht davon zu mir gelangte . In der Nacht aus tiefem Schlummer ohne vorhergegangnen Traum emporschreckend , sah ich das blutige Haupt des Ermordeten am Fuße meines Lagers aufsteigen , und alsobald auch wieder verschwinden . Augenblicklich wußte ich um meinen ungeheuren Verlust , aber zugleich durchdrang mein Herz ein unvergänglicher Trost , der es so ganz erfüllte , daß ich mich kaum erinnere , damals geweint oder sonst getrauert zu haben . Nur jetzt , nach manchem Jahre fließen meine Tränen zuweilen . Als die Ruhe hergestellt war , beschäftigte uns alle , die wir ihn geliebt hatten , sein Wunsch . Ein treuer Gefährte seiner Tage machte sich endlich in der Stille auf , scheute nicht Mühe noch Gefahr unter dem noch immer schmerzlich empörten Volke , fand die Grube , in welcher man den Körper verscharrt hatte , kaufte die teuren Reste los , und brachte sie in die Heimat . « Sie näherte sich einer schmalen , länglichen Kiste , welche in der Ecke des Gemachs stand , öffnete sie und warf sich mit Lauten des tiefsten Schmerzes über sie . Hermann trat hinzu und fuhr zurück ; ein menschliches Gerippe starrte ihm aus der Kiste entgegen . » Warum erschrickst du ? Was macht dich zu fürchten ? « rief sie . » Dies ist mein lieber , mein einziger Freund , den ich nun wiederhabe , und nicht von mir lasse . Betrachte den holdseligen Mund , die guten , schönen Augen , die denkende Stirne ! Nun ruht er , umweht vom Hauche der Liebe , nun ist ihm wohl ! « » Teure , warum gaben Sie der Erde nicht wieder , was der Erde gehört ? « fragte Hermann , als er sich einigermaßen von seinem Erstaunen erholt hatte . Sie versetzte nichts . Mit den zärtlichsten Namen rief sie den geschiednen Freund , schmeichelnd strich sie über den kahlen Schädel , ihre Lippen küßten die leeren Augenhöhlen . Dazwischen führte sie Reden , deren Sinn und Bedeutung Hermann nicht verstand . Sie sprach von dem Vampir , der , auferstandne Leiche , umhergehe und den Lebenden das Blut aussauge , und beschwor die Gebeine des Toten , sie wie bisher , so auch ferner vor dem Schrecknis zu schützen . Achtes Kapitel Es schien , als seien die nächsten Tage bestimmt , unsres Freundes Herz , welches schon in kalten , seltsamen Umgebungen zu frieren begann , wieder von neuem auszuwärmen . Johannas Not regte mächtig sein Gefühl auf , und kurz nach jenem Abende sollte er auch einen alten Freund wiedersehn . Er war in Madame Meyers Gesellschaft gewesen . Als geborner Hansestädter an reichliche Mahlzeiten gewöhnt , empfand er nach den dort landüblicherweise genossenen dünnen Butterschnittchen immer noch einen lebhaften Appetit , den er nun in einer Restauration stillen wollte . Aber obgleich es erst eilf Uhr war , so herrschte in diesem Teile der Stadt doch schon eine Totenstille , die Fenster waren dunkel , die Läden geschlossen und nur die Laternen warfen ihr mattes Licht über die menschenleeren Straßen . Er kam endlich in die Nähe eines Gasthofs , vor dessen Türe sich jemand in ähnlicher Not befand , wie er . Ein Reisender suchte mit Rufen , Schelten und Klopfen vergebens Einlaß durch die bereits fest verschloßne Pforte zu gewinnen . Das Geräusch zog Hermann mechanisch näher , und er erkannte mit freudigem Schreck die Stimme seines Freundes Wilhelmi . Dessen Freude war nicht geringer , beide begrüßten einander auf das herzlichste . Nachdem sie durch vereinte Bemühungen die Öffnung des Wirtshauses erwirkt hatten , Wilhelmis Wagen und Gepäck untergebracht worden war , blieben sie noch einen Teil der Nacht in traulichen Gesprächen beisammen . Hermanns erste Frage war , was Wilhelmi so unerwartet herführe ? worauf jener ihm erwiderte , daß sein Verhältnis zum herzoglichen Hause gelöset sei , und daß er komme , um seine Sammlung dem großen Museum zu verkaufen . Man habe ihm die bestimmte Hoffnung gemacht , ihm als Preis eine feste Anstellung bei jenem Institute zu geben . Hermann wußte , wie leicht man es mit solchen Versprechungen des Orts nehme , und erschrak über den unbedachten Entschluß des Freundes . Er hütete sich indessen , seine Befürchtungen ihm mitzuteilen , um Wilhelmis Hypochondrie nicht rege zu machen . Wahrhaft schmerzlich war ihm aber die Lösung der Bande , welche er in Achtung , Liebe und Bedürfnis fest gegründet erachtet hatte . Auch der Arzt , so hörte er von Wilhelmi , sinne darauf , dem Schlosse Lebewohl zu sagen . Am befremdlichsten klang , was er über die Herzogin vernahm . Sie sei , erzählte Wilhelmi , nach Hermanns Abreise in eine düstre Melancholie verfallen , welche sich durch einen sonderbaren Widerwillen gegen die Gesellschaft ihres Gemahls ausgezeichnet habe . In dieser Stimmung habe sich der Geistliche ihrer bemächtigt , mit welchem sie nun den größten Teil ihrer Zeit in Andachtsübungen , die zuweilen selbst in Kasteiungen ausarten sollten , verbringe . Der Herzog sei über diesen Zustand um so bekümmerter , als ihm grade jetzt der vom Kaufmann nun mit vollem Eifer betriebne Prozeß viel zu schaffen mache . Alles dieses konnte Hermann wenig erfreun . Es tat ihm wehe , daß ein so treuer gefühlvoller Mann , wie Wilhelmi , sich seinen Gönnern in einem solchen Augenblicke hatte entziehen können . » Ich will mich nicht rechtfertigen « , sagte dieser , als Hermann nach einigen Tagen eine leise Andeutung seiner Empfindung blicken ließ . » Es gibt Dinge und Worte , die mit magischer Kraft das Gemüt unwiderstehlich nach sich reißen , und so muß ich dir gestehn , daß ich , in abgelegnen Winkelverhältnissen hingehalten , nicht zu widerstehn vermochte , als mir die Aussicht erschien , mich dem Öffentlichen angereiht zu sehn . Wie einst das Heilige Grab und späterhin die Neue Welt jeden strebenden Geist siegreich lockte , so ist es jetzt mit dem Staate . Nur das , was an ihn sich lehnt , nur das , was von ihm erkannt wird , hat Glauben an sich selbst , die Zeit der Privatdienstbarkeit ist durchaus vorüber . « » Du sprichst da etwas aus , welches mir schon lange das Herz beschwert hat « , versetzte Hermann . » Wenn ich die Dokumente jener verspotteten empfindsamen Zeiten betrachte , so muß ich sagen , daß diese schwärmerischen Freundschaften auf Leben und Tod , diese leidenschaftlich-platonischen Liebesverhältnisse , diese begnügten Familienglückseligkeiten , wie sie damals gang und gäbe waren , jetzt fast aufgehört haben . Das Gemüt hat die Fähigkeit verloren , sich in so traulicher Enge zu regen , alle Kräfte und Sinne der Menschen streben weiteren und höheren Zwecken zu . Das wäre nun recht schön , wenn wir nur schon ein Vaterland , oder große öffentliche Einrichtungen hätten . Aber alle diese erhabnen Tröstungen zeigen sich bei näherer Betrachtung denn doch meistens als Schein , höchstens als ziemlich schwache Versuche . Und so darbt unser Herz über den Mangel eines Freundes , einer Geliebten , eines Hauses sich zu Tode , und wenn es sich auf einem andern Altare opfern möchte , so fehlt eben dieser . Wahrlich , es ließe sich ein Werther des neunzehnten Jahrhunderts schreiben , der an diesem Doppel- und Nichtzustande verginge , und dessen Klagen auch rührend und beweglich ertönen würden . « » Ja , wir leben in einer Übergangsperiode « , sagte Wilhelmi . » Das ist ein trivial gewordnes Wort , welches alle Schulknaben jetzt nachplappern . Schwieriger ist es , die ganze Bedeutung desselben zu fühlen , sympathetisch mitzuempfinden , wie viele Menschen an einem solchen Übergange zugrunde gehn . Wohl befinden sich in der Gegenwart eigentlich nur die oberflächlichen Naturen , welche von Schatten und Klängen genährt werden , während jede tiefer gehöhlte Brust ein heimliches Verzagen erfüllt . Auf alle Weise sucht man sich zu helfen , man wechselt die Religion , oder ergibt sich dem Pietismus , kurz , die innere Unruhe will Halt und Bestand gewinnen , und löst in diesem leidenschaftlichen Streben gemeiniglich noch die letzten Stützen vom Boden . « » Wunderbare Gedanken und Träume beherrschen die Menschen « , sagte Hermann . » Trotz alles Redens von der praktischen Richtung des Zeitalters laufen die Vorstellungen und Dinge weit auseinander , und der Wahn hat eine furchtbare Macht gewonnen . Es ließe sich der Fall denken , daß jemand unter der Last eines eingebildeten Schicksals sein Leben hinkeuchte , und stürbe , ohne das Antlitz der Wahrheit geschaut zu haben . « » Wiederum aber sind auch die außerordentlichsten Glücksfälle gedenkbar « , versetzte Wilhelmi . » Eigentum und Besitz haben ihre schwere , tellurische Natur aufgegeben , sie streichen , gasartig verflüchtigt , durch die Lüfte , und niemand von uns weiß , ob nicht auch er in den Bereich eines solchen ziehenden Schwadens kommen werde . Kurz , Freund , es kann an deiner , und es kann an meiner Stirn mit unsichtbarer Schrift das Wort : Millionär , geschrieben stehn , so wenig Anschein die Sache auch jetzt für sich haben mag . « » Nein , in der Tat , danach sieht es bei mir nicht aus « , sagte Hermann lächelnd . » Ich will nur froh sein , wenn ich aus meinem badenschen Ankaufe mit einem blauen Auge davonkomme . Übrigens wüßte ich auch nicht , was ich mit vielem Gut und Gelde beginnen sollte , es hat wenig Reiz für mich . « » Um so geschickter bist du vielleicht , Vermögen zu bewahren « , antwortete Wilhelmi . » Oft kommt mir alles Eigentum wie ein Depositum vor , welches bei uns für ein nachkommendes glücklicheres Geschlecht hinterlegt worden wäre , welches wir treulich den Enkeln aufzuheben , aber selbst nicht zu genießen hätten . « Neuntes Kapitel Hermann führte den Freund in seinem Kreise umher , an welchem Wilhelmi aber viel auszusetzen fand . Mit Johannen gelang es noch am besten ; nachdem eine leichte Verlegenheit von beiden Seiten überwunden war , kam ein erträglicher Umgang zustande , obgleich beide in ihrer Gereiztheit wenige Berührungspunkte füreinander hatten . Dagegen nannte er Medon geradezu den Jugendverführer , ohne sich über den Sinn dieses Ausdrucks näher zu erklären . Auch die übrigen Persönlichkeiten , Einrichtungen und Anstalten der Hauptstadt fanden keine Gnade vor ihm . Er sah nur die Hast , womit hier alles sich zur Erscheinung drängen mußte , um bemerkt zu werden , und übersah den Kern , welcher von jener Hast hervorgestoßen wurde . Bald nannte er den ganzen Zustand eine große Lüge , und die Stadt selbst ein Konglomerat von zwölf Krähwinkeln , welches Paris vorstellen wolle . Dieses Thema führte er in unzähligen spitzigen und witzigen Variationen aus , worüber Hermann anfangs lachte , späterhin aber zuweilen verdrießlich wurde . Die Spötter rächten ihrerseits wieder die Stadt an dem Hypochondristen , und einer derselben verfaßte eine parodistische Geschichte von Jona , dem neuen Propheten , welcher berufen worden sei , Ninive Buße und Zerstörung zu predigen , und welcher sich nun ärgre , daß die Stadt nicht untergehn wolle . Das Schloß des Standesherrn wurde in dieser Travestie mit dem Bauche des Walfisches verglichen , in welchem der unzufriedne Seher drei zyklische Tage zugebracht habe . Als Hermann das Produkt zu Gesichte bekam , trachtete er , es den Augen Wilhelmis verborgen zu halten , weil er von seiner Aufregung einen heftigen Ausbruch befürchtete . Allein er hatte sich in ihm geirrt . Wilhelmi erhielt die Blätter von einem Dienstfertigen zugesteckt , lachte herzlich darüber , suchte den Verfasser auf , und bat um seine Freundschaft . Am übelsten stand er anfangs mit Madame Meyer . Sie hatte nach Art der Weltfrauen darin ein ganz eignes Talent , bisweilen jemand , der ihr mehr als andre hätte empfohlen sein sollen , zu übersehen , was denn bei ihr immer um so mehr wie eine Beleidigung erschien , weil sie sich sonst so zuvorkommend zu benehmen wußte . An einem dieser dem Zerstreutsein verfallnen Tage wurde ihr Wilhelmi vorgestellt , welcher nach den Erzählungen Hermanns auf einen besonders freundlichen Empfang gerechnet hatte . Er sah sich durch die über ihn hinschweifenden Blicke der Wirtin , die seine Anrede mit einer Bemerkung über das Wetter erwiderte , bitter getäuscht , und machte seinem Freunde beim Nachhausegehn lebhafte Vorwürfe darüber , ihn dort eingeführt zu haben . Hermann kannte ihn schon in solchen Stimmungen , und ließ schweigend die erregten Wellen ausschäumen . » Sie kann ihren Stamm nicht verleugnen ! « rief Wilhelmi zum Schlusse einer heftigen Zornrede . » Mir wurde unter allen diesen Porzellanen , Gläsern , Schnitz- und Kritzelwerken zumute , wie in einer Trödelbude . Es ist der Schachergeist ihrer Väter , welcher in der Sammelwut der Tochter fortspukt . Überhaupt haben die modernen Juden eine seltsame Stellung gegen Welt und Gesellschaft « , fuhr er ruhiger fort . » Es ist noch kein Menschenalter her , daß dieses Volk an vielen Orten Leibzoll bezahlen , an andern wie krankes Getier abgepfercht wohnen mußte . Plötzlich ist ein Umschwung eingetreten , sie stehn jetzt in den bürgerlichen Rechten uns gleich , und wollen , besonders hier , in Geist , Geschmack und Ansehn den ehrlichen Christenseelen womöglich noch den Rang ablaufen . Nun ist es aber ein eigen Ding um elegantes Dasein . Das geht nämlich immer nur aus völlig gesicherten Notwendigkeiten des Lebens hervor . Dieses Gefühl haben sie nicht , können es auch nicht haben , denn die Verbesserung ihres Zustandes ist weit mehr das Erzeugnis sentimentaler Schriftsteller und schlaffer Staatsmänner , als einer Umstimmung des Volksglaubens . Im Volke hat sich vielmehr das alte Bewußtsein unzerstört erhalten , daß der Jude nichts tauge . Folglich denken alle diese unsre großen israelitischen Häuser im stillen immer noch an die Möglichkeit einer rückgängigen Bewegung , an den Leibzoll , und an die Judengassen . Dadurch erhalten ihre Bestrebungen um Eleganz etwas Unsicheres und Hastiges ; ihre Gesellschaften haben durchaus mehr den Charakter einer Hypothese , als den eines Postulats . Die produktiven Köpfe der Nation verfahren dagegen nach den Grundsätzen des Gewerbgeistes , welcher ihre Ahnen auszeichnete ; sie schachern und trödeln . In Gedichten , Musiken , in Philosophie und Wissenschaften sind sie mit kleinem Profit , mit allerhand netten , charmanten , glänzenden Effekchen und Wahrheitchen zufrieden , bringen auf solche Weise auch wirklich manches zusammen , obwohl man schwerlich im Reiche des Geistes durch geschickt zubereitete Bagatellen großes Vermögen erwirbt . « Als Hermann einiges zum Schutze der Geschmähten vorbringen wollte , fuhr ihn Wilhelmi beinahe an , und rief : » Du wirst auch noch durch Schaden klug werden . Deine ägyptische Kavaliergarde wird dir Verdrusses die Fülle machen . « Dies bezog sich darauf , daß sich um Hermann eine Menge junger Israeliten versammelt hatte , welche ihm mit großer Freundschaft begegneten . Die Laune Wilhelmis schärfte sich von Tage zu Tage . Zum Teil wurde dieser üble Humor durch sehr wesentliche Bedrängnisse erzeugt . Er konnte nämlich bald merken , daß an einen Verkauf seiner Sammlungen nicht zu denken sei , und daß er die leichte Zusage eines hohen Mannes viel zu schwer genommen habe . Ein sicherndes Verhältnis hatte er aufgegeben , außer seinen Kunstsachen besaß er nichts , und jede Aussicht schwand , mit diesen dem Museum einverleibt zu werden . Bald war er in Geldverlegenheit und sprach Hermann um Hülfe an . Wie erschrak er , als dieser ihm eine gleiche Not offenbaren mußte ! Im Badenschen bestand man streng auf Innehaltung der Zahlungstermine , ein Kapital nach dem andern war schon dorthin gewandert , einen Besitz zu bezahlen , den anzutreten der Eigentümer weder Lust , noch Geschick in sich verspürte . So führten denn unsre beiden Glücksritter ein ziemlich gewagtes Leben . Der eine war , wenn man so sagen darf , in böhmischen Dörfern angesessen , der andere stand mit Raritäten in teuren Mietzimmern aus . Ihre Lage konnte übel genug werden , wenn der Himmel sich nicht ins Mittel schlug . Indessen trugen sie ihre Lasten zu zweien , und das will viel sagen . Da die Taler ausgingen , so teilten sie die Groschen miteinander . Hermann zog sich aus vielen großen Gesellschaften zurück , und begann eine Art von genießendem Einsiedlerleben zu führen . Mit der ägyptischen Kavaliergarde , mit den jungen Juden , hatte Wilhelmi nur zu sehr recht gehabt . Einer derselben , ein angehender Künstler , war ihm besonders eifrig genaht , hatte einige Billette an ihn sogar » mit Ehrfurcht « unterzeichnet . Im Hause der reichen Eltern begegnete man unsrem Freunde fast wie einem höheren Wesen . Eines Tages ersuchte ihn der junge Künstler bescheiden um seine vortreffliche Kritik über dieses und jenes . Bei der näheren Nachfrage erfuhr Hermann , daß ihn ein Gerücht zum Verfasser mehrerer anonymen Rezensionen in dem gelesensten Blatte der Stadt gemacht hatte , welche durch ihren geistreichen Gehalt allgemeines Aufsehn erregten . Da er nun diese Vaterschaft ablehnen mußte , so bemerkte er an den Gesichtszügen und an dem Benehmen seines feurigen Anhängers bald eine merkliche Verändrung , welche sich demnächst auch dem Hause der Eltern mitteilte , und nach und nach eine gänzliche Erstarrung des Verhältnisses herbeiführte . Noch früher hatten ihn die übrigen verlassen , sobald sie wahrnahmen , daß er nicht mehr viel mit vornehmen Leuten verkehrte . Er klagte Wilhelmi sein Leid . Dieser lachte und rief : » Sei froh , daß du von ihnen los bist ! Jude bleibt Jude , und der Christ muß sich mit ihnen vorsehn , am meisten , wenn sie sich liebevoll anstellen . Sie sind allesamt freigelaßne Sklaven , kriechend , wenn sie etwas haben wollen , trotzig , wenn sie es erlangten , oder wenn sie merken , daß es nicht zu erlangen steht . « Zehntes Kapitel Alle Übertreibungen sind von kurzer Dauer . Madame Meyer hatte nicht sobald bemerkt , daß die beiden Freunde seltner in ihren Zirkeln zu erscheinen begannen , als sie ihrerseits alles tat , das traulich-gesellige Verhältnis zu erhalten . Freundliche Einladungen drängten sich , und Wilhelmi wurde für die frühere Vernachlässigung durch das liebenswürdigste Benehmen entschädigt . Bald war er völlig umgestimmt und