, Sie haben rein vergessen , was Sie damals über den Grafen Hohenthal sprachen , über seine Ergebenheit gegen die Franzosen , über den verwundeten Herrn St. Julien , dessen Leben ich mit Mühe erhalten hatte und der ein Spion sein sollte , der arme Mensch , der weder sprechen , noch sich rühren durfte damals ; jetzt , Gottlob ! ist er hergestellt und kann sich selbst verantworten . Haben Sie das alles ganz aus Ihrem Gedächtnisse vertilgt ? Wenn ich damals in der That solche Ansichten hatte , erwiederte der junge Lorenz mit unzerstörbarer Ruhe und Gleichgültigkeit , so habe ich sie gewiß mit allen , die etwas von den Verhältnissen des Grafen wußten , getheilt , und ich sehe nicht ein , was Sie darin beleidigen kann , und wenn Sie wirklich zur guten Gesellschaft gehören , wie Sie versichern , so werden Sie selbst einsehen , daß es nicht passend ist , mich in einem fremden Hause über eine Ansicht , die Ihnen unrichtig scheint , mit Heftigkeit zur Rede zu stellen . Nach diesen sehr ruhig gesprochenen Worten ließ er den kampflustigen Arzt stehen und nahm einen gleichgültigen Antheil an dem Gespräche seines Vaters mit dem Prediger . Der alte Lorenz hatte dem Geistlichen schon auf seine gewöhnliche heuchlerische Weise mitgetheilt , daß er ein kleines Gut für ' s Erste gepachtet habe , daß er aber wohl hoffen dürfe , es werde in Jahresfrist das Eigenthum seines Sohnes werden , der für jetzt eine Stelle als Privatsekretair bei einem bedeutenden französischen Generale annehmen würde , der mit seinen Truppen noch so lange in Preußen verweilen würde , bis die Kontributionen alle abgetragen wären ; und es ist dieß eine vernünftige Einrichtung , schloß der alte Heuchler , und Gott möge seinen Segen dazu geben , denn mein Sohn kann dem Herrn General nützlich sein in tausend Fällen , weil er die Rechte studirt hat , und kann auch wiederum manchem Freunde dienen , der die Hülfe eines Landsmannes bei dem Herrn General brauchen sollte . Es entgingen die schlechten Gründe dem Pfarrer nicht , welche die Handlungen des Sohnes wie des Vaters bestimmten , und er betrachtete den jungen Mann mit mißtrauischen Blicken , als er sich in das Gespräch mischte . Die Base des Arztes redete diesen an und begann ihm Mancherlei von ihrem verstorbenen Gemahl zu erzählen ; dadurch lenkte sich die Unterhaltung ohne Zwang auf die Bibliothek und das Naturalienkabinet , und ging endlich auf merkwürdige Krankheitsfälle über , die dem Arzte vorgekommen waren , und die sie sich umständlich erzählen ließ , so daß dessen üble Laune gänzlich schwand und er nach dem Abendessen , von ihr aufgefordert , mit Vergnügen diese Verwandte , die er sich eingestand verkannt zu haben , nach Hause zu begleiten versprach . Als sie nach einem formellen Abschiede von dem Prediger und dessen Familie , und einer kaum merklichen Verbeugung gegen Lorenz und dessen Sohn nun den Arm ihres Neffen gefaßt hatte und im hellen Mondenscheine der friedlichen Wohnung des Schulzen zuwandelte , sagte sie gutmüthig scheltend : Er hat immer noch seinen unvernünftigen Trotzkopf , Vetter ; was fing Er nur für unnütze Händel mit einem Menschen an , der ihn in ' s Unglück bringen kann ? So wie ich hörte , daß der alte Vater dem Prediger ohne Scham und Scheu erzählte , daß sein Sohn ein Franzose wird , so fing ich nur gleich mit Ihm an Allerlei zu reden und ließ mir geduldig vorerzählen , wovon ich kein Wort verstehe , damit Er nur nicht wieder mit dem schlechten , jungen Menschen in Zank und dadurch in Unglück gerathen sollte ; aber sei Er für die Zukunft vorsichtig , versprech Er mir das . Sie meinen es gut mit mir , sagte der Arzt nicht ohne Bewegung . Das habe ich immer gethan , erwiederte seine Verwandte , und umarmte und küßte ihn herzlich , da sie das Haus des Schulzen erreicht hatten . Die schlanke Marie reichte dem Vetter die Hand , die dieser höflich küßte , worüber das junge Mädchen lebhaft erröthete , und die Verwandten trennten sich in der wohlwollendsten Stimmung . Der Prediger hatte den Verdruß , daß Lorenz und sein Sohn nicht die mindeste Anstalt machten ebenfalls aufzubrechen , und er war gezwungen ihnen ein Nachtlager anzubieten , damit er sich selbst zur Ruhe begeben könnte , und dieß wurde von Beiden wie eine Sache , die sich von selbst verstände , angenommen . X Der Arzt hatte am Morgen des nächsten Tages den ihm etwas beschwerlichen Auftrag seiner Base zu besorgen , und der Gräfin ihre Ankunft und ihren Besuch für denselben Vormittag zu melden ; denn wie sehr er sich auch mit dieser Verwandten innerlich versöhnt hatte , so kostete es ihm doch Viel , seinen Hochmuth zu besiegen , und sie als Verwandte und zugleich als die ehemalige Dienerin der Gräfin zu bezeichnen . Diese war sichtlich erschreckt und erfreut durch die unerwartete Nachricht , und suchte , sobald sie nur Fassung gewann , den Arzt auf eine geschickte Art über alle beim Prediger geführten Gespräche auszufragen , aber ihre Unruhe wurde nicht gehoben , denn jenes Seele war besonders davon erfüllt , wie heldenmüthig er sich nach seiner Meinung dem Verräther , dem jungen Lorenz , gegenüber benommen hatte . Er hatte die Gräfin kaum verlassen , als diese Dübois rufen ließ , um ihm das Unerwartete mitzutheilen und ihn zu bitten , die ehemalige Dienerin zuerst zu empfangen , um ihr die nöthige Schonung zu empfehlen . Der alte Mann war bereit zu thun , wozu sein eigenes Herz ihn trieb , und er begab sich hinunter , um die Ankommende zu empfangen , ehe sie einen Diener des Hauses sprechen konnte , denn der Haushofmeister kannte aus früheren Zeiten ihre große Redseligkeit und konnte nicht wissen , ob die Veränderung ihres Standes sie zurückhaltender gemacht haben würde . Seine Geduld wurde auf keine lange Probe gestellt ; denn kaum war eine Viertelstunde verflossen , so nahte sich die Erwartete im höchsten Putz mit großen Schritten . Die Tochter folgte der Mutter , denn es gelang ihrer Anstrengung nicht , sich in gleicher Linie mit derselben zu erhalten , und kaum hatten Beide die Schwellen des Hauses überschritten , als die Mutter , ihren alten Freund erblickend , ihren Shawl heftig zurück warf , so daß er zur Erde fiel , und mit einem lauten Ausrufe der Freude ihn zu umarmen eilte . Dübois erwiederte diese Zeichen der Freundschaft Anfangs mit Herzlichkeit ; da aber die oft wiederholten Umarmungen ihn beinah zu ersticken drohten , und die schallenden Küsse ein spöttisches Lächeln auf den Gesichtern einiger hinzugetretenen Bedienten hervorriefen , so entzog er sich höflich den Armen , die ihn umschlossen , und bat seine Freundin , erst bei ihm einzutreten , ehe sie ihren Besuch bei der Gräfin ablegte . Bereitwillig folgte die Base des Arztes dieser Einladung , von der Tochter begleitet , die den Shawl der Mutter vom Boden aufgehoben und ihn ihr ruhig wieder umgelegt hatte . Der Haushofmeister bewirthete seine Gäste mit einem Frühstück , während dessen er der Wittwe des Professors alles abfragte , was er zu wissen begehrte , und ihr rathen konnte , so gelinde als möglich ihrer ehemaligen Herrschaft mitzutheilen , was diese wissen mußte . Unter Strömen von Thränen war die Unterredung geführt worden , und die geduldige Marie saß während ihrer langen Dauer einsam am Fenster eines andern Zimmers , wohin sie die Mutter , nachdem sie dieselbe mit Kuchen und Chokolade versorgt , verwiesen hatte , um ungestört mit ihrem alten Freunde zu sprechen . Endlich war das Frühstück geendigt und das Nöthige verabredet ; die Thränen wurden getrocknet , der Shawl in die gehörigen Falten gelegt , und der Haushofmeister bot seiner Freundin den Arm , führte sie mit höflicher Aufmerksamkeit die große Treppe hinauf und geleitete sie in die Zimmer ihrer ehemaligen Herrschaft . Die Gräfin trat ihnen entgegen . Meine gute Freundin , rief sie , indem sie die ehemalige Dienerin erblickte , und wollte sie umarmen ; diese aber ergriff mit Heftigkeit beide Hände der ehemaligen Gebieterin , die sie abwechselnd mit Küssen bedeckte und mit Thränen überströmte . Sobald die Gräfin ihre Hände befreien konnte , umarmte sie die Wittwe des Professors und sagte : Wie freut es mich , meine Liebe , Sie wieder zu sehen und nach so vielen Jahren zu finden , daß die Zeit den Antheil , den Sie an meinem Schicksal nehmen , nicht geschwächt hat . Mitten in ihrer Rührung wurde die Base des Arztes empfindlich und sagte : Millionen Thränen habe ich um Ihretwillen geweint und gewiß nicht verdient , daß Sie mich nun so fremd behandeln , und mich nicht mehr Du nennen und Leonore , wie in früheren Zeiten so viele Jahre hindurch . Mein Herz ist darum nicht weniger warm , sagte die Gräfin , indem sie die Hände der erzürnten Frau drückte , aber dieß muß um Ihretwillen so bleiben ; auch würde sich Ihr Neffe , der Arzt , gekränkt fühlen , wenn es anders wäre . Nun ja , erwiederte besänftigt dessen Base , den Thoren kenne ich ja mit seinem Hochmuthe . Lassen Sie uns überhaupt jetzt nicht von solchen Kleinigkeiten sprechen , sagte die Gräfin mit bewegter Stimme , meine gute Leonore . Sie kennen mein Unglück ; haben Sie mir gar nichts Tröstliches zu sagen ? Die Wittwe des Professors ward durch diese Frage auf ein Mal wieder in den tiefsten Schmerz versenkt . O Gott ! rief sie aus , was haben Sie alles leiden müssen , und wie hat der Kummer Sie vor der Zeit alt gemacht ; wie mager sind die schönen weißen Hände geworden , und wo ist die herrliche Farbe geblieben ? Blühten Sie doch wie eine Rose , und es war ganz natürlich , daß der gute Herr Blainville so verliebt blieb , ob Sie gleich schon lange verheirathet waren . Meine Liebe , sagte die Gräfin aus beklemmter Brust , schonen Sie mich mit Erinnerungen , durch die Sie mich tödten können . Die Professorin weinte und sagte unter heftigem Schluchzen : Sie haben Recht , ach ! Sie haben Recht , aber ich kann den Schmerz nicht bezwingen , wenn ich Sie ansehe . Reden Sie nicht von mir , sagte die Gräfin mit großer Anstrengung , sprechen Sie von dem Schicksale des unglücklichen Kindes . Ich weiß ja nichts von dem kleinen Herrn , klagte die Wittwe des Professors und sammelte sich endlich so weit , um , von Thränen und Klagen unterbrochen , ihrer ehemaligen Herrin erzählen zu können , wie sich ihr Schicksal gestaltet hätte , nachdem sie die Gräfin verloren . Diese , obgleich zerschmettert von dem Worte der Dienerin , durch das ihre letzte dunkle Hoffnung verloren zu gehen schien , bezwang dennoch ihr Gefühl und hörte mit ängstlicher Aufmerksamkeit den Bericht , um doch vielleicht noch eine schwache Spur des Verlornen darin zu finden . Ach ! hob die ehemalige Dienerin ihre Wehklage an , wie war uns zu Muthe , mir und der Mamsell Adele , als wir damals in Paris unsern Einkauf gemacht hatten und nun ruhig nach Hause gegangen waren . Mein Gott , mein Gott ! als wir die offenen Thüren erblickten , als wir ankamen , die geöffneten Schränke und die grausige Unordnung . Ihr schöner Hut lag auf dem Boden , und es hatte Jemand mit schmutzigen Füßen darauf getreten , der Wirth des Hauses stand im Wohnzimmer und schalt uns , so wie wir ankamen , schändliche Aristokraten ; ich wollte ihm antworten , wie sich ' s gehörte , denn ich hatte französisch genug dazu in der Gottvergessenen Stadt gelernt , aber Mamsell Adele rief heftig : Wo ist Herr Blainville und seine Gemahlin ? Herr Blainville , wiederholte plötzlich der Wirth , von dem weiß ich nichts , der Vaterlandsverräther , der verkappte Graf ist , wo er hingehört , im Gefängnisse . Mein Bruder , mein unglücklicher Bruder ! schrie Mamsell Adele in Verzweiflung , und wurde bleich und starr wie eine Leiche . So groß mein Schmerz war , so ging mir doch ein Licht auf , und ich war recht böse , daß Sie mir die Sache nicht gehörig vertraut hatten , ich hätte nichts verrathen und hätte den gehörigen Respekt vor Mamsell Adele haben können , statt , daß ich sie geärgert hatte , wo ich konnte , denn ich hielt sie für hochmüthig und von Ihnen begünstigt , und ich dachte , ich wollte sie dadurch aus dem Dienst treiben , denn sie kam mir unnöthig im Hause vor . Jetzt sah ich das alles anders ein durch dieß einzige Wort , das sie im Unglücke und im Schrecken ausgesprochen . O mein Gott ! seufzte die Gräfin und bedeckte ihre überströmenden Augen mit den Händen . Die rohe , aber gutmüthige Erzählerin sah , welche Schmerzen ihre Worte erregten , und zog mit sanfter Gewalt die Hände der ehemaligen Herrin von den weinenden Augen derselben zurück , um sie mit Küssen und mit warmen Thränen zu bedecken . Weiter , meine Liebe , sagte die Gräfin mit zitternder Stimme , um Gottes Willen fahren Sie fort . Ja , weiter in der unglücklichen Geschichte , rief die Wittwe des Professors , Sie wissen nicht , wie mir das Herz blutet , wenn ich an all den Jammer und Trübsal denke . Ich wußte nicht , was ich mit Ihrer armen Schwägerin anfangen sollte , die bleich und starr da saß , ohne zu weinen , ohne zu reden , ja ohne ein Glied zu rühren . Ich war ganz allein mit ihr , der Hausherr hatte uns wieder verlassen , und ich wußte nicht , was ich anfangen sollte , denn ich hatte nicht den Muth , die Arme zu verlassen und einen Arzt zu rufen . Endlich brachte ich sie doch wieder etwas zur Besinnung , sie sprang nun auf ein Mal auf , faßte heftig zitternd meinen Arm und sagte leise : Komm , wir müssen meinen Bruder aufsuchen . Ich war bereit und wir stürmten der Thüre zu , ohne zu wissen wohin . In der Thüre begegnete uns ein alter Herr , den das arme Fräulein Adele zu kennen schien . Mit gerungenen Händen fiel sie vor ihm auf die Knie und rief : Helfen Sie , retten Sie ! Der gute Mann weinte selber und sagte : zuerst müssen Sie fort von hier und zwar sogleich , damit Sie nicht ebenfalls verhaftet werden , denn alsdann würde es noch schwieriger werden , etwas für Ihren Bruder zu thun . Ich fürchte , der Herr des Hauses ist schon ausgegangen , die Anzeige zu machen , denn ich traf ihn nicht zu Hause , deßhalb lassen Sie uns eilen . Als ich diese Worte hörte , kam mir schnell von Gott der gute Gedanke , daß Ihnen nicht damit geholfen wäre , wenn uns die unmenschlichen Jakobiner einsperrten , und ich sagte also dem guten alten Manne , der sich unserer annehmen wollte , daß man Mamsell Adele gar nicht fragen müsse , denn sie sei so außer sich , daß der Hausherr mit der Wache kommen würde , ehe sie nur begriffe , wovon die Rede sei . Der verständige Mann sah das ein , und wir faßten jeder die arme Weinende unter einem Arm und brachten sie mit Gewalt die Treppe hinunter in den Wagen des alten Herrn , und der Schurke , der Wirth , behielt nichts als das leere Nachsehen , wenn er mit seinen Jakobinischen Wachen wird angekommen sein . Wie lange wir gefahren sind , weiß ich nicht , denn sowohl ich , als unser alter Begleiter , wir waren während des Weges nur bemüht , die arme Mamsell Adele ein wenig zu beruhigen , aber Gott weiß , es gelang uns schlecht . Endlich hielt der Wagen vor einem kleinen Hause in der Vorstadt ; der alte Herr hieß mich ausstiegen und ging mit mir in dieß unscheinbare Haus , das , nachdem er drei Mal leise geklopft , geöffnet und hinter uns sogleich wieder verschlossen wurde . Eine alte Frau kam uns entgegen , und ich hörte wohl , wie mein Führer ihr auftrug , für mich auf ' s Beste zu sorgen , aber um Gottes Willen mich nicht ausgehen zu lassen , weil wir alle durch meine Unvorsichtigkeit unglücklich werden könnten . Als er mich verlassen wollte , fragte ich , was aus Fräulein Adele werden sollte . Er antwortete mir , wir dürften nicht zusammen bleiben , es wäre für uns beide sicherer , wenn Jede einen andern Zufluchtsort fände , er sei ein Freund ihres Hauses und sorge für unser aller Bestes mit großer eigener Gefahr . Ich hatte lange genug unter den Heiden in Paris gelebt , ich konnte also wohl einsehen , daß wir behutsam sein müßten , und fügte mich in mein Schicksal . Als ich mit der guten Frau allein war , hatte ich Zeit genug , über unser Unglück nachzudenken , und ich brachte die ganze Nacht weinend und jammernd zu , denn nun , da die größte Angst vorbei war , dachte ich auch an unsern kleinen Herrn . Endlich am Abende des andern Tages kam der Herr wieder , der mich hieher geführt hatte , und sagte mir , er würde mich des andern Abends um dieselbe Zeit abholen und zu einer deutschen Herrschaft bringen , die mich als Kammerjungfer mitnehmen und in Frankfurt am Main zurücklassen wolle , von wo ich meine Heimath leicht erreichen könne . Ich fragte nach Ihrem Schicksale . Er trocknete sich die Thränen und sagte , man müsse auf Gottes Beistand hoffen , er könne mir nichts darüber sagen . Als ich nach Fräulein Adele fragte , antwortete er etwas ungeduldig , er könne mir weiter keine Nachricht geben , als nur die Versicherung , daß sie außer Gefahr sei , und ich sollte froh sein , daß er auch mich in Sicherheit bringen wollte . Ich fragte ihn , ob ich nicht noch ein Mal nach unserer Wohnung zurück gehen könne , um meine Sachen abzuholen , die dort alle zurück geblieben waren . Er wurde hierauf recht grob und sagte , es sei ein Zeichen großer Dummheit , daß ich um der Lumpen Willen dahin zurück zu gehen dächte . Er besänftigte sich aber bald und befahl mir , ich sollte bis zum nächsten Abende zusammenrechnen , wie viel der ganze zurückgelassene Kram werth sei , er wolle ihn mir baar bezahlen , ich solle aber weder mich , noch ihn deßhalb unglücklich machen . Ich war damit zufrieden und fragte ihn nicht weiter nach unserm kleinen Herrn , denn ich dachte mir schon , daß er doch nicht aufrichtig antworten würde . Kaum aber hatte er das Haus verlassen , so fing ich an die alte Frau , die es bewohnte , mit Bitten und Thränen so lange zu bestürmen , bis sie selbst zu weinen anfing und mir zu helfen versprach ; denn da sie mich nicht recht verstand , so glaubte sie , der kleine Herr sei mein eigenes Kind , und ich ließ es geschehen , daß sie es glaubte , und gab gern zu , daß sie mich für eine leichtsinnige Dirne hielt , damit sie mir nur helfen möchte . In aller Frühe des nächsten Morgens drückte sie mir einen Hut tief in ' s Gesicht hinein , hing einen Schleier darüber , gab mir einen Mantel , und nachdem sie sich eben so angethan hatte , verließen wir das Haus , nahmen auf dem nächsten Platze einen Wagen und so ging es fort nach dem Dorfe . Gott , wie schlug mein Herz auf diesem Wege , theils aus Angst , daß man uns verhaften möchte , theils aus Verlangen nach dem lieben Kinde . Wir erreichten glücklich das Dorf , wir fanden das Haus , aber nur zu neuem Jammer . Die Pflegerin unsers kleinen Herrn lag im hitzigen Fieber , von dem Kinde war nichts zu sehen . Die Weiber , die die Kranke warteten , sagten mir , ein alter Herr habe am vorigen Tage das Kind abgeholt und es zu einer Dame in einen Wagen gehoben , die nach des alten Mannes Aussage die Mutter des Kindes gewesen sei . Ich dachte einen Augenblick , Sie selbst hätten Ihr Kind abgeholt , aber ich besann mich bald , daß es nicht so sein könnte , denn Sie würden auch mich wieder zu sich genommen haben , wenn Sie frei gewesen wären . Es war nun nichts weiter zu thun , als den Rückweg mit Thränen anzutreten und den Abend zu erwarten . Als es dunkel geworden , kam der alte Herr richtig , wie er es versprochen . Ich hatte indeß meine Rechnung für Lohn und Kleider gemacht , wie er es verlangt hatte . Er bezahlte mir Alles und schenkte mir noch hundert Franken zur Reise . Da ich ihn in so gütiger Stimmung sah , so wagte ich es , ihm mein Leid mit unserem Kinde zu vertrauen . Er wurde sehr böse und schalt auch die alte Frau , daß wir gegen seinen Befehl das Haus verlassen hatten ; als ihm diese aber , um sich zu entschuldigen , sagte , daß sie meinen Jammer und meine Thränen nicht mehr hätte mit ansehen können , weil ein Stein hätte durch meine Klagen bewegt werden müssen , da wurde er wieder sanftmüthig und sagte , da ich so große Treue für meine Herrschaft zeigte , so wolle er die Unbesonnenheit vergeben , und übrigens müsse ich zu meinem Troste glauben , daß Gott ein unschuldiges Kind nicht würde untergehen lassen , wenn ich es auch nicht mehr bei seiner Pflegerin gefunden habe . Das war alles , was ich mit Bitten und Flehen über den kleinen Herrn erfuhr , und ich mußte nun mit dem unbekannten Herrn fort , der mich zu meiner neuen Herrschaft brachte , die beinah kein Wort mit mir sprach . Mit dem frühesten Morgen ging es aus Paris hinweg . Wir reisten Tag und Nacht , bis wir Gießen erreichten . Hier ließen sie mich zurück , und ich hatte nicht einmal erfahren , mit Wem ich die Reise gemacht hatte . Weil ich mir den Fuß beschädigt hatte , mußte ich in Gießen einige Zeit bleiben , und da fügte es Gott , daß ich an meinen alten Professor gerieth . Wie ich mit dem verheirathet war , vertraute ich ihm unser ganzes Schicksal an , denn er war eine treue Seele und ich dachte , er würde vielleicht etwas auskundschaften können über Ihr Schicksal oder über unsern kleinen Herrn . Er schrieb nun nach allen Weltgegenden hin und hatte überall seine gelehrten Freunde , die ihm allerlei Lappalien meldeten , was sie ihre wissenschaftlichen Forschungen nannten , aber das , was mir am Herzen lag , forschte keiner aus . Die Schweizer schrieben ihm , der alte Herr Blainville und Ihre Frau Mutter wären todt ; von Ihnen wußte man nichts , und die Franzosen konnten von dem kleinen Herrn gar nichts ausspüren , und so mußte ich mich in Gottes Willen ergeben und dachte gar nicht mehr , daß ich Sie jemals wieder sehen könnte , und hier nun schenkt mir Gott die unvermuthete Freude . Und das bin ich doch eigentlich dem hiesigen Prediger schuldig , denn hätte er nicht in den Zeitungen bekannt machen lassen , daß ich mich hier einer Erbschaft wegen zu melden hätte , so wäre es mir wohl niemals eingefallen , diese Reise zu unternehmen , und wenn mein alter Professor noch lebte , so würde er auch nun einsehen , daß er Unrecht hatte , darüber zu lachen , wenn ich mir aus den Zeitungen nichts vorlesen ließ , als solche Bekanntmachungen und Anzeigen , wo allerlei Sachen verkauft wurden ; denn , sagen Sie selbst , was geht mich Bonaparte an , und was brauche ich noch über die Franzosen zu hören ? Die habe ich hinlänglich kennen gelernt und den Krieg fühlt man genug , wenn er da ist , man braucht sich nicht um den zu bekümmern , der in der Ferne geführt wird . Solche Anzeigen aber haben ihren Nutzen , und man sollte nicht darüber lachen , wenn vernünftige Menschen sie lesen . Mir wird diese einfältige Neugierde , wie mein seliger Mann meine Leserei nannte , manchen schönen Thaler einbringen , denn ich erhalte nun dadurch die mir zukommende Erbschaft . Die Gräfin hatte mit ängstlicher Aufmerksamkeit den Bericht ihrer ehemaligen Dienerin vernommen , und sie fand einen schwachen Trost darin . Sie wußte doch nun bestimmt , daß ihre Schwägerin sowohl , als das geliebte Kind in den schrecklichsten Augenblicken ihres eigenen Lebens nicht umgekommen waren . Sie konnten beide leben , und es konnte vielleicht dem Grafen gelingen , diese schwachen Spuren zu verfolgen und die Verlornen aufzufinden . Sie dankte daher der ehemaligen Dienerin für die von ihr bewiesene Treue und bat sie , während ihres hiesigen Aufenthaltes auf dem Schlosse zu wohnen . Die Wittwe des Professors nahm dieß Anerbieten mit Dankbarkeit an und sagte : Es ist nicht Hochmuth von mir , aber erstlich bin ich froh , wieder in der Nähe meiner ehemaligen Herrschaft zu sein , und dann habe ich mir das Bauernleben so abgewöhnt , daß ich es nicht lange bei den guten Leuten , meinen Verwandten , würde aushalten können . Die Gräfin bat nun , sie möchte ihre Zimmer gleich in Besitz nehmen und alle ihre Sachen nach dem Schlosse bringen lassen , damit bei der Mittagstafel sie sich schon ganz als Hausgenossin fände . Ich bemerke , rief die Professorin , Sie verlangen , ich soll an Ihrer Tafel speisen , und als die Gräfin dieß bejahte , fuhr sie fort : Nimmermehr werde ich mich dazu entschließen , und wenn ich mir auch das Bauernleben abgewöhnt habe , so habe ich doch keinen dummen Hochmuth bekommen . Sie sind lange Jahre meine Herrschaft gewesen , das werde ich nicht vergessen . Ja , ich habe mich nicht einmal zu der Gesellschaft der andern Professorsfrauen gehalten , wie mein seliger Mann noch lebte , denn ich sah es recht gut , daß ich ihnen zu gering war ; ich war ihnen nicht fein , nicht gelehrt genug , aber mit aller ihrer Gelehrsamkeit hatten es ihre Männer nicht so gut , wie mein alter lieber Mann . Der konnte ohne Sorgen leben , brauchte sich um nichts zu kümmern und hatte doch Alles im Ueberfluß , und wenn die Herren Professoren bei uns speisten , so gestanden sie alle aufrichtig , bei uns sei der beste Tisch . So lebten wir still und ruhig ; ich pflegte meinen Mann , und hielt mein Kind zur Kirche und Schule an , und sorgte dafür , daß meine Marie früh die Wirthschaft lernte und nicht tausend unnütze Thorheiten . Deßhalb setzten die andern Professorentöchter das arme Kind auch zurück , denn mir fiel es nicht ein , daß es nöthig sei , daß sie in allen Sprachen Liebesbriefe zu schreiben verstehen müsse ; eben so wenig braucht sie mit einem Schawl oder mit einer Trommel zu springen , oder auf allen Instrumenten zu klimpern . Auch ist es kein Unglück , wenn sie nicht alle Spielereien zu machen versteht , die im Grunde kein Mensch braucht , denn ich habe gesehen , daß die vornehm erzogenen Mamsellen nachher vor lauter Gelehrsamkeit ihr Haus nicht regieren konnten und mit allen ihren feinen Arbeiten nicht verstanden , wenn es Noth that , ein Hemd für ihren Mann und ihre Kinder zuzuschneiden . Sie mögen im Ganzen Recht haben , sagte die Gräfin , obwohl ich fürchte , Sie gehen zu weit , was Ihre Tochter anbetrifft ; doch Sie sind mir ein so lieber Gast , daß ich wünsche , Sie möchten sich in meinem Hause einrichten , wie es Ihnen am angenehmsten ist . Wenn Sie mir das erlauben , sagte die Professorin , so werde ich bei meinem alten Freunde Dübois speisen , und meine kleine Marie mögen Sie an Ihren Tisch nehmen , damit sie Manieren lernt , denn da ich sie in der Zukunft mit dem Doktor zu verheirathen wünsche und der so viel auf feine Lebensart hält , so wäre es mir lieb , wenn sie darin nicht hinter ihren künftigen Mann zurückbliebe . Die Gräfin lächelte , indem sie die Bitte ihrer ehemaligen Dienerin bewilligte , und Dübois , der herbei gerufen wurde , erhielt den Auftrag , die Zimmer im untern Stockwerk der neuen Bewohnerin anzuweisen ; zugleich theilte ihm die Gräfin scherzend mit , daß die Frau Professorin seine Gesellschaft der ihrigen vorzöge und an seiner Tafel zu speisen wünsche . Mit großem Ernst erwiederte der Haushofmeister , daß er die Ehre , so ihm seine Freundin erweise , zu schätzen verstehe . Nun , nun , sagte die Wittwe des Professors , sprechen Sie nur nicht mit so großem Respekt , wissen Sie nicht mehr , wie oft sie mich ausgescholten haben , wie wir noch Kameraden waren . Die Gräfin wünschte die Tochter der Professorin zu sehen , und Dübois eilte , die stille , geduldige Marie herauf zu führen , die während der langen Unterredung zwischen ihrer Mutter und der Gräfin ruhig am Fenster in Dübois Zimmer gesessen hatte . Als der Haushofmeister das Zimmer verlassen hatte , trat St. Julien ein , um ein Buch von der Gräfin abzuholen , welches sie ihm am vorigen Tage versprochen hatte . So wie die Professorin ihn erblickte , wurde sie bleich und schlug die Hände zusammen . Als der junge Mann die Gräfin anredete , schien seine Stimme einen ähnlichen Zauber , wie sein Anblick