Familienvater war , er ging mit schwerer Ahnung , ich gab ihm ein Sacktuch , alten Wein und das Versprechen , zu schreiben , zum Abschied . Da wurde denn überlegt und all des Guten gedacht , was sich während dieser kurzen Bekanntschaft ereignet hatte , und da wurde überdacht , daß meine Worte über Dich , mein liebendes Wissen von Dir und der Mutter , ein heiliger Schatz sei , der nicht verloren gehen solle , in der äußern Schale der Armut würde ein solches Kleinod am heiligsten bewahrt sein , und so kam ' s , daß meine Briefe mit den einzelnen Anekdoten Deiner Jugend erfüllt waren , deren eine jede wie Geister zu rechter Zeit eintrat , und Laune und Verdruß verscheuchten . - Der Zufall , uns der geheiligte , trägt auf seinen tausendfach beladenen Schwingen auch diese Briefe , und vielleicht wird es so , daß , wenn Fülle und Üppigkeit einst sich wieder durch das mißhandelte Fruchtland empordrängen , auch er die goldne Frucht niederschüttelt ins allgemeine Wohl . Manches habe ich schon in dermaliger Zeit mit wenig Worten gedeutet , mehr zu Dir darüber sprechend , da ich Dich noch nicht kannte , nicht gesehen hatte , oder auch war ich mit dem Senkblei tief in eignes Wohl und Weh eingedrungen . - Verstehst Du mich ? - Da Du mich liebst ? - Willst Du so , daß ich Dir die ehemalige Zeit vortrage , wo , so wie mir Dein Geist erschien , ich mich meiner eignen Geistigkeit bemächtigte , um ihn zu fassen , zu lieben ? - Und warum sollte ich nicht schwindeln vor Begeisterung , ist denn das mögliche Hinabstürzen so furchtbar ? - Wie der Edelstein , vom einsamen Strahl berührt , tausendfache Farben ihm entgegenspiegelt , so auch wird Deine Schönheit vom Strahl der Begeisterung allein beleuchtet , tausendfach bereichert . Nur erst , wenn alles begriffen ist , kann das Etwas seinen vollen Wert erweisen , und somit begreifst Du mich , wenn ich Dir erzähle , daß das Wochenbett Deiner Mutter , worin sie Dich zur Welt brachte , blaugewürfelte Vorhänge hatte . Sie war damals achtzehn Jahre alt und ein Jahr verheiratet , hier bemerkte sie , Du würdest wohl ewig jung bleiben , und Dein Herz würde nie veralten , da Du die Jugend der Mutter mit in den Kauf habest . Drei Tage bedachtest Du Dich , eh Du ans Weltlicht kamst und machtest der Mutter schwere Stunden . Aus Zorn , daß Dich die Not aus dem eingebornen Wohnort trieb und durch die Mißhandlung der Amme kamst Du ganz schwarz und ohne Lebenszeichen . Sie legten Dich in einen sogenannten Fleischarden und bäheten Dir die Herzgrube mit Wein , ganz an Deinem Leben verzweifelnd . Deine Großmutter stand hinter dem Bett , als Du zuerst die Augen aufschlugst , rief sie hervor : » Rätin , er lebt ! « » Da erwachte mein mütterliches Herz und lebte seitdem in fortwährender Begeisterung bis zu dieser Stunde ! « sagte sie mir in ihrem fünfundsiebzigsten Jahre . Dein Großvater , der der Stadt ein herrlicher Bürger und damals Syndikus war , wendete stets Zufall und Unfall zum Wohl der Stadt an , und so wurde auch Deine schwere Geburt die Veranlassung , daß man einen Geburtshelfer für die Armen einsetzte . » Schon in der Wiege war er den Menschen eine Wohltat « , sagte die Mutter , sie legte Dich an ihre Brust , allein Du warst nicht zum Saugen zu bringen , da wurde Dir eine Amme gegeben . An dieser hat er mit rechtem Appetit und Behagen getrunken , da es sich nun fand , sagte sie , daß ich keine Milch hatte , so merkten wird bald , daß er gescheiter gewesen war wie wir alle , da er nicht an mir trinken wollte . Siehst Du , nun bist Du einmal geboren , nun kann ich schon immer ein wenig pausieren , nun bist Du einmal da , ein jeder Augenblick ist mir lieb genug , um dabei zu verweilen , ich mag den zweiten nicht herbei rufen , daß er mich vom ersten verdränge . - Wo Du bist , ist Lieb und Güte , wo Du bist Natur ! - Jetzt wart ich ' s erst ab , daß Du mir wieder schreibest : » Nun , erzähl weiter . « Dann werd ich erst fragen : Nun , wo sind wir denn geblieben ? - Und dann werd ich Dir erzählen von Deinen Großeltern , von Deinen Träumen , Schönheit , Stolz , Liebe usw. Amen . Rätin , er lebt ! Das Wort ging mir immer durch Mark und Bein , so oft es die Mutter im erhöhten Freudenton vortrug . Das Schwert der Gefahr Hängt oft an einem Haar , Aber der Segen einer Ewigkeit Liegt oft in einem Blick der Gnade bereit kann man bei Deiner Geburt wohl sagen . Bettine P.S. Schreib bald , Herzenskind , dann wirst Du auch bald wachsen , in die liebsten Jahre kommen , wo Dein Mutwille Dich allen gefährlich machte und über alle Gefahr hinweghob . - Soll ich Dir bekennen , daß dieses Geschäft mir Schmerzen macht , und daß die tausend Gedanken sich um mich herlagern , als wollten sie mich für ewig gefangennehmen ? Zelter läutet und bummelt mir Deine Lieder vor wie eine Glocke , die von einem faulen Küster angeläutet wird , es geht immer Bim und zu spät wieder Bam . Sie fallen alle übereinander her , Zelter über Reichard , dieser über Hummel , dieser über Righini und dieser wieder über den Zelter ; es könnte ein jeder sich selbst ausprügeln , so hätte er immer dem andern einen größeren Gefallen getan , als wenn er ihn zum Konzert eingeladen hätte . Nur die Toten sollen sie mir ruhen lassen und den Beethoven , der gleich bei seiner Geburt auf ihr Erbteil Verzicht getan hat . Das gilt aber alles nichts ... Lieber Freund ! Wer Dich lieb hat wie ich , der singt Dich im tiefsten Herzen , das kann aber keiner mit so breiten Knochen und so langer Weste . Schreib bald , schreib gleich , wenn Du wüßtest , wie in einem einzigen Wort von Dir oft ein schwerer Traum gelöst wird ! - Ruf mir nur zu : » Kind , ich bin ja bei Dir ! « Dann ist alles gut . Tu es . Würde es Dich nicht interessieren , Briefe , die Du an Jugendfreunde geschrieben , wieder zu bekommen ? - Schreib darüber , sie könnten Dich doch wohl um so lebhafter in die damalige Zeit versetzen , und derselben zum Teil habhaft zu werden , wäre doch auch nicht unmöglich , antworte mir , lieber Freund , unterdessen will ich keinen Tag vergehen lassen , ohne an Deiner Aufgabe zu arbeiten . An Bettine Hier die Duette ! In diesem Augenblick habe ich nicht mehr Fassung und Ruhe als Dir zu sagen : fahre fort , so lieb und anmutig zu sein . Laß mich nun bald taufen ! Adieu . 12. November 1810 G. Mein teuerster Freund ! Ich kenne Dich nicht ! Nein , ich kenne Dich nicht ! Ich kann Deine Worte mißverstehen , ich kann mir Sorgen um Dich machen , da Du doch Freiheit hast über aller Sklaverei , da doch Dein Antlitz nie vom Unglück überschattet war , und ich kann Furcht haben bei dem edelsten Gastfreund des Glückes ? - Die wahre Liebe hat kein Bekümmernis . Ich habe mir oft vorgenommen , daß ich Dich viel zu heilig halten will als elende Angst um Dich zu hegen , und daß Du in mir nur Trost und Freude hervorbringen sollst . Sei es , wie es mag , hab ich Dich auch nicht , so hab ich Dich doch , - und nicht wahr , in meinen Briefen , da fühlst Du , daß ich Wahrheit rede ? Da hast Du mich , - und ich ? - Weissagend verfolge ich die Züge Deiner Feder , die Hand , die mir gnädig ist , hat sie geführt , das Auge , das mir wohl will , hat sie übersehen , und der Geist , der so vieles , so Verschiednes umfängt , hat sich eine Minute lang ausschließlich zu mir gewendet - da hab ich Dich , - soll ich Dir einen Kommentar hierzu machen ? - Ein Augenblick ist ein schicklicherer Raum für eine göttliche Erscheinung als eine halbe Stunde - der Augenblick , den Du mir schenkst , macht mich seliger als das ganze Leben . Heute am 24. hab ich die Duetten erhalten mit den wenigen Zeilen von Dir , die mich aufs Geratewohl irreführten , es war mir , als könntest Du krank sein , oder - ich weiß nicht , was ich mir alles dachte , aber daran dachte ich nicht , daß Du in jenem Augenblick , bloß , weil Dein Herz so voll war , so viel in wenig Worten ausdrücken könntest , und endlich , für Dich ist ja nichts zu fürchten , nichts zu zittern . Aber wenn auch ! - Weh mir , wenn ich Dir nicht freudig folgen könnte , wenn meine Liebe den Weg nicht fände , der Dir immer so nah ist , wie mein Herz dem Deinigen ist und war . Bettine Hierbei schicke ich Dir Blätter mit allerlei Geschichten und Notizen aus Deinem und der Mutter Leben . Es ist die Frage , ob Du es wirst brauchen können , schreib mir , ob Dir mehr erforderlich ist , in diesem Fall müßte ich das Notizbuch zurückerhalten , was ich hier mitschicke , ich glaub aber gewiß , daß Du besser und mehr darin finden wirst , als ich noch hinzusetzen könnte . Verzeih alles Überflüssige , wozu denn wohl am ersten die Tintenkleckse und ausgestrichenen Worte gehören . An Goethe Die Himmel dehnen sich so weit vor mir , alle Berge , die ich je mit stillem Blick maß , heben sich so unermeßlich , die Ebenen , die noch eben mit dem glühenden Rand der aufgehenden Sonne begrenzt waren , sie haben keine Grenzen mehr . In die Ewigkeit hinein . - Will denn sein Leben so viel Raum haben ? - Von seiner Kindheit : wie er schon mit neun Wochen ängstliche Träume gehabt , wie Großmutter und Großvater , Mutter und Vater und die Amme um seine Wiege gestanden und lauschten , welche heftige Bewegungen sich in seinen Mienen zeigten , und wenn er erwachte , in ein sehr betrübtes Weinen verfallen , oft auch sehr heftig geschrien hat , so daß ihm der Atem entging und die Eltern für sein Leben besorgt waren ; sie schafften eine Klingel an , wenn sie merkten , daß er im Schlaf unruhig ward , klingelten und rasselten sie heftig , damit er bei dem Aufwachen gleich den Traum vergessen möge ; einmal hatte der Vater ihn auf dem Arm und ließ ihn in den Mond sehen , da fiel er plötzlich wie von etwas erschüttert , zurück und geriet so außer sich , daß ihm der Vater Luft einblasen mußte , damit er nicht ersticke . - » Diese kleinen Zufälle würde ich in einem Zeitraum von sechszig Jahren vergessen haben « , sagte die Mutter , » wenn nicht sein fortwährendes Leben mir dies alles geheiligt hätte ; denn soll ich die Vorsehung nicht anbeten , wenn ich bedenke , daß ein Leben damals von einem Lufthauch abhing , das sich jetzt in tausend Herzen befestigt hat ? - Und mir ist es nun gar das einzige , denn Du kannst wohl denken , Bettine , daß Weltbegebenheiten mich nicht sehr anfechten , daß Gesellschaften mich nicht erfüllen . Hier in meiner Einsamkeit , wo ich die Tage nacheinander zähle und keiner vergeht , daß ich nicht meines Sohnes gedenke , und alles ist mir wie Gold . « Er spielte nicht gern mit kleinen Kindern , sie mußten denn sehr schön sein . In einer Gesellschaft fing er plötzlich an zu weinen und schrie : » Das schwarze Kind soll hinaus , das kann ich nicht leiden « , er hörte auch nicht auf mit Weinen , bis er nach Haus kam , wo ihn die Mutter befragte über die Unart , er konnte sich nicht trösten über des Kindes Häßlichkeit . Damals war er drei Jahr alt . - Die Bettine , welche auf einem Schemel zu Füßen der Frau Rat saß , machte ihre eignen Glossen darüber und drückte der Mutter Knie ans Herz . Zu der kleinen Schwester Cornelia hatte er , da sie noch in der Wiege lag , schon die zärtlichste Zuneigung , er trug ihr alles zu und wollte sie allein nähren und pflegen und war eifersüchtig , wenn man sie aus der Wiege nahm , in der er sie beherrschte , da war sein Zorn nicht zu bändigen , er war überhaupt viel mehr zum Zürnen wie zum Weinen zu bringen . Die Küche im Haus ging auf die Straße , an einem Sonntag morgen , da alles in der Kirche war , geriet der kleine Wolfgang hinein und warf alles Geschirr nacheinander zum Fenster hinaus , weil ihn das Rappeln freute und die Nachbarn , die es ergötzte , ihn dazu aufmunterten ; die Mutter , die aus der Kirche kam , war sehr erstaunt , die Schüsseln alle herausfliegen zu sehen , da war er eben fertig und lachte so herzlich mit den Leuten auf der Straße , und die Mutter lachte mit . Oft sah er nach den Sternen , von denen man ihm sagte , daß sie bei seiner Geburt eingestanden haben , hier mußte die Einbildungskraft der Mutter oft das Unmögliche tun , um seinen Forschungen Genüge zu leisten , und so hatte er bald heraus , daß Jupiter und Venus die Regenten und Beschützer seiner Geschicke sein würden ; kein Spielwerk konnte ihn nun mehr fesseln , als das Zahlbrett seines Vaters , auf dem er mit Zahlpfennigen die Stellung der Gestirne nachmachte , wie er sie gesehen hatte ; er stellte dieses Zahlbrett an sein Bett und glaubte sich dadurch dem Einfluß seiner günstigen Sterne näher gerückt ; er sagte auch oft zur Mutter sorgenvoll : » Die Sterne werden mich doch nicht vergessen und werden halten , was sie bei meiner Wiege versprochen haben ? « - Da sagte die Mutter : » Warum willst du denn mit Gewalt den Beistand der Sterne , da wir andre doch ohne sie fertig werden müssen « , da sagte er ganz stolz : » Mit dem , was andern Leuten genügt , kann ich nicht fertig werden « ; damals war er sieben Jahr alt . Sonderbar fiel es der Mutter auf , daß er bei dem Tod seines jüngern Bruders Jakob , der sein Spielkamerad war , keine Träne vergoß , er schien vielmehr eine Art Ärger über die Klagen der Eltern und Geschwister zu haben , da die Mutter nun später den Trotzigen fragte , ob er den Bruder nicht lieb gehabt habe , lief er in seine Kammer , brachte unter dem Bett hervor eine Menge Papiere , die mit Lektionen und Geschichtchen beschrieben waren ; er sagte ihr , daß er dies alles gemacht habe , um es dem Bruder zu lehren . Die Mutter glaubte auch sich einen Anteil an seiner Darstellungsgabe zuschreiben zu dürfen , » denn einmal « , sagte sie , » konnte ich nicht ermüden zu erzählen , so wie er nicht ermüdete zuzuhören ; Luft , Feuer , Wasser und Erde stellte ich ihm unter schönen Prinzessinnen vor , und alles , was in der ganzen Natur vorging , dem ergab sich eine Bedeutung , an die ich bald selbst fester glaubte als meine Zuhörer , und da wir uns erst zwischen den Gestirnen Straßen dachten , und daß wir einst Sterne bewohnen würden , und welchen großen Geistern wir da oben begegnen würden , da war kein Mensch so eifrig auf die Stunde des Erzählens mit den Kindern wie ich , ja , ich war im höchsten Grad begierig , unsere kleinen eingebildeten Erzählungen weiterzuführen , und eine Einladung , die mich um einen solchen Abend brachte , war mir immer verdrießlich . Da saß ich , und da verschlang er mich bald mit seinen großen schwarzen Augen , und wenn das Schicksal irgendeines Lieblings nicht recht nach seinem Sinn ging , da sah ich , wie die Zornader an der Stirn schwoll , und wie er die Tränen verbiß . Manchmal griff er ein und sagte , noch eh ich meine Wendung genommen hatte : » Nicht wahr , Mutter , die Prinzessin heiratet nicht den verdammten Schneider , wenn er auch den Riesen totschlägt « ; wenn ich nun Halt machte und die Katastrophe auf den nächsten Abend verschob , so konnte ich sicher sein , daß er bis dahin alles zurechtgerückt hatte , und so ward mir denn meine Einbildungskraft , wo sie nicht mehr zureichte , häufig durch die seine ersetzt ; wenn ich denn am nächsten Abend die Schicksalsfäden nach seiner Angabe weiter lenkte und sagte : » Du hast ' s geraten , so ist ' s gekommen « , da war er Feuer und Flamme , und man konnte sein Herzchen unter der Halskrause schlagen sehen . Der Großmutter , die im Hinterhause wohnte , und deren Liebling er war , vertraute er nun allemal seine Ansichten , wie es mit der Erzählung wohl noch werde , und von dieser erfuhr ich , wie ich seinen Wünschen gemäß weiter im Text kommen solle , und so war ein geheimes diplomatisches Treiben zwischen uns , das keiner an den andern verriet ; so hatte ich die Satisfaktion , zum Genuß und Erstaunen der Zuhörenden , meine Märchen vorzutragen , und der Wolfgang , ohne je sich als den Urheber aller merkwürdigen Ereignisse zu bekennen , sah mit glühenden Augen der Erfüllung seiner kühn angelegten Pläne entgegen und begrüßte das Ausmalen derselben mit enthusiastischem Beifall . « Diese schönen Abende , durch die sich der Ruhm meiner Erzählungskunst bald verbreitete , so daß endlich alt und jung daran teilnahm , sind mir eine sehr erquickliche Erinnerung . Das Welttheater war nicht so reichhaltig , obschon es die Quelle war zu immer neuen Erfindungen , es tat durch seine grausenhafte Wirklichkeit , die alles Fabelhafte überstieg , für ' s erste der Märchenwelt Abbruch , das war das Erdbeben von Lissabon ; alle Zeitungen waren davon erfüllt , alle Menschen argumentierten in wunderlicher Verwirrung , kurz , es war ein Weltereignis , das bis in die entferntesten Gegenden alle Herzen erschütterte ; der kleine Wolfgang , der damals im siebenten Jahr war , hatte keine Ruhe mehr ; das brausende Meer , das in einem Nu alle Schiffe niederschluckte und dann hinaufstieg am Ufer , um den ungeheuern königlichen Palast zu verschlingen , die hohen Türme , die zuvörderst unter dem Schutt der kleinern Häuser begraben wurden , die Flammen , die überall aus den Ruinen heraus endlich zusammenschlagen und ein großes Feuermeer verbreiten , während eine Schar von Teufeln aus der Erde hervorsteigt , um allen bösen Unfug an den Unglücklichen auszuüben , die von vielen tausend zugrunde Gegangnen noch übrig waren , machten ihm einen ungeheuren Eindruck . Jeden Abend enthielt die Zeitung neue Mär , bestimmtere Erzählungen , in den Kirchen hielt man Bußpredigten , der Papst schrieb ein allgemeines Fasten aus , in den katholischen Kirchen waren Requiem für die vom Erdbeben Verschlungenen . Betrachtungen aller Art wurden in Gegenwart der Kinder vielseitig besprochen , die Bibel wurde aufgeschlagen , Gründe für und wider behauptet , dies alles beschäftigte den Wolfgang tiefer , als einer ahnen konnte , und er machte am Ende eine Auslegung davon , die alle an Weisheit übertraf . Nachdem er mit dem Großvater aus einer Predigt kam , in welcher die Weisheit des Schöpfers gleichsam gegen die betroffne Menschheit verteidigt wurde , und der Vater ihn fragte , wie er die Predigt verstanden habe , sagte er : » Am Ende mag alles noch viel einfacher sein , als der Prediger meint , Gott wird wohl wissen , daß der unsterblichen Seele durch böses Schicksal kein Schaden geschehen kann . « - Von da an warst Du wieder oben auf , doch meinte die Mutter , daß Deine revolutionären Aufregungen bei diesem Erdbeben später beim Prometheus wieder zum Vorschein gekommen seien . Laß mich Dir noch erzählen , daß Dein Großvater zum Gedächtnis Deiner Geburt einen Birnbaum in dem wohlgepflegten Garten vor dem Bockenheimer Tor gepflanzt hat , der Baum ist sehr groß geworden , von seinen Früchten , die köstlich sind , hab ich gegessen und - Du würdest mich auslachen , wenn ich Dir alles sagen wollte . Es war ein schöner Frühling , sonnig und warm , der junge hochstämmige Birnbaum war über und über bedeckt mit Blüten , nun war ' s , glaub ich , am Geburtstag der Mutter , da schafften die Kinder den grünen Sessel , auf dem sie abends , wenn sie erzählte , zu sitzen pflegte , und der darum der Märchensessel genannt wurde , in aller Stille in den Garten , putzten ihn auf mit Bändern und Blumen , und nachdem Gäste und Verwandte sich versammelt hatten , trat der Wolfgang als Schäfer gekleidet mit einer Hirtentasche , aus der eine Rolle mit goldnen Buchstaben herabhing , mit einem grünen Kranz auf dem Kopf unter den Birnbaum und hielt eine Anrede an den Sessel , als den Sitz der schönen Märchen , es war eine große Freude , den schönen bekränzten Knaben unter den blühenden Zweigen zu sehen , wie er im Feuer der Rede , welche er mit großer Zuversicht hielt , aufbrauste . Der zweite Teil dieses schönen Festes bestand in Seifenblasen , die im Sonnenschein , von Kindern , welche den Märchenstuhl umkreisten , in die heitere Luft gehaucht , von Zephir aufgenommen und schwebend hin und her geweht wurden ; sooft eine Blase auf den gefeierten Stuhl sank , schrie alles : » Ein Märchen ! ein Märchen ! « Wenn die Blase , von der krausen Wolle des Tuches eine Weile gehalten , endlich platzte , schrien sie wieder : » Das Märchen platzt . « Die Nachbarsleute in den angrenzenden Gärten guckten über Mauer und Verzäunung und nahmen den lebhaftesten Anteil an diesem großen Jubel , so daß dies kleine Fest am Abend in der ganzen Stadt bekannt war . Die Stadt hat ' s vergessen , die Mutter hat ' s behalten und es sich später oft als eine Weissagung Deiner Zukunft ausgelegt . Nun , lieber Goethe , muß ich Dir bekennen , daß es mir das Herz zusammenschnürt , wenn ich Dir diese einzelnen Dinge hintereinander hinschreibe , die mit tausend Gedanken zusammenhängen , welche ich Dir weder erzählen noch sonst deutlich machen kann , denn Du liebst Dich nicht wie ich , und Dir muß dies wohl unbedeutend erscheinen , während ich keinen Atemzug von Dir verlieren möchte . - Daß vieles sich nicht verwindet , wenn ' s einmal empfunden ist , daß es immer wiederkehrt , ist nicht traurig ; aber daß die Ufer ewig unerreichbar bleiben , das schärft den Schmerz . - Wenn mir Deine Liebe zu meiner Mutter durchklingt und ich überdenke das Ganze , dies Zurückhalten , dies Verbrausen der Jugend auf tausend Wegen , - es muß sich ja doch einmal lösen . - Mein Leben : was war ' s anders als ein tiefer Spiegel des Deinigen , es war liebende Ahnung , die alles mit sich fortzieht , die mir von Dir Kunde gab ; so war ich Dir nachgekommen ans Licht , und so werd ich Dir nachziehen ins Dunkel . - Mein lieber Freund , der mich nimmermehr verkennt ! - Sieh ich löse mir das Rätsel auf mancherlei schöne Weise ; aber , » frag nicht , was es ist , und laß das Herz gewähren « , sag ich mir hundertmal . Ich seh um mich emporwachsen Pflanzen seltner Art , sie haben Stacheln und Duft , ich mag keine berühren , ich mag keine missen . Wer sich ins Leben hereinwagt , der kann nur sich wieder durcharbeiten in die Freiheit ; und ich weiß , daß ich Dich einst noch festhalten werde und mit Dir sein und in Dir sein , das ist das Ziel meiner Wünsche , das ist mein Glaube . Leb wohl , sei gesund und laß Dir ein einheimischer Gedanke sein , daß Du mich wiedersehen wollest , vieles möcht ich vor Dir aussprechen . 24. November An Goethe Schön wie ein Engel warst Du , bist Du und bleibst Du , so waren auch in Deiner frühesten Jugend aller Augen auf Dich gerichtet . Einmal stand jemand am Fenster bei Deiner Mutter , da Du eben über die Straße herkamst mit mehreren andern Knaben , sie bemerkten , daß Du sehr gravitätisch einherschrittst , und hielten Dir vor , daß Du Dich mit Deinem Gradehalten sehr sonderbar von den andern Knaben auszeichnetest . - » Mit diesem mache ich den Anfang « , sagtest Du , » später werd ich mich noch mit allerlei auszeichnen « ; » und das ist auch wahr geworden « , sagte die Mutter . Einmal zur Herbstlese , wo denn in Frankfurt am Abend in allen Gärten Feuerwerke abbrennen und von allen Seiten Raketen aufsteigen , bemerkte man in den entferntesten Feldern , wo sich die Festlichkeit nicht hin erstreckt hatte , viele Irrlichter , die hin und her hüpften , bald auseinander , bald wieder eng zusammen , endlich fingen sie gar an , figurierte Tänze aufzuführen , wenn man nun näher drauf los kam , verlosch ein Irrlicht nach dem andern , manche taten noch große Sätze und verschwanden , andere blieben mitten in der Luft und verloschen dann plötzlich , andere setzten sich auf Hecken und Bäume , weg waren sie , die Leute fanden nichts , gingen wieder zurück , gleich fing der Tanz von vorne an ; ein Lichtlein nach dem andern stellte sich wieder ein und tanzte um die halbe Stadt herum . Was war ' s ? - Goethe , der mit vielen Kameraden , die sich Lichter auf die Hüte gesteckt hatten , da draußen herumtanzte . Das war Deiner Mutter eine der liebsten Anekdoten , sie konnte noch manches dazu erzählen , wie Du nach solchen Streichen immer lustig nach Hause kamst und hundert Abenteuer gehabt usw. - Deiner Mutter war gut zuhören ! - In seiner Kleidung war er nun ganz entsetzlich eigen , ich mußte ihm täglich drei Toiletten besorgen , auf einen Stuhl hing ich einen Überrock , lange Beinkleider , ordinäre Weste , stellte ein Paar Stiefel dazu , auf den zweiten einen Frack , seidne Strümpfe , die er schon angehabt hatte , Schuhe usw. , auf den dritten kam alles vom Feinsten nebst Degen und Haarbeutel , das erste zog er im Hause an , das zweite , wenn er zu täglichen Bekannten ging , das dritte zum Gala ; kam ich nun am andern Tag hinein , da hatte ich Ordnung zu stiften , da standen die Stiefeln auf den feinen Manschetten und Halskrausen , die Schuhe standen gegen Osten und Westen , ein Stück lag da , das andre dort ; da schüttelte ich den Staub aus den Kleidern , legte frische Wäsche hin , brachte alles wieder ins Geleis ; wie ich nun so eine Weste nehme und sie am offnen Fenster recht herzhaft in die Luft schwinge , fahren mir plötzlich eine Menge kleiner Steine ins Gesicht , darüber fing ich an zu fluchen , er kam hinzu , ich zanke ihn aus , die Steine hätten mir ja ein Aug aus dem Kopf schlagen können ; - » nun es hat Ihr ja kein Aug ausgeschlagen , wo sind denn die Steine , ich muß sie wiederhaben , helf Sie mir sie wieder suchen « , sagte er ; nun muß er sie wohl von seinem Schatz bekommen haben , denn er bekümmerte sich gar nur um die Steine , es waren ordinäre Kieselsteinchen und Sand , daß er den nicht mehr zusammenlesen konnte , war ihm ärgerlich , alles was noch da war , wickelte er sorgfältig in ein Papier und trug ' s fort , den Tag vorher war er in Offenbach gewesen , da war ein Wirtshaus zur Rose , die Tochter hieß das schöne Gretchen , er hatte sie sehr gern , das war die erste , von der ich weiß , daß er sie lieb hatte . Bist Du böse , daß die Mutter mir dies alles erzählt hat ? Diese Geschichte habe ich nun ganz ungemein lieb . Deine Mutter hat sie mir wohl zwanzigmal erzählt , manchmal setzte sie hinzu , daß die Sonne ins Fenster geschienen habe , daß Du rot geworden seist , daß Du die aufgesammelten Steinchen fest ans Herz gehalten und damit fortmarschiert , ohne auch nur eine Entschuldigung gemacht zu haben , daß sie ihr ins Gesicht geflogen . Siehst Du , was die alles gemerkt hat , denn so klein die Begebenheit schien , war es ihr doch eine Quelle von freudiger Betrachtung über Deine Raschheit , funkelnde Augen , pochend Herz , rote Wangen usw. - Es ergötzte sie ja noch in ihrer späten Zeit . - Diese und die folgende Geschichte haben mir den lebhaftesten Eindruck gemacht , ich seh Dich in beiden vor mir , in vollem Glanz Deiner Jugend . An einem hellen Wintertag , an dem Deine Mutter Gäste hatte , machtest Du ihr den Vorschlag , mit den Fremden an den Main zu fahren . » Mutter , Sie