treuen braunen Augen Ist wie von innrem Gold ein Widerschein ; Tief aus dem Busen scheint er ' s anzusaugen , Dort mag solch Gold in heilgem Gram gedeihn . In diese Nacht des Blickes mich zu tauchen , Unschuldig Kind , du selber lädst mich ein , Willst , ich soll kecklich dich und mich entzünden - Reichst lächelnd mir den Tod im Kelch der Sünden ! Scheiden von ihr Ein Irrsal kam in die Mondscheinsgärten Einer einst heiligen Liebe , Schaudernd entdeckt ich verjährten Betrug ; Und mit weinendem Blick , doch grausam Hieß ich das schlanke , Zauberhafte Mädchen Ferne gehen von mir . Ach , ihre hohe Stirn , Drin ein schöner , sündhafter Wahnsinn Aus dem dunkelen Auge blickte , War gesenkt , denn sie liebte mich . Aber sie zog mit Schweigen Fort in die graue , Stille Welt hinaus . Von der Zeit an Kamen mir Träume voll schöner Trübe , Wie gesponnen auf Nebelgrund , Wußte nimmer , wie mir geschah , War nur schmachtend , seliger Krankheit voll . Oft in den Träumen zog sich ein Vorhang Finster und groß ins Unendliche , Zwischen mich und die dunkle Welt . Hinter ihm ahnt ich ein Heideland , Hinter ihm hört ich ' s wie Nachtwind sausen ; Auch die Falten des Vorhangs Fingen bald an , sich im Sturme zu regen , Gleich einer Ahnung strich er dahinten , Ruhig blieb ich und bange doch , Immer leiser wurde der Heidesturm - Siehe , da kam ' s ! Aus einer Spalte des Vorhangs guckte Plötzlich der Kopf des Zaubermädchens , Lieblich war er und doch so beängstend . Sollt ich die Hand ihr nicht geben In ihre liebe Hand ? Bat denn ihr Auge nicht , Sagend : da bin ich wieder Hergekommen aus weiter Welt ! Und wieder Die treuste Liebe steht am Pfahl gebunden , Geht endlich arm , verlassen , unbeschuht , Dies kranke Haupt hat nicht mehr wo es ruht , Mit ihren Tränen netzt sie bittre Wunden . Ach , Peregrinen hab ich so gefunden ! Wie Fieber wallte ihrer Wangen Glut , Sie scherzte mit der Frühlingsstürme Wut , Verwelkte Kränze in das Haar gewunden . Wie ? Solche Schönheit konnt ich einst verlassen ? - - So kehrt nun doppelt schön das alte Glück ! O komm ! in diese Arme dich zu fassen ! Doch wehe ! welche Miene , welch ein Blick ! Sie küßt mich zwischen Lieben , zwischen Hassen , Und wendet sich und - kehrt mir nie zurück . Wie sonderbar ist Nolten von dieser Schilderung ergriffen ! wie lebhaft erkennt er sich und Elisabeth selbst noch in einem so bunt ausschweifenden Gemälde ! und diese Wehmut der Vergangenheit , wie vielfach ist sie bei ihm gemischt ! - Mechanisch steht er endlich auf und läßt sich von der träumerischen Wirrung der grünen Schattengänge eine Zeitlang willenlos hin und wider ziehen . So lieblich war die schmerzhafte Betäubung seiner Seele , so sehr hat er sich in den Wundergärten der Einbildung vertieft , daß , als er nun ganz unvermutet sich am Ausgange des Labyrinths dem hellen nüchternen Tageslichte zurückgegeben sah , dies ihm das unbehaglichste Erwachen war . Mit verdüstertem Kopfe schleicht er nun da und dort umher , und als endlich Agnes mit untergehender Sonne , vergnügt vom Schreibtische kommend , nach dem Geliebten suchte , fand sie ihn einsam auf dem Kanapee des großen Gartenhauses . Sie sehnte sich nach frischer Abendluft , nach dem erholenden Gespräch . Kaum waren einige Gänge gemacht , so hörten sie in der Entfernung donnern ; das Gewitter zog Herberts . Der Gärtner , welcher diese schwülen Tage her immer nach Regen geseufzt , lief jetzt - und Henni hinterdrein - mit schnellen Schritten nach Frühbeet und Gewächshaus , beide bezeugten laut ihren Jubel über den kommenden Segen , dem ein paar Windstöße kräftig vorangingen . Die Liebenden waren unter das hölzerne Dach des Belvedere getreten , Nannette trug einige Stühle hinaus . Sie bemerkten ein zwiefaches Wetter , davon die Hauptmacht vorne nach der Stadt zu lag , ein schwächeres spielte im Rücken des Schlosses . Die ganze Gegend hat sich schnell vernachtet . Da und dort zucken Blitze , der Donner kracht und wälzt seinen Groll mit Majestät fernab und weckt ihn dort aufs neue mit verstärktem Knall . Auf der Ebene unten scheint es schon herzhaft zu regnen . Hier oben herrscht noch eine dumpfe Stille , kaum hört man einzelne Tropfen auf dem nächsten Kastanienbaum aufschlagen , der seine breiten Blätter bis an das Geländer des Altans erhebt . Jetzt aber rauscht auch hier der Segen mächtig los . - Ein solcher Aufruhr der Natur pflegte den Maler sonst wohl zu einer mutigen Fröhlichkeit emporzuspannen ; auch jetzt hing er mit Wollust an dem kühnen Anblicke des feurig aufgeregten Elements , doch blieb er stille und in sich gekehrt . Agnes verstand seinen Kummer und leise nannte sie einigemal den Namen Larkens , doch konnte sie dem Schweigenden nicht mehr als ein Seufzen entlocken . Der Himmel hatte sich erschöpft , der Regen hörte auf , hie und da traten die Sterne hervor . Die angenehme Luft , das Tropfen der erquickten Bäume , ein sanftes Wetterleuchten am dunkeln Horizont machte die Szene nun erst recht einladend . Die junge Schwägerin , nach ihrer unsteten Art , war indes weggelaufen , um mit des Fräuleins Zofe zu kurzweilen , einer muntern Französin , in der sie einen unerschöpflichen Schatz von Geschichten und Späßen , eine wahre Adelschronik entdeckt hatte . Agnes bemühte sich , in Noltens Gedanken einzugehen , sein Schweigen tröstlich aufzulösen . Sie erinnerte sich jener Worte , welche der Maler im ersten Schmerz auf die entsetzliche Todesnachricht im Gasthof etwas vorschnell gegen sie hatte fallenlassen , wornach sie sich dem Toten auf eine besondere Weise persönlich verpflichtet glauben mußte . Ihre Fragen deshalb hatte Nolten nachher nur ausweichend und so allgemein wie möglich beantwortet , auch diesmal ging er schnell darüber hin und sie beharrte nicht darauf . Nun aber sprach sie überhaupt so ruhig , so verständig von dem Gegenstand , aus ihren einfachen Worten leuchtete so ein reines und sicheres Urteil über die innerste Gestalt jenes verunglückten Geistes hervor , daß Theobald ihr mit Verwunderung zuhörte . Zugleich tat sie ihm aber weh , in aller Unschuld . Denn freilich mußte sich in einem weiblichen Gemüt , auch in dem liebevollsten , die Denk- und Handlungsweise eines Mannes wie Larkens , nach ihrem letzten sittlichen Grunde , um gar viel anders spiegeln als in den Augen seines nächsten Freundes , und Nolten konnte im Räsonnement des Mädchens , wie zart und herzlich es auch war , doch leicht etwas entdecken , wodurch er dem Verstorbenen zu nahgetreten sah , ohne daß er Agnesen auf ihrem Standpunkt zu widerlegen hoffen , ja dieses auch nur wagen durfte . » Du kennst , du kennst ihn nicht ! « rief er zuletzt mit Eifer aus , » es ist unmöglich ! O daß er dir nur einmal so erschienen wäre , wie er mir in zwei Jahren jeden Tag erschien , du würdest einen andern Maßstab für ihn finden , vielmehr du würdest jedes hergebrachte Maß unwillig auf die Seite werfen . Ja , liebstes Herz « ( er stockte , sich besinnend , dann rief er ungeduldig : ) » Warum es dir verhalten ? was ängstigt mich ? O Gott , bin ich es ihm nicht schuldig ? Du sollst , Agnes , ich will ' s , du mußt ihn lieben lernen ! dies ist der Augenblick , um dir das rührendste Geheimnis aufzudecken . Du bist gefaßt , gib deine Hand , und höre , was dich jetzt , versteh mich Liebste , jetzt , da wir uns ganz - so selig ungeteilt besitzen , nicht mehr erschrecken kann . Wie ? hat denn das Gewitter , das mit entsetzlichen Schlägen noch eben jetzt erschütternd ob deinem Haupte stand , uns etwas anderes zurückgelassen , als den erhebenden Nachhall seiner Größe , der noch durch deine erweiterte Seele läuft ? und überall die Spuren göttlicher Fruchtbarkeit ? die süße , rein verkühlte Luft ? Wir können vom Vergangenen gelassen reden , ohne Furcht , daß es deshalb mit seiner alten Pein aufs neue gegen uns aufstehen werde . Wär es nur Tag , nun würde rings die Gegend vom tausendfachen Glanz der Sonne widerleuchten ! Doch , sei es immer Nacht ! Mit tiefer Wehmut weihe sie ein jedes meiner Worte , wenn ich nunmehr von alten Zeiten zu dir rede , wenn ich längst heimgeschickte Stürme vom sichern Hafen der Gegenwart aus anbetend segne , hier an deiner Seite , du Einzige , du Teure , ach schon zum zweitenmal und nun auf ewig Mein-Gewordene ! Ja , in den seligen Triumph so schwer geprüfter Liebe mische ich die sanfte Trauer um den Freund , der uns - du wirst es hören - zu diesem schönen Ziel geleitet hat . Agnes ! nimm diesen Kuß ! gib ihn mir zurück ! Er sei statt eines Schwurs , daß unser Bund ewig und unantastbar , erhaben über jeden Argwohn , in deinem wie in meinem Herzen stehe daß du , was ich auch sagen möge , nicht etwa rückwärts sorgend , dir den rein und hell gekehrten Boden unsrer Liebe verstören und verkümmern wollest . Ein anderer an meinem Platz würde mit Schweigen und Verhehlen am sichersten zu gehen glauben , mir ist ' s nicht möglich , ich muß das verachten , o und - nicht wahr ? meine Agnes wird mich verstehen ! - Was ich von eigner Schuld zu beichten habe , kann in den Augen des gerechten Himmels selbst , ich weiß das sicher , den Namen kaum der Schuld verdienen ; und doch , so leicht wird die rechtfertige Vernunft von dem schreckhaften Gewissen angesteckt , daß noch in tausend Augenblicken und eben dann , wenn ich den Himmel deiner Liebe in vollen Zügen in mich trinke , am grausamsten , mich das Gedächtnis meines Irrtums , wie eines Verbrechens befällt . Ja , wenn ich anders mich selbst recht verstehe , so ist ' s am Ende nur diese sonderbare Herzensnot , was mich zu dem Bekenntnis unwiderstehlich treibt . Ich kann nicht ruhn , bis ich ' s in deiner liebevollen Brust begraben , bis ich durch deinen Mund mich freudig und auf immer losgesprochen weiß . « Der Maler wurde nicht gewahr , wie dieser Eingang schon die Arme innig beben machte . In wenigen , nur schnell hervorgestoßenen Sätzen war endlich ein Teil der unseligen Beichte heraus . Aber das Wort erstirbt ihm plötzlich auf der Zunge . » Vollende nur ! « sagt sie mit sanftem Schmeichelton , mit künstlicher Gelassenheit , indem sie zitternd seine Hände bald küßt , bald streichelt . Er schwankt und hängt besinnungslos an einem Absturz angstvoll kreisender Gedanken , er kann nicht rückwärts , nicht voran , unwiderstehlich drängt und zerrt es ihn , er hält sich länger nicht , er zuckt und - läßt sich fallen . Nun wird ein jedes Wort zum Dolchstich für Agnesens Herz . Otto - die unterschobenen Briefe - die Verirrung zu der Gräfin - alles ist herausgesagt , nur die Zigeunerin , ist er so klug , völlig zu übergehn . Er war zu Ende . Sanft drückt er ihre Hand an seinen Mund sie aber , stumm und kalt und versteinert , gibt nicht das kleinste Zeichen von sich . » Mein Kind ! o liebes Kind ! « ruft er , » hab ich zuviel gesagt ? hab ich ? Um Gottes willen , rede nur ein Wort ! was ist dir ? « Sie scheint nicht zu hören , wie verschlossen sind all ihre Sinne . An ihrer Hand nur kann er fühlen , wie sonderbar ein wiederholtes Grausen durch ihren Körper gießt . Dabei murmelt sie nachdenklich ein unverständliches Wort . Nicht lang , so springt sie heftig auf - » O unglückselig ! unglückselig ! « ruft sie , die Hände überm Haupt zusammenschlagend , und stürzt , den Maler weit wegstoßend , in das Haus . Vor seinem Geiste wird es Nacht - er folgt ihr langsam nach , sich selbst und diese Stunde verwünschend . Margot kam erst den andern Vormittag zurück von der Stadt . Sie war verwundert , eine auffallende Verstimmung unter ihren Gästen sogleich wahrnehmen zu müssen . Bescheiden forschte sie bei Nannetten , doch diese selbst war in der bängsten Ungewißheit . Agnes hielt sich auf ihrem Zimmer , blieb taub auf alle Fragen , alle Bitten , und wollte keinen Menschen sehn . Das Fräulein eilt hinüber und findet sie angekleidet auf dem Bett , den Bleistift in der Hand , sinnend und schreibend . Sie ist sehr wortarm , nach allen Teilen wie verwandelt , ihr Aussehn dergestalt verstört , daß Margot im Herzen erschrickt und sich gerne wieder entfernt , nicht wissend , was sie denken soll . - Nannette bestürmt den Bruder mit Fragen , er aber zeigt nur eine still in sich knirschende Verzweiflung . Zu deutlich sieht er die ganze Gefahr seiner Lage ; er fühlt , wie in dem Augenblick das Herz des Mädchens aus tausend alten Wunden blutet , die seine Unbesonnenheit aufriß : und nun soll er dastehn , untätig , gefesselt , sie rettungslos dem fürchterlichen Wahne überlassend ? er soll die Türe nicht augenblicklich sprengen , die ihn von ihr absperrt ! Einmal übers andre schleicht er an ihre Schwelle ; ihm wird nicht aufgetan . Zuletzt erhält er ein Billett von ihr durch seine Schwester ; der Inhalt gibt ihm zweideutigen Trost ; sie bittet vorderhand nur Ruhe und Geduld von ihm . Sie sei , hinterbrachte Nannette , mit einem größeren Briefe beschäftigt , gestehe aber nicht , an wen er gehe . Dem Maler bleibt nichts übrig , als ebenfalls die Feder zu ergreifen . Er bietet allem auf , was ruhige Vernunft und was die treueste Liebe mit herzgewinnenden Tönen in solchem äußersten Falle nur irgend zu sagen vermag . Dabei spricht er als Mann zum krank verwöhnten Kinde , er rührt mit sanftem Vorwurf an ihr Gewissen und schickt jedwedem leisen Tadel die kräftigsten Schwüre , die rührendsten Klagen verkannter Zärtlichkeit nach . Am Abend kam der Präsident . Zum Glück traf er schon etwas hellere Gesichter , als er vor wenig Stunden noch gefunden haben würde . Die Mädchen hatten dem Maler berichtet : Agnes sei ruhig , anredsam und freundlich und habe nur gebeten , daß man sie heute noch sich selber überlasse ; es sei ihr vor , vielmehr , sie wisse sicher und gewiß , daß diese Nacht sich alles bei ihr lösen werde . Der Präsident , der manches zu erzählen wußte , bemerkte etwas von Zerstreuung in den Mienen seiner Zuhörer und vermißte Agnesen . » Schon gut « , gab er Nolten mit Lächeln zur Antwort , als dieser ihm nur leichthin von einem kleinen Verdrusse sprach , den er sich zugezogen , » recht so ! das ist das unentbehrlichste Ferment der Brautzeit , das macht den süßen Most etwas rezent . Der Wein des Ehestands wird Ihnen dadurch um nichts schlimmer geraten . « Das Abendessen war vorbei . Man merkte nicht , wie spät es bereits geworden . Die beiden Herren saßen im Diskurs auf dem Sofa . Nannette und Margot lasen zusammen in einem kleinen Kabinett , das nur durch eine Tür von dem Zimmer geschieden war , wo Agnes schlief . Die Unterhaltung der Männer geriet indes auf einen seltnen Gegenstand . Der Präsident nämlich hatte gelegentlich von einem üblen Streich gesprochen , den ihm der Aberglaube des Volks und die List eines Pachters hätte spielen können . Es handelte sich um ein sehr wohlerhaltenes Wohnhaus auf einem Bauernhofe , den er , als Bestandherr , noch gestern eingesehn . Das Haus war wegen Spukerei verrufen , so daß niemand mehr drin wohnen wollte . Der kluge Pachter sah seinen Vorteil bei dieser Torheit , er hatte dem Gebäude längst eine andere Bestimmung zugedacht , die der Präsident nicht zugeben konnte , und nährte deshalb unter der Hand die Angst der Bewohner . Mit sehr vieler Laune erzählte nun jener , auf welche Art er die Köpfe samt und sonders zurechtgesetzt und wie er die ganze Sache niedergeschlagen . Dies gab sofort Veranlassung , den Glauben an Erscheinungen , inwieweit Vernunft und Erfahrung dafür und dagegen wären , mit Lebhaftigkeit zu besprechen . Der Maler fand es durchaus nicht wider die Natur , vielmehr vollkommen in der Ordnung , daß manche Verstorbene sich auf verschiedentliche sinnliche Weise den Lebenden zu erkennen geben sollten . Der Präsident schien dieser Meinung im Herzen weit weniger abhold zu sein , als er gestehen wollte ; vielleicht auch war ihm nur darum zu tun , das Interesse des Gesprächs durch Widerspruch zu steigern . » Ich will Ihnen doch « , sagt er endlich , » eine kleine Geschichte mitteilen , für deren Wahrheit ich Bürge bin . Noch aber weiß ich selber nicht , für welchen von uns beiden sie am meisten spricht . Ich wohnte in England bei einer Verwandten , einer Witwe ohne Kinder . Sie war mit ihrem Manne gegen den Willen beider verheiratet worden , sie lebten nur wenige Monate zusammen und er starb nach einigen Jahren im Auslande . Mein Aufenthalt in London fiel eben in die Zeit , als die schöne Frau sich zum zweiten Male , und entschieden nach Neigung mit einem reichen Kaufmann aus Deutschland verlobte . Religiöse Schwärmerei , eben dasjenige , wodurch sie in der ersten Ehe so unglücklich gewesen , machte hier neben einer natürlichen Leidenschaft das wesentliche Band der Herzen aus . Ich erinnere mich seiner noch ganz wohl , als eines Mannes von hoher und zugleich sehr zarter Gestalt , anziehend und geheimnisvoll in seinen Manieren . Er ging lange Zeit im Haus der Witwe aus und ein , sie sollen gemeinschaftlich die heimlichen Versammlungen einer gewissen Sekte besucht haben , deren Grundsätze man eigentlich nicht kannte , kurz , er war erklärter Bräutigam ; aber niemand begriff , warum es mit der Hochzeit nicht vorangehn wollte , von der sich die Familie eines der glänzendsten Feste versprach . Indessen ward er veranlaßt eine sehr weit aussehende Reise in Geschäften nach Nordamerika zu tun , und nun zweifelte man gar nicht mehr , daß er die Verbindung in der Stille werde ausgehn lassen ; man bemitleidete die Braut , die ihn jedoch ganz ruhig und getrost sich einschiffen sah , und soviel man bemerken konnte , bald einen lebhaften Briefwechsel mit ihm unterhielt . Ich war zugegen , als einsmals eine Kiste mit ausgewählten Geschenken anlangte , welche die Lady mit einem feierlichen Wohlgefallen ausbreitete , wobei sie mir vertraute : es wäre dies die Morgengabe ihres Gatten . Ich verstand sie nicht und sie erklärte sich auch nicht deutlicher . Späterhin erst ward mir das Rätsel gelöst . Das wundersame Paar hatte sich nämlich verpflichtet , die Vermählung auf eine höchst mysteriöse und völlig geistige Weise vollziehen zu lassen . Indem sie so viele hundert Meilen durch Land und Meer geschieden waren , sollte jedes in seinem eignen Hause , zu einer und derselben Stunde , hier zwischen Aufgang , dort zwischen Untergang der Sonne , feierlich von zwei besondern Priestern eingesegnet werden . Nachdem also die Braut ganz im geheimen aufs festlichste gekleidet und mit Blumen geschmückt , welche man gegen die Morgendämmerung im Garten gebrochen , die halbe Nacht sich mit Gebet auf die wichtige Handlung vorbereitet hatte , erschien der Geistliche , von dreien Glaubensbrüdern begleitet . Ein kleiner Saal war sparsam erleuchtet , ein Tisch , worauf zwei Kerzen brannten , zum Altare aufgeputzt . Als nun der Geistliche in seiner Liturgie an die Stelle kam , wo im Namen des Abwesenden mit dem Ja geantwortet werden sollte , verlöschte plötzlich eins der Lichter von selbst , zum Erstaunen der Gegenwärtigen und zum größten Schrecken der Braut , die indessen dadurch getröstet wurde , daß man sie in diesem Zufall ein erfreuliches Zeichen sehen ließ ; sie richtete sich beruhigt von ihren Knieen auf und fühlte sich mit dem Geliebten innig und geheimnisvoll verbunden . Als man sie sofort allein gelassen , bestieg sie , der Vorschrift gemäß , ein hochzeitlich verziertes , mit süßen Wohlgerüchen besprengtes Lager , worin sie den Vormittag hinter dicht verschloßnen Fensterladen zubrachte . Mit was für Bildern sich ihre Träume beschäftigten , ob sie mit dem himmlischen Bräutigam oder dem irdischen verkehrt habe , laß ich dahingestellt sein - wahrscheinlich mit beiden zugleich , und keiner hatte somit Ursache zur Eifersucht . Genug von dieser tollen Zeremonie , deren raffiniert sinnliche Heiligkeit jeden empört . Merkwürdig bleibt nur , daß bald nachher die Nachricht vom Tode des Kaufmanns einlief . Er war , nach kurzem Krankenlager , einige Tage vor der Hochzeit gestorben , an welcher er , wenn man der armen Wachskerze glauben will , wenigstens geistweise teilgenommen . Was halten Sie von dieser Manifestation eines Abgeschiedenen , mein lieber Maler ? « Theobald lächelte und war im Begriff , zu antworten , als Margot und Nannette mit großer Bewegung ins Zimmer gelaufen kamen , und hastig ein Fenster öffneten , das gegen die Gartenallee hinaussah . » Um Gottes willen , hören Sie doch « , rief das Fräulein den beiden Männern zu , » was für ein seltsamer Gesang das ist ! « Während der Präsident , ganz erstaunt , sich mit den Mädchen stritt , ob die Stimme im Garten oder außerhalb desselben sei , war Nolten in der Mitte des Zimmers sprachlos stehen geblieben : er kannte diese Töne , die Ruine vom Rehstock stand urplötzlich vor seinem Geist , ihm war , als schlüge das Totenlied einer Furie weissagend an sein Ohr , er zog seine Schwester vom Fenster hinweg und mit hastig verworrenen Worten fordert er sie auf , mit ihm nach Agnesen zu sehn . Sie fanden Schlafzimmer und Bett des Mädchens leer . Unter dem Wehruf eines Verzweifelten eilt Nolten hinunter , den Anlagen zu . Bediente mit Laternen waren bereits dort angekommen . Der Präsident vom Fenster aus gab ungefähr die Richtung an , von wo die Stimme hergekommen , denn schon war kein Laut mehr zu hören . Das ganze Schloß war in Bewegung und in dem weitläufigen Garten sah man bald so viele Lichter hin und her schweben , als nur Personen aufzutreiben waren . Der Präsident selbst half jetzt eifrig mitsuchen . Es war eine laue Nacht , der Himmel überzogen , kein Lüftchen bewegte die Zweige . Alle größern und kleinern Wege , Schlangenpfade , Gänge , Lauben , Pavillons und Treibhäuser hat man in kurzem vergeblich durchlaufen , einige steigen über die Mauer , andre eilen ohne Schonung der Gewächse und Beete , das Gebüsch und die tiefern Schatten zu beleuchten . Nicht lange , so winkt der Jäger des Präsidenten diesen mit einem traurigen Blicke hinweg , der Maler und die Frauenzimmer folgen . Wenige Schritte vom Haus , hart unter den Fenstern Agnesens , sehn sie das schöne Kind unter einigen Weimutsfichten , regungslos ausgestreckt , im weißen Nachtkleide liegen , die Füße bloß , die Haare auf dem Boden und über die nackten Schultern zerstreut . Nolten sank neben dem Körper in die Kniee , fühlte nach Atem , den er nicht fand , er brach in lauten Jammer aus , indem er die Hände der Armen an seine heißen Lippen drückte . Die übrigen standen erschrocken umher , nach und nach sammelten die Lichter sich leise um den unglücklichen Platz , ein banges Stillschweigen herrschte , während andere eine Trage herbeizuholen eilten , und Margot die Füße der Erstarrten in ihr Halstuch einhüllte . » Lassen Sie uns « , sagt jetzt der Präsident zu Nolten , welcher noch immer ohne Besinnung an der Erde kauerte , » lassen Sie uns vernünftig und gefaßt schnelle Hülfe anwenden , Ihre Braut wird in kurzem die Augen wieder öffnen ! « Also hob man vorsichtig die Scheinleiche auf das Polster und alle setzten sich in Bewegung , als auf einmal eine fremde Weiberstimme , welche ganz in der Nähe aus dichtem Gezweige hervordrang , einen plötzlichen Stillstand veranlaßte . Unwillkürlich ballte sich Theobalds Faust , da er die majestätische Gestalt der Zigeunerin mit keckem Schritt in die Mitte treten sah , aber die Gegenwart einer unnahbaren Macht schien alle seine Kraft in Bande zu schlagen . Indes man Agnesen , von den Mädchen geschäftig begleitet , hinwegtrug , sagte Elisabeth mit ruhigem Ernst : » Wecket das Töchterchen ja nicht mehr auf ! Entlaßt in Frieden ihren Geist , damit er nicht unwillig , gleich dem verscheuchten Vogel , in der unteren Nacht ankomme , verwundert , daß es so balde geschah . Denn sonst kehrt ächzend ihre Seele zurück , mich zu quälen und meinen Freund ; es eifert , ich fürchte , die Liebe selber im Tode noch fort . Ich bin die Erwählte ! mein ist dieser Mann ! Aber er blickt mich nicht an , der Blöde ! Laßt uns allein , damit er mich freundlich begrüße ! « Sie tritt auf Theobalden zu , der ihre Hand , wie sie ihn sanft anfassen will , mit Heftigkeit wegwirft . » Aus meinen Augen Verderberin ! verhaßtes , freches Gespenst ! das mir den Fluch nachschleppt , wohin ich immer trete ! Auf ewig verwünscht , in die Hölle beschworen sei der Tag , da du mir zum ersten Male begegnet ! Wie muß ich es büßen , daß mich als arglosen Knaben das heiligste Gefühl zu dir , zu deinem Unglück mitleidig hinzog , in welche schändliche Wut hat deine schwesterliche Neigung , in was für teuflische Bosheit hat deine geheuchelte Herzensgüte sich verkehrt ! Aber ich konnte wissen , ich kindischer , rasender Tor , mit wem ich handeln ging ! - Herr Gott im Himmel ! nur diese Strafe ist zu hart - Elend auf Elend , unerhört und unglaublich , stürzt auf mich ein - O ihr , deren Blicke halb mit Erbarmen , halb mit entehrendem Argwohn auf mich , auf dieses Weib gerichtet sind , glaubt nicht , daß meine Schuld dem Jammer gleich sei , der mein Gehirn zerrüttet ! Das Elend dieser Heimatlosen lest ihr auf ihrer Stirn - aus dieser Quelle floß mir schon ein übervolles Meer von Kummer und Verwirrung . Keine Verbrecherin darf ich sie nennen - sie verdiente mein Mitleid , ach , nicht meinen Haß ! Doch wer kann billig sein , wer bleibt noch Mensch , wenn der barmherzige Himmel sich in Grausamkeiten erschöpft ? Was ? wär ' s ein Wunder , wenn hier auf der Stelle mich selbst ein tobender Wahnsinn ergriffe , mich fühllos machte gegen das Äußerste , Letzte , das - o ich seh es unaufhaltsam näher kommen ! Was klag ich hier ? was stehn wir alle hier ? und droben der Engel ringt zwischen Leben und Tod - Sie stirbt ! Sie stirbt ! Soll ich sie sehn ? kann ich sie noch retten ? O folgt mir ! - Wohin ? dort kommt Margot eben von ihr ! Ja - ja - auf ihrer Miene kann ich es lesen - Es ist geschehen - mit Agnes , mit Agnes ist es vorbei ! - Hinweg ! laßt mich fliehen ! fliehen ans Ende der Welt - « Kraftvoll hält ihn Elisabeth fest , er stößt im ungeheuren Schmerz ein entsetzliches Wort gegen sie aus , aber sie umfaßt mit Geschrei seine Kniee und er kann sich nicht rühren . Der Präsident wendet das Auge von der herzzerreißenden Szene . » Weh ! Wehe ! « ruft Elisabeth , » wenn mein Geliebter mir flucht , so zittert der Stern , unter dem er geboren ! Erkennst du mich denn nicht ? Liebster ! erkenne mich ! Was hat mich hergetrieben ? was hat mich die weiten Wege gelehrt ? Schau an , diese blutenden Sohlen ! Die Liebe , du böser , undankbarer Junge , war allwärts hinter mir her . Im gelben Sonnenbrand , durch Nacht und Ungewitter , durch Dorn und Sumpf keucht sehnende Liebe , ist unermüdlich , ist unertötlich , das arme Leben ! und freut sich so süßer , so wilder Plage , und läuft und erkundet die Spuren des leidigen Flüchtlings von Ort zu Ort , bis sie ihn gefunden - Sie hat ihn gefunden - da steht er und will sie nicht kennen . Weh mir ! wie hab ich freudigern Empfang gehofft , da ich dir so lange verloren gewesen , und , Liebster , du mir ! - So gar nicht achtest du meines herzlichen Grames , stößest mich von dir wie ein räudiges Tier , - das aber leckt mit der Zunge die Füße des Herrn , das aber will von seinem Herrn nicht lassen . - - Ihr Leute , was soll ' s ? Warum hilft mir niemand zu meinem Recht ? Sei Zeuge du Himmel , du frommes Gewölbe , daß dieser Jüngling mir zugehört ! Er hat mir ' s geschworen vorlängst auf der Höhe , da er mich fand . Die herbstlichen Winde ums alte Gemäuer vernahmen den Schwur ; alljährlich noch reden die Winde von dem glückseligen Tag . Ich war wieder dort , und sie sagten : Schön war er als Knabe , wär er so fromm auch geblieben ! Aber die Kinder allein sind wahrhaftig . - Agnes , was geht sie dich an ? Ihr konntest du dein Wort nicht halten , du selbst hast ' s ihr bekannt , das hat sie krank gemacht , sie klagte mir ' s den Abend