beständig bin ich einsam , gerade wie heute . Heute ist ein besondrer Fall . Meine Leute sind nach der Stadt gelaufen , weil , wie es heißt , die gefangnen Juden vor Gericht gestellt werden . Ich hätte nicht selbst das traurige Schauspiel sehen mögen , aber wissen will ich doch , was an der Sache ist , weil der Eine der Gefangnen mir besonders am Herzen liegt , und ich mir nicht einbilden kann , was er verbrochen haben soll . « - » Wen meint Ihr da ? « fragte Dagobert aufmerksam . - » I nu , den armen Mann Ben David , der mit seinem Vater im Gefängniß liegt , « versetzte Crescenz : » und der eben jener Wohlthäter war , welcher ein halbes Jahr hindurch mein und meines Kindes Leben fristete . « - » Ben David , sagt Ihr ? « fuhr Dagobert heftig fort : » der Jude Ben David ? Er heute vor Gericht ? Er noch nicht frei ? und auch Jochai im Kerker ? Beim Himmel ! Du weißt nicht , Crescenz , welche Nachricht Du mir mittheiltest . Ich muß fort , - zur Stelle fort ; Vollbrecht ! die Pferde vor ! « - » Ei , was habt Ihr denn , mein guter Junker ? « rief Crescentia : » So schnell , und auf diese Nachricht hin wollt Ihr scheiden ? Wie ist mir denn ? Kennt Ihr den Juden ? Habt Ihr schon etwa vernommen , wessen er beschuldigt ? « - Aber ihre Fragen , und ihr Rufen verhallte , denn schon saß Dagobert zu Roß , schon flog er mit seinem Knechte den Sandweg hinab zur Heerstraße , und erreichte in Kurzem die Stadt . Wie im Fluge ging ' s , Zwingen und Gassen entlang bis zur Judenstraße . Hier waren jedoch die Reiter gezwungen , ihre Pferde zu bändigen , denn die Gasse stand gedrängt voll von Menschen . Aller Augen auf Ben David ' s Haus gerichtet , Aller Lippen in unruhig schwatzender Bewegung . Die Bewohner der Gasse hielten sich in ihren Wohnungen verkrochen , Wache hatte die Pforte von David ' s Hause besetzt , aber dennoch strömten Menschen darin aus und ein , und so eben führte man daraus ein ohnmächtiges Weib auf die Gasse , in Gewändern , wie sie die Bürgerinnen kleiner Landstädte zu tragen pflegten . » Das arme Weib ! « scholl es theilnehmend aus dem Munde aller Anwesenden : » Ein , wahres Unglück hat sie just heute zur Stadt geführt ! « - » Was gibt ' s denn hier ? « erkundigte sich Dagobert bei einem Kerl , der , Langes und Breites erzählend , unter einem Haufen von Handwerksgenossen stand , deren rothgelbe Jacken die Zunft der Löher verriethen . - » Des Juden Keller ist durchsucht worden ; « erläuterte der Geselle : » ich selbst war unten . Das getödtete Kind hat man zwar nicht gefunden - die Buben haben ' s in den Main geworfen , - aber viel andres Zeug , das wohl bewährt , welch ein Handwerk die Schelmen von Juden im Stillen getrieben haben . « » Was denn « fragten die neugierigen Zuhörer . - » Kleidungsstücke mit Blut befleckt , « fuhr der Erzähler fort : » Lumpen sowohl als Staatsgewänder , einige Kostbarkeiten , - lauter gestohlnes Gut , und endlich eine Kette mit blutrothen Steinen , kenntlich für den Eigenthümer durch die Steine selbst und die Arbeit des Silberschmids . Der Schmuck hat auch schon seinen Eigenthümer gefunden . Das arme Weib , das dort ohnmächtig liegt und just gelabt wird , hat ihn erkannt . « » Erkannt ? « rief der Hause . - » Jeder von Euch , « sprach der Löher weiter , » hat ja wohl einmal von dem schönen Evchen von Berger gehört ? Weit und breit war das wunderholde Kind berühmt . Weit und breit wurde Hermann , der junge Metzger aus Friedberg beneidet , da er endlich das schmucke Mädel heimführte . Nun , schaut hin auf das arme Weibsbild , ob man eine Spur der ehemaligen Schönheit auf ihrem Gesicht erkennt ; und doch ist sie ' s. Ihr Mann aber wurde erschlagen , da er mit der Ausstattung seiner jungen Frau nach Friedberg fuhr , und die Halskette mit den blutrothen Steinen , ein Erbtheil von Evchens Großmutter hat einen Theil der Mitgabe ausgemacht , und sich so eben in dem Keller des verfluchten Juden gefunden . « - » Das ist nicht wahr ! « donnerte dem Erzähler Dagobert zu , während die Umstehenden sich bekreuzten . Der Kerl gaffte ihn mit offenem Maule an . - » Nu , wenn Ihrs besser wißt , Herr , « antwortete er flämisch , » so hättet Ihr den wackern Leuten hier das Ding erzählen sollen . « Dagobert wollte mit dem Roß auf den Lümmel einsprengen , aber Vollbrecht war dießmal der Besonnenere , und riß den Herrn zurück . » Bedenkt doch die Uebermacht ! « flüsterte er dem Heftigen zu , » und lasse uns förder ziehen . « - » Nimmermehr ! « erwiederte Dagobert : » sehen muß ich , welch ein Ende der verdammte Auftritt nimmt ! « - Die Fluth des Volks wälzte sich gerade mit aller Macht gegen Ben-David ' s Thüre ; denn die Gefangenen wurden eben herausgebracht . Der Oberstrichter , erhitzt von Eifer und Zorn ging voraus ; ihm folgten Knechte mit Körben und Bündeln , die das Gefundene fortschleppten ; hierauf erschien Zodick mit siegreicher Miene , und lange nach ihm die Gebundenen selbst , von Soldknechten umringt . Nachrichter und Gesellen folgten erst weit hintendrein , denn der Oberstrichter hatte dennoch für gut befunden , sie nur als schreckende , nicht dienende Leute mit zu führen . Beim Erscheinen der sogenannten Verbrecher entfaltete das Volk wieder all seine Rohheit , denn es schämte sich nicht , aus vollem Halse das Lied anzustimmen , das in der Rumpelwoche in den Kirchen gesungen wurde , begleitet vom einem tobenden Lärm ungezogener Handwerksgesellen und Straßenbuben : » Ach , Du armer Judas ! Was hast Du gethan ? Weiß ich doch sonst was , das geht Dich auch an . Ach , du armer Judas ! Was hast Du gethan ! « - Unter diesem Geheule , dem der blutdürstigen Wölfe zu vergleichen , fiel ein neuer Austritt vor herzzerreißender als der , den das schöne Evchen gegeben hatte , und schmerzlich im höchsten Grade für Dagobert . Eine Dirne stürzte herbei , mit aufgelöstem Haare , bleich wie der Tod , aber bildschön im höchsten Kummer selbst ; Esther , die verzweifelnde Esther , die herzueilte , jetzt erst von dem schrecklichen Gange unterrichtet , den ihr Vater thun mußte , welchen bisher zu sehen , ihr nicht vergönnt gewesen . Zu seinen Füßen drängte sie sich durch , seine Hände drückte sie mit Inbrunst an ' s Herz , die ihrigen streckte sie nach Jochai aus , - aber wilde Gewalt stieß sie von ihren Lieben zurück . Vergebens jammerte , vergebens flehte sie , vergebens bot sie , was sie von Werth bei sich trug , für die Gnade , ein paar Augenblicke lang sich mit dem Unglücklichen zu letzen ..... ihre Bitten prallten ab von den Panzern der Wächter , und da endlich diese Letztern es nicht ferner über sich gewinnen konnten , die rührende Schönheit unbarmherzig mit ihren Waffen zurückzuweisen , so kam eilfertig der Stöcker herbei , um zu thun , was dem Krieger wiederstrebte . Aber , so wie er die Arme ausstreckte , um Esther zu ergreifen , fühlte er einen so heftigen Schlag im Genicke , daß ihm die Lust verging , weiter vorzudringen . - » Gott verdamme Dich , ungehobelter Gesell ! « rief dem bestürzt zurückschauenden Dagobert in ' s Ohr , welcher die Peitsche schwang , um nöthigenfalls seine kräftige Zurechtweisung zu wiederholen : » So Du noch einmal Dich unterfängst , die Dirne hier durch Deine schändliche Berührung unehrlich machen zu wollen , so breche ich Dir den Hals ! « - Der Nachrichter schrie nach Hülfe . Das Volk lachte den Verhaßten aus , und höhnte ihn . Da kehrte der Oberstrichter zurück . » Was gibts da ? « herrschte er : » Wer nimmt Partie für die Jüdin ? « » Ich Herr , « entgegnete ihm Dagobert trotzig : » Ich Dagobert Frosch , des Schöffen und Altbürgers Sohn . « - » Schande für Euch ! « eiferte der Oberstrichter : » Stöcker ! schafft das freche Geschöpf weg ! « - » Dem Schurken kostets die Ohren ! « versetzte Dagobert , seinen Dolch ergreifend : » Er wage es nicht . Schande ist ' s für Euch , edler Herr , solche Gesellen in Eurem Gefolge zu führen . Den Verdammten ergreife der Henker , - den Unschuldigen nicht . « - » Die Jüdin gehört mein ! « ließ sich der Stöcker vernehmen : » Sie hat dem Gebot zuwider gehandelt , und ist auf die Gasse gelaufen ohne Schleier und Judenzeichen . Das Halseisen gebührt ihr , und mein gehören ihre Haarflechten , so sie dieselbe nicht mit Geld lösen mag . « - » Der Teufel auf Deinen eignen geschornen Schädel gehört Dir , Galgenrabe ! « zürnte Dagobert dem Burschen entgegen : » Soll die Dirne deshalb büßen , daß sie in ihres Herzens Angst Euer Verbot vergessen ? « - » Sie ist eine schlechte Jüdin ! « rief der Oberstrichter . - » Ein Jude ist auch ein Mensch ! « antwortete ihm Dagobert zorniger denn zuvor : » Und kurz und gut , Ihr laßt sammt Euern Helfershelfern das Mädel in Frieden , oder ich will Euch zeigen , wie man mit Hunden umgeht ! « - Der Stöcker entwich bei der furchtbaren Bewegung , die der Jüngling gegen ihn machte . Aber zu gleicher Zeit rissen auf einen Wink des Richters , die Knechte , die Gefangenen von dannen , welche indessen Muße gehabt hatten , einige Worte mit Esther zu wechseln . Diese Letztere aus den Klauen der Schergen und des Pöbels zu retten , der nur des Richters Entfernung erwartete , um an der Ärmsten seine rohe Willkür zu üben , war Dagoberts Bestreben von nun an . » Komm Dirne , mit mir ! « rief er dem Mädchen zu : » ich führe Dich in ' s Freie ! « - Dankend näherte sich ihm Esther , von Thränen überströmt . Der Oberstrichter lachte höhnisch auf . - » Ein wackres Ritterstücklein ! « versetzte er : » Werd ' s zu rühmen wissen , und Euch deshalb beloben ! « » wie ' s Euch beliebt ! « rief dem Scheidenden Diether ' s Sohn nach : » Wir sprechen uns wohl noch anderswo , Herr Oberstrichter ! « - Der Letztere warf ein kurzes : » Ich denk ' s ! « zurück , und ging trutziglich davon . » Faß meinen Steigbügel an ! « sprach hierauf Dagobert zu der zitternden Esther , um die sich der Pöbel brausend drängte , im Begriff seinen Schmähungen Luft zu machen : » Halte Dich fest ; und Du , Vollbrecht , reite auf des Mägdleins anderer Seite . Ihr aber , Gesindel , bleibt zurück , oder wahrt Eure Köpfe ! « - Nach dieser Warnung ging es so schnell davon , als die zwischen den Pferden gehende Ester Schritt zu halten vermochte . Bis an den Ausgang der Straße wogte die Menschenmasse nach ; da indessen einige wohl angebrachte Peitschenhiebe ihres Zwecks nicht verfehlten , und die Unbändigsten des Pöbels in ihre Schranken wiesen , blieben die Uebrigen zurück , und bloß mehrere Steinwürfe , die nicht trafen , gaben das letzte Zeugniß von der ohnmächtigen Wuth des Volks . » Wohin soll ich Dich bringen ? « fragte Dagobert , um die verwunderten Gaffer an den Hausthüren unbekümmert : » Esther , sprich ! Wo hausest Du denn Mädchen ? « - » Vor die Stadt bringt mich , edler Herr ! « seufzte Esther : » Vor die Stadt nur geleitet mich . « - » So laß den garstigen Steigbügel fahren , « erwiederte Dagobert : » und ergreife die Quaste meiner Satteldecke « - Dies geschah ; ehe jedoch noch des Zwingers Graben erreicht war , ruhte Esthers Hand schon in der Rechten Dagoberts . Vor dem Thore , zu welchem kurz zuvor der Jüngling herein geritten , saß er ab , und sprach zu Esther : » Nun sage an , mein Kind , wohin Du Deine Schritte zu lenken gedenkst ? Warum entfliehst Du den Ringmauern der Stadt ? Hast Du kein sicheres Obdach in derselben ? « - Wehmüthig schüttelte Esther , das von Perlen der Kindesliebe geschmückte Haupt . - » Ei , so sage doch , um Gott , wo Du weiltest in den verflossenen Tagen ? « fuhr Dagobert betroffen fort : » Ich wähnte Dich in Deines Großvaters Haus und Armen . Sprich doch , Du armes Mägdlein , sprich . « - » Jochai liegt im Gefängniß , gleich meinem Vater ; « antwortete Esther schluchzend : » An die Thüren unsrer Nachbarn und Glaubensfreunde wandte ich mich ; aber von allen wies man die Tochter , der als Verbrecher gehaltenen Leute zurück . Als ob mich die Schule in Bann gethan , flohen mich alle Bekannte , und nur bei dem Judenarzt Joseph fand ich eine Aufnahme , nach langem , langem Bedenken von seiner Seite ; nach vielem Einreden seines Weibes . « - » O Du bemitleidenswerthes Geschöpf ! « sprach hier Dagobert theilnehmend , und schmeichelnd ihre Hand fassend : » daß Du gezungen wurdest , bei dem hoffärtigen Manne Brod und Wohnstätte zu begehren ! Daß ich Dich schonungslos solchem Zufall überließ ! Wie aber wurdest Du von ihm gehalten ? Warum kehrst Du nicht zu ihm zurück ? « - » Erlaubt mir , davon zu schweigen ! « bat Esther mit niedergeschlagenen Augen und geschämiger Wange . - » Nein , Esther ; « fuhr der heftige Jüngling fort : » Wissen muß ich ' s , Du darfst mir ' s nicht verschweigen ! « - » Daß er mich gleich einer dienenden Magd behandelte , « sagte Esther zögernd und oft innehaltend , - » hatte ich ihm gern verziehen ; die Hülflosigkeit muß ja immer Sklavendienste leisten ; - aber , - daß er eines schändlichen Handels Hoffnung auf meinen Kummer , auf meine Liebe zum Vater baute , ..... das kann ich ihm kaum vergeben , und nimmer kehre ich darum zurück zu dem abscheulichen Mann . « » Von welchem Handel sprichst Du ? « fragte der Jüngling bebend : ..... » rede , mein Kind , ich muß es erfahren ; .... hörst Du ? .... ich muß . « - » Dem Schultheiß wollte er mich verkaufen , « antwortete Esther , ihr Antlitz mit den Händen verbergend : » ich sollte für meines Vaters leichtere Haft einen Preis zahlen , den .... ach ; erlaßt mir das Übrige . « - » Schurke ! « knirschte Dagobert . - » Ich widerstand ; « sprach Esther weiter : » ich zürnte dem Unholde ; da entdeckte er mir schonungslos , was mein Vater verbrochen haben soll , und daß er gerade jetzo zum Hause seiner Väter geschleppt worden sey . Halb gekleidet , wie ich war , heulend vor Schmerz und Angst enteilte ich dem Hause Josephs , fest entschlossen , nimmer dessen Schwelle wieder zu betreten . « » Da sey Gott vor ! « entgegnete Dagobert , mit der Faust gegen die Stadt drohend : » Dem hageprunkenden Fettwanst will ich ' s gedenken , sollte er mir einst unter die Augen kommen . Wo aber , wo , mein gutes Dirnlein , wo gedenkst Du hin ? Wo leben die Freunde , wo Verwandte , die Dein Schicksal beweinen ? « - » Ach , nirgends , Herr ; « klagte die Verlassene : » ich habe Niemand , den eine Pflicht verbände , mir zu helfen . Hingehen will ich aber auf irgend ein Dorf , und in einem Stalle mich betten , und täglich nach der Stadt ziehen , und täglich zu den Füßen der Wächter meines Vaters um die Gnade betteln , ihn sehen zu dürfen in seiner Gefangenschaft . Vielleicht wird einmal doch meine Bitte erhört , - vielleicht gewährt man mir endlich die größre , im Kerker zu bleiben , bei ihm , dem meine Sorgfalt , mein Leben gehört . « - » Esther ! Mädchen ! « sprach Dagobert bekümmert : » Betrübe mich nicht also , und handle nicht wie eine Mörderin an Dir selbst ! Du solltest eine Beute des rohen Bauernvolkes werden ; - am Ende dennoch durch Deine unablässigen Bitten und Versuche in die Hände des saubern Gelichters gerathen , denen ich Dich so eben entrissen ? Wahrlich ; das gebe ich nicht zu . « - Vollbrecht gaffte mit offnem Munde dem seltnen Auftritt zu ; Dagobert , der es jedoch bemerkte , gab ihm den Befehl , die Rosse heimzuführen . Obwohl ungern , jedoch vom Gefühl des Gehorsams beseelt , that Vollbrecht , wie ihm geheißen . - Da er sich entfernt hatte , bog Dagobert , im Gespräch mit Esther , in den Sandweg ein , den er kurz vorher beritten . - » Du mußt mir eine Liebe thun , « sagte er zu Esther , die in stiller Erwartung neben ihm ging . - » Welche ? mein guter Herr ? « fragte sie , die sanftleuchtenden Augen zu ihm erhebend : » Sprecht . Nach dem Vater gehöre ich Euch allein . « - » Ich habe Dich sonder Gefährde hieher geleitet von Costnitz , « sprach Dagobert weiter ; » Dich unter Wegs gehalten wie ein ehrlich Frauenbild , und mich wie einen ehrlichen Gesellen . « - » Das weiß der Himmel ! « betheuerte Esther mit dankbarer Neigung : » Einer ehrsamen Bürgerin gleich habt Ihr mich gehalten , und nicht wie eine schlechte Jüdin . Das vergelte Euch der hochgelobte Gott , der es auch gnädig mit ansieht , wie Ihr also wandelt mit mir im Freien , ohne Schaam und Scheu , - mit mir , der von aller Welt Verstoßenen . « - » Wolltest Du mir wohl ferner vertrauen ? « fragte Dagobert mit weicher Stimme . - » Bis an ' s Ende , Herr , unwandelbar ; « antwortete Esther . - » Deine Habe hast Du mir bereits vertraut , da wir schieden ; « sagte Dagobert ferner : » Herzog Friedrichs Brief habe ich in Händen , und werde Dir einst Rechnung davon stellen ; aber nun sollst Du Dich selbst mir anvertrauen . « - » Gerne , Herr ! « versetzte das Mägdlein ohne Säumen . - » So nimm eine Herberge an von mir ; « sprach der Jüngling , den ruhigen Blick auf sie heftend . - » Eine Herberge , Herr ? « fragte sie staunend : » Bei Euch ? das ziemt sich nicht . « - » Nein , wahrlich ; « lächelte der Junker : » bei mir ? das würde sich freilich nicht ziemen . Aber in einem Hause , dem eine wackre Freundin vorsteht ... was meinst Du dazu ? « - » Ohne Bedenken ; « antwortete Esther mit frohem Danke : » Wohin Ihr mich führt , darf ich gehen . « - » Auf die Gefahr , daß ich des Schultheißen Vorliebe für hübsche Dirnen theilte ? « fragte Dagobert mit Laune . Esther sah ihn ernst an , schüttelte lächelnd den Kopf , und sprach : » Verkleinert Euch doch nicht selbst ; im Scherze nicht einmal . Woran soll man erkennen den Mann , wann er sich selbst den bösen Leumund anhängt ? « - » An seinen Handlungen , treffliche Dirne ! « antwortete Dagobert rasch , indem er unwillkürlich ihr die Hand drückte : » Und nun , komme mit mir zum Schellenhofe . Die alte Crescenz will mir wohl und Dein Vater steht bei ihr nach dem Heilande in den größten Ehren . Dort , mein armes Kind , dort wirst Du sicher seyn . « Fußnoten 1 Gesetzlicher Gebrauch , sobald die Wittib ihres Mannes Schulden nicht bezahlen konnte . Nach geleistetem Eide sie durch obige Handlung aller Verbindlichkeit quitt . Fünftes Kapitel . Eia , Eia ! Ostern ist da ! Fasten ist vorüber , Das ist mir lieber ; Eier und Wecken Viel besser schmecken ! Eia , Eia ! Ostern ist da ! Altd . Kinderlied zum Osterfeste . Der Heilige Ostertag hatte sich einen schönen Schmuck von Sonnenschein und Wärme angelegt , allein an dem Abend desselben war glänzendere Helle , wenn gleich nur von Kerzenlicht , und eine viel angenehmere Wärme in den Stuben des adelichen Gesellenhauses Limpurg zu finden . Die Gemächer waren geschmückt wie zu einer Hochzeit . Bunte Vorhänge waren an den Fenstern aufgemacht , allenthalben vielarmige Wand- und Deckenleuchter angebracht , und der Fußboden entweder mit gewürkten Teppichen belegt , oder mit weiß und rothem Sand bestreut , den man in allerlei seltsamen Figuren aufgeschüttet hatte . Auch die Tafel , an welcher heute recht viele der edeln Gesellen sammt ihren Frauen und Töchtern und Schwestern das abendliche Ostermahl begehen wollten , war herrlich hergerichtet in dem Saale , welcher der Schauplatz der Schmäuse und Geschlechtertänze zu seyn pflegte . Blendendweiße Tischtücher mit buntem Rande , die Ecken in zierliche Knoten geschlungen , bedeckten die Tafel , mit schimmerndem Geräth versehen , so wie der gegenüberstehende Kredenztisch mit prächtigen Gefäßen besetzt war . Die Becher der Gäste waren schon bekränzt mit den zum Fest gehörigen Maaslieben oder Osterblümchen , und voll angehäuften Zinnschüsseln mit bemalten Ostereiern standen hin und wieder auf Tisch und Schrein aufgepflanzt , um den hin und her wandelnden Herren und Frauen als eine kleine Ergötzlichkeit des Gaumens zu dienen , bis das Zeichen zum Mahle gegeben seyn würde . Der größre Theil der ungemein ansehnlichen Zahl von anwesenden Stubengenossen war im großen Vorgemache versammelt , um den mächtigen Ofen , dessen Flächen mit dem in Farben ausgeführten Wappen der Vaterstadt geschmückt waren , so wie die Wände umher mit der langen Reihe von Limpurgs Geschlechterwappen , mit den auf großen Pergamenttafeln geschriebnen Ordnungen der Ttrinkstube , dem bedeutenden Namens-Verzeichniß von Meistern und Gesellen , und den Panieren der Gesellschaft . Plaudernd und schäckernd unterhielten sich die geputzten Gäste von dem , was der Tag gerade gebracht hatte . Die jüngern Anwesenden sprachen von Scherz und Liebe , zeigten sich gegenseitig die prachtvollen Ostereier , die sie empfangen , gesandt in zierlichen Körben , oder auf seidnen und duftenden Kissen , und mit den niedlichsten Sprüchen bemalt . Der zärtliche Freier benutzte das Dämmerdunkel des Ofenschattens , um der Geliebten das Geschenk wieder zum Geschenke zu machen , und einen süßen Blick dafür zu erhalten . Gespielinnen und Freunde bekränzten sich gegenseitig mit den Blumen , in welchen die Ostergeschenke gelegen , und mancher zärtliche Reimspruch ging von Munde zu Munde . Während dessen redeten die jungen Frauen von der Herrlichkeit der bevorstehenden Frühlingsfeste , die ältern von dem Barfüßer , der heute das wirksamste und ergötzlichste Ostergelächter erdacht , von der Deutschherrenkirche , in welcher das ansehnlichste Osterlicht zu schauen gewesen , und von dem Bäcker , der die schmackhaftesten Fladen zum Feste geliefert . Unter den Männern ging hingegen vom Wechsel und Gewerbe die Sprache , von Gerichten , Fehden und dem Concilium . Trotz diesen ganz verschiednen Redestoffen stand dennoch die Menge beisammen auf einem Knaul , als ob das Gespräch nur einen und denselben Gegendstand beträfe ; zwei Herren allein hatten sich von der Versammlung abseits gezogen , und besprachen sich eifrig in einer Ecke des Gemachs : der Schultheiß und der Oberstrichter . - » Ihr würdet mich zur ewigen Dankbarkeit verpflichten , « sagte der Letztere , das Gespräch zu Ende leitend , » wenn Ihr dem Jungen irgend einen Denkzettel anhängen wolltet . Ihr findet eher die Gelegenhenheit hiezu , denn ich . Mir dürfte er schwerlich in ' s Gehege kommen . « - » Ich denke , mir ist er schon in ' s Gehege gerathen ; « entgegnete der Schultheiß finster : » seyd unbesorgt , ehrbarer Herr ; was man sucht , findet sich wohl ; ich bin vielleicht sogar bald im Stande , Euch über wichtigere Dinge Aufschluß zu geben , denn ich vermuthe nicht mit Ungrund , daß in jenem Hause gewisse Verhältnisse obwalten , die bis jetzt gut gethan haben , sich mit dem Schleier des Geheimnisses zu verhüllen . « - » Meint Ihr , gestrenger Herr ? « fragte der Oberstrichter schnell : » Das wäre Wasser auf meine Mühle , und wenn die Dinge von der Art wären , mein Amt zu beschäftigen , .... um desto besser . « - » Ich verspreche noch nichts ; « antwortete der Schultheiß einlenkend : » ich weiß von nichts . Die Zeit wird lehren , wie ich mich zu verhalten haben werde . « - Der Andre bückte sich mit der Freundlichkeit , die willig vor dem Mächtigern verstummt , und ihre Neugier in den Zaum nimmt . Das Stubenmeisteramt , das der Schultheiß bekleidete , machte ihm die nächsten Anordnungen der Tafel zur Pflicht , und als Alles besorgt war , und er schon mit dem silbernen Stabe in das Gemach schreiten wollte , um der harrenden Gesellschaft das Zeichen zum Mahle zu geben , kam ihm der Altbürger Diether Frosch hastig entgegen und zog ihn in das Tafelzimmer zurück . - Der Schultheiß erröthete leicht bei diesem unverhofften Zusammentreffen , faßte sich jedoch bald wieder , und sprach : » Willkommen , mein wackrer Schöff ! Sehnlichst haben wir Eurer gewartet . Und Eure Ehefrau .... Ihr habt sie doch mit Euch gebracht , darf ich hoffen ? « - » Mit nichten , Herr ; « versetzte Diether : » Doch zweierlei Botschaft bringe ich , die Frau Margarethen angeht , und von der ich auch reden muß , ehe Ihr zu Tische sitzt . Ihr habt neulich eine Rose in meinem Hause zurückgelassen , .. ein feines Kleinod , und viel zu kostbar für meine Wirthin , die es Euch durch mich zurückstellen läßt . Ferner habt Ihr die Güte gehabt , heute Morgen Euern Buben in mein Haus zu senden , der ein blankes Körblein trug , mit diesem silbernen Granatapfel , angefüllt von wohlriechender Essenz , und verziert mit einem Minnespruch . Der alte Diether , der , wie alle Sechziger , wenig schläft , und früh das Lager verläßt , fand den Buben , der an Frau Margarethens Thüre harrte , und nahm ihm das zarte Geschenk ab . Er bringt Euch nun Beides wieder : die Rose von Gold , den Apfel von Silber , mit der Bitte , seinen kleinen Hausstand mit solcher Freigebigkeit ferner nicht zu beschämen . Sein Haus war stets ein Wohnsitz der Zucht und Ehrbarkeit , und wird und soll es ferner bleiben , wozu Gott helfe ! « - Der Schultheiß , der schon vorausgesehen , was des Alten grämliche Miene verkündete , nahm heftig die Kleinodien aus Diether ' s Hand , und sagte halblaut zu dem Schöffen : » Ihr habt recht gut die Zeit gewählt , mich zu beleidigen , denn rings um uns wandeln Leute hin und her , die mit ihren Falkenblicken in Eurem zornigen Antlitz zu lesen verstehen . Ihr mögt indessen Eurem Ehgemahl berichten , daß Versehen und Irrthum nur dieß Geschenke , für andre , geschätzte Freundinnen bestimmt , in ihren Bereich gebracht , und daß ich mich zu hoch dünke , an dem Honig zu naschen , in welchem ein alterschwacher Thor , und ein lasterhafter Stiefsohn geschwelgt . « - » Seyd übrigens versöhnt , guter Schöffe , « setzte er mit dem freundlichsten Lächeln hinzu , um die neugierigen Gaffer irre zu führen , - » daß ich Euch den heutigen Abend nach Kräften gedenken werde . « - Diese Worte , mit welchen der Ritter dem Altbürger den Rücken kehrte , demüthigten Margarethens Gatten um so empfindlicher , je stolzer er in dem Gefühle seines Rechts und des vom Schultheißen beabsichtigten Unrechts gewesen war . Dürr ausgesprochen , schonungslos herausgesagt , hatte er nur den Verdacht gehört , den er schon längst im stillen Herzen bewahrt , und von Empörung und Schaam zugleich bedrängt , wollte er die Trinkstube verlassen , als der Schultheiß an der Spitze der Paarweisgehenden Gäste wieder eintrat , und ihn so vertraulich unter dem Arme nahm , als wäre niemals etwas zwischen ihnen vorgefallen . - » Biedrer und ehrsamer Freund , « sprach der gestrenge Herr mit lauter Stimme und freundlicher Geberde , daß alle Umstehende seine Worte vernehmen mußten : » es ist schon lange her , seit Euer Unfall Euch hinderte an unserm geselligen Mahle Theil zu nehmen . Da Ihr nun gewissermaßen heute auch das Fest der Auferstehung feiert , so beliebe es Euch , hier zwischen den Stühlen der Stubenmeister , und an meiner Seite Platz zu nehmen . Wir haben oft zusammengesessen im Rathe , zusammen gestritten im Felde ; laßt uns nach geraumer Zeit wieder zusammen tafeln . « - Ehe noch der greise Diether ein Wort des Widerstrebens zu finden vermochte , hatten ihn schon die übrigen Stubenmeister zu einem Sessel geführt , und ihn mit freundschaftlicher Gewalt genöthigt , sich darauf niederzulassen . Die übrigen Tafelgenossen reihten sich nach Rang und Würden um den Tisch , und