, daß sie an innerer Stärke verlieren würden und leichter durchbrochen werden könnten . Ein großer Nachteil für die Württemberger war auch ihre geringe Anzahl , denn der Feind zählte zwei Dritteile mehr . Er konnte zwar in dem engen Tal seine Streitkräfte nicht entwickeln , und nur wenige Mannschaft auf einmal ins Treffen führen , doch war dies immer genug , um die Herzoglichen unausgesetzt zu beschäftigen , der Feind behielt dadurch immer frische Leute , und es war zu befürchten , daß die sechstausend Württemberger , wenn sie auch noch so tapfer standhalten sollten , endlich aus Ermattung werden unterliegen müssen . Der Wald nahm jetzt Georg und seine Schar auf ; sie rückten still und vorsichtig weiter , denn Georg wußte wohl , wie schwierig es für einen Reiterzug sei , im Wald von Fußvolk angegriffen zu werden . Doch ungefährdet kamen sie bis auf das Feld heraus , das ihnen der Herzog bezeichnet hatte . Rechts über dem Wald hin wütete die Schlacht . Das Geschrei der Angreifenden , das Schießen aus Donnerbüchsen und Feldstücken , das Wirbeln der Trommeln hallte schrecklich herüber . Vor ihnen lag der Hügel , von dessen Gipfel eine gute Anzahl Kartaunen in die Reihen der Württemberger spielte ; dieser Hügel erhob sich von der Seite des Wäldchens allmählich , und Georg bewunderte den schnellen Blick des Herzogs , der diese Seite sogleich erspäht hatte , denn von jeder andern Seite wäre , wenigstens für Reiter , der Angriff unmöglich gewesen . Das Geschütz wurde , soviel man von unten sehen konnte , nur durch eine schwache Mannschaft bedeckt , und als daher die Pferde ein wenig geruht hatten , ordnete Georg seine Schar , und brach im Galopp an der Spitze der Reiter vor . In einem Augenblick waren sie auf dem Gipfel des Hügels angekommen , und Georg rief den bündischen Soldaten zu , sich zu ergeben . Sie zauderten , und die Fleischer , Sattler und Waffenschmiede von Stuttgart ersparten ihnen die Mühe , denn mit gewaltigen Streichen hieben sie Helme und Köpfe durch , daß von der Bedeckung bald wenige mehr übrig waren . Georg warf einen frohlockenden Blick auf die Ebene hinab seinem Herzog zu , er hörte das Freudengeschrei der Württemberger aus vielen tausend Kehlen aufsteigen , er sah wie sie frischer vordrangen , denn ihre Hauptfeinde , die Feldstücke auf dem Hügel waren jetzt zum Schweigen gebracht . Aber in diesem Augenblick der Siegesfreude gewahrte er auch , daß jetzt der zweite und schwerere Teil seiner schnellen Operation der Rückzug gekommen sei ; denn auch die Bündischen hatten bemerkt , wie ihr Geschütz plötzlich verstummt sei , und ihre Obersten hatten alsobald eine Reiterschar gegen den Hügel aufbrechen lassen . Es war keine Zeit mehr , die schweren , erbeuteten Feldstücke hinwegzuführen ; darum befahl Georg mit Erde und Steinen ihre Mündungen zu verstopfen , und sie auf diese Weise unbrauchbar zu machen . Dann warf er einen Blick auf den Rückweg ; zwischen ihm und den Seinigen lag der Wald auf der einen , das feindliche Heer auf der andern Seite . Wurde er nur von Reiterei angegriffen , so war der Rückweg durch den Wald möglich , weil dann der Feind dieselben Schwierigkeiten zu überwinden hatte , wie er . Aber seinem scharfen Auge entging nicht , daß ein großer Haufe bündischen Fußvolkes in den Wald ziehe , um ihm den Rückzug abzuschneiden , und so sah er sich von dem Walde ausgeschlossen . Das große Heer des Bundes zu durchbrechen , sich mit hundertundsechzig Pferden durch zwanzigtausend durchzuschlagen , wäre Tollkühnheit gewesen . Es blieb nur ein Weg , und auch auf diesem war der Tod gewisser als die Rettung . Zur Linken des feindlichen Heeres floß der Neckar . Am anderen Ufer war kein Mann von bündischer Seite ; konnte er dieses Ufer gewinnen , so war es möglich sich zum Herzog zu schlagen . Schon waren die Reiter des Bundes wohl fünfhundert stark am Fuß des Hügels angelangt , er glaubte an ihrer Spitze den Truchseß von Waldburg zu erblicken , jedem andern , selbst dem Tod wollte er sich lieber ergeben als diesem . Drum winkte er den tapfern Württembergern nach der steilern Seite des Hügels hin , die zum Neckar führte . Sie stutzten ; es war zu erwarten , daß unter zehn immer acht stürzen würden , so jähe war diese Seite , und unten stand zwischen dem Hügel und dem Fluß ein Haufen Fußvolk , das sie zu erwarten schien . Aber ihr junger , ritterlicher Führer schlug das Visier auf , und zeigte ihnen sein schönes Antlitz , aus welchem der Mut der Begeisterung sie anwehte ; sie hatten ihn ja noch vor wenigen Wochen eine holde Jungfrau zur Kirche führen sehen , durften sie an Weib und Kinder denken , da er diese Gedanken weit hinter sich geworfen hatte ? » Drauf , wir wollen sie schlachten « , riefen die Fleischer , » drauf , wir wollen sie hämmern « , riefen die Schmiede , » immer drauf , wir wollen sie lederweich klopfen « , riefen ihnen die Sattler nach , » drauf , mit Gott , Ulerich für immer ! « rief der hochherzige Jüngling , drückte seinem Roß die Sporen ein , und flog ihnen voran den steilen Hügel hinab . Die feindlichen Reiter trauten ihren Augen nicht , als sie den Hügel heraufkamen , die verwegene Schar gefangenzunehmen , und sie schon unten , mitten unter dem Fußvolk erblickten . Wohl hatte mancher den kühnen Ritt mit dem Leben bezahlt , mancher war mit dem Roß gestürzt und in Feindeshand gefallen , aber die meisten sah man unten tapfer auf das Fußvolk einhauen , und der Helmbusch ihres Anführers wehte hoch und mitten im Gedräng . Jetzt waren die Reihen des Fußvolkes gebrochen , jetzt drängten sich die Reiter nach dem Neckar - jetzt - setzte ihr Führer an , und war der erste im Fluß . Sein Pferd war stark , und doch vermochte es nicht mit der Last seines gewappneten Reiters gegen die Gewalt des vom Regen angeschwellten Stromes anzukämpfen , es sank , und Georg von Sturmfeder rief den Männern zu , nicht auf ihn zu achten , sondern sich zum Herzog zu schlagen und ihm seinen letzten Gruß zu bringen . Aber in demselben Augenblick hatten zwei Waffenschmiede sich von ihren Rossen in den Fluß geworfen ; der eine faßte den jungen Ritter am Arm , der andere ergriff die Zügel seines Pferdes , und so brachten sie ihn glücklich ans Land heraus . Die Bündischen hatten ihnen manche Kugel nachgesandt , aber keine hatte Schaden getan , und im Angesicht beider Heere , durch den Fluß von ihnen getrennt , setzte die kühne Schar ihren Weg zum Herzog fort . Es war unweit seiner Stellung eine Furt , wo sie ohne Gefahr übersetzen konnten , und mit Jubel und Freudengeschrei wurden sie wieder von den Ihrigen empfangen . Ein Teil des feindlichen Geschützes war zwar durch diesen ebenso schnellen als verwegenen Zug Georgs von Sturmfeder zum Schweigen gebracht worden , aber das Verhängnis Ulerichs von Württemberg wollte , daß ihn diese kühne Waffentat zu nichts mehr nützen sollte ; die Kräfte seiner Völker waren durch die immer erneuerten Angriffe , des an Zahl weit überlegenen Feindes endlich völlig erschöpft worden ; die Landsknechte hielten zwar mit ihrem gewöhnlichen kriegerischen Feuer aus , aber ihre Anführer hatten sich schon genötigt gesehen , sie in Kreise zu stellen , um den Andrang der feindlichen Kavallerie abzuwehren ; dadurch war die Linie hin und wieder unterbrochen , und das Landvolk , das man durch eilige Bewaffnung nicht zu Kriegern hatte machen können , füllte nur schlecht diese Lücken aus . In diesem Augenblick wurde dem Herzog gemeldet , daß der Herzog von Bayern Stuttgart plötzlich überfallen und eingenommen habe , daß ein neues feindliches Heer in seinem Rücken am Fluß heraufziehe , und kaum noch eine Viertelstunde entfernt sei . Da merkte er , daß er an diesem Tage sein Reich zum zweitenmal verloren habe , daß ihm nichts mehr übrigbleibe , als Flucht oder Tod , um nicht in die Hände seiner Feinde zu fallen . Seine Begleiter rieten ihm , sich in sein Stammschloß Württemberg zu werfen , und sich dort zu halten , bis er Gelegenheit fände heimlich zu entrinnen ; er schaute hinauf nach dieser Burg , die von dem Glanz des Tages bestrahlt , ernst auf jenes Tal herabblickte , wo der Enkel ihrer Erbauer den letzten verzweifelten Kampf um sein Herzogtum kämpfte . Aber er erbleichte und deutete sprachlos hinauf , denn auf den Türmen und Mauern dieser Burg erschienen rote , glänzende Fähnlein , die im Morgenwind spielten : die Ritter blickten schärfer hin , sie sahen wie die Fähnlein wuchsen und größer wurden , und ein schwärzlicher Rauch , der jetzt an vielen Stellen aufstieg , zeigte ihnen , daß es die Flamme sei , welche ihre glühende Paniere siegend auf den Zinnen aufgesteckt hatte . Württemberg brannte an allen Ecken , und sein unglücklicher Herr sah mit dem greulichen Lachen der Verzweiflung diesem Schauspiel zu . Jetzt bemerkten auch die Heere die brennende Burg . Die Bündischen begrüßten diese Flammen mit einem Freudengeschrei , den Württembergern entsank der Mut , es war ihnen , als sei dies ein Zeichen , daß das Glück ihres Herzogs ein Ende habe . Schon tönten die Trommeln des im Rücken heranziehenden Heeres vernehmlicher , schon wich an vielen Orten das Landvolk , da sprach Ulerich : » Wer es noch redlich mit Uns meint , folge nach , Wir wollen Uns durchschlagen durch ihre Tausende oder zugrund gehen . Nimm mein Banner in die Hand , tapferer Sturmfeder , und reite mutig mit uns in den Feind ! « Georg ergriff das Panier von Württemberg , der Herzog stellte sich neben ihn , die Ritter und die Bürger zu Pferd umgaben sie , und waren bereit , ihrem Herzog Bahn zu brechen . Der Herzog deutete auf eine Stelle , wo die Feinde dünner standen , dort müsse man durchkommen oder alles sei verloren . Noch fehlte es an einem Anführer , und Georg wollte sich an die Spitze stellen , da winkte ihm der Ritter von Lichtenstein seinen Platz an der Seite des Herzogs nicht zu verlassen , und stellte sich vor die Reiter ; noch einmal wandte er die ehrwürdigen Züge dem Herzog und seinem Sohne zu , dann schloß er das Visier und rief : » Vorwärts , hie gut Württemberg alleweg ! « Dieser Reiterzug war wohl zweihundert Pferde stark , und bewegte sich in Form einer Keile im Trab vorwärts . Der Kanzler Ambrosius Volland sah sie mit leichtem Herzen abziehen , denn der Herzog schien ihn ganz vergessen zu haben , und er hielt jetzt mit sich Rat , wie er ohne Gefahr von seinem hochbeinigen Tier herabkommen sollte . Doch der edle Renner des Herzogs hatte mit klugen Augen den Reitern nachgeschaut ; solange sie sich im Trab fortbewegten , stand er stille und regungslos , jetzt aber ertönten die Trompeten zum Angriff , man sah das Panier von Württemberg hoch in den Lüften wehen , und die tapfere Reiterschar im Galopp , auf den Feind ansprengen . Auf diesen Moment schien der Renner gewartet zu haben ; mit der Schnelligkeit eines Vogels strich er jetzt über die Ebene hin , den Reitern nach ; dem Kanzler vergingen die Sinne , er hielt sich krampfhaft am Sattelknopf , er wollte schreien , aber die Blitzesschnelle , womit sein Roß die Luft teilte , unterdrückte seine Stimme ; in einem Augenblick hatte er den Zug eingeholt , so schnell sie ihre Rosse auslaufen ließen , er überholte sie , und so hatte es der Kanzler in kurzer Zeit bis zum Anführer der Reiter gebracht . Der Feind stutzte über die sonderbare Gestalt , die mehr einem geharnischten Affen als einem Krieger glich , noch ehe sie sich recht besinnen konnten , war der fürchterliche Mann mitten in ihren Reihen , die Württemberger brachen , trotz des entscheidenden Augenblickes , in ein lustiges Gelächter aus , und auch dieses mochte beitragen , die tapfern Truppen von Ulm , Gmünd , Aalen , Nürnberg und noch zehn andern Reichsstädten , welche dieser unerwartete Angriff traf , zu verwirren ; sie zerstiebten vor der ungeheuren Wucht der zweihundert Pferde , und die ganze Schar war im Rücken des Feindes . Sie setzte eilig ihren Marsch fort , und ehe noch die bündische Reiterei zum Nachsetzen herbeigerufen werden konnte , hatte der Herzog mit wenigen Begleitern sich zur Seite geschlagen ; er gewann einen großen Vorsprung , denn die Reiterei des Bundes erreichte die berittene Schar der Bürger erst vor den Toren von Stuttgart , und es fand sich unter ihnen weder der Herzog , noch einer seiner wichtigeren Anhänger , außer dem Kanzler Ambrosius Volland , den man halbtot vom Pferde hob . Die bündischen Kriegsleute behandelten ihn , nachdem man ihm die gewölbte Rüstung vom Leib geschält hatte , sehr übel , denn nur seiner fürchterlichen , alle Begriffe übersteigenden Tapferkeit , schrieben sie es zu , daß ihnen der Herzog und mit ihm eine Belohnung von tausend Goldgulden entgangen war . So geschah es , daß dieser tapfere Kanzler , nicht wie sein Herzog in der Schlacht , sondern nach der Schlacht geschlagen wurde . X Wohl wieget eines viele Taten auf - Sie achten drauf - Das ist um deines Vaterlandes Not Der Heldentod . Sieh hin , die Feinde fliehen , blick hinan , Der Himmel glänzt , dahin ist unsre Bahn . L. Uhland Die Nacht , welche diesem entscheidenden Tag folgte , brachten Herzog Ulerich und seine Begleiter in einer engen Waldschlucht zu , die durch Felsen und Gesträuche einen sicheren Versteck gewährte , und noch heute bei dem Landvolk die » Ulerichshöhle « genannt wird . Es war der Pfeifer von Hardt , der ihnen auf ihrer Flucht als ein Retter in der Not erschienen war , und sie in diese Bucht führte , die nur den Bauern und Hirten der Gegend bekannt war . Der Herzog hatte beschlossen , hier zu rasten , um dann , sobald der Tag graute , seine Flucht nach der Schweiz fortzusetzen . Wohl wäre ihm hiezu die Nacht günstiger gewesen , denn die Bundestruppen hatten schon das Land besetzt , und es war wenig Wahrscheinlichkeit vorhanden , daß er sie täuschen und ungehindert entkommen werde ; aber die Pferde waren von dem heißen Schlachttag ermüdet , und es war unmöglich , den Herzog und seine notwendige Begleitung von neuem beritten zu machen , ohne die Nachforschung des Feindes nach diesem Schlupfwinkel zu leiten . Die Männer hatten sich um ein spärliches Feuer gelagert . Der Herzog war längst dem Schlummer in die Arme gesunken , und vergaß vielleicht in seinen Träumen , daß er ein Herzogtum verloren habe ; auch der alte Herr von Lichtenstein schlief , und Marx Stumpf von Schweinsberg hatte seine mächtigen Arme auf die Kniee gestützt , sein Gesicht in die Hände verborgen , und man war ungewiß , ob er schlafe oder in Kummer versunken , über das Schicksal des Herzogs nachdachte , das sich mit einem Schlag so furchtbar gewendet hatte . Georg von Sturmfeder besiegte die Macht des Schlummers , der sich immer wieder über ihn lagern wollte ; er war der jüngste unter allen , und hatte freiwillig in dieser Nacht die Wache übernommen . Neben ihm saß Hanns , der Pfeifer von Hardt ; er sah unverwandt ins Feuer , und seine Gedanken schienen sich in einem Liedchen zu sammeln , dessen melancholische Weisen er mit leiser unterdrückter Stimme vor sich hin sang . Wenn das Feuer heller aufflackerte , schaute er mit einem trüben Blick nach dem Herzog , und wenn er sah , daß jener noch immer schlafe , versank er wieder in den flüsternden , traurigen Gesang . » Du singst eine traurige Weise , Hanns ! « unterbrach ihn Georg , den die melancholischen Töne dieses Liedes unheimlich anregten ; » es tönt wie Totengesang und Sterblieder , ich kann es nicht ohne Schaudern hören . « » Wir können alle Tage sterben « , sagte der Spielmann , indem er düster in die Flamme blickte ; » drum sing ich gerne ein solches Lied , es ist mir , als könnte ich mit solchen Gedanken würdiger sterben . « » Wie kommst du auf einmal zu diesen Todesgedanken Hanns ? Du warst doch sonst ein fröhlicher Bursche zur Herbstzeit , und deine Zither tönte auf mancher Kirchweih . Da hast du gewiß keine Totenlieder gesungen . « » Meine Freude ist aus « , erwiderte er und wies auf den Herzog ; » all meine Mühe , all meine Sorge war vergebens ; es ist aus mit dem Herrn und ich - ich bin sein Schatten ; auch mit mir ist ' s aus ; hätte ich nicht Frau und Kind , ich möchte heute nacht noch sterben . « » Wohl warst du immer sein getreuer Schatten « , sagte der junge Mann gerührt , » und oft habe ich deine Treue bewundert ; höre Hanns ! wir sehen uns vielleicht lange nicht mehr . Jetzt haben wir Zeit zu schwatzen , erzähle mir was dich so ausschließlich und enge an den Herzog knüpft ; wenn es etwas ist , das du erzählen kannst . « Er schwieg einige Augenblicke und schürte das Feuer zurecht ein unruhiges Feuer blitzte in seinen Augen , und Georg war ungewiß ob es die Flamme oder eine innere Bewegung sei , was seine ausdrucksvollen Züge mit wechselnder Röte übergoß . » Das hat seine eigene Bewandtnis « , sagte er endlich , » und ich spreche nicht gerne davon . Doch Ihr habt recht , Herr , auch mir ist es als werden wir uns lange nicht mehr sehen , so will ich Euch denn erzählen . Habt Ihr nie von dem Armen Konrad gehört ? « » O ja « , erwiderte Georg , » das Gerücht davon kam noch weiter als bis zu uns nach Franken ; war es nicht ein Aufstand der Bauern ? wollte man nicht sogar dem Herzog ans Leben ? « » Ihr habt ganz recht , der Arme Konrad war ein böses Ding . Es mögen nun 7 Jahre sein . Da gab es unter uns Bauern viele Männer , die mit der Herrschaft unzufrieden waren ; es waren Fehljahre gewesen , den Reicheren ging das Geld aus , die Armen hatten schon lange keines mehr , und doch sollten wir zahlen ohne Ende , denn der Herzog brauchte gar viel Geld für seinen Hof , wo es alle Tage zuging wie im Paradies . « » Gaben denn eure Landstände nach , wenn der Herr so viel Geld verlangte ? « fragte Georg . » Sie wagten eben auch nicht immer nein zu sagen , des Herzogs Beutel hatte aber gar ein großes Loch , das wir Bauern mit unserem Schweiß nicht zuleimen konnten . Da gab es nun viele die ließen die Arbeit liegen , weil das Korn das sie pflanzten , nicht zu ihrem Brot wuchs , und der Wein den sie kelterten , nicht für sie in die Fässer floß . Diese , als sie dachten , daß man ihnen nichts mehr nehmen könne als das arme Leben , lebten lustig und in Freuden , nannten sich Grafen zu Nirgendsheim , sprachen viel von ihren Schlössern auf dem Hungerberge und von ihren bedeutenden Besitzungen in der Fehlhalde und am Bettelrain ; und diese Gesellschaft war der Arme Konrad . « Der Pfeifer legte sinnend seine Stirne in die Hand und schwieg . » Von dir wolltest du ja erzählen , Hanns ! « sagte Georg , » von dir und dem Herzog . « - » Das hätte ich beinahe vergessen « , antwortete dieser . - » Nun « , fuhr er fort , » es kam endlich dahin , daß man Maß und Gewicht geringer machte , und dem Herzog gab , was damit gewonnen wurde . Da ward aus dem Scherz bitterer Ernst . Es mochte mancher nicht ertragen , daß ringsumher volles Maß und Gewicht , und nur bei uns kein Recht sei . Im Remstal trug der Arme Konrad das neue Gewicht hinaus und machte die Wasserprobe . « » Was ist das « , fragte der junge Mann . » Ha ! « lachte der Bauer , » das ist eine leichte Probe . Man trug den Pfundstein mit Trommeln und Pfeifen an die Rems und sagte : Schwimmt ' s oben , hat der Herzog recht ; sinkt ' s unter , hat der Bauer recht . Der Stein sank unter und jetzt zog der Arme Konrad Waffen an . Im Remstal und im Neckartal bis hinauf gegen Tübingen und hinüber an die Alb standen die Bauern auf und verlangten das alte Recht . Es wurde gelandtagt und gesprochen , aber es half doch nichts . Die Bauern gingen nicht auseinander . « » Aber du , von dir sprichst du ja gar nicht ? « » Daß ich ' s kurz sage , ich war einer der Ärgsten « , antwortete Hanns , » ich war kühn und trotzig , mochte nicht gerne arbeiten und wurde wegen Jagdfrevel unmenschlich abgestraft , da trat ich in den Armen Konrad , und bald war ich so arg als der Gaispeter und der Bregenzer . Der Herzog aber , als er sah , daß der Aufruhr gefährlich werden könne , ritt selbst nach Schorndorf . Man hatte uns zur Huldigung zusammenberufen , wir erschienen zu vielen Hunderten - aber bewaffnet . Der Herzog sprach selbst zu uns , aber man hörte ihn nicht an . Da stand der Reichsmarschall auf , erhob seinen goldenen Stab und sprach : Wer es mit dem Herzog Ulerich von Württemberg hält , trete auf seine Seite ; der Gaispeter aber trat auf einen hohen Stein und rief : Wer es mit dem Armen Konrad vom Hungerberg hält , trete hieher . Siehe , da stand der Herzog verlassen unter seinen Dienern . Wir andern hielten zu dem Bettler . « » Oh , schändlicher Aufruhr « , rief Georg vom Gefühl des Unrechts ergriffen , » schändlich vor allen die , welche es so weit kommen ließen ! Da war gewiß Ambrosius Volland der Kanzler , an vielem schuld ? « » Ihr könnet recht haben « , erwiderte der Spielmann ; » doch höret weiter ; der Herzog als er sah , daß seine Sache verloren sei , schwang sich auf sein Roß , wir aber drängten uns um ihn her , doch noch wagte es keiner , den Fürsten anzutasten , denn er sah gar zu gebietend aus seinen großen Augen auf uns herab . Was wollt ihr , Lumpen ! schrie er und gab seinem Hengst die Sporn , daß er sich hoch aufbäumte und drei Männer niederriß . Da erwachte unser Grimm , sie fielen seinem Roß in die Zügel , sie stachen nach ihm mit Spießen , und ich , ich vergaß mich so , daß ich ihn am Mantel packte und rief : Schießt den Schelmen tot . « » Das warst du , Hanns ? « rief Georg , und sah ihn mit scheuen Blicken an . » Das war ich , « sagte dieser langsam und ernst ; » aber es ward mir dafür was mir gebührte . Der Herzog entkam uns damals und sammelte ein Heer ; wir konnten nicht lange aushalten und ergaben uns auf Gnad und Ungnad . Es wurden zwölf Anführer des Aufruhrs nach Schorndorf geführt und dort gerichtet , ich war auch unter diesen . Aber als ich so im Kerker lag und mein Unrecht und den nahen Tod überdachte , da graute mir vor mir selbst , und ich schämte mich , mit so elenden Gesellen wie die eilf anderen waren , gerichtet zu werden . « » Und wie wurdest du gerettet ? « fragte Georg teilnehmend . » Wie ich Euch schon in Ulm sagte , durch ein Wunder . Wir zwölf wurden auf den Markt geführt , es sollte uns dort der Kopf abgehauen werden . Der Herzog saß vor dem Rathaus und ließ uns noch einmal vor sich führen . Jene eilfe stürzten nieder , daß ihre Ketten fürchterlich rasselten , und schrieen mit jammernder Stimme um Gnade . Er sah sie lange an und betrachtete dann mich . Warum bittest du nicht auch ? fragte er . Herr , antwortete ich , ich weiß was ich verdient habe , Gott sei meiner Seele gnädig . Noch einmal sah er auf uns , dann aber winkte er dem Scharfrichter . Sie wurden nach dem Alter gestellt , ich , als der jüngste , war der letzte . Ich weiß wenig mehr von jenen schrecklichen Augenblicken ; aber nie vergesse ich den greulichen Ton , wenn die Halsknorpel krachten - « » Um Gottes willen hör auf « , bat Georg , » oder übergehe das Gräßliche ! « » Neun Köpfe meiner Gesellen staken auf den Spießen , da rief der Herzog : Zehn sollen bluten , zwei frei sein . Bringt Würfel her , und laßt die drei dort würfeln ! Man brachte Würfel , der Herzog bot sie mir zuerst ; ich aber sagte : Ich habe mein Leben verwirkt und würfle nicht mehr darüber ! Da sprach der Herzog : Nun so würfle ich für dich . Er bot den zwei andern die Würfel hin . Zitternd schüttelten sie in den kalten Händen die Würfel , zitternd zählten sie die Augen ; der eine warf neun , der andere vierzehn ; da nahm der Herzog die Würfel und schüttelte sie . Er faßte mich scharf ins Auge , ich weiß , daß ich nicht gezittert habe . Er warf - und deckte schnell die Hand darauf . Bitte um Gnade , sagte er , noch ist es Zeit . Ich bitte , daß Ihr mir verzeihen möget , was ich Euch Leids getan , antwortete ich , um Gnade aber bitt ich nicht , ich habe sie nicht verdient und will sterben . Da deckte er die Hand auf , und siehe er hatte achtzehn geworfen . Es war mir sonderbar zumut , es kam mir vor als habe er gerichtet an Gottes Statt . Ich stürzte auf meine Kniee nieder und gelobte fortan in seinem Dienst zu leben und zu sterben . Der zehnte ward geköpft , wir beide waren frei . « - Mit immer höher steigender Teilnahme hatte Georg der Erzählung des Pfeifers von Hardt zugehört ; aber als er schloß , als sich das sonst so kühn und listig blickende Auge mit Tränen füllte , da konnte er sich nicht enthalten seine Hand zu fassen , sie fest und herzlich zu drücken . » Es ist wahr « , sagte der junge Mann , » du hast Schweres an deinem Landesherrn verschuldet , aber du hast auch schrecklich gebüßt , denn du hast den Tod dennoch erlitten ; jenes schnelle Zücken des Schwertes ist nichts mehr gegen das Gefühl , so viele bekannte Menschen hinrichten , und sich den Tod immer näher kommen zu sehen ! Und hast du nicht durch ein Leben voll Treue , durch Aufopferung und Wagnis aller Art den Fürsten versöhnt , an den du deine Hand legtest ? Wie oft hast du ihm Freiheit , vielleicht das Leben gerettet ; wahrlich , deine Schuld ist reichlich abgetragen . « Der arme Mann hatte , nachdem er seine Erzählung geschlossen , wieder mit düsterem Sinnen ins Feuer geschaut . Er hätte ganz teilnahmslos geschienen , wenn nicht unter den Worten Georgs nach und nach ein trübes Lächeln auf seinen Zügen erschienen wäre . » Meint Ihr « , sagte er , » ich hätte gebüßt und meine Schuld abgetragen ? Nein , solche Schulden tilgen sich nicht so bald , und ein geschenktes Leben muß für den aufgesetzt werden , der es uns fristete . Das Umherschleichen in den Bergen , Kundschaft bringen aus Feindes Lager , Höhlen zeigen wo man sich verbergen kann , das ist keine schwere Sache , Herr , und das allein tut ' s nicht . Ich weiß , ich werde noch einmal für ihn sterben müssen - und dann , Herr , nehmt Euch meines Weibes und meiner Tochter an . « Eine Träne fiel in seinen Bart , doch als schäme er sich so weich zu sein , verbarg er sein Gesicht in der Hand und fuhr fort : » Doch dazu bin ich noch gut genug ; wie jeder Kriegsmann , wie jeder im Volk , darf ich für ihn sterben , o könnte ich durch meinen Tod seine Huldigung abändern , und ihm das Land wieder verschaffen , noch in dieser Stunde wollte ich sterben ! « Der Herzog erwachte ; er richtete sich auf , er sah mit verwunderten Blicken um sich her , als sei er durch einen Zauber in diese Erdschlucht versetzt , und sehe jetzt erst diese Felsen und Bäume , das spärliche Feuer und die von den Flammen beschienenen Männer , seine Begleiter ; er bedeckte seine Augen mit der Hand , doch er sah wieder auf als prüfe er , ob diese Erscheinungen bleiben ; - sie blieben , und schmerzlich sah er bald den einen , bald den andern an . » Ich habe heute ein Land verloren « , sprach er , » es hat mich nicht so geschmerzt als dieses Erwachen , denn ich habe es im Traume wieder und noch viel schöner besessen . « » Seid nicht ungerecht , Herr « , sagte Marx Stumpf von Schweinsberg , indem er sich aus seiner gebückten Stellung aufrichtete ; » seid nicht ungerecht gegen