zu den Myrthen , um den Kranz daraus zu flechten und Agathe wurde recht ängstlich und betrübt , weil niemand mehr auf sie hören wollte . Da erscholl mit einemmal ein lautes Freudengeschrei von allen Lippen , alles schwirrte im fröhlichsten Aufruhr durcheinander , denn die Tante stand plötzlich mitten unter ihnen . Sprachlos für Freude und Schmerz lag Vicktorine in ihren Armen , Agathe lachte und weinte in einem Athem und erdrückte die geliebte Frau beinahe mit ihren Liebkosungen . Anna war mild und freundlich wie immer , sie begrüßte alle mit gewohnter Anmuth , doch ihr sonst helles Auge war von Wehmuth getrübt , sie wollte Angelika nicht erwähnen , um die junge Braut nicht zur Traurigkeit zu stimmen , aber es wurde ihr sehr schwer zu verbergen , wie schmerzlich sie in diesem frohen jugendlichen Kreise ihren stillen Liebling vermisse . » Wer hatte nun Recht ? « jubelte Agathe , als die Tante wirklich anfing , das ihr übertragene Amt zu verwalten ; » aber da wollte niemand mir Glauben schenken , nicht einmal Vicktorine . Niemand hier kennt Sie so gut als ich , liebe Tante , denn Sie sehen es selbst , niemand baut so fest auf Sie als Ihre Agathe . Könnte ich Ihnen nur sagen wie lieb ich Sie habe , aber wo die Zeit dazu hernehmen ? Erst anziehen , dann getraut werden , dann Ball bis zum hellen lichten Morgen . Ich mache mir heute nicht viel aus dem Tanzen , aber der Onkel und Mamsell Virnot lassen sich das nun einmal nicht nehmen . Und hernach entführt mich der Schwarze auf der Stelle nach B * * . Wie werde ich das alles nur überstehen ? Getraut werden ist doch gar zu erschrecklich , « schluchzte sie zuletzt , und die hellen Thränen rollten ihr dabei aus den unschuldigen Kinderaugen . Anna sprach ihr Muth ein und band ihr dabei ihr Hochzeitsgeschenk , eine Schnur der schönsten Perlen , um den runden weißen Hals . Agathe war gleich wieder das fröhliche Kind , welches seiner Freude kein Ende wußte , weil die Tante ihr etwas mitgebracht hatte . » Die Perlen sind köstlich , aber meinetwegen könnten es römische Glasperlen seyn , sie wären mir nicht minder lieb , « rief sie einmal über das andere . » Und ich Arme ? was bringen Sie mir ? « flüsterte leise schmeichelnd Vicktorine . » Hoffnung und auch sonst noch Manches , « antwortete Anna ziemlich ernsthaft . » Du hast aber an mir und meiner Liebe gezweifelt , Vicktorine , darfst Du es läugnen ? « Vicktorine küßte erröthend mit zitternder Lippe ihre Hand . » Darum mußt Du warten bis morgen , heut ist Agathe die Königin des Tages , « setzte Anna freundlicher hinzu . Das Fest verging , wie solche Feste es pflegen , unter Weinen und Lachen . Der Ball , von dem Kleeborn sich wirklich nicht hatte abbringen lassen wollen , währte , bis mit grauendem Morgen der Wagen vorfuhr , der das junge Paar nach Horsts jetzigem Wohnorte bringen sollte . Anna , nebst einem großen Theil der übrigen Gesellschaft begleitete die in Thränen schwimmende Agathe und den hocherfreuten Bräutigam bis an denselben . » Ich bin recht froh darüber , « sprach Anna zu Kleeborn , nachdem der Wagen fort war , » daß die jungen Leute den vernünftigen Entschluß gefaßt haben , sogleich in ihre Häuslichkeit einzuziehen , statt nach der neuesten Mode , sobald sie getraut waren , auf Reisen zu gehen . Die Freude am Wirthshausleben und die Sucht dem Glück auf der Poststraße nachjagen zu wollen , gewinnt jetzt unter allen Ständen nur zu sehr die Ueberhand ; wenn das so fortgeht , so glaube ich , daß nach funfzig Jahren niemand mehr einer eigenen Wohnung bedürfen wird , alles wird immer von Ort zu Ort ziehen , wie die wandernden Tartaren . « » Ach , es geht doch nichts über das Reisen , « rief ein junges Mädchen , welches diese Bemerkung mit anhörte und die Thürme seiner Vaterstadt noch nie aus dem Gesichte verloren hatte . » Nichts als die Freude sich wieder zu Hause zu finden , « erwiederte Anna , » aber um dieses zu fühlen muß man freilich erst gereist seyn . « Kleeborn benutzte die erste ruhige Stunde des folgenden Tages zu einer ernsten vertrauten Unterredung mit der Tante , deren unerwartete Ankunft auch ihm sehr willkommen war . » Ich habe Sie immer als eine ungemein kluge verständige Dame verehrt , « hob er an , » jetzt aber muß ich mehr wie jemals Ihre tiefe Einsicht bewundern . Was wäre jetzt aus Vicktorinen geworden , wenn nicht nach Ihrem Rath die Verlobung meiner Tochter mit dem nichtswürdigen Sir Charles sich so verzögert hätte ! Ich habe von unserem Müller die traurigsten Nachrichten aus Amsterdam erhalten ; mein alter würdiger Freund Wißmann ist nicht mehr , er ist vor Kummer gestorben . « Dem Alten gingen bei diesen Worten die Augen über , er nahm sich aber zusammen , um der Tante den Inhalt von Müllers Berichten mitzutheilen . » Von jeher hatte Sir Charles seinen kaufmännischen Geschäften mit der größten Nachlässigkeit vorgestanden und sie fremden Händen meistens übertragen . Da aber sein Etablissement in London als ein Nebenzweig des sehr geachteten Hauses seines Vaters in Amsterdam galt , so war das eine Zeit lang so hingegangen , ohne ihm in der öffentlichen Meynung sonderlich zu schaden . Während der letzten Jahre , die er auf dem festen Lande zubrachte , hatte indessen sein Hang zur Verschwendung eine an Wahnsinn gränzende Höhe erreicht , er trieb mehr als fürstlichen Aufwand , und forderte zu diesem immer beträchtlichere Summen . Niemand konnte besser berechnen wohin dieses am Ende führen müsse , als sein erster Handlungsdiener , und dieser , um die gehoffte Erndte nicht zu verlieren , benutzte den ersten günstigen Augenblick , und machte mit allem Gelde , dessen er habhaft werden konnte , bei Zeiten sich aus dem Staube , indem er zugleich alles übrige dem Zufall überließ . Die nächste Folge davon war , daß Sir Charles Zahlungen plötzlich eingestellt werden mußten und sein Vater , der diese Nachricht ganz unvorbereitet erhielt , sank darüber , von einem Schlagfluß getroffen , auf das Sterbebette hin . « » Müller fand ihn schon sprachlos und ohne Bewußtseyn , das er auch bis an seinen Tod nicht wieder erhielt . « » Es war dem unglücklichen Alten zwar nicht verborgen geblieben , daß sein Sohn ziemlich wild in die Welt hineinlebe und viel Geld brauche , aber er hatte keine Ahnung davon gehabt , daß dieses so weit gehen könne , um dessen völligen Untergang und vielleicht auch den seines Vaters herbeizuführen . Sein plötzlicher Tod , die enge Verbindung , in der er mit dem Hause seines Sohnes stand , führte in seinen eigenen Angelegenheiten eine Verwirrung herbei , deren vernichtende Folgen nur durch schleuniges Hinzutreten seiner Freunde abgewendet werden konnten , namentlich des alten Müller , der sich hier sogleich für Herrn Kleeborn thätig bewies . Sir Charles ließ während der Zeit nichts von sich sehen und hören , er schien von der Erde wie weggehaucht , aber es ging ein Gerücht , daß er während des Sommers in Spaa und Aachen , unter einem andern Namen , als Spieler von Handwerk aufgetreten sey . « » Ach , liebes Fräulein Schwester , « setzte Kleeborn dieser Erzählung hinzu , » ich bleibe zwar bei alle dem wohlbehalten , aber ich werde doch , von schweren Sorgen gedrückt , in mein Grab gehen . Auf meinem wohlerworbenen Gute muß nach dem Glauben unsrer Vorfahren der Seegen ruhen , denn kein unrecht gewonnener Thaler ist dabei , aber wem soll man heut zu Tage noch vertrauen ? Wem werde ich mein Kind und die Frucht meiner vieljährigen Arbeit einst hinterlassen ? Wer soll den Namen ehrenvoll fortführen , den ich mit Gottes Hülfe und redlichem Fleiße mir in der Handelswelt erworben habe , und auf den ich eben so viel halte , als ein Edelmann mit sechzehn Ahnen nur auf den seinen halten kann ? « Die Tante wollte ihm einigen Trost geben , aber er war nicht in der Stimmung , darauf zu hören . » Seit ich alles dieses erlebte , « fuhr er fort , » habe ich schon zuweilen daran gedacht , noch bei meinen Lebzeiten alles aufzugeben , mir Güter zu kaufen und auf dem Lande meine Tage zu beschließen . Aber ich weiß , daß die Ruhe mich tödten würde . Mein Leben ist Arbeit und Arbeit ist mein Leben , Arbeit die ich verstehe und liebe . Und soll ich denn selbst einreißen was ich selbst erbaute ? soll ich mein eigner Leichenstein werden ? Es ist unmöglich , ich kann es nicht . Wäre Vicktorine ein Sohn , ich hätte ihn anders erzogen , als der gute aber schwache Wißmann seinen Taugenichts , und mir wäre geholfen ; doch auch so ist und bleibt sie meine einzige Hoffnung auf Erden . « » Sie wird diese Hoffnung erfüllen , zweifeln Sie nicht daran , « erwiederte Anna . » Nur darf der Mensch dem Glücke die Gestalt nie vorschreiben wollen , in der es ihm erscheinen soll , sonst ruft er leicht sein Unglück herbei . Indessen habe auch ich etwas wichtiges Ihnen mitzutheilen , wozu ich mir Gehör von Ihnen erbitte . Doch zürnen Sie nicht , daß ich gleich anfangs einen Ihnen verhaßten Namen nennen muß , der junge Holm - - - « » Weder er , noch sein Name sind mir verhaßt , « fiel Kleeborn ein . » Der junge Holm hat sich in der kurzen Zeit zu einem außerordentlich geschickten und ehrenwerthen Kaufmann ausgebildet . Er ist vor einigen Tagen in Amsterdam eingetroffen , schreibt Müller mir , er tritt dort recht verständig für die Herren Fischer ein , die mit dem Wißmannschen Hause fast eben so tief verwickelt sind als ich selbst , und seiner Leitung verdanken wir es größtentheils , daß der Name meines alten Freundes nicht noch im Grabe mit Schande bedeckt wird . Wie es aber zugehet , daß er eher als sein Schiff nach Europa zurückgekehrt ist , weiß ich nicht . « Anna gerieth bei der Nachricht , daß Raimund schon in Amsterdam wäre , in nicht geringes Erstaunen , doch sie barg dieses so gut sie konnte , und herzlich froh über die gute Meynung welche Kleeborn eben geäußert hatte , war sie im Begriffe das angefangene Gespräch fortzusetzen . » Verzeihen Sie , Fräulein Schwester , daß ich Ihnen abermals in die Rede falle , « unterbrach Kleeborn sie von neuem . » Aber ich glaube zu sehen wo Sie hinaus wollen , und da muß ich Ihnen zuvorkommen . Der junge Holm kann nie mein Schwiegersohn werden , das mußte ich Ihnen sagen , ehe Sie weiter gehen . Ich gestehe es ein , daß er ein junger Mann ist , dessen außerordentliche Geschicklichkeit in seinem Fache den Mangel an hinreichendem Vermögen allenfalls aufwiegen könnte , aber er ist der Associé der Herren Fischer , sobald er zu Hause wieder anlangt . Mein Schwiegersohn muß meine Geschäfte und meinen Namen nach meinem Tode fortführen . Mit Wißmann war es so , der wäre mit der Zeit hier an meine Stelle getreten , für dessen Londonner Etablissement war schon ein Andrer bestimmt , ich und das Haus in Amsterdam - ach es war ein schöner großer Plan , ich darf gar nicht daran denken . Nun es ist vorbei ! - Daß ich aber einer kindischen Liebesgeschichte zu Gefallen so unrechtlich handeln sollte , den Herren Fischer ihren besten Arbeiter abspenstig zu machen , der sich obendrein in ihrem Hause gebildet hat , das werden Sie doch gewiß dem alten Kleeborn nicht zumuthen wollen , der Ihnen wohl zuweilen wie ein wunderlicher Kautz vorkommen mag , der aber doch dabei immer auf Ehre hält , trotz dem ersten Edelmann . « » Hören Sie mich aber endlich einmal an , lieber Kleeborn , was ich Ihnen zu sagen habe ist ganz andrer Art als Sie wohl vermuthen , « sprach Anna , indem sie ein großes Packet Papiere vor sich auf den Tisch hinlegte . Kleeborns gewohnte Ehrfurcht vor allem , was einem Geschäfte ähnlich sah , bewog ihn , bei diesem Anblicke ihr alle Aufmerksamkeit zu schenken , die sie nur verlangen konnte ; er unterbrach sie nicht ein einzigesmal , während sie Alberts und dessen Sohnes Geschichte ihm theils erzählte , theils durch Vorlesung einzelner Stellen aus den vor ihr liegenden Papieren ihm deutlicher machte . Zuletzt legte sie ihm noch eine Abschrift der Anerkennungs-Urkunde des Lehnhofes vor , durch welche Raimund Holm als der letzte Zweig der von Leuen in den Besitz des Erbtheils seiner Väter eingesetzt ward , und einen Anschlag seiner jetzt ganz schuldenfreien Güter . » Sie sehen wohl ein , « sprach Anna lächelnd , während Kleeborn die ihm vorgelegten Documente sehr aufmerksam durchging , » Sie sehen wohl ein , daß jetzt von des jungen von Leuen Verbindlichkeiten gegen Herrn Fischer nicht mehr die Rede seyn kann , und auch , daß bei dessen noch immer bestehender treuen Liebe zu Ihrer Tochter kein niedriger Eigennutz im Spiele ist ; um so weniger , da das von seinem Vater ererbte Vermögen des jungen Mannes bedeutender ist , als Sie wohl glauben , und ich mich auch jetzt in meinem Gewissen für verpflichtet halte , ihn zum Erben des größten Theils meiner Habe einzusetzen . Sie wissen , ich bin wohlhabend , aber ich verdanke dies einem Vermächtnisse des ältern Herrn von Leuen , der damals nicht wußte , daß sein Bruder , der Vater dieses Raimunds , noch am Leben sey , welcher sonst dessen natürlicher Erbe gewesen wäre . « » Ich sehe , Fräulein Schwester , « erwiederte Kleeborn recht freundlich , » daß Sie mir hier eine Parthie für meine Tochter anbieten , die alles weit übertrifft , was ich jemals für das Mädchen erwarten konnte . Und dennoch bin ich gezwungen , sie zurückzuweisen . « Anna erschrack gewaltig über diese deutlich ausgesprochene Erklärung , doch Kleeborn fuhr ganz gelassen fort zu reden . » Von allem dem Merkwürdigen , was ich heute von Ihnen vernommen habe , hat nichts einen tiefern Eindruck auf mich gemacht , als der Brief jenes Herrn Bernhard von Leuen , der ein sehr respektabler Mann gewesen seyn muß . Was er von den Verpflichtungen schreibt , die von solchen großen Besitzungen unzertrennlich sind , hat meinen vollkommensten Beifall . Was indessen damals dem Vater galt , muß jetzt dem Sohne gelten , er kann nicht mehr daran denken , Kaufmann bleiben zu wollen . Wenn er rechtlich handeln will , darf er um Vicktorinens willen den ihn angebornen Pflichten nicht entsagen . Zwischen dem Gutsbesitzer und dem Kaufmann darf er sich nicht theilen wollen , denn dieser besonders erfordert einen ganzen Mann , namentlich in unsern Tagen , wo alles auf die Spitze gestellt wird . « » Aber , lieber Herr Bruder , so bedenken Sie doch das Glück Ihres einzigen Kindes ! « rief Anna . » Glauben Sie nicht , « fuhr Kleeborn fort , der einmal ins Reden gekommen war , » glauben Sie nicht , daß ich aus blinder Anhänglichkeit an meinen gewiß nicht ungegründeten Widerwillen gegen Verbindungen Adliger mit Bürgerlichen hier so entscheidend spreche . Keine Regel ohne Ausnahme , pflege ich immer zu sagen , und wäre Vicktorine nicht meine einzige Erbin , nun so - aber wie die Sache steht ist es unmöglich . Was der alte Herr von Leuen in seinem Briefe über die Erhaltung seines alten edlen Namens schreibt , ist mir ebenfalls wie aus der Seele gesprochen . Zwar habe ich keine Gallerie von Ahnenbildern aufzuweisen , ich weiß kaum , wer der Vater meines Großvaters war , aber was nicht ist , kann werden ; warum sollte nach hundert oder zweihundert Jahren eine rechtliche bürgerliche Familie nicht auch mit Stolz auf ihre Vorfahren zurück sehen können ? Wir haben schon der Beispiele . Ich will der Stammvater meines Hauses seyn , so gut als der erste von Leuen es der des seinigen war , den Ihr verstorbener Freund mit Recht über alle seine Nachfolger erhebt , und der vielleicht von seinem Eltervater weniger wußte als ich von dem meinen . Mein Name , meine Firma dürfen nicht untergehen . Vicktorine muß sich darin ergeben . « » Einem Namen , einem bloßen Schalle soll die Arme geopfert werden ! « rief Anna , hingerissen von ihrem Gefühl , auch wohl ein wenig vom Zorne gegen sich selbst , weil sie , ohne es zu denken , dem alten Kleeborn die Waffen in die Hände gegeben hatte , die er jetzt ganz unerwartet gegen sie wandte . » Handelten denn nicht in tausend ähnlichen Fällen Ihre Standesgenossen eben so ? « erwiederte Kleeborn ebenfalls etwas gereizt . » Vicktorine aber wird nicht geopfert , Fräulein Schwester . Ich denke Kleeborns Tochter soll auch ferner noch unter Vielen die Wahl haben , wie sie bis jetzt sie gehabt hat , und ich will nichts weiter , als diese Wahl verständig zu leiten suchen , wie es dem Vater von Rechtswegen zukommt . « Anna fühlte , daß heftiger Widerspruch den Alten leicht dahin bringen könnte ein Wort auszusprechen , welches er , wie sie ihn kannte , hernach nimmermehr zurückgenommen hätte . Sie unterdrückte daher den eignen Unmuth , den seine letzten Reden in ihr erweckten . » Ich räume Ihnen ein , « sprach sie , » daß sich für Ihre Ansicht vieles sagen läßt , ich bin auch weit davon entfernt , das Gefühl zu tadeln das Sie zu diesen bestimmte . Aber ich bin auch Ihnen und den Ihrigen zu nahe verwandt und zu herzlich zugethan , als daß ich Sie nicht ebenfalls darauf aufmerksam machen sollte , wie leicht und auf welche traurige Weise Sie dennoch das Ziel verfehlen können , daß Sie sich gesetzt haben . Vicktorinens Liebe gehört nicht zu jenen phantastischen Einbildungen , mit denen junge Mädchen ihres Alters sich zuweilen selbst zu täuschen pflegen . Sie sehen sie alle Tage , darum fällt Ihnen die Veränderung in ihrem Aeussern nicht auf , ich aber bin bei meiner Ankunft darüber erschrocken ; sie ist ja nur noch der Schatten von dem , was sie war . Denken Sie an die arme Angelika . « » Sagte ich es doch immer ! « rief Kleeborn sichtbar beunruhigt . » Sie hat sich noch bei weitem nicht von ihrer letzten schweren Krankheit erholt . Sie sollte diesen Sommer nach Pyrmont , aber sie wollte nicht , das eigensinnige Ding . Jetzt soll aber doch auch gleich der Arzt gerufen werden ! « » Ließen Sie ihn nicht auch zur armen Angelika rufen ? « sprach Anna , » mußte er nicht auf Ihren Antrieb Monate lang alle seine Kunst anwenden um sie am Leben zu erhalten ? und was hat es geholfen ? Zeitlebens werde ich die väterliche Sorge und Freundlichkeit dankbar erkennen , die Sie dem lieben Kinde erwiesen haben ? aber Sie haben dennoch ihr langsames Erlöschen mit ansehen müssen . Angelika starb unter ihren Augen am gebrochenen Herzen , ich fürchte : Vicktorine ist auf gutem Wege ihr zu folgen , wenn Sie nicht bei Zeiten der Arzt werden , der ihr allein helfen kann . « » Es ist entsetzlich ! « rief Kleeborn . » Sonst war doch die verdammte Krankheit mit dem gebrochnen Herzen nur in England zu Hause . Unsre Mädchen sind gar nicht wie ihre Mütter , die weinten ihr Gesetzchen , wenn es nicht nach ihren Willen ging und lebten darum doch flott weg . « Anna seufzte recht aus tiefem Herzensgrunde , der Seufzer galt dem Andenken ihrer Schwester . » Ich muß Ihnen nur gestehen , « sprach Kleeborn immer unruhiger werdend , » daß seit dem Tode der guten Angelika mir schon zuweilen ein ähnlicher Gedanke durch den Kopf geflogen ist , wenn ich meine Vicktorine so blaß und so betrübt sah . Es hat mir schon manchen Kummer gemacht , versichre ich Sie . Ich will ihr ja aber Zeit lassen , ich will in nichts sie übereilen . Sie ist ja kaum in den Zwanzigen und war immer kerngesund . Nicht wahr ? Sie denken auch , daß sie sich wieder erholen wird ? « Anna regte sich nicht und antwortete keine Silbe . Kleeborn fing an , mit großen Schritten im Zimmer auf und ab zu gehen , wie er immer that , wenn er über irgend etwas mit sich selbst nicht einig werden konnte . Dann stand er vor der Tante still . » Fräulein Schwester , « hob er an , » es gäbe vielleicht einen Ausweg . Sie sind eine Dame , der ein Mann wohl etwas vertrauen darf . Ich habe Ihnen etwas zu bekennen , das vielleicht - Sie sind - ich bin - ja wie gesagt , es wäre möglich , daß ein Ausweg sich fände , wenn Sie , wenn Vicktorine , wollte ich sagen - oder vielmehr wenn der junge Holm - Ach Gott , es geht doch nicht . Ihnen gerade kann ich es gar nicht sagen , denn - ich will es mir noch besser überlegen , und Sie sollen davon hören , nur jetzt nicht . « Hiermit verließ Kleeborn das Zimmer , und Anna blieb in der quälendsten Ungewißheit zurück . Ein eben ankommender Brief aus Amsterdam erklärte ihr das Räthsel von Raimunds unerwarteter früher Rückkehr nach Europa . Horst hatte diese veranlaßt ; jener Zeitungsartikel , den er zu Anfange des Sommers in Kleeborns Gartenhause las , hatte einen weit tiefern Eindruck auf ihn gemacht , als er sich damals merken lassen mochte . Er fühlte sich bewogen seinen und Raimunds Freund , den jüngern Herrn Fischer , aufzusuchen , um mit diesen sich darüber zu besprechen . Zufälligerweise hatte Anna von Falkenhayn so eben ein starkes Packet zur weitern Beförderung an Raimund eingesandt , und zugleich die Herren Fischer in einem besondern Schreiben gebeten , diesen sobald als möglich nach Europa zurückzurufen , weil eine wichtige Familienangelegenheit seine baldige Gegenwart erforderlich mache . Dieser Brief , der Zeitungsartikel , die Bewegung , in die Vicktorine über diesen gerathen war , wußte Horsts natürlicher Scharfsinn so gut mit einander zu kombiniren , daß er dadurch der Wahrheit ziemlich nahe auf die Spur gerieth . Er beschloß , von seinen Vermuthungen gegen Vicktorine nichts zu äußern , aber seine Bitten und Vorstellungen bewogen Herrn Fischer , an Raimund zu schreiben , daß er , wenn er dieses zu seinem eignen Besten für nöthig hielt , die erste Gelegenheit zu seiner Rückkehr benutzen und die gänzliche Beendigung seines dortigen , von ihm sehr glücklich eingeleiteten Geschäftes einem zuverlässigen Manne übertragen möge , den man zum Gehülfen ihm mitgegeben hatte . Ein nach Amsterdam bestimmtes Schiff lag eben in jenem Hafen seegelfertig . Raimund schiffte auf diesem sich augenblicklich ein , und kam nach einer sehr kurzen glücklichen Reise gerade zur rechten Zeit in Amsterdam an , um bei Berichtigung der Wißmannschen Angelegenheiten sich durch wohlangewandte Thätigkeit seinen wohlwollenden Freunden dankbar zu beweisen . Glühende , kein Wanken kennende Liebe zu Vicktorinen , innige , wahrhaft kindliche Neigung und Dankbarkeit gegen Anna , sprachen laut aus jeder Zeile in Raimunds Brief , doch die Wendung , die das Geschick während seiner Abwesenheit mit ihm genommen hatte , schien ihn mehr in Erstaunen zu versetzen , als ihn zu beglücken . In dem , was er bei dieser Gelegenheit aus seiner Eltern früherem Leben erfahren mußte , so schonend Anna es ihm auch beigebracht hatte , lag dennoch unendlich viel Schmerzliches und Erschütterndes ; die Ungewißheit , welchen Einfluß diese Veränderung seiner Lage auf das künftige Gelingen seiner sehnlichsten Wünsche haben könne , kam dazu und so war es ihm unmöglich , der Freude sogleich in seinem Herzen Raum zu gewähren . Auch Vicktorine wurde mehr traurig als erfreut , da Anna ihren unablässigen Bitten und Forschen endlich nachgab , und ihr alles , sogar Raimunds unerwartete Wiederkehr entdeckte . Ihn allen Gefahren einer weiten Seereise glücklich entronnen zu wissen , war ihr freilich ein sehr großer Trost , aber so ungeduldig sie früher die Entscheidung ihres Geschicks herbeigewünscht hatte , so ängstlich bebte sie jetzt ihr entgegen , da sie glauben mußte ihn ganz nahe gegenüber zu stehen . Hoffnung war alles , was die Tante ihr zum Troste geben konnte , aber wir sind nie weniger geneigt , diese zu fassen , als in dem wichtigen Augenblick , wo alles auf dem Spiele steht . Anna selbst war von dem Schmerz über den Verlust ihrer Angelika zu ergriffen , als daß sie fähig gewesen wäre , Vicktorine kräftig wie sonst aufrecht zu erhalten . Ihre einzige , wenn gleich heimliche Freude war an diesem Tage , daß Vicktorine sehr bleich und mit trüben Augen bei Tische erschien , und daß Kleeborn darüber Essen und Trinken vergaß , mit kaum zu verhehlender Aengstlichkeit sie betrachtete , und dann ganz gegen seine gewohnte Art stumm und in sich gekehrt da saß . Zu der Tante nicht geringem Erstaunen ließ Doctor Erning sich am frühen Morgen des nächsten Tages bei ihr melden ; sie war seiner Besuche nicht gewohnt , denn sie hatte sich stets davor gehüthet , mit ihm in nähere Verbindung zu gerathen , daher war sie auch jetzt willens ihn abweisen zu lassen ; doch das ist kein Leichtes bei einem Manne seiner Art. Er sah sie durch die Spalte der halb geöffneten Thüre in ihrem Armstuhle völlig angekleidet sitzen , und dieses war ihm genug , um sogleich in ihr Zimmer zu dringen , ohne ihre Erlaubniß dazu vorher abzuwarten . » Ich komme als geheimer Geschäftsträger , « rief er gleich beim Eintreten dem sehr ernsten Empfange entgegen , der aus ihren Augen ihm zu drohen schien , » eine Dame wie Sie , hochwürdige Frau , weiß gewiß , daß diese überall das Vorrecht haben , sich ungestraft etwas überlästig zu bezeigen . « » So möchte ich mir aber doch vorher Ihr Creditiv ausbitten , ehe wir zur Conferenz schreiten , « erwiederte Anna mit sehr gemess ' nem Ton . » Das liegt schon in der Natur der Sache , « antwortete Erning , ohne sich dadurch irren zu lassen . » Kleeborn schickt mich in der bewußten Heirathsangelegenheit an Sie ab , hochwürdige Frau . Sie wundern sich darüber ? Ja , das ist nun einmal hier zu Lande nicht anders , ohne Erning kann nichts in Ordnung gebracht werden , er muß jung und alt aus der Klemme helfen . Die ehrliche Haut thut es auch gern . « » Ich kann aber doch nicht umhin zu glauben , daß ich mit Herrn Kleeborn so stehe , daß er Ihnen heute diese Mühe hätte füglich ersparen können , « erwiederte Anna etwas vornehm . Erning fand für gut , dieses nicht zu bemerken . » Ja , sehen Sie , « sprach er , » das hat so sein ganz eignes Bewandniß ; Kleeborn hat ein ziemlich wunderliches Bekenntniß Ihnen abzulegen und fürchtet sich , wenn er dieses in Person wagen wollte , auf seine alten Tage ein wenig albern vor Ihnen dazustehen . Wie das eigentlich zusammen hängt , sollen Sie gleich erfahren , wenn Sie mir erlauben wollen mich zu setzen . « Erning setzte sich , und - doch damit er dem Leser nicht eben so lästig falle , als er es der Tante war , möchte es rathsam seyn das , was er bei ihr anzubringen hatte , mit Weglassung seiner eignen Art und Worte in der Kürze zusammen , zu fassen . Der Hauptpunct davon war die Entdeckung , daß ein außer der Ehe geborner Sohn des alten Kleeborns am Leben sey , um dessen Daseyn nur wenige Vertraute wußten ; daß zu diesen auch Erning gehörte war natürlich , denn diesem blieb so leicht nichts verborgen , was in dem weiten Kreise seiner Bekanntschaften vorgehen mochte . Der junge Vanderbrugge , so hatte Kleeborn seinen Sohn nach dessen Mutter genannt , war um mehrere Jahre älter als Vicktorine , und stets in Holland , wo er geboren , geblieben ; seine Mutter , eine Holländerin , starb bald nach seiner Geburt . Dieser Umstand hatte seinem Vater es sehr leicht gemacht , das Daseyn dieses Kindes verborgen zu halten , aber der frühe Tod des gutmüthigen , wenn gleich schwachen Geschöpfs , welches ihm das Leben gegeben hatte , machte diesem dennoch viele Jahre hindurch manche trübe Stunde . Und als späterhin alle ihm in rechtmäßiger Ehe gebornen Söhne nach und nach meistens noch in der Wiege hinwegstarben , und endlich nur die einzige Tochter Vicktorine , die Jüngstgeborne , am Leben blieb , so war Kleeborn oft geneigt , dieses Unglück als ein Verhängniß der strafenden Gerechtigkeit des Himmels anzusehen , der so auf die empfindlichste Weise den Tod jenes armen Mädchens an ihm rächen wollte . Um gut zu machen , was noch gut zu machen möglich sey , nahm Kleeborn sich vor , für das Kind , das er öffentlich nicht anerkennen durfte , wenigstens väterliche Sorge zu tragen . Der alte Wißmann , sein erprobter vieljähriger Freund , war auch in dieser Angelegenheit sein Vertrauter gewesen , er hatte über die erste Erziehung des Kleinen die Aufsicht geführt und nahm ihn , da er heranwuchs auf Kleeborns Antrieb in sein Comtoir auf , wo er sich alle Mühe gab , einen tüchtigen und geschickten Kaufmann aus ihm zu bilden . Der beste Erfolg lohnte ihm dafür , er sowohl , als Kleeborn , hatten ihre Freude an den Knaben und als er