abermals , noch immer halb erzürnt . » Ich bedarf nichts von alle dem , um überzeugt zu seyn , daß dieses verächtliche sich selbst Wegwerfen ihr unmöglich war , denn Liebe schützte sie damals vor jeder Erniedrigung ihrer edlern Natur ; eben jene Liebe , welche die Frau Gräfin Eugenia in so unwürdigem Lichte zu zeigen sich abmühte . « Ein unartikulirter Ausruf Hippolits , den er bei diesen Worten nur halb zu unterdrücken vermochte , wurde vom Professor nicht beachtet , der , hingerissen von dem Vergnügen Gabrielen zu vertheidigen , im Feuer seiner Rede fortfuhr . » Ich war freilich bei Gabrielens Ankunft und bei jener Tableauscene zugegen , dessen die Gräfin Eugenia so spöttisch erwähnte . Ich pflegte damals immer gern die mir zur Erholung gegönnten Stunden in dem gastfreien Hause und in dem geistreichen Kreise der Gräfin Rosenberg zuzubringen . Die kindliche Grazie , das unglaublich schüchterne Wesen des jungen Mädchens , bei dem Geiste , der unter den dunkeln Wimpern hervorblitzte , so wie die über ihr ganzes Wesen ergossene unverkennbare Traurigkeit , machten sie mir gleich in der ersten Stunde höchst interessant . Die gänzliche Verlassenheit , in der sie bald darauf oft mitten in den größten Gesellschaften , furchtsam in sich gekehrt , dastand , erregte mein innigstes Mitleid ; schon wollte ich als väterlicher Freund ihr mich nähern , aber da entdeckte ich , daß ein Andrer mir zuvorgekommen sey , der in jeder Hinsicht sich freilich besser zu ihrem Beschützer eignete als ich , ein bedeutender Künstler und wie ich späterhin vernahm , ein alter Freund ihrer Mutter . « Hippolit , der bei Erwähnung dieses Freundes sehr aufmerksam geworden war , athmete bei den letzten Worten des Professors hoch auf , mit sichtbar erleichterter Brust , und jener fuhr fort . » So begnügte ich mich denn , dem Entfalten dieser lieblichen Blume von weitem , ohne thätige Theilnahme zuzusehen . Mit unaussprechlichem Vergnügen beobachtete ich das erste Erwachen des reinsten Herzens , das vielleicht je in einer Mädchenbrust geschlagen hat . Es zu erwecken , war einem Manne beschieden , den ich vor allen andern dieses hohen Glücks werth achten mußte . Wie oft betrachtete ich mit wahrer Freude das schöne Paar , wenn beide der Zufall neben einander gestellt hatte ! Er , das Bild männlicher Hoheit , sie ganz weibliche Anmuth und Bescheidenheit . « » Er ist todt ? Er starb ? « fragte Hippolit beinahe athemlos . » Nicht daß ich wüßte , « erwiderte der Professor , er hat mit letzter Post mir geschrieben . Aber seit Jahren sind sie getrennt , und so viel man menschlicher Weise die Zukunft berechnen kann , sind sie getrennt auf immer . O hätten Sie Gabrielen damals gesehen ! Zwar ihre sterbliche Hülle wäre dem Schmerz der Trennung beinahe erlegen , doch Psyche hob die glänzenden Flügel , und schwebt noch immer in ewiger Klarheit . Darum , mein junger Freund ! trägt diese seltne Frau alles so leicht , was andre erdrücken würde , sie hat ja das Schwerste früher überwunden . « Schweigend erhob sich Hippolit von seinem Sitze , und beantwortete des Professors Bitte , dieses Gesprächs gegen niemanden zu gedenken , nur mit einem Händedruck . Dieser blickte abermals verwundert ihn an und eine leise Ahnung , daß er hier wohl Unheil gestiftet haben könne , während er durch Gabrielens Vertheidigung gegen jeden Argwohn , Gutes zu stiften gedachte , flog ihm durch den Sinn , doch blieb ihm zu keiner Aeußerung hierüber Zeit . Es ward zur Abendtafel geläutet , und Hippolit eilte , noch immer in düsterem Schweigen versunken , an seinem Arm dem jetzt hell erleuchteten Pavillon zu , wo die Gesellschaft eben im Begriff war , an mehrein kleinen Tischen sich zu ordnen . Gabriele , die den Professor schon längst vermißt hatte , trat ihm an der Thüre entgegen , um ihm in ihrer Nähe seinen Platz anzuweisen , und Hippolit nahm diesen Augenblick wahr , um sich , von jedermann unbemerkt , in das dichte wilde Gebüsch neben dem Pavillon zu stürzen . Unfähig , jetzt Gabrielens Anblick zu ertragen , irrte er planlos umher . Auf ungebahntem Wege , zwischen Felsentrümmern gelangte er in der tiefen Dunkelheit zum Eisenhammer ; über wüstes Gestein , am Rande tiefer Abgründe hin , hatte er den Weg gefunden , ohne ihn zu suchen . Die Stille der Nacht verdoppelte das dröhende Tosen der Räder , das Klopfen des Hammers . Die Gluth im hohen Ofen , um welche schwarze , wie der Unterwelt entstiegene Gestalten sich bewegten , leuchtete mit rothem Schein fernhin durch die Einöde ; die verdorrten Tannen , die wunderlichen Felsenzacken schienen im flackernden Licht zu gespenstischen Erscheinungen sich umzuwandeln und in seltsamem Tanze auf- und abzuschweben . Jede rege Phantasie mußte hier mit grausenvollen Bildern sich erfüllen . Hippolit fühlte den Eindruck , ohne sich dessen deutlich bewußt werden zu können . Ermattet an Seele und Leib , warf er sich auf die alte steinerne Bank neben dem Felsbach hin , und überließ sich dumpfen ängstlichen Träumen . Weit nach Mitternacht traf ihn dort der Förster , welcher mit seinen Hunden in den Wald wollte , um nächtlichem Holzfrevel zu wehren . Er erkannte ihn , und führte ihn auf dem kürzesten Wege nach seiner Wohnung , wo er ihn einlud , in Ernestos Stübchen bis zum Morgen zu verweilen ; denn es war zu spät geworden , als daß Hippolit noch in das Schloß hätte gelangen können , ohne die Hälfte von dessen Bewohnern aus dem Schlaf zu stören . Hippolit ließ sich schweigend alles gefallen . In der stillen Einsamkeit der einfachen engen vier Wände , zu denen nur aus der Ferne das Dröhnen des Hammers , das Rauschen der Wasserbäche herüber tönte , kam Hippolit bald wieder zu einigem Besinnen . Doch mit diesem erwachte auch das ganze volle Gefühl des Schmerzes , der , sein Innres zerreißend , durch Nacht und Wald ihn bis hieher gejagt hatte . Sie hatte geliebt ? Sie liebte vielleicht noch ! Diese Ueberzeugung ward der Untergang seiner bis zu diesem Augenblicke mühsam errungnen und erhaltnen Herrschaft über sich selbst . Gabriele , die er sonst gleich einer über jede Leidenschaft erhabnen Heiligen verehrt hatte , ward ihm jetzt nur zum schönen , liebeglühenden , irrdischen Weibe ; die Höhe , auf der sie bis jetzt hoch über ihm stand , war eingesunken und alle Qualen verzehrender Eifersucht , alle Flammen der glühendsten Liebe schlugen hochauflodernd , jeder Mäßigung spottend , über seinem Haupte zusammen . In dem engen Raum , der ihn umgab , wandelte er rastlos auf und ab , bis er , vom Schwindel ergriffen , auf das Lager sank . Kein Schlaf kam in seine Augen , kein einziger Augenblick Ruhe in die wildbewegte Brust . Er wollte fort , er wollte zu ihr , er wollte hinaus in die weite Welt ; ganz mit sich selbst zerfallen , arbeitete er sich planlos und vergebens ab , einen festen Zweck des innern und äußern Strebens zu finden . Der Morgen graute indessen , die Sonne ging auf , sie stieg immer höher , ohne daß er von alle dem etwas bemerkt hätte , bis die Frau des Försters mit freundlichem Morgengruß hereintrat , um ihm ein Frühstück zu bringen . Wie ein gefangner Vogel , dem der Käfig geöffnet wird , rauschte er da , ohne sie anzusehen , durch die von ihr offen gelassene Thüre , hinaus zum Zimmer , zum Hause hinaus . Erst auf der Hälfte des steilen Weges , der zum Schlosse führt , ward es Hippoliten klar , was ihn so schnell fort und hieher getrieben habe ; es war der plötzlich gefaßte Entschluß , den Professor zu sprechen und von ihm durch Bitten oder mit Gewalt Namen und Aufenthalt des Mannes zu erpressen , den Gabriele liebte . Mit diesem Vorhaben beschäftigt , kam er im Schloßhofe an und fand dort alles in ganz ungewohnter Oede und Stille . Nirgends ließ ein Einziger von der Schaar von Dienern sich erblicken , die sonst immer dort ämsig hin und wieder lief . Die Pferdeställe , die Wagenremisen standen alle offen und leer , das ganze Schloß schien wie ausgestorben . » Wo kommen der gnädige Herr denn so spät noch her ? Die Herrschaften sind schon seit mehr als zwei Stunden nach der Rothenburg gefahren ; sie dachten alle , Euer Gnaden wären längst vorausgeritten , « rief Hippoliten endlich der Gärtner zu , der mit einem großen Korbe voll Herbstblumen aus dem Garten kam . Hippolit hatte der heutigen Lustpartie gar nicht weiter gedacht , um derentwillen sich am vergangnen Abend eine so große Gesellschaft im Schlosse versammelt hatte . Jetzt beschloß er , freilich mit einigem Widerwillen , den Professor in der Rothenburg selbst aufzusuchen ; doch während er sich dazu anschickte , fiel ihm plötzlich ein , daß auch Eugenia dort seyn , daß er auch Gabrielen dort finden werde . Er fühlte mit unwidersprechlicher Gewißheit , daß es ihm unmöglich sey , sie mit diesem Sturm in der Brust wieder zu sehen , ohne vor all den neugierigen Blicken , ja vor der Frau , die er als ihre grimmige Feindin betrachtete , das heiligste Geheimniß seines Herzens Preis zu geben . Ein neuer Kampf begann in seinem Innern , den endlich der Entschluß endete , statt nach der Rothenburg , nach der Stadt zu reisen , den Professor dort in seiner Wohnung zu erwarten , und sobald er von ihm erfahren , was er wissen wollte , hinaus zu ziehen in die Welt , um den Mann aufzusuchen , dessen Daseyn ihn mit unerhörten Qualen peinigte . Ihn finden wollte er , ihn sehen von Angesicht zu Angesicht . Was dann aber noch ferner geschehen , was aus dieser Zusammenkunft entstehen sollte ? dies schwebte ihm nur in dunkeln Bildern vor , die er gar nicht zu beleuchten wagte . So wie er über seine nächste Zukunft mit sich im Reinen war , glaubte er sich ruhiger zu fühlen ; körperliche Ermattung nach der wilddurchtobten Nacht schien ihm jetzt Fassung zu seyn . Er bedachte die Ungewißheit seiner Wiederkehr und begann manches aufzuräumen und einzupacken , was er fremden Augen zu entziehen wünschte . Briefe , Gedichte , glühende Ergüsse der ihn verzehrenden Leidenschaft , die er dem Papier anvertraut hatte , alles suchte er zusammen , und mitten unter dieser Beschäftigung rollte ihm die längst vergeßne Kapsel von Platina entgegen , welche er einst unter den Ruinen der Brandstätte gefunden hatte . Kalte Schrecken durchrieselten ihn mit Todesschauern bei diesem Anblick . Sein Herz stand einige Sekunden , und große Schweißtropfen perlten auf seiner Stirne , wie auf der Stirne eines Sterbenden . Er sank vor seinem Schreibtisch auf die Knie hin , das stiere Auge haftete an der Kapsel ; er las die Inschrift » Liberorum Salus , « Rettung der Freien . Er mußte sie immer wieder lesen , und vermochte nicht den Blick abzuwenden . Zischende Lichter , die er seitwärts sah , ohne das Haupt zu wenden , blitzten um ihn her ; über sich hörte er ein Rauschen wie von mächtigen Flügeln , es war das seine Adern durchrieselnde Entsetzen , mit dem das junge Leben sich gegen den furchtbaren Gedanken sträubte , der in diesem Moment ihn mit Riesenstärke ergriff . Und dabei mußte er innerlich doch immer wiederholen : Liberorum Salus . Dieser Zustand währte indessen nur wenige Minuten , dann stand er auf , faßte und öffnete die Kapsel mit fester Hand und hob das funkelnde Fläschchen gen Himmel . » Ich danke dir ! « rief er , » wie durch ein Wunder zeigst du mir die rechte Bahn ; so sey es denn ! « Von diesem Momente stand die Ueberzeugung fest gegründet in seinem Gemüth , daß nur der selbstgewählte Tod ihm einen Ausweg öffnen könne . Was sollte er ohne Ruhe und Rast die Welt durchirren , um ein Wesen zu suchen , dessen Daseyn ihn in Verzweiflung setzte ! Wenn er ihn nun gefunden hätte ? Nur blutig konnte dies enden . » Nein ! Gabriele soll um ihn nicht weinen ! mir , mir gehören ihre Thränen , wenn gleich ihm ihre Liebe , « rief er . » Uns beiden zugleich kann diese Sonne nicht länger scheinen , so wähle ich denn für sie den kleineren Schmerz und lege ihrer Ruhe mein Leben willig zum Opfer hin . « Mit dem feierlichen Wesen , welches die Jugend im Schmerz so gern annimmt , fuhr er nun fort , Papiere zu vernichten , andre zu versiegeln und an entfernte Verwandte zu addressiren . Er versuchte es mehreremale an Gabrielen zu schreiben , doch dieses überstieg seine Kräfte . Allmählig überschlich ihn ein unnennbares Mitleid mit sich selbst , mit tiefer Betrübniß feierte er den Abschied vom schönen , heitern Sonnenlicht . Sein eigner Entschluß erschien ihm als eine unabänderliche äußre Bestimmung ; er vergaß ganz , daß es nur von ihm abhing , sie abzuwenden . Er hatte ausgetobt , seit dem vergangnen Tage hatten weder Schlaf noch Nahrung ihn erquickt . Er fühlte kein Bedürfen , aber er war einer völligen Erschöpfung aller seiner Kräfte nah , und so gab er sich ohne Widerstreben sanftern Gefühlen hin . Traurig , aber mit festem Willen beschloß er , die Bande langsam zu lösen , die ihn noch an das Leben fesselten . Feierlich und still durchzog er das ganze Schloß , er suchte noch einmal alle die Platze auf , wo er sie gesehen , auf jedem Schritte drängten tausend süße und bittre Erinnerungen sich ihm entgegen . Rings um ihn her herrschte das tiefste Schweigen , kein neugieriges Auge , kein geschäftiger Tritt belästigte ihn störend , denn der Theil der Dienerschaft , welchen die Herrschaft zurückgelassen hatte , benutzte den seltnen freien Tag , um sich außerhalb des Schlosses zu vergnügen . Hippolit gelangte endlich an die Thüre zu Gabrielens Zimmern , er fand sie verschlossen und sank , von seinem Gefühl überwältigt , auf der Schwelle nieder . Alle Furien der Verzweiflung erwachten aufs neue in seiner Brust , er ergriff das Fläschchen , im Begriff , es hier zu öffnen , aber der Gedanke an Gabrielen , an ihren Schrecken , an den Abscheu , mit dem sie gerade hier vielleicht von seiner entstellten Hülle sich wenden würde , hielt ihn zurück . Er riß sich wieder empor , eilte , vor sich selbst fliehend , eine in der Nähe befindliche Treppe hinab , und fand sich erst in einem abgelegnen Seitenhofe wieder , vor dem äußern Eingange zur Kapelle , welche von der andern Seite an die Reihe von Zimmern stieß , die einst der alte Baron und jetzt der gegenwärtige Besitzer des Schlosses bewohnte . Ohne sich dessen deutlich bewußt zu seyn , stieg er die Treppe hinauf , die Thüre der Kapelle stand offen . Es war zur herbstlichen Zeit des immer merklicher werdenden Abnehmens der Tage , und die Sonne neigte sich schon dem Untergange zu , obgleich es noch gar nicht spät war . Ihr Strahl brach sich in den mannigfaltigen , gleich reichen Edelsteinen glänzenden Farben der alten Heiligenbilder und Familienwappen , welche , bunt und kunstreich gemalt , die Fenster schmückten . Purpurrothe Dämmerung , mit tiefdunkeln Schatten wechselnd , erfüllte das hohe Gewölbe , als Hippolit in die Kapelle trat . Der Altar , hinter welchem die Thüre sich öffnete , schien erleuchtet . Langsam , von der Feierlichkeit des Ortes besänftigt und erhoben , schritt Hippolit vorwärts und erblickte - und traute seinen Augen nicht - und glaubte einer überirdischen Erscheinung gewürdigt zu seyn - denn auf den Stufen des Altars lag Gabriele betend , in Andacht versunken . Langsam erhob sie sich , vom Geräusche seiner Tritte aus ihren Himmeln zurück gerufen . Ein langes schwarzseidnes Gewand breitete in reichen Falten sich weit um sie her ; sie war ungewöhnlich bleich , aber ein Schimmer überirdischer Seligkeit umleuchtete sie , als sie die thränenschweren Wimper hob , und , in der Dämmerung ihn nicht gleich erkennend , ihm einige Schritte entgegentrat . » Sie sind es , Hippolit ? « rief sie erschrocken aus . » Was führt so schnell Sie von der Rothenburg zurück ? Ist meinem Gemahl oder sonst jemanden von meinen Freunden dort ein Unglück widerfahren ? Ihr zerstörtes Ansehen läßt mich alles befürchten . Um Gotteswillen was ist es ? Ich kann alles eher ertragen als diese Ungewißheit , darum bitte ich , sprechen Sie . « Hippolit , völlig unfähig , nur eine Sylbe zu erwidern , zitterte so , daß er sich an einen der den Altar umgebenden Pfeiler festhalten mußte , um nicht zu Boden zu sinken . » Reden Sie , reden Sie , « bat Gabriele mit vor Angst fast unhörbarer Stimme und immer bleicher werdend . » In der Rothenburg ist hoffentlich alles wohl ; ich war nicht dort , « antwortete ihr endlich leise und bebend Hippolit . Dann stürzte er , von seinem Gefühl hingerissen , plötzlich vor sie hin , rief laut ihren Namen , verhüllte sein Gesicht in den Saum ihres Kleides , und das Fläschchen , welches er bis dahin noch immer krampfhaft festgehalten hatte , entfiel ihm , jedoch ohne zu zerbrechen . Mit lautem schrillenden Tone rollte es über den Marmorboden hin . Ein Schrei Gabrielens schreckte Hippoliten auf , er sah sie im Begriffe , zu sinken , und umschlang sie mit seinen Armen ; sein Herz pochte hörbar , seine Augen glühten gleich verzehrenden Flammen , seine zitternden Lippen berührten ihren Schleier und die goldnen Locken , er drückte sie fest und immer fester an seine schwerathmende Brust . Sie bemerkte nichts von dem allen , ihre Blicke hafteten mit dem Ausdruck des Entsetzens auf dem blinkenden Krystalle , der zu ihren Füßen die Strahlen der Altarlichter zurückwarf . » Allmächtiger Gott ! was ist das ? « rief sie mit zusammengeschlagnen Händen , indem sie sich aus Hippolits Armen wand , ohne sich dessen bewußt zu seyn . » Ich kenne dieses Fläschchen - und doch weiß ich nicht - mir ist als hätte ich einmal davon geträumt , einen fürchterlichen Traum - oder mein Vater - Heiliger Gott ! mein Vater ! « rief sie mit so wildem Tone , daß Hippolit davon zusammenschauderte , an allen Gliedern bebend , sie los ließ , und mit gesträubtem Haar in die tiefe Dunkelheit am andern Ende der Kapelle hinstarrte , als erwarte er dort dessen düstern Schatten emporsteigen zu sehen . » Guter Hippolit ! ich habe Sie erschreckt , « sprach jetzt Gabriele , indem sie sich erholte und sichtbar nach Fassung rang , » ich wollte es nicht , aber Sie selbst sind Schuld daran . « Sie setzte sich ermattet auf die Stufen des Altars nieder , das Auge noch immer starr auf das Fläschchen geheftet . Ihn sah sie nicht an , der , verzehrendes Feuer im Blick , wie im Kampfe zwischen Himmel und Hölle , über ihr hing . » Ich kann meine Augen nicht von dort wenden , « sprach sie ernst nachdenkend , » irgend eine entsetzliche Erinnerung knüpft sich an diesen Gegenstand , und doch schwebt mir alles so undeutlich vor , so verworren , wie aus einem frühern Daseyn in einer andern Welt . O rühren Sie es nicht an ! « rief sie heftig , und stand auf und faßte Hippolits Arm , als dieser sich bückte , um das Fläschchen aufzunehmen . » Rühren Sie es ja nicht an ; ich bin wohl schwach und kindisch , aber mir ist , als müsse irgend ein entsetzliches Unglück hereinbrechen , wenn Sie es berühren - als wäre der Tod darin verborgen . Der Tod ! - Mein Gott , mein Gott , wie ist mir denn ! - Wo habe ich es früher gesehen ? Wo kommt es jetzt denn her ? « Bei diesen Worten hob sie den Blick zu Hippoliten auf . In der scheuen Zerstörung , die aus seinen Augen , aus seinem ganzen Wesen hervorleuchtete , schien ihr mit einemmale ein Strahl der Wahrheit aufzugehen . » Hippolit ! « rief sie , » es ist Gift und Sie brachten es hieher ! Sagen Sie : nein ! Sehen Sie meine Angst um Sie , um Gotteswillen sagen Sie : nein . « Verstummend sank er vor ihr hin und verhüllte sein Gesicht . » Um Gotteswillen sagen Sie : nein , « wiederholte sie , an allen Gliedern bebend ; » diese Stunde , dieser Ort , Ihr Zurückbleiben von der Gesellschaft , der Ausdruck Ihrer ganzen Gestalt - Was ist Ihnen denn geschehen ? Was konnte Sie bewegen ? Reden Sie mit mir , vertrauen Sie mir ! O Hippolit ! Das konnten Sie mir thun ? « rief sie endlich und brach in Thränen aus . » Reden Sie mit mir , « bat sie , immer heftiger weinend , indem sie mit aller Kraft den Gebeugten aufzurichten strebte , ihre Thränen fielen auf ihn , sie benetzten seine Hände , sein Gesicht , indem sie ihn zum Aufstehen zu bewegen , sich vergeblich bemühte . » O Gabriele ! « rief er ; » Du weinst um mich ! Nach dieser Seligkeit giebts keine mehr für mich in dieser Welt . Vergieb mir , ich wollte Dich nicht betrüben . Segne mich und verlasse mich dann , laß mich zur Ruhe gelangen , ich unterliege dem schweren Kampf , aber ich habe ihn redlich gekämpft . « Der Schleier , der bis dahin Gabrielen die Wahrheit verhüllt hatte , fiel bei diesen Worten Hippolits von ihren Augen . Sein Anblick , die tödtliche Heftigkeit in seinem Wesen , vereint mit der Erinnerung an tausend bis dahin von ihr unbeachtete Züge , traten plötzlich als unwiderrufliche Beweise seiner Leidenschaft vor ihre Seele . Sie gedachte dabei ihrer ersten Jugendzeit , sie gedachte Ottokars , sie gedachte der eignen frühern Schmerzen , und fühlte unaussprechliches Mitleid für den vom Unglück nie gebeugten Jüngling , der dem wilden Kampf gegen ein Geschick zu unterliegen im Begriff war , welches das sanftre Mädchen in stiller Duldung zu tragen gewußt hatte . » Hippolit ! « sprach sie mit unendlich weicher Stimme , » Hippolit ! wenn es wahr ist , wenn wirklich ein unseliges Gefühl , dem ich bis jetzt so gern allen Glauben versagte , Ihre Brust erfüllt , wie war es Ihnen möglich , mich so betrüben zu wollen ? Fiel es Ihnen denn gar nicht ein , was aus mir werden solle , nach solchem Erleben ? « Ein Thränenstrom erleichterte jetzt auch Hippolits Brust ; ihm war , als lüfte sich damit ein eisernes Band , das bis dahin sie zusammengepreßt hielt . Gabrielen zu antworten , vermochte er noch nicht , doch er gab nach , da sie abermals ihn aufzurichten strebte , und setzte sich , ihrem Winke gehorchend , neben sie , auf die Stufen des Altars . Das Fläschchen blinkte immerfort zu ihrer beiden Füßen . Der Heiligkeit des Orts und seinem edlen Seyn vertrauend , wendete sich Gabriele jetzt ganz zu ihm und faßte seine beiden Hände ; sie blickte ihn mit dem vollen Ausdrucke des unendlichen Mitleids , der unsäglichen Besorglichkeit für ihn an , die in diesem Moment bis zum Zerspringen ihre Brust bewegten . » Sie glauben mich zu lieben , « sprach sie . » Ach ! was ist Liebe wohl anders , als der innigste Wunsch , das Geliebte zu beglücken , sey es auch auf Kosten des Theuersten , was wir in dieser Welt besitzen ? Und ist denn dieses irdische Daseyn das Höchste , was wir opfern können ? Ist Leben nicht oft so unendlich schwerer als der Tod ? « Nach diesen Worten erhob sie sich langsam , bückte sich und faßte das Fläschchen , obgleich sie schaudernd zusammenfuhr , indem sie es berührte . Schweigend stand sie einen Moment , das betende Auge fromm zum Altar erhoben , und es war , als ob sie hiermit wieder die Fassung errungen habe , welche immer zur Zeit der Noth aus ihrem Thun hervorleuchtete . Sie wendete sich mit hohem Ernste zu Hippoliten und überreichte ihm das Fläschchen . » Ich weiß , daß ich dieses jetzt Ihnen anvertrauen darf , « sprach sie ; » ich lege das Glück , die Ruhe meiner künftigen Tage hiemit in Ihre Hände . Und nun geleiten Sie mich ins Schloß , wir sind beide erschöpft und die Natur fordert ihre Rechte . Morgen seh ich Sie wieder , morgen soll alles Verworrene sich lösen . Die Nacht ist düster und schwer , aber die kommende Sonne wird uns Kraft , Muth und Entschluß in die Seele strahlen . « Sie ergriff seine Hand und führte ihn , wie ein Kind , durch die Kapelle zur Thüre hin , die in ihres verstorbnen Vaters Zimmer sich öffnete , und durch die sie einst , von Ernesto geleitet , zum Traualtar hinwankte . Im Zimmer selbst harrten ihrer Frau Dalling und Annette . » Ich bringe Dir einen Kranken , den ich Deiner sorgsamsten Pflege empfehle , liebe Dalling , « sprach sie mit der Geistesgegenwart , die sie in schweren Momenten sich immer zu erhalten wußte . » Mich soll Annette auf mein Zimmer begleiten , denn auch ich bin der Ruhe höchst bedürftig . « Hierauf wendete sie sich zu Hippoliten , reichte ihm nochmals die Hand , und blickte mit ihren klaren treuen Augen ihm Hoffnung und Frieden in das hart verwundete Gemüth . » Gute Nacht , « sprach sie , » gedenken Sie meiner in Ihrem Gebet , ich werde Ihrer gedenken . Ich werde den Geist meiner Mutter für Sie anrufen , der an diesem Tage , an welchem er mich einst verwaist in der Welt zurückließ , gewiß noch freundlicher als sonst mich umschwebt . Ich werde die Verklärte bitten , daß sie meinen jungen Freund wie mich , in diesen dunkeln Stunden vor nächtlichem Grauen und jedem Unheil behüte . Morgen sehen wir uns wieder . « Und so schieden sie . Mit sich allein in der ungestörten Ruhe ihres Zimmers , fühlte Gabriele erst die zerstörende Gewalt der eben durchlebten erschütternden Stunde . In stiller Betrachtung , in frommen Gebete hatte sie ganz einsam diesen Tag zugebracht , an dem vor acht Jahren der erste Schmerz ihr kindliches Gemüth mit unaussprechlichem Jammer erfüllte . Der verklärte Geist ihrer Mutter war damals von irdischen Fesseln befreit , zu höherem Leben gerufen worden , und was auch Gabriele seitdem Trübes und Schmerzliches erfuhr , so hatte doch nichts den Eindruck dieses ersten Verlustes zu verlöschen vermocht . Immer hatte sie sich gesehnt , nur einmal noch den Sterbetag ihrer Mutter in den , durch das stille Walten der Verklärten geheiligten Räumen zu feiern , und der ihr so selten freundliche Zufall schien diesesmal den frommen Wunsch zu begünstigen . Er ließ gerade auf diesen Tag das glänzende Verlobungsfest eines jungen Paares aus der Nachbarschaft fallen , und Schloß Aarheim sowohl , als alle Schlösser in der Nähe standen während der zwei Tage verödet da , die auf Schloß Rothenburg in allen erdenklichen Lustbarkeiten dem Brautpaar zu Ehren zugebracht wurden . Gabriele gehörte nicht zu den Frauen , die mit ihren Empfindungen vor den Augen der Welt Prunk zu treiben suchen . Still und geheim mochte sie das , was ihr heilig war , vor jedem kalten fremden Auge gern bewahren . Daher hatte sie gegen niemanden geäußert , welche ernste Feier an diesem Tage sie von dem Verlobungsfeste entfernt halten würde . Unter dem Vorwande einer leichten Unpäßlichkeit , ward es ihr im letzten Augenblicke nicht schwer bei Herrn von Aarheim ihr Zuhausebleiben zu entschuldigen . Von den übrigen der Gesellschaft ward sie im geräuschvollen Moment der Abreise , wo eine große Anzahl Wagen und Pferde den Hof anfüllten , nicht vermißt . Denn jeder , der sie in seiner Nähe nicht erblickte , vermuthete sie bei den Andern . Auch den zurückgelassenen Bedienten blieb die Anwesenheit ihrer Herrin verborgen , denn Frau Dalling hatte sie , um die ungestörte Einsamkeit Gabrielens zu sichern , alle aus dem Schloß zu entfernen gewußt . Und so herrschte denn an diesem Tage die feierliche Stille einer Karthause , wo sonst alles vom lebendigsten Treiben der Geselligkeit wiederhallte . Ihrerseits hatte Gabriele , mit sich und ihrem Gemüth beschäftigt , eben so wenig daran gezweifelt , daß Hippolit mit dem Strome der Gesellschaft nach der Rothenburg gezogen sey , als sie am vergangnen Abend sein Wegbleiben von der Gesellschaft bemerkt hatte . Sie war zu gewohnt , ihn völlig als ihren Hausgenossen zu betrachten , um bei solchen Gelegenheiten mit besondrer Rücksicht sich seiner zu erinnern , und da an diesem Abend die ungewöhnlich zahlreichen Gäste an mehreren kleinen Tischen soupirten , so konnte es ihr um so weniger auffallen , daß sie in ihrer Nähe seiner nicht gewahr ward . Um so mehr war es bewundernswerth , daß Gabriele das Schrecken , welches sein Erscheinen in der Kapelle ihr erregen mußte , so ertragen konnte , ohne auch nur für einen Augenblick ihm zu erliegen , besonders da sie sich geistig und körperlich von der ernsten Feier des Tages höchst angegriffen fühlte . Aus dem Sterbezimmer ihrer Mutter , wo sie den ganzen Tag zugebracht hatte . war sie erst gegen Abend , begleitet von der treuen Pflegerin ihrer Kindheit , zu der unter der Kapelle befindlichen Familiengruft herabgestiegen , um an den Särgen ihrer Aeltern zu beten , die sich hier der langen Reihe derer ihrer Ahnherren anschlossen . Den Rückweg nahm sie durch die Kapelle , dort wollte sie noch in stiller Andacht vor dem Altare harren ,