entschloß mich , als es Nacht wurde , kurz und gut , auf und davon zu gehen und mich irgendwo zu verbergen . Auch gelangte ich glücklich zu einer Steinritze , in die ich mich hineinzwängte und so gut als möglich verbarg . Mein erstes Bemühen darauf war , den unglücklichen Ring vom Finger zu schaffen , welches jedoch mir keineswegs gelingen wollte , vielmehr mußte ich fühlen , daß er immer enger ward , sobald ich ihn abzuziehen gedachte , worüber ich heftige Schmerzen litt , die aber sogleich nachließen , sobald ich von meinem Vorhaben abstand . Frühmorgens wach ' ich auf - denn meine kleine Person hatte sehr gut geschlafen - und wollte mich eben weiter umsehen , als es über mir wie zu regnen anfing . Es fiel nämlich durch Gras , Blätter und Blumen wie Sand und Grus in Menge herunter ; allein wie entsetzte ich mich , als alles um mich her lebendig ward und ein unendliches Ameisenheer über mich niederstürzte . Kaum wurden sie mich gewahr , als sie mich von allen Seiten angriffen und , ob ich mich gleich wacker und mutig genug verteidigte , doch zuletzt auf solche Weise zudeckten , kneipten und peinigten , daß ich froh war , als ich mir zurufen hörte , ich solle mich ergeben . Ich ergab mich wirklich und gleich , worauf denn eine Ameise von ansehnlicher Statur sich mit Höflichkeit , ja mit Ehrfurcht näherte und sich sogar meiner Gunst empfahl . Ich vernahm , daß die Ameisen Alliierte meines Schwiegervaters geworden und daß er sie im gegenwärtigen Fall aufgerufen und verpflichtet , mich herbeizuschaffen . Nun war ich Kleiner in den Händen von noch Kleinern . Ich sah der Trauung entgegen und mußte noch Gott danken , wenn mein Schwiegervater nicht zürnte , wenn meine Schöne nicht verdrießlich geworden . Laßt mich nun von allen Zeremonien schweigen ; genug , wir waren verheiratet . So lustig und munter es jedoch bei uns herging , so fanden sich dessenungeachtet einsame Stunden , in denen man zum Nachdenken verleitet wird , und mir begegnete , was mir noch niemals begegnet war ; was aber und wie , das sollt ihr vernehmen . Alles um mich her war meiner gegenwärtigen Gestalt und meinen Bedürfnissen völlig gemäß , die Flaschen und Becher einem kleinen Trinker wohl proportioniert , ja , wenn man will , verhältnismäßig besseres Maß als bei uns . Meinem kleinen Gaumen schmeckten die zarten Bissen vortrefflich , ein Kuß von dem Mündchen meiner Gattin war gar zu reizend , und ich leugne nicht , die Neuheit machte mir alle diese Verhältnisse höchst angenehm . Dabei hatte ich jedoch leider meinen vorigen Zustand nicht vergessen . Ich empfand in mir einen Maßstab voriger Größe , welches mich unruhig und unglücklich machte . Nun begriff ich zum erstenmal , was die Philosophen unter ihren Idealen verstehen möchten , wodurch die Menschen so gequält sein sollen . Ich hatte ein Ideal von mir selbst und erschien mir manchmal im Traum wie ein Riese . Genug , die Frau , der Ring , die Zwergenfigur , so viele andere Bande machten mich ganz und gar unglücklich , daß ich auf meine Befreiung im Ernst zu denken begann . Weil ich überzeugt war , daß der ganze Zauber in dem Ring verborgen liege , so beschloß ich , ihn abzufeilen . Ich entwendete deshalb dem Hofjuwelier einige Feilen . Glücklicherweise war ich links , und ich hatte in meinem Leben niemals etwas rechts gemacht . Ich hielt mich tapfer an die Arbeit ; sie war nicht gering : denn das goldne Reifchen , so dünn es aussah , war in dem Verhältnis dichter geworden , als es sich aus seiner ersten Größe zusammengezogen hatte . Alle freien Stunden wendete ich unbeobachtet an dieses Geschäft und war klug genug , als das Metall bald durchgefeilt war , vor die Türe zu treten . Das war mir geraten : denn auf einmal sprang der goldne Reif mit Gewalt vom Finger , und meine Figur schoß mit solcher Heftigkeit in die Höhe , daß ich wirklich an den Himmel zu stoßen glaubte und auf alle Fälle die Kuppel unseres Sommerpalastes durchgestoßen , ja das ganze Sommergebäude durch meine frische Unbehülflichkeit zerstört haben würde . Da stand ich nun wieder , freilich um so vieles größer , allein , wie mir vorkam , auch um vieles dümmer und unbehülflicher . Und als ich mich aus meiner Betäubung erholt , sah ich die Schatulle neben mir stehen , die ich ziemlich schwer fand , als ich sie aufhob und den Fußpfad hinunter nach der Station trug , wo ich denn gleich einspannen und fortfahren ließ . Unterwegs machte ich sogleich den Versuch , mit den Täschchen an beiden Seiten . An der Stelle des Geldes , welches ausgegangen schien , fand ich ein Schlüsselchen ; es gehörte zur Schatulle , in welcher ich einen ziemlichen Ersatz fand . Solange das vorhielt , bediente ich mich des Wagens ; nachher wurde dieser verkauft , um mich auf dem Postwagen fortzubringen . Die Schatulle schlug ich zuletzt los , weil ich immer dachte , sie sollte sich noch einmal füllen , und so kam ich denn endlich , obgleich durch einen ziemlichen Umweg , wieder an den Herd zur Köchin , wo ihr mich zuerst habt kennen lernen . Siebentes Kapitel Hersilie an Wilhelm Bekanntschaften , wenn sie sich auch gleichgültig ankündigen , haben oft die wichtigsten Folgen , und nun gar die Ihrige , die gleich von Anfang nicht gleichgültig war . Der wunderliche Schlüssel kam in meine Hände als ein seltsames Pfand ; nun besitze ich das Kästchen auch . Schlüssel und Kästchen , was sagen Sie dazu ? Was soll man dazu sagen ? Hören Sie , wie ' s zuging : Ein junger , feiner Mann läßt sich bei meinem Oheim melden und erzählt , daß der kuriose Antiquitätenkrämer , der mit Ihnen lange in Verbindung gestanden , vor kurzem gestorben sei und ihm die ganze merkwürdige Verlassenschaft übertragen , zugleich aber zur Pflicht gemacht habe , alles fremde Eigentum , was eigentlich nur deponiert sei , unverzüglich zurückzugeben . Eignes Gut beunruhige niemanden , denn man habe den Verlust allein zu ertragen ; fremdes Gut jedoch zu bewahren , habe er sich nur in besondern Fällen erlaubt , ihm wolle er diese Last nicht aufbürden , ja er verbiete ihm , in väterlicher Liebe und Autorität , sich damit zu befassen . Und hiemit zog er das Kästchen hervor , das , wenn ich es schon aus der Beschreibung kannte , mir doch ganz vorzüglich in die Augen fiel . Der Oheim , nachdem er es von allen Seiten besehen , gab es zurück und sagte : Auch er habe es sich zur Pflicht gemacht , in gleichem Sinne zu handeln und sich mit keiner Antiquität , sie sei auch noch so schön und wunderbar , zu belasten , wenn er nicht wisse , wem sie früher angehört und was für eine historische Merkwürdigkeit damit zu verknüpfen sei . Nun zeige dieses Kästchen weder Buchstaben noch Ziffer , weder Jahrzahl noch sonst eine Andeutung , woraus man den frühern Besitzer oder Künstler erraten könne , es sei ihm also völlig unnütz und ohne Interesse . Der junge Mann stand in großer Verlegenheit und fragte nach einigem Besinnen , ob er nicht erlauben wolle , solches bei seinen Gerichten niederzulegen ? Der Oheim lächelte , wandte sich zu mir und sprach : » Das wär ' ein hübsches Geschäft für dich , Hersilie ; du hast ja auch allerlei Schmuck und zierliche Kostbarkeiten , leg ' es dazu ; denn ich wollte wetten , der Freund , der dir nicht gleichgültig blieb , kommt gelegentlich wieder und holt es ab . « Das muß ich nun so hinschreiben , wenn ich treu erzählen will , und sodann muß ich bekennen , ich sah das Kästchen mit neidischen Augen an , und eine gewisse Habsucht bemächtigte sich meiner . Mir widerte , das herrliche , dem holden Felix vom Schicksal zugedachte Schatzkästlein in dem alt-eisernen , verrosteten Depositenkasten der Gerichtsstube zu wissen . Wünschelrutenartig zog sich die Hand darnach , mein bißchen Vernunft hielt sie zurück ; ich hatte ja den Schlüssel , das durfte ich nicht entdecken ; und sollte ich mir die Qual antun , das Schloß uneröffnet zu lassen , oder mich der unbefugten Kühnheit hingeben , es aufzuschließen ? Allein , ich weiß nicht , war es Wunsch oder Ahnung , ich stellte mir vor , Sie kämen , kämen bald , wären schon da , wenn ich auf mein Zimmer träte ; genug , es war mir so wunderlich , so seltsam , so konfus , wie es mir immer geht , wenn ich aus meiner gleichmütigen Heiterkeit herausgenötigt werde . Ich sage nichts weiter , beschreibe nicht , entschuldige nicht ; genug , hier liegt das Kästchen vor mir in meiner Schatulle , der Schlüssel daneben , und wenn Sie eine Art von Herz und Gemüt haben , so denken Sie , wie mir zumute ist , wie viele Leidenschaften sich in mir herumkämpfen , wie ich Sie herwünsche , auch wohl Felix dazu , daß es ein Ende werde , wenigstens daß eine Deutung vorgehe , was damit gemeint sei , mit diesem wunderbaren Finden , Wiederfinden , Trennen und Vereinigen ; und sollte ich auch nicht aus aller Verlegenheit gerettet werden , so wünsche ich wenigstens sehnlichst , daß diese sich aufkläre , sich endige , wenn mir auch , wie ich fürchte , etwas Schlimmeres begegnen sollte . Achtes Kapitel Unter den Papieren , die uns zur Redaktion vorliegen , finden wir einen Schwank , den wir ohne weitere Vorbereitung hier einschalten , weil unsre Angelegenheiten immer ernsthafter werden und wir für dergleichen Unregelmäßigkeiten fernerhin keine Stelle finden möchten . Im ganzen möchte diese Erzählung dem Leser nicht unangenehm sein , wie sie St. Christoph am heitern Abend einem Kreise versammelter lustiger Gesellen vortrug . Die gefährliche Wette Es ist bekannt , daß die Menschen , sobald es ihnen einigermaßen wohl und nach ihrem Sinne geht , alsobald nicht wissen , was sie vor Übermut anfangen sollen ; und so hatten denn auch mutwillige Studenten die Gewohnheit , während der Ferien scharenweis das Land zu durchziehen und nach ihrer Art Suiten zu reißen , welche freilich nicht immer die besten Folgen hatten . Sie waren gar verschiedener Art , wie sie das Burschenleben zusammenführt und bindet . Ungleich von Geburt und Wohlhabenheit , Geist und Bildung , aber alle gesellig in einem heitern Sinne miteinander einander sich fortbewegend und treibend . Mich aber wählten sie oft zum Gesellen : denn wenn ich schwerere Lasten trug als einer von ihnen , so mußten sie mir denn auch den Ehrentitel eines großen Suitiers erteilen , und zwar hauptsächlich deshalb , weil ich seltener , aber desto kräftiger meine Possen trieb , wovon denn folgendes ein Zeugnis geben mag . Wir hatten auf unseren Wanderungen ein angenehmes Bergdorf erreicht , das bei einer abgeschiedenen Lage den Vorteil einer Poststation und in großer Einsamkeit ein paar hübsche Mädchen zu Bewohnerinnen hatte . Man wollte ausruhen , die Zeit verschlendern , verliebeln , eine Weile wohlfeiler leben und deshalb desto mehr Geld vergeuden . Es war gerade nach Tisch , als einige sich im erhöhten , andere im erniedrigten Zustand befanden . Die einen lagen und schliefen ihren Rausch aus ; die andern hätten ihn gern auf irgendeine mutwillige Weise ausgelassen . Wir hatten ein paar große Zimmer im Seitenflügel nach dem Hof zu . Eine schöne Equipage , die mit vier Pferden hereinrasselte , zog uns an die Fenster . Die Bedienten sprangen vom Bock und halfen einem Herrn von stattlichem , vornehmem Ansehen heraus , der ungeachtet seiner Jahre noch rüstig genug auftrat . Seine große , wohlgebildete Nase fiel mir zuerst ins Gesicht , und ich weiß nicht , was für ein böser Geist mich anhauchte , so daß ich in einem Augenblick den tollsten Plan erfand und ihn , ohne weiter zu denken , sogleich auszuführen begann . » Was dünkt euch von diesem Herrn ? « fragte ich die Gesellschaft . - » Er sieht aus « , versetzte der eine , » als ob er so nicht mit sich spaßen lasse . « - » Ja , ja « , sagte der andre , » er hat ganz das Ansehen so eines vornehmen Rührmichnichtan . « - » Und dessenungeachtet « , erwiderte ich ganz getrost , » was wettet ihr , ich will ihn bei der Nase zupfen , ohne daß mir deshalb etwas Übles widerfahre ; ja ich will mir sogar dadurch einen gnädigen Herrn an ihm verdienen . « » Wenn du es leistest « , sagte Raufbold , » so zahlt dir jeder einen Louisdor . « - » Kassieren Sie das Geld für mich ein « , rief ich aus ; » auf Sie verlasse ich mich . « - » Ich möchte lieber einem Löwen ein Haar von der Schnauze raufen « , sagte der Kleine . - » Ich habe keine Zeit zu verlieren « , versetzte ich und sprang die Treppe hinunter . Bei dem ersten Anblick des Fremden hatte ich bemerkt , daß er einen sehr starken Bart hatte , und vermutete , daß keiner von seinen Leuten rasieren könne . Nun begegnete ich dem Kellner und fragte : » Hat der Fremde nicht nach einem Barbier gefragt ? « - » Freilich ! « versetzte der Kellner , » und es ist eine rechte Not . Der Kammerdiener des Herrn ist schon zwei Tage zurückgeblieben . Der Herr will seinen Bart absolut los sein , und unser einziger Barbier , wer weiß , wo er in die Nachbarschaft hingegangen . « » So meldet mich an « , versetzte ich ; » führt mich als Bartscherer bei dem Herrn nur ein , und Ihr werdet Ehre mit mir einlegen . « Ich nahm das Rasierzeug , das ich im Hause fand , und folgte dem Kellner . Der alte Herr empfing mich mit großer Gravität , besah mich von oben bis unten , als ob er meine Geschicklichkeit aus mir herausphysiognomieren wollte . » Versteht Er Sein Handwerk ? « sagte er zu mir . » Ich suche meinesgleichen « , versetzte ich , » ohne mich zu rühmen . « Auch war ich meiner Sache gewiß : denn ich hatte früh die edle Kunst getrieben und war besonders deswegen berühmt , weil ich mit der linken Hand rasierte . Das Zimmer , in welchem der Herr seine Toilette machte , ging nach dem Hof und war gerade so gelegen , daß unsere Freunde füglich hereinsehen konnten , besonders wenn die Fenster offen waren . An gehöriger Vorrichtung fehlte nichts mehr . Der Patron hatte sich gesetzt und das Tuch vorgenommen . Ich trat ganz bescheidentlich vor ihn hin und sagte : » Exzellenz ! mir ist bei Ausübung meiner Kunst das Besondere vorgekommen , daß ich die gemeinen Leute besser und zu mehrerer Zufriedenheit rasiert habe als die Vornehmen . Darüber habe ich denn lange nachgedacht und die Ursache bald da , bald dort gesucht , endlich aber gefunden , daß ich meine Sache in freier Luft viel besser mache als in verschlossenen Zimmern . Wollten Ew . Exzellenz deshalb erlauben , daß ich die Fenster aufmache , so würden Sie den Effekt zu eigener Zufriedenheit gar bald empfinden . « Er gab es zu , ich öffnete das Fenster , gab meinen Freunden einen Wink und fing an , den starken Bart mit großer Anmut einzuseifen . Ebenso behend und leicht strich ich das Stoppelfeld vom Boden weg , wobei ich nicht versäumte , als es an die Oberlippe kam , meinen Gönner bei der Nase zu fassen und sie merklich herüber und hinüber zu biegen , wobei ich mich so zu stellen wußte , daß die Wettenden zu ihrem größten Vergnügen erkennen und bekennen mußten , ihre Seite habe verloren . Sehr stattlich bewegte sich der alte Herr gegen den Spiegel : man sah , daß er sich mit einiger Gefälligkeit betrachtete , und wirklich , es war ein sehr schöner Mann . Dann wendete er sich zu mir mit einem feurigen schwarzen , aber freundlichen Blick und sagte : » Er verdient , mein Freund , vor vielen seinesgleichen gelobt zu werden , denn ich bemerke an Ihm weit weniger Unarten als an andern . So fährt Er nicht zwei- , dreimal über dieselbige Stelle , sondern es ist mit einem Strich getan ; auch streicht Er nicht , wie mehrere tun , sein Schermesser in der flachen Hand ab und führt den Unrat nicht der Person über die Nase . Besonders aber ist Seine Geschicklichkeit der linken Hand zu bewundern . Hier ist etwas für Seine Mühe « , fuhr er fort , indem er mir einen Gulden reichte . » Nur eines merk ' Er sich : daß man Leute von Stande nicht bei der Nase faßt . Wird Er diese bäurische Sitte künftig vermeiden , so kann Er wohl noch in der Welt sein Glück machen . « Ich verneigte mich tief , versprach alles mögliche , bat ihn , bei allenfallsiger Rückkehr mich wieder zu beehren , und eilte , was ich konnte , zu unseren jungen Gesellen , die mir zuletzt ziemlich Angst gemacht hatten . Denn sie verführten ein solches Gelächter und ein solches Geschrei , sprangen wie toll in der Stube herum , klatschten und riefen , weckten die Schlafenden und erzählten die Begebenheit immer mit neuem Lachen und Toben , daß ich selbst , als ich ins Zimmer trat , die Fenster vor allen Dingen zumachte und sie um Gottes willen bat , ruhig zu sein , endlich aber mitlachen mußte über das Aussehen einer närrischen Handlung , die ich mit so vielem Ernste durchgeführt hatte . Als nach einiger Zeit sich die tobenden Wellen des Lachens einigermaßen gelegt hatten , hielt ich mich für glücklich ; die Goldstücke hatte ich in der Tasche und den wohlverdienten Gulden dazu , und ich hielt mich für ganz wohl ausgestattet , welches mir um so erwünschter war , als die Gesellschaft beschlossen hatte , des andern Tages auseinanderzugehen . Aber uns war nicht bestimmt , mit Zucht und Ordnung zu scheiden . Die Geschichte war zu reizend , als daß man sie hätte bei sich behalten können , so sehr ich auch gebeten und beschworen hatte , nur bis zur Abreise des alten Herrn reinen Mund zu halten . Einer bei uns , der Fahrige genannt , hatte ein Liebesverständnis mit der Tochter des Hauses . Sie kamen zusammen , und Gott weiß , ob er sie nicht besser zu unterhalten wußte , genug , er erzählt ihr den Spaß , und so wollten sie sich nun zusammen totlachen . Dabei blieb es nicht , sondern das Mädchen brachte die Märe lachend weiter , und so mochte sie endlich noch kurz vor Schlafengehen an den alten Herrn gelangen . Wir saßen ruhiger als sonst : denn es war den Tag über genug getobt worden , als auf einmal der kleine Kellner , der uns sehr zugetan war , hereinsprang und rief : » Rettet euch , man wird euch totschlagen ! « Wir fuhren auf und wollten mehr wissen ; er aber war schon zur Türe wieder hinaus . Ich sprang auf und schob den Nachtriegel vor ; schon aber hörten wir an der Türe pochen und schlagen , ja wir glaubten zu hören , daß sie durch eine Axt gespalten werde . Maschinenmäßig zogen wir uns ins zweite Zimmer zurück , alle waren verstummt : » Wir sind verraten « , rief ich aus , » der Teufel hat uns bei der Nase ! « Raufbold griff nach seinem Degen , ich zeigte hier abermals meine Riesenkraft und schob ohne Beihülfe eine schwere Kommode vor die Türe , die glücklicherweise hereinwärts ging . Doch hörten wir schon das Gepolter im Vorzimmer und die heftigsten Schläge an unsere Türe . Raufbold schien entschieden , sich zu verteidigen , wiederholt aber rief ich ihm und den übrigen zu : » Rettet euch ! hier sind Schläge zu fürchten nicht allein , aber Beschimpfung , das Schlimmere für den Edelgebornen . « Das Mädchen stürzte herein , dieselbe , die uns verraten hatte , nun verzweifelnd , ihren Liebhaber in Todesgefahr zu wissen . » Fort , fort ! « rief sie und faßte ihn an ; » fort , fort ! ich bring ' euch über Böden , Scheunen und Gänge . Kommt alle , der letzte zieht die Leiter nach . « Alles stürzte nun zur Hintertüre hinaus ; ich hob noch einen Koffer auf die Kiste , um die schon hereinbrechenden Füllungen der belagerten Türe zurückzuschieben und festzuhalten . Aber meine Beharrlichkeit , mein Trutz wollte mir verderblich werden . Als ich den übrigen nachzueilen rannte , fand ich die Leiter schon aufgezogen und sah alle Hoffnung , mich zu retten , gänzlich versperrt . Da steh ' ich nun , ich , der eigentliche Verbrecher , der ich mit heiler Haut , mit ganzen Knochen zu entrinnen schon aufgab . Und wer weiß - doch laßt mich immer dort in Gedanken stehen , da ich jetzt hier gegenwärtig euch das Märchen vorerzählen kann . Nur vernehmt noch , daß diese verwegene Suite sich in schlechte Folgen verlor . Der alte Herr , tief gekränkt von Verhöhnung ohne Rache , zog sich ' s zu Gemüte , und man behauptet , dieses Ereignis habe seinen Tod zur Folge gehabt , wo nicht unmittelbar , doch mitwirkend . Sein Sohn , den Tätern auf die Spur zu gelangen trachtend , erfuhr unglücklicherweise die Teilnahme Raufbolds , und erst nach Jahren hierüber ganz klar , forderte er diesen heraus , und eine Wunde , ihn , den schönen Mann , entstellend , ward ärgerlich für das ganze Leben . Auch seinem Gegner verdarb dieser Handel einige schöne Jahre , durch zufällig sich anschließende Ereignisse . Da nun jede Fabel eigentlich etwas lehren soll , so ist euch allen , wohin die gegenwärtige gemeint sei , wohl überklar und deutlich . Neuntes Kapitel Der höchst bedeutende Tag war angebrochen , heute sollten die ersten Schritte zur allgemeinen Fortwanderung eingeleitet werden , heut sollte sich ' s entscheiden , wer denn wirklich in die Welt hinaus gehen , oder wer lieber diesseits , auf dem zusammenhangenden Boden der alten Erde verweilen und sein Glück versuchen wolle . Ein munteres Lied erscholl in allen Straßen des heitern Fleckens ; Massen taten sich zusammen , die einzelnen Glieder eines jeden Handwerks schlossen sich aneinander an , und so zogen sie , unter einstimmigem Gesang , nach einer durch das Los entschiedenen Ordnung in den Saal . Die Vorgesetzten , wie wir Lenardo , Friedrichen und den Amtmann bezeichnen wollen , waren eben im Begriff , ihnen zu folgen und den gebührenden Platz einzunehmen , als ein Mann von einnehmendem Wesen zu ihnen trat und sich die Erlaubnis ausbat , an der Versammlung teilnehmen zu können . Ihm wäre nichts abzuschlagen gewesen , so gesittet , zuvorkommend und freundlich war sein Betragen , wodurch eine imposante Gestalt , welche sowohl nach der Armee als dem Hofe und dem geselligen Leben hindeutete , sich höchst anmutig erwies . Er trat mit den übrigen hinein , man überließ ihm einen Ehrenplatz ; alle hatten sich gesetzt , Lenardo blieb stehen und fing folgendermaßen zu reden an : » Betrachten wir , meine Freunde , des festen Landes bewohnteste Provinzen und Reiche , so finden wir überall , wo sich nutzbarer Boden hervortut , denselben bebaut , bepflanzt , geregelt , verschönt und in gleichem Verhältnis gewünscht , in Besitz genommen , befestigt und verteidigt . Da überzeugen wir uns denn von dem hohen Wert des Grundbesitzes und sind genötigt , ihn als das Erste , das Beste anzusehen , was dem Menschen werden könne . Finden wir nun , bei näherer Ansicht , Eltern- und Kinderliebe , innige Verbindung der Flur- und Stadtgenossen , somit auch das allgemeine patriotische Gefühl unmittelbar auf den Boden gegründet , dann erscheint uns jenes Ergreifen und Behaupten des Raums , im großen und kleinen , immer bedeutender und ehrwürdiger . Ja , so hat es die Natur gewollt ! Ein Mensch , auf der Scholle geboren , wird ihr durch Gewohnheit angehörig , beide verwachsen miteinander , und sogleich knüpfen sich die schönsten Bande . Wer möchte denn wohl die Grundfeste alles Daseins widerwärtig berühren , Wert und Würde so schöner , einziger Himmelsgabe verkennen ? Und doch darf man sagen : Wenn das , was der Mensch besitzt , von großem Wert ist , so muß man demjenigen , was er tut und leistet , noch einen größern zuschreiben . Wir mögen daher bei völligem Überschauen den Grundbesitz als einen kleineren Teil der uns verliehenen Güter betrachten . Die meisten und höchsten derselben bestehen aber eigentlich im Beweglichen und in demjenigen , was durchs bewegte Leben gewonnen wird . Hiernach uns umzusehen , werden wir Jüngeren besonders genötigt ; denn hätten wir auch die Lust , zu bleiben und zu verharren , von unsern Vätern geerbt , so finden wir uns doch tausendfältig aufgefordert , die Augen vor weiterer Aus- und Umsicht keineswegs zu verschließen . Eilen wir deshalb schnell ans Meeresufer und überzeugen uns mit einem Blick , welch unermeßliche Räume der Tätigkeit offenstehen , und bekennen wir schon bei dem bloßen Gedanken uns ganz anders aufgeregt . Doch in solche grenzenlose Weiten wollen wir uns nicht verlieren , sondern unsere Aufmerksamkeit dem zusammenhängenden , weiten , breiten Boden so mancher Länder und Reiche zuwenden . Dort sehen wir große Strecken des Landes von Nomaden durchzogen , deren Städte beweglich , deren lebendig-nährender Herdenbesitz überall hinzuleiten ist . Wir sehen sie inmitten der Wüste , auf großen grünen Weideplätzen , wie in erwünschten Häfen vor Anker liegen . Solche Bewegung , solches Wandern wird ihnen zur Gewohnheit , zum Bedürfnis ; endlich betrachten sie die Oberfläche der Welt , als wäre sie nicht durch Berge gedämmt , nicht von Flüssen durchzogen . Haben wir doch den Nordosten gesehen sich gegen Südwesten bewegen , ein Volk das andere vor sich hertreiben , Herrschaft und Grundbesitz durchaus verändert . Von übervölkerten Gegenden her wird sich ebendasselbe in dem großen Weltlauf noch mehrmals ereignen . Was wir von Fremden zu erwarten haben , wäre schwer zu sagen ; wundersam aber ist es , daß durch eigene Übervölkerung wir uns einander innerlich drängen und , ohne erst abzuwarten , daß wir vertrieben werden , uns selbst vertreiben , das Urteil der Verbannung gegen einander selbst aussprechend . Hier ist nun Zeit und Ort , ohne Verdruß und Mißmut in unserm Busen einer gewissen Beweglichkeit Raum zu geben , die ungeduldige Lust nicht zu unterdrücken , die uns antreibt , Platz und Ort zu verändern . Doch was wir auch sinnen und vorhaben , geschehe nicht aus Leidenschaft , noch aus irgendeiner andern Nötigung , sondern aus einer dem besten Rat entsprechenden Überzeugung . Man hat gesagt und wiederholt : Wo mir ' s wohl geht , ist mein Vaterland ! ; doch wäre dieser tröstliche Spruch noch besser ausgedrückt , wenn es hieße : Wo ich nütze , ist mein Vaterland ! Zu Hause kann einer unnütz sein , ohne daß es eben sogleich bemerkt wird ; außen in der Welt ist der Unnütze gar bald offenbar . Wenn ich nun sage : Trachte jeder , überall sich und andern zu nutzen ! , so ist dies nicht etwa Lehre noch Rat , sondern der Ausspruch des Lebens selbst . Nun beschaue man den Erdball und lasse das Meer vorerst unbeachtet , man lasse sich von dem Schiffsgewimmel nicht mit fortreißen und hefte den Blick auf das feste Land und staune , wie es mit einem sich wimmelnd durchkreuzenden Ameisengeschlecht übergossen ist . Hiezu hat Gott der Herr selbst Anlaß gegeben , indem er , den babylonischen Turmbau verhindernd , das Menschengeschlecht in alle Welt zerstreute . Lasset uns ihn darum preisen , denn dieser Segen ist auf alle Geschlechter übergegangen . Bemerket nun mit Heiterkeit , wie sich alle Jugend sogleich in Bewegung setzt . Da ihr der Unterricht weder im Hause noch an der Türe geboten wird , eilt sie alsobald nach Ländern und Städten , wohin sie der Ruf des Wissens und der Weisheit verlockt ; nach empfangener schneller , mäßiger Bildung fühlt sie sich sogleich getrieben , weiter in der Welt umherzuschauen , ob sie da oder dort irgendeine nutzbare Erfahrung , zu ihren Zwecken behülflich , auffinden und erhaschen könne . Mögen sie denn ihr Glück versuchen ! wir aber gedenken sogleich vollendeter , ausgezeichneter Männer , jener edlen Naturforscher , die jeder Beschwerlichkeit , jeder Gefahr wissentlich entgegengehen , um der Welt die Welt zu eröffnen und durch das Unwegsamste hindurch Pfad und Bahn zu bereiten . Sehet aber auch auf glatten Heerstraßen Staub auf Staub in langen Wolkenzügen emporgeregt , die Spur bezeichnend bequemer , überpackter Wägen , worin Vornehme , Reiche und so manche andere dahinrollen , deren verschiedene Denkweise und Absicht Yorik uns gar zierlich auseinandersetzt . Möge nun aber der wackere Handwerker ihnen zu Fuße getrost nachschauen , dem das Vaterland zur Pflicht machte , fremde Geschicklichkeit sich anzueignen und nicht eher , als bis ihm dies gelungen , an den väterlichen Herd zurückzukehren . Häufiger aber begegnen wir auf unsern Wegen Marktenden und Handelnden ; ein kleiner Krämer sogar darf nicht versäumen , von Zeit zu Zeit seine Bude zu verlassen , Messen und Märkte zu besuchen , um sich dem Großhändler zu nähern und seinen kleinen Vorteil am Beispiel , an der Teilnahme des Grenzenlosen zu steigern . Aber noch unruhiger durchkreuzt sich einzeln , zu Pferde , auf allen Haupt- und Nebenstraßen die