kreucht . « Die Fliege auf dem Tische Hör ich deinen Kopf so brummen , Oder muß ich selbst so summen ? Trank vom allerbesten Wein , Schlief beim letzten Tropfen ein , Setz mich nun auf deine Nase , Daß ich höre , wie sie blase . Johanna schlägt ungeduldig nach der Fliege und liest weiter : Und Gott der Herr machet den Menschen aus dem Erdenkloß und er blies ihm ein den lebendigen Odem in seine Nase . Und also ward der Mensch eine lebendige Seele . Die Mücken , die zum Fenster hinausfliegen Hab dich umflogen , Blutiges Feuer Glänzt mir im Leibe , Das ich beim Schreiben Dir ausgesogen ; Tieferes Feuer Glänzet im Abend , Tanz ich im Glanze , Vergeht es so labend . Johanna kratzt sich an Händen und Füßen , dann lieset sie weiter : Und Gott der Herr pflanzet einen Garten in Eden und setzet den Menschen drein . Und Gott der Herr ließ aufwachsen aus der Erde allerlei Bäume , lustig anzusehen und gut zu essen , und den Baum des Lebens mitten im Garten und den Baum des Erkenntnisses vom Guten und Bösen . Der Baum vor dem Fenster Über deinem Haupte Schweben die Sorgen , Über meinem belaubten Haupte wie Morgen Glänzet der Abend ; Kühlend und labend , Schwebet der Vogel , Rauschet der Wind . Liebliches Kind Steige geschwind Mir auf die Äste , Die ich im Weste Neige und zeige , Zeig dir ein Nest , Halte dich fest , Steige hinein , Alles ist dein ; Zeige dir Früchte , Glühend im Lichte , Kühlend im Mund Saftig und rund . Aller der Tage Arbeit und Plage Himmlischer Lohn , Gibt dir mein Thron ; Herrlich ist wohnen Hier in den Kronen . Johanna sieht ihn lange an und liest weiter : Und Gott der Herr gebot dem Menschen und sprach : » Du sollst essen von allerlei Bäumen im Garten ; aber von dem Baume der Erkenntnis des Guten und Bösen sollst du nicht essen , denn welches Tages du davon issest , wirst du des Todes sterben . « Ein Schmetterling , der durch die Fensterscheiben fliegen will Was gähnst du wieder Und streckst die Glieder ? Springe mir nach Heiter und wach ; Noch nimmermehr Kam ich hieher , Kann nicht heraus Hier aus dem Haus , Habe kein Bangen , Lasse mich fangen , Laß mich am Kranz Spielen im Glanz . Johanna Das ist ein Totenvogel gar , Den such ich schon ein ganzes Jahr , Er soll mich doch nicht stören , Ich will ihn gar nicht hören , Ich bin zwar von der Arbeit müd , Doch stören soll mich noch kein Lied . Marienwürmchen Sieben Punkte trag ich schwer , Mach doch einen Punkt daher , Daß die Arbeit schließe ; Bring dir viele Grüße Von den Nachbarskindern , Die sind viel geschwinder , Die sind alle fertig , Deiner schon gewärtig ; Hast du viel geschrieben ? Kann ja gar nichts finden , Sag , wo ist ' s geblieben , Kann das so verschwinden ? Johanna Hört mir nur einmal zu , ihr Tierlein , laßt das Singen , Ich fühl ' s , die Arbeit wird mir endlich doch gelingen , Ich war so ganz in Lust und Sonnenglanz versunken ; Vor meinem frohen Blick gestalteten sich Funken , In wunderbar Gespräch hört ich die Lichtgestalten . O könnt ich euch nur fest zu meiner Arbeit halten , Ein schönes Bild so schnell im schönern untergeht , Kaum weiß ich , wo ich bin , wo mir der Kopf jetzt steht ; Könnt ich bei einer Arbeit nur beständig bleiben , Doch andres wird mir lieb und andres soll ich treiben . Nun jetzt bleib ich dabei , bis ich zum Schluß gelange , Daß ich ein Prämium aus Meisters Hand empfange . Der Titel ist gemalt und das Papier gefalten , Mag nun der liebe Gott mit meinem Geiste walten , Daß all sein Schöpfungswerk , in sieben Tag verrichtet , An diesem Abend noch in Worten sei berichtet , Ein jedes Kraut genannt , die Vögel all beschrieben , Der ganze Frühling zeigt , wo Lücken sind geblieben , Im Alten Testament , das will ich alles fassen , Und eh ' nicht alles drein , nicht von der Arbeit lassen . Wie dumm nun geht das Licht , da ich es eben brauche , Ich las mich schon ganz trüb , als ob ' s im Zimmer rauche , So spielt der letzte Strahl und strahlt im Sonnenstaube Und draußen weht ' s so kühl in meiner Bohnenlaube ; Die Vögel betten sich lautrauschend in den Hecken , Wo mag mein Eichhörnlein wohl jetzo wieder stecken . Heida ihr Tauben bunt , kommt ihr vom Feld zurücke ? Ich öffne euer Haus - nun fliegt ihr fort aus Tücke ; Ins Freie will ich auch , zu fleißig tut kein gut , Ein kluges Kind stirbt jung , ich kühle meinen Mut . Der Wiesenplan steht voll von schöner gelber Blume , Die hau ich all herab zu meinem ew ' gen Ruhme , Als wär ' s die Heidenbrut im Turban farbig schön , Sie sollen sich gestreckt vor Christi Kreuze sehn ; Das sei zuerst geschmückt mit frischem Blumenkranz , Gewißlich macht es Freud dem guten Spiegelglanz , Im frischen Abendwind verspring ich dann die Füße Und dann der stillen Nacht zur Arbeit ganz genieße . Als sie nun gefunden , daß es ihr mit den Alexandrinern ziemlich leicht ginge , sprang sie noch leichter zur Türe hinaus , pflückte aus allen Blumenbeeten , die schön geordnet da standen , vorsichtig heraus , daß keines leerer schien , vielmehr seine neuen Knospen freier und wechselnder zum Licht ausstreckte . Der Kranz war schnell geflochten und das Christusbild bekränzt ; sie wollte ein kindisches Lied auf ihn anfangen : » Christus meine Puppe , segne heut die Suppe « ; als sie über sich selbst lustig auf einen Baum kletterte und lachte und die Äste küßte , die voll Kirschen hingen , und die aß sie langsam und knipste die Kerne zu dem heiligen Bilde , wobei sie sagte : » Bist du von Stein , so kannst du auch Steine essen . « Der Teufel freute sich darüber sehr und funkelte ihr alle versteckten Kirschen entgegen . Sie hatte aber genug , und stieg herunter und machte aus allen Kirschstengeln Knoten und aus den Knoten einen Kranz , den sie Christus aufsetzte zum großen Ärger des Teufels ; denn er sah , daß alles in ihr ganz unschuldiges Kinderspiel sei , weder gut noch böse , und daß er ihr also noch nichts anhaben könne . Gleich darauf verglich sie alle Früchte im Garten nach ihren Farben , nach ihren Kernen , nach ihrer Haut , Staub und Wolle , Geschmack und Geruch , und machte sich daraus allerlei Kameraden von verschiednem Charakter , wobei sie einen besondern Haß gegen die schwarzen Aalbeeren und eine Art heiliger Scheu gegen die reine Frische der Erdbeeren empfand ; das mißfiel dem Teufel wieder , der die Aalbeeren in seinem Wappen führt . Bald fand sie an einem Pflaumenbaume die durchsichtige weißgelbe Kugel des ergossenen Harzes , sie hielt es für einen großen Schatz und gedachte des Paradiesbaumes , woraus nach der Lehre des Spiegelglanz , das Bdellium , der Bernstein geflossen . Ein blaues und ein grünes Seejüngferlein , die da auf einigen Stauden flatterten , entzogen sie allen andern Gedanken ; sie hatte nie so schlanke farbige Leiber , so zierliche schimmernde Flügel gesehen ; es erwachte in ihr eine Sehnsucht danach , als wenn es ihre Seele wäre , die ihr entflattern wollte , und wirklich haben diese Tiere einen besondern Anflug geistigen Daseins . Sie sah ihren Lehrer gar nicht , der inzwischen mit seinem Buche in den Garten geschritten . Endlich fing sie beide , und brachte sie ihm triumphierend . SPIEGELGLANZ . Woher so schnell , du sahst mich kaum , liefst immer zu als wie im Traum . Johanna aber sprachlos vor Freude , zeigte ihm die beiden Tiere , die sie an den Flügeln hielt und mit den Beinen gegen einander spielen ließ . SPIEGELGLANZ . Zwei Seejüngferlein sind ein rechter Dreck , geh , mach sie tot , und wirf sie weg . JOHANNA . Die können wohl so lieblich singen , daß alle Leut ins Wasser springen ; hast du mir nicht davon erzählt , wie der Ulysses ward gequält ? SPIEGELGLANZ . Die waren wie Jungfern , du dumme Gans , und hatten nur hinten den Fischschwanz . JOHANNA . Dir will ich sie alle beide schenken , es ist mir das Liebste ohne Bedenken , du mußt sie nur zusammen bewahren , und ja ihr Futter nicht ersparen . SPIEGELGLANZ . Ich laß sie frei , ich laß sie los , sie kommen wohl wieder , wenn sie groß . JOHANNA . Nein , was mir lieb , das laß ich nicht , Ihr stoßt sie fort , das Herz mir bricht , Ihr werdet mich wohl auch frei lassen , und in der weiten Welt verlassen , da weine ich mir die Augen aus , das ist nun heut mein Abendschmaus . SPIEGELGLANZ . Du bist ein Kind , sieh , Heidelbeeren , die ich im Wald für dich gelesen , laß doch dein Weinen , sieh die Zähren , die fallen drauf , das ist ein Wesen um solche große Wasserfliege . Warst du denn fleißig , zeige her , ich seh ja nichts als krumme Züge , auf dem Papiere kreuz und quer . JOHANNA . Ich wollte eben recht anfangen , da war die Sonne mir vergangen . SPIEGELGLANZ . Du Schlingel , muß ich so was sehen , so wirst du nun mit Schand bestehen . Wozu nun meine Mühsamkeit , mit der ich dich gebracht so weit , daß du nun selber kannst was tun , statt dessen magst du lieber ruhn ; Herumlottern , Faulenzen , Spielen , das ist so Wasser auf deiner Mühlen . JOHANNA . Nein lieber Herr , ich war so fleißig , ich machte Pläne mir , wohl dreißig , für jeden Tag des Monats einen , doch heut allein vollführt ich keinen , weil hier ein ewiges Singen war , von einer Käfer- und Fliegenschar , von rauschenden Brunnen , knisternden Dielen , ei da verging mir Schreiben und Spielen . SPIEGELGLANZ . Du wirst zuweilen ganz unvernünftig , ja sag , was soll aus dir werden nun künftig , denn kannst du zum Studieren nicht taugen , so muß ich dich zur Aufwartung brauchen . JOHANNA . Dir wart ich auf so herzlich gerne , dir ' s an den Augen abseh von ferne , was dir bequem und was dir lieb , ach lieber Meister , dich nicht betrüb , ich will mich vor fremden Gedanken hüten , es geht nur nicht hier bei Früchten und Blüten , hier ist mir als lebt ich ganz da drinnen , und kann mich niemals in mir besinnen , daß ich die Feder wirklich führ , bin nirgends weniger als in mir . SPIEGELGLANZ . Sollst künftig im Zimmer verschlossen bleiben , ich dachte dir fröhlich die Zeit zu vertreiben ; doch seh ich , du bist nur für den Zwang . JOHANNA . Ach lieber Herr , du machst mich bang , von meinen Balsaminen zu lassen , wahrhaftig da kann ich gar nicht spaßen , von meinen Erbsen , die ich gesät , nun eben alles so wohl gerät , von meinen Bohnen , die um die Stangen mit leichtem Grün sich fröhlich schlingen , und erst so schwach aus der Erde drangen , daß ich sie aus der Hülse tät zwingen . SPIEGELGLANZ . Fort mit den Kasten , die schütte ich aus . Ei das verdirbt mir ja das Haus , zieht Feuchtigkeit in die Fenstermauer . JOHANNA . Ach Gott , nie hatte ich größere Trauer . Dir hätt ich die Bohnen und die Schoten einst alle zum Geburtstag geboten . SPIEGELGLANZ . Zum Teufel , mach mir den Kopf nicht heiß , daß ich dich heut nicht schlage und schmeiß , das ist ein Heulen , ein Lamentieren , mit jedem Quark ein Mitleid spüren ; da ist kein Winkel dir zu klein , es muß dir zu was noch brauchbar sein , ich glaube , du hättest die ganze Welt mit lauter Spielzeug vollgestellt . Ich will doch endlich auch aufräumen , was klebt mir denn hier an beiden Däumen ? JOHANNA . Das hatte ich dir zum Geschenke bestimmt , nun wirfst du es in den Garten ergrimmt , es ist Bdellium vom Paradies , von einem Baum ich ' s heut abstieß . SPIEGELGLANZ . So soll dich ja der Teufel holen , wenn du mich aufziehst mit solchen Sachen , ich muß mir die Finger schmutzig machen , dir muß ich einmal die Hände besohlen . Als diese Strafe eben vollstreckt werden sollte , trat der Teufel als ein berühmter griechischer Professor Chrysolor herein , verwundert steht er still und lächelt : » Zucht bringt Frucht . « Er grüßte den ergrimmten , selbsterhitzten Lehrer mit spottender Sanftmut ; es freute ihn , daß alles Böse in ihm so rasch wie Unkraut aufwachse , er hatte ihn unterweges in anderer Gestalt schon geärgert , indem er ihn , der doch alles zu wissen vermeinte , einer Unwissenheit gezeiht , was eigentlich die ganze Veranlassung seines Ärgers über die kindische Spielerei war , die er selbst oft unterstützt und mitgemacht hatte . Der Teufel begrüßte ihn feierlich , sprach von seinem großen Rufe in der Metrik , der sich selbst bis Athen ausbreite , wo er jetzt das Richtmaß aller Poeten abgebe , und das Vorbild aller Erzieher . Nun erzählte er ihm von seinem Knaben , wie er den im fünften Jahre schon so weit gebracht , daß er den ganzen Plato vorwärts und rückwärts auswendig gewußt , die Verszahl jedes Homerischen Verses angeben konnte , und wie dieses Wunderkind jetzt schon seit einem Jahre nicht mehr schliefe , von Zuckerwasser sich nährte und von der Unsterblichkeit der Seele rede . Spiegelglanz hörte ihm verwundert zu ; mit heimlicher Tücke sah er auf die arme Johanna , sagte ihm aber dagegen , daß er den tiefsinnigen Erklärer des Aristoteles beim ersten Blicke in ihm erkannt . DER TEUFEL . Doch diesem Kind , so muß ich meinen , wird alles dies ein Geringes nur scheinen , in eigner Erziehung , da zeigt sich der Meister , da löset und richtet er alle Geister ; in wie viel Sprachen , darf ich fragen , kannst du mir das Vaterunser sagen ? SPIEGELGLANZ . Mein göttlicher Freund verschonen Sie heut , der Knabe ist heut gar sehr zerstreut . JOHANNA . Nein lieber Herr , ich bete gern , es hilft mir dabei etwas von fern . SPIEGELGLANZ . Wie werd ich beschämt , wie rett ich den Schein , in einer Sprache weiß sie es allein . - Aber ein Engel kam über das Kind , und sagte , wie sie da andächtig betete , das Vaterunser in allen Sprachen her , daß Spiegelglanz sich über das heimtückische Kind ärgerte , wie es ihm das bisher verschwiegen , und der Teufel staunte , wohlwissend , eine höhere Kraft wirke darin . DER TEUFEL . Du bist ein Wunderkind fürwahr , o sag mir , wie viel zählst du Jahr ? JOHANNA . Ich bin acht Jahr erst kürzlich gewesen , und seit dem vierten kann ich schreiben und lesen , kann deklinieren und konjugieren , und weiß , was alle Verba regieren . DER TEUFEL . So sag mir von welchem Geschlecht du bist . JOHANNA . Ich bin ja kein Wort , das ist Hinterlist . DER TEUFEL . Die Frage wirst du gar bald verstehen . SPIEGELGLANZ . O lassen Sie uns zum Dome gehen , viel Altertümer da drinnen stehen . ( Ich möchte schier in Angst vergehen . ) Doch der Teufel entschuldigte sich und eilte fort . Spiegelglanz begleitete ihn vors Tor ; sie unterhielten sich von der Erziehung zum Gelehrten , und der Teufel brachte ihm alle Grundsätze bei , die Kinder durch erweckte Eitelkeit , Neid , Habsucht zu schnellem Fortschritte zu bringen . Spiegelglanz kehrte heim , küßte seine Schülerin mit wütender Zärtlichkeit ; ihr heimliches Lernen hatte alle seine Erwartungen übertroffen . Er machte ihr kleine Geschenke , Kleider , Zeuge und versprach ihr , wenn sie in ihrem Fleiße fortfahren wolle , so machte er ihr die Preisaufgabe : jene Erzählung der Weltschöpfung in Alexandrinern , die er zum Wettstreite für den Platz in der Schule aufgegeben hatte . Johanna sprang fröhlich darüber in den Garten , da dachte sie aber , wie sie rot werden müßte , wenn sie nun den Preis und den ersten Platz erhielte , und sich schämen ; sie sah , wie jede Pflanze ihr Blatt , ihre Frucht bewahrte , ohne mit der schöneren zu tauschen , und schämte sich vor allen . Unschlüssig ging sie im Garten umher . Sie wollte einmal zurückkehren und alles aufsagen und selbst arbeiten , da sang ihr aber der Teufel als Kuckuck vor : Meine Eier Leg ich in andrer Nest . Bin nun freier , Säß sonst wie andre fest ; Die sie brüten aus , Sitzen still zu Haus . Alle Kinder rufen mir , Kuckuck , Kuckuck ich bin hier . Sie rief ihm nach , es war finster , die Zeit war vorbei . Spiegelglanz gab ihr seine Arbeit zum Abschreiben . Die Schüler kamen den andern Tag in höchster Erwartung zusammen ; da war kein Pochen , kein Stoßen , alles horchte , jeder hoffte der Erste zu werden , jeder hätte sein Leben darum gewagt . Johanna , die Johannes in der Schule hieß , von der keiner es erwartet , erhielt einmütig den Preis ; keiner hatte das Silbenmaß so vollkommen beobachtet . Mit Weinen nahm sie den Preis an , der von allen beneidet wurde - es war der Preis ihrer Seele . Nach diesen Szenen bat der kleine Johannes seinen Vater , er möchte doch mit ihm herausgehen , ihm sei nicht wohl : der Vater erfüllte seine Bitte , ließ ihm etwas Wein reichen , und kam mit ihm zurück . Das Stück ging seinen Gang fort , den wir nur ganz kurz berühren wollen : Als Johanna in der Schule weit heraufgekommen , entwickelt sich ihr Stolz und ihre Eitelkeit immer mehr ; sie hat kraft dieser Antriebe auch wirklich so viel gelernt , daß sie ohne ihren Lehrer allen überlegen ist , und jetzt will sie sich auch von seiner lästigen Oberherrschaft frei machen . Spiegelglanz , der das bemerkt , entdeckt ihr nun , was sie bisher in der Absonderung ihres Lebens nicht gewußt hat : daß sie ein Weib sei ; mache er dies bekannt , so werde sie schimpflich aus der Schule verstoßen ; sie muß sich ihm ganz ergeben , der sie jetzt nicht bloß zu seiner Ehre , sondern auch zum künftigen Genusse aufzieht . Sie gehen zusammen nach Athen , wo mancherlei Abenteuer sich ereignen , endlich auch nach Rom , wo sie alles mit ihren Lehren in Staunen versetzt , und das Ziel ihrer Wünsche , den päpstlichen Stuhl besteigt . Jetzt meint der Teufel alles gewonnen , aber er verspielt durch seinen eignen Diener Spiegelglanz , der jetzt , wo Johanna in Ruhm und Glanz stolziert , sie zu seinem wollüstigen Willen leicht beredet . Sie weiß nichts davon , daß sie ein Kind trage , aber ein Besessener verkündet es ihr ; in großer Herzensangst betet sie zur Mutter Maria und diese schickt ihr einen Engel : mit dem Troste , wenn sie durch den Schimpf einer öffentlichen Geburt ihren Stolz abbüßen würde , so sollte sie so wie ihr Kind gleich sterben , aber der ewigen Verdammnis entgehen . Sie ergibt sich darein ; vergebens warnt sie Spiegelglanz , sie könne es leicht verbergen ; sie will beschimpft sein ; sie geht in feierlicher Prozession bei dem Kolisseum vorüber , und wird von einem Kinde entbunden ; der Teufel dreht ihr und dem Kinde aus Ärger den Hals um . Ein wahrer Papst wird hierauf mit mehr Vorsicht gewählt . Jedermann wird eingestehen , daß es eine italienische und besondere sizilische Naivität fordert , um solch ein Stück öffentlich in einem Kloster zu geben ; die Gräfin war nicht sehr zufrieden damit , es hatte eine schmerzliche Saite in ihr berührt , den Grafen an seinen lieben Traugott wieder erinnert , und erregte eine Menge neugieriger Fragen der Kinder . Während sich alle zur Abfahrt anschickten , zog der kleine Johannes den Vater wieder beiseite , und dieser führte ihn in den Garten , weil er glaubte , daß er irgend eine körperliche Beschwerde habe ; hier verfiel aber das Kind in ein fürchterliches Weinen und Schluchzen , das es nicht zu Worte kommen ließ . Endlich zog der Kleine ein paar Tüten heraus , und übergab sie dem verwunderten Vater , der darin Kaffeebohnen und Zucker entdeckte . Als die ersten gebrochenen Worte erlöst waren , da wurde der Zusammenhang dieser Geschichte bald klar . Brülar hatte den Kleinen überredet , er sei zu einer großen Tat bestimmt , und von seinen Eltern nicht geliebt , ihm müsse er folgen ; er liebe ihn allein , er wisse allein seinen Mut ; er wolle mit ihm aus Sizilien fliehen . Während der Komödie solle er sich hinausschleichen , er werde seiner vor dem Kloster warten . Wirklich hatte der Kleine sich mit dem Bedürfnisse , das ihm am wohlschmeckendsten , versehen , und so glaubte er sich reisefertig ; doch in dem Spiegelglanz glaubte er plötzlich ein wahres Abbild von Brülar zu erkennen ; er fing ihn an zu fürchten und zu hassen , und hatte endlich in dem Bekenntnisse der Päpstin eine himmlische Weisung geglaubt , alles dem Vater zu bekennen . - Der Graf hatte Verstand genug , die Sache gegen das Kind nicht mit Härte zu beurteilen ; vielmehr drückte er ihn zärtlich an sich wie einen verlornen Sohn , und gebot ihm nur den Abend sich zu beruhigen , morgen solle alles mit der Mutter ausgeglichen werden , zu der er ihn , nachdem er ihm Augen und Nase gewischt , zurückführte . Der Graf ging darauf mit einigen seiner Leute an den von Brülar bestimmten Platz , sie fanden ihn ; er merkte , daß er verraten sei , und wehrte sich wie ein Verzweifelter . Der Graf wollte ihn schonen , aber im blinden Fechten warf sich der Unglückliche in den Degen eines Bedienten . Er endete als ein tapferer Mann , wie er sich immer gezeigt hatte ; nach seinem Tode entwickelte sich aus einlaufenden Briefen die allgemeine Verbreitung seines Unternehmens . Am nächsten Morgen nach dieser Begebenheit führte der Graf den zitternden Johannes zur Gräfin , erzählte ihr , wie sich der arme Kleine von ihnen für ungeliebt gehalten , und empfahl ihn ihrer Liebe , indem er sein kindisches Unternehmen erzählte und verzieh . Die Gräfin wurde sehr gerührt , der mögliche Verlust erweckte ihre Zärtlichkeit zu dem Kleinen , dem sie und ihr Mann jetzt alle die Liebe zuwandten , die seine zärtliche Natur forderte . Der Graf sagte bei dieser Veranlassung sehr ernst zu seiner Frau : » Unsrer Kinder wegen müssen wir nach Deutschland zurück ; die beste Privaterziehung kann nicht ersetzen , was Kinder durch den Mangel einer öffentlichen Schule verlieren . « - Dolores blickte ihn schmerzlich an , aber sie sagte nichts dagegen . Auch er fühlte es , wie schmerzlich es ihm sein müsse , nach so vielen glücklichen Jahren , von denen sich fast nichts sagen ließ , als was er rings geschaffen zur Freude anderer , und was er gelernt in eigner steigender Bildung , was ihm geboren und durch Erziehung noch mehr angeeignet ; alles ein Leben ohne Hemmung , unbekümmert über kleine unvermeidliche Beschwerden , nach solchen Jahren zu den empörendsten Erinnerungen zurückzukehren . Dennoch bot sich ihm wenige Tage darauf eine nähere Veranlassung zur Rückreise , die ihn fast bestimmt hätte . Ein Prinz , mit dem er studiert hatte , und der schon damals mit der Fülle seines ernsten zutraulichen Charakters sich ihm angeschlossen , war zur Regierung gelangt , und forderte ihn ganz unerwartet auf , ihm beizustehn mit seinem Rate ; alle äußern Verhältnisse , Titel und Gehalt , solle er sich selbst bestimmen . Seiner Dolores mochte er von dem Briefe nichts sagen , der ihn sehr heftig bewegte , und in den heißesten Nachmittagsstunden wach erhielt , wo er sonst mit allen Bewohnern Siziliens zu ruhen pflegte . Er wollte an den Fürsten schreiben ; aber trotz der verschlossenen Fenster und der Zuglöcher war es ihm in der Hitze fast unmöglich einen Brief , der so viel Rücksichten beobachten und ausfragen mußte , zu beendigen ; ganz ungeduldig , einem Elemente weichen zu müssen , stand er auf und sah in den Nebenzimmern umher ; er wollte sich zerstreuen . Da lagen aber Frau und Kinder , wie von einer Pest niedergestreckt ; er ging in die Vorzimmer und fand die Diener alle in tiefem Schlaf , wie Tote ausgestreckt . Da er seit Jahren nicht in dieser Stunde aufgewacht war , und umhergegangen , so hatte ihm diese tyrannische Herrschaft der Wärme über den Menschen etwas besonders Schreckliches . » Was ist unsre Kälte « , seufzte er , » gegen diese unabwendbare Not ? Wenn die Flüsse bei uns starren , da fließt der Geist fröhlicher durch Stirn und Auge und funkelt heller wie die Sterne ; unsre Wälder , der kühle Spielplatz des Sommers , erwärmen den Winter ; welch Leben regt sich in diesen Stunden auf allen Feldern Deutschlands ; der Erntewagen jagt , die Sicheln klingen , die Binderinnen umspannen die Garben , alles singt . Hier sind selbst die Vögel wie ausgestorben , da ihre Laubdächer fast verdorret sind ; nirgends ist frischendes Grün des Bodens , niemand kann sein Eigentum bewahren , die Herrschaft über die Tiere ist verloren , die arbeitsamsten Tiere vermögen nichts mehr , kein Pferd wird aus dem Stalle gezogen , sie träumen an der Krippe und mögen nicht fressen , kein Schornstein raucht gastlich ; wie eine schwere Buße ist diese Mittagsstunde des Südens , wo die kalten Schlangen aus den Sümpfen hervorkriechen und sich züngelnd an die Sonne legen , giftige Mücken in der Sonne spielen , die gräßlichen Ungeheuer des Meers , den stinkenden Leib an den Strand legen , und der Ätna seinen Aschenregen über die Insel atmet , daß die Trauben aufspringen , und ihr Blut am Boden versprützen . « - Er stieg bei dieser Erinnerung ganz allein in seinen Keller herunter , um sich dort zu kühlen ; aber selbst dahin war die Wärme gedrungen , er entsiegelte eine Flasche echten Rüdesheimer , und nun ward ihm erst wieder leicht , daß er singen konnte : Grüner Wald im deutschen Lande Könnte ich dich wiedersehen , Wiederfühlen dein kühles Wehen Ohne Schande . Rhein , du bringst das Gold im Sande , Spiegelst Sonne an die Trauben , Füll den Becher mit altem Glauben Bis zum Rande . Wein , du kühlest mich im Brande , Wie die feuerroten Rosen , Die mit kühlenden Lippen kosen Meine Schande . Rosen , die mit kühlem Bande Hier die heiße Stirne kränzen , Stächen mich bei den heitern Tänzen Deutscher Lande . Deutsches Blut , zerreiß die Bande , Deutsche Berge stehen feste , Und der Adler entsteigt dem Neste Ohne Schande . Er sprang auf , er wollte nach Deutschland reisen . - Es gibt wohl in allen Menschen solche Augenblicke , wo sie sich weit über alles Erlebte , Gewohnte , Geprüfte und Erkannte hinaussetzen möchten ; wären sie Götter , deren Wille gleich Tat würde , wie möchte da der Beste erscheinen ; das aber unterscheidet den Guten vom Bösen , daß jener seinen bösen Willen nicht zur Tat werden läßt . Der Graf fühlte bald , daß er seine Dolores zu einer so weiten Reise nicht verlassen könnte , ohne sie tief zu kränken ; sie mitzunehmen , das schien wegen der Empfindlichkeit , die sie bei jeder Erinnerung aus Deutschland traurig machte , unmöglich ; die Freundschaft zur Herzogin , ihre Liebe zu den Kindern hatte auch ihre Rechte ; durch alle diese Verhältnisse glaubte sich der Graf verpflichtet , der Wirksamkeit in Deutschland für jetzt noch zu entsagen , und alles Wohltätige , was er für sein Vaterland träumte , andern und der Zukunft überlassen zu müssen , - so unendlich sind die Folgen des Guten , des Bösen . Jener Tag im Kloster , der den kleinen Johannes seines furchtbaren Lehrers beraubt hatte , während er ihm die Liebe seiner Eltern schenkte , hatte sehr tief auf ihn gewirkt ; sein ganzes Wesen entwickelte sich vorzeitig schnell und leidenschaftlich ; er schloß sich an alle Menschen mit einer Innigkeit , die sich in der Berührung mit gewöhnlicher Kälte leicht in Haß umsetzte . Keinem war er so ganz und unveränderlich ergeben , wie der Mutter ; er geizte nach ihren Blicken , lauerte auf ihre Wünsche , und verstand ihre Gedanken ; tagelang ließ er kleine Geschenke der Mutter nicht aus den Händen , und bedeckte sie mit unzähligen Küssen . Den andern Kindern war dieses Wesen bloß lächerlich , sie neckten ihn auf alle Art damit ; doch die Herzogin sah viele Leiden aus dieser Leidenschaftlichkeit voraus , und suchte vergebens sie zu mäßigen ; ein böses Wort der Mutter konnte ihn auf Tage zu allem Lernen unfähig machen ; ein günstiger