gemalt hatte ; und als ich endlich weinend an seine Brust sank , und ihm sagte , ich könnte nicht leben ohne ihn , da schloß er mich heftig und mit nassen Augen an sein Herz , und gestand mir , daß es sein heißer Wunsch gewesen sey , sich nicht von mir trennen zu dürfen , daß er vor meinem Ausspruch gezittert , und nur aus ängstlicher Sorge für meine Gesundheit und seine Vaterhoffnungen sich verpflichtet gefühlt habe , mir Alles vorzustellen , was ich wagte , und unternahm . O Junia ! Welche Leiden , welche Beschwerlichkeiten müßten das seyn , die ich nicht mit Freuden ertrüge , um seine Gegenwart , das Glück , mit ihm zu leben , damit zu erkaufen ! So war denn unsere Abreise fest bestimmt , als plötzlich , ich kann eben nicht sagen , ein unerwartetes , aber doch ein überraschendes Ereigniß sie noch eine Weile verschob . Die Königin von Armenien endigte vor einigen Monaten ihr schwermuthvolles Leben , und wenn ich mir denke , wie wenig glücklich sie sich selbst bei der Erfüllung aller ihrer Wünsche fand , so kann ich bei diesem Verlust , wie du mir einst sagtest , wieder nur die Zurückgelassenen bedauern , und auch diese in dem gegenwärtigen Falle nicht tief . Der König kam vor zwei Monaten hieher , um seinem Schmerz zu entfliehen , um sich zu zerstreuen , und wirklich sah ich noch nie einen Menschen , dem dies Bestreben so bald und vollständig gelungen wäre , als ihm . Die schöne Calpurnia , die Freundin seiner verstorbenen Frau , war natürlicher Weise die erste Person , bei welcher er Trost und Beruhigung suchte . Sie weinte mit ihm , sie hörte seine Klagen an , in der Liebe für die Entrissene begegneten sich ihre Seelen , und was können die Seelen dafür , wenn ein solches Zusammentreffen länger währt , als gerade der Schmerz erforderte , wenn man sich einander wieder , und abermals wieder zu begegnen wünscht , und wenn endlich die Seelen in so reizende Hüllen eingeschlossen sind , daß sie vor Vergnügen , einander in diesen Hüllen zu bewundern , gar nicht mehr von einander scheiden wollen ? Ich muß gestehen , Tiridates ist vielleicht die schönste männliche Gestalt , die ich je gesehen habe ; die Art und die ausnehmende Pracht seiner Kleidung trägt noch mehr bei , sie im vortheilhaftesten , im wahren königlichen Glanz und Anstand zu zeigen . Dennoch glaube ich , wenn ich noch in der Blüthe meiner Jugendgefühle wäre , diese kolossalen Formen , diese lebhaft und munter blitzenden Augen , dieser Ausdruck von Lebenslust und Fröhlichkeit würde mich nie angezogen haben . Calpurnia denkt anders . Nur kann ich nicht recht fassen , wie der Ausdruck so entgegengesetzter Gemüther , so ganz verschiedene Erscheinungen , als Agathokles und der König sind , so schnell hintereinander dieselbe Person in derselben Stärke rühren konnten . Doch wer ergründet das menschliche Herz in seinen Widersprüchen und Inconsequenzen ! Es ist hierüber nichts zu sagen , und Niemand zu tadeln , weil er auf eine Weise fühlt , die wir nicht begreifen können . Schon bei dem ersten Besuch , den sie uns einige Tage nach Tiridates Ankunft auf der Villa machten , war es mir sehr wahrscheinlich , der König werde sich bei Calpurnien über seinen Verlust trösten , und sie den ihrigen gern und leicht über einen so schimmernden Ersatz vergessen . Er hatte nichts beobachtet . Du weißt , Männeraugen sehen in dergleichen Dingen nie scharf , nur in unsere Seelen hat die Natur über solche Dinge ein gar zu feines , sicheres Gefühl gelegt . Wir ahnen , wir erkennen diese Erscheinungen bei uns und Andern leicht , wenn wir auch von den Gründen oder Merkmalen keine deutliche Rechenschaft zu geben wissen . Bei der zweiten , dritten Zusammenkunft blieb mir kein Zweifel übrig . Tiridates redete mit meinem Gemahl von unserm Glück , von unsern Hoffnungen , mit feuriger , nicht wehmüthiger Begeisterung , er sprach von der Nothwendigkeit , seines Volkes Glück durch eine unbestreitbare ruhige Thronfolge zu sichern ; von dem traurigen Loose der Regenten , die so selten den Neigungen ihres Herzens folgen dürften , von der Nothwendigkeit , seine liebsten Gefühle , den gerechtesten Schmerz zu besiegen , wenn es höhere Rücksichten fordern u.s.w. , und Calpurnia ward von dieser Zeit an von der Augusta und des Cäsars Gemahlin mit vorzüglicher Aufmerksamkeit behandelt . Indessen verbreitete sich das Gerücht , und wurde bald zur Gewißheit , Diocletian wolle das zwanzigste Jahr seiner glücklichen Regierung , und den Sieg über die Perser durch einen feierlichen Triumph in Rom , das er , wie ich glaube , als Augustus gar noch nicht gesehen hat , feiern . Es wurden glänzende Anstalten dazu gemacht , der Abendländische Augustus ebenfalls dazu aufgefordert , und Tiridates fand es nun nöthig , einen Entschluß , der langst schon fest in seiner Seele lag , öffentlich zu erklären , bevor der Kaiser Nikomedien verließe . Er warb feierlich um Calpurnia bei ihrem Vater , und dem Kaiser , der den Proconsul außerordentlich schätzt , und seine Einwilligung so schnell und freudig gab , daß es wohl scheint , diese Anwerbung sey nichts als eine Förmlichkeit , und die Sache selbst schon vorher unter den Hauptpersonen verabredet gewesen . Als er mit freundlicher Wärme in Algathokles drang , seine Abreise zu verschieben , um Zeuge eines Zeitpunkts zu seyn , der für das Glück seines Freundes so wichtig wäre , mochte er wohl fühlen , daß diese schnelle Wahl , diese noch schnellere Vollziehung Agathokles befremdete . Mit leichtem Ton , und noch leichterem Sinn entschuldigte er diese Uebereilung durch seine Verhältnisse , die Forderungen der Pflicht , die gähe Abreise des Kaisers , und sagte , daß , da er nun einmal hätte wählen müssen , alte Freundschaft , Achtung für Sulpiciens Andenken , und des Proconsuls bedeutender Einfluß seine Wahl auf Calpurnien gelenket hätte . Agathokles widersprach nicht , er nahm mit unverstellter Freude Theil an dem Glücke seiner Freunde , und so bleiben wir noch eine Weile hier , und ich sehe nicht ohne Widerwillen einer unruhigen Zeit voll Schimmer , Geräusch und Zerstreuung entgegen , welche die Vermählungs-Feierlichkeiten mit sich bringen werden . Mein stilles Glück ist gestört , wie ich dir sagte , und es beginnt eine neue Epoche meines Lebens , auf deren ungewissere Schicksale ich mein Herz in stiller Ergebung vorbereite . Leb ' wohl ! Fußnoten 1 Die Säulen des Herkules , das jetzige Gibraltar - und Thule , der äußerste Ort , den man damals gegen Norden kannte , wurden insgemein für die Grenzen der damals bekannten Erde , oder der Erde überhaupt genommen . 89. Calpurnia an ihren Bruder Lucius in Rom . Nikomedien , im Oct . 303 . Lieber Bruder ! Was wirst du sagen , wenn du diesen Brief erhältst ? Ich bin Braut - und bald , sehr bald vermählt . Und mit wem ? O du erräthst es wohl . Es wäre mir auch nicht möglich , dir Alles so genau und regelmäßig zu erzählen , wie es sich machte . Wie könnte ich es auch ? Ich weiß selbst kaum , wie es kam - so schnell , so unvermuthet , daß ich jetzt noch manchmal Alles für einen Traum halte . Genug , ich bin Tiridates Braut , und werde in Kurzem Königin von Armenien seyn . Es wird mich im Anfange Mühe kosten , mich in alle die Formen und Steifheiten des Orientalischen Ceremoniels zu fügen ; aber ich weiß eben so bestimmt , daß es mir gelingen wird , und ich mit eben so viel Anstand Königin seyn werde , als ich bis jetzt mit Anmuth ein Römisches Mädchen war , und mit Würde eine Nikomedische Matrone geworden wäre , wenn es die Götter so gefügt hätten . Das thaten sie nun aber nicht , und so wurde ich zuerst aus der Vertrauten die Freundin , aus der Freundin die Geliebte , aus der Geliebten die Braut des edelsten , liebenswürdigsten Fürsten ! Denn ich muß dir sagen , es gibt kein gefährlicheres Amt für ein junges Mädchen , als die Vertraute und Trösterin eines schönen Unglücklichen zu seyn . Das Mitleid ist eine gar zu verrätherische Empfindung . Wir wurden einander mit jedem Tage lieber , nothwendiger , ich fand Zerstreuung und Freude in seinem lebhaften Umgange ; er beweinte mit mir seinen Verlust , erzählte mir von den ersten Tagen seiner Liebe , seines Glückes , und fand es zuletzt unmöglich , ohne dieses Glück zu leben . Aeußere Umstände trafen nun auch zusammen . Des Augustus schnelle Abreise machte eine übereilte Erklärung nöthig , wenn wir nicht mit unserer Verbindung bis zu Diocletians Wiederkunft , die vielleicht in einem Jahre Statt haben könnte , warten wollten . Du kennst die Verhältnisse der verbündeten Fürsten zu dem römischen Hof , du kennst Armeniens Lage in Rücksicht der Perser . Es liegt Alles daran , die Thronfolge bestimmt und unbestreitbar festzusetzen . Diocletian selbst schien dies zu wünschen . Die Zeit war kurz , Tiridates entschloß sich , er fragte mich , und konnte ich wohl Nein sagen ? Was , um aller Götter willen , hätte ich gegen ihn einwenden können ? Daß unsere Verbindung übereilt sey ? Ach , ich kannte ihn seit zwei Jahren genauer , als wenn er diese ganze Zeit über sich um mich beworben hätte ; denn ich sah ihn ohne Vorurtheil , und er hatte keine Ursache , sich vor mir zu verstellen . Daß ich ihn nicht mit der Leidenschaft liebte , die manche Menschen zum Glücke einer Verbindung für nöthig halten ? Das ist Grille . Ich achte ihn , weil er es durch tausend Vorzüge wohl verdienet , und seine Gestalt gefällt mir . Das ist Alles , was ich zu meinem Glücke bedarf . Meine Forderungen an Euer Geschlecht waren immer mäßig . Milesische Mährchen kann man träumen , in der wirklichen Welt geht Alles anders zu . Es ist überdies auch kein unbedeutender Vorzug , Königin , wenn auch nur Königin eines verbündeten Staates zu werden . Augustus gibt es höchstens zwei , und zwei Cäsarn ; da ist nur Raum für vier Römische Jungfrauen oder Matronen . Auch ist der Augustus gewöhnlich nicht mehr in der Blüthe der Jahre . Wie unbändig müßte der Ehrgeiz einer Römerin seyn , die , wenn selbst Diocletian sich zugleich mit Tiridates um ihre Hand bewürbe , den alternden , rauhen Illyrier vor dem jugendlich blühenden Fürsten wählen könnte , den alle Grazien schmücken ? So ist denn mein Schicksal bestimmt , unwiderruflich , wenn nicht außerordentliche Ereignisse dazwischen treten ! Seltsam ! Wenn ich mir das recht lebhaft denke , so wandelt mich eine Art von Grauen an . Heirathen - mein Loos in die Hand eines Mannes legen , ihm in ein fernes Land folgen , wo er unumschränkt gebeut , wo Niemand ist , der ihm Widerstand leisten darf - wahrlich , der Schritt ist ernst , so ernst , daß , hätte ich Alles das früher so bedacht , ich ihn vielleicht nicht gethan hätte ! Nun ist nichts mehr zu ändern . Meine Verbindung ist öffentlich erklärt , der Augustus selbst hat über meine Hand entschieden . Tiridates ist trunken vor Freuden . Er liebt mich leidenschaftlich , und er ist keiner Verstellung fähig . Aber wie lange wird das währen ? Und wie kann ich mich vor dem Loose meiner Freundin schützen , oder wie kann ich erwarten , ihm zu entgehen ? Und auf diesen Punkt wird einst so Vieles ankommen . Hier ist es nöthig , alle Kraft des Verstandes , alle Macht über sich und Andere , alle Erfahrung zu Hülfe zu nehmen . Mein Schicksal wird in seiner Hand liegen , Niemand wird , Niemand kann sich meiner annehmen , ich muß mir selbst Alles seyn , ich muß mich schützen , ich muß fest stehen , und das kann ich nur , wenn ich mich nie vergesse . Nie wisse , nie fühle er sich meines Herzens ganz sicher , und im uneingeschränkten Besitze desselben , nie verliere mein Geist die Herrschaft über sein Herz . Zwar so lange er noch etwas zu wünschen , zu hoffen , zu fürchten hat , so lange er liebt , wird es leicht seyn , auf ihn zu wirken ; aber wie klug ich mich auch betragen mag , so wird die Zeit noch kommen , wo fremde frischere Reize , oder allmählige Gewöhnung diese Art von Zauber zerstören . Bis also die gefährliche Epoche eintritt , muß seine Achtung für meinen Charakter , für meinen Verstand so fest gegründet seyn , daß die Freundin keines von den Rechten verliert , die die Geliebte hatte , und seine Untreue nichts weiter für mich seyn kann , als ein flatterndes Spiel , das ich ihm gern zu seiner Unterhaltung gönne . Nie werde ich mich in die Angelegenheiten seines Reiches mischen , wenigstens nie unmittelbar . Sucht er in manchen Fällen den Rath der Freundin , kann es sein Herz erleichtern , wenn er seine Sorgen zuweilen in meine Brust niederlegt , so will ich ihm redlich tragen , und sorgen , und denken helfen . Nie werde ich meine engbegrenzte Sphäre verlassen ; aber auch nie soll er vergessen , daß ich meinem schönen Vaterlande , dem Leben im Schooße einer edlen ruhmvollen Familie , die mich zärtlich liebt , entsagt habe , um ihm in seine Gebirge zu folgen , und die Gattin eines barbarischen Tyrannen zu werden , wie sich Sulpiciens Vater ausdrückte . Ueber einige dieser Punkte habe ich mit dem meinen mehrere ernste feierliche Unterredungen gehabt , und nie werde ich der weisen Lehren vergessen , die er mir mit Rührung , mit väterlichen Thränen gab . Ach , er freut sich wohl , mich so glänzend , und an einen so würdigen Gatten verheirathet zu wissen ; dennoch fühle ich , daß der Gedanke , ein Kind zu verlieren , an dessen stäten Umgang er so gewohnt war , ihn manchmal wehmüthig macht . Dann ergreift diese Stimmung auch mich , aber ich bemühe mich , sie wie jede weiche ihrer Art , zu verscheuchen . Wenn ich nicht als Vestale leben und sterben will , steht mir diese Trennung immer bevor , und ich könnte mir doch unter allen Männern keinen denken , um dessentwillen ich sie lieber ertrüge , als Tiridates . Keinen ? - Man muß nie falsch seyn . Das , was ich für Tiridates empfinde , ist viel anders , als was ehedem meine Brust so unruhig , so unabläßig bewegte . Doch kömmt dieser Unterschied vielleicht wohl nur von der Art des Verhältnisses , und nicht von dem Gegenstand desselben her . Ehemals war ich ungewiß , zweifelhaft , meine Phantasie aufgeregt , alle Seelenkräfte in Spannung ; jetzt ist Alles stille und sicher , und so ist mein Gefühl nur ruhiger , aber vielleicht nicht kälter . Sey dem , wie ihm wolle . Ich mag nicht darüber grübeln , es nützt zu nichts , und kann nur schaden . Agathokles wird Zeuge unserer Verbindung seyn ; ich habe den Gedanken , ihn darum zu bitten , in Tiridates erregt , ohne daß er meinen Wunsch errieth . Ich weiß nicht , welche Art von stolzer Befriedigung ich darin suche ; genug , ich wünsche es , und sehe es als einen Theil der Freuden jenes wichtigen Tages an , daß Er gegenwärtig sey . Leb ' wohl , lieber Bruder ! Meine Lebensart ist jetzt sehr beschäftigt , sehr zerstreut ; du wirst es diesem Briefe abgemerkt haben . Bevor ich Nikomedien verlasse , und mich noch um viele , viele Meilen weiter von dir entferne , schreibe ich dir sicher noch einmal . 90. Constantin an Agathokles . Salona1 , im Jänner 304 . Als wir uns in Byzanz trennten , du mit deiner liebenswürdigen Frau nach Athen gingst , und ich dem Augustus auf seinen Befehl nach Rom folgte , um Zeuge seines Triumphs zu seyn , da dachte ich nicht , daß jene Ereignisse , von denen wir , als in ferner Zukunft möglich , sprachen , schon so bald ihre dunkeln verhängnißvollen Schatten über unsere Gegenwart werfen , und uns nöthigen würden , Plane und Entschlüsse , deren größeres Verdienst doch wohl Reifheit und besonnene Vorbereitung ist , vielleicht mehr als gut ist , zu beschleunigen . Wie Galerius die Zurücksetzung ertrug , daß nur die beiden Auguste den Triumph feiern , er und mein Vater hingegen von diesem Ruhme ganz ausgeschlossen seyn sollten , hast du schon in Nikomedien gesehen , als nach den Hochzeitsfeierlichkeiten des Königs von Armenien sich alles zum Aufbruche anschickte , und auch er bereit schien , den Augustus nach Rom zu begleiten , und an dem Triumph Antheil zu nehmen , den er durch seine Tapferkeit wohl verdient hatte . Die alte Sitte , welche die Verdienste der Cäsaren ihren Vätern zuschrieb2 , obwohl sie dem Diocletian zum günstigen Vorwande diente , befriedigte den Stolz des wilden Cäsars nicht , der sich wohl bewußt war , daß diesmal nicht sein kleineres kriegerisches Verdienst vor dem größern des Augustus zu verschwinden hatte , der es tief fühlte , daß durch seinen Arm allein die Lorbeeren errungen worden waren , mit denen sich der langgehaßte , lebensvolle Augustus nun in Rom schmücken sollte . Daß er nicht wüthete , daß er diese Kränkung so gelassen , mit so schmeichelnder Ergebung ertrug , diese stumpfe ahnungsvolle Stille ließ mich eben mit größerm Rechte ein heranziehendes Gewitter fürchten . Wie sicher mußte Galerius seines Erfolges seyn , da er den rauhen Krieger unter dem geschmeidigen Hofmanne zu verbergen wußte ! Ich theilte dir damals meine Besorgnisse mit , du schienst es nicht so anzusehen , und ich verwies dich auf die Zukunft . So langte ich mit dem Augustus in der Hälfte des Novembers nach einer sehr glücklichen Fahrt in Ostia an . Die Feierlichkeiten des Triumphs , die Spiele , Schauspiele u.s.w. - wirst du mir zu beschreiben erlassen . Mancher Griffel setzte sich deßwegen ohnedies in Bewegung , und du wirst sie entweder schon gelesen haben , oder noch zu lesen bekommen . Bald nach ihrer Beendigung verließ Diocletian schnell und unvermuthet die alte Hauptstadt der Welt , die er nur erst betreten hatte , empört durch die Zudringlichkeit und Ausgelassenheit des Römischen Pöbels3 . Wir reiseten am Ende des Decembers mitten in den Saturnalien ab ; aber schon in Aquileja wurde Diocletian von einer plötzlichen Schwäche , die mit mehreren seltsamen Symptomen begleitet war , überfallen . Er mußte einige Tage dort stille liegen , und konnte seitdem die Reise in dieser ungünstigen Jahreszeit nur in sehr kleinen Tagemärschen fortsetzen . Gerade nach Nikomedien zu gehen war ganz unmöglich ; um also einen milden und zugleich ruhigen Aufenthalt zu finden , wählte er Salona , wo ohnedies schon seit einiger Zeit an einem Palast , an Bädern und Gärten , mit einem Wort , an einem sehr prächtigen Wohnort für ihn gebaut wird , und zwar mit einer Emsigkeit und Vorliebe , die mich in manchen meiner Vermuthungen bestärkt . So sind wir nun hier , und da Diocletian vielleicht aus besondern Ursachen , mir jetzt seine Gunst immer deutlicher und offenbarer beweiset , und überhaupt mich sehr gern um sich zu haben scheint , so wird es mir nicht möglich , ihn zu verlassen , und ich werde nur mit ihm nach Nikomedien zurückkehren . Hier hörten wir denn auch , daß Galerius in Syrmium4 die Feier der Vieennalien mit so viel Pracht , lauter Freude und schmeichlerischer Huldigung gegen den Augustus verherrlicht habe , daß mir seine bösen Absichten , und der stille Triumph seiner Rache beinahe unzweifelhaft werden . Rechne noch dazu , daß Diocletians jetziger Leibarzt vorher im Dienste des Galerius stand , daß dieser ihm denselben vor einiger Zeit gleichsam aus kindlicher Ergebung und Sorge für des Augustus Gesundheit aufdrang , und daß dieser Arzt noch jetzt , wie ich sicher weiß , einen ansehnlichen Jahrgehalt von seinem vorigen Herrn genießt , und du wirst über manches anders und richtiger urtheilen können , als die Welt . Du denkst wohl leicht , daß ich keinen dieser Umstände außer Acht lasse . Mein ruhiger Sinn , mein leidenschaftloses Gemüth , das so oft in traulichen Gesprächen deinen und deiner Theophania leichten Spott erfahren mußte , kömmt mir in diesen Umgebungen trefflich zu Statten . Es darf nichts gering geachtet , nichts übereilt nichts unter , nichts über seinen Werth und Einfluß geschätzt werden , und wie mehr uns die Ereignisse zu drängen , und in Gährung zu bringen scheinen , je nöthiger ist es , seine ruhige Fassung und den einzigen Punkt , auf den Alles ankömmt , nie aus den Augen zu verlieren . Mein Vater war sehr gekränkt durch jene auffallende Hintansetzung . Es mag seyn , daß er mit dulden mußte , was eigentlich nur seinem Gefährten galt . Indessen trug er es wie ein großgesinnter Fürst , wie ein edler Mann . In Eboracum sind die Vicennalien mit anständiger Pracht , wie in allen Hauptstädten des Reichs begangen worden . Keine heuchelnde Geschmeidigkeit , keine überlaute Freude entwürdigte das Verhältniß und das Betragen meines Vaters . Er hat mir geschrieben , sein Brief ist voll zärtlicher Besorgniß um mich , er kennt des Galerius Gesinnungen , er weiß von der Krankheit des Augustus , und fürchtet , wenn eine entscheidende Catastrophe eintreten sollte , Alles für mich in diesen Provinzen , die ganz dem Scepter des düstern Cäsars unterworfen , und eben darum mit seinen Centurien angefüllt sind . Ich bin ziemlich unbesorgt , weil ich die Umstände , meine Gefahr , und die möglichen Rettungsmittel sehr genau kenne ; aber ich begreife , daß in einer so großen Entfernung bei den unsichern Gerüchten seine Liebe leicht besorgt werden kann . Er will mir den treuen Lehrer meiner Kindheit , den edlen Florianus , senden , der mir theils schriftlich , theils mündlich verschiedene Nachrichten und Warnungen bringen soll , die zu meinen Absichten unentbehrlich , und bei der jetzigen Lage der Umstände keinem Briefe anzuvertrauen sind . Ich freue mich sehr , ihn nach so langer Zeit wieder zu sehen , und fürchtete nur , ihn viel veränderter zu finden . Du weißt die Geschichte , die sein sonst so stilles schönes Leben vergiftet hat . Sieh ' hier eine neue Veranlassung , mich der Kälte meines Herzens , wie ihr es nennt , zu rühmen und zu freuen . Was könnte Florianus seyn , und was ist er ? So viel Macht hat die Leidenschaft ! So gefährlich ist ' s , von ihrem süßen Gifte nur zu kosten , selbst im reifen männlichen Alter ! Solltest du ihn in Laureacum5 sehen , wie ich nicht zweifle , so freue dich im Voraus , eines der edelsten Gemüther , der reinsten Herzen , deinen Freund nennen zu können . Das wird er seyn , das ist er schon , denn er kennt dich durch mich . Grüße deine liebenswürdige edle Theophania herzlich von mir , und leb ' wohl . Fußnoten 1 Ein unberühmtes Dorf in Dalmatien trägt noch heut zu Tage den Namen , welchen einst ein prächtiger Palast und Gärten , Tempel , Bäder , kurz Alles , womit Diocletian seine Einsamkeit verschönerte , trug . 2 Daß die Verdienste der Cäsaren den Augusten , als ihren Vätern , zugeschrieben worden sind , ist geschichtlich . 3 Geschichtlich . 4 Syrmium war die Residenz des Galerius in dem Theile des Reichs , der damals Illyrien hieß . Vicennalien , das Fest wegen der zwanzigjährigen Regierung des Diocletian . 5 Laureacum , das heutige Enns in Oberösterreich . 91. Theophania an Junia Marcella . Laureacum , im Mai 304 . Sechs Monate bin ich nun in einem andern Welttheile , weit , weit von dir , weit von meinem Vaterlande entfernt . Hier ist kein mildes Clima , wie in den schönen Gefilden Kleinasiens , hier weht keine laue Luft durch immergrünende Gebüsche , und bringt den tausendfachen Balsamduft aus bunten Blumenkelchen gehaucht , kein ungetrübter Himmel lächelt über Pinien und Cederhainen . Eine düstere , wilde , aber selbst in ihrer Düsterheit erhabene Natur umgibt mich hier , und sie ist mir nicht so fremd , als meinem Agathokles , denn ich habe manche ihrer Scenen in noch ungestörterer Furchtbarkeit an den Ufern des Borysthenes kennen gelernt . Auch diesen Gegenden fehlt es nicht an eigenthümlichen Reizen , und ein Gemüth , das Sinn für stille Größe , und den ernstern Ausdruck der Naturscenen hat , kann leicht in den Umgebungen , in denen ich jetzt lebe , Etwas finden , das sie ihm lieber und anziehender machte , als jene lachende Gefilde , auf die der Himmel ohne Zuthun oder Anstrengung des menschlichen Fleißes aus immer reichem Füllhorn seine milden Gaben gießt . Diese Provinzen , die nicht seit sehr lange unter römischer Herrschaft stehen , tragen überall das Gepräge kühner fesselloser Natur , die der Hand des Fleißes nur einem kleinen Theil zur Befriedigung ihrer ersten Bedürfnisse abgekämpft hat . Das ganze Land ist mit Gebirgen bedeckt , nur jenseits des breiten Stroms , der in einiger Entfernung von uns gegen Osten hinabströmt , ist der Boden flächer , und auch Laureacum liegt in einer Ebene , wo der Anasus1 , nach einem langen mühevollen Laufe durch Schluchten und Wälder , über Felsentrümmer und Bergstürze sich endlich ruhig in der sonnigen Ebene ausbreitet . Ein wehmüthiges Bild ! Dort unten fließt schon der große Strom , in dessen Fluthen er sich bald verliert . Nur kurze Zeit war ihm vergönnt , der Ruhe zu genießen , und die müden Wellen , kaum vom heitern Sonnenstrahl erwärmt , stürzen dort schon in die Gewässer , in denen sie Namen und Daseyn verlieren . Wie manchem Sterblichen sah ich ein gleiches Loos fallen ! Wenn sein hartes Schicksal endlich abließ , ihn zu verfolgen , wenn seine stillen , gerechten Wünsche erhört schienen , dann rief ihn der Tod aus dem Kreise seiner Freuden ab , gleich als wäre hienieden nicht Raum für solch ' ein Glück , das nur in bessern Wellen zu blühen bestimmt ist . Agathokles hat mit mir manche kleine Reise in diese düstern Wildnisse gemacht , aus denen der Anasus , und alle die Ströme herkommen , die sich in den Danubius verlieren . An ihren Ufern winden sich die Straßen aufwärts , ihren Quellen entgegen , sie zeigen dem Wanderer den Pfad in die geheimen Thäler , aus denen sie herabkommen , und der Weg , den die lebendige Fluth bei der ersten Gestaltung dieser Erde nahm , die Tiefen , durch welche sie sich Bahn machte , um heraus in die Ebene zu gelangen , sind meist auch der einzige Weg , auf dem man hineingelangen kann . Dicht verwachsene Wildnisse empfangen den Wanderer , in denen vielleicht noch nie eine Art erschollen ist , nie ein Fußtritt gewandelt hat ; himmelanstrebende Felsen tragen selbst jetzt im Frühling noch Schnee auf ihren kahlen Häuptern , wilde Bergströme stürzen sich brausend von jähen Höhen ; dann öffnet sich ein geheimes Thal , und im Schooß waldiger Berge und schroffer Felsen liegt ein stiller Wasserspiegel weit ausgebreitet , dessen einsames Ufer nur Vögel oder verirrte Gemsen besuchen . Keine Menschenspur ist Zu finden , nur die Laute der Natur tönen hier , wir sind allein mit ihr , die in ungebrochener Kraft um uns waltet , allein mit ihr , und unserm gemeinschaftlichen Schörfer . Seine erhabene Gegenwart wird doppelt fühlbar in dieser einsamen Wildniß , sein Hauch erhält und trägt sie und uns , hier ergreift seine Nähe uns mit Schauer , Ehrfurcht und Liebe . Die tausendjährigen Eichen verschlingen die kühngeformten Aeste zum lustigen hohen Dach , und bilden einen würdigen Tempel ; überall ist Hoheit , Einfalt , Stille und Größe . Unwillkührlich wirkt diese Umgebung auf unser Innerstes . Ich fühle es , daß ich hier ernster geworden bin , als ich in Synthium war . Der Himmel ist hier sehr oft trübe , in seltsamen Gestalten ziehen sich die Nebel , die aus dem Strom und den dichten Wäldern aufsteigen , um die dunkeln Berge herum , die nördlichere Sonne vermag sie nicht immer zu zerstreuen ; dann sammeln sie sich , verdecken das freundliche Blau , oder ergießen sich in unaufhörlichen Regengüssen über die winterlich düstere Landschaft . Solche trüben Tage machen unsere Ansichten ebenfalls trübe , ohne daß wir uns dessen bewußt sind , und überdies tragen die täglichen Begebenheiten auch nicht dazu bei , ein ernster gestimmtes Gemüth zu erheitern . Es sind zu traurige , zu gräuelvolle Scenen in diesen Gegenden vorgefallen , man hört von allen Seiten zu viel von dem Mißbrauch des gewaltigen Uebermuths , von der Grausamkeit des Parteigeistes , und den tausendfachen Neckereien , Leiden , Qualen und Todesarten , die hier die verfolgte Unschuld von ihren Drängern erdulden muß , als daß man seines Lebens recht froh werden könnte , selbst wenn ein Paradies um uns her lachte . Es sind doch im Grunde nur die Menschen , die uns die Erde lieb oder leid machen können , und ein glückliches Paar , wie Agathokles und ich , würde auch in noch düsterern Gegenden , als diese sind , selig leben , wenn es möglich , wenn es billig wäre , Aug ' und Herz vor den Leiden seiner Brüder zu verschließen . Ich habe hier unter manchen seltsamen und anziehenden Gegenständen , die mir diese Gegenden schon zeigten , auch die Bekanntschaft eines Mädchens gemacht , die ganz zu diesen Umgebungen paßt , die in sich das treuste Bild der Natur um