wie Opferrauch , so zart auch beide sind , doch im dicken Regenwetter durch die schwere Luft empor « - wurde aber ungemein rot . » Surement « , sagte der Elsasser , » die Liebe strebt jeden Tag immer weiter . « Flitte ging noch weiter und zeigte sich seinem Gaste gar gedruckt ; er wies ihm nämlich die feinsten Liebes-Madrigale , die er , wie er sagte , drucken lassen in Centesimo-Vigesimo-Format und nie über einen 1 / 20 Bogen stark ; es waren Verseblättchen , aus Pariser Zuckerwerk ausgeschält , wahre Süßbriefchen , deren Plagiat Flitte sich dadurch erleichterte , daß er den süßen Einband aufaß . Warum lässet die deutsche Poesie der französischen den Vorzug der süßesten Einkleidung ; warum wollen wir nämlich , wenn die Franzosen Zucker und Gebäck um ihre Verse wickeln , es umkehren und mit den unserigen Zucker und Gewürz einkleiden und einpacken ? - könnte man hier fragen , wenn es der Ort wäre , hier zu antworten . - Walt pries unmäßig ; der Elsasser schwamm auf Freudenöl , ertrank beinah in Lobes-Salböl . Über jeden Genuß , den man den Menschen wohlwollend zubereite , waltet der Zufall der Aufnahme , des Gaumens , des Magens , der ihn verarbeitet ; hingegen für den Genuß eines aufrichtigen Lobes hat ohne Ausnahme jeder Mensch zu jeder Stunde Ohr und Magen aufgetan ; und er sagt außer sich : » Lob ist Luft , die das einzige ist , was der Mensch unaufhörlich verschlucken kann und muß . « Flitte nicht anders ; neuerfrischt zog er den Notar auf die Stadtgassen hinaus , um ihm einige Freuden zu machen und sich Platz . Nämlich die alten Gläubiger jagten ihm so eifrig nach als er neuen ; da er nun die Maxime der Römer kannte , welche nach Montesquieu so weit als möglich vom Hause Krieg führten : so war er selten zu Hause . Beide durchstrichen die Morgenstadt ; und Walten wurde sehr wohl . Da Flitte der Stadt sich zeigen wollte - nämlich den Kabels-All-Erben Harnisch in der Probewoche - , so sprach er mit vielen ein Wort ; und der Notar stand glücklich dabei . Vor jedem Parterre-Fenster - » par-terre « , sagte Flitte , » sprechen die Deutschen ganz falsch aus « , klopft ' er wie an einer Glastüre an und sagte dem aufmachenden Mädchenkopfe , dem noch die halbe Aurora des Morgenschlafs anschwebte , hundert gute Dinge , und die Tochter in der Morgenkleidung mußte am Fensterrahmen fortnähen . Oft gab er ohne weiteres Fragen Küsse von außen hinein - was Walt für einen Grad von Lebensart hielt , den nur einige Günstlinge Frankreichs erreichten . Rauchte ein ansehnlicher Mann in der Schlafseide mit der Pfeife aus dem zweiten Stock herab : so sprach oder ging Flitte hinauf , und Walt tats mit . Jener kannte jeden lange ; denn bei dem Hochbürgerstande lehrte er die Kinder tanzen und beim Adel die Hunde ; letzterem ging er auch auf heiligern Wegen nach , nämlich zur Altar-Partie . Denn da der Haßlauer Adel , wie bekannt und sonst gewöhnlich ist , in corpore öffentlich auf einmal als eine heilige Tischgesellschaft und Kompaniegasse das Abendmahl genoß : so war er hinterdrein und der letzte Mann , wie hinter den Bürgerlichen der Scharfrichter ; das einzige Mal ausgenommen , wo er wie ein Schieferdecker es bloß nahm , weil er einen Turm bestiegen . Walt betrat nie mehr Zimmer als an diesem Morgen . Sprengte ein Herr vorbei : Flitte wußte ein Wort über den Gaul nachzuschicken , etwa dieses : er hinke . Stand ein Wagen fahrfertig : Flitte paßte , bis man einstieg , und verhieß nachzukommen aufs Landgut . Kehrten verspätete Kaufleute von der Leipziger Messe zurück : Flitte ließ sie auf die Meß- Neuigkeiten von Haßlau nie so lange warten , bis sie unter Dach und Fach waren , sondern er packte aus , während sie auspackten . Walt wurde aller Welt vorgestellt und redete mehrmals . Es wäre schwer zu glauben , daß beide an einem Morgen so viele Besuche abgestattet haben , wäre nicht die Gewißheit da . Sie gingen zu dem Spitzen-oder Klöppelherrn Hrn . Oechsle und besahen die Sachen und die hübschen Klöpplerinnen aus Sachsen und viele Knöpfe aus Eger , in welche Vögel halb mit Farben , halb mit eigenen Federn gefasset waren . Walt hatte dessen schöne Fußtapeten ganz mit Stiefelspuren verschont durch einen einzigen tapfern Weitschritt , den er über sie sogleich in die gebohnte Stube tat . Sie gingen ins Gartenhaus des Kirchenrat Glanz , wo Flitte seine Latinität an dem Kupferstich eines Kanzelredners schwach zu zeigen suchte , indem er die darunter gesetzten lateinischen Verse und Notizen fertig und mit gallischer Aussprache ablas , ausgenommen bis zu den Worten mortuus est anno MDCCLX . Denn wer solche fremde Zahlen-Zeichen mehr in eigner als in fremder Sprache ablesen muß , weil er diese nicht versteht , fällt halb ins Lächerliche bei aller sonstigen Gelehrsamkeit . - Er ging mit Walt zum Postmeister , bloß um , wie er gewöhnlich tat , nach Marseiller Briefen vergeblich zu fragen . Dem Postsekretär las er eine schwere französische Aufschrift vor . Walt pries dessen Accent und Prononciation aufrichtig . Auf der Straße macht ' ihm nun Flitte zehn vergebliche Male vor , wie er wenigstens beide Worte zu akzentuieren und zu prononcieren habe . Walt gestand , daß ihm mehr Ohr als Zunge fehle , drückte ihm die Hand mit dem Bekenntnis , daß er die meisten Franzosen gelesen , aber noch keinen gehört , und daß er deswegen so eifrig auf jeden Laut von Flitte horche ; indes berief er sich auf den General Zablocki , ob er nicht vielleicht eine erträgliche Hand von Schomaker davongebracht . Darauf zeigte ihm Flitte gegenseitig Germanismen der Phrasen , die ihm noch anklebten . Sie gingen zur Stückjunkerin , bei welcher Walt neulich Saiten aufgezogen hatte . Diese sprach von dem Tode ihres Mannes und der Einäscherung eines Palastes , den sie im belagerten Toulon gehabt , aus welchem sie nichts gerettet , als was sie zur Erinnerung ewig aufbewahrte , einen Nachttopf aus feinstem Porzellan . Der Zug entzückte den Notar durch den vornehmen Zynismus , womit er im Hoppelpoppel Leute von Welt kolorieren konnte . Selten sieht ein romantischer Anfänger einen alten General oder jungen Hofjunker im Zwielicht z.B. pissen , ohne sich an den Schreibtisch niederzusetzen und niederzuschreiben : » Herren vom Hofe stellen sich gemeinhin im Zwielicht in Ecken . « Man sprach viel französisch ; und Walt tat , was er konnte , und sagte häufig : comment ? - Flitte zeigt ' ihm nachher den Germanismus in der Frage . Sie gingen in die weibliche , ihm durch Vult bekannte Pensions- Anstalt , worin noch mehr Gallizismen und noch mehr Schönheiten regierten . Flitten war nicht nachzufliegen im freien Artig- sein ; doch wars ihm genug , nur nachzublicken und zwischen den Beeten voll Seelenlilien eng die eine Fußzehe an die Ferse der andern anzuschienen . » Ach ihr Lieben ! « sagte sein Herz . Was er nur hörte , erklang ihm so zart ; » aber « , dacht ' er , » sind denn Frauenzimmer anders ? Mitten im unreinen männlichen Weltleben , das alle Ströme und Leichen aufnimmt , sind sie ja abgesondert voll eigner Reinheit ; im salzigen Weltmeer kleine Inseln voll frischen klaren Wasser ; o diese Guten ! « - Als er heraustrat , wurden ihm auf einem goldnen Eßgeschirr des regierenden Fürsten leichte Farschen , Rouletten und Frikandellen aufgetischt - für die Freßspitzen der Phantasie . Das Geschirr - das Geschenk eines alten Königs - wurde nämlich jährlich zweimal öffentlich auf dem Markte abgescheuert und geputzt unter den Augen eines kleinen Kommandos zu Fuß , das seine Waffen hatte , um es gegen ungeratene Landeskinder zu decken . Sie gingen zum Galanteriehändler Prielmayer und ließen sich von der Pracht der weiblichen Welt umgeben . Ein so freier , leichter , alle Stände mischender Vormittag war Harnischen noch nie vorgekommen ; ein Musenpferd nach dem andern wurde seinem Siegeswägelchen angeschirrt , und es flog . Flittens Leben hielt er von jeher für ein tanzendes Frühstück und für einen thé dansant ; sein eignes hielt er jetzt für ein eau dansant . Er genoß ebensosehr in Flitten - den er sich wie sich begeistert dachte - als in sich selber hinein ; die elsassischen Sonnenstäubchen vergoldete und beseelte er zu poetischem Blütenstaub . Zuletzt macht ' er , neben ihm gehend , heimlich folgende Grabschrift auf ihn : Grabschrift des Zephyrs Auf der Erde flog ich und spielte durch Blumen und Zweige und zuweilen um das Wölkchen - Auch im Schattenland werd ' ich flattern um die dunkeln Blumen und in den Hainen Elysiums . Stehe nicht , Wanderer , sondern eile und spiele wie ich . Um 10 Uhr bracht ' ihn Flitte dem Hofe näher : » Wir gehen in die champs élysées und nehmen ein déjeuner dinatoire . « Es war ein bejahrter Fürstengarten , welcher den Weg zur ersten Chaussee im Lande gebahnt hatte . Unterwegs fingen zwar Warnungstafeln gegen Kinder und Hunde an ; aber in den champs élysées wurde erst ordentlich alles verboten , besonders die elysischen Felder selber - in keinem Paradies gab es so viele verbotene Bäume und Frucht- und Blumen-Sperren - auf allen Gängen blühten oben oder keimten unten Kerker-Diplome und Aus- und Einwanderungsverbote - unter Expektanzdekreten der Züchtigung durchkreuzte jeder als ein lustwandelnder Züchtling das Eden und feierte Petri Kettenfeier im Gehen und strapazierte sich hinter seinem Rücken - mehr wie eine Wallfahrt durch Dantes Höllenkreise ( der Himmel blieb nirgends als über dem Kopfe ) denn als ein katholischer Bußgang durch Christi Leidens-Stationen kam jedem unter dem schriftlichen Anschnauzen aller fluchenden Bäume und Tempel sein Lustwandeln vor - - ja der Mensch verstimmte sich zuletzt in den champs und kam fatigiert heraus . War Walt je froh und frei : so wars in diesen Feldern ; sein innerer Mensch trug ein Thyrsus-Stäbchen und rannte damit . Von allen diesen Warnungstafeln war nämlich nichts mehr da als die Tafel , das Holz , Stein , Blech ; die Warnung aber war gut vermooset , verraset , versandet . Köstliche Freiheit und Freilassung beherrschte nun Eden , wie ihm Flitte beschwur und bewies . Die ganze Sperrordnung war bloß in jenen Zeiten an der Tagesordnung gewesen , wo große und kleine Fürsten - ganz anders als jetzt die großen - ( höflich zu sprechen ) etwas grob gegen Untertanen waren , und wo sie als Ebenbilder der Gottheit - welche darin eben nicht von dem Maler geschmeichelt wurde - , dem mehr jüdischen als evangelischen Gotte der damaligen Kanzeln ähnlich , öfter donnerten als segneten . » Was die Herrschaft jetzt etwa im Parke sehr lieb und gern hat « , sagte Flitte , » dies ist schon besonders recht eingezäunt , so daß ohnehin niemand hinein kann . « Beide nahmen ihr déjeuner dinatoire , Morgenbrot und Morgenwein , in einem offenen und lustigen Kiosk , unweit des Gartenwirts . Der Notar war erwähntermaßen selig ; - den auf- und absteigenden Tag- und Nachtgarten samt dem leichten , wie herabgeflogenen Lustschlosse , das ein versteinerter Frühlingsmorgen schien , ferner die Wäldchen , woraus bunte Lusthäuschen wie Tulpen herauswankten , desgleichen die gemalten Brücken und weißen Statuen und die Regelschnüre vieler Hecken und Gänge - - das konnt ' er dem Elsasser , dem ers zeigte , gar nicht feurig genug vorfärben , je länger er trank . Diesem gefiels natürlich ; denn gewöhnlich führte er seine Claude-Lorrains nur mit dem einzigen Wort und Striche wacker aus : süperb ! - Jeder aber hat seine andere Hauptfarbe der Bewunderung ; der eine sagt : englisch ! - der andere : himmlisch ! - der dritte : göttlich ! - der vierte : ei der Teufel ! - der fünfte : ei ! - Walt aber sagte , obwohl zu sich : » Dies ist von Morgen an , oder ich irre entsetzlich ? das wahre Weltleben Eleganter . Bin ich nicht wie in Versailles und in Fontainebleau ; und Louis quatorze regiert zurück ? Der Unterschied ist schwerlich erheblich . Diese Alleen - diese Beete - Büsche - diese vielen Leute am Morgendieser lichte Tag ! « - Walten war nämlich , der Himmel weiß von welchen Frühblicken des Lebens , eine so romantische Ansicht von der Jugendzeit des galanten , liberalen , Länder , Weiber , Höfe besiegenden Ludwigs XIV. nachgeblieben , daß ihm dessen Jugend mit ihren Festen und Himmeln wie eine eigene Vorjugend schön als sanftes Feuerwerk in den Lüften vorschwebte und wie der freie frische Morgen eines im Negligé spazierenden Hofs - so daß ihn jeder Springbrunnen nach Marly warf , jede geschniegelte Allee nach Versailles und hohe Fontange-Kupferstiche an Schränken-Wänden ins damalige Königsschloß , ja sogar die ausgeschnittenen aufgepappten Bildchen auf seinem Schreibtische flogen mit ihm in jene lustige Hof- , wenn auch nicht lustige Völkerzeit . - » Ist nicht das Leben der Hofleute - hatt ' er sich mehrmals gesagt - fortgehende Poesie ( wenn anders die französischen Mémoires nicht lügen ) , ohne pressende Nahrungs-Qualen und in geflügelten Verhältnissen , und die Hofmänner können sich an jedem Musik-Abend verlieben und dann am Garten-Morgen mit den herrlichsten Geliebten spazieren gehen ? O wie ihnen die Göttinnen blühen müssen im frischen schminkenden Morgen rot ! « Dadurch genoß er im Garten einen ganz andern , schon beerdigten ; als Feuerwerk hing das phantastische Nachbild über dem liegenden Vorbild . Glücklicherweise tat ihm Flitte - der in jeder Gesellschaft stets eine neue suchte - den Gefallen , daß er mit dem Garten-Restaurateur in ein Gespräch geriet und ihn dadurch mit der köstlichen Einsamkeit zu einigen träumerischen Streifzügen beschenkte . Wie freudig tat er diese ! Er sah alles und dabei an- die grünen Schatten , von Sonnen-Funken durchregnet - die fernen Seen , einige wie dunkle Augenlider des Parks , einige wie lichte Augen - die Barken auf Wassern - die Brücken über beide - die weißen hohen Tempel-Staffeln auf Höhen - die fernen , aber hell-herglänzenden Pavillons - und hoch über allen die Berge und Straßen draußen , die kühn in den blauen Himmel hinaufflogen - Sein Vormittag hatte sich stündlich geläutert , aus reinem Wasser zur Zephyr-Luft , diese oben zu Äther , worin nichts mehr war und flog als Welten und Licht . Den Bruder hätt ' er gern hergewünscht - Winas Blick unter dem Wasserfall sah er am hellen Tage . Er war selig , ohne recht zu wissen wie oder warum . Seine Fackel brannte mit gerader Spitze auf in der sonst wehenden Welt , und kein Lüftchen bog sie um . Nicht einmal einen Streckvers macht ' er , aus Flucht des Silbenzwangs , es war ihm , als würd ' er selber gedichtet , und er fügte sich leicht in den Rhythmus eines fremden entzückten Dichters . In diesem innern Wohlklang stand er vor einem sonderbaren Garten im Garten und zog fast nur spielsweise an einem Glöckchen ein wenig . Er hatte kaum einige Male geläutet : so kam ein reich besetzter schwerer Hofdiener ohne Hut herbeigerudert , um einigen von der fürstlichen Familie die Türe aufzureißen , weil das Glöckchen den Zweck einer Bedientenglocke hatte . Als aber der vornehme Mensch nichts an der Türe fand als den sanften Notar : so filzte er den erstaunten Glöckner in einer der längsten Reden , die er je gehalten , aus , als hätte Walt die Sturm- und Türkenglocke ohne Not gezogen . Diesem war indes sein Inneres so leicht und fest gewölbt , daß das Äußere schwer eindringen konnte , nicht mit einem Tropfen in sein leichtes fliegendes Schiff ; zu Flitten kehrte er sogleich zurück . Sie gingen heim . Die großen Eßglocken riefen die Stadt zusammen , wie zwei Stunden später kleinere den Hof ; dies wirkte auf den satten Notar , der jetzt nicht zum Essen ging , sehr romantisch . Gibt es einen wahren Mann nach der Uhr , der zugleich die Uhr selber ist , so ists der Magen . Je dunkler und zeitlicher das Wesen , desto mehr Zeit kennt es , wie Leiber , Fieber , Tiere , Kinder und Wahnsinnige beweisen ; nur ein Geist kann die Zeit vergessen , weil nur er sie schafft . Wird nun dem gedachten Magen oder Manne nach der Uhr seine Speise-Uhr um Stunden voraus- oder zurückgestellt : so macht er wieder den Geist so irre , daß dieser ganz romantisch wird . Denn er mit allen seinen Himmels- Sternen muß doch der körperlichen Umdrehung folgen . Das Frühstück , das ein Spätstück gewesen , warf den Notar aus einem Gleise , worin er seit Jahrzehenten gefahren war , so weit hinaus , daß vor ihm jeder Glockenschlag , der Sonnenstand , der ganze Nachmittag ein fremdes seltsames Ansehen gewann . Vielleicht macht daher der Krieg den disziplinierten Soldaten durch die Verkehrung aller Zeiten in unordentlichen Ebben und Fluten des Genusses romantisch und kriegerisch . Um die Vesperzeit erschien ihm der Schattenwurf der Häuser noch wunderlicher , und in Fraissens Zimmer wurd ' ihm die Zeit zugleich eng und lang , weil er wegen seiner untergrabenen Sternwarte nichts voraussehen konnte . Er wollte wieder Monde und begleitete Flitten in ein Billardzimmer , wo er verwundert hörte , daß dieser die Bälle nicht französisch zählte , sondern deutsch . Hier entlief er bald aus dem magern Zuschauen allein hinaus an das schöne Ufer des Flusses . Als er da die armen Leute erblickte , welche an diesem Tage nach den Stadtgesetzen fischen durften ( obwohl ohne Hamen ) und Holz lesen ( obwohl ohne Beil ) : so erhielt er plötzlich an ihren heutigen Genüssen eine Entschuldigung der seinigen , die ihm allmählich zu vornehm und zu müßiggängerisch vorgekommen waren : » Auch ich habe « dacht ' er , » heute vornehm genug geschwelgt und kein Wort am Roman geschrieben ; doch morgen soll ganz anders zu Hause geblieben werden . « Die langen Abend-Schatten am Ufer und die langen roten Wolken legten sich ihm als neue große Schwingen an , welche ihn bewegten , nicht er sie . Er durchstreifte allein die dämmernden Gassen , bereit zu jedem Abenteuer , bis der Mond aufging und seine Mond-Uhr wurde . Da war der Wirrwarr gelichtet , und der Magen wußte , welche Zeit es sei . Vor Winas schimmerndem Hause trug er das vielfach erregte Herz auf und ab ; da sank ihm in dasselbe eine stille Sehnsucht wie vom Himmel nieder , und den lustigen Erden-Tag kränzte die heiligste Himmels-Stunde . Nr. 53. Kreuzstein bei Gefrees im Bayreuthischen Gläubiger-Jagdstück Am Morgen freuete sich Walt kindisch in den vergangenen Tag zurück , weil dieser durch eine kleine Wendung sein Leben so schillernd gegen die Sonne gehalten , daß er eine Menge Tage an einem verlebte , indes sonst viele hintereinander fliegende , sich deckende Zeiten des Menschen kaum eine zeigen . Heute aber blieb er zu Hause und schrieb sehr . Das war Flitten nicht recht ; zu Hause bleibende Einsamkeit war ihm wohl Würze und Zukost der Gesellschaft , aber nicht diese selber . Indes wer nicht nachahmt , wird eben nachgeahmt ; Walt hatte ihm mit seinem poetischen Saus und Braus so sehr gefallen - ob er sich gleich als seine prosaische Sprech-Walze neben jenes dichterischer Spiel-Welle drehte und ihn selten verstehen oder beantworten konnte - , und dessen ungewöhnliches Anlieben und Anlegen hatte den umherfliegenden Menschen so sehr erwärmt , daß er selber mit zu Hause blieb , bloß bei ihm , ob er gleich besser als einer in der Welt voraussah , welche Gläubiger-Moskiten ihn heute stechen würden , da Mücken bekanntlich uns mehr im Stehen als Gehen anfallen . Denn ein Grundgesetz der Natur ist dies : wer nichts baut als spanische Schlösser , rechne auf nichts als spanische Fliegen , welche so gewaltig ziehen . Ein zweites Gesetz ist : man kann nicht früh genug bei einem schlechten Schuldner vorsprechen , der eben tags vorher Geld bekommen . Es kam das gewöhnliche wütende Heer , das der Elsasser immer als ein geheiltes zurückschicken mußte , zu rechter früher Tageszeit an ; und Flitte konnte es hier wie überall in der besonders dazu gewählten Audienz-Kammer empfangen , um solchem das einzige zu geben , was er hatte , Gehör . Bloß letzteres mußte wieder der Notar versagen , der eifrig taub fortdichtete , während Flitte von weitem seine Schlachten schlug . Es lohnet der Mühe , die Feldzüge flüchtig zu erzählen , welche der Elsasser an einem Tage tat , bevor er abends das warme Winterquartier des Betts bezog . Der linke Flügel des täglich angreifenden Heeres war aus Juden geworben ; und den rechten formierten Zimmer- und Pferde- und Bücher-Verleiher und sämtliche Professionisten des menschlichen Leibs und deren Fisch-Weiber ; und an der Spitze zog als Generalissimus ein Mann mit einer Tratte ; - die offiziellen Berichte davon sind aber folgende : Am Früh-Morgen im Nebel griff eine Karree Juden an ; leicht schlug er sie mehr mit grobem Kriegsgeschrei als feiner Kriegslist zurück und sagte nur : sie wären nur Juden , und er habe noch nichts , und was sie weiter wollten ? Beim Frühstück mit Walt berennte ihn ein Uhrmacher , von welchem er eine Repetier-Uhr gegen seine Zeige-Uhr und Geld-Assignate eingekauft hatte . Flitte schwur , sie repetiere schlecht , seine sei ihm ebenso lieb - auch repetiert eine Zeige-Uhr wenigstens das Zeigen - , und bot Auswechslung der Gefangnen an . Da nun der Mann die stumme schon selber verkauft hatte - Flitte freilich auch die laute - : so zog sich der Feind mit dem Verlust einer Uhr zurück . Später sah zu er seinem Glücke aus dem Fenster und die Bewegungen des berittenen Feindes , eines Pferde-Verleihers . Er empfing ihn in der Audienz-Kammer , bekannt mit dessen einhauender Stimme und Kriegsgurgel ; erstickte aber dessen Feldgeschrei durch die Dampfkugel , die er so warf : » Lieber Mann ! kennt Er die Ecktanne in Kabels Wald , die eben mein Erbstück geworden samt vielem anderem , des Künftigen zu geschweigen ? - Eine Mühlwelle drechselt sich daraus her ! - Was brauchts Redens ! Kurz , ich hatte sie schon halb einem andern versprochen ; Er soll aber das Vorzugsrecht haben - schätz ' Er sie - dann geb ' Er nach Abzug der Schuld heraus , was honett ist - was sagt Er , mein Freund ? « Sein Feind versetzte , das sei einmal ein Wort , das Hand und Fuß habe , und räumte das Feld . Hart hinter ihm trabte ein zweiter Pferdelieferant ein , in langem , blauen , über dem Schurzfell aufklaffenden Überrock , und schob grimmig und grüßend die Ledermütze von hinten über die halbe Stirne hinein : » Wie wirds ? « fragt ' er . » Finten und Quinten schlagen heute nicht an bei mir . « - » Gemach ! « versetzte Flitte . » Kennt Er die Ecktanne etc. ? - Eine Mühlwelle drechselt etc. - Kurz , ich hatte sie schon etc. « - Der Feind versetzte : » Ists aber Vexiererei : Gott soll - Gott befohlen ! « Mit einer harthörigen Altreißin turnierte er gefährlich , weil ihr Geschrei nur mit einem solchen empfangen werden mußte , daß Walt es vernehmen konnte . Zum Glück konnt ' er einen alten vergoldeten Schaupfennig - der schon 100 mal seine Belagerungsmünze und sein Hecktaler gewesen - herausziehen und ihr hinhalten und bloß ins Ohr schreien : » Wechseln - abends 6 Uhr ! « Doch feuerte sie auf dem Schlachtfeld noch lange fort , weil sie sich nie verschoß . Die weibliche Bellona ist furchtbarer als der männliche Mars . » Nur hieher ! « rief er ; ein kurzstämmiger , rundbackiger , runder Apothekers-Junge kugelte sich herein . » Allhier überbring ' ich als Diszipel unserer Hechtischen Offizin laut Rechnung die Rechnung für die arme Bitterlichin in der Hopfegasse , weil sich mein Herr Prinzipal bestens empfiehlt und die Heilungskosten dafür zu haben ersucht . Es ist nur von wegen unsrer Ordnung in der Offizin ; denn übermorgen werde ich bekanntlich zum Subjekt gesprochen . « Vor dem sanften Feinde streckte er das Gewehr , eine halbe Pistole ( auf alten Pistolenfuß ) , sagte aber : » Hr . Hecht lässet sich seine versilberten Pillen stark vergolden . Den Geburtshelfer - richt Ers aus - hab ' ich schon saldieret . « - » Guter , guter Mann ! « sagte Walt . - » Die Frau war ja in den kümmerlichsten Umständen von der Welt und heute noch ; und ist nicht einmal hübsch dabei « , sagt ' er . Ungesehen war eben ein Heerbann eingerückt , einen Banner stark , der so anfing : » Gehorsamer ! - Ein für allemal , der Mensch läßt sich in die Länge nicht hänseln . Seit Pauli Bekehrung bin ich Sein Narr und laufe nach dem bißchen Mietzins . Herr , was denkt Er denn von unsereinem ? « - » Weiß Er wohl « , versetzte Flitte , » daß ich nur messenweise zahle und überhaupt mich gar nicht mahnen lasse , Er ? « - » So ? « erwiderte der Banner . » Ich und noch drei Hausherren und der Stiefelwichser haben uns schon zusammengeschlagen und die Schuld dem Armen-Leute-Hause vermacht . « - » Wahhas , ungehobeltes Pack ? « sang Flitte dehnend . » Das ist mir ja recht lieb . Eben gab ich dem Hechtischen Subjekt ( der Herr da zeugts ) ein halbes Goldstück für die blutfremde blutarme Bitterlich ; was geht sie mich weiter an ? « - Hier hielt er ihm den einen , mit einem Ringe zugeschraubten vollen Beutelpol mit der Erklärung vor , der Zins sei hier für ihn schon bereitgezählt gewesen , jetzt bekomm ' er keinen Deut ; - worauf der Feind nach vergeblichen Einlenkungen , das Armenhaus habe nichts Schriftliches , ohne alles klingende Spiel abzog , äußerst verdrüßlich , daß der Beutel , wie bei den Türken , das Geld selber bedeutet habe . Diesem folgte der 23ste Herr , der Territorialherrschaft über ihn ausgeübt - dem 23sten sukzedierte der 11te - diesem der fünfte- jeder , um den Grundzins , die Quatembersteuer , das Stättegeld für den Winkel seines Staatsgebäudchens einzutreiben . Groben Herren gab er nichts als die Antwort , unter ihnen sei in die Zimmer mehr der Wind als das Licht eingedrungen , die Aufwartung schlecht und die Möbeln alt gewesen . Höfliche bezahlte er für ihre Territorialrechte mit Territorialmandaten auf die zehn Erb-Stämme , mit den Bonbons der Bons . Darauf kam der Herr , der vor dem Türmer regiert hatte , ein frommer Huter , mit zwei großen grauen Locken , welche aus dem knappen Lederkäppchen vorwalleten , und bat ihn um ein Darlehn , gerade die Hälfte der Schuld . Flitte gab ihm das Geld und sagte : » Ohnehin restiere ich , entsinn ' ich mich recht , noch etwas , Herr Huter . « - » Es wird sich finden « , sagt ' er . Nach dem Vesperbrot lief ein Bücherverleiher Sturm und Gefahr . Er forderte für ein Buch à 12 Groschen und 12 Bogen genau 2 Tlr . Lesegeld auf 2 Vierteljahre . Flitte hatte nämlich nach seiner Weise , keine Sache abzuborgen , die er nicht ihrer Bestimmung gemäß wieder verborgte , das Werk so lange umlaufen lassen - denn jeder ahmte ihm nach - , daß es verloren war . Umsonst erbot er sich zum Drittel , zum Kaufe ; der Verleiher bestand auf Lesegeld und fragte , ob viel mehr als ein Pfennig auf die Seite komme . Selber Walt suchte den Verleiher von seinem » Eigennutzen « zu überzeugen . » Eigennützig ? das verhoff ' ich eben ; vom Eigennutzen lebt der Mensch « , sagte der Verleiher . Flitte ließ ihn ganz kurz ab- und wild in die nächste Gerichtsstube hineinlaufen , nachdem er bloß zehn Neujahrswünsche und fünf Kalender , die er zur Auswahl gehabt und behalten , großmütig bezahlet hatte . Kurz vor 6 Uhr wollte das Paar ein wenig in die Luft , von der Flitte am liebsten lebte ; auf der Hausschwelle bebte der Pinselmacher Purzel - jüngerer Bruder des Theaterschneiders - ihnen entgegen mit einem ausgehöhlten Gesicht wie ein Hohlglas ( Stirn-und Kinn-Ränder waren konvex ) - das verschabte Überröckchen auf die linke Seite hinübergeknöpft - mit einem langen Fadenwurm von Zopf aus Zopfhand - und wackelnd mit dem rechten Knie : » Ihro gnädigen Gnaden « , fing das Jammerbildchen an , » werden meinen Miniatur-Pinsel vorgestern herrlich und nett erhalten - Ich stehe davor , daß der Pinsel ganz vortrefflich einigermaßen - und bitte denn um das wenige , was er kostet , und auch , daß Sie mir bei dieser Gelegenheit etwas schenken . « » Hier ! « sagte Flitte zum stillen lebendigen Friedensfest , ja ruhigen Reichs-Friedensprotokoll , zu Purzel dem Jüngern . Abends machte den Waffentanz der Cafetier Fraisse mit einem Großvatertanz aus . Er kam herauf , um höflich anzumerken , es sei seine herkömmliche Weise , Gästen aus der Stadt jeden Abend die Rechnung zur Einsicht vorzulegen , damit sie solche sähen und saldierten . Walt sah hier zum erstenmale einen französischen oder elsassischen Zorn ohne Ohren ; es war ein stürzend-fortrollender Streit- und Sichelwagen , woran Fluche , Schwüre , Blicke , Hände auf- und niederschlugen und zersäbelten . Fraissen wurde das nötige Geld vor die Füße , ja an den Kopf geworfen , dann eingepackt und fluchend fortgezogen in des verreiseten Dr. Huts leeres Haus . Walt wehte durch seine niederblasenden Friedenspredigten die Flammen nur höher auf . Eine verlebte