und ihre Trauer bewegte sich in der einförmigsten Umgebung ; hätte sie weniger Leben in sich gehabt , sie würde wohl den Verstand verloren haben - aber sie sehnte sich dennoch nach Liebe , obschon nicht nach der ewigen ; sie bildete neue Reize in sich , die weniger witzelten und herrschten , jenen stummen tiefen Reiz , dem man sich ergiebt wie dem Schlummer an heißen Tagen , und dem man am kühlen Abend rüstig entgeht - . Sie konnte diese Schwermut nicht bewegen , und war selbst leidend , wenn sie reizte , - dabei ein Bewußtsein bei allem diesem , das sie zur Frevlerin machte . Ihre Liebe zu meinem Vater war nicht ohne Leben geblieben , sie gebar einen Sohn , ( Sie kennen ihn unter dem Namen Römer ) , und liebte ihr Kind - . In der Nacht seiner Geburt verschwand Kordelia von dem Landhause , ohne daß irgend eine Nachricht von ihr zu finden war . Nun war sie ganz allein , und sehr unglücklich : sie schrieb mehreremal an meinen Vater , ohne Antwort zu erhalten , er möge sich ihrer erbarmen ; aber von seinem Kinde meldete sie nichts : sie gehe auf bösen Wegen , schrieb sie , ihre Ehre sei verloren , und sie werde noch tiefer sinken ohne ihn , er möge sie wieder aufrichten ; sie erhielt keine Antwort - . Um der Verzweiflung zu entgehen , zog sie in die nahgelegne Stadt , machte vielen Aufwand , und war eine galante Frau , mit einem armen zerrissenen Herzen . Man gewöhnt sich an alles , sie gewöhnte sich an den freien Umgang mit Männern , an ihren üblen Ruf und seine Folge , ihren üblen Beruf , sie hörte ihr Leben auf und fing eine Lebensart an . Sie war also keine exemplarische Frau , aber dennoch eine vortreffliche Mutter : ihr Sohn erhielt die schlichteste reinste Erziehung , von ihr getrennt ; jährlich sah sie ihn mehrmal , und wer sie in den Minuten gesehen hätte , wo sie ihn in den Armen hielt , er hätte ihre Lebensart eine Lügnerin gescholten . So lebte sie mehrere Jahre : ihr letzter Günstling war Carl von Felsen , ein Deutscher ; er brannte so heftig für sie , und die schönen Trümmer ihres ehemaligen Gemütes rührten ihn so tief , daß er sie verließ , ohne ihr zu sagen wie er meinen Vater aufsuche , um ihn zur Rechenschaft zu ziehen ; - er reiste ihm lange nach , denn er hatte keinen festen Aufenthalt mehr . - Molly konnte das plötzliche Verschwinden ihres Geliebten nicht begreifen , und es schmerzte sie um so mehr , da sie den Entschluß gefaßt hatte , sich mit ihm zu verbinden , und in ihm ihr unruhiges Leben zu lösen . Einige Monate nach seiner Entfernung besuchte sie ein Mann , den Felsen empfohlen hatte wie seinen einzigen Freund , dieser war niemand als Joseph , der aus Deutschland nun einige Monate weg war - . In dem Briefe , den er von Felsen mitbrachte , standen folgende Zeilen - » Geben Sie diesem Menschen Ihr ganzes Vertrauen ; ich hoffe , daß er vieles in Ihrem Herzen wieder erbauet , was ich nicht kenne , und doch vermisse , denn ich liebe Sie : aus seinen Händen empfange ich Sie gern , er soll unser Mittler werden . « Joseph konnte ihr nicht sagen , wo Felsen war , er hatte seinen Brief in London ohne Anzeige seines Aufenthalts erhalten - . Wie Joseph auf sie wirkte , wissen wir aus ihrem Briefe im ersten Bande dieses Romans , Seite 81 - . Sie ging als ein neues Wesen aus seiner Hand hervor , und war entschlossen , einstens in Deutschland zu leben , wo er sein werde . - Joseph reiste nun nach Amerika . Molly harrte und harrte auf Felsen , aber es sollte ihr nicht werden , sich ihm als ein ruhiges entschloßnes Weib zu geben . Felsen hatte meinen Vater gefunden , hart mit ihm gerechtet , und es kam zum Zweikampf : mein Vater wäre so gerne totgeschossen worden , aber er sollte seinen Gegner töten - . Molly erhielt diese Nachricht , ohne zu erschrecken ; sie sagte nur : » Warum mußte dieser sterben , und ich darf leben ? « - Denn sie hatte nur gehört , daß er getötet worden sei : da sie aber einen Brief von meinem Vater erhielt : » daß er ihren Geliebten erschlagen habe , und nun sehr gestraft sei für das , was er an ihr begangen habe « , wollte sie verzweifeln - . Mein Vater floh nun nach Deutschland : er hatte sich fest entschlossen , alles in sich zu verschließen , und ruhig ein neues einfaches Leben zu beginnen . Sie wissen , was er tat , aus Mariens Geschichte ; Sie müssen aber noch wissen , warum Joseph ausblieb . Er hatte einen Sturm erlitten , war lange verschlagen gewesen , und fing dann wieder an zu schreiben . - Diese Briefe hat mein Vater aufgefangen , und der Totenschein war falsch . - Als Joseph nach England kam , besuchte er Molly , er fand sie wieder auf ihrem Landhause , mit wenigen Freunden umgeben , und hörte Carl von Felsens Tod durch Godwis Hand . Mit Molly traf er die Verabredung , ihr aus Deutschland zu schreiben , ob und wo sie hinkommen solle - . Was er dort fand , wissen Sie . - Dreißigstes Kapitel Joseph war eine Zeitlang umhergeirrt , verband sich endlich mit der Tochter eines Amtmanns in einem kleinen Städtchen , arbeitete mit seinem Vater zugleich : da dieser und bald darauf sein Weib gestorben war , zog er auf den Berg , wo wir ihn unter dem Namen Werde Senne kennen gelernt haben . Godwi wendete sich hier lächelnd mit folgenden Worten zu mir : » Sie sind wunderbar mit dem guten Joseph im ersten Bande umgesprungen , Sie haben einen so geheimnisreichen Grabstein aus ihm verfertigt , daß kein Mensch raten sollte , wen er bedeckt , ebenso mit Otilien . « » Ich kann mich nicht entschuldigen , « erwiderte ich , » aber ich wollte , es reute mich nicht , und ich hätte meine Geschichte ausschreiben dürfen , ich wollte immer an einem Himmelfahrtstage einen sterben und am Allerseelen-Tage seine Nachkommen beten lassen , und alle hätte ich am Allerheiligen-Tage noch einmal im Himmel schlecht grouppiert - doch , Lieber - erzählen Sie fort , damit wir das Volk nach und nach vom Halse bekommen ; ich versichere Sie , es schleppt sich noch wie ein Leichenwagen , und ich glaube , ich werde ruhig sein , wenn die ganze Geschichte aus ist , fahren Sie fort . « - » Molly zog nun nach Deutschland in die Nähe von Josephs Aufenthalt , ihr Sohn blieb noch in England in einer Handlung . « Auf ihrem Wege begegnete ihr folgendes , was wieder einen Knoten in Ihrem ersten Bande löset . In einem Gasthofe hörte sie neben ihrer Stube sehr heftig weinen und klagen , es war eine Italiänerin . Molly ging zu ihr und bat sie , sich ihr zu vertrauen . Die Italiänerin erzählte ihr nun unter vielen Ausrufungen , daß sie von einem jungen Manne gegen den Willen seiner Eltern aus dem Kloster sei entführt worden , daß sie nun hier angekommen und ohne allen Unterhalt seien , sie sei hier in einem lutherischen Lande getraut worden , und fühle nun den ganzen Fluch ihrer Kirche : » Ach ! sagte sie , Madam , hätte ich nur mein Kind geboren , ich wollte gerne sterben . « - Molly versprach Hülfe , sie hörte , daß ihr Mann ein Maler sei , und verschaffte ihm Arbeit in der Stadt . Sie selbst verließ die junge Frau nie - und schwor ihr , für ihr Kind wie eine Mutter zu sorgen . Die Italiänerin brachte einen Sohn zur Welt , und starb . Der Mann kam in die Stube , sah sein totes Weib , verließ das Haus und war nicht mehr zu finden . - Das Kind erhielt den Namen Eusebio - und Molly nahm es als das ihre an . - Nachdem sie den kleinen Eusebio zwei Jahre erzogen hatte , und er immer sehr kränklich gewesen war , brachte sie ihn zu Joseph hinauf , damit ihm die freie Luft gedeihen möge . - Auch aus diesem Knaben haben Sie ein recht abenteuerliches Geschöpf zu machen gesucht , mein Freund ! « sagte Godwi hier zu mir . » Ich verdiene das alles , « erwiderte ich , » aber fahren Sie fort , jedes Wort der Geschichte langweilt mich so , daß es mir wirklich mehr Strafe ist , sie anzuhören , als alle mögliche Vorwürfe . « - » Sie werden einsehen , lieber Maria , « fuhr Godwi fort , » daß dieser Maler Franzesko Firmenti , und das junge Weib seine Cecilia ist , von denen Antonio Firmenti an meinen Vater schrieb . Seinen Brief haben Sie allein unverfälscht gelassen . Ich wende mich nun wieder etwas zu meinem Vater . Dieser hatte während dem , was ich Ihnen erzählte , sich hier in der nahgelegenen Stadt etabliert , und dieses Landhaus gekauft . Mariens Tod , Josephs Elend hatten einen mächtigen Riß in sein Leben gemacht , er ward sehr melancholisch und überließ sich der Reue in einem fürchterlichen Grade . Er floh mich , und ich verzweifelte in den Händen der Lehrer . Einen Freund hatte ich , der einige Jahre älter war ; er war als elternlos meinem Vater aus England geschickt worden , denn er hatte jemand gesucht , um mir einen Gesellschafter zu geben - . Dieses ist Römer , Mollys Sohn . Sie wußte es wohl , sie wollte Godwi zwingen , Vater zu sein , und hatte durch Römer einen Faden angelegt , sich wieder mit meinem Vater zusammenzuspinnen . - Ich führte ein trauriges Leben , bis mir endlich mein Vater erlaubte , zu reisen , er wünschte , ich möchte nach Italien gehn - ; aber Sie wissen , wie ich reiste , die Freiheit war so wunderbar , so süß , daß ich oft in einem Dorfe einen halben Tag zubrachte . Als ich nach B. kam , ward ich mit Molly bekannt , von deren Zusammenhang mit mir ich nichts wußte . Die Frau war noch sehr schön , und es hatte mich vorher noch kein Weib in die Arme gefaßt . Sie öffnete mir einen ganz neuen Sinn fürs Leben , ich habe von niemand mehr gelernt als von ihr . Sie ward sonderbar durch mich erregt , ihre Schwärmerei besiegte ihre Erfahrung , und sie beweist in ihrem Briefe an Joseph , den Sie im ersten Bande Seite 81 mit Ihren undeutlichen Kunststücken verdorben haben , daß keine sogenannte Besserung möglich sei , wenn man das als Sünde annimmt , was unmittelbar aus dem Zentrum unsers Daseins aufflammt . Sie war als ein sinnliches Weib erschaffen worden , und war so unschuldig geblieben , wie sie Gott erschaffen hatte , das heißt sinnlich ; und hatte ihr die Natur nicht einen Fingerzeig gegeben , sollte sie etwa begehrend und liebenswürdig geblieben sein länger als die meisten , um das Rettungsmittel der Moral anzuwenden , da sie nicht zu Grunde gegangen war ? « » Es klingt paradox , « sagte ich , » aber es ist doch wahr : wer zur Wollust geboren ist , und sie nicht übt , führt ein recht lasterhaftes Leben . Es ist nichts Unkeuscheres als ein recht sinnliches Mädchen , das keusch ist , und eine Violette , die sich bekehrt , verliert ihre Unschuld . Der Staat aber ist nur auf eine Gattung eingerichtet , und besteht aus sehr schlechten Menschen , weil ein Teil gut und der andere schlecht werden muß , um tugendhaft zu sein , wie es der Staat will - « . » Doch siegte das schlechte gute Prinzip in ihr , und sie schickte mich weiter . Wie ich zu Joduno und dann zu Otilien kam , wissen Sie . Es bleibt mir noch etwas zu lösen , es ist die Erscheinung der weißen Frau mit dem Kinde im Arm , die Sie im ersten Bande Seite 157 so unerklärt erscheinen lassen ; es ist niemand anders gewesen als die Engländerin , die ihren Pflegling Eusebio besucht hatte , ohne mir doch begegnen zu wollen . Sie trennte sich eben im Walde von ihm : als ich mit Otilien auf die kleine Wiese hervortrat , hielt sie ihn in den Armen , und was Sie , mein lieber Maria , zu den stillen Lichtern gemacht haben , ist nichts anders gewesen als eine kleine Handlaterne , mit der sie Eusebio zu ihrem Wagen zurückbegleitete - . « Einunddreißigstes Kapitel » Der Mann , welcher sich bei meinem Vater aufhielt , « fuhr Godwi fort , und von dem ich Ihnen schon gesagt habe , daß er Annonciatens Bild , wie auch das von Marien und Wallpurgis , malte , war Franzesko Firmenti , wie Sie wissen . Er war in London in einem Irrenhause von seiner Verrücktheit geheilt worden . Wie er hingekommen sei , wußte er nicht , und da er wiederhergestellt war , wollte er nach Deutschland , um eine gewisse Dame aufzusuchen , die , wie er sich erinnerte , an dem Todesbette seiner Frau gesessen habe ; - wie sie hieß , konnte er sich nicht entsinnen . An meinen Vater war er empfohlen worden , und arbeitete bei ihm , während dieser sich umsonst bemühte , jene Dame auszukundschaften . Ein glücklicher Zufall führte ihn endlich : er wollte , Franzesko sollte ihm Molly malen , nach einem kleinen Gemälde das er noch aus jener Zeit besaß . Franzesko erkannte Molly , und da ihm mein Vater ihren Namen sagte , so war er gewiß , daß sie seine Wohltäterin gewesen war . Er war nun nicht mehr zu halten , und reiste zu ihr hin . Sie freute sich innig , dem kleinen Eusebio seinen Vater wiedergeben zu können - und freuen Sie sich , lieber Maria , freuen Sie sich « , unterbrach sich Godwi . - Ich fragte ihn verwundert , warum ? » O es giebt nun bald einen herrlichen Zug , eine Völkerwanderung , die uns Luft machen wird ! Sie erzählten mir , wie Sie auf dem hohen Berge am Rhein auf einem Baume saßen , und den Zugvögeln glückliche Reise wünschten , solche Zugvögel werden gleich an uns vorüberziehen . Durch Franzesko kamen Molly und mein Vater wieder zusammen . - Sie können sich denken , wie ich überrascht ward auf meiner alten Burg , da mein Vater und Molly ankamen , ich kannte alle diese Verbindungen nicht - . Mein Vater reichte mir zuerst die Hand , da er hereintrat . » Ich hätte dich nirgend lieber gefunden als hier , « sagte er , » wo ich alles wiederfinde « , - dann wendete er sich zu Joseph mit folgenden Worten - » Joseph , ich bin zu alt , um vor dir niederzuknien , und dich um Verzeihung zu bitten , reiche mir deine Hand , meine kann nichts Böses mehr tun , und deine kann noch verzeihen , ich habe schwer gebüßt . « - Der alte Joseph stand ruhig auf , weinte , und umarmte ihn : » Wenn die Folgen sterben , « sprach er , » ist keine Ursache mehr . « Otilie stand ruhig neben mir , auch ich stand ruhig - . » Lieben sich unsre Kinder ? « sagte mein Vater zu Joseph . - Ich umarmte Otilien gerührt , und beide sagten wir ruhig : » Nein . « - Franzesko saß mit seinem Kinde im Arm stumm in einem Winkel . » Es fehlt noch einer , « sagte Molly zu meinem Vater , » dein Pflegesohn Römer , - wisse , er ist unser Kind ! Du hast einen guten Menschen aus ihm erzogen ; darum verzeihe ich dir so gern , daß du mich nicht mehr liebtest , als ich ihn gebar . « » Nun geht es zu Ende , « unterbrach sich Godwi freudig , » nun sind wir gleich auf dem hohen Baume am Rhein , und aller Druck stürzet hinab , wir werden gleich der ganzen fatal verwickelten Geschichte los sein , die Zugvögel regen schon ihre Schwingen - . « Ich erhielt von meinem Vater den Auftrag , nach F. zu reisen , Römern vorzubereiten , und ihn dann zurück zu seinen Eltern zu bringen . - Ich traf ihn aber schon unterweges , und zwar mit Joduno , es war in einem kleinen Wirtshause , nahe bei Eichenwehen . Wir umarmten uns herzlich , Joduno kam mir freundlich entgegen , und küßte mich ; sie sah sehr blaß aus , und ich fragte , ob sie krank gewesen sei . » Römer wird Ihnen alles erzählen « , sagte sie ; » und ich hörte nicht ohne Rührung von Römer , daß er in seinem letzten Briefe an mich nur zu wahr geweissagt hatte , denn er sagte mir : » Die Brünette ist gestorben , sie hat unsre Liebe gestiftet , meine und Jodunos Liebe , das war die letzte und schönste Tat ihres Lebens ; was sie am Allerseelen-Tage , da Joduno in F. ankam , gesagt hatte , als sie mit ihren Geschwistern vom Grabe ihrer Mutter zurückkam , ist wahr geworden . Es hat sie leise hinabgezogen , sie ist vorige Woche gestorben - « . Römer sagte mir noch , daß er Joduno nach Hause begleite , um ihrem Vater seine Liebe darzustellen , und dann hänge es von der Güte meines Vaters ab , ihn zu unterstützen , damit er sich irgendwo ehrenvoll niederlassen könne . - Hier sagte ich ihm nun , daß sein Vater und seine Mutter gefunden seien , und ihn auf der Burg erwarteten . Wir eilten dahin . - So wunderbar verbunden waren nie Menschen wie diese , aber ich fühlte , daß ich nicht zu ihnen gehörte . Mein Vater ging selbst nach Eichenwehen , um bei dem alten Edelmann die Tochter für Römer zu begehren , und sie ward ihm gegeben - . Römern aber übergab er seine Handlung , die dieser nach B. hinzog , damit Joduno näher bei ihrer Heimat sei - . Mir ward dieses Gut und ein beträchtliches Vermögen zuteil , und mit dem kleinen Eusebio an der Spitze zog nun der Zug nach Italien . An der Spitze flog Eusebio , hinter ihm Franzesko und Otilie , und hinter diesen mein Vater nebst dem alten Joseph , in ihrer Mitte aber Molly von Hodefield , so piramidalisch , wie die Störche fliegen - adieu - . « » Glückliche Reise , « sagte ich , » kommt um Gotteswillen nicht wieder - ! « » Nein , « sagte Godwi , » eine gute Partie ist davon gestorben . - Otilie lebt noch , sie hat sich Franzesko vermählt . « Nun sind wir mit dem verzweifelten zweiten Bande fertig - ich kniete mich vor meinen Freund , und bat ihn herzlich um Verzeihung . » Ich will es nicht wiedertun , « sagte ich . - » Eins noch habe ich vergessen , « hob er zu meinem Schrecken wieder an , » ich muß noch einiges erzählen , was ich auf meinem Gute fand . Ich reiste zurück frei und frank , und so gesund an Leib und Seele , wie ich es nimmer gehofft hatte . Da ich in dem Walde ankam , fand ich das neu angelegte Jägerhaus , und in ihm Kordelien : wie sie hierhin gekommen war , habe ich nie erfahren , sie rechtfertigte sich durch ein Legat von meinem Vater , das ihr hier freien Unterhalt bis zu ihrem Tode versicherte . - Auf dem Gute selbst brachte ich noch einige Zeit zu , und beschäftigte mich teils mit den Gemälden und Statuen , die seit meiner Abwesenheit entstanden waren , teils mit meinem Gemüte . Nachdem ich dann mit den Wiedertäufern meine Rechnungen abgeschlossen und das Gut völlig übernommen hatte , entschloß ich mich , an den Rhein zur Weinlese zu reisen . Nun sind wir eigentlich fertig . « - Hier nahm mich Godwi am Arme , wir gingen aus der Eremitage zurück , und fanden Habern schon beschäftigt , seine Rolle in Flamettens Lustspiel auswendig zu lernen . - Fragmentarische Fortsetzung dieses Romans während der letzten Krankheit des Verfassers , teils von ihm selbst , teils von seinem Freunde Georg , der Bediente Godwis , ist vorgestern gestorben . Als man ihn begrub , wo seine früher verstorbene Braut ruht , war es mir sehr traurig , ich konnte nur wünschen , auch da zu schlafen . - Warum man dieses wünschen kann , weiß kein Mensch . Meine Freunde sind wie Engel an meinem Lager , und sprechen mir freundlich Trost zu . Godwi hat mir heute manches von seiner Reise an den Rhein erzählt , was ich niedergeschrieben habe , so gut es meine Krankheit erlaubt . Godwi reiste mit frohem Mute nach dem Rhein , trank mit den fröhlichen Weinlesern , und küßte die schönen lustigen Mädchen , wenn er mit ihnen getanzt hatte . Es war ein herrliches Leben , eine einzelne Liebe war nicht möglich , der Mensch konnte sich nicht zum einzelnen Menschen neigen , es war alles wie in einer goldnen Zeit , man liebte alles und ward von allem geliebt . - Die Berge waren nicht zu hoch , und die Täler nicht zu tief , und der Rhein nicht zu breit , die Freude und Gesundheit ebnete und einigte alles zu einem mannichfaltigen Tummelplatze glücklicher Menschen . In einer Abtei , die er besuchte , fand er recht lustige Mönche , die ihn gern unter sich behalten hätten , denn er trank mit ihnen herzlich , und sang ihnen muntre italiänische Arien zur Orgel . Bald aber drängte sich ihm alles zusammen . Er ritt auf einem Streifzuge durch das freudige Land abends durch die Weinberge , rings schallten die Gesänge der zurückkehrenden Arbeiter , aus den Gärten brannten Feuerwerke in die Höhe , und jauchzende Stimmen tönten von allen Seiten . Alle Herzen waren erschlossen und hingegeben , aber er entbehrte doch einen Standpunkt , von dem er das alles hätte übersehen können . Er wünschte sich einen dunkeln vertraulichen Vorgrund zu dem freien hellen Gemälde , und eilte aus einem Zirkel in den andern . Wie konnte er ein solches Bedürfnis nur auch in andern voraussetzen unter diesen unbefangnen Menschen , die das Fest des fröhlichen Gottes versammelt hatte , sie lebten ja nur im Herbste , und waren zu dieser Freude aus dem ganzen Lande zusammen gezogen , und was wollte er dann , warum lachte und scherzte er , und ging dann finster weg , konnte er nicht genug haben , wo alle Überfluß fanden ? Das sind ganz öffentliche Fragen ; er aber sehnte sich nach Heimlichkeiten , er wünschte alle die Freude aus Liebchens Fenster zu sehen , und still vor sich hinzudenken : mein Herbst klingt nicht , und singt nicht , aber ich gebe ihn nicht um den eurigen . Er hätte zwar sehr leicht ein Liebchen finden können , aber er wollte kein sehr leichtes , und hätte er sich Mühe gegeben , er wäre auch zu gediegneren Verbindungen gelangt , aber er fürchtete die Dauer . Genießen wollte er , und wie gern war es ihm zu verzeihen , der so lange in traurigen Familien-Geschichten verstrickt war . Mit Bequemlichkeit wollte er genießen , das Leben oben auf dem Berge hatte ihn mit Bedürfnissen bereichert . Otilien und den Greis und Kordelien , und Gott weiß , wie die verschrobenen edlen Seelen alle hießen , vergaß er gleich bei dem zweiten Becher Wein , bei dem dritten schwor er , nie ihre Gesundheit zu trinken , und dem vierten , sich selbst zu bewegen , und nun einmal ohne alle Barmherzigkeit zu leben . Da er so abends am Rheine hinabritt , gesellte sich noch ein Reiter zu ihm . Es dämmerte schon , er konnte ihn nicht erkennen ; doch bemerkte er an dem Tone , mit dem er ihn grüßte , daß es ein sehr junger Mensch sein müsse . Man fragte sich , wo der Weg hingehe , Godwi sagte recht aufrichtig : » Mein Weg geht schnurstracks irgend wohin , wo ich Vergnügen zu finden denke . « - » Vergnügen ? Was nennen Sie so , wollen Sie etwa auf dem nächsten Dorfe mit ein paar Bäschen irgend eines Weinhändlers Lotto spielen , oder sich von einem konservierten Mainzer Offizianten alle Weinjahre herzählen lassen ? - oder « - » Nein , ich bitte Sie , zum Ekel , das habe ich genug ! Aber ich reite immerzu , und käme ich nach Holland , ich suche , was ich eben nicht aussprechen kann , ich weiß nicht , ob es links oder rechts liegt , ich suche ein Verhältnis . « - » Ein Verhältnis ? « » Nun ja , ich möchte gern lieben , und geliebt werden , und ohne Not und Angst , ohne Sorgen und Mühe , denn ich fürchte mich vor nichts mehr als der Zärtlichkeit , einen geschwornern Feind von der sentimentalen Welt können Sie sich nicht denken : ich habe heute abend einige rührende Gedanken bemerkt , die mir aus dem Herzen heraufkletterten , wenn die meiner nicht gedenken , so weiß ich nicht , ich habe ihnen gleich eine solche Quantität Wein entgegengeschickt , daß ihnen Hören und Sehen verging , und sie Kopf über hinabstürzten . « - » Sie scheinen noch recht begeistert von Ihrem Siege , und verdienen einen Lorbeerkranz , - reiten Sie mit mir links , ich will Sie in eine Gesellschaft bringen , wo Sie sicher alles finden werden , was man von Weibern verlangen kann . « - » Ich reite mit . « - Nun wendete der Begleiter sein Rößlein feldeinwärts , den Berg hinan , und sang mit einer hübschen Stimme dieses Volkslied . - Ein Ritter an dem Rheine ritt In dunkler Nacht dahin , Ein Ritterlein , das reitet mit Und fragt : Wohin dein Sinn ? Mein Sinn , der steht nach Minnen , Ich hab mich rum geschlagen , Und konnt doch nichts gewinnen , Und mußt das Leben wagen . Ei , hast du nicht die Ehr davon ? Die Ehr ist hohes Gut - Ich hätt die liebe Zeit davon , Die Ehr ist mir kein Gut . - Mein Blut ist hingeflossen Rot zu der Erde nieder , So warm ich es vergossen , Giebt mirs die Ehr nicht wieder . Da sprach das kleine Ritterlein : Daß Gott sich dein erbarm ! Du mußt ein schlechter Ritter sein , Weil deine Ehr so arm . - Ich will nun mit dir rechten , Weil du nicht ehrst die Ehre ; Mein Ehr will ich verfechten , Setz deine nur zur Wehre . Des Ritters Unwill war sehr groß , Drum er vom Rosse sprang , Auch machet sich der Kleine los Und sich zur Erde schwang . - Da fühlt sich der Geselle Von hinten fest umwinden . Es ist die Nacht nicht helle , Sie streiten wie die Blinden . Und sinken beide in den Klee - Ei sprich ! wer hat gesiegt ! Der Ritter ohne Ach und Weh - Bei einer Jungfrau liegt . Ei hast du nicht die Ehr davon ? Die Ehr ist hohes Gut - Ich hätt die liebe Zeit davon , Die Ehr ist mir kein Gut . - Godwi erfreute sich an dem muntern Liede seines Gesellschafters , und folgte ihm recht guten Mutes , und mit dunklen Hoffnungen . An dem halben Berge lag ein altes Schloß , das noch bewohnt war , obschon es nicht ganz so aussah , denn es waren keine Lichter in den Fenstern , die Tore standen weit auf , und im Hofe regte sich weder Hund noch Mensch . » Steiget ab , mein Freund , und laßt Euer Pferd nur laufen , « sagte der kleine Geselle , herunterspringend . Godwi war es manchmal zu Mute , als wäre der kleine Mann ein Gespenst aus alter Zeit , denn er hatte einen Federhut auf , und war in einen Mantel gehüllt . - » Aber wird mein Pferd nicht fortlaufen , wenn es kein Diener anhält - die Tore stehen ja sperreweit offen - mein Freund . « Der kleine Reiter aber machte nicht viel Komplimente faßte Godwi beim Arm , zog ihn die Treppen hinauf , und lachte , wenn er anstieß . Oben sagte er : » Nun legt Euren Mantel ab , nehmt den Hut in die Hand - wir sind an der Türe , gleich werden wir in der Gesellschaft sein . « - Godwi tat , wie er ihm sagte , der Kleine machte die Türe auf , stieß ihn in die dunkle Stube , in der er in seinem Leben nicht gewesen war , und schloß die Tür ab . Vor der Türe sang er lautlachend , indem er wegging : Es ist die Nacht nicht helle - Sie streiten wie die Blinden - , Da fühlt sich der Geselle Von hinten fest umwinden . Zweiunddreißigstes Kapitel Godwi stand nun in der Mitte der Stube , und wußte nicht , wie ihm geschehen , er sah gar kein Licht , die Fenster schienen verschlossen zu sein . Um sich nur ein wenig zu orientieren , tappte er an den