, emporblühen sehe . Weil ich hier sehr vieles finde , das meinem Reiseplan zufolge meine ganze Aufmerksamkeit verdient , so gedenke ich bis zu Anfang des Thargelions26 hier zu verweilen , und hoffe , da der Verkehr zwischen Cyrene und Rhodus27 jetzt lebhafter als jemals ist , binnen dieser Zeit mehr als einmal gute Nachrichten von euch zu erhalten . 9. Lais an Aristipp . Du , der so vielerlei weiß und Neugier für alles hat , solltest du nicht etwa ein Mittel für die Art von Langweile wissen , welche ( wie mir ein Sohn des Hippokrates sagt ) aus allzugroßem Ueberfluß an Kurzweil ' entspringen soll ? Du hast dich vor einiger Zeit nach meinem Wohlbefinden erkundiget . O mein Freund , ich bin so glücklich , so entsetzlich glücklich , daß ich es vor lauter Glückseligkeit nicht lange mehr ausdauern werde . Gnade mir Adrasteia ! Sagt man nicht , es gebe Leute , die sich weit leichter in großes Unglück als in großes Glück zu finden wissen ? Ich muß wohl eine von diesen widersinnischen Personen seyn . Dieser Arasambes , zum Beispiel , ist unläugbar viel zu vornehm , zu reich , zu schön , zu gefällig , zu aufmerksam und zu dienstfertig für deine arme Lais ; und woher , um aller Grazien willen , sollte sie die ungeheure Menge von Liebe nehmen , die sie nöthig hätte um die seinige zu erwiedern ? Ich merke wohl , daß er mir mit guter Art zu verstehen geben will , ich brauche es nur zu machen wie er : als da ist , mir beinahe die Augen aus dem Kopfe zu gucken , um in den seinigen zu erspähen , was er vielleicht morgen wünschen werde ; oder , wenn ich irgend eine leichte Spur vom Schatten eines Wölkchens auf seiner breiten Stirn gewahr werde , gleich in eine tödtliche Unruhe zu fallen , und Himmel und Erde in Bewegung zu setzen , um die Ursache des großen Unglücks zu entdecken , und das Mittel dagegen auf der Stelle herbeizuschaffen . Ich übertreibe nichts , Aristipp ; dieß ist seine Manier zu lieben , und es liegt nicht an ihm , wenn ich nicht das glücklichste Wesen unter der Sonne bin , so unbeschreiblich beschwerlich und ängstlich ist seine Aufmerksamkeit und sein Verlangen , mich zur seligsten aller Sterblichen zu machen . Denn wie sollt ' er je zu viel für diejenige thun können , die ihn schon durch ein zufriednes Lächeln , schon durch einen Blick , der ihm sagt , daß sie seine Aufmerksamkeit bemerkt , mitten unter die Götter versetzen kann ? Du erinnerst dich vielleicht noch , daß mir anfangs ein wenig bange war , er möchte wohl einige Anlage zur Eifersucht haben ; aber von der Art Eifersucht , womit der arme Mensch geplagt ist , ließ ich mir wenig träumen . Er ist nicht etwa darüber eifersüchtig , daß ich nicht zärtlich genug gegen ihn bin , oder vielleicht einen andern lieber haben könnte als ihn : er ist es über sich selbst , weil er immer zu wenig zu thun glaubt , und immer einen Arasambes im Kopfe stecken hat , der noch viel mehr thun möchte und könnte . Auch geht sein Eifer mir gefällig zu seyn , und mir keinen möglichen Wunsch übrig zu lassen , bis zum Unglaublichen . Hat er nicht neulich zwanzig schöne Hyrkanische Pferde zu Tode reiten lassen , um einen gewissen Fisch , mit einem barbarischen Namen den ich wieder vergessen habe , herbeizuschaffen , von welchem jemand über der Tafel erzählt hatte , er habe wechselsweise gold- und purpurfarbne Schuppen , und würde nirgends als im Ausfluß des Phasis gefangen ? Ich Unglückliche lasse mir in der Unschuld meines Herzens das Wort entfahren ; diese Fische müßten in einem Gartenteiche nicht übel aussehen . Augenblicklich springt mein Arasambes auf , ist wie ein Blitz aus dem Saal verschwunden , und in weniger als einer halben Stunde höre ich das Trampeln einer ganzen Schwadron Reiter , die den Befehl haben , Tag und Nacht zu rennen , um etliche Fäßchen voll dieser Fische , sie möchten kosten was sie wollten , vom östlichen Ende des Euxins herbeizuholen . Du kannst nicht glauben , wie ich mich in Acht nehmen muß , daß solche Dinge nicht alle Tage begegnen . Und nun vollends den Zwang , den ich mir anthun muß , wenn ich nicht in meinen eignen Augen die undankbarste Person von der Welt scheinen will , ihm über dergleichen ausschweifende Beweise seiner sublimen Leidenschaft eine Freude zu zeigen , die ich nicht fühle ! Ich sage dir , wenn das noch lange so währen sollte , ich behielte keinen ehrlichen Blutstropfen im Leibe ! O mein Aristipp ! was für glückliche Zeiten waren das , wo wir in der Rosenlaube zu Aegina , dem Altar der Freundschaft gegenüber , beisammen saßen , und mit freier unbefangener Seele über tausend Dinge philosophirten , die uns im Grunde wenig kümmerten , und wenn uns nichts mehr einfallen wollte , die Lücke mit Scherzen und Tändeln ausfüllten , und ohne uns das Wie ? und Warum ? und Wie viel oder Wie wenig ? anfechten zu lassen , einander gerade so glücklich machten , als jedes zu seyn wünschte und fähig war ! - Welch eine große Wahrheit sagt Sophokles in seiner Antigone : » Wär ' auch dein ganzes Haus mit Reichthum angefüllt , Und lebtest du in königlichem Prunke , Fehlt Frohsinn dir dabei , so gäb ' ich nicht Den Schatten eines Rauchs um alles das ! « Wahr ! wahr ! Und wußt ' ich es nicht vorher ? Wozu hatte ich nöthig , mich durch eigene Erfahrung davon zu versichern ? - Freilich , ich war eine Thörin ! Aber die kürzesten Thorheiten sind die besten . Muthe mir also nicht zu , daß ich es hier länger aushalte . Nein , Trauter ! meine Entschließung ist genommen , und daß ich nicht gleich auf der Stelle davon laufe , hängt bloß an einer einzigen Schwierigkeit . Du weißt , ich mag alles gern mit guter Art thun . Arasambes hat nichts als Gutes um mich verdient . Er selbst muß unsre Trennung wünschen , muß mir noch Dank dafür wissen , wenn ich meiner Wege gehe . Dieß auf eine feine und ungezwungene Art herbeizuführen , ist , so wie die Sachen jetzt stehen , keine leichte Aufgabe . Ich habe zwar ein ganz artiges Plänchen in meinem Kopfe ; nur das Mittel zur Ausführung liegt noch im Schooße der Götter . Aber , wie gesagt , meine Geduld reicht nicht mehr weit ; und wenn der Zufall , der bei allen menschlichen Dingen doch immer das Beste thun muß , sich meiner nicht bald annimmt , so stehe ich dir nicht dafür , daß ich nicht , in einem Anstoß von guter Laune , dem edeln Arasambes den Antrag mache , nach Leukadia28 mit mir zu reisen , und Hand in Hand den berüchtigten Sprung mit mir zu wagen , der uns beide , ihn von seiner nie befriedigten Liebe , mich von der Last sie zu dulden und nicht erwiedern zu können , auf Einmal befreien würde . 10. Aristipp an Lais . Du wärest wahrscheinlich die erste , schöne Lais , die den Sprung von Leukadia thäte , um eine Glückseligkeit los zu werden , wegen welcher du von allen Schönen Griechenlands beneidet wirst . Hoffentlich soll es dazu nicht kommen , wenn anders die Leidenschaft des königlichen Arasambes nicht von einer so unzerstörbaren Natur ist , daß alle Mittel sich hassen zu machen , die ein reizendes Weib in ihrer Gewalt hat , an ihm verloren gehen sollten . Du würdest mich billig auslachen , wenn ich mir herausnähme , den Delphin ( wie das Sprüchwort sagt ) schwimmen zu lehren , und dir einige dieser Mittel vorzuschlagen , die ich für unfehlbar halte ! Ich sehe wohl , es liegt nicht daran , daß du sie nicht kennen solltest , du kannst dich nur nicht entschließen Gebrauch davon zu machen ; und freilich wär ' es eine seltsame Zumuthung , von dir zu verlangen , daß du weniger liebenswürdig seyn solltest , weil ein anderer das Unglück hat , dir mit seiner Liebe beschwerlich zu seyn . Doch getrost , meine Freundin , ich sehe das Ende deiner unerhörten Leiden schneller , als du hoffest , heran rücken . Wäre die Schwärmerei , womit der arme Arasambes behaftet ist , wechselseitig gewesen , so würde sie sich wie alles Uebermäßige , schon lang ' erschöpft haben . Bloß der Umstand , daß ihm immer noch so viel zu wünschen übrig bleibt , und daß du ihn immer ahnen lässest , du hättest noch weit mehr zu geben , ist die Ursache , daß seine Leidenschaft gerade durch das , was andre Liebhaber gewöhnlich abkühlt , immer heißer werden muß . So lang ' er noch hoffen kann , dich endlich eben so warm zu machen als er selbst ist , verdoppelt er seine Bemühungen ; wenn er aber alles versucht hat ohne seinem Ziele näher gekommen zu seyn , was bleibt ihm übrig ? Er muß und wird endlich , vielleicht ohne sich ' s gestehen zu wollen , ermüden . Du wirst immer zerstreuter und kaltsinniger , er , dem deine leisesten Bewegungen nicht entgehen , immer unruhiger und mißmuthiger werden . Er wird es unnatürlich finden , daß so unendlich viel Liebe dich nicht endlich überwältigen könne , und wird nicht aufhören , die Ursache davon ergründen zu wollen . Unvermerkt wird eine Eifersucht sich seiner bemächtigen , die desto peinlicher für ihn seyn wird , da sie keinen Gegenstand hat , und du selbst , deiner vorsetzlichen Langweiligkeit unbeschadet , immer eine heitre Stirne zeigst , alles vermeidest , was Verdacht in ihm erregen könnte , und alles thust , was dein Verlangen ihm gefällig zu seyn beweisen kann . Du tanzest so oft und so lang ' er will ; singst , sobald er es zu wünschen scheint , ohne dich einen Augenblick bitten zu lassen ; kleidest und putzest dich immer nach seinem Geschmack , und bedankst dich für einen Phönix29 , den er mit schweren Kosten aus Panchaia für dich kommen läßt , eben so artig als für einen Blumenstrauß aus seinen Gärten ; kurz , du thust alles , was ein Mann nach einer zwanzigjährigen Ehe von der gutartigsten Hausfrau nur immer erwarten kann . Wenn er diese Diät länger als sechs Wochen aushält , so nenne mich den unwissendsten aller Menschen ! Nun versuch ' es , und sag ' ihm , in einer Stunde , wo du seine feurigsten Liebkosungen mit der matronenhaftesten Würde und Ruhe geduldest hast : » wie zärtlich auch die Sympathie zwischen zwei Liebenden seyn möge so sey es doch wohl gethan , sich von Zeit zu Zeit einer kleinen Trennung zu unterwerfen ; « bitte um seine Einwilligung zu einer Luftveränderung in Aegina , und rathe ihm auf etliche Monate nach Susa oder Ekbatana zu gehen ; du wirst sehen , daß er sich mit der besten Art von der Welt dazu bequemen wird . Mein Dämonion müßte mich zum erstenmale betrügen , Laiska , wenn dieß nicht das unfehlbarste Mittel ist , uns binnen zwei Monaten in deiner Rosenlaube zu Aegina , unter den Augen der freundlichen Grazien - wieder zu sehen ! 11. Lais an Aristipp . Im Vertrauen zu dir gesagt , Aristipp - mir steigt zuweilen ein kleiner Zweifel auf , ob ich nicht eine sehr unartige verkehrte Person und eine Thörin obendrein sey , daß ich es ordentlich drauf anlege und mir alle mögliche Mühe gebe , einen Liebhaber los zu werden , welchen mit Vulcanischen Fesseln zu umwinden und fest zu halten , jede andere an meiner Stelle zum einzigen Ziel aller ihrer Gedanken und Bestrebungen machen würde . Du siehest hieraus , daß ich noch nicht ganz mit mir selbst einverstanden bin ; vielmehr muß ich besorgen , daß Arasambes noch einen geheimen Anhang in meinem Herzen hat , der vielleicht nur desto gefährlicher ist , weil er sein Wesen im Verborgenen treibt . Woran hange ich denn hier noch ? Des hofmäßigen Prunks und Pomps , der Sardanapalischen Tafeln30 , des lästigen Gewimmels von Eunuchen und Sklavinnen , bin ich überdrüssig , und die ewigen Feste in morgenländischem Geschmack machen mir lange Weile . Es ist wahr , eine Zeit lang fand ich Vergnügen daran , mich selbst mit Erfindung und Anordnung einer Menge mannichfaltiger , hier nie gesehener Ergötzungen für Aug ' und Ohr zu beschäftigen . Die geschicktesten Baumeister , Bildhauer und Maler Ioniens , die berühmtesten Tonkünstler , Schauspieler , Tänzer und Tänzerinnen wurden angestellt , die Kinder meiner üppigen Phantasie zur Welt zu bringen . Aber auch diese Quelle ist vertrocknet . Kurz , ich habe nur noch ein einziges Gefühl , das lebhaft genug ist mich zu überzeugen , daß ich nicht schon unter den Schatten im Hades herum gleite , und das ist - die Ungeduld , die mich zuweilen anwandelt , mich auf meinen Thracischen Goldfuchs , einen unmittelbaren Sohn des Aeolus , zu schwingen und ohne Abschied davon zu rennen . Stände mir , wie der glücklichen Medea , auf den ersten Wink ein Drachenwagen zu Dienste , so wäre ich in diesem Augenblick - bei dir zu Rhodus , wofern ich anders nicht besorgen müßte , dich ein wenig übermüthiger zu machen , als einem Sokratischen Philosophen geziemen will . Da dieß nicht angeht , so habe ich mich endlich doch , gern oder ungern , zu dem Mittel herablassen müssen , das du mir vorgeschlagen hast - weil du nicht zu fühlen scheinst wie unwürdig es meiner ist . Dafür muß ich dir aber auch zum Troste sagen , es schlägt trefflich an , und könnt ' ich es nur über mein Herz bringen damit fortzufahren , so glaube ich beinahe selbst , es würde alles wirken , was du dir davon versprichst . Aber ich gestehe dir meine Schwachheit , wenn es ihm ( was ich jetzt selten begegnen lasse ) endlich einmal gelungen ist , mich auf meinem Sopha allein zu finden , und ich ihm , in Antwort auf die zärtlichsten Dinge , die er mir mit allem Feuer der ersten unbefriedigten Leidenschaft sagt , deiner Vorschrift zufolge , mit der matronenhaftesten Kälte so holdselig als möglich ins Gesicht gegähnt habe , und der arme Mensch , vor Erstaunen über die Schönheit meiner zweiunddreißig Perlenzähne , mitten in einer zärtlichen Phrase stecken bleibt und den trostlosesten Blick auf meine ruhigen spiegelhellen Augen heftet , - da kommt mich ein solches Mitleiden mit ihm an , daß es mir unmöglich ist meine Hausfrauenrolle fortzuspielen ; und ich schäme mich dir zu sagen , schon mehr als einmal hat sich eine solche Scene so geendigt , daß ich vorhersehe , dein Mittel würde mich , wenn ich es fortbrauchen wollte , mehr zurück als vorwärts bringen . Glücklicherweise hat sich eine Göttin meiner angenommen , deren besondere Gunst ich in meinem Leben schon oft genug erfahren habe , um es meine erste Sorge seyn zu lassen , wenn ich nach Aegina zurückkomme , ihr einen kleinen Tempel vom schönsten Lakonischen Marmor zu erbauen . Dieser Tage läßt sich ein Cilicischer Sklavenhändler bei mir melden , und bietet mir eine junge Sklavin aus Kolchis an , die ( wie er sich sehr höflich ausdrückte ) wofern Lais unter die Sterblichen gerechnet werde , an Schönheit die zweite in der Welt sey . In der That überraschte mich ihre Gestalt , als sie aus dem dreifachen Schleier , der sie allen profanen Augen unsichtbar gemacht hatte , wie der Vollmond aus einem Gewölbe hervor trat , und in dem zierlichen Anzuge einer jungen Korbträgerin31 der Athene oder Demeter32 vor mir stand . Schwerlich hast du jemals so große , so schwarze und so blitzende Augen gesehen , von schönerm Ausschnitt , und die das Hygron , das die Dichter und Maler der Aphrodite geben , in einem so hohen Grade gehabt hätten , noch Lippen , die so unwiderstehlich zum Kuß herausfordern , wie Anakreon sagt ! Ich nahm sie sogleich ins Bad mit mir , und ich könnte dir über das Erstaunen , womit wir einander beide ansahen , sonderbare Dinge erzählen , wenn sie nicht unter die unaussprechlichen gehörten . Laß dir genug seyn , Aristipp , daß ich gewiß bin , durch den glücklichsten Zufall gefunden zu haben , was ich lange vergebens hätte suchen können , und daß Arasambes diesem Iynx nicht widerstehen wird . Kurz und gut , ich habe mir mit tausend blanken Dariken eine Nebenbuhlerin erkauft , die mir in kurzem die Wonne verschaffen soll , mein geliebtes Griechenland wieder zu sehen , und die herzerquickende Luft der Freiheit wieder zu athmen , außer welcher ich nicht gedeihen kann . Das Mädchen scheint nicht über sechzehn Jahre alt , ist eine Griechin von Geburt und absichtlich für das Gynäceum irgend eines Persischen Satrapen erzogen ; denn sie singt und spielt verschiedene Instrumente sehr gut , tanzt wie eine Nymphe , und weiß ihre großen funkelnden Augen meisterlich zu regieren . Das ist aber auch alles . Indessen fehlt es ihr nicht an Anlage ; sie besitzt ein treffliches - Gedächtniß , und wenn sie noch etliche Duzend Lieder von Anakreon und Sappho und Korinna auswendig gelernt und einige Wochen mit meinen Grazien gelebt hat , soll sie es mit allen Timandren und Theodoten zu Athen aufnehmen können . 12. Lais an Aristipp . Mein Anschlag ist gelungen . Arasambes läßt sich gefallen - Aber ich eile vor lauter Freude mir selbst zuvor , und sage dir zuerst , was ich zuletzt sagen sollte . Die Sache verdient mit Herodotischer Umständlichkeit erzählt zu werden . Die schöne Perisäne ( so nennt sich meine künftige Stellvertreterin ) befand sich kaum ein paar Tage im Innern meines Gynäceums , als schon im ganzen Palaste von nichts als der Schönheit der neu gekauften Sklavin die Rede war . Viele hatten sie im Vorbeigehen gesehen , nur Arasambes konnte nicht zu diesem Glücke gelangen ; denn in denjenigen von meinen Zimmern , in welche er zu allen Zeiten einzugehen die Freiheit hat , war sie nie zum Vorschein gekommen , und er fand mich beim Morgenbesuch immer von meinen gewöhnlichen Aufwärterinnen umgeben . Nach einigen Tagen merkte ich , daß er so aussah , als suchte er etwas bei mir , das sich nicht finden lassen wollte ; aber ich that als ob ich nichts sähe , und der arme Mensch mußte sein Anliegen endlich gern oder ungern zur Sprache bringen . - » Ich höre , liebe Lais , du hast eine sehr schöne Sklavin gekauft . « - Eine Sklavin ? sagte ich , als ob ich mich nicht gleich besinnen könne . - » Eine junge Griechin aus Kolchis « - Ach ! diese ? Eine Griechin darf keine Sklavin seyn , Arasambes ; ich habe sie bereits frei gelassen , und behalte sie nur so lange bei mir , als es ihr selbst bei mir gefällt . - » Ist sie wirklich so schön als man sagt ? « Sie ist nicht übel ; ein paar Medeenaugen , und die Stimme einer Sirene . - » Es ist wenigstens etwas Neues . Könnte man sie nicht einmal zu hören bekommen ? « - Sehr gern , zu hören und zu sehen , lieber Arasambes ; ich denke nicht daß sie dir sehr gefährlich seyn wird . - Du stellst dir vor , Aristipp , daß er mir etwas sehr Artiges erwiederte , und ich versprach ihm mit der zutraulichsten Miene , gleich diesen Abend eine Musik in meinem Saale zu veranstalten , wobei sich die kleine Perisäne hören lassen sollte . Alles ging nach Wunsche . Die Kolcherin erschien in einem zierlich einfachen Putz , eher zu viel als zu wenig eingewindelt , doch so , daß von der Eleganz ihrer Formen , wenigstens für die Einbildung wenig verloren ging . Sie schlug ihre großen Augen jungfräulich nieder , erröthete , und spielte die Verlegenheit , die ihrem Stand und Alter ziemt , mit vieler Natur . Schon hatte sie ein paar Lieder von Anakreon gesungen , und auf etlichen Instrumenten mit eben so viel Anstand als Fertigkeit geklimpert , ohne daß sie mehr als zwei-oder dreimal einen schüchternen Versuch machte , die Augen halb aufzuschlagen , und unter den langen schwarzen Wimpern hervorzublinzen . Aber endlich wagte sie es , mitten in der feurigsten Stelle einer Sapphischen Ode ihren schönen Kopf zu erheben , und , nachdem sie die weit offnen Augen eine kleine Weile Blitz auf Blitz hatte herum schießen lassen , heftete sie einen so seelenvollen durchdringenden Blick auf Arasambes , daß er von Marmor hätte seyn müssen , wenn dieser Blick nicht , wie der schärfste Pfeil von Amors Bogen , in seiner Leber stecken geblieben wäre . Zwar wäre es jedem andern , als mir , kaum möglich gewesen , eine Veränderung an ihm wahrzunehmen , so gut weiß er ( wie alle Perser von Stande ) in Gegenwart anderer Personen das Aeußerliche einer vornehmen Unempfindlichkeit zu behaupten . Aber ich war ihm zu nahe und beobachtete ihn zu scharf , um mich durch den kalten einsylbigen Beifall , den er der schönen Sängerin ertheilte , und am wenigsten durch die ungewöhnliche Lustigkeit , die er nach Endigung der Musik den ganzen Abend über heuchelte , irre machen zu lassen . Am folgenden Tage war keine Rede mehr von der Kolcherin ; auch am zweiten und dritten nicht . Arasambes kam alle Augenblicke auf mein Zimmer , bald zu sehen wie ich mich befinde , bald mir einen Blumenstrauß zu bringen , bald mich über etwas um Rath zu fragen , bald etwas zu holen , das er hatte liegen lassen . Eine seltsame Lebhaftigkeit trieb ihn von einem Ort zum andern ; er war zerstreut , hatte immer etwas zu fragen , und hörte selten was ihm geantwortet wurde . Am vierten Tage fing diese Unruhe an , uns beiden peinlich zu werden . Es war hohe Zeit , alles mit guter Art so einzurichten , daß er den berühmten Tonkünstler Timotheus ( den ich vor einiger Zeit von Milet nach Sardes hatte kommen lassen ) in meinem Zimmer antraf , beschäftigt die junge Perisäne einen neuen Dithyramben von seiner Composition singen zu lehren . Der Meister wollte sich zurückziehen , als Arasambes herein trat ; aber ich winkte ihm zu bleiben . Es ist dir doch nicht entgegen , sagte ich zu Arasambes , daß Timotheus in seiner Lection fortfahre ? Der Mensch hatte die größte Mühe , seine Freude hinter ein kaltes ganz und gar nicht zu verbergen . Unvermerkt klärte sich sein ganzes Wesen wieder auf ; er setzte sich der Musik gegenüber auf den Sofa , sprach mit dem Meister , ohne ein Auge von der Schülerin zu verwenden , und bat ihn , den Gesang erst selbst vorzutragen , um aus der Art , wie Perisäne sich aus der Sache ziehen würde , desto besser von ihrem Sinn für die Musenkunst urtheilen zu können . Ich machte mir indessen in einem anstoßenden Cabinette zu thun , und bemerkte wie die Kolcherin , während daß Timotheus sang , ihre funkelnden Zauberaugen weidlich auf meinen Adonis arbeiten ließ , der sich vermuthlich der Gelegenheit , nicht von mir gesehen werden zu können , mit eben so wenig Zurückhaltung bediente . Das geheime Verständniß zwischen ihnen war nun angesponnen . Ich beschenkte Perisänen , um ihr meine Zufriedenheit zu zeigen , mit einem zierlichen Morgenanzug von der feinsten Art von Zeugen , welche die Persischen Kaufleute aus Indien holen . Arasambes fand sie am folgenden Morgen in diesem Anzuge bei meinem Putztische , und ich begegnete ihr vor seinen Augen mit einer so ausgezeichneten Vertraulichkeit , daß er sich schmeicheln konnte , ich würde alles , was er für meinen neuen Günstling thäte , so aufnehmen als ob er bloß mir seine Aufmerksamkeit dadurch beweisen wolle . Arasambes biß getrost an die Angel . Seine Leidenschaft wuchs nun mit jedem Tage schneller , und man murmelte schon im ganzen Palast davon , bevor er selbst vielleicht wußte , wie weit sie ihn führen könnte . Aber wer bei allem diesem mit gänzlicher Blindheit geschlagen zu seyn schien , war deine Freundin Lais . Sie allein merkte nichts davon , daß sie sich thörichter Weise mit schwerem Gelde eine gefährliche Nebenbuhlerin erkauft habe ; ahnete so wenig davon , daß sie ihren Fall noch sogar beschleunigte , indem sie dem zärtlichen Perser , nach einem paar schwerfälligen Stunden , die er mit ihr zuzubringen genöthiget war , den Vorschlag that , den ihr der weise Aristipp unter den Fuß gegeben hatte . Arasambes machte , wie billig , einige Schwierigkeiten , mußte sich aber , da er keinen Begriff davon hatte , wie man ihr etwas abschlagen könnte , endlich doch ergeben ; zumal wie er hörte , daß sie ihre geliebte Perisäne zum Unterpfand ihrer Wiederkunft zurücklassen wolle , wofern sie sich versprechen dürfe , daß er das gute Kind in seinen Schutz nehmen werde ; eine Bedingung , die er ihr in den gefälligsten Ausdrücken von der Welt zugestand . Nicht wahr , Aristipp , das nennt man doch eine Sache mit guter Art machen ? So zart und schonend pflegen Liebende bei euch Griechen einander nicht zu behandeln ! Meine Abreise von Sardes nach Milet wird nicht länger aufgeschoben werden als die nöthigen Zurüstungen erfordern . Arasambes hat mir zu diesem Ende zehntausend Dariken , theils in Golde , theils in Anweisungen auf bekannte Häuser in Milet zustellen lassen - ein Reisegeld , das vielleicht den Argwohn bei dir erregen wird , als ob er nicht sehr auf meine Zurückkunft rechne . Bevor ich schließe , muß ich dir doch noch ein Bekenntniß thun , wiewohl ich vielleicht dadurch Gefahr laufe , etwas von deiner guten Meinung zu verlieren . Aber ich will nicht , daß du mich für etwas anderes haltest als ich bin . So höre denn an und denke davon was du kannst . Ob ich gleich die Schlinge , worin der gute Arasambes sich verfing , selbst gestrickt und gelegt hatte , so konnte sich doch mein Stolz mit dem Gedanken nicht vertragen , daß es ihm so leicht werden sollte sich von mir zu trennen . Ich beschloß also mich selbst dem Vergnügen einer kleinen Rache aufzuopfern , und den letzten Tag vor meiner Abreise zum glücklichsten unter allen zu machen , die er mit mir gelebt hatte . Es ist unnöthig dir mehr davon zu sagen , als daß Arasambes vor diesem Tage keinen Begriff davon gehabt hatte , wie liebenswürdig deine Freundin seyn könne , wenn sie Aphroditen ihren Gürtel abgeborgt hat . Was er in diesen letzten vierundzwanzig Stunden davon erfuhr , war es eben gewesen , wornach der arme Tantalus schon so lange gehungert und gedürstet hatte . Die kleine Perisäne schwand dahin , wie eine Nebelgestalt in der Sonne zerfließt . Lais war ihm Cythere selbst , die ihren Adonis in den Hainen von Amathus beseligt . - So viel Bosheit hätte ich dir nicht zugetraut , sagst du - Wie , Aristipp ? Siehst du nicht , wie interessant die Abschiedsscene dadurch werden mußte , und was für Erinnerungen ich ihm für sein ganzes Leben zurückließ ? - Arasambes konnte das freilich nicht sogleich zurecht legen , und stellte sich ein wenig ungebärdig . Der arme Mensch ! was sagte und that er nicht , um mich zum Bleiben zu bewegen ! Aber er hatte nun einmal sein Wort gegeben , ich war reisefertig , meine Freunde in Griechenland erwarteten mich - Kurz , ich siegle diesen Brief - den du durch einen in Angelegenheiten des Königs nach Rhodus abgehenden Eilboten erhalten wirst - und reise in einer Stunde ab . 13. Aristipp an Kleonidas . Ich fürchte , lieber Kleonidas , wir andern Weisheitsliebhaber sind , mit aller unsrer Freiheit von popularen Vorurtheilen und Hirngespenstern , doch nur eine Art großthuiger Poltrons , die , sobald sie dem Feinde unter die Augen sehen sollen , so gut zittern als andere , welche ihre wenige Herzhaftigkeit ehrlich eingestehen . Ich habe seit kurzem eine sonderbare Erfahrung hiervon gemacht . Du weißt , daß ich die Erzählungen von Gespenstern , die sich zu gesetzten Stunden an gewissen Orten sehen lassen , und von Verstorbenen , die , gleichsam in den Schatten ihrer ehmaligen Gestalt eingehüllt , sich entweder von freien Stücken zeigen , oder durch magische Mittel zu erscheinen genöthiget werden , immer für das , was sie sind , gehalten , und die Furcht vor allen diesen Ausgeburten eigner oder fremder Einbildung für eine der lächerlichsten Schwachheiten erklärt habe . Gleichwohl hab ' ich mich selbst unvermutheter Weise über dieser ziemlich allgemeinen menschlichen Schwachheit ertappt , und finde mich jetzt durch eigene Erfahrung sehr geneigt duldsamer gegen andere zu seyn , da ich mich immer mehr überzeuge , daß kein Mensch so viel vor allen andern voraus hat , daß er sich vor irgend etwas , wozu Wahn und Leidenschaft einen Menschen bringen können , völlig sicher halten darf . Höre also , was mir in der vorgestrigen Nacht begegnet ist . Das Haus , das ich hier bewohne , liegt zwischen dem Hafen und der Stadt , mitten in einem ziemlich großen Garten , der auf der Ostseite die Aussicht ins Meer hat , und gegen Mittag in einen kleinen den Nymphen geheiligten Hain von Buschholz ausläuft , den ein langer Gang von hohen Cypressen in zwei gleiche Theile schneidet . Die Rhodier sind überhaupt an eine Lebensordnung gewöhnt , von welcher sie selten abweichen . Eine Stunde nach Sonnenuntergang ist in