ihm , da er der Landessprache unkundig war , als Dolmetscher dienen . Er hatte ihn deshalb auch nicht bei dem Wagen gelassen , sondern mitgenommen . Der Wirt behauptete natürlich , von nichts zu wissen . Wir waren im oberen Stock verborgen und hörten ganz deutlich , wie der Assessor unten im Hausflur in seiner beliebten Art von flüchtigen Hochverrätern deklamierte , denen man auf der Spur sei . Dabei war er so freundlich , uns zu verraten , daß wir in der That verfolgt wurden , daß man den Weg kannte , den wir genommen hatten ; er wußte sogar , daß wir unser zwei und zu Pferde seien . Jetzt gab es keine Wahl mehr . Wir mußten fort , so schnell wie möglich . Die unmittelbare Nähe der Gefahr gab mir einen glücklichen Gedanken ein . Ich ließ dem Wirt durch seine Frau schnell die nötigen Weisungen zukommen , und er begriff sie auf der Stelle . Dem Assessor wurde gemeldet , daß sein Wagen vor Ablauf einer Stunde nicht herzustellen sei ; er war sehr ungehalten darüber , bequemte sich aber doch , so lange im Wirtshause zu bleiben und das angebotene Abendessen einzunehmen . Inzwischen gingen wir zur Hinterthür hinaus und nach der Dorfschmiede . Der Sohn des Wirtes hatte bereits dafür gesorgt , daß der Wagen im Stande war . Ich stieg ein ; mein Oheim « – es war das erste Mal , daß Waldemar diese Bezeichnung von dem Grafen Morynski gebrauchte – » mein Oheim , der auf der ganzen Flucht für meinen Diener galt , und auch die Kleidung eines solchen trug , nahm die Zügel , und so fuhren wir auf der andern Seite des Dorfes hinaus . » Im Wagen machte ich noch einen unschätzbaren Fund . Auf dem Rücksitz lag der Paletot des Assessors mit seiner Brieftasche und seinen sämtlichen Papieren , die dieser umsichtige Beamte ganz einfach hier zurückgelassen oder vergessen hatte , ein neuer Beweis seiner glänzenden Befähigung für den Staatsdienst . Von seinem Passe konnte ich mit meiner Hünengestalt leider keinen Gebrauch machen , dagegen fand sich unter den andern Papieren manches Nützliche für uns . So zum Beispiel eine Ermächtigung des Polizeidepartements von L. , den flüchtigen Grafen Morynski auch auf deutschem Boden zu ergreifen , ein Schreiben , das den Assessor zur Rücksprache über diese Angelegenheit bei den Behörden in W. legitimierte , endlich noch verschiedene Notizen dieser Behörden über die wahrscheinliche Richtung , die wir genommen , und über die bereits getroffenen Maßregeln zu unsrer Ergreifung . Leider waren wir gewissenlos genug , die gegen uns gerichteten Dokumente für uns zu benutzen . Der Assessor hatte im Wirtshause erzählt , daß er heute morgen über A. gekommen sei ; dort hätte man jedenfalls den Wagen wiedererkannt und den Wechsel der Insassen bemerkt . Wir machten also einen Umweg bis zur nächsten Grenzstation und fuhren dort ganz offen als Herr Regierungsrat Hubert nebst Kutscher vor . Ich zeigte die Papiere vor und verlangte schleunigst durchgelassen zu werden , da ich den Flüchtigen auf der Spur sei und die größte Eile not thue . Das half augenblicklich . Niemand fragte nach unsern Pässen . Wir wurden für hinreichend legitimiert erachtet und passierten glücklich die Grenze . Eine Viertelstunde diesseits ließen wir den Wagen , der uns nur verraten hätte , auf der Landstraße in der Nähe eines Dorfes zurück , wo er jedenfalls gefunden werden muß , und erreichten zu Fuß die Waldungen von Wilicza . Bei der Grenzförsterei fanden wir verabredetermaßen den Administrator mit den Pferden , ritten in voller Carriere hierher – und da sind wir . « Gretchen , die eifrig zugehört hatte , war sehr ergötzt über den Streich , den man ihrem ehemaligen Bewerber gespielt hatte , Fabians Gutmütigkeit aber ließ eine Schadenfreude nicht aufkommen . Er fragte im Gegenteil in besorgtem Ton : » Und der arme Hubert ? « » Er sitzt ohne Wagen und ohne Legitimation drüben in Polen , « versetzte Waldemar trocken , » und kann von Glück sagen , wenn er nicht selbst noch als Hochverräter angesehen wird . Unmöglich wäre das nicht . Wenn unsre Verfolger wirklich im Wirtshause eintreffen , so finden sie dort die beiden Fremden nebst zwei gesattelten Pferden , und der Wirt wird sich hüten , einen etwaigen Irrtum aufzuklären , der unsre ungestörte Flucht sichert . Der Kutscher , der in jedem Zug den Polen verrät , und überdies von imposanter Figur ist , kann zur Not für einen verkleideten Edelmann gelten , der Regierungsrat für seinen Befreier und Mitverschworenen , Legitimieren kann sich der letztere nicht ; die Sprache versteht er auch nicht , und unsre Nachbarn pflegen bei solchen Verhaftungen weder viel Umstände zu machen , noch sich streng an die Formen zu halten . Vielleicht genießt der Herr Regierungsrat jetzt selbst das Vergnügen , das er uns bei unsrer Ankunft in Wilicza zugedacht hatte ; als verdächtiges Subjekt geschlossen nach der nächsten Stadt transportiert zu werden . « » Das wäre ein unvergleichlicher Schluß seiner Amtstätigkeit , « spottete Gretchen , ohne sich an den ernsten Blick ihres Gatten zu kehren . » Und nun genug von diesem Hubert ! « brach Waldemar ab . » Ich sehe Sie doch noch , wenn ich zurückkomme ? Für diese Nacht bin ich freilich nur inkognito im Schlosse ; ich kehre erst in den nächsten Tagen offiziell von Altenhof zurück , wo man mich die ganze Zeit über glaubte . Doch nun muß ich die Mutter und meine – meine Cousine begrüßen . Der erste Sturm des Wiedersehens wird jetzt wohl vorüber sein . « Er öffnete die Thür und trat in das anstoßende Gemach , wo sich die Seinigen befanden . Graf Morynski saß in einem Sessel . Er hielt noch immer seine Tochter in den Armen , die vor ihm auf den Knieen lag und das Haupt an seine Schulter lehnte . Der Graf hatte sehr gealtert in der letzten Zeit . Die dreizehn Monate der Haft schienen ebensoviele Jahre für ihn gewesen zu sein . Haar und Bart waren weiß geworden , und sein Antlitz zeigte unauslöschliche Spuren der Leiden , die Kerker , Krankheit und vor allem das Schicksal seines Volkes über ihn verhängt hatten . Es war ein energischer , lebenskräftiger Mann gewesen , der vor kaum einem Jahr hier in Wilicza Abschied nahm – jetzt kehrte ein Greis zurück , dessen äußere Erscheinung schon seine Gebrochenheit verriet . Die Fürstin , welche neben dem Bruder stand , merkte zuerst den Eintritt ihres Sohnes und ging ihm entgegen . » Kommst du endlich , Waldemar ? « sagte sie im Tone des Vorwurfs . » Wir glaubten schon , du wolltest dich uns ganz entziehen . « » Ich wollte euer erstes Wiedersehen nicht stören , « erwiderte er zögernd . » Bestehst du noch immer darauf , ein Fremder für uns zu sein ? Du bist es lange genug gewesen . Mein Sohn , « – die Fürstin streckte ihm plötzlich in tiefster Bewegung beide Arme entgegen – » ich danke dir . « Waldemar lag in den Armen der Mutter , zum erstenmal wieder seit seiner Kinderzeit , und in dieser langen , innigen Umarmung versanken die Jahre der Entfremdung und Bitterkeit , versank alles , was sich je kalt und feindselig zwischen sie gestellt hatte . Auch hier war eine unsichtbare und doch so unheilvolle Schranke niedergerissen . Sie hatte lange genug zwei Menschen getrennt , die durch die heiligsten Bande des Blutes einander angehörten . Der Sohn hatte sich endlich die Liebe seiner Mutter erobert . Der Graf erhob sich jetzt auch und bot seinem Vetter die Hand . » Danke ihm immerhin , Jadwiga ! « sagte er . » Ihr wißt noch nicht , was er alles für mich gewagt hat . « » Das Wagnis war nicht so groß , wie es schien , « lehnte Waldemar ab . » Ich hatte mir zuvor die Wege geebnet . Wo Gefängnisse sind , ist auch Bestechung möglich . Ohne diesen goldenen Schlüssel wäre ich nie bis ins Innere der Festung gedrungen , und noch weniger wären wir beide wieder hinaus gelangt . « Wanda stand neben ihrem Vater , dessen Arme sie noch immer festhielt , als fürchte sie , er könne ihr wieder entrissen werden . Sie allein hatte noch kein Wort des Dankes gesprochen , nur ihr Blick war Waldemar entgegengeflogen , als sie sich bei seinem Eintritt umwandte , und dieser Blick mußte ihm wohl mehr gesagt haben , als alle Worte . Er schien zufrieden damit und machte keinen Versuch , sich ihr direkt zu nähern . » Noch ist die Gefahr nicht ganz überstanden , « wandte er sich wieder an den Grafen . » Wir haben es ja leider schwarz auf weiß in Händen , daß Ihnen auch hier die Verhaftung und Auslieferung droht . Für den Augenblick freilich sind Sie sicher in Wilicza . Frank hat versprochen , uns als Wachtposten zu dienen , und Sie bedürfen auch dringend einige Stunden der Ruhe , aber morgen früh müssen wir weiter nach S. « » Ihr wollt also nicht den direkten Weg nach Frankreich oder England nehmen ? « fragte die Fürstin . » Nein , das dauert zu lange , und gerade auf diesem Weg wird man uns vermuten ; wir müssen versuchen , so schnell wie möglich die See zu erreichen . S. ist der nächste Hafen und morgen abend können wir bereits dort sein . Ich habe alles vorbereitet ; schon seit vier Wochen liegt ein englisches Schiff dort , über das ich mir die alleinige Verfügung gesichert habe , und das jeden Augenblick bereit ist , in See zu gehen . Es bringt Sie vorläufig nach England , mein Oheim . Von dort aus stehen Ihnen ja Frankreich , die Schweiz , Italien offen , gleichviel , wo Sie Ihren Aufenthalt wählen . Einmal auf hoher See , sind Sie gerettet . « » Und du , Waldemar ? « – der Graf gab seinem ältesten Neffen auch das Du , das er so lange nur dem jüngeren zugestanden . » Wirst du deine Kühnheit nicht noch büßen müssen ? Wer weiß , ob das Geheimnis meiner Flucht streng bewahrt bleiben , wird – es wissen zu viele darum . « Waldemar lächelte flüchtig . » Ich habe allerdings diesmal meine Natur verleugnen und an allen Ecken und Enden Vertraute haben müssen ; es ließ sich nicht anders durchführen . Zum Glück sind es sämtlich Mitschuldige – sie können nichts verraten , ohne sich selbst preiszugeben . Die Befreiung wird man aber unbedingt meiner Mutter zuschreiben , und wenn in Zukunft wirklich einmal Vermutungen und Gerüchte über die Wahrheit auftauchen , nun so leben wir ja auf deutschem Boden . Hier ist Graf Morynski weder angeklagt , noch verurteilt worden , und hier wird seine Befreiung also auch nicht als Verbrechen gelten . Man wird es begreifen , daß ich , trotz allem , was uns politisch trennt , die Hand zur Rettung meines Oheims bot , wenn man erfährt , daß er auch – mein Vater geworden ist . « In dem Antlitz Morynskis zuckte etwas auf bei dieser Mahnung , was er vergebens zu unterdrücken versuchte , ein Schmerz , dessen er nicht Herr zu werden vermochte . Er wußte ja längst um diese Liebe , die ihm wie seiner Schwester so lange als ein Unglück , ja beinahe als ein Verbrechen erschienen war . Auch er hatte sie mit allen Mitteln bekämpft , die ihm nur zu Gebot standen , und noch in der letzten Zeit versucht , Wanda davon loszureißen ; er hatte es geduldet , daß sie sich entschloß , mit ihm in ein fast sicheres Verderben zu gehen , nur um diese Verbindung zu hindern . Es war ein schweres Opfer , das er den nationalen Vorurteilen , dem alten Nationalhaß abrang , der so lange die Richtschnur seines Lebens gewesen war , aber er sah auf den Mann , dessen Hand ihn aus dem Kerker geführt , der Leben und Freiheit daran gesetzt hatte , um ihm beides zurückzugeben – dann beugte er sich zu seiner Tochter nieder . » Wanda ! « sagte er leise . Wanda blickte zu ihm auf . Das Antlitz des Vaters war ihr nie so düster , so gramvoll erschienen , wie in dieser Minute . Sie war ja darauf vorbereitet gewesen , ihn verändert zu finden , aber so furchtbar hatte sie sich diese Veränderung nicht gedacht , und als sie jetzt in seinen Augen las , was ihm die Einwilligung kostete , da trat jeder eigene Wunsch zurück , und die Zärtlichkeit der Tochter flammte auf . » Jetzt noch nicht , Waldemar ! « flehte sie mit bebender Stimme . » Du siehst , was mein Vater gelitten hat und noch leidet . Du kannst nicht fordern , daß ich mich im Augenblick des Wiedersehens schon wieder von ihm trenne . Laß mich noch einige Zeit an seiner Seite , nur ein Jahr noch ! Du hast ihn vor dem Furchtbarsten bewahrt , aber er muß doch immer in die Fremde , in die Verbannung hinaus – soll ich ihn krank und allein gehen lassen ? « Waldemar schwieg . Er fand nicht den Mut , Wanda an das Wort zu erinnern , das sie ihm bei ihrem letzten Zusammensein ausgesprochen ; die gebrochene Gestalt des Grafen verbot jeden Trotz und sprach zugleich mächtig für die Bitte seiner Tochter , aber in dem jungen Mann bäumte sich jetzt der ganze Egoismus der Liebe empor . Er hatte so vieles gewagt , um die Geliebte zu besitzen , und nun ertrug er es nicht , daß man ihm den Preis noch länger versagte . Finster , mit zusammengepreßten Lippen sah er zu Boden , als plötzlich die Fürstin dazwischen trat . » Ich will die Sorge um den Vater von dir nehmen , Wanda , « sagte sie . » Ich gehe mit ihm – – « Die drei andern fuhren in höchster Ueberraschung auf . » Wie , Jadwiga ? « fragte der Graf , » du wolltest mit mir gehen ? « » In die Verbannung , « vollendete die Fürstin mit fester Stimme . » Sie ist uns beiden ja nicht fremd , Bronislaw ; wir haben sie lange Jahre hindurch gekostet – wir nehmen das alte Schicksal wieder auf uns . « » Niemals ! « rief Waldemar auflodernd . » Ich gebe es nicht zu , daß du mich jetzt verläßt , Mutter . Die Kluft zwischen uns ist endlich ausgefüllt ; der alte Streit begraben . Dein Platz ist fortan in Wilicza bei deinem Sohne . « » Der soeben dabei ist , seinen Gütern mit eiserner Hand den Stempel des Deutschtums aufzuprägen ! « Es lag ein furchtbarer Ernst in dem Tone der Fürstin Baratowska , als sie ihn mit diesen Worten unterbrach . » Nein , Waldemar , du unterschätzest die Polin in mir , wenn du meinst , ich könnte noch ferner in Wilicza bleiben , in dem Wilicza , das jetzt unter deiner Hand auflebt . Ich habe dir spät , aber ganz die Liebe der Mutter gegeben und werde dir diese Liebe bewahren , auch wenn wir voneinander scheiden , auch in der Ferne und wenn wir uns bisweilen wiedersehen , aber an deiner Seite leben und Tag für Tag sehen , wie du alles zu Boden wirfst , was ich mühsam gebaut habe , in deinen deutschen Kreisen meine ganze Vergangenheit verleugnen und jedesmal , wenn der Gegensatz zwischen euch und uns wieder hervortritt , mich deinem Machtwort beugen , das , mein Sohn , kann ich nicht ; es wäre mehr , als ich mit aller Willenskraft zu leisten vermöchte . Das würde unsre kaum geschlossene Versöhnung wieder zerreißen , würde den alten Streit , die alte Bitterkeit wieder wachrufen . Also laß mich gehen – es ist das beste für uns beide . « » Ich habe nicht geglaubt , daß diese Bitterkeit sich selbst in diese Stunde drängen würde , « sagte Waldemar mit leisem Vorwurf . Die Fürstin lächelte schmerzlich . » Sie gilt nicht dir ; sie gilt dem Schicksal , das uns zum Untergang verurteilt hat . Ueber die Baratowski wie über die Morynski hat es den Stab gebrochen . Mit Leo ging das edle Polengeschlecht zu Grabe , das jahrhundertelang in der Geschichte unsres Volkes geglänzt hat . Auch mein Bruder ist der Letzte seines Stammes , Mit Wanda erlischt sein Name , und er erlischt jetzt in dem deinigen . Wanda ist jung ; sie liebt dich ; sie wird vielleicht überwinden lernen , was uns beiden unmöglich ist . Euch gehört ja das Leben und die Zukunft – wir haben nur noch die Vergangenheit . « » Jadwiga hat recht , « nahm jetzt auch Graf Morynski das Wort . » Ich darf nicht bleiben , und sie will es nicht . Ihr hat die Verbindung mit deinem Vater kein Heil gebracht , Waldemar , und mir ist es , als könnten ein Nordeck und eine Morynska überhaupt kein Glück miteinander finden . Auch zwischen euch liegt der unselige Zwiespalt , der deinen Eltern so verhängnisvoll geworden ist , auch Wanda ist ein Kind ihres Volkes und kann das Blut dieses Volkes nicht verleugnen , so wenig wie du das deinige . Es ist ein Wagnis , das ihr mit dieser Ehe auf euch nehmt , aber ihr habt es gewollt – ich widerstrebe nicht länger . « Es war keine frohe Verlobung , die das junge Paar feierte . Die angekündigte Trennung von der Mutter , die düstere Resignation des Vaters und seine Warnung warfen einen tiefen Schatten über die Stunde , die sonst so sonnenhell zu sein pflegt für zwei jugendliche Herzen . Es schien wirklich , als sollte dieser Leidenschaft , die sich durch so heiße Kämpfe durchgerungen , so viele Hindernisse zu Boden geworfen hatte , kein Glück beschieden sein . » Und nun komm , Bronislaw ! « sagte die Fürstin , den Arm ihres Bruders nehmend . » Du bist zu Tode erschöpft von dem scharfen Ritt und den Aufregungen der letzten Tage , du mußt bis morgen ruhen , wenn es dir möglich sein soll , die Reise fortzusetzen . Wir wollen die beiden allein lassen ; sie haben noch kaum miteinander gesprochen und sie haben sich doch so viel zu sagen . « Sie verließ mit dem Grafen das Zimmer , aber kaum hatte sich die Thür hinter , ihnen geschlossen , da wich der Schatten . Waldemar zog mit stürmischer Zärtlichkeit die endlich errungene Braut in seine Arme . – – Fabian und seine Gattin befanden sich noch im Nebenzimmer , aber Gretchen war äußerst ungehalten und warf einen wehmütigen Blick nach dem Theetisch . » Daß die Menschen über ihren romantischen Gefühlen doch immer vergessen , was notwendig und in der Ordnung ist ! « bemerkte sie . » Die Angst und Aufregung ist doch nun vorbei und das Wiedersehen auch ; sie könnten sich doch nun ruhig zu Tisch setzen , aber das fällt niemand ein . Ich habe weder die Fürstin noch den Grafen Morynski dahin bringen können , auch nur etwas zu genießen , aber Gräfin Wanda wenigstens muß eine Tasse von dem Thee nehmen , den ich eben wieder frisch bereitet habe ; sie muß es unter allen Umständen . Ich werde nachsehen , ob sie mit Herrn Nordeck noch drinnen im Salon ist . Bleibe du inzwischen hier , Emil ! « Emil blieb gehorsam bei der Theemaschine sitzen , aber die Zeit wurde ihm lang dabei , denn es vergingen wohl zehn Minuten , ohne daß seine Frau zurückkehrte . Der Professor fing an sich unbehaglich zu fühlen . Er kam sich hier so überflüssig vor ; er hätte sich so gern auch irgendwie nützlich gemacht , wie Gretchen , deren praktische Natur sich nie verleugnete , und um doch wenigstens etwas zu thun , ergriff er die bereits gefüllte Theetasse und trug sie in den anstoßenden Salon . Zu seiner großen Ueberraschung fand er diesen leer und seine Frau dicht vor der jetzt geschlossenen Thür des Arbeitskabinetts der Fürstin stehen . » Liebes Gretchen , « sagte Fabian , die Tasse so vorsichtig und ängstlich auf der Hand balancierend , als enthielte sie das kostbarste Lebenselixir . » Ich bringe den Thee ; er könnte am Ende kalt werden , wenn es noch lange dauert . « Die Frau Professorin hatte sich in einer sehr verfänglichen Stellung überraschen lassen . Sie stand nämlich gebückt , mit dem Auge am Schlüsselloch , hatte sich aber glücklicherweise noch rasch aufgerichtet , als ihr Gemahl eintrat . Jetzt ergriff sie ihn samt der Tasse und zog ihn wieder ins Nebenzimmer . » Laß nur , Emil ! « erwiderte sie . » Die Gräfin braucht keinen Thee , und es dauert noch sehr lange . Um deinen lieben Waldemar brauchst du dich auch nicht mehr zu grämen ; dem geht es gar nicht schlecht da drinnen , durchaus nicht . Ich habe ihm übrigens unrecht gethan – er hat doch ein Herz . Dieser kalte starre Nordeck kann wirklich auf den Knieen liegen und in den glühendsten Worten von seiner Liebe sprechen . Ich hätte es nicht geglaubt . « » Aber , liebes Kind , woher weißt du denn das alles ? « fragte der Professor , der in seiner Unschuld und Gelehrsamkeit nie etwas mit Schlüssellöchern zu thun gehabt hatte . » Du standest ja draußen . « Gretchen wurde feuerrot , faßte sich aber schnell und sagte mit großer Bestimmtheit : » Das verstehst du nicht , Emil . Es ist auch gar nicht nötig – und da der Thee nun einmal da ist , so wollen wir ihn selber trinken . « Die milde klare Frühlingsnacht , welche über dem Meere lag , begann dem Morgen zu weichen . Am Himmel blinkten noch matt die Sterne , aber fern am Horizont dämmerte schon die erste Tageshelle , und das Meer rauschte leise , wie im Traume . Durch die immer lichter werdende Morgendämmerung eilte ein Schiff , das gegen Mitternacht den Hafen von S. verlassen hatte . Es hatte mehrere Stunden gebraucht , um die weite seeartige Mündung des Flusses zu durchmessen , und stand nun im Begriff , die hohe See zu gewinnen . An Bord befand sich Graf Morynski mit seiner Tochter und Waldemar . Wanda hatte die Trennung vom Vater so unmittelbar nach dem Wiedersehen nicht über sich gewinnen können . Sie bestand darauf , ihn wenigstens bis zum Hafen zu begleiten und auch dann noch so lange wie möglich an seiner Seite zu bleiben , und Waldemar hatte ihren stürmischen Bitten nachgegeben . Eine Gefahr brachte das kaum mit sich , im Gegenteil , die Fahrt nach S. wurde vielleicht unverdächtiger in Gesellschaft einer Dame zurückgelegt . Die Fürstin verweilte ja vorläufig noch in Rakowicz ; ihr schrieb man , wie der Sohn ganz richtig voraussah , allein die Befreiung ihres Bruders zu . Jeder Verdacht , jede etwaige Nachforschung richtete sich auf sie und ihren Aufenthalt . Wandas Abwesenheit wurde schwerlich bemerkt ; überdies sollte sie schon in den nächsten Tagen in Begleitung Waldemars von Altenhof zurückkehren . Das ehemalige Gut Witolds , jetzt das Eigentum seines Pflegesohnes , lag an der offenen Küste , die das Schiff bei seiner Ausfahrt passieren mußte , und bis hierher ward dem Flüchtlinge von seinen Kindern das Geleit gegeben . Graf Morynski beabsichtigte in England die Fürstin zu erwarten , die noch einige Wochen in Rakowicz bleiben wollte , bis zur Vermählung ihres Sohnes und ihrer Nichte , um dann unverzüglich dem Bruder zu folgen . Von England aus wollten beide gemeinschaftlich ihren ferneren Aufenthalt wählen . Es war allmählich Tag geworden . Das erste kalte Frühlicht ruhte auf der weiten Meeresfläche , aber noch ohne Wärme und Farbe . Jetzt , wo die Küste zurückwich und die offene See vor den Scheidenden lag , konnte die Trennung nicht länger verschoben werden . Dort drüben dehnte sich der Strand hin , der das Gebiet von Altenhof begrenzte und in unmittelbarer Nähe des Schiffes , das jetzt seinen Lauf hemmte , lag , noch umwallt von weißen Morgennebeln , der Buchenholm . Es war eine kurze , aber ergreifende Abschiedsscene , die auf dem Verdecke stattfand . Graf Morynski litt wohl am schwersten darunter . So sehr er auch strebte , seine Fassung zu behaupten , sie brach doch zusammen , als er die Tochter in die Arme ihres künftigen Gatten legte . Waldemar sah , daß die Qual der Trennung nicht verlängert werden durfte ; er umfaßte rasch seine Braut und hob sie in das bereitliegende Boot , das sie in wenigen Minuten nach dem Buchenholm hinübertrug , während das Schiff sich wieder in Bewegung setzte . Vom Verdeck flatterte noch ein weißes Tuch , und vom Holm aus wurde der Abschiedsgruß erwidert , dann wurde die Entfernung weiter und weiter zwischen den Scheidenden . Das Schiff wandte sich mit voller Dampfkraft gegen Norden . Wanda war auf eins der Steintrümmer niedergesunken , die unter den Buchen zerstreut lagen , und überließ sich dem Ausbruch eines leidenschaftlichen Schmerzes . Waldemar , der neben ihr stand , behauptete wohl die Fassung , aber auch auf seinem Antlitze lag der ganze Ernst dieser Abschiedsstunde . » Wanda , « sagte er , seine Hand sanft auf die ihrige legend , » die Trennung ist ja keine ewige . Wenn dein Vater den heimatlichen Boden nicht wieder betreten darf , so hindert uns nichts , ihn bisweilen aufzusuchen . In Jahresfrist siehst du ihn wieder – ich verspreche es dir . « Wanda schüttelte schmerzlich das Haupt . » Wenn ich ihn dann noch finde . Er hat zu viel und zu schwer gelitten , um sich je wieder ganz dem Leben zuwenden zu können . Mir ist es , als hätte ich das letzte Mal in seinen Armen gelegen . « Nordeck schwieg – auch ihm hatte sich beim Abschiede die gleiche Befürchtung aufgedrängt . Wenn Graf Morynski auch wirklich die Folgen der Wunden und der Kerkerhaft zu überwinden vermochte , den Untergang der Sache , der sein ganzes Leben geweiht gewesen war , überwand er schwerlich . Als er vor Jahren das erste Mal in die Verbannung ging , da hatte er geistig und körperlich noch die volle Kraft des Mannes einzusetzen , aber jetzt war diese Kraft gebrochen – wer konnte es wissen , wie lange der Rest davon noch standhielt ! » Der Vater bleibt ja nicht allein , « entgegnete Waldemar endlich . » Meine Mutter folgt ihm , und ich sehe erst jetzt , was wir ihr zu danken haben . Sie nimmt mit diesem Entschlusse eine schwere Sorge von uns beiden . Du kennst ihre Liebe zu dem einzigen Bruder ; sie wird ihm die Stütze sein , deren er bedarf . « Der Blick Wandas hing noch immer an dem Schiffe , das schon in weiter Ferne dahinzog . » Und du verlierst auch die Mutter , nachdem du sie kaum erst gefunden hast , « sagte sie leise . Seine Stirn verdüsterte sich bei der Erinnerung . » Glaubst du , daß mir das leicht wird ? Und doch , ich fürchte , sie hat recht . Wir sind zu gleichartige Naturen , als daß sich je eine der andern beugen könnte , und bei einem Zusammenleben müßte das doch nun einmal geschehen . Gehörte ich ihrem Volke an , oder sie dem meinigen , dann freilich bedürfte es dessen nicht , dann würde alles was ich unternehme und erringe , ihr Stolz , ihr eigenes Wollen sein , jetzt aber steht mir dieses Wollen ewig feindlich gegenüber , und wo ich in Wilicza meinen Schöpfungen die Bahn brechen will , da muß ich erst die ihren zerstören . Wir können uns wohl über die Kluft hinweg die Hand reichen und es endlich fühlen , daß wir Mutter und Sohn sind – miteinander gehen können wir nicht . Sie hat das klarer eingesehen als ich selber und gewählt , was für uns alle das beste ist ; ihr Entschluß allein sichert uns die Versöhnung . « Die junge Gräfin hob das thränenvolle Auge zu ihm empor . » Hast du die düstere Warnung des Vaters vergessen ? Auch zwischen uns beiden liegt der unselige nationale Zwiespalt , der von jeher wie ein tiefer Riß durch unsre Familie ging . Er hat schon deine Eltern unglücklich gemacht . « » Weil sie keine Liebe kannten , « ergänzte Waldemar . » Weil kalte Berechnung nach beiden Seiten das innigste Band knüpfte , das zwei Menschen vereinigen kann . Daraus konnte keine Versöhnung erstehen ; da mußte der alte Streit nur noch heftiger auflodern . Wir haben denn doch etwas andres einzusetzen . Ich habe jenem Zwiespalte schon meine Braut abgerungen – ich werde auch mein Glück dagegen zu verteidigen wissen . Wenn unsre Ehe wirklich ein Wagnis ist , wir können es auf uns nehmen . « Die leichten Morgenwolken , welche am Himmel schwammen , begannen sich licht und lichter zu färben , und im Osten flammte die Morgenröte . Der ganze Horizont war in Rosenglut getaucht , und die Wellen erschienen wie gesäumt mit flüssigem Golde . Jetzt blitzte es auf wie ein strahlender Funke , der erste Gruß der aufsteigenden Sonne , und nun stieg das leuchtende Tagesgestirn selbst empor aus den Wogen , langsam , immer höher und höher , bis es sich endlich ganz davon löste und in voller Klarheit dastand . Durch die helle , kalte Morgenluft floß es wie ein rosiger Hauch , und die bisher so öde dunkle Wasserfläche gewann das tiefste Blau . Mit dem Sonnenaufgang strömten Licht und Leben über Meer und Erde