dem der Vater sofort in Kenntnis gesetzt werden müsse . Ohne Verweilen sandte er einen Boten fort . Es hatte lange , lange Zeit ein unveränderlicher Stern über dem Klostergute gestanden . Er hatte Sonnenschein und Regen , Säen und Ernten wohl behütet , auf daß die goldene Frucht des Reichtums , des Familienansehens immer üppiger anschwelle ; und als das biderbe Geschlecht zu erlöschen drohte , da war er scheinbar noch höher aufgeglüht und hatte die kümmerliche Menschenblüte angestrahlt , die der alte Stamm getrieben – nahezu mit dem ersten Augenaufschlag des Kindes zugleich war ja die neue Goldquelle im kleinen Tale für die Wolframs zutage gesprungen – und nun erlosch er urplötzlich ! Nicht heraufziehende , wieder verwehende Wollen verdeckten sein Licht , nein , er zerstob in Trümmer und riß den Wolframschen Namen mit sich in die ewige Nacht ! ... Hier , im Klosterhause , zersplitterte nur ein dünnes , morsches Holzgeflecht unter dem Stoß eines Hundes , um das junge Menschenleben , an das sich tausend heiße Wünsche und Hoffnungen klammerten , zu vernichten ; draußen im kleinen Tale aber , fast zur gleichen Stunde , empörte sich ein furchtbares Element gegen die Hand , die gierig und räuberisch in den Eingeweiden der Erde gewühlt hatte , um Schätze über Schätze auf jenes kindliche Haupt zu häufen – die Nemesis ging schweren Trittes über den Schuldigen hinweg , aber sie zertrat dabei auch Menschenleben , die nicht mitgesündigt hatten . Man hörte auf dem Schauplatz des Unglücks immer noch Hilferufe aus der Tiefe ; allein den Abgesperrten , die das Wasser unerbittlich unter sich steigen sahen , ohne daß sie auch nur noch um eine Linie höher zu klettern vermochten , war schwer beizukommen . Was Menschenkraft vermochte , das geschah . Man arbeitete , daß das Blut unter den Nägeln hervortrat , und der Rat war der Tätigsten einer , aber das beschwichtigte und versöhnte die Gemüter nicht . Alles , was sich an Haß und Groll seit langen Jahren in der Bevölkerung gegen den reichen , gewalttätigen ehemaligen Oberbürgermeister aufgespeichert hatte , es kam jetzt zum Austrag . Er war stets mit verächtlichem Lächeln an den Leuten vorübergegangen , wenn sie mit bösen Blicken , aber dennoch unterwürfig , den Hut vor ihm gezogen ; denn ein Mächtiger war und blieb er auch noch nach seinem Rücktritt vom öffentlichen Amte , ein Mächtiger an Kapital und Einfluß . Jetzt lächelte er nicht der murrenden Menge gegenüber . Alles , was an schmähenden und beschuldigenden Zurufen sein Ohr traf , sagte ihm mit vernichtender Kritik , daß er nicht allein tödlich verhaßt , sondern auch verachtet sei , daß der alte Klaus nicht wiederkommen dürfe , weil er sehen müsse , daß einer seiner Nachkommen das alte Ansehen der Wolframs beim Publikum durch seine zuchtlose Habgier , sein brutales und anmaßendes Auftreten vollständig untergraben habe . In diesen inneren und äußeren Sturm hinein kam die ärztliche Botschaft vom Klostergute . Das zum Hinablassen in die Tiefe bestimmte Seil , das der Rat eben herbeischleppte , entrollte seinen Händen ; einen Augenblick stand er wie vom Blitz getroffen ; dann verließ er seinen Rettungsposten , um nach der Stadt zu laufen . Zwar hatte die Gendarmerie bereits eine gewisse Absperrung um die Unglücksstätte zu ziehen gewußt ; aber die Menschenmassen , denen immer neue von der Stadt her zuströmten , standen doch so nahe und dicht gedrängt , daß sich die Fortgehenden eine förmliche Bresche erzwingen muhten . » Haltet ihn ! Er will uns entwischen , weil er weiß , daß den armen Teufeln da unten nicht zu helfen ist ! « rief es plötzlich aus der Menge , durch die sich der Rat , gefolgt von der Magd , die ihm die Botschaft gebracht hatte , zu wühlen suchte . Augenblicklich griffen ein paar Dutzend Hände nach ihm – der Hut flog ihm vom Kopf , sein Rock wurde zerrissen , und die wütende Masse hätte den Verhaßten zertreten , wenn nicht die Sicherheitsbeamten zu seinem Schutz herbeigeeilt wären und ihn bis zu den ersten Häusern der Stadt , begleitet hätten . Ohne Hut , mit Staub und Schweiß bedeckt , verstört im Gesicht bis zur Unkenntlichkeit , so trat er in die Amtsstube . » Was ist mit Veit ? « stieß er atemlos heraus , und in seiner Stimme mischte sich mit der bebenden Angst doch auch noch der Ingrimm über die eben erlittene Mißhandlung . An die dunkle Macht , die bereits mit einem Fuß in seinem Hause stand , an den Tod , schien er doch , trotz der dringenden Botschaft des Arztes , nicht im entferntesten zu denken . Der Knabe lag augenblicklich wieder ruhig – bei flüchtigem Hinsehen konnte man meinen , er schlafe . » Er hat einen seiner gewöhnlichen Anfälle gehabt ! « sagte der Rat tief erleichtert , aber auch fast überlegen und im Tone einer scharfen Zurechtweisung dafür , daß man ihm um deswillen einen solchen Schrecken eingejagt habe . » Ja , die Anfälle wiederholen sich nur in etwas rascher Aufeinanderfolge , « versetzte der Arzt ohne alle Empfindlichkeit , aber auch ohne den Rat anzusehen . Er trat an einen Tisch und schrieb mit dem Bleistift ein neues Rezept . » Wie kommt das ? « fragte der Rat immer noch unbesorgt – auch der Fall war ja schon öfter dagewesen . » Er hat eine Gehirnerschütterung erlitten ; er ist gestürzt – « » Vom Birnbaum ? « » Nein , « sagte die Majorin vom Fenster herüber . Sie hatte sich beim Kommen ihres Bruders in die tiefe Mauernische zurückgezogen und war bis jetzt nicht in seinen Gesichtskreis getreten . Er fuhr herum , und ein diabolisch triumphierendes Lächeln schlüpfte um seinen Mund . » Ei , da bist du ja , Therese ! ... Wie – ich meinte vor wenigen Stunden wirklich , es sei ein Auseinandergehen fürs ganze Leben , so tragisch war deine zurückweisende Handbewegung ! – Und nun hast du doch den Weg auf das Klostergut zurück gefunden ? « – » Ja – einen seltsamen , « bestätigte sie in einem fast geisterhaften Ton , während der Arzt das Zimmer verließ , um sein Rezept fortzuschicken . Der Rat schwieg betroffen und fast verwirrt durch den verachtungsvollen Drohblick , der ihm aus den dunkeln Augen entgegenfunkelte . Aber er hatte ja nicht die leiseste Ahnung von dem , was geschehen war , und so kam ihm plötzlich die Gewißheit , daß die Schwester nicht reumütig , wie er im ersten Augenblick triumphierend gemeint hatte , sondern nur in der Absicht zurückgekehrt sei , das Ihrige zu holen und einzufordern . Eine stille Wut kochte in ihm . » Seltsam allerdings , « wiederholte er spöttisch ihren eigenen Ausspruch . » Es fragt sich dabei nur , ob er auch mir zusagt , ob ich dir nach einem solchen Fortgehen das Wiederkommen ohne weiteres in meinem Hause gestatten will . Und daraufhin sage ich dir : Mit nichten , meine Teure ! – Wir haben nichts mehr miteinander zu schaffen , und zu dem Giebelzimmer steht dir der Weg nicht mehr offen – hier ist der Schlüssel ! « Er schlug gegen die Brusttasche seines Rockes . » Willst du mehr wissen , so wende dich an das Gericht – dort werde ich dir schon antworten . « Das Blut wallte ihr nach dem Gehirn und raubte ihr den letzten Rest von Besonnenheit . » Ach so – du willst mich als Bettlerin vom Klostergut jagen ? « rief sie mit heiserer Stimme . » Du glaubst , ich krieche aus Angst um mein rechtmäßiges Hab und Gut zu Kreuze , während ich doch nur hier stehe , um dich zu fragen , wie der letzte Brief meines Sohnes an seine unglückliche Mutter in deine Hände gekommen ist ? « Er wurde kreideweiß , lachte aber auch sofort hart und gezwungen auf . » Ein Brief des Landstreichers ? Wie möchte ich mir damit die Finger beschmutzen ! « Die Majorin biß die Zähne zusammen , um nicht aufzuschreien vor Empörung und wahnsinnigem Mutterschmerz . » Dann soll ich wohl denken , « – murmelte sie und trat ihm näher – » du habest das Kästchen nur an dich genommen , um – seines Silberwertes willen ? « Er prallte zurück , als öffne sich die Erde zu seinen Füßen . Mit gehobenem Arm zeigte sie auf die klaffende Fuge in der Holzwand – fast wider Willen folgten seine Äugen der Richtung , und ein nicht zu beschreibender Schrecken durchfuhr ihn . » Dort ist Veit gestürzt – er ist dir auf deinem Schleichweg nachgegangen bis in das Zimmer des fremden Hauses , « sagte sie mit gedämpfter , aber harter , unerbittlicher Stimme . » Dort hast du einst gestanden und dem alten Freiherrn sein Geheimnis schurkisch abgelauscht ; dort den Weg der Schmach bin ich vorhin herübergegangen , und mit mir Adams Tochter . Das Mädchen jubelte , und nicht um alle Reichtümer der Welt wird sie den Mund verschließen – sie schweigt nicht ! Morgen wird man an allen Straßenecken der Stadt Feuerjo schreien über den Skandal auf dem Klostergute , über den Spion , den ehrlosen Schleicher , der die Nachbarhäuser unsicher macht – « » Schweige – oder ich erwürge dich mit diesen meinen Händen ! « raunte er und schüttelte seine geballten Hände dicht vor ihrem Gesicht . » Glaubst du , ich gehe solch einem Spatzenschrecken , wie ihn der Weiberklatsch da drüben zurechtgemacht hat , aus dem Wege ? Meinst wohl gar , ich solle mein Bündel schnüren und mit meinem Jungen eines solchen hirnlosen Geschwätzes wegen Haus und Hof verlassen , damit du dich mit deiner Brut hineinsetzen kannst ? ... Das Schlupfloch kenne ich , « – er deutete nach der Fuge – » aber wer will mir beweisen , daß ich je drin gewesen bin ? « Er stieß ein wildes , halbunterdrücktes Hohngelächter aus und sprang mit einem Satz die Galerietreppe hinauf . Es war das Werk einer Sekunde , daß er die neue Wandschranktür zurückschlug , mit einem Arm in die Tiefe griff und geräuschlos den festen Schluß der Holzwand bewerkstelligte . Die Majorin dachte schaudernd , daß die Habgier , die Lust am Besitz , vor allem aber die Affenliebe für seinen spätgeborenen Nachkommen den Mann zu einer Art von listigem , brutalem Raubtier umgewandelt habe . So stand er dort mit den geschmeidigen Bewegungen seiner immer noch elastischen Gestalt , ungebeugt , sichtlich entschlossen , der Wucht der auf ihn einstürmenden Ereignisse mit all seiner wilden Energie , seiner juristischen Meisterschaft die Stirn zu bieten . Sorgfältig schloß er die Schranktür zu und war im Begriff , den Schlüssel herauszuziehen ; aber er blieb plötzlich wie erstarrt in seiner Stellung stehen und wandte nur den Kopf mit dem Ausdruck eines jähen Entsetzens nach dem Sofa , auf welchem Veits Körper eben wieder von den Krämpfen gepackt und grauenhaft , fast schraubenförmig verdreht und emporgehoben wurde ; dabei entrang sich ein nie gehörtes , anhaltendes , schrilles Pfeifen der gepreßten kleinen Kehle . Unwillkürlich fuhr der Rat mit beiden Händen nach dem Kopfe . » Um Gottes willen , was ist das , Doktor ? « schrie ! er dem Arzt entgegen , der eben wieder in das Zimmer trat . Der Doktor zog die Schultern empor , und zu dem Kranken tretend , versetzte er gedrückt : » Ich sagte Ihnen ja schon von der beängstigend raschen Aufeinanderfolge der Anfälle . « Wie ein Wahnwitziger stürzte der Rat die wenigen Stufen herab . » Sie wollen mir doch nicht weismachen , daß Gefahr vorhanden sei ? « stotterte er ohne Atem , ohne Stimme . Beim Anblick dieser völligen Fassungslosigkeit schlug der Arzt die Augen zu Boden und beobachtete ein ernstes Schweigen . » Mann , foltern Sie mich nicht ! Muß – muß mein Veit sterben ? « stöhnte der Rat auf und schüttelte den Arm des Arztes . » Meine Hoffnung ist eine ganz geringe – « » Lüge ! Wahnwitz ! Sie sind ein Stümper – Sie haben keine Ahnung von einer Diagnose ! Da sollen und müssen mir andere her ! « Er stürzte hinaus , und nach wenigen Sekunden liefen die Mägde und einige inzwischen aus dem kleinen Tal zurückgekehrte Tagelöhner nach allen Richtungen hin , um die Ärzte , deren sie habhaft werden konnten , herbeizuholen . Wenige Stunden später lag ein völlig gebrochener Mann zu Füßen des Lagers , auf dem ein junges Leben in rasender Schnelligkeit seiner Auflösung entgegenging – mit dem letzten Pulsschlag dieses jungen Herzens wurde er selbst in das Nichts hineingerissen . Was war er ohne das eine Ziel , dem er in fieberhafter Anstrengung , über Ehre und Gewissen hinweg , unausgesetzt Goldklumpen zugewälzt ? Er hatte für seinen Abgott nach jener Höhe gestrebt , an deren Fuß sich das » Menschengesindel « zusammendrängt und ehrfürchtigen Blickes hinaufschaut zu dem Kapital , das von einem blendenden Schein umfunkelt wird , mag es auch mit dem boshaftesten Menschenantlitz in die Welt hineinblicken , mag sein Träger an Geist , Fleisch und Bein die kümmerlichste Jammergestalt sein . Nun hatte er sich mit halberschöpfter Körperkraft und verlorener Seele hinaufgearbeitet ; nun stand er droben und sah in ein Grab , und in den Staub und Moder hinein konnte er seine Schätze nicht werfen . Wohin damit ? Er hatte die Hälfte dessen , was er zusammengescharrt , den Ärzten geboten für ihre rettende Hilfe ; er hatte gerast und sich mit den Fäusten die Brust zerschlagen , und in wahnsinniger Verzweiflung Gott angerufen und ihn zugleich verlästert und seine Allmacht und Barmherzigkeit mit dem beißendsten Hohn in Frage gestellt – und währenddessen waren die Krämpfe des Knaben in immer kürzeren Unterbrechungen wiedergekehrt ; nicht ein einziges Mal mehr hatte ihn der kluge Blick , der sein Stolz gewesen , bewußt gesucht . Das Denken war längst erloschen , während der Körper noch rang und kämpfte – dieser Körper , den er einst wie ein Königskind in jauchzendem Glücksgefühl , fast in Ehrfurcht aus den Händen der Hebamme entgegengenommen , den er in Daunen , unter grünseidenem Baldachin gebettet ! – Angesichts dieses entsetzlichen Endes stieg der Anfang , stiegen jene Tage in grausamer Deutlichkeit vor ihm auf ... Er sah sein Weib sterben – sie hatte ihre Schuldigkeit getan und konnte die Welt getrost verlassen , hatte er damals hartherzig gemeint und keinerlei Schmerz empfunden . Er sah die wahrhaft fürstlichen Zurüstungen zu dem Taufschmaus im ehemaligen Refektorium der Mönche , sah » die stolze Gevatterschaft in Samt und Seide « glückwünschend unter den Myrten- und Orangenbäumen stehen – aber er hörte auch das nervenerschütternde Krachen , mit dem die uralte Orgel am Tage nach Veits Geburt in sich zusammengebrochen war . Und er wühlte die Augen tiefer in das Ende der Decke , die den zuckenden Körper seines Kindes verhüllte . Er wollte nicht mehr denken , er wollte nicht die grauenvolle Stimme hören , die ihm in das Ohr flüsterte , daß dort in der Mauertiefe auch Anfang und Ende beisammenlägen , daß sich sein Veit in diesem Augenblick wohl draußen unter dem strahlend blauen Spätnachmittagshimmel fröhlich und ausgelassen tummeln würde , wenn die alten zinnernen Pfeifen , die Holzengel noch an dem Platze stünden , da sie die Hand des musikbegabten Abtes aufgestellt , und wo sie Jahrhunderte hindurch harmlos auf die harten , aber braven Köpfe der Wolframs , auf ihr Tun und Treiben niedergesehen , nie verratend , daß ein Schleich- und Diebsweg neben ihnen die Wand durchbohre ... Verflucht , verflucht bis in alle Ewigkeit sollte der Tag sein , an dem sich das Geheimnis dem letzten Wolfram enthüllt und er der Versuchung erlegen war ! ... So war die Nacht hereingebrochen , und ein Arzt nach dem anderen hatte sich verabschiedet ; nur der geschmähte alte Hausdoktor war geblieben , und die Majorin hatte es nicht über sich gewinnen können , vom Klostergut zu gehen , während ihr heißgeliebter Familienname mit seinem jüngsten Träger für immer erlosch . Sie hatte für diese wenigen Stunden das Regiment im alten Vaterhause stillschweigend wieder übernommen . Es war ihr zumute , als müsse sie sich verbluten und sterben an den tiefen Wunden , die ihr der heutige Tag geschlagen : aber sie ging umher mit dem blassen Steingesicht , wie es die Leute des Hauses an ihr gewohnt waren . Sie holte das Nötige aus der Speisekammer , und auf dem Herde brodelte , ihrem Befehle gemäß , ein warmes Abendbrot für das Gesinde , das um sein Mittagessen gekommen war ... Aus dem kleinen Tale kam eine Nachricht um die andere , dringende Botschaften voll Jammer und Unglück – sie ließ keinen der Boten hinein zu dem Mann , der nun nicht mehr helfen konnte und am Sterbebette seines Kindes furchtbar büßte , was er gesündigt hatte . Ihr Bruder sah sie nicht . Er hob nur einmal den Kopf und knirschte wie ein Wahnwitziger mit den Zähnen , als ihm eine der Hausmägde mitleidig ein Glas mit Wein gemischten Wassers als Labung bot – er stieß voll Abscheu den Trunk von sich ... Auch den treu ausharrenden Arzt beachtete er nicht . Er seufzte nur tief auf , und ein Schauder lief durch seine Glieder , wenn sich die kleinen Füße , neben die er seinen Kopf gelegt hatte , zwar immer matter , aber in pünktlicher Wiederholung der Krämpfe zusammendrehten . Es wurde immer stiller in der Amtsstube . Das Rauschen des Laufbrunnens im Vorderhof drang eintönig durch das offene Fenster herein , und daneben war es , als gehe ein Erschauern durch die Lindenwipfel – der Nachtwind schlich durch die Blätter und kam auch wie auf Geistersohlen über den Steinsims her und rührte an die Papiere , die auf dem Tisch in der Fensterwölbung lagen . Nun schlug es draußen auf dem Benediktinerturm die elfte Stunde , und ehe noch der letzte Schlag verhallt war , streckte sich der Körper des Sterbenden in seiner ganzen Schlankheit aus , und als der Rat mit einem Schrei aufsprang und sein Ohr an den geöffneten Kindermund legte , da war schon der letzte Atemhauch in den Lüften verflogen . Minutenlang hielt er den entseelten Körper an die Brust gedrückt und küßte wiederholt das noch warme , kleine Gesicht ; dann strich er das Kopfkissen zurecht , bettete den Kopf des Knaben vorsichtig darauf , schloß ihm die Lider über den starren Augen und ging , ohne sich noch einmal umzusehen , schweigend hinaus . Die Majorin hatte sich in die unbeleuchtete Eßstube zurückgezogen . Die Tür stand offen , und so konnte sie das Sterbelager im Auge behalten . Sie hörte , wie der Rat ohne Aufenthalt den Hausflur und den Vorderhof durchschritt und das Mauerpförtchen hinter sich zufallen ließ . » Er geht wohl nach dem kleinen Tale , « flüsterte der Arzt , als sie , lautlos und entfärbt wie ein Geist , zu ihm trat . » Und so schlimm es draußen auch stehen mag , für ihn ist es gut . Es treten schwere Aufgaben an ihn heran , und die werden ihm über seinen großen Schmerz hinweghelfen . « Auch er verließ das Haus . Die Majorin schloß die unteren Fenster der Amtsstube , zog die Vorhänge vor und öffnete dem Luftzug die oberen Flügel ... Einen Augenblick verharrte sie erschüttert vor der Leiche des Knaben , der nur über die Erde gegangen war , um mit jeder seiner kleinen Fußstapfen Unheil und Leiden für andere aus dem Boden zu stampfen – und sie legte die Hand auf die Brust und sagte sich , daß auch sie voll Schuld sei , daß sich ihr glühender , fast frevelhafter Wunsch , den Wolframschen Namen fortleben zu sehen , in seiner Erfüllung strafend auch gegen sie selbst gerichtet habe . Sie löschte das Nachtlicht aus , schloß die Türen und ging in die Küche . Dort kauerten die Mägde auf der Türschwelle , und waren ermüdet eingeschlafen . Ohne sie zu wecken , zog sie den Docht zu einem ungefährlichen Flämmchen tiefer in die Lampe und ging hinaus , über den Hof hinweg in den Garten . Sie wußte zum erstenmal in ihrem Leben nicht , wohin sie ihr Haupt legen sollte . Der Rat hatte sie aus seinem Hause gewiesen , und den Schlüssel zu dem Giebelzimmer , dem Raume , der trotz alledem augenblicklich ihr unbestrittenes Eigentum war , trug er in der Tasche ... So setzte sie sich auf die Gartenbank und wollte das Frührot erwarten , um dann am Schillingshof um Einlaß anzuklopfen . Die Sterne funkelten in seltener Pracht über dem Klosterhause , über den alten Giebeln und Mauern , in denen sie als glückliches Kind gespielt , als stolze Braut geträumt und als Frau und Mutter unbeschreiblich gelitten hatte – durch eigenes Verschulden ! ... Und was der Tag mit seinen Stürmen nur halb vollzogen , das vollendete nun die stille , schweigende , feierliche Nacht – die Läuterung , der Frauenseele , die sich selbst heute nachmittag noch einmal erbittert , voll auflodernder Eifersucht und Rachegefühl empört hatte bei der Nachricht , daß der böslich verlassene Mann , der heute noch geliebte , mit einer anderen glücklich geworden war und sie , die Unversöhnliche , vergessen hatte . Da hatte sie mit sich ringen müssen , um nicht plötzlich voll Haß mit den Händen nach der herrlichen Frauengestalt zu stoßen , die das Kind jener verhaßten » Zweiten « war . Aber auch das war nun vorüber und niedergekämpft zu den Schlacken , die der sturmvolle Läuterungsprozeß von ihrer Seele schüttelte ... Am anderen Morgen lief die erschütternde Nachricht durch die Stadt , daß der Herr Rat Wolfram selbst in seinen Gruben verunglückt sei . Die Leute erzählten , er sei des Nachts wie ein Trunkener oder ein vom Schwindel Befallener hinaufgekommen , sei allen Abmahnungen zum Trotz mit der Rettungsmannschaft in die Gruben hinabgefahren und plötzlich , kaum nach Beginn der Einfahrt , lautlos von ihrer Seite verschwunden – der Schwindel müsse ihn in die gähnende Tiefe hinabgerissen haben . 36. Eine unbeschreibliche Aufregung herrschte in allen Kreisen . Man hatte ja das Unheil in den Gruben längst vorausgesagt , und doch hatte es durch den habgierigen Starrkopf des Bergwerkbesitzers und den Leichtsinn seiner Arbeiter dahin kommen dürfen , daß in wenigen schrecklichen Stunden eine Schar kräftiger Männer , Väter und Söhne , eines furchtbaren Todes sterben mußten – es waren nur wenige gerettet worden . In all dem Jammer , der grenzenlosen Erbitterung war es deshalb für viele Gemüter ein wahrer Trost , eine tiefe Genugtuung gewesen , daß der Rat Wolfram die ganze Schuld allein auf seine Schultern nehmen und deshalb schwer werde büßen und bluten müssen ... Nun war er aber tot – er war selbst das Opfer der Katastrophe geworden , noch dazu in derselben Nacht , wo er sein einziges Kind hatte sterben sehen . Für viele war das die notwendige Sühne seines Unrechts , die sichtbare Hand Gottes selbst , die ihn strafend in die Tiefe geschleudert , andere aber munkelten bereits , daß sein jähes Ende wohl nicht ohne seinen eigenen Willen und Vorsatz erfolgt wäre . Aber die Art und Weise , wie Veit verunglückt war , verlautete noch nichts in der Öffentlichkeit . Desto größer war das Aufsehen im Schillingshofe selbst . Hannchen war sofort in das Atelier gegangen und hatte dem Herrn des Hauses das Geschehnis angezeigt , und Mamsell Birkern hatte auch keine Veranlassung gehabt , bei den Bediensteten über Adams glänzende Rechtfertigung zu schweigen . Die Nachricht hatte wie eine Alarmtrommel das ganze dienende Völkchen zusammengescheucht ... Wie – es war nicht der Geist des armen Bedienten gewesen , der hinter den Holzwänden des Salons gespukt hatte ? Wirkliche Füße und Finger von Fleisch und Bein hatten an der spukhaften Stelle getappt und getastet , und das vermeintliche Gespenst wandelte stolz und hochmütig durch die Straßen der Stadt , ließ sich » Herr Rat « titulieren , war der Reichste unter den Reichen im weiten Umkreise , und hatte es nie der Mühe wert gefunden , den ehrlichen Dienstboten des Schillingshofes für ihren ehrerbietigen Gruß auch nur mit einem Augenwink zu danken ! – Dieser Spion , dieser Horcher an der Wand , dieser Spitzbube , der dem alten Freiherrn die Gedanken aus dem Kopfe und damit Unsummen aus der Tasche gestohlen hatte ! Nie hatten sich die braven Leute so viel in der Flurhalle und im Gang zu schaffen gemacht als an diesem Nachmittage , wo sie hofften , durch eine offengelassene Tür einen Einblick in den interessanten Salon zu gewinnen und die Verwüstung zu begucken , die der » tapfere « Pirat mit der Wucht seines Sprunges angerichtet . Allein Jack stand wie eine schwarze Marmorfigur ernsthaft vor der Tür , und die stolze Bewohnerin des Zimmers , die sonst immer um diese Zeit in den Garten ging , verließ heute ihre Gemächer nicht . Zudem erschien plötzlich Baron Schilling ; und wenn er auch , durch Jack angemeldet , nur für wenige Minuten im Salon verblieben war , um sich als Herr des Hauses vom Sachverhalt zu überzeugen , so konnte er doch jeden Augenblick wiederkommen , und der finstere , verweisende Blick , mit dem er die Wißbegierigen in der Flurhalle gemessen hatte , war allen in die Glieder gefahren . Am Morgen des anderen Tages aber standen sie doch schon wieder alle am Eisengitter des Vorgartens ; sie schielten flüsternd nach dem Klosterhause und sprachen mit den Vorübergehenden , die auch zu Haufen stehen blieben – der Bäckerjunge hatte die Nachricht von dem Tode des Rates mitgebracht . Die Leute waren nicht wenig erstaunt , als eine Magd vom Klostergute mit verweinten Augen hastig und schweigend an ihnen vorüber nach dem Säulenhause schritt und gleich darauf mit Donna Mercedes zurückkam . Sie hielt sich in scheuer Entfernung hinter der schönen , schlanken Frau , die ein schwarzes Spitzentuch über den Kopf und die Büste geworfen hatte , und die kleine Paula an der Hand führte . Alles wich scheu zur Seite vor der schwebenden majestätischen Erscheinung , die mit ihren feinbekleideten Füßen zum erstenmal den Gehweg vor dem Eisengitter betrat , um gleich darauf im Mauerpförtchen des Klostergutes zu verschwinden . Es war der Majorin nicht so gut geworden , wie sie gehofft und gewünscht , sie hatte nicht am Schillingshof anklopfen und Einlaß begehren können , um bei den Enkeln , den einzigen Wesen auf der Welt , die zu ihr gehörten , Trost und Beruhigung zu suchen . Als der erste Schein des ersehnten Frührots am Himmel aufgeflogen war , die Vögel im Gebüsch sich geregt und die Haushähne auf dem Hinterhofe ihren Weckruf in die Morgenstille hineingeschickt hatten , da war auch ein seltsames Raunen und Regen jenseits des Hintergebäudes laut geworden . Sie hatte gehört , wie die Mägde nach ihr riefen und sie ohne Zweifel im ganzen Hause suchten . Aber sie hatte sich nicht finden lassen wollen ; für sie gab es keinen Weg mehr zu dem Bruder zurück . Sie war von der Bank aufgestanden und förmlich flüchtenden Fußes nach der Tür geschritten , die in die öde Straße führte , bis der alte Knecht des Hauses , Thomas , suchend den Kopf durch die Gartentür gesteckt und ihr eine grauenhafte Botschaft nachgerufen hatte ... Vorbei war alles , alles ! – Da auf der Tragbahre , die man inmitten des Hausflurs niedergestellt hatte , lag das Ende eines mehr als dreihundertjährigen Wirkens und Strebens , lag der Stürmische , Gewalttätige , der zuletzt mit bösen Dämonen gerechnet , in der wahnsinnigen Sucht , alles weit zu überbieten , was die Altvorderen geleistet hatten . Tränenlosen Auges war sie nach dem Refektorium gewankt , hatte die Tür weit zurückgeschlagen und den Leuten stumm gewinkt , den letzten Herrn des Klostergutes in das stolzeste Zimmer des Hauses zu tragen . Sie hatte eigenhändig seinen kleinen Sohn neben ihn gebettet und dann an den getäfelten Wänden die massiv silbernen Armleuchter befestigt , die zum letztenmal bei Veits Taufe gestrahlt hatten – noch einmal sollte ihr Kerzenlicht aufflammen , dann leuchteten sie keinem Wolfram wieder . Wie eine Schlafwandelnde ging sie umher ; ihre Schläfen hämmerten und das Blut fieberte ; aber was geschehen mußte , das wurde getan mit übermenschlicher Willenskraft und Selbstüberwindung , und später , als es still im festverschlossenen Hause geworden war , ließ sie Donna Mercedes sagen , sie könne heute nicht kommen – sie müsse Totenwache auf dem Klostergute halten . Da war es nun freilich , als schwebe über den Gerüsten , die sich in der verhängnisvollen Nacht aufgetan hatten , eine holde Psyche empor – das kleine , blondlockige Mädchen im weißen Kleide flatterte an Donna Mercedes ' Hand in die düstere Flur des Klosterhauses ; aber es sah sich plötzlich mit großen , erschreckten Augen um und steckte das kleine Gesicht in die Kleiderfalten der Tante , genau so , wie es einst der arme , kleine Knabe im blauen Samtröckchen getan hatte . Und die Frau , die damals ihr Kind heftig gescholten hatte , weil sie stets der Meinung gewesen war , es gäbe nichts Stolzeres , Gediegeneres , kein Haus , das mehr anheimeln könnte als ihr Vaterhaus auf dem Klostergute , sie ließ jetzt unwillkürlich den Blick über die Wände und das schwarzbraune Deckengebälk hinfliegen , und da war es , als sei droben alles verschoben und verzogen wie ein über Nacht gealtertes , aus den Linien gegangenes Gesicht , als sei mit dem letzten gebrochenen Manneswillen , der drin auf der Bahre lag , auch das uralte » Falkennest « der Wolframs morsch geworden , und die schiefen Balken mußten demnächst wie Späne zersplittern unter der Wucht der von oben herabstürzenden Mauertrümmer , in welche der düstere Mönchsbau zusammensinke