Gefühl von tödtlicher Erstarrung durchschlich die Glieder des Mädchens , und es war , als krieche es auch lähmend an das wildklopfende Herz und hauche die Stimme an , die so fremd , so hart und klanglos aus der Brust kam . “ Ich habe schon bei meiner letzten Anwesenheit in Dresden gefühlt , daß mir , so wie es jetzt in meinem Innern aussieht , mit dem ausschließlichen Versenken in das Sprachstudium und die Musik , mit der Besorgung kleiner Hausgeschäfte und dergleichen nicht geholfen ist -- ich muß einen Wirkungskreis haben , der tüchtige , anstrengende Arbeit , Tag für Tag , von mir fordert . Bis vor wenigen Tagen noch zögerte ich , dieses Vorhaben auszusprechen , denn ich wußte , daß das erste Wort eine Reihe von Kämpfen mit meinem Vormunde einleiten würde -- der “ Goldfisch ” hatte ja bereits seinen Beruf , den , mit tadellosem Schick seine Revenüen zu verbrauchen . Das ist nun Alles aus . Der gefürchtete Geldschrank existiert nicht mehr , oder eigentlich , sein papierener Inhalt ist schon werthlos gewesen , ehe er zertrümmert in die Luft geschleudert wurde -- das ist mir zur unumstößlichen Gewißheit geworden , seit mir Nanni heute Nachmittag zuflüsterte , daß man drunten versiegele . Nicht wahr , meine vielen Hunderttausende existieren nicht mehr ? ” “ Ich glaube schwerlich , daß sich etwas retten läßt — ” “ Aber meine Mühle habe ich noch -- und da will ich bleiben . Vielleicht erregt es Ihre ernstliche Mißbilligung , wenn ich Ihnen sage , daß ich von nun an mein Eigentum selbst verwalten will , denn es sieht nach Emanzipation aus , wenn ein junges Mädchen als Inhaberin einer Firma selbstständig hervortritt . ” “ So falsch urtheile ich nicht ; ich befürworte sogar warm diese Art von Selbstständigkeit der Frauen ; ich weiß auch , daß Sie mit Ihrer Kraft und Energie sofort im richtigen Fahrwasser sein würden -- aber das ist ja nicht Ihre Bestimmung , Käthe . Sie sind berufen ein Familienglück zu begründen , nicht aber , den Kopf von Zahlen und Berechuungen , “ Tag für Tag ” , einsam am Geschäftspulte zu stehen . Fangen Sie lieber gar nicht an ! Denn eines Tages wird man Sie wegholen und nicht danach fragen , wo Sie in den Büchern gerade mit Ihrem Soll und Haben stehen , und das könnte eine schlimme Verwirrung geben . ” Wäre nur ein einziger intensiv beleuchtender Strahl des Sternenlichtes in das Dunkel der Allee gefallen , dann hätte der Sprechende schon von diesem Augenblicke an das Mädchen nicht mehr von seiner Seite gelassen -- eine so trostlose Verzweiflung malte sich in ihren Zügen -- , er würde sie in seine Hut genommen und nicht gezögert haben , der eigentlichen Spur nachzugehen , die den Widerstand erklärte . So aber deckte die Finsterniß den entsetzlichen Seelenkampf , der da neben ihm , ohne Laut , ohne auch nur einen verrätherischen Seufzer , durchstritten wurde , und er führte die Entmutigung und Niedergeschlagenheit , die ihre Summe so dumpf und eintönig machten , auf das Trennungsweh , auf die tiefe Erschütterung zurück , die der Anblick eines Sterbender hinterläßt . Hier und da sprang ein Kiesel mit leichtem Rasseln unter den Füßen der Weiterschreitenden auf , und das Welleugeräusch des nahen Flusses scholl stark in das augenblickliche Schweigen hineu , das auf die letzten Worte des Doktors gefolgt war . Die Linden der Allee traten zurück ; der Nachthimmel breitete sich droben wieder hin , und in sein Flimmern hineinstiegen dort die zwei schlanken italienischen Pappeln , welche die Holzbrücke flankierten . Bei diesem Anblicke drückte der Doktor unwillkürlich den Arm des jungen Mädchens an sich . “ Dort , Käthe ! ” flüsterte er innig . “ Dort haben Sie stets die ersten Veilchen gesucht ; ich habe Ihnen versprochen , daß Sie das immer dürften , und ich kann Wort halten -- ich werde meine Osterferien stets hier verleben . ” Käthe preßte die geballte Rechte auf die Brust ; sie glaubte ersticken zu müssen an dem heftigen Schlagen ihres Herzens , und doch fragte sie nach einer kurzen Pause anscheinend gelassen : “ Die Frau Diakonus wird Sie nach L ..... g begleiten ? ” “ Ja , sie will meinem Hauswesen vorstehen , so lange ich noch allein sein werde . Sie bringt mir ein großes Opfer und wird Gott danken , wenn sie den Stand der großen Stadt wieder von den Füßen schütteln und in ihr geliebtes grünes Heim hierher zurückkehren darf . Ich weiß , das edle , brave Herz , um das ich werbe . wird sie nicht allzu lange auf die Ablösung vou ihrem Posten warten lassen . ” setzte er mit weicher , bittender Stimme hinzu . Ein Licht in der Mühle tauchte vor ihnen auf . Dort hatten sie heute den Müller Franz hinausgetragen . Der Verunglückte hinterließ eine Witwe und drei Waisen . Das Dach , das sie noch beschützte , gehörte ihnen nicht , und das , was der fleißige Mann erarbeitet und gespart hatte , genügte nicht zu ihrem Unterhalte . Suse war heute für einen Moment in der Villa gewesen , um nach ihrer Herrin zu sehen . Sie hatte Käthe die Verzweiflung der Hinterlassenen als herzzerreißend geschildert und dabei den Wirrwarr bejammert , in den “ das herrenlose Geschäft ” mit jeder Stunde tiefer gerathe . Das Bogenfenster der Familienstube im Erdgeschoß , das nach dem Park hinausging , war dunkel . Schwarz und ungestalt ragte der Gebäudekomplex der Mühle in die Luft ; sie lag so einsam , so weltverlassen da ; das Gebell der Hofhunde , die beim Geräusch der näherkommenden Schritte anschlugen , klang verloren wie in eine öde , endlose Weite hinein . Die Räderarbeit schwieg , und der Mühlenraum stand so leer , so feierlich unbelebt , als hätte , seit dem Erkalten der freudig hier schaffenden Menschenhand , ein geschäftiges Heinzelmännnchen nach dem andern die Kappe über das vergrämte Gesicht gezogen und sich davon geschlichen . Der Doktor zog das junge Mädchen näher an sich , ehe er die Mauerpforte öffnete . “ Mir ist , als führte ich Sie in die Verbannung , ” sagte er zögernd und gepreßt . “ Sie sollten mir den Schmerz nacht machen , Sie gerade heute in dieser dunklen schweren Stunden allein zu wissen . Kommen Sie mit mir ! Die Tante wäre überglücklich , Sie aufnehmen und mütterlich verpflegen zu dürfen . ” “ ' Nein , nein ! ” stieß sie hastig heraus . “ Glauben Sie ja nicht , daß ich mich nutzlosem Jammer leidenschaftlich hingebe , wenn ich allein bin -- ich habe nicht einmal Zeit dazu , und ich will auch nicht . Ich muß dort ” -- sie zeigte nach dem Bogenfenster , wo jetzt hinter dem Kattunvorhange ein matter Lampenschein aufdämmerte – “ sofort als Trösterin eintreten . Die vier armen Menschen sind auf meine Kraft , meinen Beistand angewiesen . ” “ Liebe , liebe Käthe ! ” sagte er und zog mit beiden Händen ihre Rechte gegen seine Brust . “ So gehen Sie denn in Gottes Namen ! Ich würde es für eine schwere Sünde halten , Sie zu beirren , die Sie so tapfer den harten , aber unfehlbaren Weg zur Ueberwindung unfruchtbaren Schmerzes wählen . Seien Sie aber in der ersten Zeit nicht ebenso streng gegen sich als Rekonvaleszenten ! Tragen Sie die schützende Binde noch einige Tage auf der verheilenden Wunde , dann fort damit ! Und nun : zu Ostern , wenn die letzten Winteruebel fliehen , wenn Schnee und Eis thauen , dann gehen auch die Menschenherzen auf ; zu Ostern , da komme ich wieder . Bis dahin gedenken Sie eines Fernen , eines sehhsüchtig harrenden , und lassen Sie Verleumdung und Mißtrauen nicht zwischen uns treten ! ” .. Nie ! ” Dieses eine Wort brach fast wie ein Aufschrei aus ihrer Brust . Sie entzog ihm die Hand , die er an seine Lippen preßte ; dann rasselte die Mauerthür hinter ihr zu . Sie that keinen Schritt vorwärts , an die laue , feuchte Mauer gedrückt , und das Gesicht in den Händen vergraben , horchte sie athemlos auf seine verhallender Tritte . Was war Heuriettes Sterber gewesen gegen die Qualen ihres wildschlagenden Herzens , das weiterleben mußte ! Sie lauschte , bis die weiche Nachtluft lautlos an ihr vorüberstrich ; dann ging sie starren , thräuenlosen Auges in das Haus , um ihre Mission als Trösterin und Versorgerin zu beginnen . Drei Tage später , sofort nach Henriettens Beerdigung , verließen Doktor Bruck und die Tante Diakonus die Residenz . Ihn hatte Käthe nicht wieder gesehen , aber die Tante war wiederholt stundenlang bei ihr gewefen . An demselben Tage reiste auch Flora in Begleitung der Präsidentin ab . Die alte Dame begab sich in ein stärkendes Bad , und Flora ging nach Zürich , wo sie , wie man sich in der Resideuz erzählte , behufs medizinischer Studieu eine Zeitlang leben wollte . 29. Mehr als ein Jahr war vergangen seit jenem Märztage , wo Käthe Mangold , die Enkelin und einzige Erbin des reicher Schloßmüllers , auf dem Fahrwege von der Stadt her geschritten war , um sich im Hause ihres Vormundes in ihrer neuen Eigenschaft als “ Goldfisch ” vorzustellen . Wer jetzt , von der mit eleganten Villen besetzten Chaussee abbiegend , diesen Weg betrat , der sah rechts , und zwar ebenfalls an der Chausseelinie hin , eine Reihe hübscher kleiner Häuser liegen ; sie gehörte den Arbeitern der Spinnerei und stand im ehemaligen Mühlengarten , auf dem Grund und Boden , den Käthe ihren Vormund für die Leute abgetrotzt hatte . Und die Bewohnner der Residenz gingen so gern da vorüber . Früher hatte sich hier die alte , dicke , das Mühlengrundstück begrenzende Mauer aufgethürmt -- in ihrem tiefen Schatten war der Fußsteig selten trocken geworden ; er war als grundlos verrufen gewesen . Nun dehnte sich hier plötzlich einre aumutige , mit Kugelakazien bepflanzte Promenade hin . Die kleinen Häuser sahen so nett und holländisch sauber aus mit ihrem fleckenlosen Oelanstriche , der luftigen Veranda neben der Hausthür und dem schmalen Vorgarten , der schon im Herbst mit allerlei Reisern schönblühender Gebüsche besetzt worden war . Die Schloßmühle lag hinter ihnen , altersdunkel , stolz in ihrer Ehrwürdigkeit , aber auch abgewendet mit ihren Fenstern , als zürne sie , daß man ihrem grünen Gartenmantel diesen modernen Saum angeflickt habe . Sie selbst hatte sich keiner Veränderung unterworfen ; nur die alte , halbverwischte Sonnenuhr war aufgefrischt und die kleine Thür nach dem anstoßenden Parke zugemauert worden . Die Schloßmühle stand in keiner Beziehung mehr zu dem ehemaligen Besitz der verblichenen Ritter vou Baumgarten die ihr vor Zeiten den herrschaftlich klingenden Titel verliehen hatten . Aber der tosende Lärm , das klopfende Herz in dem ehrwürdigen Bau des Mittelalters klang in verjüngter , erhöhter Kraft , und der in den Mühlhof mündende Fuhrweg war befahrener als je ; das “ herrenlose Geschäft ” ruhte in starken sicherer Hand und wurde mit klugem Blicke geleitet . Käthe hatte Glück gehabt bei ihrem Unternehmen . Sie hatte für die Mühle einen braven , sachkundigen Geschäftsführer gefunden , und in der Buchführung stand ihr der gänzlich verarmte Kaufmann Lenz zur Seite . Als Lehrling war sie in dem Komptoir eingetreten , das sie in der Mühle geschaffen , aber bei ihren bedeutenden Schulkenntniffen , ihrem scharfen , klaren Urtheil und Ueberblick war sie ihrem Lehrer und Meister binnen Kurzem ebenbürtig geworden . Sie arbeitete in der That , “ Tag für Tag ” wie ein Mann -- das Geschäft wuchs und erweiterte sich in rapider Weise und zeigte sehr bald Erfolge , wie sie selbst der Schloßmüller nicht errungen hatte . Und das , was sie auf ihrem selbstgewählten rauhen Lebenswege stärkte und ermutigte , waren die zufriedenen Gesichter um sie her . Es war jedes an seinem Platze . Sie hatte die Witwe des verunglückten Franz mit ihren Kindern bei sich behalten und ihr ein Asyl in einem neuhergerichteten , kleinen Seitengebände der Mühle für zeitlebens angewiesen . Die Frau besorgte mit Suse zusammen nach wie vor , die kleine zur Mühle gehörige Oekonomie und das Hauswesen , und die Kinder erhielten eine Ausbildung , wie sie ihr verstorbener Vater , der mehr auf die materiellen Errungenschaften bedacht gewesen war , sicher nie bewerkstelligt hätte . Von der großen Hinterlassenschaft des Schloßmüllers war Käthe in der That nichts verblieben , als die Mühle und einige Tauseud Thaler , die sie mit dem Stück Gartenboden zugleich von ihrem Vormunde erbeten und erpreßt und den Arbeitern zu ihrem Häuserbau geliehen hatte . Die vielen Hunderttausende waren in den Flammen spurlos verschwunden , und das wenige Gold und Silber , das man geschmolzen später unter Schutt und Trümmern fand , rührte wohl eher von Eßgeräth und Trinkbechern her , als von Münzen . Bei dem auf die Explosion folgenden geschäftlichen Zusammensturze kamen viele Gläubiger , trotz der vorhandenen Liegenschaften und Werthobjekte , um ihr Geld ; der Konkurs erwies sich als einer der schlimmsten hoffnungslosesten , die der große Krach hinter sich herschleppte . Villa und Park waren wieder in altadlige Hände gekommen , und der neue Besitzer ließ schleunigst die Turmtrümmer forträumen das Wasser in den Fluß zurückleiten und den Graben zufüllen ; selbst der geborstene Hügel wurde der Erde gleich gemacht , auf daß der ehemals ritterliche Grund und Boden durch Nichts mehr an die Zeit erinnere , wo sich der Uebermut eines Parvenü hier breit gemacht und ein schmachvolles Ende genommen habe . Auch der alte , ehrwürdige Holzbogen , der nach dem Hause am Flusse führte , war abgebrochen worden . Man ging jetzt über die der Spinnerei nahegelegene Steinbrücke und einen hübschen Fußweg am jenseitigen Ufer entlang , wenn man nach dem Doktorhaus kommen wollte . Das Haus , das im Spätherbste noch vollstäudig restauriert worden war , staud unbewohnt ; die alte Freundin der Tante Diakonus war den Winter über in der ehemalige Stadtwohnung des Doktors verblieben und wollte erst mit Beginn der schöneren Jahreszeit wieder hinausziehen . . . Dorthin wanderte Käthe fast jeden Tag . Ob die Herbstnebel dampften , und Weg und Steg von Nässe triefen mochten , ob die Schneeflocken stöberte oder der Wind eisig von Norden herblies sowie die Abenddämmeeng hereinbrach , warf Käthe die Feder sort , hüllte sich warm ein und huschte hinaus ins Freie . . . . Da schüttelte sie die Zahlenlast , das starre , trockene Geschäftswesen , unter welchem sie ihr heißes , klagendes Herz geflissentlich vergrub , für eine halbe Stunde ab ; dann war sie nicht die ernste , geschäftspünktliche Herrin , deren achtsamem Auge nicht die kleinste Unregelmäßigkeit entging , die an sich und ihre eigenen Leistungen die höchste Forderung stellte , und in weiser Verteilung von Lob und Rüge dasselbe bei ihren untergebenen zu erzielen wußte , ohne daß je ein hartes Wort von ihren Lippen , ein heftig zürnender Blick aus ihrem Auge kam -- sie war in diesen Dämmerstunden nur das junge Mädchen , das seiner tiefen Sehnsucht Raum gab , das , bei aller Härte und Strenge gegen seine unbezwingliche Neigung , sich doch Momente der wehmüthigen Träumerei , der Hingabe an den Schmerz zugestand . Dann trat sie durch die schmale , knarrende Staketthür , die ins Feld hinausführte und auf welche sie , Henriette auf den Armen , nach dem Attentat im Walde todesermattet zugeschritten war . Im Vorübergehen strich sie stets mit schmeichelnder Hand über das grünangelaufene Steinpostament , inmitten des Rasengrundes , neben welchem sie einmal mit Bruck gestanden , und suchte dann die Stelle aus , wo der Gartentisch postiert gewesen war -- dort hatte Bruck nun ihretwillen schwer gelitten -- das wußte sie nun . Sie umging das einsame Haus mit seinen verrammelten Fensterläden , seinen neuen , ungeheizten Schlöten und schnarrende Wetterfahnen und stieg die schlüpfrigen , winternassen Stufen hinauf , um das Ohr an das Schlüsselloch der Hausthür zu legen . Jenes schwache , scheinbare Seufzen , das der von dem geöffneten Bodenraum herabkommende Zugwind verursachte , schlich durch die weite Hausflur ; neben und über der Thür rasselten dürre Weinranken , und manchmal flog noch ein verspäteter Spatz unter den Dachvorsprung -- das war alles Leben , welches sich in der Verlassenheit regte , und doch horchte das junge Mädchen begierig darauf ; es war doch nicht Grabesstille , und das Recht , diese Thür wieder zu öffnen , lag ja noch in geliebte Hände , und eines Tages wurden auch wieder Schritte laut da drinnen und liebe Gesichter sahen zu den Fenstern heraus -- das war ja Alles festgestellt , wenn Käthe sich auch dabei sage mußte , daß sie selbst dann stets verreisen werde , bis Bruck einmal ein weibliches Wesen am Arme führte , in dessen Hand sie den Ring legen durfte . Er mochte wohl vielumworben sein in L ..... g. Der Ruf seines Namens wuchs von Tag zu Tag ; eine große , auserwählte Zuhörerschaft drängte sich zu seinen Vorlesungen , und die Nachricht von verschiedenen glücklichen Kuren , denen er hervorragende Persönlichkeiten unterworfen hatte , machte die Runde durch die Welt . Die Briefe der Tante Diakonus an Käthe -- sie schrieb ihr sehr oft -- atmeten Glück und Seligkeit ; sie waren für das junge Mädchen eine Quelle des Genusses , aber auch furchtbarer , neuaufgerüttelter Seelekämpfe , und deshalb antwortete sie ziemlich sparsam und zurückhaltend . Der Doktor selbst schrieb nicht -- er hielt streng an seinem Versprechen fest , sie nie zu bestürmen -- und begnügte sich stets mit einem Gruße , den sie freundlich und pünktlich erwiderte . So verlies ihr junges , einsames Leben Tag für Tag . Sie ahnte nicht , daß man sich in der Stadt viel mit ihr beschäftigte , daß sie jetzt , nach ihrer energisch durchgesetzten Mündigsprechung , wo sie sich so resolut und willensstark an die Spitze ihres Etablissements gestellt , weit mehr das Interesse und die Beachtung herausfordere , als früher durch ihre unliebsame Goldfisch-Titel . . . Dieser ausgezeichnete Leumund führte denn auch sehr oft einen Besuch in die Schloßmühle , den sie das erste Mal mit unverhohlenem Erstaunen begrüßte . Die Frau Präsidentin Urach verschmähte es durchaus nicht mehr , auf ihren Spaziergängen mit der ihr treugebliebenen Jungfer in der Mühle einzukehren um , “ wie es ihre Pflicht gegen ihren verstorbenen theuren Schwiegersohn erheische , nach seiner jüngsten zu sehen ” . Die alte Dame war schon wenige Wochen nach ihrer Abreise in die Residenz zurückgekehrt ; sie hatte es draußen “ nicht ausgehalten ” . In einer engen Straße ein paar kleine , hochgelegene Zimmer bewohnend , lebte sie , ihren kargen Mitteln gemäß , zurückgezogen und halbvergessen von der Welt . Der Medizinalrath von Bär hatte sich ein Landgut gekauft und der Residez grollend den Rücken gekehrt -- er war für sie verschollen , und von den übrigen Freunden besuchte sie nur noch einige Altersgenossinnen und der pensionierte Oberst von Giese , die manchmal zu einem Spielchen bei ihr zusammenkamen . Sie fühlte sich mit einem Male so wohl “ in der großen , weiten Schloßmühlenstube , in der man so recht aufatmen könne “ ; sie ließ sich , ermüdet von dem zurückgelegten Weg und behaglich in das altmodische , federngepolsterte Kanapee des seligen Schloßmüllers gedrückt , den delikaten Kaffee vortrefflich schmecken , den Käthe stets sofort auf der Maschine bereitete , und protestierte durchaus nicht , wenn Suse , auf den Wink ihrer jungen Herrin hin , einen schweren Korb voll frischer Butter , Eier und Schinken an den Arm der Jungfer hing . Auf Flora war sie nicht gut zu sprechen . Die Enkelin , die im vollen Besitze ihres Vermögens geblieben , bezahlte zwar die Mietwohnung für ihre Großmama und trug auch die Kosten für die Bedienung ; alles übrige verbrauchte sie aber für sich selbst und konnte kaum auskommm , wie sie wiederholt brieflich versicherte . Zürich hatte sie sehr bald wieder verlassen – das “ grause ” ärztliche Studium irritierte ihr die Nerven “ bis zum Wahnsinnigwerden ” . Sie war eben eine jener geistigen Koketten , die um jeden Preis eine Rolle spielen und Aufsehen machen wollen , die sich gern den Anschein grübelnden Denkens und tiefgehender Kenntnisse geben , vor nichts aber mehr zurückschrecken , als vor der ernsten , harten Geistesarbeit . Nun war die Osterzeit herangekommen . Schon seit mehreren Wochen wurde im Garten des Doktorhauses unermüdlich gearbeitet . Der Doktor hatte einen Gärtner aus L . . . . . g geschickt ; der steckte neue Wege ab oder suchte vielmehr die Spuren des alten , sehr hübschen Gartenplanes wieder auf und gab den Anlagen die frühere Gestalt zurück . Viele Hände waren beschäftigt , zu graben und zu pflanzen , und Plätze wurden vorgerichtet , wo einige Statuen aufgestellt werden sollten , die aus L . . . . . g gekommen waren , und noch verpackt im Hausflur standen . Am Hause waren schon seit vierzehn Tagen alle Läden geöffnet ; die Zimmer wurden tapeziert und mit neuem Firnißanstriche versehen , und auf den First war sogar eine Fahnenstange gekommen . Dann zog die Freundin der Tante wieder ein und brachte eine Schaar Tagelöhnerinnen mit , die das Haus vom Dachboden bis zum Keller hinab spiegelblank machten . Käthe hatte ihre Spaziergänge nicht unterbrochen . Auch heute , am heiligen Abend vor dem Osterfeste , war sie in der Mittagsstunde noch einmal drüben gewesen . Im Garten wurde noch immer gepflanzt und angesäet , aber die alten Taxusgruppen , die früher als undurchdringliche , buschige und struppige Wildniß das Terrain verunstaltet und verdüstert hatten , standen gesäubert und in die ehemaligen Schranken zurückgewiesen , und aus ihrem dunklen Grün traten leuchtend und anmutig die neuen Sandsteinfiguren . Auf den Wegwindungen , welche die Hecken durchschnitten , lag in tadelloser Glätte heller Sand ; an die Stelle der knarrenden Holzthür im Zaune war ein feines schwarzes Eisengitter getreten , die Laube der Tante Diakonus stand weiß angestrichen und hinter dem Hause umschloß ein Plankenzaun den neuen Hühnerhos . Und auf dem wohlbekannten Steinpostamente vor dem Hause hob sich eine Terpsichore , die Arme in graziösem Schwunge emporgestreckt , auf der äußersten Spitze ihres zarten Füßchens , genau so , wie sich Käthe die längst zertrümmerte Gestalt auf dem schmalen Fußreste wieder aufgebaut hatte . „ Die Statue ist sehr hübsch ! “ sagte der fremde Gärtner achselzuckend ; „ sie müßte nur auf einem eleganteren Grunde stehen . Der Rasen ” – er zeigte über den Grasplatz hin – “ ist verwildert und nichts nutz , aber der Herr Professor hat mir streng verboten , den Spaten da anzusetzen . ” – Käthe bückte sich , Helle Glut auf den Wangen , und pflückte bie ersten Veilchen , die sich im Schutze des Postamentes bereits voll und köstlich duftend entfaltet hatten . „ Ja , der Rasen starrt von Unkraut , ” setzte der Gärtner über die Schulter hinzu und ging weiter . Und das Haus – jetzt in der That ein Schlößchen – stand heute da , glänzend in Frische und Neuheit und so festlich und feierlich geschmückt , “ als ob eine Braut einziehen sollte , ” sagte die alte Freundin ahnungslos lächelnd zu Käthe . Das schneeweiße Kätzchen kam über den neuen Mosaikfußboden des Flures leise gegangen ; im Zimmer der Tante Diakonus , hinter den Filetgardinen und umringt von den in der Stadt überwinterten Lorbeer- und Gummibäumen , schmetterte der Kanarienvogel aus voller , trillernder Kehle , und die Goldfischchen schwammen munter in der Glasschale – da war ja auch schon das gewohnte Leben und Treiben wieder eingekehrt , und die Tante Diakonus selbst sollte mit dem Nachmittagszuge eintreffen . Sie bringe auch einen Gast mit , hatte die alte Freundin , geheimnißvoll mit den Augen blinzelnd . gemeint ; wen , das wisse sie nicht ; sie habe nur den Auftrag erhalten , das Fremdenzimmer mit hübschen , neuen Möbeln zu versehen . Und dabei hatte sie stolz die breite , weißglänzende Flügelthür zurückgeschlagen , und Käthe war in einen Thränenstrom ausgebrochen – sie mußte an ihre Henriette denken , die hier gelitten hatte , und doch noch einmal in ihrem armen Leben so glücklich , so stillselig gewesen war . Neben dieser schmerzvollen Erinnerung rang sich aber auch noch eine nie gekannte , heißaufquellende Eifersucht empor . Wer war sie , die sich an das Herz der Tante gedrängt und die alte Frau so sehr für sich eingenommen hatte , daß sie als Besuch mitkommen durfte ? Die rosenbestreuten Gardinen und die schaukelnden Blumenampeln waren an den Fenstern verblieben ; die altmodische , mühsam zusammengesuchte Zimmereinrichtung dagegen hatte modernen , hübschen , wenn auch sehr einfachen Kirschbaummöbeln weichen müssen , und statt der verblichenen Bilder aus Voß ’ „ Luise “ hingen einige schöne Landschaften an den helltapezierten Wänden . Der , ach , so wohlbekannte Raum war in ein trauliches Wohnzimmer umgewandelt und ein anstoßendes , früher vollkommen leerstehendes Cabinet als Schlafgemach eingerichtet worden . Dies Alles hatte Käthe noch einmal mit thränenverdunkelten Augen überblickt , dann war sie heimgegangen , um an den Schreibtisch zu treten und noch einige nöthige Geschäftsbriefe zu schreiben . Kaufmann Lenz sollte am Abende von seiner geschäftlichen Rundreise zurückkehren ; bis dahin hatte die junge Herrin noch Manches zu erledigen , um dann , abgelöst von ihrem Posten , auf vierzehn Tage nach Dresden zu ihren Pflegeeltern zu reisen . Ach , wie entsetzlich zerstreut war sie doch heute ! Wie klopften ihre Pulse , und wie abscheulich zerfahren kamen die sonst so sicheren Gedanken und Buchstaben aus ihrer Feder ! Und nun trat auch noch die Jungfer der Präsidentin ein ; sie hatte den großen , leeren Marktkorb am Arme , “ weil sie eben das bißchen Bedarf für die Festtage in der Stadt einkaufen wollte ; es sei ja nur ein kleiner Umweg über die Mühle , habe die gnädige Frau gemeint und ihr einen eben eingelaufenen Brief von Fräulein Flora zum Durchlesen für das “ liebe Fräulein Käthchen ” mitgegeben . Suse wurde sofort beordert , den Korb bis an den Rand mit ihren schöngerathenen Napfkuchen und allen möglichen guten Dingen aus der Speisekammer zu füllen , der Brief aber lag noch unberührt auf dem Schreibtische , als die Jungfer längst in die Stadt zurückgekehrt war . Die Präsidentin hatte dem jungen Mädchen schon einige Male die Zuschriften der Stiefschwester mitgetheilt -- es war Käthe zwar stets zu Mute gewesen , als glühe das Briefblatt zwischen ihren Fingern , aber sie hatte pflichtschuldigst gelesen , um nicht feindselig zu erscheinen . Auch jetzt überschlich sie das Gefühl , als müsse aus dem starkparfümierten Kouvert da neben ihr eine Flamme züngeln , um sie zu verletzen . Unwillig schob sie das widerwärtige kleine Viereck mit dem Ellenbogen weiter , sodaß es unter einem Stoße von Rechnungsformularen verschwand -- sie sah nicht ein , weshalb sie sich auch noch durch das Lesen einer der meist sehr frivolen und von Anmaßung und Uebermut strotzenden Episteln aufregen solle , wie es bisher stets der Fall gewesen war . Die Feder wurde wieder aufgenommen , aber nur für wenige Augenblicke . Erregt griff das junge Mädchen wie nach einem schützenden Talisman nach den mitgebrachten Veilchen , die vor ihr im Glase standen , und atmete den kühlen , süßen Duft ein . Sie trat an ihren Flügel und spielte zur inneren Beschwichtigung eine harmlose , sanfte Melodie ; sie öffnete eines der Fenster und streichelte die kirren Tauben , die draußen auf dem Sims hockten , und dabei sagte sie sich wiederholt , daß die Uebermittelung des Briefes im Grunde ja nur ein maskiertes Attentat auf ihre Speisekammer gewesen sei -- aber es mußte ein böser Zauber in dem unseligen Kouvert stecken . Das Blut stürmte ihr immer heißer nach dem Kopfe , bis sie , glühend wie im Fieber , plötzlich die Formulare wegstieß und mit hastigen Fingern den Brief ergriff . Beim Entfalten des Papierbogens fiel ein verfiegelter Zettel heraus -- sie bemerkte es nicht -- ihre Augen irrten über den Anfang der Zuschrift ; sie wurden groß und weit , und unwillkürlich griff das starke Mädchen nach einer Stütze , um sich eine festere Haltung zu geben . Flora schrieb von Berlin aus . “ — Du wirft wohl lache und triumphieren , liebe Großmama , aber ich sehe ein , es ist besser so -- ich habe mich vor einer Stunde mit Deinem ehemaligen Protege , Karl von Stetten , verlobt . Er ist häßlicher und körperlich verkommener als je und trägt in seinem Bullennbeißergesicht jetzt auch noch eine blaue Brille – fi donc , ich werde mich zeitlebens genieren , an seinem Arm zu gehen , aber seine hündisch trene , wirkliche närrische Leidenschaft für mich erweckte mir schließlich doch ein menschliches Rühren , und weil er durch den unerwarteten Tod seines jungen Vetters plötzlich Majoratsherr auf Lingen und Stromberg geworden ist , hier zu Hofe geht , und in der Gesellschaft gut angeschrieben zu sein scheint , so hatte ich sonst nicht viel mehr gegen die Partie einzuwenden – ” Der Brief flog auf den Schreibtisch -- Bruck war frei , dergestalt von seiner Kette erlöst , daß er nun auch -- in die Schloßmühle kommen durfte . War das denkbar ? Eine so jähe , ungeahnte Wendung , nachdem man sich sieben entsetzliche Monate hindurch gemartert , nachdem man alle innere Kraft aufgeboten hatte , um das widerspenstige Herz , ja , jeden abirrenden Gedanke zu knebeln , damit man endlich zu der stoischen , toten Ruhe gelange , mit der man den verhaßte Ring in die Hand der Auserwählten legen und dann seinen rauhen Lebensweg einsam , aber ohne Schuld zu Ende gehen konnte ! Sie schlug