verlache und verhöhne ! Sie sah wohl , daß sie Heiterkeit verbreitete , wo sie erschien , aber was war diese Anderes , als die Freude , sie zu sehen ? Ihr Vertrauen auf die Achtung und Liebe ihrer Mitmenschen war unerschütterlich , denn es wurzelte in dem unentreißbaren Vertrauen auf den eigenen Wert . Wer sollte ein so gutes , reichbegabtes Wesen , das sich seiner Talente noch dazu so wenig überhob , so bescheiden und herzlich gegen Jedermann war , nicht lieben ? Hierfür wäre ja nicht der entfernteste Grund gewesen . Dies Bewußtsein gab ihr jenes zuversichtliche Auftreten in der Gesellschaft , das sie sicher und unberührt durch alle Dornen und Klippen des Spottes , der Mißachtung hinschreiten ließ im ungestörten Frieden der Selbstgenügsamkeit . — Wohl ihr , sie genoß den Segen der Mittelmäßigkeit , ohne den Fluch zu empfinden , der ihr Andern gegenüber anhaftet ! Sie war heute ganz idyllisch , — denn Elsa in der Natur war eine andere — wenn auch nicht minder liebliche Gestalt als Elsa im Atelier ! Sie hatte ihren großen Strohhut , dessen Scheibe unaufhörlich auf- und niederschwankte , wenn sie so einherhüpfte , mit grünen Ranken bekränzt und ein Sträußchen von Feldblumen stak an ihrer Brust . Sie liebte die Feldblumen viel mehr als die Gartenblumen . Alle Welt preist die Gartenblumen , sie wollte sich der armen Unbeachteten erbarmen , und sie entschädigen durch ihre Liebe . Ihr zarter Sinn fand auch im Unscheinbaren das Schöne heraus , bedurfte nicht des Farbenreizes und der Formenpracht , um die Weisheit des Schöpfers zu erkennen . Jedes Gänseblümchen , jedes Gräschen würdigte sie sinniger Beachtung ; war es doch so wunderbarlich von Gott gemacht , entsprach doch die Bescheidenheit , mit der es sich dem oberflächlichen Blicke entzog , so ganz ihrem eigenen anspruchslosen Wesen — und endlich war es ja der Vorzug poetischer Naturen , an Dingen etwas zu sehen , an denen kein anderer Mensch etwas sah . Da traf es sie tief in ihr zartes Herz hinein , als der Professor der Botanik sie fragte : „ Aber Fräulein Elsa , weshalb haben Sie sich denn in ein Haus , wo so trefflich soupiert wird , ein Bündchen Heu mitgenommen ? “ „ O , Sie böser Mensch , “ schmollte sie . „ Sie werden mir mit Ihren Neckereien meine lieben Schützlinge doch nicht entleiden . “ „ Sind denn die Heublumen Ihre Schützlinge ? “ fragte der unerbittliche Professor . „ Da bekommen Sie aber viel zu tun , wenn die Herden auf die Weide getrieben werden . “ Alles lachte , auch Elsa lachte mit , sie verstand ja Scherz ! „ Ei nun , “ erwiderte sie , „ dem Stärkeren zum Opfer fallen , das ist ein Geschick , wovor Flora selbst ihre Kinder nicht beschützen kann . Gott sei dank , sie wachsen immer wieder ! Ich will sie auch gar nicht vor den Tieren behüten , denen sie zur Nahrung dienen . O , es ist ein schönes Los , das Leben Anderer zu fristen durch den eigenen Tod — ich will sie nur gegen die Geringschätzung der Menschen verteidigen . Sich des Verkannten anzunehmen , ist es nicht eine heilige Pflicht ? Wer sich aber nicht gewöhnt , sie im Kleinsten gewissenhaft zu üben , der tut es auch nicht im Großen . Deshalb lassen Sie mich nur meine armen verdursteten Blümchen ins Wasser stellen , damit sie die Köpfchen wieder erheben . “ Man reichte ihr ein Glas Wasser , und der Botaniker wollte ein Stück Zucker hineinwerfen , Zuckerwasser sei erfrischender , meinte er . „ Gehen Sie , gehen Sie — häßlicher Mensch , “ schalt Elsa und ordnete das Bouquet . „ Sehen Sie doch . Ist das nicht schön ? “ „ Gutes Fräulein , “ rief der Professor , „ fordern Sie nur von mir nicht , daß ich mich für die Schönheit einer Blume begeistere . Das ästhetische Wohlbehagen , das die Menschen beim Anblick einer Blume empfinden , ist mir längst verloren gegangen . Für mich ist das schönste Gewächs dasjenige , welches meinen Untersuchungen die meisten Resultate gewährt . “ „ Welch nüchterner Standpunkt , “ rief Elsa . „ Meine Damen , sagen sie selbst , gibt es etwas Unnatürlicheres , als einen Botaniker , der die Blumen nicht liebt ? Ist es nicht so verkehrt , wie ein Musiker , der sich nichts aus der Musik macht ? Ist es nicht ein Verrat an der scientia amabilis ? “ 65 „ Das sagen Sie nur , “ erwiderte der Gelehrte ärgerlich , „ weil Sie keinen Begriff von dem haben , was man heutzutage < < die liebenswürdige Wissenschaft > > nennt . Ich versichere Sie , die moderne Botanik hat , wie de Bary sagt , nicht mehr Rechte auf dieses Prädikat , als jede andere Wissenschaft.66 Sie ist nicht nur die Kenntnis von ein paar tausend Blumennamen und den mannigfachen Bedingungen ihres Gedeihens , sie ist die Erforschung ihres Lebensprozesses , also Pflanzenphysiologie . Die Blume ist uns nicht mehr Zweck sondern nur Mittel zum Zweck , und dieser Zweck ist derselbe , den Physik , Physiologie und jede exakte Wissenschaft anstrebt : es ist die Erkenntnis des Ganzen durch die Kenntnis der Teile . Sei der Teil nun Pflanze , Mensch oder Tier — wir suchen in jedem nach demselben Gesetz und es ist daher ebenso gleichgültig für sein Fach , ob der Pflanzenphysiologe die Blumen liebt , als es gleichgültig ist , ob der Physiologe die Menschen liebt . “ Elsa war bei diesen Worten hold errötet . „ Möllner liebt die Menschen — das weiß ich ! “ flüsterte sie . „ Desto besser , wenn er es tut , “ sagte der Professor lächelnd . „ Das ist ein Privatvergnügen , das wir ihm sicher nicht stören wollen . Innerhalb unseres Berufes jedoch ist ihm der Mensch nicht mehr als eine Pflanze — mir die Pflanze nicht weniger als ein Mensch ; beide sind uns das für unsere Forschungen unentbehrliche Objekt . “ „ Das glaube ich nicht von Möllner , “ hauchte Elsa vor sich hin . Der Botaniker zuckte mitleidig die Achseln und ließ sie stehen . Als er sich wieder zu seinen Kollegen wandte , schalten ihn diese weidlich aus : „ Man sieht , daß Sie erst kurze hier sind , sonst würden Sie sich nicht bemühen , der Elsa Herbert Vernunft zu predigen , “ hieß es . „ Wer wird überhaupt den Weibern so etwas begreiflich machen wollen ? “ Und es erhob sich ein schallendes Gelächter , von dem sich nur der ernste , junge Hilsborn ausschloß , dem diese Spöttereien zuwider waren . Wenn er auch selbst einen unüberwindlichen Widerwillen gegen Elsa hatte , so war er doch zu schonend , um ihm Worte zu leihen . „ Ei nun , man tut es sich ja selbst zu Liebe , wenn man die Dummheit ein wenig aufzuklären sucht , “ verteidigte sich der Botaniker gegen die Angreifer . „ Man kann doch solchen Unsinn nicht schweigend mit anhören ! “ „ Also , Fräulein Elschen , Sie finden , es ist ein schönes Los , von den Kühen gefressen zu werden ? “ rief ein junger Privatdozent , der die Studentenschuhe kaum vertreten hatte , herüber . Elsa war glücklich , so viel hatten sich die Herren lange nicht mit ihr beschäftigt . Sie hatte durch ihre geistvollen Einfälle wieder äußerst anregend und belebend gewirkt . Sie war heute in einer trefflichen Stimmung . Wie schade , daß Möllner nicht da war , ihren Triumph zu sehen . „ Ja , “ sagte sie heiter , „ was vergänglich ist wie eine Blume , kann nicht schöner sterben — als — “ „ In dem Magen einer Kuh , “ lachte der Skeptiker gerade heraus . „ Schade , daß Fechner diese poetische Auffassung nicht kannte , bevor er seine Nanna schrieb , er hätte sicher Nutzen daraus gezogen ! “ 67 „ O , auf diese Weise kann Alles travestieren , “ meinte Elsa . „ Ärgert mir die gute Elsa nicht , “ unterbrach Angelika das Gespräch und legte den weichen , schwellenden Arm um ihre spitzen Schultern . „ Schenke mir Deinen Strauß , liebe Elsa , “ bat sie . „ Da , stell ihn auf Deines Bruders Schreibtisch , “ flüsterte ihr diese in das Ohr . Angelika streifte sie mit einem mitleidigen Blick . „ Ich will es tun , Elsa , aber Du weißt , er macht sich nicht viel aus gepflückten Blumen . “ „ Ach , vielleicht gibt es ihnen Wert , daß eine so treue Freundeshand wie die Meine sie gebrochen . “ Ganz erschrocken nahm Angelika das Bouquet und sagte zögernd : „ Wenn er nur nicht böse wird , — er mag gar nichts auf dem Tische leiden , doch ich — ich will es versuchen . “ Rasch wie immer kam Moritz durch den Garten gerannt . Angelika stand noch über Elsa gebeugt , da fühlte sie einen brennenden Kuß in ihrem Nacken , und die blitzenden schwarzen Augen ihres Mannes sahen ihr ins Gesicht . „ Moritz , “ sagte sie mit Entzücken und lehnte ihre Wange an die seine , „ bist Du endlich da ? “ „ Ja , süß Weib , — ich mußte noch einen Krankenbesuch machen — aber jetzt gehe ich Dir nicht mehr von der Seite bis morgen früh um acht . Zwölf ganze Stunden ! Ist das recht ? “ „ Ob es recht ist ! “ wiederholte Angelika und die arme Elsa , die diese Herzensergüsse mitanhören mußte , denn das Paar stand dicht hinter ihr , fühlte sich heimlich durchbebt von der Ahnung solchen Liebesglückes . „ Na , “ sagte der alte Heim und zupfte Moritz am Rocke , — „ von Euren Liebkosungen werden wir nicht satt , die können uns höchstens den Appetit verderben . Deine Mama bittet Dich , den Wirt beim Abendbrot zu machen . “ „ Komm , Angelika , “ sagte Moritz und legte Angelikas Arm in den seinen , — er führte nie eine andere Dame zu Tisch als seine Frau . Nun nahte ein schwerer Moment für Elsa , denn sie hatte das ihr unerklärliche Schicksal , stets sitzen zu bleiben , wenn getanzt wurde und wenn man zu Tische ging . Heute war sie gewiß wieder gezwungen , sich als Nachtrab an irgend eine Leidensgefährtin zu hängen oder , wenn das Glück wollte , von einem der letzten Herrn , der schon eine Dame hatte , aus Mitleid an den linken Arm genommen zu werden . Ach , ihr < < Ritter > > , ihr Lohengrin war ja nicht da , — er , der sie einst von dem letzten , dem furchtbarsten Sitzenbleiben , dem für immer — erretten sollte ! Wo war er — wo blieb er ? Und in ihrer Herzensangst wandte sie sich an einen der Herren , welche sich jetzt dem Kreis der Damen näherten , um ihnen nach frischem Tabak duftende Galanterien in Nase und Ohr zu hauchen . „ Ach , wissen Sie denn nicht , wo Professor Möllner ist ? “ Der Herr war ein junger Assistent , den Moritz mit auf das Dorf genommen hatte . Der Letztere erreichte ihn noch rechtzeitig , um ihn zuzuflüstern , „ Sagen Sie ’ s es nicht ! “ Der Angeredete machte ein verlegenes Gesicht , als Herbert noch herzutrat und boshaft sagte : „ Sie waren ja heute in Hochstetten , wo Professor Möllner , wie immer , den barmherzigen Samariter machte ? Ich hörte , wie Sie es Ihrem Kollegen Hilsborn erzählten . Bitte , geben Sie uns die interessante Geschichte doch auch zum Besten ! “ Er legte seine Hand wie zufällig auf die Schulter seiner Schwester , aber der scharfe Druck seiner spitzen Finger zeigte ihr , daß es weder aus Zärtlichkeit noch zufällig geschah . „ Man ist von Möllner gewöhnt , daß er Niemanden ungestraft beleidigen läßt , “ sprach Hilsborn . „ Ich denke , das sollten Sie , Herr Kollege Herbert , am Besten wissen . “ „ Ich habe allerdings schon einmal Gelegenheit gehabt , mich von dem Interesse , welches Möllner an Fräulein von Hartwich nimmt , zu überzeugen , wenn es auch nicht so gefährlich war , einen irrenden Kollegen als einen empörten Volkshaufen zurechtzuweisen . “ „ Was , was ist das ? “ erscholl es von Mund zu Mund , und die Gesellschaft drängte sich auf einen Knäuel zusammen . Da sagte Moritz laut und streng zu Herbert : „ Sie werden mir erlauben , den Dolmetscher für die Handlungsweise meines Schwagers selbst zu machen — Kollege — da ich doch füglich seine Motive besser kennen muß als ein Fremder ! Die Hartwich ist allerdings von dem Hochstetten Pöbel insultiert worden , und mein Schwager hat sie vor Steinwürfen geschützt . “ „ Ah , “ meinte Herbert , als begriffe er jetzt erst , „ zu diesem edeln Zwecke begab sich Ihr Schwager wohl nach dem zwei Meilen entfernten Dorfe ? “ „ Meinen Schwager über seine Zwecke zur Rechenschaft zu ziehen , dazu hatte ich bisher nicht den Mut — dergleichen gewagte Unternehmungen überlasse ich Ihnen , “ erwiderte Moritz und heftete seinen Adlerblick herausfordernd auf Herbert . „ Was muß aber da geschehen sein ? “ „ Was hat diese Hartwich angefangen ? — Umsonst — und ohne Grund — steht doch nicht ein ganzes Dorf gegen eine Privatperson auf ! “ „ Diese Hartwich muß ein entsetzliches Frauenzimmer sein ! “ Solche Reden flogen wie Kreuzfeuer hin und her . „ Meine Herrschaften , ich bitte jetzt dringend , zu Tische zu gehen , “ rief die Staatsrätin , die auf Kohlen stand . Doch alles Mahnen war vergebens . Wie hungrige Wölfe hatten sich die Damen und mehrere Herrn in das interessante Thema eingebissen und keine andere Speise konnte sie verlocken . Man fand des Staunens und der Mutmaßungen kein Ende . Man durfte in Gegenwart der wachsamen Angehörigen Möllners nicht sagen , was man dachte , aber man konnte doch wenigstens etwas durch Fragen erfahren . Man begriff nicht , wie Professor Möllner sich einer solchen Person annehmen konnte , man gönnte es ihr , daß die öffentliche Stimme sich so kräftig gegen sie erhob . „ Nein , “ sagte Elsa , „ die christliche Liebe erbarmt sich jeden Sünders , — aber diese Dame stellt unser Geschlecht in ein Licht , daß man erröten muß , ein Weib zu sein ! — Ich bin sonst allen Menschen gut , darf ich wohl mit Gretchen sagen , 68 — aber diese Hartwich bekundet eine Schamlosigkeit , eine Herzensroheit , die es jeder zartfühlenden Seele zur Pflicht macht , die Regungen des Mitleids zu unterdrücken und sie zu verabscheuen ! “ „ Nun sagen Sie mir , Fräulein Elsa , “ unterbrach sie Hilsborn empört , „ wo bleibt denn Ihr Grundsatz , der Verkannten müsse man sich annehmen , den Sie vorhin bei dem Gespräch über die Heublumen entwickelten ? “ Elsa errötete und strich sich verlegen die ausgegangenen Locken zurück . „ Aber , lieber Freund , “ bemerkte der Botaniker , „ die Hartwich ist auch keine Heublume ! “ „ Wenigstens keine , die die Kühe fressen , denn sie ist giftig ! “ sagte Herbert . „ O — es gibt Gewürm , welches auch am Schierling herumnagt , “ meinte ärgerlich der alte Heim . „ Sei sie aber auch Schierling oder Belladonna — wir kennen ja Alle deren Heilkraft , vielleicht könnte man sie als Gegengift gegen die Affektation und Scheinheiligkeit anwenden , die unsere heutige Damenwelt vergiften und Engherzigkeit , Bosheit und alle moralischen Krankheiten hervorrufen , — so wäre sie jedenfalls zu etwas nütze ! “ „ Das war zu grob ! “ flüsterte ihm Moritz zu , als er mit auf den Rücken gelegten Händen brummend an ihm vorüberschritt . „ Ich darf nicht mehr auf sie schimpfen , “ fuhr Moritz fort . „ Das bin ich Johannes schuldig , aber ich wollte doch , der Teufel holte sie , ehe Johannes sie sich holt ! “ Heim sah ihn an und zog seinen weißen , aber noch immer buschigen Brauen zusammen : „ Ich sage auf solchen Unsinn nichts , als : Wir werden uns wieder sprechen ! “ Die Staatsrätin näherte sich : „ Onkel Heim , Sie sind blind parteiisch — überzeugen Sie uns , daß diese Person etwas Anderes ist , als eine freche abgefeimte Spekulantin auf die Bewunderung der Welt und auf Gott weiß was sonst noch — überzeugen Sie uns , und wir wollen ihr abbitten , — bis dahin aber erlauben Sie uns , jede Annäherung meines Sohnes an sie als ein Unglück zu betrachten . Nun geben Sie mir den Arm , wir müssen endlich zu Tische ! “ „ Ja , das ist mir lieb , ich habe es satt , das leere Stroh zu dreschen , und freue mich auf einen herzhaften Bissen ! “ sagte der alte Herr und führte die Staatsrätin dem Hause zu , denn die Gesellschaft sollte oben speisen . Die Übrigen folgten , und Elsa flatterte als letzte Schwalbe traurig nach . Der Garten war durchschritten und man trat durch das Hoftor in die Hausflur . Jenem gerade gegenüber lag die vordere Tür , welche von der Straße hereinführte . Man schickte sich eben an , lachend und plaudernd die Treppen hinaufsteigen , als ein Wagen vorfuhr . Die Staatsrätin , die voran ging , hielt an und horchte , mit ihr der ganze Zug . Das konnte ja Johannes sein . Rasch ward die Tür geöffnet und der Erwartete erschien — aber nicht allein . Großer Gott , er führte eine Dame am Arm . Ein allgemeines „ Ah , “ erscholl . Johannes war ebenso überrascht von dem unverhofften Zusammentreffen mit der Gesellschaft , als diese von seinem Eintreten mit einer verschleierten Dame , welche sich bestürzt und hastig zurückziehen wollte , als sie die Leute sah . Doch Johannes hielt sie fest : „ Bleiben Sie , mein Fräulein , “ sagte er laut . „ Sie haben sich vor Niemandem zu scheuen . “ Die Staatsrätin mußte sich auf Heims Arm stützen , die Kniee zitterten ihr . „ Nehmen Sie sich zusammen , “ raunte der alte Mann ihr zu . „ Fügen Sie sich in das Unabänderliche — bedenken Sie , daß Ihr Sohn der Herr des Hauses ist ! “ „ Ich werde es nicht vergessen , “ erwiderte sie leise und bitter . Indessen hatte Johannes mit der sichtbar widerstrebenden Ernestine die Treppe erreicht . „ Liebe Mutter , ich bringe Dir einen Gast ! “ rief er hinauf , und das Glück strahlte aus seinen Mienen . Die Staatsrätin stieg mit jener befremdeten Miene ein paar Stufen herab , mit der man Leute empfängt , denen man zeigen will , daß man ihren Besuch nichts weniger als gerechtfertigt findet . „ Fräulein von Hartwich , “ sagte Johannes , sie der Mutter und der Gesellschaft zugleich vorstellend , „ hat sich von mir überreden lassen , für diese Nacht den Schutz unseres Daches anzunehmen , da ihr Oheim verreist ist und sie somit ganz wehrlos den Folgen einer nichtswürdigen Intrige preisgegeben wäre . “ „ Seien Sie mir willkommen , mein Fräulein , “ sagte die Staatsrätin mit kalter Höflichkeit , ohne Ernestinen die Hand zu reichen oder sie durch das kleinste Zeichen in ihrer peinlichen Lage aufzumuntern . „ Darf ich Sie bitten , unser einfaches Mahl zu teilen ? Wir können es leider nicht länger verschieben , da wir ohnehin über die Zeit auf meinen Sohn warten mußten . “ Ohne Ernestinen weiter zu beachten , schritt sie mit Heim wieder vorwärts dem Speisesaal zu . Ernestinen schnürte sich das Herz zu , welch ein Empfang war das , welche Demütigung hatte sie sich zugezogen . War das Spießrutenlaufen hier nicht tausendmal schlimmer , als daheim von rohen Bauern gesteinigt zu werden ? „ Lassen Sie mich fort , “ sagte Sie , ihren Arm aus dem Johannes ’ ziehend — „ ich fühle , daß ich Ihrer Mutter unwillkommen bin ! “ „ Ernestine , “ sprach Johannes , „ Du bist mein Gast und ich lasse Dich nicht fort . Verzeihe meiner Mutter den lieblosen Empfang . Er gilt nicht Dir sondern jenem Zerrbild , das sie sich von Dir machte . Bleibe und überzeuge die alte Frau , daß Du eine Andere bist , als sie glaubt , und Du wirst von ihr aufgenommen sein wie eine Tochter . “ „ O , mein Freund , mein einziger Freund , ich will Ihnen gehorchen , aber ich tue es schweren Herzens . Hätten Sie mich für ein paar Tage zum alten Leonhardt ziehen lassen , es wäre besser . “ „ Wie hättest Du zu Leonhardt gekonnt “ — unterbrach sie Johannes unwillig — „ man hätte ihn ja geächtet , wenn er Dich bei sich aufnahm — und ohne Deinen Oheim diese Nacht allein auf dem Schlosse zu bleiben , das ging ebensowenig . Du mußt Dich darein finden , unter meinem Schutze zu stehen . Ist denn das so schlimm ? “ „ O nein , “ sagte Ernestine und sah ihn dankbar an . „ Das nicht — aber die Andern ! “ „ Es tut auch mir leid , daß wir in den Schwarm geraten mußten . Alles wäre so gut geworden , wenn wir sie nicht auf der Treppe trafen . Ich hätte Dich in mein Arbeitszimmer geführt , das nie Jemand betritt , dort könntest Du ausruhen , bis die Gesellschaft fort war , und dann hätte Dir meine Mutter ein friedliches Schlafgemach bereitet . So aber , da sie Dich einmal gesehen , darfst Du Dich auch nicht wie eine Schuldbewußte verstecken , mußt Du unter sie treten mit dem ganzen edlen Gefühle Deiner Selbst . Es ist Mancher darunter , der Dir bereits wohl will und Mancher , den Du durch Deine Persönlichkeit gewinnen wirst . “ „ Ich fürchte diese Menschen weit mehr , als die wütenden Bauern , “ klagte Ernestine . „ Ich bin so ermattet ! “ „ Mein armes Kind , “ tröstete Johannes gütig , , , ich glaube es wohl — aber tue es mir zu Liebe . Willst Du ? Es freut mich , wenn Du an meiner Seite sitzest und ich mich vor den Menschen als Deinen Freund bekennen darf . “ „ Nun denn , so will ich mich fügen , “ sagte Ernestine ergeben und stieg mit Johannes die Treppe hinan . Vor der Tür des Speisezimmers nahm er ihr Hut und Mantel ab und betrachtete entzückt das bleiche schöne Antlitz mit der edlen , geistvollen Stirn und den großen , schwermütigen Augen , die schlanke , ungewöhnlich hohe Gestalt umhüllt von einem schlichten faltigen Battistkleid . Wer konnte ihr widerstehen , der sie sah ? Er war stolz auf sie ! Die Gesellschaft stand wartend um den Tisch , als er mit ihr hereintrat . Der Eindruck ihrer Erscheinung war denn auch ein außergewöhnlicher . Es war , als sei eine der bleichen , geisterhaften Frauengestalten in Kaulbachs Hunnenschlacht aus dem Rahmen getreten.69 Niemand hatte noch je eine so ideale und doch so düstere Schönheit in Wirklichkeit gesehen . Wie mit einem Schlage verstummten Alle , und aller Augen sogen begierig den seltenen Anblick ein . „ Donnerwetter , das Weib ist gefährlich , “ flüsterte Moritz der Staatsrätin zu . „ Ja , das ist sie ! “ erwiderte diese unfähig , ein Auge von ihr zu wenden . „ Mein armer Johannes ! “ „ Nun , sieht man so was alle Tage ? “ brummte der alte Heim stolz . „ Ich hab ’ s ja immer gesagt , die wird noch einmal schön ! “ „ Hört , sie ist himmlisch , und ich muß sie lieb haben ! Jetzt macht mit mir , was Ihr wollt , “ flüsterte Angelika und flog , ohne sich um Mann und Mutter zu kümmern , auf die in qualvoller Verlegenheit Dastehende zu : „ Fräulein Ernestine , kennen Sie mich noch ? “ Ernestine sah sie einige Sekunden an . „ Das kann nur die kleine Angelika sein . “ „ Richtig erraten , “ sagte die junge Frau , stellte sich auf die Zehen und drückte ihre purpurnen Lippen auf Ernestinens feinen Mund . Jetzt näherte sich auch Moritz und sagte in seiner barschen , humoristischen Weise : „ Und ich bin der Mann von der Frau . Nebenbei nenne ich mich Kern und bin einer der Unholde , die den Mut hatten , einer so schönen Dame unsern Hörsaal zu verschließen ! “ Ernestine sah ihn groß an , sie fand sich indessen rasch in die Art des originellen Mannes und ein Lächeln überflog ihre Züge . „ Na , “ fuhr er fort , „ es reut mich nicht , nachdem ich Sie gesehen , denn , wenn die Burschen solch einen Kommilitonen neben sich sitzen hätten , lernte ja keiner mehr was ! “ Ernestine schlug die Augen nieder und schwieg betroffen und beschämt . Moritz beobachtete sie eine Zeit lang , dann gab er Johannes einen wohlgemeinten Schlag auf die Schulter und flüsterte ihm zu : „ Na , übelnehmen kann ich Dir ’ s nicht , wenn Dir die gefällt . “ „ So sind die Männer , “ sagte die Staatsrätin leise zu Frau Professor Meibert . „ Meinen Schwiegersohn , der sonst kein Frauenzimmer ansieht , hat sie schon gewonnen mit ihrer hübschen Larve . “ , Ja und sehen Sie ’ mal , mein Alter steuert auch auf sie los , “ war die Antwort . „ Aber still und anständig ist sie , das muß man sagen . “ „ Stille Wasser sind tief ! “ meinte die Staatsrätin . „ Ja , ja ! Ei ja ! “ bestätigte die Andere . „ Was meinen Sie , Herr Professor , “ sagte die Gattin Tauns zu Herbert und blickte bewundernd nach Ernestinen , „ da könnten wir nächsten Winter lebende Bilder stellen , wie ? Was meinen Sie , die und Angelika als die beiden Leonoren70 — wie ? “ „ Aber , liebste Taun , “ sagte Frau Berk , „ Angelika kann nächsten Winter ja nicht in Bildern stehen ! “ „ Ach daran dachte ich nicht ! Ei , ei , ei , über die jungen Frauen ! — Schade , meine Tochter ist zu brünett . Zwei Brünetten nebeneinander , das paßt nicht . “ „ Stellen Sie doch Herkules und Omphale.71 Teilen Sie der Hartwich die Omphale zu und setzen Sie Professor Möllner an den Spinnrocken . Das wird ein recht lebensvolles Bild werden ! “ bemerkte Herbert . „ Sie sind ihr nicht hold , wie ich höre , “ sagte Frau Taun , „ aber seit ich sie sehe , kann ich nicht mehr an all das Schlechte glauben , was man von ihr erzählt . Auch ist wohl Möllner nicht der Mann , der sich an das Spinnrad setzen ließe — selbst wenn sie eine Omphale wäre . Ihr Vergleich paßt also nicht hierher . “ Herbert zuckte wieder die Achseln . „ Nun , meine liebe Freundin , “ hörte man jetzt Möllners kräftige Stimme , „ erlauben Sie mir , Sie mit Ihren Freunden und Feinden näher bekannt zu machen . Sehen Sie hier , das ist ein alter Freund von Ihnen , Professor Hilsborn . Erinnern Sie sich seiner noch ? “ Ernestine besann sich , aber es fiel ihr nicht ein , wer es sein könne . „ Wir trafen uns einmal in einer Kindergesellschaft , “ erklärte Hilsborn , „ und Sie wetteiferten mit uns im Werfen von Steinen nach einer Glaskugel der Fontaine . Sie besiegten uns Alle und zogen deshalb viel Neid und Anfeindungen auf sich . “ Ernestine errötete . „ O ja , jetzt weiß ich — Sie waren ein sanfter , freundlicher Knabe , der Pflegesohn des Herrn Heim — aber wo — wo ist Heim ? “ „ Er ist hier , “ sagte der alte Herr und schaute sie mit seinen durchdringenden Augen forschend an . Ernestine reichte ihm die Hand , aber sie ertrug seinen Blick nicht und sah zu Boden . „ O Vater Heim , darf ich Sie noch so nennen ? “ „ So ist ’ s recht , “ rief der Alte . „ Also doch noch nicht vergessen ? “ Und er nahm ihren Kopf in beide Hände . „ Wie könnte ich Sie vergessen , der mich einst aus Lebensgefahr errettet ? “ „ Na , “ sagte Heim so leise , daß es kein Anderer hören konnte , „ weißt Du Kind , ich habe Dich immer lieb behalten , ich nehme Dich vor Allen in Schutz . Aber Dir unter vier Augen kann ich ’ s sagen , daß mir das Herz um Dich blutet , und wenn ich nicht hoffte , daß all das dumme Zeug in dem kleinen Kopf da doch endlich heraus und was Besseres hineinkommt , so sollte mir die Mühe leid tun , womit ich ihn seinerzeit wieder zusammengeflickt habe . Na , nichts für ungut , Du wirst von mir so was nicht hören wollen , vielleicht gibt es Einen , von dem Du Dir ’ s lieber sagen läßt . Und nun segne Gott Deinen Eingang in dieses Haus ! “ Ernestine erwiderte nichts , aber sie hatte tief empfunden , was er meinte