der Zeit meiner Abwesenheit hatte ich von Mrs. Fairfax gehört : die lustige , vornehme Gesellschaft , welche bei meiner Abreise noch im Herrenhause versammelt gewesen , hatte sich nach allen Seiten zerstreut . Mr. Rochester war vor drei Wochen nach London gereist , wurde aber während der nächsten vierzehn Tage von dort zurückerwartet . Mrs. Fairfax sprach die Vermutung aus , daß er hingereist sei , um Vorbereitungen für seine Hochzeit zu treffen , da er davon gesprochen habe , einen neuen Wagen kaufen zu wollen . Sie sagte , der Gedanke , daß er Miß Ingram heiraten wolle , erscheine ihr noch immer so seltsam ; aber nach allem , was » alle Welt « sagte und nach dem , was sie mit eigenen Augen gesehen , könne wohl kein Zweifel mehr daran sein , daß die Sache nahebevorstehend sei . » Du wärst aber auch ungewöhnlich ungläubig , wenn du daran zweifeltest , « sagte ich im Geiste zu mir selbst , » ich meinesteils zweifle nicht einen Augenblick daran . « Und nun folgte die Frage : » Wohin sollte ich dann gehen ? « Während der ganzen Nacht träumte mir von Miß Ingram ; ein lebhafter Morgentraum zeigte sie mir , wie sie alle Thore von Thornfield vor mir schloß und mich auf einem anderen Wege hinauswies ; Mr. Rochester stand ruhig mit verschränkten Armen daneben und ließ sie gewähren ; wie es schien , lächelte er sarkastisch sowohl über sie wie über mich . Ich hatte Mrs. Fairfax den bestimmten Tag meiner Ankunft nicht bekannt gegeben , denn ich wünschte nicht , daß man mir irgend ein Fuhrwerk nach Millcote entgegenschickte . Ich hatte mir vorgenommen , die Strecke Weges ruhig allein zu gehen ; und nachdem ich meinen Koffer dem Hausknechte anvertraut hatte , machte ich mich unbemerkt aus dem » Hotel zum heiligen Georg « davon und schlug an einem schönen Juniabende gegen sechs Uhr die alte Straße nach Thornfield ein – ein Weg , der hauptsächlich durch Felder führte und wenig benutzt wurde . Es war ein warmer , linder , aber kein strahlender , heißer Sommerabend ; die Wiesenarbeiter waren am ganzen Wege entlang beschäftigt ; der Himmel , wenn auch nicht wolkenlos , versprach gutes Wetter für die kommenden Tage ; seine Bläue – wo sie überhaupt sichtbar – war milde , und die Wolken zogen hoch und durchsichtig dahin . Auch der Westen war warm ; keine wässerigen Strahlen störten das Bild , es war , als sei ein Feuer angezündet , als brenne ein Altar hinter jenem dunstigen Vorhange , und wo dieser hie und da zerrissen war , schien eine goldige Röte hervor . Fröhlichkeit kam über mich , als ich den vor mir liegenden Weg immer kürzer werden sah ; ich wurde so froh , daß ich einmal im Gehen innehielt , um mich erstaunt zu fragen , was jene Empfindung des Glücks bedeute , und meine Vernunft daran zu erinnern , daß ich nicht in mein eigenes Heim oder an einen dauernden Ruheplatz , oder an einen Ort zurückkehre , wo treue , zärtliche Freunde meiner harrten und meine Ankunft herbeisehnten . » Aber Mrs. Fairfax wird ein freundliches Lächeln des Willkommens für dich haben , « sagte ich mir , » und die kleine Adele wird in die Hände klatschen und vor Freude springen , wenn sie dich sieht , – aber du weißt sehr wohl , daß sie es nicht sind , an die du denkst – und daß dieser Eine nicht an dich denkt . « Aber was ist so eigensinnig wie die Jugend ? Was so blind wie Unerfahrenheit ? Diese behaupteten , daß es schon Glück genug sei , Mr. Rochester nur anzublicken , ob er mich ansähe oder nicht , und sie fügten hinzu : » Eile , eile ! Bleib bei ihm so lange du darfst ; nur noch wenige Tage oder höchstens Wochen , und du bist für immer von ihm getrennt ! « Und dann erstickte mich eine neue Seelenqual – ein entsetzliches , ungeheuerliches Etwas , das ich nicht anerkennen , nicht Macht über mich gewinnen lassen durfte – und ich lief weiter . Auch auf den Wiesen von Thornfield waren die Leute mit dem Heuen beschäftigt , oder eigentlich waren die Mäher gerade mit ihrem Tagewerk zu Ende und gingen mit den Sensen und Rechen und Heugabeln über die Schulter gehängt ihren Häusern und Hütten zu . Dies war die Stunde meiner Ankunft . Ich habe nur noch über zwei Felder zu gehen und dann die Landstraße zu kreuzen – und ich bin am Thor . Wie üppig die Rosen an den Hecken blühen ! Aber ich habe keine Zeit , sie zu pflücken ; ich will nur nach Hause ! Ich kam an einem hohen Dornenstrauch vorüber , dessen dicht belaubte , blühende Zweige über den Weg wucherten . Ich sehe die enge Stiege mit den steinernen Stufen , und ich erblicke – Mr. Rochester , welcher dort sitzt ; in der Hand hält er ein Buch und einen Bleistift . Er schreibt . Nun , er ist kein Geist ; und doch bebt jede meiner Nerven ; für einen Augenblick habe ich alle Herrschaft über mich selbst verloren . Was bedeutet dies ? Ich hatte nicht geahnt , daß ich bei seinem Anblick so zittern würde – oder meine Stimme oder alle Bewegungskraft in seiner Gegenwart verlieren . Sobald ich mich rühren kann , werde ich umkehren ; ich brauche doch nicht zur absoluten Närrin zu werden . Es giebt ja noch einen anderen Weg nach dem Herrenhause . Aber es ist gleichgiltig , wenn ich auch zwanzig Wege kenne ; denn er hat mich bereits gesehen . » Hallo ! « ruft er und hält Buch und Stift in die Höhe . » Da sind Sie also ! Nur näher kommen , wenn ' s gefällig ist ! « Vermutlich gehe ich weiter , obgleich ich nicht weiß , wie dies geschieht , da ich kein Bewußtsein habe von dem , was ich thue und nur das Bestreben empfinde , ruhig zu erscheinen ; und vor allen Dingen die erregten Muskeln meines Gesichts zu beherrschen , die energisch gegen meinen Willen rebellieren und gern das zum Ausdruck bringen möchten , was ich selbst mit Aufwand all meiner Kräfte verbergen möchte . Aber ich habe ja einen Schleier – nun ist er herabgezogen . Vielleicht gelingt es mir doch noch mit anständiger Fassung zu erscheinen . » Und dies ist Jane Eyre ? Kommen Sie von Millcote , und zu Fuß ? Ja – wieder einer Ihrer Streiche ! Nicht um den Wagen zu ersuchen und über Stock und Stein dahergeklettert zu kommen , wie eine gewöhnliche Sterbliche ! Sich in der Dämmerstunde in die Nähe Ihres Hauses zu schleichen , gerade als ob Sie ein Traumgebilde oder ein Schatten wären ! Was zum Teufel haben Sie während des letzten Monats mit sich gemacht ? « » Ich war bei meiner Tante , Sir , die gestorben ist . « » Das ist wieder eine Antwort à la Jane Eyre ! Alle guten Geister mögen mich schützen ! Sie kommt aus dem Jenseits – aus der Wohnung der Leute , die gestorben sind ! Und das erzählt sie mir noch , wenn sie mich hier allein in der Dunkelheit trifft ! Wenn ich den Mut hätte , würde ich Sie anrühren , um zu sehen , ob Sie Schatten oder Wirklichkeit sind – Sie Elfe ! – aber gerade so gut könnte es mir einfallen , ein blaues ignis fatuus auf dem Moor greifen zu wollen . Tagediebin ! Tagediebin ! « fügte er hinzu und schwieg dann einen Augenblick . » Einen ganzen Monat fern von mir gewesen ! Und ich möchte schwören , daß sie mich ganz vergessen hat ! « Ich wußte , daß es eine Freude für mich sein würde , meinen Herrn wieder zu finden , wenn sie auch durch die Furcht getrübt wurde , daß er bald aufhören würde , mein Herr zu sein , und das Bewußtsein , daß ich selbst ihm nichts sei . Aber Mr. Rochester besaß in so reichem Maße die Macht , glücklich zu machen – so glaubte ich wenigstens – daß es schon ein köstliches Mahl war , von den Brosamen zu kosten , welche er armen , fremden , verirrten Vögeln wie mir hinwarf . Seine letzten Worte waren Balsam : sie schienen anzudeuten , daß es ihm nicht gleichgiltig war , ob ich ihn vergaß oder nicht . Und er hatte von Thornfield wie von meinem Heim gesprochen – ach ! wenn es doch mein Heim wäre ! Er verließ die Stiege nicht , und ich hatte nicht den Mut , ihn zu bitten , daß er mich vorüber lasse . Ich fragte dann , ob er nicht in London gewesen sei . » Ja , vermutlich hat Ihr » zweites Gesicht « Ihnen das gesagt . « » Mrs. Fairfax teilte es mir in einem Briefe mit , « » Und hat sie Sie auch von dem Zweck meiner Reise gründlich unterrichtet ? « » O ja , Sir ! Jedermann kannte diesen Zweck . « » Sie müssen den Wagen ansehen , Jane , und mir sagen , ob Sie nicht der Ansicht sind , daß er Mrs. Rochester durchaus gefallen wird , und ob sie nicht aussehen wird wie eine Königin , wenn sie sich in die dunkelroten Polster zurücklehnt . Ich wollte nur , Jane , daß ich äußerlich ein wenig passender für sie wäre . Sagen Sie mir nun , da Sie doch eine Fee sind , können Sie mir nicht ein Zaubermittel oder einen Trunk oder irgend etwas Ähnliches geben , das einen schönen Mann aus mir machte ? « » Dazu reicht keine Zauberkraft aus , Sir ; « und innerlich setzte ich hinzu : » Ein liebendes Auge ist aller Zauber , dessen es hier bedarf ; einem solchen wären Sie schön genug ; vielmehr hat Ihr ernster Blick eine Macht , die größer ist als alle Macht der Schönheit . « Mr. Rochester hatte meine unausgesprochenen Gedanken oft mit einer Scharfsinnigleit gelesen , die mir völlig unbegreiflich war ; in diesem Falle indessen nahm er von meiner so schnell gesprochenen Entgegnung keine Notiz ; aber er lächelte mich mit jenem seltsamen Lächeln an , das nur ihm allein eigen war und das er nur bei den seltensten Gelegenheiten anwandte . Für gewöhnliche Gelegenheiten schien er es für zu gut zu halten ; es war ein förmlicher Sonnenschein des Gefühls – jetzt ließ er ihn über mich ausstrahlen . » Gehen Sie , Jane , « sagte er , indem er mir Platz machte , um über den Zauntritt steigen zu können , » gehen Sie nach Hause und lassen Sie Ihren kleinen , müden , wandernden Fuß auf der Schwelle eines Freundes ruhen . « Jetzt blieb mir nichts übrig , als ihm schweigend zu gehorchen ; es war keine Veranlassung zu weiterem Zwiegespräch . Ohne ein Wort zu reden , stieg ich über den Zauntritt und gedachte , ihn dort ruhig zu verlassen . Ein Impuls hielt mich zurück – eine unsichtbare Macht hieß mich umwenden . Ich sagte – oder irgend etwas in mir sagte ohne mein Wollen : » Ich danke Ihnen für Ihre große Güte , Mr. Rochester . Es macht mich so seltsam froh , wieder hier und bei Ihnen zu sein ; und wo Sie sind , ist mein Heim – mein einziges Heim . « Und dann ging ich so schnell weiter , daß er , selbst wenn er gewollt hätte , nicht imstande gewesen wäre , mich einzuholen . Die kleine Adele war halb närrisch vor Wonne , als sie meiner ansichtig wurde . Mrs. Fairfax empfing mich mit ihrer gewöhnlichen einfachen Herzlichkeit . Leah lächelte , und sogar Sophie sagte mir freundlich » bon soir « . Dies alles war so angenehm . Es giebt kein größeres Glück als das , von seinen Nebenmenschen geliebt zu werden und zu fühlen , daß deine Nähe ihre Freude und ihr Wohlbehagen nur erhöht . An diesem Abend war ich entschlossen , meine Augen vor der Zukunft zu schließen . Ich wollte nicht auf die mahnende Stimme hören , die mich vor der nahenden Trennung und künftigem Kummer warnte . Als die Theestunde vorüber , und Mrs. Fairfax ihr Strickzeug genommen , ich mich auf einen niedrigen Sessel ihr zur Seite gesetzt hatte , und Adele , welche auf dem Teppich kniete , sich dicht an mich schmiegte , schien ein Bewußtsein gegenseitiger Liebe uns wie mit einem goldenen Ringe zu umschließen , und ich sandte ein stilles Gebet zum Himmel , daß unsere Trennung nicht zu nahe bevorstehend sein möge . Als wir noch so saßen , trat Mr. Rochester unangemeldet ein . Er blickte uns an und schien Freude an dieser glücklichen Gruppe zu finden . Dann sagte er , die alte Dame fühle sich jetzt , wo sie ihre Adoptivtochter wieder habe , hoffentlich ganz glücklich und fügte hinzu , daß er sähe wie Adele » prête à croquer sa petite maman anglaise « sei ( bereit sei ihre kleine , englische Mama aufzuessen ) . – Da bemächtigte sich meiner der Wunsch , daß er uns auch noch nach seiner Heirat irgendwo unter seinem Schutze möchte beisammen sein lassen und uns nicht ganz aus dem Sonnenschein seiner Gegenwart verbannen . Vierzehn Tage zweifelhafter Ruhe verflossen nach meiner Rückkehr von Gateshead . Von der Heirat unseres Herrn wurde nicht gesprochen und ich gewahrte auch keine Vorbereitungen , die auf ein so nahe bevorstehendes Ereignis hätten schließen lassen können . Fast täglich fragte ich Mrs. Fairfax , ob sie irgend etwas Bestimmtes gehört habe , und immer lautete ihre Antwort verneinend . Einmal sagte sie , daß sie Mr. Rochester geradezu gefragt habe , wann er seine junge Frau nach Hause zu bringen gedenke ; er hatte ihr aber nur mit einem Schlagworte und einem seiner seltsamen Blicke geantwortet , und jetzt sei sie ebenso klug wie zuvor . Was mich aber ganz besonders in Erstaunen setzte , war , daß es kein Hin- und Herreisen gab , keine Besuche in Ingram-Park . Allerdings lag diese Besitzung zwanzig Meilen entfernt , auf der Grenze einer andern Grafschaft , aber was bedeutete diese Entfernung für einen begeisterten Liebhaber ? Für einen so geübten und unermüdlichen Reiter wie Mr. Rochester , war dieser Weg doch nur ein Morgenritt . Ich begann Hoffnungen zu hegen , zu denen nichts mich berechtigte , ich hoffte , daß die Verbindung abgebrochen , daß das ganze Gerücht ein falsches gewesen , daß einer oder gar beide anderen Sinnes geworden . Ich pflegte das Gesicht meines Herrn zu prüfen , ob es trotzig ober traurig sei ; aber ich konnte mich der Zeit nicht entsinnen , wo es so ungetrübt klar und ruhig gewesen wie gerade jetzt . Wenn ich in den Momenten , wo ich und meine Schülerin mit ihm zusammen waren , verstummte und in eine nicht zu bekämpfende Traurigkeit versank , konnte er sogar laut und fröhlich werden . Niemals hatte er so oft und andauernd meine Gesellschaft verlangt : niemals war er gütiger und liebevoller gewesen – ach ! und niemals hatte ich ihn inniger geliebt ! Drittes Kapitel . Eine herrliche Mittsommerzeit war über England gekommen . Gar selten sonst wird unser wogenbespültes Land mit einem so klaren Himmel , einem so strahlenden Sonnenschein beglückt , wie wir ihn jetzt ununterbrochen hatten . Es war , als ob eine Menge von italienischen Tagen wie eine Schar prächtiger Zugvögel vom Süden heraufgekommen wäre und sich , um auszuruhen , auf den Felsen Albions niedergelassen hätte . Alles Heu war hereingebracht . Die Wiesen um Thornfield waren grün und kurz geschoren ; die Landstraßen waren hell und staubig , die Bäume prangten in dunklem Grün . Hecken und Bäume in ihrem vollen dunklen Blätterschmuck kontrastierten auf das prächtigste mit den hellen Matten , auf welchen sie standen . Am Johannisabend war Adele , die den ganzen Tag wilde Erdbeeren in Havlane gesucht und daher zu Tode ermüdet war , mit der Sonne schlafen gegangen . Ich hatte ihr zugesehen , wie sie einschlief . Dann verließ ich sie und ging in den Garten . Es war die süßeste von allen vierundzwanzig Stunden . Das glühende Feuer des Tages war erloschen , und auf die lechzende Erde und die durstigen Hügel fiel der wohlthätige Thau . Wo die Sonne in ihrer einfachen Pracht untergegangen war , ohne sich mit dem Pomp der Wolken zu umgeben , zog sich ein feierlicher , roter Streifen hin , in dem es hier und da funkelte wie das Feuer eines köstlichen Edelsteins oder die Flamme eines lodernden Hochofens . Hoch und weit , schwächer und schwächer werdend , zog er sich über den halben Horizont . Im tiefblauen Osten stieg ein einziger Stern empor , bald sollte ihm der Mond folgen ; jetzt war er noch unter dem Horizont . Während einiger Minuten ging ich auf der gepflasterten Terrasse hin und her ; aber bald drang ein wohlbekannter Duft – der einer Cigarre – aus einem der geöffneten Fenster ; ich bemerkte , daß die Fensterthür des Bibliothekzimmers ungefähr eine Handbreit geöffnet war , und ich wußte , daß man mich von dort aus möglicherweise beobachten konnte ; deshalb ging ich hinunter in den Obstgarten . Im ganzen Park kein Winkel , der sich an Ruhe und paradiesischer Schönheit mit diesem hätte vergleichen können ; die schattenreichsten Bäume , die duftendsten Blumen wuchsen hier ; eine sehr hohe Mauer trennte ihn von dem Wirtschaftshofe an der einen Seite , an der andern verdeckte eine Buchenallee den großen dahinter liegenden Grasplatz , Am äußersten Ende war ein zerfallener Zaun , die einzige Scheide zwischen den einsamen Kornfeldern ; zu diesem Zaun führte ein gewundener Fußpfad , an welchem Lorbeerbäume sich entlang zogen und der vor einem riesenhaften Kastanienbaum endigte , um dessen Stamm eine bequeme Bank aufgestellt war . Hier konnte man ungesehen umherwandern . Der Thau fiel , es wurde dunkler und immer dunkler , stiller und immer stiller , und mir war , als könnte ich an diesem geschützten Ort für immer weilen . Als ich aber die Blumenbeete und Baumgruppen am oberen Ende dieses abgesonderten Winkels überblickte , wurde mein Schritt plötzlich gehemmt – nicht durch einen Gegenstand , nicht durch einen Laut , sondern wiederum durch einen verräterischen Duft . Jasmin und Nelken , Stabwurz und Feldrosen haben längst ihr allabendliches Opfer an Weihrauch dargebracht ; dieser neue Duft entsteigt weder einer Blume noch einem Strauch – er entströmt , ich weiß es nur zu wohl , Mr. Rochesters Cigarre . Ich blicke umher und horche . Ich sehe die Bäume mit reifenden Früchten beladen . Eine halbe Meile von hier entfernt , in einem lieblichen Gehölz , höre ich eine Nachtigall schlagen . Keine sich bewegende menschliche Gestalt ist sichtbar , kein nahender Schritt hörbar , aber jener Duft wird stärker : ich muß fliehen . Ich schreite auf die Gitterpforte zu , welche in die Baumschule führt – und sehe Mr. Rochester eintreten . Ich trete seitwärts in die epheuumrankte Nische ; er wird ja nicht lange verweilen ; bald wird er dorthin zurückkehren , von wo er gekommen , und wenn ich mich sehr ruhig verhalte , wird er mich vielleicht nicht sehen . Aber nein – die Abendruhe ist ihm ebenso wohlthuend wie mir , und dieser altertümliche Garten übt die gleiche Anziehungskraft auf ihn ; und weiter schlendert er . Jetzt hebt er den Zweig eines Stachelbeerbusches empor , um die reifenden Früchte zu prüfen , welche so groß wie Pflaumen sind und schwer zu Boden hängen . Dann pflückt er eine reife Kirsche vom Spalier ; nun wieder beugt er sich zu einer Blumengruppe nieder , entweder um ihren Duft einzuatmen oder die Thautropfen in ihren Kelchen zu bewundern . Eine große Motte summt an mir vorüber ; sie läßt sich auf einer Pflanze zu Mr. Rochesters Füßen nieder ; er sieht sie und beugt sich , um sie genau anzusehen . » Jetzt wendet er mir den Rücken , « dachte ich , » und ist emsig beschäftigt ; wenn ich sehr leise und geräuschlos gehe , komme ich vielleicht ungesehen davon . « Ich schlich am Rande der Beete entlang , damit das Knirschen der Kieselsteine , mit denen die Wege bestreut waren , mich nicht verraten sollte , einige Fußbreit von der Stelle entfernt , an welcher ich vorbei mußte , stand er zwischen den Blumengruppen ; augenscheinlich beschäftigte die Motte ihn . » Ich werde gewiß unbemerkt vorbeikommen , « dachte ich . Als ich über seinen Schatten , welchen der eben aufgegangene Mond über den Fußpfad warf , hinwegschritt , sagte er ruhig ohne sich umzuwenden : » Jane , kommen Sie her und sehen Sie dies Tier an . « Ich hatte kein Geräusch gemacht : er hatte auch keine Augen auf dem Rücken – konnte sein Schatten denn fühlen ? Im ersten Augenblick schrak ich zusammen , dann näherte ich mich ihm . » Sehen Sie die Flügel an , « sagte er , » sie erinnert mich an ein westindisches Insekt ; in England sieht man eine so große und lustige Nachtschwärmerin nicht oft : ah ! nun fliegt sie davon ! « Und die Motte flog fort . Auch ich wollte mich leise davon machen ; aber Mr. Rochester folgte mir , und als wir die Pforte erreichten , sagte er : » Kehren Sie mit mir um ; es ist eine Sünde , an einem so herrlichen Abend im Hause zu sitzen ; und niemand kann doch wünschen , sein Lager aufzusuchen , wenn Sonnenuntergang und Mondaufgang so wundersam zusammentreffen . « Es ist einer meiner Mängel , daß meine Zunge , die oft so leicht die passende Antwort findet , mir zuweilen den Dienst versagt , wenn es gilt , eine Entschuldigung vorzubringen , wenn ein leichthingeworfenes Wort oder ein plausibler Vorwand mich aus einer peinlichen Verlegenheit reißen könnte . Es war mir nicht angenehm , um diese Stunde mit Mr. Rochester allein im Obstgarten spazieren zu gehen ; aber mir fiel kein Prätext ein , unter dem ich ihn hätte verlassen können . Mit zögernden Schritten folgte ich ihm , mein Gehirn mühte sich ab , ein Mittel zu finden , um mich aus der Affaire zu ziehen , aber er selbst sah so ruhig und ernst aus , daß ich begann , mich meiner Verwirrung zu schämen . Das Unrecht – wenn von gegenwärtigem oder künftigem Unrecht die Rede sein konnte – schien nur auf meiner Seite zu liegen ; seine Stimmung schien ruhig und gefaßt zu sein . » Jane , « begann er von neuem , als wir in den Lorbeerbepflanzten Weg traten und langsam in der Richtung des verfallenen Zaunes und des Kastanienbaumes hinschritten , » Jane , Thornfield ist ein prächtiger Aufenthalt im Sommer , nicht wahr ? « » Ja , Sir . « » Das Haus muß Ihnen doch schon ein wenig lieb geworden sein , – Sie , die Sie ein Auge für Naturschönheit haben und einen stark ausgebildeten Sinn der Seßhaftigkeit . « » Allerdings hege ich eine Vorliebe für Thornfield . « » Und obgleich ich nicht begreife , wie es zugeht , so bemerke ich doch , daß Sie eine Art von Zuneigung für das thörichte kleine Ding , die Adele gefaßt haben und ebenso für die bescheidene Dame Fairfax . « » Ja , Sir , in verschiedener Weise habe ich beide herzlich lieb . « » Und würde es Ihnen schwer fallen , sich von beiden zu trennen ? « » Gewiß . « » Wie schade ! « sagte er seufzend . Dann schwieg er lange . » So geht es immer im Leben , « fuhr er nach einer Weile fort , » kaum hat man einen glücklichen Ruhefleck gefunden , so ertönt die Stimme , die einem zuruft aufzustehen und weiter zu gehen , denn die Stunde der Ruhe ist vorüber . « » Muß ich denn weitergehen , Sir ? « fragte ich . » Muß ich Thornfield wieder verlassen ? « » Ich glaube , Sie müssen , Jane . Es thut mir leid , Jane , aber ich glaube wirklich , daß Sie fort müssen . « Das war ein Schlag ; aber ich ließ mich nicht von ihm zu Boden schmettern . » Nun , Sir , ich werde bereit sein , wenn der Befehl zum Aufbruch kommt . « » Er kommt jetzt – ich muß ihn schon heute Abend erteilen . « » Sie wollen sich also verheiraten , Sir ? « » Sie haben es erraten – vollkommen erraten . Mit Ihrer gewöhnlichen Klugheit haben Sie wieder den Nagel auf den Kopf getroffen . « » Bald , Sir ? « » Sehr bald , meine – , ich wollte sagen Miß Eyre ; und Sie werden sich noch erinnern , als das Gerücht oder ich Ihnen zum erstenmal mitteilte , daß es meine Absicht sei , meinen alten Junggesellennacken unter das heilige Joch zu beugen , in den heiligen Stand der Ehe zu treten – Miß Ingram an mein Herz und meinen Herd zu nehmen , kurzum ... also ... nun , wie ich Ihnen schon sagte – hören Sie mich an , Jane ! Sie wenden den Kopf doch nicht ab , um noch mehr Motten zu suchen ? Es war nur eine verirrte , die heimwärts flog . Ich wollte Sie nur daran erinnern , daß Sie die erste waren , die mir sagte – allerdings mit jener Vorsicht und Fürsorglichkeit und Demut , welche Ihrer verantwortungsvollen und abhängigen Stellung zukommen – daß Sie und die kleine Adele für den Fall , daß ich Miß Ingram heiraten sollte , am liebsten fortgehen würden . Ich will nicht von der Beleidigung reden , welche in diesem Begehren für die Angebetete meines Herzens liegt ; in der That , Jane , wenn Sie weit fort sein werden , will ich sogar versuchen , diese Beleidigung zu vergessen ; ich will nur an die weise Fürsorge denken , welche darin lag ; diese war so groß , daß ich sie sogar zur Richtschnur für meine Handlungsweise machen will . Adele muß in ein Institut geschickt werden , und Sie , Miß Eyre , müssen eine neue Stellung haben . « » Ja , Sir , ich will sofort eine Annonce in die Zeitungen rücken lassen , inzwischen aber vermute ich – – « ich wollte sagen , » vermute ich , daß ich hier bleiben darf , bis ich eine andere Unterkunft gefunden habe , « aber ich hielt inne , weil ich fühlte , daß ich mich nicht an einen so langen Satz wagen dürfe , da ich meine Stimme in diesem Augenblick nicht ganz in der Gewalt hatte . » In ungefähr einem Monat hoffe ich Hochzeit zu halten , « fuhr Mr. Rochester fort , » und in der Zwischenzeit werde ich selbst nach einer Stellung und einem Asyl für Sie Umschau halten . « » Danke , Sir , es thut mir leid , daß ich Ihnen so viel Mühe verursache . « » Ah ! Sie brauchen sich nicht zu entschuldigen ! Ich bin der Ansicht , daß eine Untergebene , welche ihre Pflicht so treu erfüllt hat , wie Sie , das Recht hat , von ihrem Brotherrn jede kleine Unterstützung und Hilfe zu verlangen , welche er ihr ohne große Mühe leisten kann ; ich habe sogar schon durch meine künftige Schwiegermutter von einer Stellung gehört , die Ihnen möglicherweise konvenieren dürfte ; es handelt sich darum , die Erziehung der fünf Töchter einer gewissen Mrs. Dionysius O ' Gall auf Bitternutlodge , in der Grafschaft Connaught in Irland zu übernehmen . Irland wird Ihnen gefallen , glaube ich ; man sagt mir , daß die Menschen dort zu Lande warmherzig und gütig sind . « » Das ist aber so weit von hier , Sir . « » Das schadet nicht – ein so vernünftiges Mädchen wie Sie wird sich doch nicht an die lange Reise oder die Entfernung stoßen – nicht wahr ? « » Nicht an die Reise – aber an die Entfernung , und dann ist die See doch immerhin eine Scheidewand – – « » Zwischen wem , Jane ? « » Zwischen England , Thornfield , und – – « » Nun ? « » Und Ihnen , Sir . « Diese Worte entschlüpften mir fast unwillkürlich ; und ohne daß ich etwas dagegen zu thun vermochte , stürzten mir die Thränen aus den Augen . Iniessen weinte ich nicht so laut , daß man mich hätte hören können ; ich enthielt mich wenigstens des Schluchzens . Der Gedanke an Mrs. O ' Gall in Bitternutlodge mit ihren sieben Töchtern machte mir fast das Herz erstarren ; und noch erstarrender wirkte der Gedanke an all die Wogen und den Wellenschaum , die , wie es schien , bestimmt waren , zwischen mir und dem Manne , an dessen Seite ich jetzt wandelte , dahin zu rauschen ; und am tödlichsten war das Denken an jenes größere , tiefere , unschiffbarere Meer – Reichtum , Stellung , Althergebrachtes – das mich von dem trennte , den ich unwiderstehlich , ewig lieben mußte . » Es ist so weit von hier , « sagte ich noch einmal . » Gewiß ist es das , und wenn Sie einmal in Bitternutlodge , Grafschaft Connaught in Irland sind , dann werde ich Sie niemals wiedersehen , Jane , das ist unumstößlich gewiß . Denn ich gehe niemals nach Irland hinüber , ich habe keine Sympathieen für dieses Land . Aber nicht wahr , Jane , wir