der Küche stand und Tee kochte . Dann eilte er zu Lenore hinein . Frau Hadebusch wollte ihn nicht zu ihr lassen , er stieß sie zähneknirschend beiseite und warf sich am Bett nieder . Lenore hob den Kopf . Sie war totenbleich , ihr Gesicht war von Schweiß überströmt . » Daniel , du darfst hier nicht sein , darfst mich so nicht sehen , « stammelte sie mit Anstrengung , aber ihr Ton war so bestimmt und so gebieterisch , daß Daniel aufstand und zögernd aus dem Zimmer ging . Ein seltsamer , rasender Zorn erfaßte ihn . Er trank in der Küche Wasser und schleuderte das Glas zu Boden , daß es in hundert Scherben zersprang . Frau Hadebusch war ihm gefolgt . Sie sah finster aus . Als er dies bemerkte , schwindelte ihn , und er mußte sich setzen . » Der Doktor wird kommen , « sagte er rauh . » Herrjemine , was es jetzet für kotzwehleidige Leut gibt , « keifte die Alte , doch war ihr die Nachricht ersichtlich ganz angenehm . Sie fand sich durch den heutigen Fall in Schwierigkeiten verstrickt , denen sie sich nicht gewachsen fühlte . » Der Satan soll so ein zartgebautes Weibsvolk holen , « hatte sie vor einer Stunde gegen die grinsende Philippine bemerkt . Philippine kam zurück und meldete , der Doktor Müller sei auf Urlaub . » Ist denn nur der eine in der Stadt , du Vieh ? « heulte Daniel , » so geh zum Doktor Dingolfinger . Der wohnt noch näher , gleich neben dem Pellerhaus . Oder bleib da , ich lauf selber . « Doktor Dingolfinger war ein jüdischer Arzt , ein ziemlich bejahrter Mann schon , und es dauerte lange , bis ihn Daniel aus dem Schlaf geläutet hatte . Endlich schritt er an seiner Seite über den Platz . Er hatte das Lämpchen im Tor stehen lassen und leuchtete dem Doktor voran . Dann saß er auf dem Küchenbänkchen , wie lange , das wußte er nicht , den Rumpf vorgeneigt , den Kopf in die Arme gestützt . Die Schreie wurden immer ärger . Es war nicht mehr Lenores Stimme , es war eine entmenschte , eine entseelte Stimme . Daniel hörte , dachte , fühlte nichts anderes als diese Stimme . Bisweilen durchzuckte ihn der schauerliche Ruf : Schwestern ! Schwestern ! Frau Hadebusch holte mehrmals heißes Wasser . Der gelbe Zahn starrte aus ihrem Unterkiefer wie ein geiles und aberwitzig freches Überbleibsel des Lebens . Einmal erschien Doktor Dingolfinger , kramte in seiner Ledertasche , die er im Flur aufgehängt hatte , erblickte Daniel und sagte mit abirrenden Augen : » Es wird schon gehen , es wird schon werden . « Danach schlurfte Philippine an den Herd und warf Kohlen zu . Mit heimlichem Schielen beobachtete sie Daniel und ging wieder . Von Stunde zu Stunde pochte der alte Jordan am Gatter , damit Philippine ihm Bericht erstatte . Es mochte vier Uhr sein , die düsteren Steinquadern der Hofgebäude schimmerten bereits im rosigen Frühlicht , da erschallte ein Schrei so fürchterlich , so namenlos wild , daß Daniel aufsprang und an allen Gliedern bebend stehen blieb . Dann wurde es ruhig , unheimlich ruhig . 19 Er setzte sich wieder hin . Nach einer Weile fielen ihm die Augen zu , und er schlief ein . Eine halbe Stunde mochte er geschlafen haben , da weckten ihn Schritte . Rings um ihn standen der Doktor , Frau Hadebusch und Philippine . Der Doktor sagte etwas , wozu Daniel den Kopf schüttelte . Es klang wie : » Leider kann ich Ihnen die traurige Mitteilung nicht ersparen . « Daniel verstand ihn nicht . Er zog die Lippen auseinander und dachte : so wirres Zeug zu träumen ! » Mutter und Kind , beide tot , « sagte der alte Doktor mit Tränen in den Augen , » beide tot . Ein Knäblein war ' s gewesen . Hier war die menschliche Wissenschaft ohnmächtig , ist die feindselige Natur stärker gewesen . Die Verblutung war nicht aufzuhalten . « » So zart gebaut , « murmelte Frau Hadebusch mißbilligend , » wie ein Pflanzenstengel so zart . « Als Daniel allgemach die Überzeugung erlangte , daß er nicht träumte , daß dies Philippines glitzernde Augen wirklich , Frau Hadebuschs geiler Zahn wirklich , Doktor Dingolfingers Silberbart wirklich war und daß er wirkliche Worte gehört , fiel er um und verlor die Besinnung . 20 Schmerz , Trauer , Verzweiflung , das waren nicht die Worte , die seinen Zustand bezeichneten . Er wußte nichts von sich und hatte keine Gedanken . Er lag auf dem Kanapee in der Wohnstube , Tag und Nacht , aß nicht , sprach nicht , rührte sich nicht . Als sie den leeren Sarg in die Sterbekammer trugen , wühlte er das Gesicht tief in die Ecke des Kanapees . Der alte Jordan wankte durch den Raum , um sein totes Kind noch einmal zu sehen . » Er hat sich versündigt , « schluchzte er drinnen auf , » er hat sich an unserm Herrgott versündigt . « Im Flur draußen wurde getuschelt . Martha Rübsam und ihr Mann , der Notar , hatten sich eingefunden . Martha weinte still . Ihre schmale Gestalt mit dem blassen Gesicht stand im Türrahmen , und sie suchte Daniel mit den Blicken . » Willst deine Lenore nicht noch anschauen , vor sie den Sarg zumachen ? « fragte Philippine dumpf . Er rührte sich nicht ; seine Züge verzerrten sich grauenhaft . Neben ihm auf dem Tisch standen kaltgewordene Speisen , auch Brot und Äpfel . Sie trugen den Sarg hinaus . Es schien ihm , als sei an der Stelle seines Herzens ein schwarzer , leerer Raum . Die Glocken tönten , ans Fenster klatschte Regen . In der zweiten Nacht darauf verspürte er eine wunderliche Lockerung seines Gemüts . Dann ein kurzes Aufflammen , dann wurde es brennend naß in seinen Augen . Lautlos ergab er sich und ihm war , als begriffe er zum erstenmal in seinem Leben die Schönheit des reinen Dur-Dreiklangs . Es verging noch ein Tag . Er vernahm , wie der alte Jordan über ihm herumging , mit schweren Schritten , unablässig . Es fror ihn , und als Philippine ins Zimmer huschte , bat er sie um eine Decke . Philippine war überaus eifrig , ihm zu willfahren . Da bimmelte das Flurglöckchen . Philippine ging hinaus und öffnete . Vor ihr standen ein Herr und eine Dame . Sie hatten etwas so Vornehmes , daß Philippine nicht wagte , sie zurückzuhalten , als sie zur Tür der Wohnstube schritten , die nicht zugemacht war und durch die man Daniel auf dem Kanapee liegen sah . Daniel schaute den Eintretenden gleichgültig entgegen . Ganz allmählich kamen Sammlung und Erinnerung in seinen Blick . Es waren Eberhard von Auffenberg und seine Kusine , Sylvia von Erfft , die ihn besuchten . Sie waren ein verlobtes Paar . In bedeutenden Umwälzungen seines Lebens stehend , hatte Eberhard erst vor wenigen Stunden vom Tod Lenores Kunde erhalten . Es war ein seltsamer Besuch . Keines von den dreien sprach ein Wort , und Daniel blieb unter seiner Decke regungslos liegen . Nur als Sylvia sich erhob , sagte sie , zu Daniel gewandt : » Ich kannte Lenore nicht , aber es ist mir doch , wie wenn wir Freundinnen gewesen wären . « Eberhard stieß sein Drosselbartkinn in die Luft und war blaß und stumm . Sie kamen an den folgenden Tagen wieder , und nach und nach übte die Gegenwart der beiden einen wohltuenden Einfluß auf Daniel aus . Dritter Teil Das Zimmer mit den verwelkten Blumen 1 Herr Carovius führte den Vorsatz , den er in der Erbitterung über Lenores Heirat gefaßt hatte , wenige Tage später aus . Es war Ende März gewesen ; er hatte erfahren , daß der alte Freiherr eben aus Berlin zurückgekehrt sei . Er ging hin und ließ sich melden . Es wurde ihm gesagt , der Herr Baron empfange niemand , er möge sein Anliegen schriftlich vorbringen . Herr Carovius wollte aber seinem Schuldner Aug in Auge gegenübertreten , das war ja gerade sein Traum , und als er bei einem zweiten Versuch wieder abgewiesen wurde , machte er einen gewaltigen Lärm und verlangte , man solle ihn dann wenigstens zur Freifrau führen . Die Freifrau hatte ihre Musikstunde . Die fünfzehnjährige Dorothea Döderlein , die eine hoffnungsvolle Virtuosin auf der Geige war , spielte mit der Freifrau Sonaten . Andreas Döderlein hatte ihr Talent schon früh erkannt . Seit ihrem zehnten Jahr hatte sie täglich sechs Stunden üben müssen . Sie hatte verschiedene Lehrer gehabt , die sie alle durch ihre Ungebärdigkeit zur Verzweiflung brachte . Nur vor ihrem Vater duckte sie sich . Mit Worten voll objektiver Anerkennung hatte Andreas Döderlein der Freifrau seine Tochter empfohlen . Die Freifrau erklärte sich bereit , mit ihr zu musizieren , und Andreas Döderlein sagte zu Dorothea : » Du hast nun eine Gelegenheit , durch Protektion emporzukommen ; versäume sie nicht . Die Baronin liebt das Gefühlvolle . Sei gefühlvoll . Manchmal verlangt sie etwas Dämonisches . Tu ihr den Willen . Nach Art reicher Leute hätschelt sie irgendeinen Luxuskummer . Störe sie darin nicht . « Dorothea war gelehrig . Sie spielten die Frühlingssonate von Beethoven , als der Lärm auf dem Vorplatz erscholl . Die Zofe kam und flüsterte ihrer Herrin etwas zu . Die Freifrau erhob sich und schritt zur Türe , Dorothea ließ den Geigenbogen sinken und blickte mit etwas erkünstelter Verwunderung um sich , als erwache sie aus einem Traum . Auf einen Wink der Freifrau gab der alte Diener Herrn Carovius den Weg frei . Mit rotem Gesicht trat er ins Zimmer und machte einen lächerlichen Kratzfuß . Seine Augen verschlangen die seidenen Portieren , den geschliffenen Spiegel , die Kristallvasen , die Bronzefiguren , dabei hatte er den rechten Arm in die Hüfte gestemmt , ein Bein elegant vor das andere gesetzt und sah aus wie ein Provinztanzmeister . Er schimpfte über die Anmaßung der Domestiken und versicherte die Freifrau seiner Ehrerbietung . Er sprach von seinem guten Willen und vom Druck der Umstände . Als ihn die ungeduldige Miene der Zuhörerin endlich veranlaßte , auf den Zweck seines Besuches zu kommen , zuckte die Freifrau zusammen , denn von dem ganzen Schwall von Worten vernahm sie nichts weiter als den Namen ihres Sohnes . Mit hauchenden Lauten näherte sie sich Herrn Carovius und packte ihn beim Ärmel . Ihre glanzlos schwarzen Augen wurden kugelrund , der flehentliche Blick darin war Balsam für Herrn Carovius . Da genoß er sich ; da wurde er frech ; da wollte er sich an der Mutter für die Hoffart des Sohnes rächen . Er sah , daß die Freifrau der Vorstellung nicht entsprach , die er sich vom Wesen einer Aristokratin gemacht . In seiner Phantasie und Erinnerung lebte sie als eine gebieterische und unzugängliche Erscheinung , nun stand vor ihm eine fette , ängstliche alte Dame . Infolgedessen verlieh er seiner Stimme einen schrilleren Klang , seinem Gesicht einen boshafteren Ausdruck , als er die unglückliche Lage zu schildern begann , in die er durch Eberhard geraten . Seine Gutmütigkeit sei an allem schuld . Freilich , ohne ihn hätte das Barönlein verhungern oder sonstwie im Elend verkommen müssen , denn mit der moralischen Widerstandskraft sehe es bei dem jungen Herrn windig aus . Aber was habe er davon gehabt ? Undank , bitteren Undank . » Hat mich ausgeplündert bis auf den letzten Heller und dann so getan , als wär ' s meine verdammte Pflicht gewesen , für Seine freiherrliche Gnaden ins Feuer zu springen , « schrie Herr Carovius . » Ehedem war ich ein vermöglicher Mann , ein Mann , der sich sattessen konnte , ein Mann , der hin und wieder die Annehmlichkeiten des Daseins genoß . Heute bin ich ruiniert . Mein Geld ist hin , mein Haus mit Hypotheken überlastet , meine Seelenruhe beim Teufel . Zweimalhundertsechsundsiebzigtausend Mark ist der junge Herr mir und meinen Geschäftsfreunden schuldig , alles hübsch aufgeschrieben und unterschrieben und bei Zins und Zinseszins summiert . Soll ich mir dafür noch die Tür vor der Nase zuschlagen lassen ? Das müssen Sie doch selbst einsehen , Frau Baronin , daß das nicht angeht . Dafür hab ich mir schon ein bißchen Respekt verdient . « Die Freifrau hatte die Hände zusammengepreßt und erregt vor sich hingestarrt . Jetzt ließ sie sich , in gramvoller Schwäche , auf einen Sessel fallen . Ein Grinsen irrte über das Gesicht des Herrn Carovius ; er drehte den Kalabreser zwischen den Fingern , und seine Blicke liefen leer an den Wänden entlang . Da gewahrte er Dorothea Döderlein , die er bis jetzt in seinem Glücks-und Wutrausch übersehen hatte . Als Herr Carovius eingetreten war , hatte sich Dorothea mit dem Wissen um Diskretion , aber ohne ernstlichen Vorsatz dazu in den entferntesten Winkel des Raumes geschmiegt . Zitternd vor neugieriger Erregung , hatte sie in den gegenüberhängenden Spiegel geschaut und sich so klein wie möglich gemacht , weil sie von ihrem Onkel Carovius , dessen sie sich schämte , nicht erkannt werden wollte . Sie hielt ihn für einen komischen Sonderling , der ohne Nahrungssorgen , jedoch in ziemlich beschränkten Verhältnissen lebte . Wie er nun die Summe nannte , die ihm das freiherrliche Haus Auffenberg schuldete , erfüllte sie ein verwunderter und freudiger Schrecken , und sie sah ihn plötzlich mit ganz andern Augen an . Herr Carovius seinerseits hatte Dorothea in den letzten Jahren selten zu Gesicht bekommen . War er ihr begegnet , so war sie hastig vorübergehuscht . Daß sie das Violinspiel lernte , wußte er ; zum Grauen oft hatte er das ihm abscheulich klingende Gefiedel auf Flur und Stiege vernommen . Er fixierte das Mädchen und rief auf einmal aus : » Ein Roß will ich sein , wenn das nicht die Döderleinische ist ! Wie kommst du denn daher , Nichtchen ? Gehst wohl in die Häuser und produzierst dich ? Ist euch die Musik noch nicht genug auf dem Hund , dir und deinem Erzeuger ? « Die Freifrau , sich der Anwesenheit des jungen Mädchens entsinnend , hob den Kopf und sah Dorothea vorwurfsvoll an . Zum erstenmal dünkte es sie , daß die Hilfsquellen versiegt seien , die sie einem Leben der Verlassenheit abgetrotzt ; zum erstenmal überlief sie ein Schauder , als sie ihrer musikalischen Betäubungen gedachte . Sie sagte zu Herrn Carovius , er möge sich einige Tage gedulden , er werde von ihr hören , sobald sie mit ihrem Mann gesprochen . Seine eifrige Erwiderung schnitt sie mit einer Geste ab , die ihn einschüchterte , dann nickte sie auch Dorothea verabschiedend zu , die ihre Geige einpackte , den Kasten in die Hand nahm , einen Knicks machte und ihrem Onkel aus dem Zimmer folgte . Sie blieb an seiner Seite . Sie gingen zusammen durch die Straßen . Herr Carovius wandte sich bisweilen mit ein paar hämischen Worten an sie . Sie lächelte bescheiden . Damit begann das wunderliche Verhältnis , das von nun ab zwischen den beiden herrschte . 2 Seit einiger Zeit hatte es den Anschein , als habe sich der Freiherr von Auffenberg vom Schauplatz der Politik zurückgezogen . In den Kreisen , die ihn früher hoch gewürdigt hatten , galt er als eine gefallene Größe . Seine Freunde suchten die Ursache in den fortwährenden Beeinträchtigungen , welche die Partei erlitten hatte ; in der allenthalben zutage tretenden Umwandlung des öffentlichen Geistes , dem heftiger werdenden Druck von oben , der wachsenden Gärung von unten ; in der fieberhaften Bewegung , von der das Bürgertum ergriffen war , und in der seine Gestalt , seine Lebensformen , seine Ideale , seine Überzeugungen einen bedeutungsvollen Umwandlungsprozeß erlitten , in der schwierigeren Behandlung , die alle Fragen der nationalen Kultur boten . Aber dies konnte nicht den Zug steinernen Widerwillens erklären , den dieses Antlitz früher unter Menschen nie gezeigt ; den harten Blick , die finstere Ungeduld nicht , und die Schweigsamkeit , die er auch dort übte , wo er ehemals durch sein scharmantes Plaudertalent entzückt hatte . Im Innern freilich hatte er seine Gesinnungsgenossen stets verachtet , ihr Reden und ihr Tun , ihre Begeisterung und ihre Empörung . Aber er hatte sich trotzdem nicht von ihnen losgesagt , denn er hatte die Entdeckung gemacht , daß Geringschätzung und Herzenskälte sich sehr gut eignen , um die Menschen zu beherrschen . Wennschon er im Anfang seiner Laufbahn mit dem Schwung , den ihm seine Begabung verliehen , für Freiheit und Toleranz gekämpft hatte , so war ihm doch der ganze Liberalismus nicht viel mehr als eine Zeitungsphrase geworden , ein Mittel , um den denkfaulen Bürger zu beschäftigen und dem gehaßten , heimlich bewunderten Bismarck Hindernisse in den Weg zu legen . Er hatte Macht ausgeübt im Bewußtsein der Lüge , nur durch Gebärde , nur durch Berechnung , nur durch Gewandtheit . Dies aber frißt am Mark des Lebens . In seinen Augen war nichts von Bestand als jenes ungeschriebene , doch in allen Zeiten siegende Gesetz , das die Kleinen unter die Großen , die Schwachen unter die Starken , die Unmündigen unter die Erfahrenen , die Armen unter die Reichen zwang . Demnach teilte sich ihm die Menschheit in zwei Lager : hier diejenigen , die sich dem Gesetz beugten , dort die Verworfenen , die sich dagegen auflehnten . Von den Verworfenen der Verworfenste war sein Sohn Eberhard . Mit dem schmerzenden Stachel in der Brust , inmitten eines lärmenden und lügnerischen Daseins von dem Gefühl der Einsamkeit bedrängt , von einem täglich zunehmenden Abscheu gegen den Überfluß und die Verweichlichung seiner Existenz erfüllt , hatte er aus der Gestalt des Sohnes etwas wie ein leibhaftiges böses Prinzip gemacht . Er erblickte ihn in Verkommenheit und in Ausschweifungen jeder Art ; als einen Verräter seines Namens von Stufe zu Stufe sinkend ; wie in einem grausam befriedigenden Traum sah er ihn im Bund mit den Elenden und Gezeichneten , im Verkehr mit Dieben , Straßenräubern , Hochstaplern , Falschmünzern , Anarchisten , Dirnen und Literaten . Er sah ihn in schmutzigen Spelunken , und flüchtig auf einer Landstraße , und betrunken in einer Spielhölle , und als Bettler auf einem Jahrmarkt und als Angeklagter vor der Justiz . Den Vorsatz , so lange zu warten , bis der Entartete vor aller Welt gebrandmarkt war , hatte er aufgegeben . Seine Ungeduld , Frieden zu finden , die Larven abzuwerfen , nichts mehr zu wissen von den Verstrickungen , Verstellungen und dem gewohnten Wohlleben war so groß , daß er dem Tag , der ihn erlöste , wie einer Neugeburt entgegensah . Doch warum zögerte er ? War noch ein Zweifel in seiner Brust , schlummerte vielleicht ganz in der Tiefe seines Herzens , wohin Bitterkeit und Rachsucht nicht dringen konnten , ein anderes Bild des Sohnes ? Warum zögerte er von Woche zu Woche , von Monat zu Monat ? Inzwischen hatte er viele Hunderttausende für Armenhäuser , Spitäler , Stiftungen und Spenden ausgegeben . Er wollte noch Millionen verteilen , so viel jedenfalls , daß den Erben nur die Ährenlese blieb . Die Nutznießerin der Brauereibetriebe und der Landgüter sollte Emilie werden . Dies stand fest , und als ihm seine Frau berichtet hatte , in welcher Lage sich Eberhard befand , hielt er sich für berechtigt , seine Verfügungen zu treffen . Der Nachweis unwürdigen Wandels konnte jetzt erbracht werden ; die Schuldenlast , die leichtsinnig oder betrügerisch auf den Namen des Vaters gehäuft war , verurteilte ihn zur Genüge . Und wenn nicht , mochten sie über seinem Grab zanken ; mochte ihnen sein letzter Wille als Gespenst alle Freuden vergällen . Seit sieben Jahren lag der Testamentsentwurf bereit ; es war nichts weiter erforderlich , als den Notar rufen zu lassen . Aber warum zögerte der Freiherr ? Ging mit verkniffenen Lippen Tag und Nacht in seinem Zimmer umher ? Rief seinen Diener , um ihm zu befehlen , den Notar zu holen und verlangte dann irgend etwas anderes ? » Dépêche-toi , mon bon garçon , « krächzte der Papagei . 3 Im Lauf dreier Tage hatte die Freifrau fünf Unterredungen mit ihrem Gatten . Er schlug ihre Bitte , die Verhältnisse des Sohnes zu regeln , jedesmal rundweg ab , und wenn sie immer dringender flehte , verstummte er . Bei dem letzten Versuch , den sie machte , hörten die Dienstleute sie mit leidenschaftlicher Heftigkeit reden . Als sie dann das Zimmer des Freiherrn verließ , gab sie , vor Erregung am ganzen Körper bebend , den Auftrag , daß man ihre Koffer packe und den Wagen anspannen lasse . Eine Stunde später fuhr sie in Begleitung ihrer Zofe auf das sechzehn Kilometer entfernte Gut Siegmundshof . Sie fand dort jedoch keine Ruhe , ging bei Tage , dumpf vor sich hinjammernd , durch die Zimmer und lag des nachts schlaflos . Am vierten Tag kehrte sie in die Stadt zurück , ließ den Wagen bis vor das Haus des Grafen Urlich fahren und schickte den Kutscher hinauf , um die Gräfin zu holen . Emilie kam und fragte erschrocken nach dem Begehren der Mutter . Die Freifrau wünschte , daß ihre Tochter sie zu Herrn Carovius begleite , dessen Wohnung sie aus dem Adreßbuch erfahren hatte . Herr Carovius hatte umsonst auf die Nachricht gewartet , die ihm die Freifrau versprochen . Der Ärger übermannte ihn , er beschloß , ein Exempel zu statuieren und betrat das Auffenbergsche Haus wie die strafende Gerechtigkeit in Person . Als ihm gesagt wurde , daß er nicht vorgelassen werden könne , begann er wieder Skandal zu machen , die ganze Dienerschaft lief herzu , schließlich kam sogar ein Polizist , der ihn zur Rede stellte , der Portier drängte ihn aus dem Torgang , und er stand in dem Menschenauflauf vor dem Haus mit bloßem Kopf und fuchtelnden Armen , ein Bild der Wut . Alsbald bekamen die stillen Hintermänner Wind von seinen vergeblichen Versuchen , die Bezahlung der Schuld zu erlangen . Sie wurden besorgt , rannten Herrn Carovius die Türen ein und betrauten schließlich einen Advokaten mit der Führung des Prozesses . Herr Carovius hatte mittlerweile durch einen Späher Kunde erhalten , daß es zwischen dem Freiherrn und der Freifrau zum Bruch gekommen , daß die Freifrau bei Nacht und Nebel geflohen sei und unter den Dienstleuten und Freunden des Hauses große Bestürzung herrsche . Ein wollüstiges Leuchten huschte über sein Gesicht . Niederlage und Verzweiflung ; Heulen und Zähneklappern ; Besseres konnte er sich nicht wünschen . Er erschien sich als der Vertilger der gesamten Aristokratie , und wenn es schon ein beglückendes Grauen ist , das zerstört zu sehen , was man verachtet , um wie viel mehr erst , was man liebt und bewundert . In dieser Stimmung trafen ihn die Freifrau und ihre Tochter . Der Anblick der beiden Damen beraubte ihn der Sprache . Er vergaß , zu grüßen , er dachte nicht daran , sie ins Zimmer zu bitten . Die Freifrau wollte wissen , wo sich Eberhard befand . Sie war entschlossen , zu ihm zu reisen . Als ihr Herr Carovius stotternd mitteilte , der junge Freiherr wohne kaum dreihundert Schritte von hier , fing sie an zu zittern und lehnte sich kraftlos an die Mauer . Darauf war sie nicht gefaßt gewesen . Sie hatte sich immer vorgestellt , Eberhard weile an einem geheimnisvollen Ort in geheimnisvoller Ferne . Herr Carovius machte sich sogleich anheischig , die Damen hinzuführen , aber die Freifrau erklärte plötzlich , sie fühle sich nicht fähig , es werde vielleicht ihr Tod sein . » Bring mich zu dir nach Hause , « flehte sie ihre Tochter an , » und sprich erst mit Eberhard . « Jedoch Emilie hatte ihren Bruder in den neun Jahren ihrer Ehe nicht gesehen und fürchtete sich vor der Begegnung noch mehr als ihre Mutter . Die Freifrau in ihre Wohnung zu bringen , daran war ganz und gar nicht zu denken ; die alte Dame hatte offenbar vergessen , daß sie dem Grafen Urlich vor mehreren Jahren , als es bekannt geworden war , daß er die Bonne seines Kindes geschwängert , in den stärksten Ausdrücken ihr Haus verboten hatte . Da sich die Freifrau beharrlich weigerte , in ihre Stadtwohnung zurückzukehren und ebensowenig Lust bezeigte , wieder nach Siegmundshof zu fahren , blieb Emilie nichts anderes übrig , als sie in ein Hotel zu führen . Herr Carovius , der den zwei Damen auf die Straße gefolgt war und ihr klägliches Gebaren mit innigem Genuß verfolgt hatte , schlug den Bayrischen Hof vor . Er setzte sich auf den Bock , gab dem Kutscher mit leutseliger Miene Anweisung und blickte triumphierend auf die Fußgänger hinunter . Gräfin Emilie , die sich keinen Rat mehr wußte , sandte eine Depesche an ihre Tante Agathe . Am nächsten Mittag kam Frau von Erfft mit ihrer Tochter Sylvia . » Clotilde ist wie von Sinnen , « sagte sie zu Emilie , nachdem sie eine Stunde lang im Zimmer der Schwester gewesen war ; » ich gehe jetzt zu deinem Vater , ich muß einmal mit Siegmund reden . « Der Freiherr empfing seine Schwägerin nicht eben freundlich , trotzdem er gerade vor ihr immer große Achtung gehabt hatte . Frau von Erfft vermied es klüglich , über die Familienverhältnisse zu sprechen . Sie erzählte von Sylvia , daß die nun Siebenundzwanzigjährige alle Heiratsvorschläge gleichmütig abgewiesen habe und daß sie und ihr Mann darüber in Sorge seien . » Sie will sich nicht begnügen , « sagte Frau Agathe , » sie sucht in der Ehe eine Mission und fürchtet nichts so sehr wie den Verlust ihrer Freiheit . So sind unsere Kinder , lieber Siegmund , und wenn wir sie anders zur Welt gebracht hätten , wären sie anders . Zu unserer Zeit war Gehorsam das Ideal , jetzt haben sie die Pflicht gegen sich selbst entdeckt . « » Dann sollen sie nur sich selber helfen , « antwortete der Freiherr , der die Anspielung verstand , mit finsterem Blick . Aus den wirren Reden ihrer Schwester hatte Agathe doch entnommen , was zwischen den Eheleuten vorgefallen war . Sie kannte die schmerzliche Vergangenheit , und als sie nun in das Gesicht des Mannes schaute , erriet sie , was hier nötig war . Sie faßte den Entschluß , Eberhard zu seinem Vater zu führen . Vor allem wollte sie Clotilde beruhigen und zur Rückkehr in ihre Häuslichkeit veranlassen . Die Aufgabe war bei der Schwäche und Haltlosigkeit der Freifrau nicht schwer . Sylvia blieb bei ihrer Tante , und ihre stille Festigkeit übte einen wohltuenden Einfluß auf sie aus . Agathe hatte sich unterdessen Eberhards Adresse verschafft . Nach einigem Suchen fand sie das Haus ; Eberhard war daheim . 4 Die erste Unterredung mit ihm verlief ohne Resultat . Er wich ihren mutigen Worten aus und überhörte , was er nicht hören wollte . Er war zugeknöpft , höflich und verdrossen . Voll Ärger berichtete Agathe ihrer Tochter von der Enttäuschung , die sie erlitten , da äußerte Sylvia den Wunsch , ihre Mutter zu begleiten , wenn sie wieder zu Eberhard ging . Agathe schüttelte den Kopf , doch war sie keineswegs gesonnen , ihre Absicht aufzugeben . Im freiherrlichen Hause änderte sich nichts . Baronin Clotilde befand sich dauernd in einer Erregung , die sie und alle , die um sie waren , quälte , und der Baron bildete ein beunruhigendes Rätsel für seine Umgebung . Er verließ seine Zimmer nie , in denen er viele Stunden lang mit gleichmäßigen Schritten , die Hände auf dem Rücken , hin und her wanderte . Agathe kam ein zweites , ein drittes , ein viertes Mal zu ihrem Neffen . Wenn auch Eberhards Kälte unüberwindlich schien und er sich um nichts nachgiebiger zeigte , so gelang es ihr allmählich doch , ihn aus seinen Hinterhalten zu reißen , und als sie dann Sylvia mitbrachte , die bei der Mutter wie gewöhnlich ihren Willen durchgesetzt hatte , eröffnete er sich plötzlich ganz unerwartet , und man sah , wie es in seinem Innern kämpfte . Stockend und in seiner nicht selten gespreizten und schnörkelhaften Redeweise erzählte er von seiner Jugend , dem ewigen Unfrieden zwischen Vater und Mutter , dem häßlichen Gezänke ; daß die Mutter , kaum hatte sie einen Befehl erteilt , stets Gegenbefehl vom Vater erfahren ; wie die Kinder bald gemerkt , daß der Vater seine eigenen Wege ging und die Mutter ihre eigenen ; daß sie einander mißtraut , einander Fallen gelegt ; daß die Mutter bei all ihrer liebenswürdigen Sanftmut doch in dem einen Punkt von geradezu teuflisch zu nennendem Drang besessen gewesen sei , den Mann immer wieder dort zu reizen , zu stacheln und zu verwunden , wo sie ihn schon tausendmal gereizt , gestachelt und verwundet hatte ; daß dieser Mangel an Vernunft und Überlegenheit auf der einen und von Güte und Offenheit auf der andern Seite das Haus allmählich zu einer Hölle gemacht , die Herzen der aufwachsenden Kinder zerrissen und in der Zerrissenheit verhärtet habe und sie keine freundliche Miene irgend eines Menschen für aufrichtig genommen , jede Hand , die sich ihnen entgegengestreckt , gemieden hätten . Wie dann in dieser liebeleeren Ödnis sich Bruder und Schwester leidenschaftlich aneinander geklammert und diese Beziehung sowohl in Eberhards wie in Emiliens Innern heiligster , unantastbarer Besitz geworden und sie förmlich einen Bund gegen alle übrige Welt geschlossen , sich alles mitgeteilt , stets beraten , jedes Buch gemeinsam gelesen , Glück und Unglück gemeinsam getragen hätten ; wie dann eines Tages der Vater vor Emilie hingetreten ,