- , weil vor mehr als einem halben Jahrtausend ein Hochseß gen Preußen zog , um , angetan mit dem weißen Mantel des Kreuzritters , wider Polen , Russen und Tartaren die ferne Ostmark zu verteidigen . Er wurde Komtur der Feste Graudenz und verschwand spurlos , als er an Witort , dem verräterischen Großfürsten , die Schandtaten seiner räuberischen Horden rächen wollte . Die Sage erzählt , er sei gefangen worden und habe sich , als man ihn just im Triumph der schönen Polenkönigin zuführte , die Pulsadern aufgebissen . Ihr seht also - « und Konrad lächelte ein wenig - , » es blieb mir mit den östlichen Nachbarn noch eine alte Rechnung zu begleichen übrig ! Und Kriegsfreiwilliger wurde ich - « seine Augen sahen versonnen in die Ferne , und was er sprach , schien nicht mehr an die gerichtet , die neben ihm gingen - , » weil ich untertauchen will , restlos untertauchen in dieser Zeit und in diesem Geschehen . Es gibt Menschen , die wollten Quellen werden , Quellen für dürstende Höhenwanderer , Quellen , die Felsen durchbohren , und sind doch nur Wellen im Meer . Ich will sein , was ich bin . « Die Geschwister schwiegen zunächst . Dann schob Alex vertraulich seinen Arm in den Konrads und meinte mit einem unsicheren Lächeln : » Weißt du , im Grunde ist mir das alles zu hoch . Aber - was für sich hat es ja , stramm zum Kommis zu gehen . Eine neue respektable Sorte Verdrehtheit . Und einen Sparren haben die Hochseß ja alle . Wer weiß : vielleicht wirst du sogar noch zu denen gehören , die den Marschallstab im Tornister tragen . « Ehe sie sich voneinander verabschiedeten , versuchte Alex vergebens , den Vetter zu bewegen , mit ihnen und ihren Eltern den Abend zu verbringen . Konrad schützte eine andere Verabredung vor , war aber außerstande , zu sagen , welcher Art sie war . Hilde schien indessen den Faden ihrer Gedanken leise weitergesponnen zu haben , denn zum Schlusse sagte sie , über den neuen Mut eigene Gedanken zu äußern , dunkel errötend : » Ich verstand Sie vorhin so gut , Vetter . Und mir fiel dabei ein , wie oft man doch solch Wasserwellchen , das nur mit den vielen Gefährten zusammen schäumen und sprudeln kann , in eine Schüssel schöpft , wo es trüb und still wird . « Sie trennten sich so herzlich wie noch nie nach einem Zusammensein . » Vielleicht sehen wir uns draußen wieder , « meinte Alex . » Da werde ich vor dem Herrn Leutnant stramm stehen müssen , « lachte Konrad . » Oder ich vielmehr vor dem Kreuzritter , « antwortete Alex ernst und beziehungsvoll mit einem festen Händedruck . Konrad eilte zum Bahnhof hinauf , um zu erfahren , daß der Zug , den er benutzen wollte , erst mit starker Verspätung abgehen könne , weil ein Militärzug vorher zu expedieren sei . Schon wollte er den Ausgang wieder erreichen , als der Anblick , der sich ihm ringsum bot , ihn fesselte . Da standen sie in Scharen , die Reservisten , die Züge erwartend , die sie ihrem Bestimmungsort zuführen sollten ; sie waren noch alle in Zivil ; selbst der einfachste Mann , dessen derbe Fäuste sein hartes Handwerk verrieten , trug den Sonntagsanzug , und Feiertagsstimmung war in ihnen ; keiner sang , niemand lachte mehr ; der Ernst der Stunde lag auf allen Gesichtern und vergeistigte auch die ausdruckslosesten . Und nicht einer unter allen war allein ; Eltern und Geschwister , Frauen und Kinder , Bräute und Freunde geleiteten sie . Es war sehr still unter ihnen . Aber das Zucken der Lippen , das Zittern der Hände , die blassen Wangen , die krampfhaft aufgerissenen , unnatürlich glänzenden , und die tief gesenkten , verschleierten Augen sprachen jene Sprache des Leids , für die es keine Worte gibt . Da war ein altes Mütterchen , das unablässig mit der runzligen Hand den Ärmel ihres Sohnes streichelte und immer noch ein Flöckchen und ein Federchen von seinem sauber gebürsteten Kittel ablas ; er sah sie nicht an , aber er hielt ganz , ganz still . Da war eine schöne vornehme Frau , die den schlanken Jungen neben sich fest an der Hand hielt wie zur Zeit , da es galt , seine ersten Schritte zu lenken , und mit einer Zärtlichkeit , in der sich die anbetende des Sohnes mit der schützenden des Mannes schon paarte , hingen seine Augen an ihr . Und da war einer mit groben Zügen , - wie roh hatte er wohl höhnen und schimpfen können ! - , in dessen heißem flehenden Blick , der das verhärmte Weib vor sich nicht los ließ , eine Welt von Reue und Liebe lag . Ein anderer stand neben ihm , auf jedem Arm ein Kind , und Stolz und Sorge , und Freude und Leid spiegelten sich in seinen Zügen . Dicht aneinander geschmiegt waren zwei , seine Hand spielte mit den blonden Löckchen auf ihrem Nacken , während ihre bebenden Finger ihm noch eine Rose , eine süße , knospige , ins Knopfloch nestelten . Und ein Mann und ein Weib hielten sich fest an beiden Händen und tauchten die Blicke ineinander , sterbensbang und lebensdurstig . Niemand sah sie spöttisch oder gar beleidigt an . In tiefer Andacht verharrte die Menge bei dieser großen Liebesfeier . Der Krieg ist wie das Senkblei des Seefahrers , das Tiefen ergründet , von denen vorher keiner wußte , und wie die Wünschelrute des Quellensuchers , die sprudelnden Reichtum entdeckt , wo vorher Sand und Felsen war . Der Zug brauste in die Halle . Bewegung kam in die Erstarrten . In verzweifeltem Aufschrei , in wildem Schluchzen , in leisem Weinen brach sich das herzzerfleischende Weh einer Trennung Bahn , die eine Trennung auf immer sein konnte . Und aus manchem Auge tropfte langsam , widerwillig jene Manneszähre , die an Leid schwerer ist als zahllose Frauentränen . Viele aber weinten nicht . Das alte Mütterchen und die schöne , vornehme Frau waren darunter . » Hab ' nur keine Bange , mein Hanseken , « sagte die eine , » ich halt ' gut aus , werd ' auch den Hühnerstall selber machen und - und deinen Cäsar und deine Karnickel füttern . « - Die andere sagte nichts als : » Lebe - wohl ! « in jedem Wort lag ihre ganze Seele . Und dann setzte sich die lange Kette der Wagen , gefüllt mit der Kraft und der Hoffnung des Volkes , in Bewegung . Von den Zurückbleibenden winkten welche , so lange sie noch einen Schatten von ihnen sehen konnten , andere standen erstarrt auf demselben Fleck , als sie längst verschwunden waren ; einige stürzten fort , kaum , daß der Zug anzog , mit beiden Händen vor dem Gesicht . Die Vielen aber schlichen davon wie eine graue Wolke , die schwermütig über den Abendhimmel zieht , den Tag verdunkelnd , noch ehe es Nacht wurde . » Ja sagen zum Schicksal - auch dann ! « sagte Konrad zu sich selbst , gewaltsam die mitfühlende Trauer von sich schüttelnd , » denn der Pflug muß die Erde durchwühlen , damit sie neue Frucht trage . « Wenige Minuten später fuhr er zu Else hinaus . Wie eine Alm auf der Höhe , fernab vom Lärm der Welt und von den Nebeln der Tiefe war der Abend bei Else und seinem Sohn . Von Hochseß und dem , was dort ihrer wartete , sprach er mit ihr ; von den Vätern und der Burg seines Geschlechts erzählte er dem aufhorchenden Knaben . Als er der Stadt wieder zufuhr , war seine Seele voll Frieden . Am nächsten Morgen wurden Konrad und Else in der alten Dorfkirche , die geduckt unter den hohen Linden liegt , getraut . Fern waren ihrer beider Seelen vom frommen Kinderglauben dieser Stätte , aber tiefes Bedürfnis war es ihnen gewesen auch unter den Zeichen , die ihnen nur ehrwürdiges Symbol des Heiligsten , stammelnde Laute für das Unnennbare waren , eins zu sein mit ihrem Volke . Und bedurfte es sonst der feierlichen Worte , des erhebenden Gesangs , um solch einer Stunde die Weihe zu geben , so waren heute die Herzen so erschlossen , die Seelen so erhoben , daß die schlichte Formel zur ergreifenden Predigt wurde . Für den Abend desselben Tages hatte Else ihre Abreise vorbereitet , der erprobten Dienerin die letzte Regelung ihrer häuslichen Angelegenheiten überlassend . Konrad schien nicht zur Ruhe zu kommen , ehe er den Knaben in der Hut von Hochseß , und Hochseß erfüllt wußte vom Dasein des Sohnes . Und sein unausgesprochenes Empfinden , das Else rasch erriet , kam ihrem Wunsche entgegen . Das Wiedersehen mit ihm hatte den Tempel der Ruhe , den sie in jahrelangem Ringen Stein für Stein um sich errichtet hatte , jäh zusammengerissen . Schwer genug war es ihr geworden , als sie damals von ihm ging , aber gräßlicher als jeder Abschied war diese Trennung im Vereinigtsein . Sie hatte kurze , helle Stunden , in denen die Hoffnung sie beherrschte , ihn wieder zu gewinnen , und lange , immer längere , die es ihr zur Gewißheit machten , daß es unmöglich war . Sie fühlte sich am Ende ihrer Kraft . Und fürchtete doch mit allen Qualen der Verzweiflung den Abschied , - diesen Abschied ! Sie war in diesen Tagen blaß und schmal geworden , und in tiefer Bewegtheit küßte Konrad , als er sie aus dem kleinen Hause hinausgeleitete , das ihre Zuflucht gewesen war , ihre müden , übernächtigen Augen . Des Kindes freudig erregtes Geplauder half ihnen über die letzten Stunden hinweg . Es kannte noch keine Furcht vor den Rätseln der Zukunft , kein Trennungsweh . Und auch Konrads Seele war so erfüllt von starkem Lebensgefühl , daß er von seiner Heimkehr aus dem Kriege wie von etwas sprach , an dem zu zweifeln nicht möglich wäre . » Daß du mir nicht allein in die Höhlen kriechst , « mahnte er mit scherzend erhobenem Zeigefinger , » denn zum Schlosse des Zwergenkönigs findest du nur mit mir den Weg . Und auch auf dem Fuchs mit der weißen Blässe werde ich dich erst reiten lehren - wenn ich dir nicht lieber ein kleines Russenpferdchen mitbringe . Paß nur auf , wie wir dann über die Felder fliegen ! « Jauchzend klatschte das Kind in die Hände . Else stand dabei ; nur mit fest zusammengepreßten Lippen meinte sie den Schrei zurückhalten zu können , der sich immer ungestümer ihrer Seele entreißen wollte . » Du wirst es sehr schwer haben , Else , « sagte Konrad mit einem warmen mitleidigen Blick auf ihr verhärmtes Gesicht . » Kann es noch etwas geben , das schwer ist ? ! « antwortete sie . Sie reichten einander zum Abschied die Hand , fast wie Fremde . Dann stieg sie ins Coupé . Der Knabe stand allein am Fenster , grüßend und winkend ; Konrad verfolgte bis zuletzt mit zärtlichen Blicken sein blondes Köpfchen , - daß der Elsens fehlte , hatte er nicht einmal bemerkt . Und sie , die sich tief in den jenseitigen Sitzwinkel gedrückt hatte , wußte es . In der Nacht danach schlief Konrad ruhig und traumlos . Als er erwachte , stand die Sonne hoch am Himmel ; nur langsam kehrte er zur Wirklichkeit zurück , ihm schien , als sei er sehr , sehr weit weg gewesen . Er erinnerte sich , daß dies hier sein letzter Tag war ; ein tiefes Gefühl von Andacht kam über ihn . Und als er sich schließlich unten im Strome der Menschen wiederfand , waren sie alle wie Kirchgänger an einem jener seltenen großen Feiertage , wo auch der ärmste Sklave des Alltags den grauen Sträflingsrock von seiner Seele zieht . Aber nicht in die Häuser , in denen die Kirchen den Dienst Gottes gebannt zu haben glaubten , zog es sie ; sondern in jenen großen grauen Palast mit der goldenen Kuppel zwischen dem ragenden Siegesdenkmal einstiger Kriege und dem stolzen Triumphtor zur Ewigkeit ihres Gedenkens heimgegangener Sieger . Die Menge staute sich vor den Türen ohne Ungeduld , drängte die Treppen hinauf ohne Hast und schob in die braunen Bänke hinein so vorsichtig und so leise , als wäre jedes Geräusch Entweihung . Und nicht wie sonst bei den großen Tagen des Parlaments drang erregtes Stimmengewirr vom Saale herauf zu den Tribünen . Ruhig und ernst schritten die Abgeordneten zu ihren Sitzen . Nur hie und da flüsterte jemand , und wenn einer in Feldgrau erschien , gab es in seiner Nähe ein freundlich grüßendes Gesumme gedämpfter Stimmen . Unter den Zuhörern frug keiner wie sonst neugierig , als befände er sich im Theater , nach den Namen der bekannten Akteure . Heute galt der einzelne nichts , die Masse alles . Konrad gedachte jener nun ganz historisch gewordenen Zeit des letzten Krieges und all der Großen von damals , der Lenker des Staates , der Führer der Parteien , der Sprecher des Volkes . Ein Gefühl nicht zu bannenden Unbehagens befiel ihn . Warum fehlten sie heute ? Wie eine Sphinx mit dem Antlitz der Meduse war das Schicksal vor Deutschland erschienen . Würde es an den Männern fehlen , sein Rätsel zu lösen , seinem todbringenden Blicke stand zu halten ? Der Saal hatte sich ganz gefüllt . Auf der Estrade hinter dem Stuhle des Präsidenten und denen der Minister standen ihrer viele in glänzender Uniform . Aber jede Farbe verschwand im einheitlichen Schwarz ihrer Umgebung , als sollte hier nichts und niemand hervorragen , sich absondern . Dann kam der Präsident , schlicht , weißhaarig , nur einer von den vielen aus dem Saale . Nüchtern und sachlich , als wäre es ein Tag wie jeder andere , wurden geschäftliche Dinge erledigt . Und dann kam der Kanzler . Kein Bismarck mit dem wuchtigen Schritt des an die Reiterstiefel Gewöhnten , mit dem hochmütigen Blick des zum Befehlen Geborenen . Ein Bürger im schwarzen Rock . Ein Denker mit gefurchter Stirn . Ein Mann . Und ein Preuße . In knappen Sätzen sprach er . Von der langgenährten Feindschaft , die von Osten und Westen über uns hereinbrach . Und daß Rußland die Brandfackel an unser Haus gelegt habe . Da brach der erste stürmische Beifall aus . Widerspruchslos . Er sprach weiter . Ohne Pathos . Doch durchglüht vom Bewußtsein der ungeheuren Stunde . » Wir haben den Krieg nicht gewollt « - alle Köpfe neigten sich zu feierlicher Bejahung - » aber ein längeres Warten , bis etwa die Mächte , zwischen die wir eingekeilt sind , den Moment zum Losschlagen wählten , wäre ein Verbrechen wider Volk und Vaterland . « Er setzte sekundenlang aus - nicht wie ein routinierter Redner , der den Beifall dadurch herauszufordern weiß , sondern fast unwillig , weil er ihn brausend unterbrach . Und ruhig - nur die nervöse Linke krampfte sich zur Faust zusammen - führte er den Nachweis , wie der Krieg mit Lug und Trug über uns heraufbeschworen worden war . Dann erhob sich seine Stimme . Die hohe , schlanke Gestalt reckte sich auf : » Das ist die Wahrheit ! « - Die Faust fiel auf den Tisch . » Das ist die Wahrheit ! « - ein ganzes Volk legte durch seinen Mund den Eid ab . Und danach bekannte er sich und versuchte mit keinem Wort das Unrecht zum Recht zu machen , zum Bruch der belgischen Neutralität . Ein tiefes Atemholen , einem Seufzer gleich , ging durch das Haus . Niemand , der nicht mit ihm die schwere Notwendigkeit auf sich genommen hätte . » Aber wer so bedroht ist wie wir , und um sein Höchstes kämpft , der darf nur daran denken : wie er sich durchhaut ! « Ein Jubel erhob sich , wie ihn der Saal noch nicht erlebte . Von allen Seiten rauschte er auf . Und das Blatt Papier , das der Kanzler hielt , zitterte unmerklich . Von nun an war es , als spräche die dunkle , geschlossene Masse im Saale mit ihm . Sie wiederholte , sie unterstrich mit nicht endendem Beifall , was er sagte . » Die große Stunde der Prüfung hat geschlagen , aber mit heller Zuversicht sehen wir ihr entgegen . Unsere Armee steht im Felde , unsere Flotte ist kampfbereit . Und hinter uns steht « - wie durchleuchtet erschien in diesem Augenblick das ernste Antlitz des Kanzlers , und seine Stimme fand einen Ton , wie er dem ruhigen Manne sonst völlig fremd war - » das ganze deutsche Volk . « Er schwieg , übermannt von der eigenen Bewegung . Und es war , als erschüttere rollender Donner den Saal . Da hob er noch einmal den Kopf , streckte die Hand weit aus zu den Bänken der Linken hinüber und wiederholte emphatisch in die plötzliche feierliche Stille hinein : » Das ganze deutsche Volk ... « Kein alles Überragender hatte gesprochen , aber es war die Stimme der Nation selber gewesen . Niemand erhob sich im weithin leuchtenden Glanz des Genies über der Menge , aber sie selbst war gesättigt von Kraft , - fruchtbare Erde , berufen und befähigt , das Große und die Großen hervorzubringen . Tiefe Andacht erfüllte das Haus . Das war die große Feierstunde des Vaterlandes , die Weihe der Waffen . Am Abend reiste Konrad ab . Der Zug war überfüllt mit Soldaten und Reservisten und schob sich nur langsam aus der lichterstrahlenden Stadt in das dunkle Land . Unterwegs schien er sich unaufhörlich zu vervielfachen . Auf allen Schienensträngen tauchten neue glühende Augen auf , fauchte der heiße Atem der Lokomotiven . Die Räder rollten und rollten durch die Nacht , als speie die Unterwelt ihre Drachenbrut wider die drohenden Feinde aus . Konrad behielt einen Ton im Ohr wie von fernen Trommeln und Pauken . Dann mischte sich ein anderer anschwellend hinein . Die Pfade und Wege und Straßen ringsum waren lebendig geworden vom rastlosen Gehen vieler Menschen . Sie schlängelten sich vorwärts wie Flüsse . Sie trugen die vielen den Zügen zu , die an allen Stationen ihrer warteten . Und die Dörfer in den Tälern , die Hütten auf den Höhen , die Gehöfte im Hag , die Weiler im Wald entließen aus weitgeöffneten Toren und Türen ihre streitbaren Männer . Es war das Wandern eines Volkes . Die harten Tritte der Millionen hallten dröhnend gen Himmel , daß aller Schlummer die Erde floh . Elftes Kapitel Wie Konrad Hochseß das Leben fand Breit und majestätisch wälzt sich der Strom der Weichsel durch das grüne , flache Land ; er ist wie ein Herrscher , der stets voll königlicher Ruhe zu schreiten gewohnt ist . Und an Graudenz , der kleinen Stadt an seinem Ufer , fließt er stolz vorbei , ihrer nicht achtend Sie ist ja auch nur eine arme Magd , die sich mit weit von ihm abgewendeten Straßen scheu und schämig vor ihm zurückzieht . Sie weiß , daß sie zu häßlich ist , um sich ihm anzubieten wie die großen Städte , die an breiten Flüssen liegen und ihnen ihre schönsten Häuser , ihre gepflegtesten Gärten herausfordernd zukehren . Sie wurde in Dienstbarkeit geboren , denn Troßleute des Deutschen Ritterordens , Handwerker und kleine Krämer waren es , die sie gründeten , nicht als künftige Handelsherren , die dem Wasserlauf ihre beladenen Schiffe zur abenteuerreichen Fahrt ins Weite anvertrauen wollten , sondern als arme Dienstmannen , die ihre Häuschen geduckt unter den Schloßberg bauten , in dessen Schutz und unter dessen Herrschaft sie standen . Hochmütig erhob er sich über sie , ein von der Natur selbst gebauter Thron , von dem aus die Ordensburg meilenweit in das Land sah und mit den Feuern ihres Wartturms allen Gleichen ringsum ihre Kriegszeichen gab . Ihr zu Füßen schmiegte sich auch der Strom wie ein gebändigter Riese , ja , wenn die Sonne ihn in seine schimmernde Silberrüstung hüllte , schien es , als ob er sie schmeichelnd umwerbe . Und ob auch die frommen Ritter , hingestreckt von Russen und Tartaren , aus dem gräßlichen Morden der Tannenberger Schlacht nicht wiederkehrten , die polnischen Vögte aber , denen die Burg danach untertan war , sie in dreihundertjähriger Herrschaft zur schmutzigen Herberge verkommen ließen , und der Sturm , den der korsische Äolus über Europa entfesselte , ihre morschen Mauern zusammenstürzte , - der Strom blieb ihr treu . Denn der Burgfried hielt allen Unbilden stand und spiegelte sich weiter in seinen Fluten , und der Brunnen im Burghof senkte sich immer noch tief , tief hinab und saugte an seinen Wassern . Zu jeder freien Stunde , die er hatte , wanderte Konrad hier hinauf . Heimatliche Gewohnheit war es ihm , von hoher Warte in die Lande zu lugen , und daß man heute in Tälern und Städten so viele Türme baute zum bloßen Zierat , war ihm stets als ein Zeichen dafür erschienen , wie ganz und gar die Bestimmung alles Hochragenden , nach Wetter und Wolken Ausschau zu halten und das Nahen feindlicher Mächte zuerst zu sehen und zu künden , vergessen worden war , und wie die Menschen verlernt hatten , nach Sehnsucht zu verlangen . Denn nur , wer auf Bergen und Burgen steht , und wer sieht , wie Himmel und Erde sich berühren , der lernt das Sehnen , den vermag keine friedliche Enge mehr zu befriedigen . Die Briefe Elsens , die ihm täglich von seinem Sohn erzählten und oft von ein paar ungefügen Buchstaben seiner Kinderhand begleitet waren , las er am liebsten hier oben . Dann wurde ihm das Bild des kleinen Konrad am lebendigsten , dann sah er fast greifbar deutlich das praktische und umsichtige Walten Elsens , unter deren weichen Fingern alles gedieh . Und er freute sich dessen von Herzen . Aber er war ganz außerstande , sich vorzustellen , daß er dabei sein könne , wenn Else dieselben Wege ging , die Norina gegangen war , und das lebensprühende Kind die Räume mit seiner Gegenwart erfüllte , wo Norinas Sohn die blauen Wunderaugen aufgeschlagen und wieder geschlossen hatte . Er war so weit weg - wie der Bewohner eines anderen Sterns , der von dort aus seine eigne Erdenvergangenheit betrachtet . Denn wenn sonst Gegenwart fast unmerklich zur Vergangenheit wurde , so war jetzt eines vom anderen gewaltsam losgerissen . » War ich wirklich gestern noch Konrad von Hochseß ? « frug er sich oft , wenn er im ersten Morgengrauen vom Strohsack sprang und seine beiden Stubenkameraden - Kriegsfreiwillige wie er - , die mit ihren siebzehn Jahren noch einen Kinderschlaf hatten , aus den Betten rüttelte . Und er wiederholte verwundert die gleiche Frage , wenn er , der die Respektlosigkeit gegenüber Lehrern und Vorgesetzten einmal zum Prinzip erhoben hatte , sich widerspruchslos - nicht einmal seiner Empfindung gestattete er , sich aufzulehnen - selbst den scheinbar kleinlichsten Befehlen und Anordnungen grober Unteroffiziere fügte . Wenn seine beiden jungen Kameraden , die eben erst von der Schulbank und aus dem Elternhaus kamen , sich beklagten , und er , der eine Art väterlichen Verantwortlichkeitsgefühls ihnen gegenüber besaß , sie zu trösten sich bemühte , entwickelte er in der Verteidigung des » Militarismus « Gründe , die das Ergebnis fester Überzeugungen zu sein schienen und doch nichts als die rasche Folge des wuchtigen Anschauungsunterrichts waren , den der Krieg tagtäglich erteilte . Nach der Kriegserklärung war noch nicht eine Woche verflossen , als Lüttich fiel , obwohl die Besatzung allein größer gewesen war als das Heer der Angreifer und die ganze Bevölkerung des Landes , selbst die Frauen , in dem überaus ungünstigen Berg- und Waldgelände aus dem Hinterhalt auf unsre Truppen feuerten . Wenige Tage später wurden die Siege von Mülhausen und Lagarde gemeldet und die Abwehrkämpfe der Grenzbesatzungen gegen die von allen Seiten einbrechenden Russen . Und das alles geschah , ohne daß der Aufmarsch der mobilen Truppen vollendet war , von Heeren in schwacher Friedensstärke . Dann kam die Nachricht vom heldenhaften Untergang des kleinen Dampfers » Königin Luise « . Es war ein altes , friedliches Schiff gewesen , das fröhliche Badegäste bei geruhiger See von Swinemünde nach Rügen zu geleiten pflegte . Und plötzlich hatte das Kriegsfieber es gepackt und war mit nur hundertundzwanzig Mann Besatzung keck wie der jüngste Draufgänger bei Nacht und Nebel an Englands Küsten entlang geschlichen , um die See , die verschwiegene , die nicht einmal dem » Beherrscher der Meere « ihr Geheimnis verriet , sondern im stillen dem Wagemutigsten ihre Gunst gewährte , mit Minen zu spicken . An der Mündung der Themse erst , dicht vor der Hauptstadt , die sich damit brüstete , daß seit Jahrhunderten kein Feind sie betreten , hatte es sein Schicksal ereilt , aber auch da noch hatte es einen britannischen Kollegen mit in die Tiefe gezogen . Sobald der Jubel über die ersten Siege nachließ und die Begeisterung über den Handstreich sich in stille , heiße Freude verkehrte , brach bei Konrads jungen Freunden in noch stärkerem Maße als vorher der Zorn über den Tagesdienst aus . » Widersinnig ist ' s , « grollte Hans Gerwald , der einzige Sohn eines bekannten Berliner Malers , » jetzt Stiefel zu putzen und Stuben zu scheuern , wo es allein auf Schießen und Stürmen ankommt . « » Unerhört - , « sekundierte Fritz Ewert , eines ostpreußischen Gutsbesitzers Ältester - » Griffe zu kloppen und Parademarsch zu üben , als ob nichts als ein Kaisermanöver uns erwartete . « Und sie ergingen sich beide in heftigen Anschuldigungen eines Drillsystems , das nur ein langer , fauler Frieden hätte entwickeln können . Die Enttäuschung über den Beginn der so heiß ersehnten Heldenlaufbahn klang aus ihrem jugendlichen Unmut heraus . Konrad liebte sie um dieser Ungeduld willen . Ihm selbst aber konnte die Vorbereitung zu der großen Aufgabe , die zu erfüllen war , gar nicht streng , gar nicht entsagungsvoll genug sein , und es bedurfte keiner besonderen Überredungskunst , um die beiden Kameraden für seine Auffassung zu gewinnen . Sie waren wohl beide Gymnasiasten gewesen , die wie die anderen ihre weichen Gemüter mit dem Panzer der Skepsis und Kühle umkleidet hatten , um ja nicht für unmännlich zu gelten ; der Krieg hatte ihn gesprengt ; die Tore ihrer Seelen standen weit offen allem , was rein und groß war . Konrad hätte sie in Erinnerung an seine eigenen siebzehn Jahre beneiden können , wenn die Erkenntnis ihres Wesens , von dem die Zeit alles abspülte , was ihm an Alltag schon angehaftet hatte , ihn nicht mit so stolzer Zukunftszuversicht erfüllt hätte . » Alle , die sich einer großen Sache opferten , « sagte er einmal zu ihnen , » haben sich vorher kasteit , um jener Entsagung willen , die das ganze Ich auf einen einzigen Punkt konzentriert : die heilige Tat . « Und von da an erinnerten sie einander , wenn der Unmut sie wieder zu übermannen drohte , scherzend an die Pflicht der Kasteiung . Weniger leicht war es , sie von der praktischen Notwendigkeit vieler untergeordneten Maßnahmen und Übungen zu überzeugen . Er stieß auf stets erneuten Widerspruch , wenn er erklärte , daß ohne einen Drill bis ins kleinste , der jeden unbedeutenden Handgriff so lange einübt und in alle übrigen einordnet , bis er zu einem völlig mechanischen wird , ohne eine pedantische Ordnung , die jedem Dinge den unverrückbar gleichen Platz anweist , so daß keine Sekunde Zeit unnütz verloren geht , ohne eine eiserne Disziplinierung , die sich auf jede einzelne Handlung , ja auf jede Körperbewegung erstreckt , ohne einen Gehorsam , der dadurch geübt wird , daß er die persönliche Neigung in scheinbar nebensächlichen Dingen bändigt , ein Heer niemals zum unbedingt zuverlässigen Werkzeug in der Hand des Feldherrn zu werden vermöchte . » Das mag früher richtig gewesen sein , « warf Hans Gerwald ein , dessen Schulwissen kein bloßes Gepäckstück war , das er mitschleppte , sondern sich in ihm zu etwas Lebendigem geformt hatte , » wo die Armeen klein und übersichtlich gewesen sind , jetzt , wo Millionen im Felde stehen , kann der einzelne nicht nur ein Werkzeug , sondern muß ein denkender Kopf , ein lebendiger Wille sein . « » Ganz gewiß ! « antwortete Konrad , » aber es war eben einer der größten Trugschlüsse der Vergangenheit , daß die Freiheit im Äußeren Freiheit im Inneren bedeutet . Erst die Mechanisierung des Daseins im Nebensächlichen , die unbedingte Herrschaft über alles Technische , befreit die Kräfte der Seele von allen Bindungen , sichert die Unerschütterlichkeit des Muts , der Ausdauer , der Siegeszuversicht . « Allmählich überzeugten sich die beiden jungen Soldaten von der Richtigkeit seiner Auffassung , aber weniger infolge seiner Überredungskunst - denn so leicht es auch war , ihr Gefühl zu entflammen , so schwer war es andererseits , ihrem kritischen Verstand eine andere Richtung zu geben - , als infolge der Einsicht , die ihnen die Ereignisse der Nähe und der Ferne vermittelten . So klein der Kreis ihres Gesichtsfeldes war - er reichte zunächst über den Kasernenhof und den Exerzierplatz nicht hinaus und erweiterte sich nach und nach auf die in ein Feldlager verwandelte Stadt - so deutlich erkannten sie doch die ungeheure Maschinerie des Krieges , in der das winzigste Rädchen seinen Platz und seine Funktion hatte und für das Ganze so unentbehrlich war wie der Motor selbst . Und sie wurden alle drei - mit vollem Bewußtsein aus vertiefter Überzeugung - zu einem Zahn solch eines winzigen Rädchens und fühlten , wie Kraft und Wille dabei